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Jenseits der Schriftkultur

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Jenseits der Schriftkultur
(C)1999 by Mihai Nadin


Das Zeitalter des Augenblicks

Aus dem Englischen von Norbert Greiner




Inhalt

VORWORT ZUR DEUTSCHEN AUSGABE
EINLEITUNG: SCHRIFTKULTUR IN EINER SICH WANDELNDEN WELT
Alternativen



Jenseits der Schriftkultur


BUCH I.

KAPITEL 1: DIE KLUFT ZWISCHEN GESTERN UND MORGEN

Kontrastfiguren
Taste wählen--drücken
Das Leben ist schneller geworden
Aufgeladene Schriftkultur
Der Mensch entwirft, der Mensch verwirft.
Jenseits der Schriftkultur
Ein bewegliches Ziel
Der weise Fuchs
"Und zwischen uns der Abgrund"
Wiedersehen mit Malthus
In den Fesseln der Schriftkultur

KAPITEL 2: DIE USA--SINNBILD FÜR DIE KULTUR DER SCHRIFTLOSIGKEIT

Dem Handel zuliebe
"Das Beste von dem, was nützlich ist und schön"
Das Rückspiegelsyndrom


BUCH II.

KAPITEL 1: VON DEN ZEICHEN ZUR SPRACHE

Wiedersehen mit semeion
Erste Zeichenspuren
Skala und Schwelle
Zeichen und Werkzeuge

KAPITEL 2: VON DER MÜNDLICHKEIT ZUR SCHRIFTLICHKEIT

Individuelles und kollektives Gedächtnis
Kulturelles Gedächtnis
Existenzrahmen
Entfremdung von der Unmittelbarkeit

KAPITEL 3: MÜNDLICHKEIT UND SCHRIFT IN UNSERER ZEIT: WAS VERSTEHEN
WIR, WENN WIR SPRACHE VERSTEHEN?

Bestätigung als Feedback
Mündlichkeit und die Anfänge der Schrift
Annahmen
Wie wichtig ist Literalität?
Was ist Verstehen?
Worte über Bilder

KAPITEL 4: DIE FUNKTIONSWEISE DER SPRACHE

Ausdruck, Kommunikation, Bedeutung
Die Gedankenmaschine
Schrift und der Ausdruck von Gedanken
Zukunft und Vergangenheit
Wissen und Verstehen
Eindeutig, zweideutig, mehrdeutig
Die Visualisierung von Gedanken
Buchstabenkulturen und Aphasie

KAPITEL 5: SPRACHE UND LOGIK

Logiken hinter der Logik
Die Pluralität intellektueller Strukturen
Die Logik von Handlungen
Sampling
Memetischer Optimismus


BUCH III.

KAPITEL 1: SCHRIFTKULTUR, SPRACHE UND MARKT

Vorbemerkungen
Products "R" Us
Die Sprache des Marktes
Die Sprache der Produkte
Handel und Schriftkultur
Wessen Markt? Wessen Freiheit?
Neue Märkte, Neue Sprachen
Alphabetismus und das Transiente
Markt, Werbung, Schriftlichkeit

KAPITEL 2: SPRACHE UND ARBEITSWELT

Innerhalb und außerhalb der Welt
Wir sind, was wir tun
Maschine und Schriftkultur
Der Wegwerfmensch
Die Skala der Arbeit und die Skala der Sprache
Angeborene Heuristik
Alternativen
Vermittlung der Vermittlung

KAPITEL 3: SCHRIFTKULTUR, BILDUNG UND AUSBILDUNG

Das Höchste und das Beste
Das Ideal und das Leben
Relevanz
Tempel des Wissens
Kohärenz und Verbindung
Viele Fragen
Eine Kompromißformel
Kindheit
Welche Alternativen?


BUCH IV.

KAPITEL 1: SPRACHE UND BILD

Wie viele Worte in einem Blick?
Das mechanische und das elektronische Auge
Wer hat Angst vor der Lokomotive?
Hier und dort gleichzeitig
Visualisierung

KAPITEL 2: DER PROFESSIONELLE SIEGER

Sport und Selbstkonstituierung
Sprache und körperliche Leistung
Der ‘illiterate’ Athlet
Ideeller und profaner Gewinn

KAPITEL 3: WISSENSCHAFT UND PHILOSOPHIE - MEHR FRAGEN ALS ANTWORTEN

Rationalität, Vernunft und die Skala der Dinge
Die verlorene Balance
Gedanken über das Denken
Quo vadis, Wissenschaft?
Raum und Zeit: befreite Geiseln
Kohärenz und Diversität
Computationale Wissenschaft
Wie wir uns selbst wegerklären
Die Effizienz der Wissenschaft
Die Erforschung des Virtuellen
Die Sprache der Weisheit
In wissenschaftlichem Gewand
Wer braucht Philosophie und wozu?

KAPITEL 4: EIN GESPÜR FÜR DESIGN

Die Zukunft zeichnen
Die Emanzipation
Konvergenz und Divergenz
Der neue Designer
Virtuelles Design

KAPITEL 5: POLITIK: SO VIEL ANFANG WAR NOCH NIE

Die Permissivität der kommerziellen Demokratie
Wie ist es dazu gekommen?
Politische Sprachen
Kann Schriftlichkeit zum Scheitern der Politik führen?
Die Krabben haben pfeifen gelernt
Von Stammeshäuptlingen, Königen und Präsidenten
Rhetorik und Politik
Die Justiz beurteilen
Das programmierte Parlament
Eine Schlacht, die wir gewinnen müssen

KAPITEL 6: GEHORSAM IST ALLES

Der erste Krieg jenseits der Schriftkultur
Krieg als praktische Erfahrung
Das Militär als Institution
Vom schriftgebundenen zum schriftlosen Krieg
Der Nintendo-Krieg
Blicke, die töten können


BUCH V.

KAPITEL 1: DIE INTERAKTIVE ZUKUNFT: DER EINZELNE, DIE GEMEINSCHAFT
UND DIE GESELLSCHAFT IM ZEIT-ALTER DES INTERNETS

Das Überwinden der Schriftkultur
Das Sein in der Sprache
Die Mauer hinter der Mauer
Die Botschaft ist das Medium
Von der Demokratie zur Medio-kratie
Selbstorganisation
Die Lösung ist das Problem. Oder ist das Problem die Lösung?
Der Umgang mit den Wahlmöglichkeiten
Der richtige Umgang mit den Wahlmöglichkeiten
Abwägungen
Aus Schnittstellen lernen

KAPITEL 2: EINE VORSTELLUNG VON DER ZUKUNFT

Kognitive Energie
Falsche Vermutungen
Netzwerke kognitiver Energie
Unebenheiten und Schlaglöcher
Die Universität des Zweifels
Interaktives Lernen
Die Begleichung der Rechnung
Ein Weckruf
Konsum und Interaktion
Unerwartete Gelegenheiten

NACHWORT: UMBRUCH VERLANGT UMDENKEN

LITERATURHINWEISE

PERSONENREGISTER

ÜBER DEN AUTOR




Vorwort zur deutschen Ausgabe

Unsere Welt ist in Unordnung geraten. Die Arbeitslosigkeit ist eine
große Belastung für alle. Sozialleistungen werden weiter drastisch
gekürzt. Das Universitätssystem befindet sich im Umbruch. Politik,
Wirtschaft und Arbeitswelt durchlaufen Veränderungen, die sich nicht
nach dem gewohnten ordentlichen Muster des sogenannten Fortschritts
richten. Gleichwohl verfolgen Politiker aller Couleur politische
Programme, die mit den eigentlichen Problemen und Herausforderungen
in Deutschland (und in Europa) nicht das Geringste zu tun haben. Das
vorliegende Buch möchte sich diesen Herausforderungen widmen, aus
einer Perspektive, die die Zwangsläufigkeit dieser Entwicklung betont.

Wenn man eine Hypothese vorstellt, benötigt man ein geeignetes
Prüffeld. In meinen Augen ist Deutschland am besten dafür geeignet.
In keinem anderen Land der Welt läßt sich die Dramatik des Umbruchs
so unmittelbar verfolgen wie hier. In Deutschland treffen die Kräfte
und Werte, die zu den großen historischen Errungenschaften und den
katastrophalen historischen Fehlleistungen dieses Landes geführt
haben, mit den neuen Kräften und Werten, die das Gesicht der Welt
verändern, gewissermaßen in Reinform zusammen.

An Ordnung, Disziplin und Fortschritt gewöhnt, beklagen die Bürger
heute eine allgegenwärtige lähmende Bürokratie, die von Regierung und
Verwaltung ausgeht. Früher galt das, verbunden mit dem Namen
Bismarcks, als gute deutsche Tugend, eine der vielen
Qualitätsmaschinen „Made in Germany“. Im Verlauf der Zeit aber wurde
der Bürger abhängig von ihr und konnte sich nicht vorstellen, jemals
ohne sie auszukommen. Die Mehrheit schreckt vor Alternativen zurück
und möchte nicht einmal über sie nachdenken. Geprägt von Technik und
Qualitätsarbeit ist die Vorstellung, daß das Industriezeitalter
seinem Ende entgegengeht, den meisten eine Schreckensvision. Sie
würden eher ihre Schrebergärten hergeben als die digitale Autobahn zu
akzeptieren, die doch die Staus auf ihren richtigen Autobahnen zu den
Hauptverkehrszeiten abbauen könnte--ich betone das „könnte“. Noch
immer lebt es sich gut durch den Export eines technischen und
wissenschaftlichen Know-how, dessen Glanzzeit allerdings vorüber ist.

Als ein hochzivilisiertes Land ist Deutschland fest entschlossen, den
barbarischen Teil seiner Vergangenheit hinter sich zu lassen. Der
Klarheit halber sei gesagt, was ich unter barbarisch verstehe:
Hitler-Deutschland verdient keinen anderen Namen, ebensowenig wie
alle anderen Äußerungen von Aggression, Antisemitismus und Rassismus,
die noch immer nicht der Vergangenheit angehören. Aber bis heute hat
man nicht verstanden, daß eben jene pragmatische Struktur, die die
industrielle Kraft Deutschlands begründete, auch die destruktiven
Kräfte begünstigte. (Man denke nur an die Technologieexporte, die
die wahnsinnigen Führer ölreicher Länder erst jüngst in die Hände
bekommen haben.) Das wiedervereinigte Deutschland ist bereit, in
einer Welt mit globalen Aufgaben und globalen Problemen Verantwortung
zu übernehmen. Es setzt sich unter anderem für den Schutz des
tropischen Regenwaldes ein und zahlt für Werte--den Schutz der
Umwelt--statt für Produkte. Aber die politischen Führer Deutschlands
und mit ihnen große Teile der Bevölkerung haben noch nicht begriffen,
daß der Osten des Landes nicht unbedingt ein Duplikat des Westens
werden muß, damit beide Teile zusammenpassen. Differenz, d. h.
Andersartigkeit, ist eine Qualität, die sich in Deutschland keiner
großen Wertschätzung erfreut. Verlorene Chancen sind der Preis, den
Deutschland für diese preußische Tugend der Gleichmacherei bezahlen
muß.

Die englische Originalfassung dieses Buches wurde 1997 auf der
Leipziger Buchmesse vorgestellt und in der Folge von der Kritik
wohlwollend aufgenommen. Dank der großzügigen Unterstützung durch
die Mittelsten-Scheid Stiftung Wuppertal und die Alfred und Cläre
Pott Stiftung Essen, für die ich an dieser Stelle noch einmal Dank
sage, konnte dann Anfang 1998 die Realisierung des von Beginn an
bestehenden Plans einer deutschsprachigen Ausgabe konkret ins Auge
gefaßt werden. Und nachdem Prof. Dr. Norbert Greiner, bei dem ich
mich hier ebenfalls herzlich bedanken möchte, für die Übersetzung
gewonnen war, konnte zügig an die Erarbeitung einer gegenüber der
englischen Ausgabe deutlich komprimierten und stärker auf den
deutschsprachigen Diskussionskontext zugeschnittenen deutschen
Ausgabe gegangen werden. Einige Kapitel der Originalausgabe sind in
der deutschsprachigen Edition entfallen, andere wurden stark
überarbeitet. Entfallen sind vor allem solche Kapitel, die sich in
ihren inhaltlichen Bezügen einem deutschen Leser nicht unmittelbar
erschließen würden. Ein Nachwort, das sich ausschließlich an die
deutschen Leser wendet, wurde ergänzt.

Die deutsche Fassung ist also eigentlich ein anderes Buch. Wer das
Thema erweitern und vertiefen möchte, ist selbstverständich
eingeladen, auf die englische Version zurückzugreifen, in die 15
Jahre intensiver Forschung, Beobachtung und Erfahrung mit der neuen
Technologie und der amerikanischen Kultur eingegangen sind. Ein
Vorzug der kompakten deutschen Version liegt darin, daß die jüngsten
Entwicklungen--die so schnell vergessen sein werden wie alle anderen
Tagesthemen--„Fortsetzungen“ meiner Argumente darstellen und sie
gewissermaßen kommentieren. Sie haben wenig miteinander zu tun und
sind dennoch in den folgenden Kapiteln antizipiert: Guildos Auftritt
beim Grand Prix d’Eurovision (liebt er uns eigentlich immer noch, und
warum ist das so wichtig?), die enttäuschende Leistung der deutschen
Nationalmannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft (standen sich im
Endspiel Brasilien und Frankreich oder Nike und Adidas gegenüber?),
die Asienkrise, das Ergebnis der Bundestagswahlen, der Euro, neue
Entwicklungen in Wissenschaft und Technologie, die jüngsten
Arbeitslosenzahlen, die Ökosteuer und vieles mehr. Wer sich der Mühe
einer gründlichen Lektüre des vorliegenden Buches unterzieht, wird
sich auf diese Entwicklungen einen eigenen Reim machen können, sehr
viel besser als die Mediengurus, die uns das Denken abnehmen wollen.
Zumindest wird er über die wortreichen Artikel halbgebildeter
Akademiker und opportunistischer Journalisten schmunzeln, die allzeit
bereit sind, anderen zu erklären, was sie selbst nicht verstehen.

Wie in der englischen Version möchte ich auch meine deutschen Leser
einladen, mit mir in Kontakt zu treten und mir ihre kritischen
Kommentare oder Fragen per e-mail zukommen zu lassen: nadin@acm.org.
Im Einklang mit dem Ziel des Buches, für die Kommunikation jenseits
der Schriftkultur das schriftkulturelle Eins-zu-Viele-Verhältnis
(Autor:Leser) zu überwinden, wird für dieses Buch im World Wide Web
ein Forum eingerichtet. Die Zukunft gehört der Interaktion zwischen
Vielen.

Wuppertal, im November 1998

Mihai Nadin





Einleitung

Schriftkultur in einer sich wandelnden Welt

Alternativen


Wenn wir uns mit der Sprache befassen, befassen wir uns mit uns
selbst, als Person und als Gattung. Wir sehen uns heute vielen
Bedrohungen ausgesetzt--Terrorismus, AIDS, Armut, Rassismus, große
Flüchtlingsströme--, aber eine dieser ernsthaften Bedrohungen scheint
am leichtesten zu ertragen zu sein: Schriftlosigkeit und
schriftkulturelle Unbildung. Dieses Buch verkündet das Ende der
Schriftkultur und versucht, die unglaublichen Kräfte zu erklären, die
die beunruhigenden Veränderungen in unserer Welt vorantreiben. Das
Ende der Schriftkultur--also die Kluft zwischen einem noch gar nicht
so weit zurückliegenden Gestern und einem aufregenden, aber auch
verwirrenden Morgen--zu verstehen, ist offensichtlich schwerer, als
mit ihm zu leben. Die Tatsache des Umbruchs nicht anerkennen zu
wollen, erleichtert das Verstehen nicht gerade. Wir sehen alle, daß
die schriftkulturelle Sprache nicht so funktioniert, wie sie nach
Meinung unserer Lehrer eigentlich funktionieren sollte, und wir
fragen uns, was wir dagegen tun können. Eltern glauben, daß bessere
Schulen mit besseren Lehrern Abhilfe schaffen könnten. Die Lehrer
schieben die Schuld auf die Familie und fordern höhere Ausgaben im
Bildungssektor. Professoren klagen über schlechte Motivation und
Vorbildung der Studienanfänger. Verleger suchen angesichts der neuen,
miteinander konkurrierenden Ausdrucks- und Kommunikationsformen nach
neuen Verlagsstrategien. Juristen, Journalisten, Berufssoldaten und
Politiker zeigen sich über die Rolle und die Funktion der Sprache in
der Gesellschaft besorgt. Vermutlich sind sie jedoch eher besorgt um
ihre eigene Rolle und die Funktion der von ihnen repräsentierten
Institutionen in der Gesellschaft und setzen alles daran, die
Strukturen einer Lebenspraxis zu festigen, die nicht nur die
Schriftkultur, sondern vor allem ihre eigene Machtposition und ihren
Einfluß stärken. Die wenigen, die daran glauben, daß die
Schriftkultur nicht nur Fertigkeiten, sondern auch Ideale und Werte
vermittelt, sehen gar unsere Zivilisation auf dem Spiel stehen und
fürchten angesichts der abnehmenden traditionellen Bildungsstandards
das Schlimmste. Niemand redet von Zukunftschancen und ungeahnten
Möglichkeiten.

Über das Beschreiben der Symptome kommt man dabei nicht hinaus:
Abnahme der allgemeinen Lese- und Schreibfähigkeit (in den USA
erreicht die sogenannte

functional illiteracy fast 50%); eine alarmierende Zunahme
vorgefertigter Sprachhülsen (Sprachklischees, vorgefertigte
Mitteilungen); die verbreitete Vorliebe für visuelle Medien anstelle
der Sprache (besonders Fernsehen und Video). Neben der Forschung zu
diesen Fragen gibt es massive öffentliche Kampagnen zur Stärkung
aller möglichen schriftkulturellen Unternehmungen: Unterricht für
Analphabeten, zusätzlicher Sprachunterricht auf allen Ebenen und
Öffentlichkeitsarbeit, die für dieses Problem sensibilisieren soll.
Was immer diese Aktionen bewirken mögen, sie helfen nicht zu
verstehen, daß es sich bei alldem um eine zwangsläufige Entwicklung
handelt. Die historischen und systematischen Aspekte der
Schriftkultur und der zurückgehenden Sprachkenntnisse bleiben
unbeachtet.

Mein Interesse an diesen Fragen ist durch zwei persönliche Umstände
geweckt worden: Zum einen bin ich in einer osteuropäischen Kultur
aufgewachsen, die trotzig an den strengen Strukturen der
Schriftkultur festhielt. Zum andern habe ich den anderen Teil meines
bisherigen Lebens dem Bereich gewidmet, den man heute die neuen
Technologien nennt. Ich kam schließlich in die Vereinigten Staaten,
in ein Land mit unstrukturierter und brüchiger Schriftkultur und
unglaublicher, zukunftsgerichteter Dynamik. Ich lebte mit denen
zusammen, die unter den Folgen eines schlechten Bildungssystems zu
leiden hatten und denen gleichzeitig diese neuen Möglichkeiten
offenstanden. Die meisten von ihnen hatten keinerlei Kontakt zu dem,
was an Schulen und Universitäten vor sich ging. Das war der Anlaß
für mich, wie für viele andere auch, über Alternativen nachzudenken.

Alles, was die Menschen in meiner neuen Lebensumgebung
taten--Einkaufen, Arbeiten, Spiel und Sport, Reisen, Kirchgang und
selbst die Liebe--, geschah mit einem Gefühl der Unmittelbarkeit.
Als Anbeter des Augenblicks standen meine neuen Landsleute in
scharfem Kontrast zu den Menschen des europäischen Kontinents, von
denen ich kam und deren Ziel in der Dauerhaftigkeit liegt--ihrer
Familie, ihrer Arbeit, ihrer Werte, ihrer Arbeitsmittel, ihres Zu
Hauses, ihrer Heimat, ihrer Autos und ihrer Häuser. In den USA ist
alles gegenwärtig. An Fernsehsendungen und Werbung ist das sofort zu
erkennen. Aber auch die Lebensdauer von Büchern wird bestimmt von
den Bestsellerlisten. Der Markt feiert heute den Erfolg eines
Unternehmens, das es morgen nicht mehr gibt. Alle anderen, wichtigen
und alltäglichen, Ereignisse des Lebens, alle Modetrends, die
Produkte der Popkultur, überhaupt alle Produkte sind dieser Fixierung
auf den Augenblick unterworfen. Sprache und Schriftkultur können
sich diesem Prinzip des Wandels nicht entziehen. Als
Universitätsprofessor stand ich an der Front, an der der Kampf um die
Schriftkultur ausgetragen wurde. Hier begriff ich, daß bessere
Studienpläne, besser bezahlte Dozenten und bessere und billigere
Lehrbücher zwar einiges bewirken könnten, aber letztlich an der
Misere nichts ändern würden.

Der Niedergang der Schriftkultur ist ein allumfassendes Phänomen, das
sich nicht auf die Qualität des Bildungssystems, auf die
Wirtschaftskraft eines Landes, auf den Status sozialer, ethnischer
oder religiöser Gruppen, auf das politische System oder auf die
Kulturgeschichte reduzieren läßt. Es gab menschliches Leben vor der
Schriftkultur, und es wird es jenseits von ihr geben. Es hat im
übrigen bereits begonnen. Wir sollten nicht vergessen, daß die
Schriftkultur eine relativ junge Errungenschaft der Menschen ist. 99%
der Menschheitsgeschichte liegen vor der Schriftkultur. Ich
bezweifele, daß historische Kontinuität eine Voraussetzung der
Schriftkultur ist. Wenn wir indessen begreifen, was das Ende der
Schriftkultur in seinen praktischen Auswirkungen bedeutet, können wir
die Klagen vergessen und uns aktiv auf eine Zukunft einrichten, von
der alle nur profitieren können. Wenn wir etwas genauere
Vorstellungen von dem entwickeln würden, was sich am Horizont
abzuzeichnen beginnt, könnten wir vor allem ein besseres,
effektiveres Bildungssystem entwerfen. Wir wüßten dann auch, was die
einzelnen Menschen brauchen, um sich in ihrer Mannigfaltigkeit in
dieser Welt erfolgreich zurechtzufinden. Verbesserte menschliche
Interaktion, für die es mittlerweile ausreichende technologische
Möglichkeiten gibt, sollte dabei im Mittelpunkt stehen.

Es liegt natürlich eine gewisse Ironie in dem Umstand, daß jede
Veröffentlichung über die Möglichkeiten jenseits der Schriftkultur
ausgerechnet denen, um die es uns dabei besonders geht, nicht
zugänglich ist. Von den vielen Millionen derer, die im Internet
aktiv sind, lesen die meisten höchstens einen aus drei Sätzen
bestehenden Absatz. Die Aufmerksamkeitsspanne von Studierenden ist
nicht wesentlich kürzer als die ihrer Dozenten: eine Druckseite.
Gesetzgeber und Bürokraten verlassen sich bei längeren Texten auf die
Zusammenfassungen ihrer Mitarbeiter. Ein halbminütiger
Fernsehbericht übt größeren Einfluß aus als ein ausführlicher
vierspaltiger Leitartikel. Eine weitere Ironie liegt natürlich darin,
daß das vorliegende Buch Argumente vorstellt, die in ihrer logischen
Abfolge von den Konventionen des Schreibens und Lesens abhängen. Als
Medium der Konstituierung und Interpretation von Geschichte
beeinflußt die Schrift natürlich Art und Inhalt unseres Denkens.

Ich will daher vorausschicken, gewissermaßen um mir selbst Mut zu
machen, daß das Ende der Schriftkultur nicht gleichbedeutend mit
ihrem völligen Verschwinden ist. Die Wissenschaft von der
Schriftkultur wird eine neue Disziplin, so wie Sanskrit oder
Klassische Philologie eine sind. Für andere wird sie ein Beruf
bleiben, wie sie es jetzt schon für Herausgeber, Korrektoren und
Schriftsteller ist. Für die Mehrheit wird sie fortbestehen als eine
von vielen Spezialsprachen und Bildungsformen, als eine von vielen
Literalitäten, die uns den Gebrauch und die Integration der neuen
Medien und der neuen Kommunikations- und Interpretationsformen
erleichtern. Der Utopist in mir sagt, daß wir die Schriftkultur neu
erfinden und damit retten werden, denn sie hat eine entscheidende
Rolle bei der Entwicklung zur neuen Zivilisation gespielt. Der
Realist in mir erkennt, daß neue Zeiten und neue Herausforderungen,
um ihre Komplexität in den Griff zu bekommen, neue Mittel erfordern.
Unser Widerwillen, den Umbruch zu akzeptieren, wird ihn nicht
verhindern. Er wird uns nur daran hindern, ihn mit zu gestalten und
das Beste daraus zu machen.

Das vorliegende Buch möchte keine Schöne Neue Welt verkünden, in der
die Menschen zwar weniger wissen, aber doch alles das wissen, was sie
im Bedarfsfall wissen müssen. Es handelt auch nicht von Menschen,
die--oberflächlich, mittelmäßig und extrem
wettbewerbsorientiert--sich leicht auf Veränderung einstellen. Es
beschäftigt sich vielmehr mit der Sprache und mit Bereichen, die von
ihr wesentlich erfaßt sind: Politik, Bildung, Markt, Krieg, Sport und
vieles mehr. Es ist ein Buch über das Leben, das wir den Wörtern
beim Sprechen, Schreiben und Lesen verleihen. Wir geben aber auch
Bildern, Tönen, Zeichengebilden, Multimedien und virtuellen
Realitäten Leben, wenn wir uns in neue Interaktionsformen einbinden.
Die Grenzen der Schriftkultur in praktischen Tätigkeiten zu
überschreiten, für deren Ausführung die Schriftkultur keine
ausreichenden Mittel zur Verfügung stellen kann, heißt letztlich, in
eine neue Zivilisationsphase hineinzuwachsen. Jenseits der
Schriftkultur? Zunächst möchte ich meinen methodischen Ansatz
darlegen. Die Sprache erfaßt den Menschen in allen seinen Aspekten:
den biologischen Anlagen, seinem Raum- und Zeitverständnis, seinen
kognitiven und manuellen Fähigkeiten, seinem Gefühlshaushalt, seiner
Empfindungskraft, seiner Gesellschaftlichkeit und seinem Hang zur
politischen Organisation des Lebens. Am deutlichsten aber tritt
unser Verhältnis zur Sprache in der Lebenspraxis zutage. Unsere
beständige Selbstkonstituierung durch das, was wir tun, warum wir es
tun und wie wir es tun--unsere Lebenspraxis also--vollzieht sich
mittels der Sprache, ist aber nicht darauf zu reduzieren. Die hier
verwendete pragmatische Perspektive greift auf Charles Sanders Peirce
zurück. Die semiotischen Implikationen meiner Überlegungen beziehen
sich auf sein Werk. Er verfolgt die Frage, wie Wissen zu gemeinsamem
Wissen wird: nur über die Träger unseres Wissens--alle von uns
gebildeten Zeichenträger--können wir ermitteln, wie die Ergebnisse
unseres Denkens in unsere Handlungen und Theorien eingehen.

Die Sprache und die Bildung und Formulierung von Gedanken ist allein
dem Menschen eigen. Sie machen einen wesentlichen Teil der
kognitiven Dimension seiner Lebenspraxis aus. Wir scheinen über die
Sprache so zu verfügen wie über unsere Sinne. Aber hinter der
Sprache steht ein langer Prozeß der menschlichen Selbstkonstituierung,
der die Sprache erst möglich und schließlich notwendig machte.
Dieser Prozeß bot letztendlich auch die Mittel, uns in dem Maße als
schriftkulturell gebildet zu konstituieren, wie es die jeweiligen
Lebensumstände erforderten. Es sieht nur so aus, als sei die Sprache
ein nützliches Instrument; in Wirklichkeit ergibt sie sich aus
unserem lebenspraktischen Zusammenhang. Wir können einen Hammer oder
einen Computer benutzen, aber wir sind unsere Sprache. Und die
Erfahrung der Sprache erstreckt sich auf die Erfahrung der ihr
eigenen Logik und der von ihr und der Schriftkultur geschaffenen
Institutionen. Diese wiederum beeinflussen rückwirkend unser
Dasein--das, was wir denken, was wir tun und warum wir es tun; so wie
auch alle Werkzeuge, Geräte und Maschinen und alle Menschen, zu denen
wir in Beziehung treten, unser Dasein beeinflussen. Die Interaktion
mit anderen Menschen, mit der Natur oder mit Gegenständen, die wir
geschaffen haben, beeinflussen alle auf ihre Weise die praktische
Selbstkonstituierung unserer Identität.

Die schriftkulturelle Verwendung von Sprache hat unsere kognitiven
Fähigkeiten entscheidend erweitert. Vieles unterliegt dieser
schriftkulturellen Praxis: Tradition, Kultur, Gedanken und Gefühle,
Literatur, die Herausbildung politischer, wissenschaftlicher und
künstlerischer Projekte, Moral und Ethik, Justiz. Ich verwende einen
weiten Begriff von Schriftkultur, der ihre vielen über die Zeit
herausgebildeten Facetten abdecken soll. Wer daran Anstoß nimmt,
sollte sich die enormen Wirkungsbereiche der Schriftlichkeit in
unserer Kultur vor Augen halten. Das Gegenteil dieses Begriffs ist
fast immer mit negativen Konnotationen belastet--nicht
schriftkulturell gebildet zu sein, gilt als schädlich oder peinlich.
Wir können also, ohne unsere Werte und Denkweisen genauer zu
verstehen, auch nicht nachvollziehen, wie sich der Weg in die
"Schriftkulturlosigkeit" als Fortschritt begreifen läßt. Viele
Menschen empfinden sich als Teil einer post-schriftkulturellen
Gesellschaft, möchten sich aber nicht als ungebildet bezeichnen
lassen. [Im übrigen ist hier mit Blick auf die deutsche Ausgabe ein
klärendes Wort zur Begrifflichkeit angezeigt. Im Englischen ist zur
Benennung der hier verhandelten Problemstellungen das Begriffspaar
literacy und illiteracy (bzw. literate/illiterate) gebräuchlich, für
das es im Deutschen kein Äquivalent gibt. literacy/literate kann
deutsch "Schriftkultur/schriftkulturell", "Schriftlichkeit
(Schrift)/schriftlich", "Bildung/gebildet", bzw. illiteracy neben
"Unbildung" auch noch "Analphabetismus" bedeuten. Auch
"Literalität/Illiteralität" ist keineswegs deckungsgleich. Je nach
Kontext bezeichnet der englische Begriff einen dieser Aspekte oder
den gesamten Bedeutungsumfang. In der deutschen Fassung mußte daher
aus Gründen der Präzisierung auf Umschreibungen oder
Wortkombinationen zurückgegriffen werden. Ein ähnliches Problem
stellt sich bei der Übersetzung für den englischen Begriff mind, an
dessen Bedeutungsumfang man sich je nach Kontext mit "Bewußtsein"
oder "Geist" annähern kann, der nach Auffassung des Verfassers aber
als deutsch "Mind" wiedergegeben werden sollte. Anm. d. Übers.]

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