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Komik und Humor

T >> Theodor Lipps >> Komik und Humor

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Dieser Widerspruch nun löst sich nur, wenn wir jene "einander fremden
Vorstellungen" so interpretieren, dass wir darunter jedesmal einerseits
das, was die Worte meinen, andererseits die Worte selbst verstehen. Denn
die Worte allerdings sind beim Witze jederzeit dem, was sie meinen, in
gewissem Sinne fremd, in dem eben bezeichneten Sinne nämlich, dass sie
nach gemeiner Denk- und Ausdrucksweise das Gemeinte eigentlich nicht
scheinen bezeichnen zu können. Dies gilt auch von der von _Fischer_
selbst angeführten witzigen Allerweltsweisheit, das Leben zerfalle in
zwei Hälften, in der ersten wünsche man die zweite herbei, in der zweiten
die erste zurück. Dieser Witz erscheint als ein Spiel mit Worten, und als
solches jeder ernsten Wahrheit, auch derjenigen, die es thatsächlich
verkündigt, fremd.


"VERBLÜFFUNG UND ERLEUCHTUNG" BEIM WITZ.

Die "Erleuchtung", von der hier _Fischer_ spricht, begegnet uns auch
sonst in mannigfachen Wendungen. Ich bleibe dabei noch einen Moment.

Gewiss hat diese Erleuchtung ihr Recht. Es fragt sich nur, was wir unter
der Erleuchtung verstehen, bzw. was darunter verstanden wird, und in
welcher Weise diese Erleuchtung für die Komik verantwortlich gemacht
wird.

Auch für _Groos_ ist, wie wir schon sahen, die Erleuchtung oder die
Erkenntnis der Verkehrtheit, nachdem sie uns verblüfft hat, für die Komik
überhaupt, also auch für die Komik des Witzes wesentlich. Diese
Erkenntnis soll aber wirken, indem sie uns das Gefühl der Überlegenheit
schafft. Zu dieser "Überlegenheit" kehren wir nicht noch einmal zurück.
Sie ist, wie wir gesehen haben, nichts anderes, als der eigentliche
Todfeind aller Komik. Ich erinnere noch einmal daran: Das vollste Gefühl
der Überlegenheit über den Widersinn der witzigen Wendung hat der Pedant.
Und diesem fehlt eben deswegen der Sinn für den Witz.

Dagegen interessiert uns der Gegensatz der Verblüffung und Erleuchtung
bei _Heymans_. Was ich dazu zu bemerken habe, ist in gewisser Weise schon
gesagt. Aber es liegt mir daran, dies schon Gesagte speciell auf den Witz
anzuwenden.

_Heymans_ wählt, um seine Meinung zu illustrieren, unter anderen das
Beispiel des _Heine_'schen "famillionär". Er meint, dasselbe erscheine
zunächst einfach als eine fehlerhafte Wortbildung, als etwas
Unverständliches, Unbegreifliches, Rätselhaftes. Dadurch verblüffe es.
Die Komik ergebe sich aus der Lösung der Verblüffung. Diese bestehe im
Verständnis. Der Prozess der Komik stelle sich also hier nicht, wie es
meiner Theorie zufolge sein müsste, dar als ein Übergang vom Verstehen
zum Nichtmehrverstehen, oder zum Eindruck der Sinnlosigkeit, sondern
vollziehe sich auf dem umgekehrten Weg.

Hier leuchtet in besonderer Weise die Wichtigkeit der auf S. 75[*]
geforderten Unterscheidung ein, nämlich der Unterscheidung zwischen
Verblüffung und Verblüffung oder zwischen Verständnis und Verständnis.
Auch hier wiederum hat _Heymans_ recht mit dem, was er sagt. Aber
wichtiger ist, was er nicht sagt.

[* Im Unterkapitel "VERBLÜFFUNG" UND "VERSTÄNDNIS". Transkriptor.]

Das in einen sinnvollen Zusammenhang hineintretende sprachwidrige Wort
verblüfft als solches. Zugestanden. Aber das Wort "famillionär" verblüfft
ausserdem als dies scheinbar oder in dem Zusammenhang, in dem es
auftritt, wirklich sinnvolle, sogar ausserordentlich sinnvolle Wort. Dies
zweite Stadium der Verblüffung hebt _Heymans_ nicht heraus. Statt dessen
können wir ebensowohl sagen, _Heymans_ hebe das _erste_ Stadium des
_Verständnisses_ oder Erleuchtung nicht heraus. Ich vereinige beides,
indem ich sage, bei _Heymans_ bleibe das mittlere Stadium des ganzen
Prozesses, das verblüffende Verständnis oder die Verblüffung auf Grund
eines Verständnisses unbeachtet oder werde nicht in seiner Bedeutung
gewürdigt.

Dies ist aber eben der für die Komik entscheidende Punkt. Das Wort
"famillionär" bezeichnet, und zwar _vermöge_ seiner Fehlerhaftigkeit in
besonders eindrucksvoller Weise, die Familiärität des "famillionären"
Börsenbarons als die eines aufgeblasenen Millionärs. Niemand kann
zweifeln, dass _Heine_'s Witz witzig ist, nur darum, weil wir einsehen,
oder "verstehen", das Wort solle diese Bedeutung haben, oder genauer,
weil es diese Bedeutung in unseren Augen für einen Moment thatsächlich
hat. Und ebenso gewiss ist _Heine_'s Witz nur witzig, weil dies
Verständnis verblüffend ist, d. h. weil das fehlerhafte Wort, vermöge
dieser seiner einschneidenden Bedeutung, die Aufmerksamkeit zu spannen
vermag.

Dann erst folgt die Lösung. Auch sie besteht in einem Verständnis. Aber,
in einem Verständnis zweiter Stufe. Es ist ein Verständnis, das über
dieses verblüffende Verständnis kommt, oder ein Verständnis, mit dem wir
_hinter_ dieses verblüffende Verständnis kommen; d. h. das Verständnis,
wie dies Verständnis _zu stande_ gekommen ist. Das erste Verständnis ist
ein Verständnis eines Rätsels, nämlich ein Verständnis, worin das Rätsel,
d. h. der _Gegenstand_ des ersten Staunens _besteht_. Es ist die Lösung
eines rätselhaften Staunens, nämlich des ursprünglichen Staunens ohne
jedes Verständnis, worum es sich handle, oder ohne Wahrnehmung der
Pointe. Ebenso ist dies zweite Verständnis das Verständnis eines Rätsels,
nämlich das Verständnis der _Mittel_, wodurch das rätselhafte Verständnis
oder der rätselhafte oder seltsame, aber von uns verstandene Sinn
_entsteht_. Es ist die Lösung eines rätselhaften Staunens, nämlich des
Staunens über diesen _Sinn_ oder des Staunens infolge dieses ersten
_Verständnisses_. Wir fragen nicht mehr: was _will_ das? Wir antworten
auch nicht mehr: Das ist _gemeint_, sondern wir wissen: So ist es
_gemacht_; dies sinnlose Wort hat uns verblüfft und dann den seltsamen
Sinn ergeben. Diese _völlige_ Erleuchtung, d. h. diese Erleuchtung, wie
es _gemacht_ ist, die Einsicht, dass ein nach gemeinem Sprachgebrauch
sinnloses Wort das Ganze verschuldet hat, diese _völlige_ Lösung, d. h.
die _Auflösung_ in _nichts_, erzeugt die Komik.

Diese drei Stadien können, wie bei aller Komik überhaupt, so insbesondere
bei jeder witzigen Komik unterschieden werden. Ich habe sie früher auch
schon als die Stadien der völlig verständnislosen Verblüffung, der
"Sammlung" und der Lösung bezeichnet. Die Sammlung ist nichts Geringeres
als das Finden der "Pointe". Man kann im ersten Stadium stecken bleiben.
Man _hört_ den Witz, aber man _merkt_ ihn nicht; d. h. man hört etwas,
das man nicht versteht, und--staunt. Man kann dann weiterhin auch wohl
bis zur Pointe gelangen, also den Witz merken und doch die Komik nicht
verspüren: Dieser Fall wird immer eintreten, wenn man das Mittel, wodurch
die Pointe, oder das erste Verständnis bewirkt wird, nicht als nichtig,
d. h. als an sich bedeutungslos _anerkennen_ kann. Es ist etwa
verletzend, taktlos, geschmacklos. Hier bleibt die Spannung, die das
Verständnis der Pointe erzeugte, bestehen, nicht als Spannung durch dies
Verständnis, aber als Spannung durch den Eindruck des Verletzenden,
Taktlosen, Geschmacklosen. Nur wenn zur Auflösung des unverstandenen
Rätsels durch das Verständnis der Pointe diese völlige Lösung tritt,
entsteht die Komik oder wirkt der Witz witzig.

Ich erinnere auch noch an andere Beispiele, die _Heymans_ anführt, etwa
das Menschensuchen des _Diogenes_ oder den Druckfehlerteufel, der mir
vorspiegelt, ein Autor wolle statt der Richtigkeit die Nichtigkeit seiner
Behauptung beweisen. Auch _Diogenes_' Verhalten ist zunächst einfach
verblüffend, es ist aber dann vor allein durch seinen _Sinn_
"verblüffend", oder wir sind durch das "Verständnis" desselben,
"verblüfft". Endlich "verstehen" wir, dass eine logisch widersinnige
Handlung diese Verblüffung oder diesen von uns wohl "verstandenen" Sinn
hervorgebracht hat. Ebenso sind wir dem Druckfehler gegenüber zunächst
einfach verblüfft, dann sehen wir, welche merkwürdige Absicht der Autor
den schwarz auf weiss vor uns stehenden Worten zufolge hat, schliesslich
wissen wir, dass ein einfacher Druckfehler, also die bedeutungsloseste
Sache von der Welt, uns diese verblüffende Absicht vorspiegelt.

Speciell von einem Witze _Saphirs_ meint _Heyman_ schliesslich, es werde
bei ihm keineswegs eine witzige Äusserung oder Handlung nachher als
nichtig erkannt. Damit hat _Heymans_ wiederum in gewisser Weise recht.
Aber _Heymans_ übersieht, das ich deutlich die beiden Fälle unterschieden
habe: Dass die witzige Äusserung oder Handlung bedeutungsvoll _scheine_
und als nichtig _erkannt_ werde, und dass sie als bedeutungsvoll
_erkannt_ werde und nichtig _scheine_. Auch im letzteren Falle ist sie
für uns, d. h. für unseren Eindruck oder hinsichtlich ihrer
psychologischen Wirkung nichtig. Und auf diese psychologische Nichtigkeit
kommt es ja einzig an.

"Wenn _Saphir_," so sagt _Heymans_, "einem reichen Gläubiger, dem er
einen Besuch abstattet, auf die Frage: Sie kommen wohl um die 300 Gulden,
antwortet: Nein, _Sie_ kommen um die 300 Gulden, so ist eben dasjenige,
was er meint, in einer sprachlich vollkommen korrekten und auch
keineswegs ungewöhnlichen Form ausgedrückt." In der That ist es so: Die
Antwort _Saphirs_ ist _an sich betrachtet_ in schönster Ordnung. Wir
verstehen auch, was er sagen will, nämlich dass er seine Schuld nicht zu
bezahlen beabsichtige. Aber _Saphir_ gebraucht dieselben Worte, die
vorher von seinem Gläubiger gebraucht wurden. Wir können also nicht umhin
sie auch in dem _Sinne_ zu nehmen, in welchem sie von jenem gebraucht
wurden. Und dann hat _Saphirs_ Antwort gar keinen Sinn mehr. Der
Gläubiger "kommt" ja überhaupt nicht. Er kann also auch nicht um die 300
Gulden kommen, d. h. er kann nicht kommen, um 300 Gulden zu bringen.
Zudem hat er als Gläubiger nicht zu bringen sondern zu fordern. Indem die
Worte _Saphirs_ in solcher Weise zugleich als Sinn und als Unsinn erkannt
worden, entsteht die Komik.

Ich meine hiermit, auch was den Witz betrifft, die Gegnerschaft
_Heymans_' zu mir beseitigt zu haben.




VII. KAPITEL. DAS NAIV-KOMISCHE.


DIE THEORIEN.

Objektive und subjektive Komik haben wir bisher unterschieden. Zwischen
beiden steht das Naive als eine Gattung der Komik, die objektiv und
subjektiv zugleich und eben darum von beiden verschieden ist.

Über das Wesen des Naiven ist viel Zutreffendes aber auch mancherlei
Unzutreffendes gesagt worden. Ich erwähne diesmal zunächst _Kräpelin_.
Nach _Kräpelin_ entsteht die Komik des Naiven aus dem Kontrast "zwischen
den natürlichen Regungen und Neigungen einerseits und der Schablone
andrerseits in welche jene durch Erziehung und sociale Reibung gepresst
werden". Das unverkümmerte Hervortreten jener natürlichen Regungen und
Neigungen erzeugt Lust, und diese Lust zusammen mit der Unlust, die aus
der Verletzung der Schablone erwächst, ergiebt die Komik.

Wäre diese Bestimmung genügend, so müsste gar mancherlei naiv-komisch
erscheinen, was es keineswegs ist. So die wohlverdiente und von jedermann
als wohlverdient anerkannte Zurechtweisung, die ich in einer Gesellschaft
in berechtigtem Zorn, zugleich mit bewusster Verletzung der
gesellschaftlichen Form, einem der Anwesenden angedeihen liesse.--Es
fehlt eben bei jener Bestimmung wiederum das eigentlich Wesentliche. Wie
bei der objektiven und subjektiven, so thut auch bei der naiven Komik der
Kontrast nichts zur Sache, es sei denn, dass er sich als Kontrast der
Bedeutsamkeit und Nichtigkeit eines und desselben Vorstellungsinhaltes
darstellt; und wie dort, so ist auch hier das Gefühl der Komik nicht das
Resultat des Zusammentreffens von Lust und Unlust, sondern ein
eigenartiges Gefühl, das eben in diesem Bedeutungskontrast seinen Grund
hat.

Näher als _Kräpelin_ kommt, was das Wesen des Naiven angeht, _Hecker_ dem
wahren Sachverhalt. Er unterscheidet das Pseudonaive und das Naive. Bei
jenem werden "unsere praktischen Ideen von Klugheit und die logischen
Normen beleidigt"; andrerseits ist doch "in der pseudonaiven Äusserung
oder Handlung etwas relativ Wahres, Kluges, Verständiges enthalten,
namentlich, wenn wir uns auf den Standpunkt der beim Redenden naturgemäss
vorhandenen, und daher verzeihlich scheinenden Unkenntnis stellen". Bei
dem Naiven dagegen geht das unangenehme Gefühl "aus der Verletzung irgend
einer praktischen, logischen, oder ideellen Norm" hervor oder es leitet
sich her "aus einem Verstoss gegen unsere Ideen von konventionellem
gesellschaftlichem Anstand". "Immer aber ist es nötig, dass uns in der
naiven Äusserung eine sittliche Unschuld und Reinheit entgegentritt, von
der wir wissen, dass sie die künstlichen Schranken, welche die Etikette
um uns gezogen, nicht kennt, und daher auch nicht zu respektieren
braucht, indem sie einer freieren und höheren Sittlichkeit folgt."

Von diesen beiden Bestimmungen kommt die erstere der Wahrheit sehr nahe,
wenn wir das "_namentlich_" streichen. Nicht nur das "Pseudonaive",
sondern alle echte naive Komik schliesst dies in sich, dass eine
Äusserung oder Handlung wahr, klug, vernünftig, kurz irgendwie positiv
bedeutsam erscheine vom Standpunkte des naiven Subjektes aus, und dann
doch wiederum nicht so erscheine von unserem Standpunkte aus. Die
naiv-komische Handlung oder Äusserung ist also für uns klug und unklug,
oder allgemein gesagt, bedeutungsvoll und nichtig zugleich je nach dem
Standpunkte unserer Betrachtung. Und daraus kann das Gefühl der Komik
sich ergeben. Dagegen müsste es nach dem Wortlaut der _Hecker_'schen
Bestimmung auch naiv-komisch erscheinen, wenn ein Kind ein Rechenexempel
teilweise richtig rechnete, dann aber aus verzeihlicher Unkenntnis einer
Rechenregel einen Fehler beginge.

Ebenso sind in der _Hecker_'schen Erklärung des "_Naiven_" gewisse naive
Momente richtig bezeichnet, wenn wir annehmen, dass die "Unschuld und
Reinheit", die uns in der naiven Äusserung entgegentritt, zugleich die
unlogische, unzweckmäßige, unschickliche Äusserung für den Standpunkt der
naiven Persönlichkeit _rechtfertigt_, d. h. von diesem Standpunkte aus
als eine logische, zweckmäßige, schickliche erscheinen lässt.--Aber
freilich diese Annahme bezeichnet, ebenso wie die obige Korrektur der
Bestimmung des Pseudonaiven das eigentlich Wesentliche der Sache.--Dass
ausserdem die _Hecker_'sche, wie die _Kröpelin_'sche Bestimmung nicht
alle Arten des Naiven umfasst, lasse ich hier noch ausser Betracht.

Dagegen ist mir schon hier der Umstand von Wichtigkeit, dass keiner der
beiden die naive Komik der objektiven und subjektiven Komik als eine neue
Art entgegenstellt. Dies darf aber, wie ich schon angedeutet habe, nicht
unterlassen werden.

Unserer Anschauung zufolge schliesst die naive Komik den Ring der
verschiedenen Möglichkeiten des Komischen. Es fragt sich, welche
Möglichkeit es noch geben könne. Da wir von vornherein wissen, dass naiv
nur menschliche Äusserungen oder Handlungen genannt zu werden pflegen, so
können wir die Frage auch gleich bestimmter stellen und sagen: Wie können
Äusserungen oder Handlungen dazu kommen, Träger einer Komik zu werden,
die nicht objektive Komik noch auch Komik des Witzes ist. Die
Beantwortung dieser Frage wollen wir hier zunächst versuchen. Dabei
müssen wir zuerst das Wesen und den Gegensatz des objektiv Komischen und
des Witzes noch in anderer Weise bezeichnen, als dies schon geschehen
ist. Das Folgende wird also zugleich die früheren Erörterungen über
objektive Komik und Witz noch einen Schritt weiter führen.


DIE DREI ARTEN DER KOMIK.

Das Gefühl der Komik, so können wir das allgemeinste Ergebnis der
bisherigen Untersuchung kurz formulieren, entsteht überall, indem der
Inhalt einer Wahrnehmung, einer Vorstellung, eines Gedankens den Anspruch
auf eine gewisse Erhabenheit macht oder zu machen scheint, und doch
zugleich eben diesen Anspruch nicht machen kann, oder nicht scheint
machen zu können. Die objektiv komische Aussage oder Handlung erhebt aber
den Anspruch der Erhabenheit vermöge des objektiven Zusammenhangs, in dem
sie steht. Sie erhebt ihn, indem sie als Aussage oder Handlung eines
_Menschen_, also eines normalerweise vernünftigen und gesitteten Wesens,
oder indem sie als Erfüllung eines Versprechens, als Resultat grosser
Vorbereitungen erscheint u. s. w. Dagegen erscheint die witzige Aussage
oder Handlung bedeutungsvoll oder erhaben auf Grund eines _subjektiven_
Zusammenhanges, in den sie eintritt. Der Zusammenhang von Wort und Sinn,
Zeichen und Bezeichnetem, der Zusammenhang, wie ihn die Ähnlichkeit von
Worten begründet, der scheinbare logische Zusammenhang von Sätzen, dies
alles sind Zusammenhänge solcher Art. Keiner dieser Zusammenhänge kommt
in der Welt der Wirklichkeit ausser uns vor, keiner betrifft die
objektive Natur der Dinge. Sie alle bestehen nur in dem denkenden
Subjekt. Ähnlichkeit von Worten ist nicht Ähnlichkeit von Dingen; wir nur
leihen den Worten, die selbst nicht Dinge ausser uns sind, ihren Sinn; in
_uns_ nur wirkt der Zwang wirklicher oder scheinbarer Logik.

Der Art, wie, bei der objektiven und subjektiven Komik der Anspruch oder
Schein der Erhabenheit entsteht, entspricht dann auch die Art, wie in
beiden Fällen dieser Anspruch oder Schein zergeht. Die Erhabenheit, die
das objektiv Komische auf Grund des objektiven Vorstellungszusammenhanges
sich anmasst, zergeht auch wieder angesichts eines objektiven
Thatbestandes, oder unserer aus objektiver Erfahrung gewonnenen Regeln
der Beurteilung objektiver Thatbestände. Die Erhabenheit, welche das
subjektiv Komische auf Grund eines nur im denkenden Subjekt bestehenden
Zusammenhanges gewinnt, verschwindet auch wieder angesichts subjektiver
Regeln, d. h. angesichts der Regeln, welche--nicht die Dinge und ihren
Zusammenhang, sondern die Formen unseres Denkens und Urteilens betreffen,
der Regeln des Sprachgebrauchs, des Zusammenhangs zwischen Zeichen und
Bezeichnetem, des Schliessens etc.

Natürlich ist damit nicht ausgeschlossen, dass gelegentlich das durch
subjektive Regeln zu Fall gebrachte Erhabene auch angesichts der
objektiven Wirklichkeit als nichtig erscheine. Mit dem bekannten witzigen
Schlusse: Wer einen guten Trunk thut, schläft gut; wer gut schläft,
sündigt nicht; wer nicht sündigt, kommt in den Himmel; also: wer einen
guten Trunk thut, kommt in den Himmel--mit diesem Schlusse ist es nichts,
einmal sofern er der Logik widerstreitet, zum andern, sofern es sich
schwerlich so verhalten wird wie er glauben machen will. Aber der
letztere Umstand hat mit dem Witze nichts zu thun. Das Spiel mit Worten,
durch das der Schluss zu stande kommt, würde darum, weil es blosses,
unlogisches Spiel ist, trotzdem aber einen Augenblick unser Denken zu
verführen vermag, auch dann als witzig erscheinen, wenn ein guter Trank
zufällig wirklich die Kraft hätte, die ihm der Schluss zuschreibt.
Umgekehrt müsste, wenn die inhaltliche Unrichtigkeit des Schlusses den
Witz machte, jeder formal richtige Schluss, von dem sich herausstellte,
dass er mit der Wirklichkeit in Widerspruch stehe, witzig sein.

Am deutlichsten wird der ganze, hier behauptete Gegensatz zwischen
objektiver und subjektiver Komik in den Fällen, wo _Dasselbe_ als
Gegenstand der objektiven Komik und als Witz erscheint, je nachdem es in
einen objektiven Zusammenhang hineingestellt und an unseren Anschauungen
über objektive Wirklichkeit gemessen, oder nur nach der Bedeutung, die
ihm im denkenden Subjekt zukommt, aufgefasst und beurteilt wird. So wird
eine Verwechslung von Fremdwörtern im Munde eines gebildeten Mannes
objektiv komisch, wenn wir sie im Zusammenhang mit dieser Person
betrachten. Wir erwarten von ihr, auf Grund unserer in der objektiven
Wirklichkeit gemachten Erfahrungen, Sicherheit im Gebrauch von
Fremdwörtern und finden thatsächlich Unsicherheit. Dagegen erscheint
dieselbe Verwechslung als--freiwilliger oder unfreiwilliger--Witz, wenn
wir dem aus der Verwechslung entspringenden Unsinn einen gemeinten oder
nicht gemeinten Sinn zuschreiben und auch wiederum absprechen. Dort ist
der ganze Gegensatz, auf dem die Komik beruht, der objektive des Könnens
und Nichtkönnens, hier der lediglich subjektive von Sinn und Unsinn.

So kann jede sinnlose, sprachwidrige, unlogische Äusserung beurteilt
werden einmal als Leistung einer Person, also als ein dem objektiven
Zusammenhang der Dinge angehöriges Faktum, das andre Mal als Träger eines
Sinnes, also mit Rücksicht auf das, was sie lediglich fürs denkende
Subjekt bedeutet. Und immer liegt jene Betrachtungsweise zu Grunde, wenn
die Äusserung objektiv komisch, diese, wenn sie als Witz erscheint.

Damit erst hat unsere Bezeichnung der beiden Arten der Komik als
"objektiver" und "subjektiver" ihre volle Rechtfertigung gefunden.
Zugleich können wir daraus erschliessen, wie die Komik des Naiven
entstehen muss, wenn sie von beiden Arten unterschieden sein soll. Der
Gegensatz, auf dem sie beruht, darf weder ein rein objektiver noch ein
ausschließlich subjektiver--im oben ausgeführten Sinne--sein. Dies kann
er aber nur sein, wenn er _zugleich_ ein objektiver und ein subjektiver
ist. Dieser Art ist der Gegensatz der _Standpunkte_, den ich schon vorhin
bei Besprechung der _Hecker_'schen Aufstellungen als für die Komik des
Naiven wesentlich bezeichnete.

Ich stelle jetzt in einem Beispiele alle drei Möglichkeiten der Komik
einander gegenüber. Münchhausen erzähle die bekannte Geschichte, wie er
sich selbst am Schopfe aus dem Sumpf gezogen habe. Ein Erwachsener glaube
die Geschichte. Ein Kind frage, ob die Geschichte denn wahr sei. Hier ist
die Gläubigkeit des Erwachsenen objektiv komisch. Als Erwachsener erhebt
er den Anspruch genügend urteilsfähig zu sein, um die Lüge zu
durchschauen. An die Stelle der vorausgesetzten Urteilsfähigkeit tritt
die thatsächliche Unfähigkeit. Dagegen ist die Erzählung selbst ein Witz.
Sie besitzt für uns im ersten Momente einen Schein der Wahrheit oder
Wahrscheinlichkeit. Man kann zur Not einen Menschen am Schopf aus dem
Sumpfe ziehen: da man selbst auch ein Mensch ist, warum sollte man die
Prozedur nicht auch bei sich selbst anwenden können. Dieser Fehlschluss
bezeichnet den subjektiven Gedankenzusammenhang, der den Schein der
Wahrheit oder Wahrscheinlichkeit erzeugt. Endlich ist die harmlose Frage
des Kindes naiv-komisch.

Was heisst dies? Wir erwarten von dem Kinde nicht, dass es die Lüge
durchschaue. Vielmehr finden wir bei ihm den Mangel an Einsicht völlig in
der Ordnung und unserer gewöhnlichen Erfahrung entsprechend. Dies ist
eine, aber auch nur eine Seite der Sache. Beruhte auf dem Umstand, dass
wir vom Kinde nichts anderes erwarten, für sich allein der Eindruck des
naiv Komischen, so müsste der gleiche Eindruck entstehen, wenn ein Kind
über ein leichtes Hindernis stolpert und fällt. Auch dies Stolpern und
Fallen widerspricht ja beim Kinde nicht wie beim Erwachsenen unserer
erfahrungsgemässen Erwartung. In der That entsteht in unserem Falle der
Eindruck der Komik erst, wenn wir zugleich uns auf den Standpunkt des
Kindes stellen, und von seinen Voraussetzungen aus selbst urteilen. Es
erscheint dann auch uns die Äusserung des Kindes logisch berechtigt; sie
erscheint ungleich als Zeichen echt kindlichen Sinnes sittlich wertvoll.

Damit nun, dass wir die Äusserung als Äusserung des Kindes fassen,
stellen wir sie zunächst in einen _objektiven_ Zusammenhang, nämlich den
Zusammenhang mit dem kindlichen Wesen und Auffassungsvermögen. Es handelt
sich zunächst einfach um die objektive Herkunft der Äusserung.
Andererseits stellen wir, indem wir selbst von den Voraussetzungen des
Kindes aus urteilen, die Äusserung zugleich in einen logischen, also
_subjektiven_ Zusammenhang, nämlich den Zusammenhang mit den kindlichen
Voraussetzungen, die wir uns angeeignet haben. Die Frage lautet nicht
mehr, woher diese Äusserung stamme, sondern wie sie aus jenen
Voraussetzungen logisch sich rechtfertige. Wir geben die Antwort, indem
wir sie als logisch berechtigt anerkennen. Mit dieser logischen
Berechtigung gewinnt dann die Äusserung zugleich einen--wiederum
objektiven Wert, genauer einen Persönlichkeitswert. Die Äusserung ist als
logisch berechtigte zugleich Anzeichen kindlicher Klugheit, also eine
relativ bedeutsame intellektuelle Leistung. Sie ist nicht minder, indem
sich darin der ehrliche Sinn des Kindes verrät, der nichts davon weiss,
dass man mit ernstem Gesichte so ungeheuer lügen kann, sittlich wertvoll.

Es wird also im vorliegenden Falle zunächst der Eindruck der
Bedeutsamkeit _erzeugt_, indem wir die Äusserung in einen sowohl
objektiven als subjektiven Zusammenhang hineinstellen. Wir gehen aus von
der objektiven Betrachtungsweise, wenden uns zur subjektiven und kehren
zur objektiven wieder zurück. Diese Betrachtungsweisen verhalten sich
aber genauer so zu einander, dass die erste Hineinstellung in den
objektiven Zusammenhang die Bedingung und nur die Bedingung ist für die
folgende Betrachtung im subjektiven und objektiven Zusammenhang. Nur
indem wir die Äusserung als Äusserung des Kindes fassen, kommen wir dazu,
sie vom Standpunkte des Kindes aus zu beurteilen, also in den logischen
Zusammenhang mit den kindlichen Prämissen, und den objektiven mit der
darin zum Ausdruck kommenden kindlichen Klugheit und ehrlichen
Harmlosigkeit zu stellen. Insoweit für den Anspruch der Bedeutsamkeit
oder Erhabenheit, den die naive Äusserung erhebt, die objektive
Betrachtungsweise wesentlich ist, stimmt das Naive mit dem objektiv
Komischen überein; soweit der Anspruch nur auf Grund der subjektiven
Betrachtungsweise zu stande kommt, trifft das Naive mit dem Witze
zusammen. Die Vereinigung beider Momente und die Art ihrer Vereinigung
unterscheidet zugleich das Naive von jenen beiden Arten der Komik
wesentlich.

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