Papa Hamlet
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Arno Holz and Johannes Schlaf >> Papa Hamlet
Keine Hummern bei Hiddersen mehr, keine gypter mehr, keine "Mieze"
mehr! Das letzte schmerzte den armen, kleinen Ole natrlich am
meisten. Aber man konnte es der Kleinen wirklich unmglich verdenken.
Von aufgeweichten Brotkrusten lie sich nicht satt werden.
Der alten, lieben, guten Frau Wachtel aber war damit ein sehr groer
Stein vom Herzen gefallen. Sie hatte nmlich die niedliche kleine
Mieze einmal dabei ertappt, als sie dem abscheulichen Ole grade
Modell stand, und da sie hierfr wirklich auch nicht das mindeste
Verstndnis besa, ein gewisses, kleines Vorurteil gegen sie gefat.
Ihr gutes Herz zu bettigen hatte sie in letzter Zeit leider nur zu
wenig Gelegenheit gehabt. Am unzufriedensten aber war sie jedenfalls
mit den dummen Thienwiebels. Was bei der alten Schlamperei dort
schlielich rauskommen mute, konnte man sich ja an den Fingern
abzhlen.
Der alte, alberne Kerl flzte sich den ganzen Tag auf dem Sofa
rum und trieb Faxen, das faule, schwindschtige Frauenzimmer hatte
nicht einmal Zeit, seinem Schreisack das bichen blaue Milch zu
geben, zu fressen hatten sie alle drei nichts, und die Miete--ach,
du lieber Gott! Wenn man nicht wenigstens noch die paar Sparkreeten
gehabt htte...
--Ja! Es war Wermut! Sein Verstand war krank! Es fehlte ihm
an Befrderung! Im Scho des Glckes? Oh, sehr war! Sie ist eine
Metze! Was gibt es Neues? Als Roscius noch ein Schauspieler in Rom
war...Geharnischt, sagt Ihr? Sehr glaublich!--Ein Mann, der St'
und Gaben mit gleichem Dank genommen, der zur Pfeife nicht Fortunen
diente, den Ton zu spielen, den ihr Finger griff, den Bettler, wie
er...Nichts mehr davon!! Sprich weiter, komm auf Hekuba!
In der Tat, es lie sich nicht mehr leugnen: er war jetzt wirklich
zu bedauern, der groe Thienwiebel!
Oh, welch ein Schurk' und niedrer Sklav' er war!! War's nicht
erstaunlich? War's zu glauben? War's mglich? War's nur durch
Angewohnheit, die den Schein gefll'ger Sitten berrostet, war's
berma in seines Blutes Mischung: kurz und gut, aber er kam jetzt
immer wieder auf sie zurck: auf nichts, auf Hekuba!
Wozu sollten Gesellen wie er zwischen Himmel und Erde herumkriechen?
Dem Staub gepaart, dem er verwandt, so rings umstrickt mit
Bbereien...nicht doch, mein Frst!! Die Mausefalle? Und wie das?
Metaphorisch! Ich bitte, spotte meiner nicht, mein Schulfreund; Du
kamst gewi zu meiner Mutter Hochzeit!
Armer Yorick! Denn wenn die Sonne Maden aus einem toten Hunde
ausbrtet, eine Gottheit, die Aas kt...Armer Yorick!
Sein Wahnsinn war des armen Hamlet Feind.--
Amalie, die endlich ihre Drohung wahrgemacht und in der Tat seit
einiger Zeit etwas zu tun angefangen hatte, was sie Trikottaillen
nhen nannte, lie alles getrost ber sich ergehen. Es hatte ja
keinen Zweck! Es war ja alles egal! So oder so.
Der gute, kleine Ole Nissen war unendlich zarter besaitet. Da
Frau Wachtel so freundlich gewesen war und ihm nach so vielen
andern geliebten Gegenstnden krzlich auch noch seine schnen
leberwurstfarbenen Pantalons ins Leihhaus getragen hatte, war er
jetzt dazu verdammt, die ganzen Tage ber in seinem Bett zu liegen
und durch die dnnen Bretterwnde durch die ganze Wirtschaft mit
anzuhren.
"Ha! Bberei! Auf, lat die Tren schlieen! Verrat! Sucht, wo er
steckt! Du betest schlecht! Ich bitt dich! La die Hand von meiner
Gurgel! Kennst du diese Mcke?!"
Armer, kleiner Ole! War es Angst oder nur Langeweile? Aber der
Schwei brach ihm oft tropfenweis durch die Stirn.
Der groe Thienwiebel schien es ordentlich auf ihn abgesehn zu haben!
Alle Nachmittag Punkt fnf Uhr versumte er es jetzt nie, sogar
seine "Bude" zu inspizieren. Diese war freilich noch erbrmlicher
als seine eigene, aber sie besa dafr den Vorzug, da man aus ihrem
Fenster bequem unten auf das breite, platte, geteerte Nachbardach
klettern konnte, von dem man dann eine erfreuliche Aussicht auf die
verschwiegenen Brandmauern mehrerer Hinterhuser geno. Ein kleines
anspruchsloses Pflaumenbumchen, dessen verkrppelte stchen von
Raupen und Spatzen nur so wimmelten, vervollstndigte das Idyll.
Der arme kleine Ole sprte die verhngnisvolle Zeit schon immer
eine ganze Weile vorher in seinen Knochen. Der groe Thienwiebel
beliebte es dann nmlich immer, gewisse Unterhaltungen mit ihm
anzuknpfen, die so geistvoll, ideentief und farbenreich waren,
da dem kleinen Ole, den seine ewigen Brotkrusten schon ohnehin
arg mitgenommen hatten, nur so der Kopf danach brummte.
"Ich will hier im Saale auf und ab gehn, wenn es Seiner Majestt
gefllt; es wird jetzt bei mir die Stunde, frische Luft zu schpfen.
Lat die Rapiere bringen."
Die "Rapiere" waren zwei Leiterstcken, die man zusammenlegen und
von drauen her in das Fensterkreuz einhaken konnte.
Wenn sie "gebracht" worden waren, endete die Geschichte natrlich
stets damit, da man sie auch richtig einhakte und an ihnen
hinabkletterte.
"Hic et ubique! ndern wir die Stelle!"
Dann war man in "Helsingr" und promenierte auf der "Terrasse". Der
groe Thienwiebel in Fez und Schlafrock, der kleine Ole in Havelock
und Unterpantalons.
Ich will die Lieb' Euch lohnen, lebt denn wohl, Horatio! Auf der
Terrasse zwischen elf und zwlf besuch ich Euch ... Nicht wahr?
Ihre...seid ein--Fischhndler?!"
Scham, wo war dein Errten!
Der arme, kleine Ole wute zuletzt selbst nicht mehr: war eigentlich
er verrckt, oder Nielchen.
Aber er htte sich nicht so zu hrmen brauchen. Der groe Thienwiebel
wute nur zu gut, was er tat. Er war nur "toll aus Methode". Er
war nur toll bei Nordnordwest; wenn der Wind sdlich war, konnte
er sehr wohl einen Kirchturm von einem Leuchtenpfahl unterscheiden.
Die ewige Aktsteherei unten in der alten, dummen Akademie war ihm
eben nachgerade langweilig geworden, und da er der alten, lieben,
guten Frau Wachtel doch unmglich zutrauen durfte, da sie ihn noch
lnger gratis beherbergte, wenn er sich jetzt die "Quelle kstlicher
Dukaten" so sans facon wieder zustopfte, war er eben eines schnen
Tages auf die groartige Idee verfallen, sich hier in dieser herben
Welt voll Mh' nach und nach fr wirklich bergeschnappt auszugeben.
"Ha! Heisa Junge! Komm, Vgelchen! Komm! Ich Mu nach England; wit
Ihr's? Himmel und Erde! Es ist nur eine Torheit, aber es ist eine
Art von schlimmer Vorbedeutung, die vielleicht ein Weib ngstigen
wrde.
Was? Eine Ratte? Die Spitze auch vergiftet! Nein! Nein, schne
Dame! Nicht nur mein dstrer Mantel, gute Mutter, noch die gewohnte
Tracht von ernstem Schwarz, noch strmisches Geseufz beklemmten
Odems: nein: auch die Schmeichelsalb'! Ich hab's geschworen!
Weglschen von der Tafel der Erinnerung will ich all jene trichten
Geschichten! Nie beuge sich dieses Knies gelenke Angel, wo Kriecherei
Gewinnn bringt! Ich trotze allen Vorbedeutungen: es waltet eine
besondere Vorsehung ber dem Fall des Sperlings. In Bereitschaft
sein ist alles. Wetter! Dankt ihr, da ich leichter zu spielen
bin als ein Flte? Nennt mich, was fr ein Instrument ihr wollt!
Ihr knnt mich zwar verstimmen, aber nicht auf mir spielen..."
Ha! Was? Ein knigliches Bubenstck!
Dem kleinen Fortinbras schien dieses knigliche Bubenstck am
wenigsten zu imponieren. Ja, aus gewissen Anzeichen glaubte sein
groer Papa manchmal sogar schlieen zu drfen, da er noch nicht
einmal recht Notiz von ihm genommen hatte.
Am aufflligsten zeigte sich dies aber regelmig dann, wenn es
sich um die "ersten Elemente der Gesangskunst" handelte. Denn der
"arme Yorick" war durchaus nicht gewillt, seinem schrecklichem
Wahnsinn zuliebe auch die seltnen Talente seines zu so groen
Hoffnungen berechtigenden Shnchens verkmmern zu lassen.
Es war ausgemacht! Es war ausgemacht, o reizende Ophelia! Ja!
Sagen wir Ophelia! Teufel! Warum sollten wir nicht Ophelia sagen?
Kurz und gut: es war ausgemacht. Es sollte ihn und seine Sache den
Unbefriedigten erklren...Den Unbefriedigten!...
Sobald er daher nur irgendwie merkte, da der kleine Ole nebenan
wieder einmal eingeschlafen und die gute Frau Wachtel wieder mal
ausgegangen war und so "die beiden, denen er wie Nattern traute,"
eine Zeitlang wieder "unschdlich" gemacht waren, ging der Tanz
los.
Seines Kummers "Kleid und Zier" war dann pltzlich wie abgefallen
von dem groen Thienwiebel.
Seine "Einbildungen, schwarz wie Schmiedezeug Vulkans", hatten den
armen Yorick verlassen, er war wieder "zahmer Herr!"
"Hhrt doch! Ich bin wieder zahm, Herr! Sprecht! Ich bin wieder
zahm!"
Aber der kleine, verstockte Fortinbras wollte nicht. Er hatte sich
wieder nur in Ermangelung eines Gummipfropfens, dem ihm die reizende
Ophelia verbummelt hatte, seinen groen Zeh in den Mund gestopft
und sog nun, da es ihm aus dem kleinen, mattrosa Mundwinkelchen
nur so tropfte. Die ersten Elemente der Gesangskunst lieen ihn
heute augenscheinlich noch klter als sonst.
Emprt hatte sich jetzt der groe Thienwiebel wieder in die Hhe
gerckt. Die beiden roten Troddeln hinten an seinem Schlafrock
zuzubinden hatte er natrlich wieder vegesssen.
"Amalie! Ich bemerke soeben zu meinem grten Erstaunen, Fortinbras
ist strrisch!"
Amalie, die jetzt ihre kleine, mollige Fubank der Trikottaillien
wegen zu ihrem groen Leidwesen vom Ofen ans Fenster hatte verlegen
mssen, war gerade dabei, sich ihre erste Nadel fr heute einzufdeln.
Sie hatte wieder so lange inhalieren mssen...
"Strrisch?"
"Wie ich dir sage, Amalie! Strrisch!"
"Ach, nich doch!"
"Amalie? Ich sage dir noch einmal- strrisch! Fortinbras ist
strrisch. Str-risch!!"
"Ach, red doch nich! Wie soll er denn strrisch sein!"
"Amalie?!"
Amalie sah sich nicht einmal um. Sie zuckte kaum mit den Achseln.
"So! So! Also glaubst du mir nicht mehr, wenn ich dir etwas sage!
Du mitraust mir! In der Tat! In der Tat! Ich htte mir das denken
knnen! Sag's doch lieber gleich! Wozu die Umstnde! Du bedauerst,
da ich mich nicht noch schneller aufreibe!"
Amalie nieste. Sie wollte ihren Schnupfen gar nicht mehr loswerden.
Mitten im Sommer.
"Natrlich! Wie sollte man auch nicht! Man vertreibt sich die
Zeit mit--Niesen! Man trinkt Kaffee und vertreibt sich die Zeit
mit--Niesen! In der Tat! In der Tat! Andre Leute mgen unterdes
zusehn, wie sie fertig werden!...Aber, ich werde es dir beweisen,
Amalie! Hrst du? Ich werde es dir beweisen, da Fortinbras strrisch
ist!--Du! Sag a...a...Nun? Wird's bald?...Na?...A!...Du Schlingel!
A!...A!!...Ha! Siehst du?! Wie ich dir sagte, wie ich dir sagte,
Amalie! Der Lmmel brllt, als wenn ihm der Kopf abgeschnitten
wird! Er ist strrisch! Habe ich recht gehabt?!--Willst du still
sein, du Zebra?! Gleich bist du still!"
Jetzt endlich war Amalie an ihrem Fenster pltzlich etwas aufmerksamer
geworden.
"Du willst ihn doch nicht etwa--schlagen?"
"Gewi will ich das, Amalie! Ein Kind darf nicht eigenwillig sein!
Ein Kind bedarf der Erziehung, Amalie! Eine leichte Zchtigung..."
"Niels!?"
"Ach was! Aus dem Weg! Aus dem Weg, sage ich! ... Da, du in-famer
Schlingel! Da, du in...Amaaalie!"
"Gewi, du alter Esel! Du glaubst wohl, du kannst hier am Ende tun,
was du Lust hast? Du gehrst ja in die Verrcktenanstalt! Wie kann
man denn 'n Kind von 'nem halben Jahr so maltrtieren?! Wie kann
man es schlagen !"
"Amaaalie!!"
War's mglich?! War es zu glauben?! War das seine Backe?!
"Amaaalie!!!..."
V
"Wirtschaft, Horatio! Wirtschaft! Das Gebackne vom Leichenschmaus
gab kalte Hochzeitsschsseln. E--doch, um auf der ebenen Heerstrae
der Freundschaft zu bleiben: was macht Ihr auf Helsingr?"
Der groe Thienwiebel hatte wieder gut auf der ebenen Heerstrae
der Freundschaft zu bleiben; was sollte der kleine Ole gro machen
auf Helsingr? Was er nun schon seit Wochen machte: Firmenschilder
pinseln! Das rentierte sich. nmlich famos, weit du!
Abel Grndal: Materialwarenhandlung, auch Heringe-Lars Brodersen:
Canariensieen und Hanfsamen--Jacob Lorrensen: Alle Sorten Rauch-,
Schnupf- und Kautabak-etc. pp. H? Was? Noble Putthhner!!
Die schnen Leberwurstfarbenen waren wieder zu Ehren gekommen, die
prachtvollen gypter wurden wieder nur so pfundweis verpafft, die
verteufelte kleine Mieze lie die arme, liebe, alte, gute Frau
Wachtel kaum mehr vom Schlsselloch wegkommen.
Es war aber auch wirklich schrecklich, was es jetzt alles dort
drinnen zu sehn gab. Die vielen weien Salbentpfe, in die die
Farben nur so wie Butter reingequetscht waren, die merkwrdig groen
Maurerpinsel, die der geschftige' kleine Ole kaum zu dirigieren
vermochte, die schnen, dicken, mannslangen Bretter, auf denen man
jetzt die wunderbarsten Sachen zu lesen bekam, und vor allen Dingen
auch jener groe, geheimnisvolle, grne Wandschirm dicht neben dem
Ofen, hinter dem sich immer die schndliche, kleine Mieze versteckt
hielt, das alles interessierte die alte, liebe, gute Frau Wachtel
auf das lebhafteste. Noch nie hatte sie sich mit ihrer Stellung
als Zimmervermieterin so zufrieden gefhlt. Die drckendsten alten
Rckstnde waren wieder ausgeglichen, fr die dsigen Thienwiebels
brauchte ihr jetzt auch nicht mehr so bange zu sein, ja, ja! Der
liebe Herrgott!
Die reizende Ophelia war wieder in ihren alten Stumpfsinn
zurckverfallen. Sie bereute ihre Untat aufs tiefste. Das einzige,
was ihr so schlielich noch vom Leben briggeblieben war, war ihr
Salbeitopf.
Ihr groer Gatte verachtete sie nur noch...Geschrieben--e...hatte
man ihm zwar unterdessen bereits, aber--e...wie kam's da sie
umherstreiften? Ein fester Aufenthalt war vorteilhafter fr ihren
Ruf als ihre Einnahme! Kurz und gut, es war eben nur eine umherziehende
Truppe gewesen, und der groe Thienwiebel hatte sich zu degradieren
gefrchtet. Solange noch der kleine Ole da nebenan da war...kurz
und gut: er tat, was Ihm Beruf und Neigung hie! Denn...e...jeder
Mensch hat Neigung und Beruf!
Am schlimmsten erging es jedoch entschieden dem kleinen Fortinbras.
Seine Zhnchen hatten ihm seinen schnen Gummipfropfen ganz verleidet.
Er hatte an nichts mehr Freude; nicht einmal am Schreien mehr.
Er war ein vollendeter Pessimist geworden. An seinem knftigen
Beruf, seinen groen Vater den Unbefriedigten zu erklren, schien
ihm nur noch. wenig zu liegen. Sein kleines Zngchen war dick
belegt, seine Hndchen sahen wei wie Kuchenteig aus, er schlief
jetzt oft ganze Tage lang.
Nur heute abend war er auffallend munter.
Die beiden hellen Lampen auf dem Tische, die vielen Leute, der Skandal,
der merkwrdig groe Zuckerkringel, den man ihm so unerwartet in
die Hand gesteckt hatte: er begriff das alles nicht. Nu blo noch'n
bichen Streupulver!
Die Damen hatten auf dem Sofa Platz genommen, die kleine Mieze, die
sich zu den Mannsleuten rechnete, sa dem kleinen Ole vis-a-vis,
der groe Thienwiebel prsidierte. Die groartige Gans mitten auf
dem Tisch in deren knusprigen Prachtrcken er eben energisch seine
blitzende Bratengabel gestoen hatte, roch durch das ganze kleine
Zimmer. Die beiden Lampen rechts und links brannten durch ihren Dampf
wie durch einen Nebel. Frau Wachtel, die sich in ihrer Sofaecke
wie auf einem Prsentierteller vorkam, atmete schwer. Sie hatte
heute ihr "Seidnes". an.
"Willkommen, all ihr Herrn! Wir wollen frisch daran, wie franzsische
Falkoniere, auf alles losfliegen, was uns vorkommt! Beim Himmel!
Den mach ich zum Gespenst, der mich zurckhlt!...Ha! Seid Ihr
tugendhaft, schne Dame?"
"Thienwiebelchen?"
Der kleine Ole , der sich eben ber seinen pompsen Flgel hergemacht
hatte, blinzelte vor Entzcken. Die kleine Mieze war heute mal
wieder ordentlich zum Anknabbern!
"Thienwiebelchen?!"
Das reizende Grbchen in ihrem rosa Fingerchen kam jetzt so recht
zur Geltung.
"Thienwiebelchen? Es gibt was!"
Aber der groe Thienwiebel, der sich jetzt auch die Serviette unter
sein blaues Doppelkinn gestopft hatte, fhlte sich wieder durchaus
auf der Hhe der Situation.
"Meint Ihr, ich htte erbauliche Dinge im Sinn? Ein schner Gedanke,
zwischen den..."
"Nielchen!!"
Der kleine Ole hat es fr die hchste Zeit gehalten.
Er hatte sich jetzt auch seinen prachtvollen Porter eingeschenkt
und schwenkte ihn nun fidel gegen die neue Lampe.
"Putthuhn Nro. 25!"
Sein schnes Jubilum sollte nicht so ohne weiteres zu Wasser
werden.
"Putthuhn Nro. 25!"
Die kleine Mieze war jetzt ganz rot vor Vergngen. Die beiden kleinen,
silbernen Ringe in ihren Ohrlppchen blitzten, ihr Stumpfnschen
sah wie aus Marzipan aus.
"Bravo, Dickchen! Es soll leben! Putthuhn Nro. 25!" Sie hatte
ausgelassen mit ihm angestoen.
Frau Wachtel rusperte sich jetzt. Ihr Seidnes hatte sich eben
etwas geklemmt.
"Etwas--etwas Soe gefllig, Frau Thienwiebel?"
Amalie nickte. Ihr Teller schwamm zwar schon, aber: es war ja alles
egal. So oder so.
Ihr groer Gatte drben suchte eben wieder einzulenken.
"Nun, nun, schne Dame! Denn--e--wenn die Sonne Maden aus einem
toten Hund ausbrtet, eine Gottheit, die ... Ha! Wilde Hlle! Wer
ist, des Gram so voll Emphase tnt?!"
Es war der kleine Fortinbras. Sein Zuckerkringel, war ihm eben ber
den Korbrand weg auf die Stuhlkante gefallen, dort entzweigeschlagen
und lag nun in kleine Stcke zerbrckelt unten auf den schmutzigen
Dielen.
Ha, mrdrischer, blutschndrischer, verruchter Dne! Trink diesen
Trank aus! Ich will den Wanst ins nchste Zimmer schleppen!"
Aber die besorgte kleine Mieze hatte ihre Gabel schon schnell wieder
auf ihren Teller klappen lassen.
"Ach! Nicht doch, Thienwiebelchen! Nicht doch!"
Sie war aufgesprungen und bckte sich jetzt zierlich ber den
plumpen Korbrand.
"0 mein Zuckerpppchen! Mein Schatz! So ein niedliches kleines
Kerlchen! Nicht wahr, du willst auch was haben? Ach, mein Liebchen!!"
Sie hatte sich jetzt den kleinen Fortinbras auf den Schogesetzt
und kte ihn nur so.
"Auch was haben, Dickerchen?" Ku!--"Auch was haben, Dickerchen?"
Ku! Ku, Ku, Ku, Ku!!
Der kleine Fortinbras juchzte. Er hatte noch nie so etwas erlebt.
Er zappelte jetzt, da es nur so eine Art hatte. Er lachte aus
vollem Halse! "Grrr...grrr...grrr...h! Grrr...h!"
Der groe Thienwiebel sa da. Die Weste unten aufgeknpft, die
Augenbrauen tragisch in die Hhe gezogen.
"Wie keck der--e--Bursch ist!...Wahrhaftig, Horatio! Ich habe
seit diesen drei Jahren darauf geachtet. Das Zeitalter wird so
spitzfindig, da der Bauer dem Hofmann auf die Fersen tritt!"
Aber der kleine Ole beachtete ihn kaum. Die kleine Mieze war ihm
jetzt weit interessanter. Sie sah jetzt ordentlich wie eine kleine
Hausmutter aus.
"Na, Dickerchen?"
Auch Frau Wachtel machte jetzt groe Augen. Amalie pappte.
"Ja, mein Junge! Sie essen alle, und mein Dickerchen soll gar nichts
haben! Wie?--Aber das lt er sich nicht gefallen! Wie?--Ach,
bitte, Frau Thienwiebel! Reichen Sie mir doch das bichen Biskuit
da von der Kommode her. Auch die Milch, bitte!"
Frau Thienwiebel erhob sich schwerfllig und brachte das Verlangte.
Die kleine Mieze hatte den Biskuit jetzt auf geweicht und fing
nun an, den kleinen Fortinbras damit zu fttern. Von ihrem Teller,
auf dem neben den drei gebratenen pfeln nur noch ein paar kleine
fettriefende Hautstckchen lagen, naschte sie kaum.
Der kleine Fortinbras sthnte vor Behagen.
"He? Willst du noch mehr, Dickerchen? Noch mehr?"
Der kleine Ole hatte sich jetzt neugierig ber den Tischrand gebogen.
Sein Schnurrbrtchen duftete nach chinesischer Tusche.
"Nein! Nein! Nu sieh doch blo, Dickerchen! Wie es dem Balg
schmeckt!--Was?! Noch mehr?!--No! No! Nur nicht gleich schreien!--So!"
Frau Wachtel war jetzt ordentlich bis zu Trnen gerhrt. Und wenn
sie bis zu Trnen gerhrt war, verga sie es auch nie, von ihrer
verstorbenen Pflegetochter zu erzhlen. Und das kam ziemlich oft
vor.
"Ja, sehn Sie! Sie war ein Engel, Frau Thienwiebel! Ein Engel!"
Frau Thienwiebel kaute.
Frau Wachtel beschrieb jetzt ausfhrlich die Krankheit des Engels,
und wie er dann gestorben war. Er hatte Malchen geheien und war
dabei so himmlisch geduldig gewesen.
"Ja, sehn Sie, Herr Nissen! Sie war mein Einz'ges! Sie trstete
mich noch, als schon der Tod kam. Sie war ein Engel!"
Sie hatte sich jetzt auch auf ihr Taschentuch besonnen und drckte
es sich nun abwechselnd in die Augen.
"Ach, wein doch nicht, Mutterchen! Wein doch nicht! Nun komm ich
ja zum lieben Gott!"
Sie weinte jetzt, da ihr die Trnen nur so auf ihr Seidnes kullerten!
Der kleine Ole war bereits eine ganze Zeit lang verlegen auf seinem
Stuhl hin und her gerutscht. Er hatte es unten auf das kleine,
niedliche Fchen unterm Tisch abgesehn gehabt und war dabei eben
auf die alten, phlegmatischen Filzpantoffeln der reizenden Ophelia
gestoen.
Er war ordentlich rot darber geworden.
"Ja! Sehn Sie! Sie war mein Einziges!"
Der kleine Fortinbras plantschte vor Wonne.
"Grrr...grrr...grrr..."
Dieses freundliche, frische Gesicht mit den hellen Augen und
den blonden Lckchen ber ihm--er kam gar nicht mehr raus aus dem
Lachen! Sogar sein Streupulver hatte er vergessen!
"Grrr...grrr...grrr...Aeh!"
Seine Hndchen hatten jetzt in die Hhe gegrapscht, die kleine
Mieze lie von ihm ihre Stirnlckchen zausen.
"Nein, Dickchen! Nu sieh doch blo! Nu sieh doch blo!"
Der kleine Ole schneuzte sich. Er war wie mit Blut bergossen.
"Ja! Das glaub ich! Das hast du wohl noch nicht so gut gehabt,
Dickerchen! Wie?"
Jetzt hatte sich endlich auch Frau Wachtel ber ihn gebckt. Ihr
Taschentuch lag wieder sauber ausgefltelt auf ihrem Scho, sie
kitzelte ihn wohlwollend unterm Kinn.
"Ach, mein Putteken! Ach, mein Museken! Hab'n se dir so lange
hungern lassen!"
Ihre Stimme zitterte, sie sah noch ganz verweint aus.
Amalie tunkte gerade ihre Soe auf.
Der groe Thienwiebel aber hatte sich nunmehr rcklings in seinen
Stuhl zurckgelehnt und starrte jetzt, die Hnde in den Hosentaschen,
erhaben oben in die beiden gelben Lichtkleckse, die die Lampen
zitternd an die Decke malten.
Denn, was ein armer Mann wie Hamlet ist... Nichts mehr davon!
Der Rest war Schweigen ...
Endlich war alles wieder abgerumt. Frau Wachtel, die nicht Skat
spielte, hatte sich mit ihrem Seidnen, ihrem Taschentuch und ihrer
zweiten Lampe wieder hinten in ihre Kche zurckgerettet, Amalie
kauerte wieder auf ihrem Fubnkchen neben dem Ofen. Sie hatte sich
noch nachtrglich eine kleine Bratenschmalzstulle geschmiert.
Es war ziemlich kalt im Zimmer. Das Feuer war ausgegangen, und
man hatte nichts mehr nachzulegen. Der groe Thienwiebel, dessen
Schlafrock mit der Zeit aufgehrt hatte, skatfhig zu sein, hatte
sich statt dessen in die rote Bettdecke eingewickelt.
"Die Luft geht scharf; es ist entsetzlich kalt! Tourner, Horatio!"
"Passez, Nielchen!"
"Dito, Tienchen!"
"Was denn, Schfchen?"
"Na, wird's bald?"
"Ah so!--Da, Schfchen!"
"Na, endlich!"
Sie hatte die Zigarette, die ihr der kleine, eifrige Ole gereicht
hatte, mit spitzen Fingern angefat und zog jetzt ein Gesicht, als
ob ihr der Rauch lstig g wre. Sie wute, da ihr das lie! Es
hatte auch sofort den Erfolg, da ihr Dickchen einen Ku mauste.
"Nein doch! So eine Unverschmtheit!"
Sie hatte ihn unterm Tisch mit dem Knie gestoen.
"Pique As! Nicht wahr, Wiebelchen?"
"Sehr wohl, schne Dame! Sehr wohl! Vortrefflich, meiner Treu! Was
wre da zu frchten? Ich--e selbst bin--e--hm!--leidlich tugendhaft."
Der kleine Fortinbras war jetzt vollstndig vergessen. "Voll Speis'
und Trank in seiner Snden Maienblte" lag er jetzt wieder "sicher
beigepackt" hinten in seiner dunklen Korbecke und starrte nun
trbselig drben in den Zigarrenqualm, der in dicken Schichten um
die grne Glocke wogte. Seit seiner Geburt war er nicht bermig
oft aus seinem Winkel hervorgeholt worden. Das unerwartete Glck
heute hatte ihn ganz sehnschtig nach dem Lichte dort gemacht. Der
Scho, der Zuckerkringel, die Lckchen...er hatte wieder zu quken
angefangen.
Amalie rhrte sich nicht. Der Bengel wollte blo immer genommen
sein. Sie hatte schon an einmal genug.
"Coeur Trumpf, Nielchen!"
"Ihr sagtet?"
"lch sagte: CoeurTrumpf, Nielchen! Coeur Trumpf!"
"Ha, blut'ger kupplerischer Bube! Unmglich, bei diesem verwnschten
Geschrei ein Wort zu verstehn! Wenn du nicht gleich still bist, du
infames Balg, dann schlag ich dich blitzblau wie eine Heidelbeere!"
"Nicht doch! Das kneift ja, Ole! Au!"
"Ach was, Schfchen! La doch!"
Das Sofa hatte in diesem Augenblick genug mit sich selbst zu tun.
Amalie, die auf ihrer kleinen Fubank schon wieder halb eingenickt
war, blinzelte kaum. Der groe Thienwiebel war vor einer zweiten
Ohrfeige sicher.
Er hatte sich jetzt in seiner roten Bettdecke ergrimmt vor den Korb
gestellt und brllte nun wtend auf das arme, kleine Bndelchen
ein.
"Willst du still sein, du--Lausbub!?"
Aber der "Lausbub" war's nicht. Er wollte auch mal va banque spielen.
Er schrie jetzt, als wenn er seine kleinen Lungen auseinandersprengen
wollte.
"Aber...Das ist doch wirklich unerhrt!...Na, warte! Du...Du--Lindwurm,
du! Warte!"
Er prgelte ihn jetzt, da es nur so klitschte. Als aber auch das
nichts half, ri er das Kopfkissen unter ihm vor und prete es
ihm auf das Gesicht. Der kleine Fortinbras war jetzt auf einen
Augenblick vollstndig verstummt. Sein Geschrei war wie abgeschnitten.