Der Streit Ueber Die Tragoedie
T >>
Theodor Lipps >> Der Streit Ueber Die Tragoedie
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 | 6
Versöhnbarer,--das heißt nach oben Gesagtem: fähiger, in den Genuß, den
die Tragödie gewähren will, sich aufzulösen, nicht um zu verschwinden,
sondern um darin fortzuleben als das Moment des Ernstes und heiligen
Schauers, das diesem Genusse vor anderen eignet.--Dürfen wir, so kann
jetzt gefragt werden, diesen Genuß noch mit dem Namen nennen, den wir der
tragischen Empfindung auf ihrer ersten Stufe zugestehen mußten? Ist der
tragische Genuß, wie wir ihn jetzt kennen gelernt haben, noch bloßes
Mitleid? Man kann gewiß den Sinn des Wortes Mitleid so umfassend nehmen.
Sicher ist, daß wir uns von dem, was wir damals zunächst so nannten, weit
entfernt haben. Mitleid war uns das schmerzlich freudige Bewußtsein vom
Werte eines Lebendigen, das leidet, abgesehen noch von dem specifischen,
im höchsten Maße sittlichen Werte, den ein Leidender und sein Leiden
gewinnt, indem sich in ihm in bestimmter Art das Gute als innerlich
siegende Macht erweist. Jetzt sehen wir eben in diesem Werte den
besonderen Gegenstand des Genusses. Damit erhebt sich der Genuß an der
Tragödie über das Gefühl des Mitleids gegenüber einem beliebigen
tragischen Objekt so hoch, als sich dieser specifische Wertinhalt erhebt
über das bloße Dasein eines Lebendigen. Es ist beide Male Empfindung von
derselben Art; nur hier, bei der Tragödie, wie es in der Natur des Dramas
liegt, in Fluß gebracht, potenziert und in einem Punkte von höchster
Bedeutung zusammengefaßt.
DER UNTERGANG DES HELDEN.
Indessen wir sind mit dem Bilde des Genusses, den die Tragödie gewähren
will, noch nicht völlig zum Abschluß gelangt. Wir haben schließlich noch
im Ganzen die Frage zu stellen, auf die wir gelegentlich und im Einzelnen
schon eine Antwort gaben. Wozu der Tod des tragischen Helden?
Warum muß ANTIGONE sterben? Weil sie nur angesichts des Todes die volle
Macht ihrer Bruderliebe an den Tag legen kann, und die Drohung KREONs
nicht etwa nachträglich als Scherz sich erweisen darf. Warum ROMEO? Weil
nur der _tödliche_ Schmerz die Macht seiner Leidenschaft voll offenbaren
kann. Warum endlich RICHARD III.? Daß sein Untergang notwendig ist, wenn
der Triumph RICHMONDs ein vollkommener, die Herrschaft besserer Zeiten,
die mit ihm anbricht, unzweifelhaft sein soll, kommt für die Tragik in
RICHARD nicht in Betracht. Wohl aber dies, daß auch er, so wie er einmal
ist, und nach solchen Zunichtewerden seines ganzen Wollens nicht weiter
leben kann. Darum stirbt er zwar keineswegs resigniert, aber er stürzt
sich in den Kampf, um zu siegen _oder_ unterzugehen.
Soweit erscheint der Tod in verschiedenen Tragödien verschieden
begründet. Es lassen sich aber zugleich die verschiedenen Gründe in einen
zusammenfassen. Der tragische Konflikt ist unlösbar und wir haben
gesehen, warum er es sein muß. Ebendarum, muß er _abgeschnitten_ werden.
Die Endlosigkeit des Konfliktes und Leidens würde wiederum die
Versöhnung, nämlich die Versöhnung unseres Gefühles mit sich selbst,
aufheben. Das endlose Leiden wäre nicht tragisch, sondern entsetzlich.
Aus diesem Grunde ist der Tod notwendig, nicht für den Helden, sondern
für uns, nicht objektiv, sondern für unser Empfinden.
Zugleich ist durch den Tod alles unnötige und dem Kunstwerk
widersprechende Fragen abgeschnitten: Was würde aus RICHARD, wenn er
weiter lebte? Was _wird_ aus ihm oder ANTIGONE in irgend welchem
Jenseits?--Im Kunstwerk ist es zu Ende; und wir haben nicht das Kunstwerk
auf unsere Kosten weiterzudichten. Nicht vorwärts soll unser Blick gehen,
über das Kunstwerk hinaus, in das Gebiet unserer Reflexionen, sondern
haften soll er und nach rückwärts gehen.
Das kann er aber jetzt in _besonderer_ Weise. Der Tod ist das Ende des
Leidens, auch in dem Sinne, daß mit ihm erst die Wirkung des Leidens auf
_uns_ sich abschließt und vollendet. Der Freund, der leidet, erscheint
uns liebens- und achtungswerter. Er erscheint uns in dem _ganzen_ Wert,
den er für uns hatte, wenn er uns entrissen ist. So auch tritt uns die
ganze Erhabenheit und Schönheit der ANTIGONE ins Bewußtsein, wenn sie
dahingegangen ist. Wir wissen, was sie war, wenn sie nicht mehr ist. Und
ebenso wird bei RICHARD III., was an ihm Wertvolles war und in seinem
Leiden zu Tage getreten ist, erst mit seinem Tod uns völlig gegenwärtig.
Der Tod wirkt verklärend, nicht objektiv, sondern in unseren Augen, nicht
den Helden, sondern sein Bild verklärend.
Und er wirkt zugleich andererseits mildernd, reinigend. Solange ANTIGONE
lebte, war sie verflochten in den Streit der Leidenschaften; und in ihm
mochte sie gelegentlich herb und verletzend erscheinen. Solche Gedanken
treten zurück angesichts des Todes. So lange RICHARD III. lebte, haftete
unser Blick an dem Schrecklichen, was sein Wollen und Thun als solches
für uns hatte und haben mußte. Dies einzelne Wollen und Thun
verschwindet, wie alles Einzelne, angesichts des Todes. Der Tod öffnet
die Augen für das Ganze der Persönlichkeit, für das, was sie im Ganzen w
a r. Und da sehen wir auch das Gute und berechtigt Menschliche, was
selbst dem verletzenden oder schrecklichen einzelnen Wollen und Thun zu
Grunde lag. Es ist wiederum keine objektiv, sondern eine subjektiv
reinigende, ich meine eine unsere Betrachtung, unser Bild des Helden
reinigende Wirkung, von der ich hier spreche.
SCHLUSS.
In dieser reinigenden und jener verklärenden Wirkung des Todes vollendet
sich endlich der Sinn und Zweck der Tragödie. Nach dem Gesagten ist der
Tod, der physische Untergang, nichts weniger, als dasjenige, was den
eigentlichen Sinn der Tragödie macht; sosehr auch die Meinung in Geltung
sein mag. Er ist vielmehr ein durchaus sekundäres, dienendes, immerhin um
des Zweckes willen notwendiges Moment. Dieser Zweck der Tragödie ist
aber, um nun unser Ergebnis noch einmal in Eines zusammenzufassen, kein
anderer als der, _uns die Macht des Guten in einer Persönlichkeit
genießen zu lassen, wie sie im Leiden zu Tage tritt und gegen Übel und
Böses sich bethätigt, uns von dem Werte dieses Guten den denkbar tiefsten
und reinsten Eindruck zu geben, einen Eindruck, der nicht, wie so oft im
Leben, getrübt ist durch den Gedanken an uns selbst, an äußeren Erfolg,
an Lohn und Strafe, der im Gegensatz zu allem Haften am Einzelnen und an
der Oberfläche des Geschehens und Thuns dem Ganzen der Persönlichkeit und
ihrem innersten Wesen gerecht wird. Die Tragödie fordert dafür nichts,
als daß wir uns ihr ganz hingeben und nichts Fremdes einmischen, daß wir
vor allem nicht in unseren Reflexionen und Theorien statt im Kunstwerk
unsere Befriedigung suchen.
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 | 6