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Shakespeare und die Bacon Mythen

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SHAKESPEARE UND DIE BACON-MYTHEN.

Festvortrag

gehalten auf der General-Versammlung der deutschen Shakespeare-
Gesellschaft zu Weimar am 23. April 1895

von

Kuno Fischer.




VORWORT

Dieser Vortrag ist gleich, nachdem er gehalten war, in der "Beilage
zur Allgemeinen Zeitung", Nummer 105-107, veröffentlicht worden. Die
mündliche Rede ist in der gedruckten wortgetreu wiedergegeben, aber
diese enthält einige Ausführungen (darunter sämmtliche unter dem Text
befindliche Bemerkungen), die in jener um der Kürze willen
weggeblieben sind.

Ich habe eine falsche Vorstellungsart darzuthun, zu erklären und zu
entkräften gehabt und diese Aufgabe mit völliger Sachlichkeit, ohne
jede persönliche Polemik erfüllt, sogar in der mündlichen Rede
geflissentlich keinen der Namen genannt, welche der deutschen
Gegenwart angehören.

Der jüngste und in gewissem Sinn gründlichste Vertreter der "Bacon-
Theorie" hat am Schlusse seines Buchs erklärt, daß ich zwar ein
rühmliches Werk über Bacon geschrieben, aber "ohne eine Ahnung zu
haben, daß «die Vermehrungen der Wissenschaften» im «Shakespeare» zu
finden sind". Durch ein solches Urteil durfte ich mich wohl
herausgefordert fühlen, entweder diese "Ahnungen" mir anzueignen oder
nachzuweisen, daß sie nichts sind als eitle Träumereien. Dies ist in
einem der letzten Theile meines Vortrags geschehen.

Heidelberg, im Mai 1895.

K. F.




INHALT

I. Das Shakespeare-Geheimniß und der Shakespeare-Mythus

II. Das Bacon-Geheimniß
1. Der Beweis aus dem Mangel aller Beweise
2. Bacon und Shakespeare
3. Unparteiische Stimmen für und wider

III. Die erste Art der Bacon-Mythen
1. Bacon als Quelle des Northumberland-Manuscripts
2. Bacon als geheimnißvoller Dichter. Das Sonett
3. Bacon als staatsgefährlicher Dichter
4. Bacon "unter anderem Namen"

IV. Bacon als Dramatischer Geschichtschreiber

V. Die zweite Art der Bacon-Mythen
1. Bacon als der Kaufmann von Venedig
2. Der Schluß der drei Taugenichtse
3. Bacon als Othello
4. Bacon als Katharina von Aragonien, Wolsey und andere gefallene
Größen

VI. Die dritte Art der Bacon-Mythen
1. Bacon als Verfasser des Promus
2. Der Promus als Quelle von Romeo und Julia
3. Die Vergleichung der Werke

VII. Bacons große Geheimschrift: Mythus oder Humbug?

VIII. Der Gipfel der Bacon-Mythen
1. Bacon als philosophischer Dichter
2. Bacon als Erfinder des parabolischen Dramas
3. Der Anfang des ersten Hamlet-Monologs als das non plus ultra
naturwissenschaftlicher Dichtung
4. Prospero und Pan

IX. Der Gipfel der Unkritik

X. Bacons Urtheil über Shakespeare
1. Bacon und das Theater seiner Zeit
2. Die Schule Bacons. Voltaire

XI. Die deutsche Shakespeare-Kritik
1. Lessing und Voltaire
2. Goethe
3. Goethe und Schiller




I. DAS SHAKESPEARE-GEHEIMNISS UND DER SHAKESPEARE-MYTHUS.

Als mir die ehrenvolle Aufforderung zu Theil wurde, in der Deutschen
Shakespeare-Gesellschaft zu Weimar am heutigen Tage die Festrede zu
halten, war jüngst ein stattliches, bilderreiches, kostbares Werk
erschienen, das unter den litterarischen Tagesereignissen viel von
sich reden machte und, obwohl seitdem fast ein Jahr verflossen ist,
doch in unserer raschlebigen Zeit noch keineswegs zu den Verschollenen
gehört. Es trug die Aufschrift "Das Shakespeare-Geheimniß" und
darunter das Brustbild eines Mannes, das allen Lesern sogleich das
Geheimniß verkünden und zurufen sollte: "Ich bin es! So sah der Mann
aus, der Romeo und Julia, Hamlet, Lear und Othello, Julius Cäsar,
Coriolan u. s. w. gedichtet hat!" Das Bild aber war der Kopf Bacons
nach einem Portrait, welches ein niederländischer Maler im Jahre 1618
von dem damaligen Großkanzler Englands gemalt hat. [Fußnote: Edwin
Bormann. Das Shakespeare-Geheimniß. Leipzig, E. Bormanns Selbstverlag.
1894.]

Wie die Wahrheiten, so müssen auch die menschlichen Irrthümer, sobald
sie einmal die öffentliche Bahn betreten haben, alle Stadien der
Begründung durchlaufen, bis jene ihre Sache völlig gewonnen, diese
aber die ihrige völlig verloren haben. Die sogenannte "Bacon-Theorie",
nämlich die Ansicht, daß der Verfasser der nach Shakespeare genannten
weltberühmten Dichtungen nicht William Shakespeare, sondern Francis
Bacon sei, blickt heute auf eine fast vierzigjährige litterarische
Laufbahn zurück. Keine litterarische Controverse hat in der zweiten
Hälfte dieses Jahrhunderts ein breiteres Aufsehen erregt und mehr
Federn in Bewegung gesetzt, als diese Streitfrage, von der früher wohl
niemand geglaubt hätte, daß sie jemals ernstlich gestellt werden
könnte.

Freilich soll A. Gfrörer, damals Bibliothekar in Stuttgart, schon vor
mehr als fünfzig Jahren mündlich geäußert haben, daß nach einem halben
Jahrhundert von William Shakespeare die Rede sein werde, wie in der
neueren Geschichtsforschung von Wilhelm Tell. Indessen war Gfrörer
kein Prophet und ein Mann von äußerst wandelbaren Meinungen. Aus einem
sehr ungläubigen Protestanten, wie er damals war, wurde er zehn Jahre
später ein sehr fanatischer Katholik (1853).

Schon im Jahre 1884 hatte sich über die Bacon-Shakespeare-Controverse
eine solche Masse von Litteratur in größeren und kleineren Schriften
angehäuft, daß ihre Zahl auf 255 gestiegen war. Davon waren 161
amerikanischen, 69 englischen Ursprungs; 117 hatten sich für die
Autorschaft Shakespeares erklärt, 73 dawider. Im Jahre vorher (1883)
waren allein 61 Schriften über die Frage erschienen [Fußnote:
Bibliography of the Bacon-Shakespeare Controversy. By _W. H.
Wyman_. Cincinnati, P. G. Thomson. 1884.]

Es ist kein uninteressantes, auch kein der Aufmerksamkeit der
Shakespeare-Freunde und -Forscher unwürdiges Thema, den Ursprung, die
Art der Entstehung und Fortpflanzung einer so seltsamen, so irrigen
und gegenwärtig so verbreiteten Vorstellungsweise näher ins Auge zu
fassen und auf ihren Grund, ihre Beweisarten und ihre Resultate zu
prüfen. Wie ist es gekommen, daß in der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts, dieses Jahrhunderts der Kritik, wie man das unsrige mit
Recht genannt hat, mit einem Male die Idee von einem "Shakespeare-
Mysterium" auftaucht, daß man Bücher über den "Shakespeare-Mythus"
schreibt, welche beweisen wollen, daß der Dichter William Shakespeare
eine mythische Figur sei, die als "den süßen Schwan vom Avon" Ben
Jonson nur zum Schein besungen und verherrlicht habe? In Wahrheit sei
dieser William Shakespeare ein Bauernjunge aus Warwickshire, ein roher
und gemeiner Fleischergeselle in Stratford gewesen, der nach einer
Reihe thörichter und schlechter Jugendstreiche, nach einer eiligen und
unglücklichen Heirath, nach Wilddiebereien und boshaften Pamphleten
gezwungen war, seine Vaterstadt zu verlassen; flüchtig, arm und
verlumpt sei er nach London gekommen, bei den Theatern an der Themse
erst Pferdejunge, dann Theaterdiener, Statist, Schauspieler, zuletzt
Theaterdirector oder Unternehmer geworden und habe als solcher die
Stücke anderer bearbeitet, in Scene gesetzt und aufgeführt. Als ein
kluger und betriebsamer Geschäftsmann, der er war, habe er auf diesem
Wege viel Geld verdient, seinem heruntergekommenen Vater und dadurch
sich selbst ein Wappen erworben, seine Capitalien in Grundbesitz,
namentlich in Stratforder Häusern, Ländereien und Renten angelegt. Der
Name Shakespeare bedeute demnach nicht den Autor, sondern den
Bühnenbearbeiter und Regisseur, den Eigenthümer und Herausgeber,
gewissermaßen die Firma jener hochberühmten Schauspiele, welche die
Shakespeare-Dramen heißen, und deren erste Gesammtausgabe sieben Jahre
nach dem Tode Shakespeares erschien.

Dies ist kurz gefaßt der Kern des sogenannten Shakespeare-Mythus, wie
denselben Appleton Morgan, ein amerikanischer Advocat, in seinem Buche
darüber auszuführen gesucht hat (1881). Wer waren nun die Verfasser
der Stücke? Einer oder Viele? Bekannte oder unbekannte Männer? Nach
Morgans Ansicht waren es viele, bekannte und unbekannte. Es mag manche
dunkel gebliebene Gelehrte gegeben haben, deren Feder der findige
Unternehmer gebraucht hat. Wer weiß, wie sie hießen und in welchen
Dachstübchen Londons sie verkümmern mußten! Einer der Verfasser von
bekannter Größe sei Bacon gewesen.

Weil aber ein Orchester die Symphonie nicht macht, sondern das Werk
ausführt, welches ein Einziger erzeugt hat, so könne der Verfasser der
Shakespeare-Dramen auch nur einer gewesen sein. Dieser eine war Bacon:
so lautet die ausgemachte Bacon-Theorie.




II. DAS BACON-GEHEIMNISS.

1. Der Beweis aus dem Mangel aller Beweise.

Da nun alle urkundlichen Zeugnisse irgend eines Zusammenhanges
zwischen Bacon und Shakespeare gänzlich fehlen, so haben die
Baconianer, wie man sie nennt, aus der Noth eine Tugend gemacht und
den völligen Mangel aller sachlichen Beweise für den Beweis der Sache
ausgegeben: so geflissentlich und so gründlich habe Bacon alle Spuren
vertilgt, die seine Autorschaft hätten verrathen können! Da er von
einer gleichzeitigen Größe, wie Shakespeare, hätte reden müssen,
nirgends aber geredet hat, so habe er absichtlich aus tief versteckten
Gründen geschwiegen, welche letztere sich der eindringenden
Nachforschung daraus erklären, aber auch nur daraus: daß er selbst
Shakespeare war! Alle urkundlichen Gegenbeweise aber, deren es viele
und unumstößliche giebt, gelten für Schliche und Machinationen, um die
Autorschaft Bacons zu verbergen und die Welt zu dupiren.

Niemals, solange es eine historische Kritik giebt, hat man dem Mangel
aller Urkunden und Zeugnisse eine solche Beweiskraft zugeschrieben.
Ueber Bacon, den Dichter der Shakespeare-Dramen, herrscht ein
absolutes Schweigen, er ist in den Schleier des tiefsten Geheimnisses
gehüllt: darin besteht das Bacon-Geheimniß. Wo sich aber ein Mysterium
findet, da werden wohl auch die Mythen nicht ausbleiben.


2. Bacon und Shakespeare.

Auf den ersten Blick mag es ja auffallend genug sein, daß die beiden
berühmtesten Männer aus dem Zeitalter der Elisabeth und Jakobs I.
einige Jahrzehnte in London zugleich gelebt haben und einander fremd
geblieben sind, obwohl es nicht zweifelhaft sein kann, daß jeder vom
andern gewußt hat.

Indessen wie weit auch die Charaktere und Schicksale, die Stellungen
und Laufbahnen beider Männer von einander entfernt waren, und wie
grundverschieden ihre Ansichten vom Werthe des Lebens und der Welt
sein mochten, so hat sich doch der Genius eines großen Zeitalters,
dessen mächtigste Söhne sie waren, in beiden wirksam erwiesen und
gewisse übereinstimmende Auffassungen vom Wesen und der Natur des
Menschen hervorgerufen.

Bacon verlangt eine Sittenlehre, die nicht auf abstracte Vorschriften,
sondern auf wirkliche Menschenkenntniß, auf das Studium menschlicher
Charaktere und Leidenschaften gegründet sein soll; die Sittenlehrer
sollen nicht Kalligraphen sein, wie die Schreiblehrer: er fordert eine
Naturgeschichte der Affecte, die man uns nach dem Leben schildern
möge, wie sie entstehen und wachsen, wie sie erregt und gesteigert,
wie sie gemäßigt und bemeistert werden; wie man sie fängt, den Affect
durch den Affect, wie auf der Jagd Thiere durch Thiere. Um die
menschlichen Charaktere und Leidenschaften zu studiren, verweist Bacon
die Sittenlehre auf die Geschichtschreiber und Dichter. Er hätte statt
aller einen einzigen nennen sollen, der in seinen dramatischen Werken
die mannichfaltigsten, gehaltvollsten und wahrsten Menschenbilder
geschaffen hat: seinen Landsmann und Zeitgenossen William Shakespeare.
Wie Bacon den Menschen von Seiten der Sittenlehre studirt und erkannt
wissen will, so hat ihn Shakespeare dargestellt und gedichtet.

Wie man den Affect durch den Affect fängt, so wie auf der Jagd Thiere
durch Thiere! Ich meine in Shakespeares "Cäsar" den Decius Brutus zu
hören, wie er im Rathe der Verschworenen sich anheischig macht, den
Herrscher in den Senat zu locken:

"Ich übermeist're ihn. Er hört es gern,
Das Einhorn lasse sich mit Bäumen fangen,
Der Löw' im Netz, der Elephant in Gruben,
Der Bär mit Spiegeln und der Mensch durch Schmeichler.
Doch sag' ich ihm, daß er die Schmeichler haßt,
Bejaht er es, am meisten dann geschmeichelt.
Laßt mich gewähren,
Denn ich verstehe, sein Gemüth zu lenken,
Und will ihn bringen auf das Capitol."
[Fußnote: Mein Werk "Francis Bacon und seine Nachfolger". (Leipzig,
Brockhaus. 2. Aufl. 1875.) S. 283-292, 383 bis 384; vgl. _Bacon_:
Ess. of friendship. Works VI, p. 437 bis 443.]

Zu der Sittenlehre gehört auch die Pflichtenlehre, die uns
vorschreibt, was wir thun sollen. Hier vermißt Bacon die Lehre von den
entgegengesetzten Lastern, die uns zeigen möge, was die Menschen
wirklich thun, wie sie jene bösen Künste der Falschheit und Täuschung
ausüben, klug wie die Schlangen, aber keineswegs ohne Falsch wie die
Tauben. Diese bösen Künste gleichen dem gefährlichen Basilisken, bei
dem, wie die Fabel sagt, alles darauf ankomme, wer den ersten Blick
hat. Erkennen wir den Basilisken, bevor er uns anblickt, dann sind wir
gerettet; im andern Fall sind wir gebannt und verloren. Daher
empfiehlt Bacon, den Macchiavelli zu studiren, der in seinem Buche vom
Fürsten diese Künste der Falschheit und Täuschung unübertrefflich
geschildert habe. Genau so hat Shakespeare diese «_malae artes_»
personificirt in seinem "Richard III.":

"Ich will mehr Schiffer als die Nix ersäufen,
Mehr Gaffer tödten als der Basilisk,
Ich will den Redner gut wie Nestor spielen,
Verschmitzter täuschen, als Ulyß gekonnt,
Und Sinon gleich ein zweites Troja nehmen.
Ich leihe Farben dem Chamäleon,
Verwandle mehr wie Proteus mich
Und nehme den mörderischen Machiavell in Lehr'."
[Fußnote: Mein Werk "Fr. Bacon &c." S. 389-390.]

Solche und eine Reihe ähnlicher Uebereinstimmungen zwischen Bacon und
Shakespeare habe ich stets mit hohem Interesse verfolgt, aber nie
etwas anderes daraus hergeleitet als ein Zeugniß jener
Ideenverwandtschaft, die zwischen den führenden Geistern einer
Weltepoche zu herrschen pflegt. Der größte Philosoph und der größte
Dichter des Elisabethanischen Zeitalters! Ich bin so oft bei dem
Studium des Einen an gleichartige Anschauungen des Andern erinnert
worden, daß ich lebhaft wünschte, es möchten sich von den persönlichen
Eindrücken, welche der Eine von dem Andern gehabt hat, insbesondere
Bacon von Shakespeare, einige sichere Spuren auffinden lassen. Als
daher die Bacon-Shakespeare-Controverse so viele Federn zu
beschäftigen anfing, habe ich zwar niemals gezweifelt, daß die
"Baconianer" einer in die Luft gebauten Hypothese nachtrachteten, aber
ich habe mit einem ihrer amerikanischen Gegner gehofft, daß diese
Untersuchungen über manche am Wege gelegenen Punkte ein unerwartetes
Licht verbreiten könnten: interessante «side-lights» und «collateral
information», wie John Weiß solche beiläufige Gewinne genannt hat.
Aber meine Hoffnungen sind weniger erfüllt worden als die seinigen.

Die Baconianer sind von ihrem Dogma zu sehr besessen und verhalten
sich zu der Frage nicht als Kritiker und Forscher, sondern wie
Advokaten, die immer bestrebt sind, die Gegengründe, auch die
solidesten, wegzureden aber zu ignoriren, die Scheingründe dagegen,
auch die losesten, durch alle möglichen superlativen Verstärkungen
einzureden und zu verdichten; sie beweisen nicht, sondern plaidiren:
sie plaidiren pro Bacon contra Shakespeare und behandeln die ganze
Controverse als «plea».

Es ist nicht zufällig, daß unter den Wortführern der Baconianer sich
einige Advokaten besonders hervorgethan haben. Sobald sie auf William
Shakespeare zu sprechen kommen, reden sie wie von einer Gegenpartei,
deren Verurtheilung auf alle Art zu betreiben sei. Unwillkürlich
gerathen sie daher in den Ton der Schmähung. Da heißt es: "dieser
Bauernjunge, dieser Fleischerlehrling, dieser Wilddieb, dieser
Taugenichts" u.s.f. Wenn es sich darum handelte, W. Shakespeare heilig
zu sprechen, so würde Hr. A. Morgan nicht übel zum advocatus diaboli
taugen, vorausgesetzt, daß er noch heute so denkt, wie vor fünfzehn
Jahren.

Während nun die Baconianer unaufhörlich von einem "Shakespeare-Mythus"
neben, der zu Gunsten Bacons von Grund aus zerstört werden müsse,
häufen sie selbst Mythen über Mythen auf Bacon, d. h. sie lassen
denselben eine Menge Dinge sagen und thun, die er nie gesagt und nie
gethan hat. Von diesen Bacon-Mythen will ich reden, indem ich ihren
Gang, gleichsam ihre Etappen verfolge von den vermeintlichen äußeren
und äußerlichen bis zu den vermeintlichen inneren und innersten
Gründen, auf welche sich die Behauptung stützt: daß Bacon den Dichter
Shakespeare gewesen sei.


3. Unparteiische Stimmen für und wider.

Hören wir zuvor noch einige Stimmen von England her, die sich über die
Frage geäußert haben, ohne darüber zu streiten.

Nach dem Tode des Lord Palmerston (1865) hat man unter anderen
Merkwürdigkeiten von diesem Staatsmann erzählt, daß er gern mit
litterarischen Dingen Staat gemacht und öfter die paradoxe Meinung
hingeworfen habe: nicht Shakespeare, sondern Bacon sei der Verfasser
der nach jenem genannten Stücke gewesen; gelegentlich habe der Lord
das Buch einer amerikanischen Dame herbeigeholt, worin die Sache
bewiesen sei. Es war die Schrift der Ms. Delia Bacon, die, wohl von
ihrem Namen geblendet, die fixe Idee gefaßt hatte, daß Lord Bacon das
System feiner politischen Philosophie in einer Reihe von Schauspielen,
die der Hand Shakespeares anvertraut waren, der Zukunft offenbart
habe. Der "Hamlet" habe gleichsam das Programm der ganzen Serie
enthalten. Um ihre Idee zu beweisen und auszuführen, ist Ms. Delia
Bacon nach England gegangen und hat nach vielen Leiden und
Entbehrungen ihre Irrfahrten im Irrenhause geendet. Wenn es Märtyrer
des Irrthums giebt, so war diese unglückliche Frau ein solcher
Märtyrer. Sie ist durch ihre Schriften aus den Jahren 1856 und 1857
die Anfängerin, wenn nicht die Begründerin der Bacon-Theorie geworden.

Weit gewichtiger und interessanter als die Späße des Lord Palmerston
sind die Aussprüche eines Mannes, wie Thomas Carlyle, der die Heroen
des Geistes zu würdigen wußte und dazu den Ernst und die Tiefe der
Einsicht wie der Kenntnisse besaß. Er hat sich von Ms. Delia Bacon
besuchen lassen, ihre Ansichten angehört und darauf gesagt: "Ihr Bacon
hätte ebenso gut die Erde erschaffen können, wie den Hamlet!" Einem
gleichzeitigen Briefe an einen amerikanischen Freund hat
er die Nachschrift hinzugefügt: "Ihre Landsmännin ist verrückt". Viele
Jahre vorher, in seinen Vorlesungen über die Heroen und deren
Verehrung, hatte Carlyle auch von Bacon und Shakespeare gesprochen und
hier erklärt: daß jener mit allem Geist, den er gehabt und in seinen
Werken dargelegt habe, diesem gegenüber nur secundär sei, denn
Shakespeare war ein Schöpfer, was Bacon nicht war. Seit den Tagen
Shakespeares sei nur Einer erschienen, der an ihn erinnere: dieser
Eine und Einzige sei Goethe. [Fußnote: Wymann, Nr. 73 und 131. Vergl.
Carlyle: «On Heroes» (1889), p. 97. «The hero as poet.»]

Der jüngste Herausgeber der Gesammtwerke Bacons und sein Biograph,
James Spedding in Cambridge, gegenwärtig wohl die erste Autorität in
Sachen Bacons, ist wiederholt nach seiner Ansicht gefragt worden und
hat sich gegen die Bacon-Theorie völlig ablehnend verhalten. Er hat
einem ihrer Hauptvertreter geantwortet: wer auch die Stücke
Shakespeares geschrieben haben möge, einer gewiß nicht, nämlich Bacon.


III. DIE ERSTE ART DER BACON-MYTHEN.

1. Bacon als Quelle des Northumberland-Manuscripts.

Im Jahre 1867 ist in der Bibliothek des Grafen Northumberland zu
London ein altes handschriftliches Buch aufgefunden worden,
verstümmelt, defect, angebrannt, welches Abschriften baconischer,
shakespearischer und anderer Werke enthalten hat. Es enthält noch vier
Reden Bacons vollständig (wenn auch etwas beschädigt), von denen
bisher nur ein Theil bekannt war. Diese Reden hatten den Zweck, die
Königin am Queensday, dem Jahrestage ihrer Krönung, zu feiern. Es galt
die Feier des 17. November 1592, als Elisabeth 34 Jahre glorreich
regiert hatte.

Bacon componirt das aufzuführende Festspiel. Vier Personen berathen
die Feier: die erste Rede gilt dem Preise der Tapferkeit, die zweite
dem der Liebe, die dritte dem der Erkenntniß, die vierte der Königin
selbst, die alle diese Tugenden in sich vereinige. Die Rede «_The
praise of knowledge_» ist höchst interessant. Man erkennt darin den
neuerungslustigen Philosophen, den Verfasser des "Neuen Organon", das
erst 28 Jahre später erschien. Das Festspiel heißt «_A conference of
pleasure_». Unter diesem Namen hat Spedding das Northumberland-
Manuscript herausgegeben (1870). [Fußnote: _Works_ VIII (1862),
p. 119-126. Vgl. XIV (1874), _preface_. Diese Sonderausgabe ist
gegenwärtig vergriffen.]

Auf dem ersten Blatte dieses paper book steht die Angabe des Inhalts,
worunter sich auch die Titel: "Richard II." und "Richard III."
befinden. Aus demselben Blatte stehen gekritzelt einigemale der Name
"Francis Bacon" und acht- bis neunmal der Name "William Shakespeare",
offenbar von der Hand des Abschreibers, der nach Speddings positiver
Erklärung Bacon nicht war. Stammt das Manuscript, wie Spedding meint,
aus dem Zeitalter der Elisabeth, so ist dies vielleicht die einzige
handschriftliche Stelle aus jenen Tagen, wo die beiden Namen Bacon und
Shakespeare unmittelbar neben einander gestellt sind. Das ist recht
interessant, beweist aber für die Bacon-Theorie nicht das Mindeste.

Von "Richard II." und "Richard III." findet sich nichts als die Namen
im Inhaltsverzeichniß. Nun meinen die Baconianer, daß dieses
Manuscript unmittelbar oder mittelbar von Bacon selbst herrühre, daß
es den handschriftlichen Text jener beiden Historien enthalten habe,
noch bevor dieselben gedruckt waren, ja sogar, wie einige zu glauben
scheinen, nicht bloß enthalten habe, sondern noch enthalte!

Wenn man diese Fictionen addirt, so ergiebt sich als Totalsumme der
Mythus: daß Bacon die Shakespearischen Historien verfaßt habe, denn
wer die erste und letzte vor dem Drucke aufgezeichnet hat, wird wohl
den ganzen Cyklus geschrieben haben.


2. Bacon als geheimnißvoller Dichter. Das Sonett.

"Richard II" war gedruckt und "Heinrich V." so gut wie vollendet, als
die Königin im März 1599 ihren Liebling, den Grafen Essex (keineswegs
wider seinen Willen, sondern auf seinen dringenden Wunsch), als
Statthalter nach Irland schickte, um die dortige Rebellion schnell
niederzuwerfen. Alle Welt erwartet seine baldige siegreiche Rückkehr.
Shakespeare hat dem letzten Act "Heinrichs V." einen Prolog
vorausgeschickt, worin er den Grafen schon als Triumphator begrüßt und
mit dem Sieger von Agincourt vergleicht.

Plötzlich kehrt Essex unverrichteter Dinge und eigenmächtig nach
London zurück (Sept. 1599) und überrascht die Königin in ihrem Palaste
Nonsuch. Die ihm zärtlich gesinnte, aber mit Recht erzürnte
Herrscherin beschließt, ihn richten und strafen zu lassen nicht «_ad
ruinam__», wie sie sagt, sondern «_ad correctionem__» und «_ad
reparationem__». Sie hat damals mit Bacon, einem ihrer
außerordentlichen juristischen Räthe, dem Freunde und Günstlinge des
Grafen Essex, öfter über diese Angelegenheit gesprochen. Eines Tages
(im September 1600) kündigt ihm die Königin an, daß sie in seiner
Sommerwohnung zu Twickenham-Park zu Mittag essen wolle. Auf diese
Veranlassung verfaßt Bacon ein Sonett, um die Königin zu feiern und
für den damals verbannten Essex günstig zu stimmen.

Er selbst erzählt diese Begebenheit in seiner späteren
Vertheidigungsschrift wegen seines Verhaltens zu und gegen Essex. "Ich
hatte", so schreibt er, "ein Sonett verfertigt, obgleich ich mich
nicht für einen Dichter ausgebe (_though I profess not to be a
poet_.)" [Fußnote: _Sir Francis Bacon his apology, in certain
imputations concerning the Late Earl of Essex etc. London 1604. Works
X, pag. 139-162_.] Die Baconianer aber lassen ihn sagen: "obwohl
ich nicht bekenne, daß ich ein Dichter bin". Er ist also nach seinem
eigenen Geständniß ein heimlicher Dichter, ein Dichter incognito, d.
h. Shakespeare!

Aus einem heimlichen Dichter, d. i. aus einem Manne, der sich nicht
für einen Dichter hält und ausgiebt, aber in gelegener Stunde sein
Sonett macht, auch wohl ein Festspiel componirt, wird ein
geheimnißvoller Dichter, von dem man nach drei Jahrhunderten entdeckt,
daß er Shakespeare war. Niemals ist ein Gedicht so ergiebig, so
fruchtbar gewesen, wie dieses Sonett, denn es hat in den Köpfen der
Baconianer 36 Dramen und 154 Sonette geboren!


3. Bacon als staatsgefährlicher Dichter.

Kaum hat Bacon in seiner eben erwähnten Apologie, beiläufig gesagt,
dem Muster- und Meisterstück einer Denkschrift, die Geschichte von
jenem Sonette erzählt, so macht er unseren heutigen Baconianern
alsbald noch ein zweites höchst merkwürdiges und folgenreiches
Geständniß.

Ich will vorausschicken, daß Bacon, einer der berühmtesten und
bewährtesten Parlamentsredner Englands, die Kunst der kurzen,
treffenden, bildlich einleuchtenden Rede in hohem Maße besaß und
geflissentlich auszubilden bedacht war. Antworten solcher Art gehörten
zu seinen Specialitäten. Es waren, wie man heute sagt, "geflügelte Worte",
die von seinem Munde weg- und anderen zuflogen, die sie weitertrugen,
wohl auch selbst gesagt haben wollten. Die Königin liebte solche Reden
und Antworten und wußte sie zu erwidern.

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