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Jenseits von Gut und Bose

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Friedrich Nietzsche

Jenseits von Gut und Böse




Inhalt

Vorrede
1. Hauptstück: Von den Vorurtheilen der Philosophen.
2. Hauptstück: Der freie Geist.
3. Hauptstück: Das religiöse Wesen.
4. Hauptstück: Sprüche und Zwischenspiele.
5. Hauptstück: Zur Naturgeschichte der Moral.
6. Hauptstück: Wir Gelehrten.
7. Hauptstück: Unsere Tugenden.
8. Hauptstück: Völker und Vaterländer.
9. Hauptstück: Was ist vornehm?
Aus hohen Bergen. Nachgesang.




Jenseits von Gut und Böse

Vorspiel einer Philosophie der Zukunft.




Vorrede.

Vorausgesetzt, dass die Wahrheit ein Weib ist -, wie? ist der Verdacht
nicht gegründet, dass alle Philosophen, sofern sie Dogmatiker waren,
sich schlecht auf Weiber verstanden? dass der schauerliche Ernst,
die linkische Zudringlichkeit, mit der sie bisher auf die Wahrheit
zuzugehen pflegten, ungeschickte und unschickliche Mittel waren, um
gerade ein Frauenzimmer für sich einzunehmen? Gewiss ist, dass sie
sich nicht hat einnehmen lassen: - und jede Art Dogmatik steht heute
mit betrübter und muthloser Haltung da. Wenn sie überhaupt noch steht!
Denn es giebt Spötter, welche behaupten, sie sei gefallen, alle
Dogmatik liege zu Boden, mehr noch, alle Dogmatik liege in den letzten
Zügen. Ernstlich geredet, es giebt gute Gründe zu der Hoffnung, dass
alles Dogmatisiren in der Philosophie, so feierlich, so end- und
letztgültig es sich auch gebärdet hat, doch nur eine edle Kinderei
und Anfängerei gewesen sein möge; und die Zeit ist vielleicht sehr
nahe, wo man wieder und wieder begreifen wird, was eigentlich
schon ausgereicht hat, um den Grundstein zu solchen erhabenen und
unbedingten Philosophen-Bauwerken abzugeben, welche die Dogmatiker
bisher aufbauten, - irgend ein Volks-Aberglaube aus unvordenklicher
Zeit (wie der Seelen-Aberglaube, der als Subjekt- und Ich-Aberglaube
auch heute noch nicht aufgehört hat, Unfug zu stiften), irgend ein
Wortspiel vielleicht, eine Verführung von Seiten der Grammatik
her oder eine verwegene Verallgemeinerung von sehr engen, sehr
persönlichen, sehr menschlich-allzumenschlichen Thatsachen. Die
Philosophie der Dogmatiker war hoffentlich nur ein Versprechen über
Jahrtausende hinweg: wie es in noch früherer Zeit die Astrologie war,
für deren Dienst vielleicht mehr Arbeit, Geld, Scharfsinn, Geduld
aufgewendet worden ist, als bisher für irgend eine wirkliche
Wissenschaft: - man verdankt ihr und ihren "überirdischen" Ansprüchen
in Asien und Agypten den grossen Stil der Baukunst. Es scheint, dass
alle grossen Dinge, um der Menschheit sich mit ewigen Forderungen in
das Herz einzuschreiben, erst als ungeheure und furchteinflössende
Fratzen über die Erde hinwandeln müssen: eine solche Fratze war die
dogmatische Philosophie, zum Beispiel die Vedanta-Lehre in Asien, der
Platonismus in Europa. Seien wir nicht undankbar gegen sie, so gewiss
es auch zugestanden werden muss, dass der schlimmste, langwierigste
und gefährlichste aller Irrthümer bisher ein Dogmatiker-Irrthum
gewesen ist, nämlich Plato's Erfindung vom reinen Geiste und vom Guten
an sich. Aber nunmehr, wo er überwunden ist, wo Europa von diesem
Alpdrucke aufathmet und zum Mindesten eines gesunderen - Schlafs
geniessen darf, sind wir, deren Aufgabe das Wachsein selbst ist,
die Erben von all der Kraft, welche der Kampf gegen diesen Irrthum
grossgezüchtet hat. Es hiess allerdings die Wahrheit auf den Kopf
stellen und das Perspektivische, die Grundbedingung alles Lebens,
selber verleugnen, so vom Geiste und vom Guten zu reden, wie Plato
gethan hat; ja man darf, als Arzt, fragen: "woher eine solche
Krankheit am schönsten Gewächse des Alterthums, an Plato? hat ihn doch
der böse Sokrates verdorben? wäre Sokrates doch der Verderber der
Jugend gewesen? und hätte seinen Schlierling verdient?" - Aber der
Kampf gegen Plato, oder, um es verständlicher und für's "Volk"
zu sagen, der Kampf gegen den christlich-kirchlichen Druck von
Jahrtausenden - denn Christenthum ist Platonismus für's "Volk" - hat
in Europa eine prachtvolle Spannung des Geistes geschaffen, wie sie
auf Erden noch nicht da war: mit einem so gespannten Bogen kann man
nunmehr nach den fernsten Zielen schiessen. Freilich, der europäische
Mensch empfindet diese Spannung als Nothstand; und es ist schon zwei
Mal im grossen Stile versucht worden, den Bogen abzuspannen, einmal
durch den Jesuitismus, zum zweiten Mal durch die demokratische
Aufklärung: - als welche mit Hülfe der Pressfreiheit und des
Zeitunglesens es in der That erreichen dürfte, dass der Geist sich
selbst nicht mehr so leicht als "Noth" empfindet! (Die Deutschen haben
das Pulver erfunden - alle Achtung! aber sie haben es wieder quitt
gemacht - sie erfanden die Presse.) Aber wir, die wir weder Jesuiten,
noch Demokraten, noch selbst Deutsche genug sind, wir guten Europäer
und freien, sehr freien Geister - wir haben sie noch, die ganze Noth
des Geistes und die ganze Spannung seines Bogens! Und vielleicht auch
den Pfeil, die Aufgabe, wer weiss? das Ziel.....

Sils-Maria,

Oberengadin im Juni 1885.




Erstes Hauptstück:

Von den Vorurtheilen der Philosophen.

1.

Der Wille zur Wahrheit, der uns noch zu manchem Wagnisse verführen
wird, jene berühmte Wahrhaftigkeit, von der alle Philosophen bisher
mit Ehrerbietung geredet haben: was für Fragen hat dieser Wille
zur Wahrheit uns schon vorgelegt! Welche wunderlichen schlimmen
fragwürdigen Fragen! Das ist bereits eine lange Geschichte, - und
doch scheint es, dass sie kaum eben angefangen hat? Was Wunder, wenn
wir endlich einmal misstrauisch werden, die Geduld verlieren, uns
ungeduldig umdrehn? Dass wir von dieser Sphinx auch unserseits das
Fragen lernen? Wer ist das eigentlich, der uns hier Fragen stellt?
Was in uns will eigentlich "zur Wahrheit"? - In der that, wir machten
langen Halt vor der Frage nach der Ursache dieses Willens, - bis
wir, zuletzt, vor einer noch gründlicheren Frage ganz und gar stehen
blieben. Wir fragten nach dem Werthe dieses Willens. Gesetzt, wir
wollen Wahrheit: warum nicht lieber Unwahrheit? Und Ungewissheit?
Selbst Unwissenheit? - Das Problem vom Werthe der Wahrheit trat vor
uns hin, - oder waren wir's, die vor das Problem hin traten? Wer von
uns ist hier Oedipus? Wer Sphinx? Es ist ein Stelldichein, wie es
scheint, von Fragen und Fragezeichen. - Und sollte man's glauben, dass
es uns schliesslich bedünken will, als sei das Problem noch nie bisher
gestellt, - als sei es von uns zum ersten Male gesehn, in's Auge
gefasst, gewagt? Denn es ist ein Wagnis dabei, und vielleicht giebt es
kein grösseres.


2.

"Wie könnte Etwas aus seinem Gegensatz entstehn? Zum Beispiel die
Wahrheit aus dem Irrthume? Oder der Wille zur Wahrheit aus dem Willen
zur Täuschung? Oder die selbstlose Handlung aus dem Eigennutze? Oder
das reine sonnenhafte Schauen des Weisen aus der Begehrlichkeit?
Solcherlei Entstehung ist unmöglich; wer davon träumt, ein Narr, ja
Schlimmeres; die Dinge höchsten Werthes müssen einen anderen, eigenen
Ursprung haben, - aus dieser vergänglichen verführerischen täuschenden
geringen Welt, aus diesem Wirrsal von Wahn und Begierde sind sie
unableitbar! Vielmehr im Schoosse des Sein's, im Unvergänglichen,
im verborgenen Gotte, im `Ding an sich` - da muss ihr Grund liegen,
und sonst nirgendswo!" - Diese Art zu urtheilen macht das typische
Vorurtheil aus, an dem sich die Metaphysiker aller Zeiten wieder
erkennen lassen; diese Art von Werthschätzungen steht im Hintergrunde
aller ihrer logischen Prozeduren; aus diesem ihrem "Glauben" heraus
bemühn sie sich um ihr "Wissen", um Etwas, das feierlich am Ende als
"die Wahrheit" getauft wird. Der Grundglaube der Metaphysiker ist der
Glaube an die Gegensätze der Werthe. Es ist auch den Vorsichtigsten
unter ihnen nicht eingefallen, hier an der Schwelle bereits zu
zweifeln, wo es doch am nöthigsten war: selbst wenn sie sich gelobt
hatten "de omnibus dubitandum". Man darf nämlich zweifeln, erstens, ob
es Gegensätze überhaupt giebt, und zweitens, ob jene volksthümlichen
Werthschätzungen und Werth-Gegensätze, auf welche die Metaphysiker ihr
Siegel gedrückt haben, nicht vielleicht nur Vordergrunds-Schätzungen
sind, nur vorläufige Perspektiven, vielleicht noch dazu aus einem
Winkel heraus, vielleicht von Unten hinauf, Frosch-Perspektiven
gleichsam, um einen Ausdruck zu borgen, der den Malern geläufig ist?
Bei allem Werthe, der dem Wahren, dem Wahrhaftigen, dem Selbstlosen
zukommen mag: es wäre möglich, dass dem Scheine, dem Willen zur
Täuschung, dem Eigennutz und der Begierde ein für alles Leben höherer
und grundsätzlicherer Werth zugeschrieben werden müsste. Es wäre sogar
noch möglich, dass was den Werth jener guten und verehrten Dinge
ausmacht, gerade darin bestünde, mit jenen schlimmen, scheinbar
entgegengesetzten Dingen auf verfängliche Weise verwandt, verknüpft,
verhäkelt, vielleicht gar wesensgleich zu sein. Vielleicht! - Aber wer
ist Willens, sich um solche gefährliche Vielleichts zu kümmern! Man
muss dazu schon die Ankunft einer neuen Gattung von Philosophen
abwarten, solcher, die irgend welchen anderen umgekehrten Geschmack
und Hang haben als die bisherigen, - Philosophen des gefährlichen
Vielleicht in jedem Verstande. - Und allen Ernstes gesprochen: ich
sehe solche neue Philosophen heraufkommen.


3.

Nachdem ich lange genug den Philosophen zwischen die Zeilen und auf
die Finger gesehn habe, sage ich mir: man muss noch den grössten Theil
des bewussten Denkens unter die Instinkt-Thätigkeiten rechnen, und
sogar im Falle des philosophischen Denkens; man muss hier umlernen,
wie man in Betreff der Vererbung und des "Angeborenen" umgelernt hat.
So wenig der Akt der Geburt in dem ganzen Vor- und Fortgange der
Vererbung in Betracht kommt: ebenso wenig ist "Bewusstsein" in irgend
einem entscheidenden Sinne dem Instinktiven entgegengesetzt, - das
meiste bewusste Denken eines Philosophen ist durch seine Instinkte
heimlich geführt und in bestimmte Bahnen gezwungen. Auch hinter aller
Logik und ihrer anscheinenden Selbstherrlichkeit der Bewegung stehen
Werthschätzungen, deutlicher gesprochen, physiologische Forderungen
zur Erhaltung einer bestimmten Art von Leben. Zum Beispiel, dass das
Bestimmte mehr werth sei als das Unbestimmte, der Schein weniger werth
als die "Wahrheit": dergleichen Schätzungen könnten, bei aller ihrer
regulativen Wichtigkeit für uns, doch nur Vordergrunds-Schätzungen
sein, eine bestimmte Art von niaiserie, wie sie gerade zur Erhaltung
von Wesen, wie wir sind, noth thun mag. Gesetzt nämlich, dass nicht
gerade der Mensch das "Maass der Dinge" ist.....


4.

Die Falschheit eines Urtheils ist uns noch kein Einwand gegen ein
Urtheil; darin klingt unsre neue Sprache vielleicht am fremdesten. Die
Frage ist, wie weit es lebenfördernd, lebenerhaltend, Arterhaltend,
vielleicht gar Art-züchtend ist; und wir sind grundsätzlich geneigt zu
behaupten, dass die falschesten Urtheile (zu denen die synthetischen
Urtheile a priori gehören) uns die unentbehrlichsten sind, dass
ohne ein Geltenlassen der logischen Fiktionen, ohne ein Messen
der Wirklichkeit an der rein erfundenen Welt des Unbedingten,
Sich-selbst-Gleichen, ohne eine beständige Fälschung der Welt durch
die Zahl der Mensch nicht leben könnte, - dass Verzichtleisten auf
falsche Urtheile ein Verzichtleisten auf Leben, eine Verneinung des
Lebens wäre. Die Unwahrheit als Lebensbedingung zugestehn: das heisst
freilich auf eine gefährliche Weise den gewohnten Werthgefühlen
Widerstand leisten; und eine Philosophie, die das wagt, stellt sich
damit allein schon jenseits von Gut und Böse.


5.

Was dazu reizt, auf alle Philosophen halb misstrauisch, halb spöttisch
zu blicken, ist nicht, dass man wieder und wieder dahinter kommt, wie
unschuldig sie sind - wie oft und wie leicht sie sich vergreifen und
verirren, kurz ihre Kinderei und Kindlichkeit - sondern dass es bei
ihnen nicht redlich genug zugeht: während sie allesammt einen grossen
und tugendhaften Lärm machen, sobald das Problem der Wahrhaftigkeit
auch nur von ferne angerührt wird. Sie stellen sich sämmtlich, als
ob sie ihre eigentlichen Meinungen durch die Selbstentwicklung einer
kalten, reinen, göttlich unbekümmerten Dialektik entdeckt und erreicht
hätten (zum Unterschiede von den Mystikern jeden Rangs, die ehrlicher
als sie und tölpelhafter sind - diese reden von "Inspiration" -):
während im Grunde ein vorweggenommener Satz, ein Einfall, eine
"Eingebung", zumeist ein abstrakt gemachter und durchgesiebter
Herzenswunsch von ihnen mit hinterher gesuchten Gründen vertheidigt
wird: - sie sind allesammt Advokaten, welche es nicht heissen wollen,
und zwar zumeist sogar verschmitzte Fürsprecher ihrer Vorurtheile,
die sie "Wahrheiten" taufen - und sehr ferne von der Tapferkeit des
Gewissens, das sich dies, eben dies eingesteht, sehr ferne von dem
guten Geschmack der Tapferkeit, welche dies auch zu verstehen giebt,
sei es um einen Feind oder Freund zu warnen, sei es aus Übermuth und
um ihrer selbst zu spotten. Die ebenso steife als sittsame Tartüfferie
des alten Kant, mit der er uns auf die dialektischen Schleichwege
lockt, welche zu seinem "kategorischen Imperativ" führen, richtiger
verführen - dies Schauspiel macht uns Verwöhnte lächeln, die wir keine
kleine Belustigung darin finden, den feinen Tücken alter Moralisten
und Moralprediger auf die Finger zu sehn. Oder gar jener Hocuspocus
von mathematischer Form, mit der Spinoza seine Philosophie - "die
Liebe zu seiner Weisheit" zuletzt, das Wort richtig und billig
ausgelegt - wie in Erz panzerte und maskirte, um damit von
vornherein den Muth des Angreifenden einzuschüchtern, der auf diese
unüberwindliche Jungfrau und Pallas Athene den Blick zu werfen wagen
würde: - wie viel eigne Schüchternheit und Angreifbarkeit verräth
diese Maskerade eines einsiedlerischen Kranken!


6.

Allmählich hat sich mir herausgestellt, was jede grosse Philosophie
bisher war: nämlich das Selbstbekenntnis ihres Urhebers und eine
Art ungewollter und unvermerkter mémoires; insgleichen, dass die
moralischen (oder unmoralischen) Absichten in jeder Philosophie den
eigentlichen Lebenskeim ausmachten, aus dem jedesmal die ganze Pflanze
gewachsen ist. In der That, man thut gut (und klug), zur Erklärung
davon, wie eigentlich die entlegensten metaphysischen Behauptungen
eines Philosophen zu Stande gekommen sind, sich immer erst zu fragen:
auf welche Moral will es (will er -) hinaus? Ich glaube demgemäss
nicht, dass ein "Trieb zur Erkenntniss" der Vater der Philosophie ist,
sondern dass sich ein andrer Trieb, hier wie sonst, der Erkenntniss
(und der Verkenntniss!) nur wie eines Werkzeugs bedient hat. Wer aber
die Grundtriebe des Menschen darauf hin ansieht, wie weit sie gerade
hier als inspirirende Genien (oder Dämonen und Kobolde -) ihr Spiel
getrieben haben mögen, wird finden, dass sie Alle schon einmal
Philosophie getrieben haben, - und dass jeder Einzelne von ihnen
gerade sich gar zu gerne als letzten Zweck des Daseins und als
berechtigten Herrn aller übrigen Triebe darstellen möchte. Denn
jeder Trieb ist herrschsüchtig: und als solcher versucht er zu
philosophiren. - Freilich: bei den Gelehrten, den eigentlich
wissenschaftlichen Menschen, mag es anders stehn - "besser", wenn man
will -, da mag es wirklich so Etwas wie einen Erkenntnisstrieb geben,
irgend ein kleines unabhängiges Uhrwerk, welches, gut aufgezogen,
tapfer darauf los arbeitet, ohne dass die gesammten übrigen Triebe
des Gelehrten wesentlich dabei betheiligt sind. Die eigentlichen
"Interessen" des Gelehrten liegen deshalb gewöhnlich ganz wo anders,
etwa in der Familie oder im Gelderwerb oder in der Politik; ja es ist
beinahe gleichgültig, ob seine kleine Maschine an diese oder jene
Stelle der Wissenschaft gestellt wird, und ob der "hoffnungsvolle"
junge Arbeiter aus sich einen guten Philologen oder Pilzekenner
oder Chemiker macht: - es bezeichnet ihn nicht, dass er dies oder
jenes wird. Umgekehrt ist an dem Philosophen ganz und gar nichts
Unpersönliches; und insbesondere giebt seine Moral ein entschiedenes
und entscheidendes Zeugniss dafür ab, wer er ist - das heisst, in
welcher Rangordnung die innersten Triebe seiner Natur zu einander
gestellt sind.


7.

Wie boshaft Philosophen sein können! Ich kenne nichts Giftigeres als
den Scherz, den sich Epicur gegen Plato und die Platoniker erlaubte:
er nannte sie Dionysiokolakes. Das bedeutet dem Wortlaute nach und im
Vordergrunde "Schmeichler des Dionysios", also Tyrannen-Zubehör und
Speichellecker; zu alledem will es aber noch sagen "das sind Alles
Schauspieler, daran ist nichts Ächtes" (denn Dionysokolax war eine
populäre Bezeichnung des Schauspielers). Und das Letztere ist
eigentlich die Bosheit, welche Epicur gegen Plato abschoss: ihn
verdross die grossartige Manier, das Sich-in-Scene-Setzen, worauf
sich Plato sammt seinen Schülern verstand, - worauf sich Epicur nicht
verstand! er, der alte Schulmeister von Samos, der in seinem Gärtchen
zu Athen versteckt sass und dreihundert Bücher schrieb, wer weiss?
vielleicht aus Wuth und Ehrgeiz gegen Plato? - Es brauchte hundert
Jahre, bis Griechenland dahinter kam, wer dieser Gartengott Epicur
gewesen war. - Kam es dahinter? -


8.

In jeder Philosophie giebt es einen Punkt, wo die "Überzeugung" des
Philosophen auf die Bühne tritt: oder, um es in der Sprache eines
alten Mysteriums zu sagen:

adventavit asinus
pulcher et fortissimus.


9.

"Gemäss der Natur" wollt ihr leben? Oh ihr edlen Stoiker, welche
Betrügerei der Worte! Denkt euch ein Wesen, wie es die Natur ist,
verschwenderisch ohne Maass, gleichgültig ohne Maass, ohne Absichten
und Rücksichten, ohne Erbarmen und Gerechtigkeit, fruchtbar und öde
und ungewiss zugleich, denkt euch die Indifferenz selbst als Macht
- wie könntet ihr gemäss dieser Indifferenz leben? Leben - ist
das nicht gerade ein Anders-sein-wollen, als diese Natur ist? Ist
Leben nicht Abschätzen, Vorziehn, Ungerechtsein, Begrenzt-sein,
Different-sein-wollen? Und gesetzt, euer Imperativ "gemäss der Natur
leben" bedeute im Grunde soviel als "gemäss dem Leben leben" - wie
könntet ihr's denn nicht? Wozu ein Princip aus dem machen, was ihr
selbst seid und sein müsst? - In Wahrheit steht es ganz anders: indem
ihr entzückt den Kanon eures Gesetzes aus der Natur zu lesen vorgebt,
wollt ihr etwas Umgekehrtes, ihr wunderlichen Schauspieler und
Selbst-Betrüger! Euer Stolz will der Natur, sogar der Natur, eure
Moral, euer Ideal vorschreiben und einverleiben, ihr verlangt,
dass sie "der Stoa gemäss" Natur sei und möchtet alles Dasein nur
nach eurem eignen Bilde dasein machen - als eine ungeheure ewige
Verherrlichung und Verallgemeinerung des Stoicismus! Mit aller eurer
Liebe zur Wahrheit zwingt ihr euch so lange, so beharrlich, so
hypnotisch-starr, die Natur falsch, nämlich stoisch zu sehn, bis ihr
sie nicht mehr anders zu sehen vermögt, - und irgend ein abgründlicher
Hochmuth giebt euch zuletzt noch die Tollhäusler-Hoffnung ein, dass,
weil ihr euch selbst zu tyrannisiren versteht - Stoicismus ist
Selbst-Tyrannei -, auch die Natur sich tyrannisiren lässt: ist denn
der Stoiker nicht ein Stück Natur? Aber dies ist eine alte ewige
Geschichte: was sich damals mit den Stoikern begab, begiebt sich heute
noch, sobald nur eine Philosophie anfängt, an sich selbst zu glauben.
Sie schafft immer die Welt nach ihrem Bilde, sie kann nicht anders;
Philosophie ist dieser tyrannische Trieb selbst, der geistigste Wille
zur Macht, zur "Schaffung der Welt", zur causa prima.


10.

Der Eifer und die Feinheit, ich möchte sogar sagen: Schlauheit, mit
denen man heute überall in Europa dem Probleme "von der wirklichen
und der scheinbaren Welt" auf den Leib rückt, giebt zu denken und zu
horchen; und wer hier im Hintergrunde nur einen "Willen zur Wahrheit"
und nichts weiter hört, erfreut sich gewiss nicht der schärfsten
Ohren. In einzelnen und seltenen Fällen mag wirklich ein solcher Wille
zur Wahrheit, irgend ein ausschweifender und abenteuernder Muth, ein
Metaphysiker-Ehrgeiz des verlornen Postens dabei betheiligt sein, der
zuletzt eine Handvoll "Gewissheit" immer noch einem ganzen Wagen voll
schöner Möglichkeiten vorzieht; es mag sogar puritanische Fanatiker
des Gewissens geben, welche lieber noch sich auf ein sicheres Nichts
als auf ein ungewisses Etwas sterben legen. Aber dies ist Nihilismus
und Anzeichen einer verzweifelnden sterbensmüden Seele: wie tapfer
auch die Gebärden einer solchen Tugend sich ausnehmen mögen. Bei den
stärkeren, lebensvolleren, nach Leben noch durstigen Denkern scheint
es aber anders zu stehen: indem sie Partei gegen den Schein nehmen und
das Wort "perspektivisch" bereits mit Hochmuth aussprechen, indem sie
die Glaubwürdigkeit ihres eigenen Leibes ungefähr so gering anschlagen
wie die Glaubwürdigkeit des Augenscheins, welcher sagt "die Erde steht
still", und dermaassen anscheinend gut gelaunt den sichersten Besitz
aus den Händen lassen (denn was glaubt man jetzt sicherer als seinen
Leib?) wer weiss, ob sie nicht im Grunde Etwas zurückerobern wollen,
das man ehemals noch sicherer besessen hat, irgend Etwas vom alten
Grundbesitz des Glaubens von Ehedem, vielleicht "die unsterbliche
Seele", vielleicht "den alten Gott", kurz, Ideen, auf welchen sich
besser, nämlich kräftiger und heiterer leben liess als auf den
"modernen Ideen"? Es ist Misstrauen gegen diese modernen Ideen darin,
es ist Unglauben an alles Das, was gestern und heute gebaut worden
ist; es ist vielleicht ein leichter Überdruss und Hohn eingemischt,
der das bric-à-brac von Begriffen verschiedenster Abkunft nicht
mehr aushält, als welches sich heute der sogenannte Positivismus
auf den Markt bringt, ein Ekel des verwöhnteren Geschmacks
vor der Jahrmarkts-Buntheit und Lappenhaftigkeit aller dieser
Wirklichkeits-Philosophaster, an denen nichts neu und ächt ist als
diese Buntheit. Man soll darin, wie mich dünkt, diesen skeptischen
Anti-Wirklichen und Erkenntniss-Mikroskopikern von heute Recht geben:
ihr Instinkt, welcher sie aus der modernen Wirklichkeit hinwegtreibt,
ist unwiderlegt, - was gehen uns ihre rückläufigen Schleichwege an!
Das Wesentliche an ihnen ist nicht, dass sie "zurück" wollen: sondern,
dass sie - weg wollen. Etwas Kraft, Flug, Muth, Künstlerschaft mehr
und sie würden hinaus wollen, - und nicht zurück! -


11.

Es scheint mir, dass man jetzt überall bemüht ist, von dem
eigentlichen Einflusse, den Kant auf die deutsche Philosophie ausgeübt
hat, den Blick abzulenken und namentlich über den Werth, den er sich
selbst zugestand, klüglich hinwegzuschlüpfen. Kant war vor Allem und
zuerst stolz auf seine Kategorientafel, er sagte mit dieser Tafel
in den Händen: "das ist das Schwerste, was jemals zum Behufe der
Metaphysik unternommen werden konnte". - Man verstehe doch dies
"werden konnte"! er war stolz darauf, im Menschen ein neues Vermögen,
das Vermögen zu synthetischen Urteilen a priori, entdeckt zu haben.
Gesetzt, dass er sich hierin selbst betrog: aber die Entwicklung und
rasche Blüthe der deutschen Philosophie hängt an diesem Stolze und an
dem Wetteifer aller Jüngeren, womöglich noch Stolzeres zu entdecken -
und jedenfalls "neue Vermögen"! - Aber besinnen wir uns: es ist an der
Zeit. Wie sind synthetische Urtheile a priori möglich? fragte sich
Kant, - und was antwortete er eigentlich? Vermöge eines Vermögens:
leider aber nicht mit drei Worten, sondern so umständlich, ehrwürdig
und mit einem solchen Aufwande von deutschem Tief- und Schnörkelsinne,
dass man die lustige niaiserie allemande überhörte, welche in einer
solchen Antwort steckt. Man war sogar ausser sich über dieses neue
Vermögen, und der Jubel kam auf seine Höhe, als Kant auch noch ein
moralisches Vermögen im Menschen hinzu entdeckte: - denn damals
waren die Deutschen noch moralisch, und ganz und gar noch nicht
"real-politisch". - Es kam der Honigmond der deutschen Philosophie;
alle jungen Theologen des Tübinger Stifts giengen alsbald in die
Büsche, - alle suchten nach "Vermögen". Und was fand man nicht Alles -
in jener unschuldigen, reichen, noch jugendlichen Zeit des deutschen
Geistes, in welche die Romantik, die boshafte Fee, hineinblies,
hineinsang, damals, als man "finden" und "erfinden" noch nicht
auseinander zu halten wusste! Vor Allem ein Vermögen für's
"übersinnliche": Schelling taufte es die intellektuale Anschauung und
kam damit den herzlichsten Gelüsten seiner im Grunde frommgelüsteten
Deutschen entgegen. Man kann dieser ganzen übermüthigen und
schwärmerischen Bewegung, welche Jugend war, so kühn sie sich auch in
graue und greisenhafte Begriffe verkleidete, gar nicht mehr Unrecht
thun, als wenn man sie ernst nimmt und gar etwa mit moralischer
Entrüstung behandelt; genug, man wurde älter, - der Traum verflog. Es
kam eine Zeit, wo man sich die Stirne rieb: man reibt sie sich heute
noch. Man hatte geträumt: voran und zuerst - der alte Kant. "Vermöge
eines Vermögens" - hatte er gesagt, mindestens gemeint. Aber ist denn
das - eine Antwort? Eine Erklärung? Oder nicht vielmehr nur eine
Wiederholung der Frage? Wie macht doch das Opium schlafen? "Vermöge
eines Vermögens", nämlich der virtus dormitiva - antwortet jener Arzt
bei Molière,

quia est in eo virtus dormitiva,
cujus est natura sensus assoupire.

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