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Komik und Humor

T >> Theodor Lipps >> Komik und Humor

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In ähnlicher Weise umfasst dann die naive Komik objektive Komik und Witz
hinsichtlich der Art, wie bei ihr die Erhabenheit zergeht. Von den
kindlichen Prämissen aus war die Äusserung logisch berechtigt. Es giebt
aber andere Prämissen, mit denen die Äusserung ebenfalls in logischen
Zusammenhang gebracht werden muss. Thun wir dies, so ist die Äusserung
nicht mehr logisch berechtigt. Indem wir diese Prämissen in Betracht
ziehen, zeigen wir uns als kluge Leute. Ohne sie urteilen ist thöricht.
Das Kind hat also mit der Äusserung oder dem Urteil, das die Äusserung in
sich schliesst, eine Thorheit begangen, keine bedeutsame, sondern eine
völlig nichtige intellektuelle Leistung vollbracht.

Zu diesem doppelten Resultat gelangen wir, indem wir vom Standpunkt des
Kindes zu unserem Standpunkte zurückkehren. Die Rückkehr schliesst eben
dies beides in sich, die _logische_ Beurteilung der Äusserung innerhalb
des Zusammenhanges _unserer Gedanken_ und die _objektive_ Beurteilung
nach dem Massstabe, den wir an _unsere Leistungen_ zu legen gewohnt sind.
Fassen wir alles zusammen, so ist überhaupt der Gegensatz der
Standpunkte, aus dem die naive Komik entspringt, ein Gegensatz der
zugleich objektiven und subjektiven Betrachtung. Wir haben alles Recht,
die naive Komik als die zugleich objektive und subjektive zu bezeichnen.


MÖGLICHKEITEN DES NAIV-KOMISCHEN.

Der Anspruch der naiven Äusserung, eine bedeutsame _intellektuelle_
Leistung zu sein, verschwand in unserem Beispiele, wenn wir sie von
unserem Standpunkt aus betrachteten. Dagegen blieb die sittliche
Erhabenheit der Äusserung beruhen. Mag das Kind thöricht geredet haben,
um den kindlichen Sinn und den kindlichen Glauben an Wahrhaftigkeit ist
es eine schöne und erhabene Sache. Damit verliert die Komik der naiven
Äusserung, aber die Naivität gewinnt. Es geht eben die Naivität, wie wir
später deutlicher sehen werden, je mehr inneren Wert sie hat, um so
weniger völlig in der naiven Komik auf.

Es kann aber in anderen Fällen des naiv Komischen recht wohl auch der
Anspruch sittlicher Erhabenheit zergehen. Wiederum in anderen Fällen
_besteht_ gar kein solcher Anspruch. Das naiv Komische ist ja keineswegs
an die Sphäre des intellektuellen oder des Sittlichen gebunden. Um so
mehr werden wir doch ein Recht haben, Arten des naiv Komischen zu
unterscheiden, je nachdem dasselbe ganz oder vorzugsweise dieser oder
jener Sphäre angehört.

Wenn Fallstaff in seiner berühmten Rede über die Ehre diese herunterzieht
und bei gar mancher Gelegenheit nicht eben moralisch gross handelt, so
können wir doch nicht umhin ihm in gewisser Weise recht zu geben. Er
redet und handelt von seinen Voraussetzungen aus--die die Voraussetzungen
eines nicht eben mit hohen Ideen erfüllten, doch in seiner Art gesunden
Menschenverstandes sind,--im Grunde recht logisch, viel logischer als gar
mancher, der diese Voraussetzungen mit ihm teilt. Er verrät in seinen
Reden und Handlungen zugleich einen Grad an und für sich betrachtet
wertvoller _moralischer_ Gesundheit. Trotz aller schlechten Streiche ist
er im Grunde gutmütig, durch alle Liederlichkeit leuchtet eine gewisse
Unverdorbenheit, durch alle Verlogenheit eine gewisse Ehrlichkeit. Er
trifft denn auch mit seiner Rede gewisse, vom Boden der gesunden
Menschenvernunft sich lossagende, hohle, schwärmerische oder doktrinäre
Ehrbegriffe mit Fug und Recht. Und was er sonst sagt und thut, hat mehr
moralisches Recht als manches, was im Namen hoher sittlicher Ideen
gepredigt und gethan worden ist. Aber wie jene logische, so zergeht diese
moralische Berechtigung, wenn wir von unserem landläufigen Standpunkt aus
urteilen. Fallstaffs Rede und sein Handeln ist unlogisch, weil es auch
sittlich bedeutsame Voraussetzungen giebt, die den in seiner Rede
ausgeprochenen und in seinem Handeln bethätigten Anschauungen logisch
zuwiderlaufen. Beides erscheint, nicht mit Rücksicht auf den zu Grunde
liegenden Gedankenzusammenhaug, sondern als objektive Thatsache
betrachtet, sittlich niedrig stehend im Vergleich mit wirklicher Ehre und
Sittlichkeit.

In dem hier angeführten Beispiele ist das Zergehen der sittlichen
Erhabenheit beim Eindruck der naiven Komik wesentlich beteiligt. Dagegen
fehlt der Anspruch sittlicher Erhabenheit bei einem Falle, den ich
gelegentlich selbst erlebte. Die Katze hat aus der Küche ein Stück Braten
gestohlen. Schwere Anklage wird gegen sie erhoben. Da kommt das jüngste
Töchterchen des Hauses, das die Katze nachher hat in den Keller gehen
sehen, hinzu und meint: Ja, Mama, und dann ist die Katz' in den Keller
gegangen und hat Wein gefressen! Wiederum hat das Kind von seinem
Standpunkt aus gut geschlossen und zugleich durch die dem Schluss zu
Grunde liegende Gedankenkombination ziemliche Klugheit an den Tag gelegt.
Es hat gesehen, dass Menschen ihr Mahl durch einen Trunk würzten; warum
soll die Katze nicht dasselbe Bedürfnis haben und warum soll sich nicht
der Umstand, dass sie nachher in den Keller gegangen ist, daraus
erklären. Jener Sinn der kindlichen Aussage und dieser Anspruch der
Klugheit zergeht wiederum von unseren Voraussetzungen aus, und im
Vergleich zu dem, was wir sonst Klugheit nennen. Dagegen ist die Aussage
sittlich weder berechtigt noch unberechtigt.

Wiederum in anderen Fällen gehört die gleichzeitig erhabene und nichtige
Leistung, die in der naiv komischen Äusserung oder Handlung liegt, weder
der rein intellektuellen noch der sittlichen oder, allgemeiner gesagt,
praktischen Sphäre an, sondern ist ästhetischer Natur. Es ist naiv
komisch, wenn ein Kind an glänzenden Gegenständen Wohlgefallen verrät,
die wir aus tiefer liegenden Gründen geschmacklos finden. Es kennt eben
diese tiefer liegenden Gründe nicht und kann sie noch nicht kennen. Sein
Schönheitsurteil ist in sich, als dies subjektive dem Zusammenhang seiner
Vorstellungen angehörige Faktum berechtigt von seinem, unberechtigt von
unserem Standpunkte. Es ist zugleich, als Ergebnis eines beschränkten,
aber an und für sich gesunden und natürlichen Gefühles eine von seinem
Standpunkte aus wertvolle, für unseren Standpunkt nichtige ästhetische
Leistung.

Ich sprach oben von Fällen des naiv Komischen, die der sittlichen "_oder
allgemeiner gesagt praktischen_" Sphäre angehören. Mit diesem Ausdrücke
wollte ich zugleich die verschiedenartigen Fälle des naiv Komischen zu
ihrem Rechte kommen lassen, die nicht dem Gebiete der Sittlichkeit im
engeren Sinne, sondern dem der Sitte und des gesellschaftlichen Anstandes
zugehören. Gelegentlich hat man Miene gemacht, auf dies Gebiet das naiv
Komische überhaupt einzuschränken. Dieser Anschauung müssen wir
widersprechen, solange wir dabei bleiben unter dem naiv Komischen eine
besondere, durch einen besonders gearteten Vorstellungsprozess für uns zu
stande kommende Art der Komik zu verstehen. Wir haben diese besondere
Geartetheit bezeichnet, indem wir die naive Komik als die Komik des
Gegensatzes der Standpunkte charakterisierten. Einen Standpunkt nun giebt
es nur für die vernünftig sich bethätigende oder kurz die urteilende
Persönlichkeit; es giebt ihn aber für die ganze urteilende
Persönlichkeit. Wir urteilen theoretisch, praktisch und ästhetisch, d. h.
wir haben, ein Bewusstsein, dass etwas ist, sein oder geschehen soll,
dass etwas gefällt oder missfällt. Bei allen diesen Urteilen kann es
vorkommen, dass sie in sich richtig sind vom Standpunkte einer naiven
Persönlichkeit, unrichtig von unserem, dass sie zugleich eine
entsprechende intellektuelle, Charaktereigenschaft, Eigenschaft des
Geschmacks bekunden, um deren willen sie objektiv bedeutsam erscheinen
innerhalb der naiven Persönlichkeit, und nichtig im Zusammenhang dessen,
was wir sonst von Menschen erwarten. Alle jene Urteile können also
naiv-komisch erscheinen, oder die Äusserungen und Handlungen, in denen
sie zu Tage treten, naiv-komisch erscheinen lassen. Zugleich ist mit
diesen drei Gebieten der Umkreis der Gebiete des naiv Komischen
abgeschlossen.


KOMBINATION DER DREI ARTEN DER KOMIK.

Die Bezeichnung des Wesens des naiv Komischen war im Bisherigen immer
zugleich ausdrückliche Entgegensetzung gegen die objektive und subjektive
Komik. Diese Entgegensetzung können wir noch nach anderer Richtung
vollziehen. Der Anspruch auf Erhabenheit, den das objektiv Komische sich
anmasst, ist eben nur ein angemasster. Die Erhabenheit verschwindet,
sobald das Objekt dem Bewusstsein sich darstellt, oder unsere objektive
Regel in ihr Recht tritt. Was sein sollte oder sein müsste, das ist
nicht. Dagegen ist der Witz für unser Bewußtsein--darauf allein kommt es
ja an--einen Augenblick ein Erhabenes, Träger eines Sinnes oder einer
Bedeutung. Bei ihm ist, was doch nicht sein sollte. Das naiv Komische nun
nähert sich dem Witz, insofern auch ihm eine Erhabenheit wirklich eignet.
Zugleich eignet sie ihm doch auch nicht. Beim naiv Komischen ist, was
ungleich nicht ist.

Diesem Gegensatz kann ein entsprechender Gegensatz im Verhalten der
Persönlichkeit zur Seite gestellt werden. Die Persönlichkeit wird, wie
ich früher betonte, objektiv komisch; sie macht den Witz. Sie bethätigt
endlich im Naiven ihr, nur individuelles Wesen. Der Träger der objektiven
Komik, so sagte ich weiter, unterliege einer Schranke seines Wesens oder
Könnens und sei insofern leidend; dagegen vollbringe der Urheber des
Witzes eine positive Leistung und erweise sich in diesem Sinne aktiv.
Entsprechend werden wir von der naiven Persönlichkeit sagen müssen, sie
sei aktiv und passiv zugleich, indem sie etwas von ihrem Standpunkte aus
Bedeutungsvolles leiste, zugleich aber eben dieser Standpunkt nur ein
beschränkter sei.

Indem wir nun so das naiv Komische von der objektiven Komik und vom Witze
abgrenzen, dürfen wir doch auch nicht übersehen, wie sie sich miteinander
verbinden und ineinander übergehen. Wir sahen schon, dass dieselbe
Äusserung das eine Mal als Witz, das andere Mal als Fall der objektiven
Komik erscheinen kann. Es bietet aber jeder Witz eine Seite, nach der er
unter den Gesichtspunkt der objektiven Komik gestellt werden kann. Der
Witz ist an sich unpersönlich; dies hindert doch nicht, dass die Person,
die ihn macht, mit in Betracht gezogen werde. Die Person erscheint,
vermöge der Leistung, die sie vollbringt, relativ erhaben. Zugleich
bleibt sie doch, sofern sie mit Worten oder mit der Logik spielt, hinter
dem zurück, was wir im allgemeinen vom gesetzten und ernsthaften Menschen
erwarten. Achten wir darauf, stellen wir diese eine Seite des Witzes
unter den objektiven, dem Witze selbst fremden Gesichtspunkt der
menschlichen _Leistung_, dann sind die Bedingungen für die objektive
Komik gegeben. Der Eindruck derselben mag zunächst zurücktreten. Er
braucht sich aber nur zu häufen und das Interesse am Witz zu erlahmen,
und das Gefühl der objektiven Komik tritt deutlich hervor. Er ist nichts
leichter als durch fortgesetztes Witzemachen komisch, lächerlich, ja
verächtlich zu werden.

Ebenso bietet auch die naive Komik der objektiven eine Seite dar. Ich
citiere ein weiteres Beispiel naiver Komik nach Lazarus.[2] "Der Korporal
Trim, der Diener des Onkel Toby--in 'Tristram Shandy'--soll
scherzeshalber, weil ihm wenig Bildung zugetraut wird, examiniert werden.
Ein Doktor der Theologie fragt ihn, wie das vierte Gebot lautet; er kann
es aber nicht anders hersagen, als indem er, wie Kinder und gemeine Leute
immer, beim ersten anfängt. Er hat das schwere Stück glücklich
vollbracht, und nun fragt sein Herr: Trim, was heisst das, du sollst
Vater und Mutter ehren. Das heisst, sagt er mit einer Verbeugung, wenn
der Korporal Trim jede Woche 14 Groschen Lohn erhält, so soll er seinem
alten Vater 7 davon geben."--Die Antwort auf die Frage des Onkel Toby ist
es, die uns hier vorzugsweise angeht. Sie ist als Antwort auf die
allgemeine katechismusmässige Frage völlig inkorrekt und Zeichen eines
niedrigen Bildungsstandpunktes. Aber schon ehe wir uns dessen bewusst
werden, imponiert uns die konkret persönliche Wendung, die Trim der Sache
giebt, und die bei ihm, der nicht gewöhnt ist, Dinge abstrakt und
allgemein zu fassen, so berechtigt ist, in der sich zugleich so viel
Sicherheit des moralischen Bewusstseins verrät. In der That kommt bei
jenem Gebote alles darauf an, dass jeder wisse und davon durchdrungen
sei, was es von ihm fordere. Wir können aber nachträglich die Sache auch
noch von einem anderen Gesichtspunkt aus betrachten. Wir erwarten von
Trim, so wie er nun einmal ist, nicht, dass er die Katechismusantwort
aufsagen könne. Aber wir können auch von seiner individuellen Eigenart
absehen und ihn als Menschen betrachten, der wie andere in die Schule
gegangen ist, und dort seinen Katechismus gründlich gelernt hat. Dann
erhebt er, wie andere, in unserem Bewusstsein den Anspruch, was er so
gründlich gelernt hat, auch zu wissen; und sein Nichtwissen lässt ihn
objektiv komisch erscheinen.

[2] Leben der Seele. 2. Aufl. I, 308.

Dieser Hinzutritt des Momentes objektiver Komik zum Naiven hat öfter
verführt, das Naive einfach dem objektiv Komischen zuzuordnen. Schon
_Jean Paul_ verfällt in diesen Irrtum. Ich denke aber, das obige Beispiel
zeigt deutlich die Verschiedenheit, ja Gegensätzlichkeit der Bedingungen,
durch die beide Arten der Komik zu stande kommen. Naiv ist die Komik,
solange die beiden Standpunkte, der naive und der unsrige, einander
gegenübertreten, objektiv, sobald wir unsern Standpunkt zum
alleinherrschenden machen. Darum tritt von den beiden Arten der Komik,
der objektiven und der naiven, immer die eine zurück, indem die andere
hervortritt. Trims Äusserung ist naiv komisch, solange wir sie von beiden
Standpunkten aus beurteilen, also beide anerkennen, objektiv komisch,
wenn wir von dem Rechte des naiven Standpunktes, statt ihn anzuerkennen,
vielmehr geflissentlich absehen, und von vornherein unseren Massstab an
die Äusserung legen. Würdigung des individuell Guten in der Welt, ist die
Devise der naiven, Leugnung desselben und Alleinherrschaft der Regel oder
Schablone die Devise der objektiven Komik. Dort ist das Individuelle
etwas, wenn auch freilich nicht nach der Regel; hier ist es nichts, weil
es der Regel nicht genügt.

Ich erwähnte schon _Jean Pauls_ Beispiel: Wenn Sancho Pansa eine Nacht
hindurch sich über einem vermeintlichen Abgrund in der Schwebe hält, so
ist--nach _Jean Paul_--"bei dieser Voraussetzung seine Anstrengung recht
verständig, und er wäre gerade erst toll, wenn er die Zerschmetterung
wagte. Warum lachen wir gleichwohl? Hier kommt der Hauptpunkt: wir
_leihen_ seinem Bestreben unsere Einsicht und Ansicht, und erzeugen durch
einen solchen Widerspruch die unendliche Ungereimtheit." In dieser
Erklärung bezeichnet _Jean Paul_ in seiner Weise den Grund der objektiven
Komik, als deren Gegenstand Sancho Pansa uns erscheinen kann. Sie beruht
auf dem "Leihen". Wir betrachten Sancho Pansa als mit unserer Einsicht
begabt und erwarten von ihm, dass er einsichtig handle. Aber schon ehe
wir Sancho Pansa "unsere Einsicht liehen", war sein Handeln naiv-komisch.
Es war dies genau so lange, als wir ihm _seine_ Einsicht _liessen_ und
wussten, dass er die unsrige _nicht_ habe und nicht haben könne, während
wir doch _im Gegensatz_ zu ihm die Einsicht _hatten_, und _für uns_ die
Handlung darnach beurteilten. Der Eindruck der objektiven Komik kann
entstehen, und den der naiven Komik zerstören, erst wenn wir das Recht
und die Erhabenheit der _Sancho Pansa_'schen Individualität aus dein Auge
lassen. Nur für den, der dafür kein Verständnis hat, mag _Sancho Pansa_'s
Gebaren von vornherein und ausschliesslich objektiv komisch sein. So ist
überhaupt die Empfänglichkeit für das naiv Komische bedingt durch den
Sinn für persönliche Eigenart. Es wandelt sich alles Naive in objektive
Komik für den, dem dieser Sinn abgeht. Zugleich bieten freilich die
verschiedenen Fälle der naiven Komik bald mehr bald weniger Veranlassung
zu dieser Verwandlung. Bei _Sancho Pansa_ und mehr noch bei _Falstaff_
ist jenes, bei _Trim_ dieses der Fall.

Endlich kann sich die naive Komik auch, ohne ihr eigenes Wesen
aufzugeben, mit dem Witze verbinden. _Hecker_ erzählt folgendes Beispiel
eines naiven Witzes: In einer Schule trug der Lehrer die Geschichte des
Tobias ganz mit den Worten der heiligen Schrift vor. Bei den Worten:
Hannah aber, sein Weib, arbeitete fleissig mit ihrer Hand und ernährte
ihn mit Spinnen, machte ein Mädchen mit Gesicht und Hand die Gebärde des
Abscheus und Ekels. Agnes, was hast du, ruft der Lehrer. Antwort: Ach,
Herr Lehrer, ist das denn wirklich wahr?--Lehrer: Warum zweifelst du
daran?--Kind: O, weil die Spinnen doch gar zu schlecht schmecken
müssen.--Hier beruht der (unbewusste) Witz darauf, dass wir uns durch den
Gleichklang zweier Worte verführen lassen, dem _Urteil_ des Kindes einen
Sinn und eine logische Berechtigung zuzuschreiben, die es nicht besitzt;
der Eindruck der naiven Komik darauf, dass wir dem _Kinde_ und dem
kindlichen Urteils_vermögen_ das Recht zugestehen, sich durch die
Verwechselung verführen zu lassen, und dass wir dementsprechend in dem
kindlichen Verhalten sogar einen Grad von Klugheit finden, während wir
sonst jenes Recht nicht zugeben und abgesehen von dieser
Betrachtungsweise das Verhalten thöricht finden müssen. Auch hier gilt,
was ich oben betonte, dass der Witz als solcher gänzlich unpersönlich
ist. Er hat nichts zu thun mit der Individualität dessen, der ihn macht.
Dagegen ist für die naive Komik die Individualität alles. Darum bliebe
der Witz auch, wenn ein Erwachsener bei Anhörung der Erzählung an der
betreffenden Stelle die Bemerkung einwürfe: das muss aber schlecht
schmecken. Es bliebe andererseits die naive Komik bestehen, wenn der Witz
ganz wegfiele, und nur eine _beliebige_ thörichte aber kindlich
berechtigte Verwechselung stattfände.

In anderen Fällen erscheint das nämliche Vorhalten witzig und naiv
komisch je nach der Art der Deutung. Es widerspricht unseren gewöhnlichen
Anschauungen von Klugheit und Würde, wenn _Sokrates_ bei Aufführung der
Wolken sich dem Gelächter der Zuschauer geflissentlich preisgiebt. Aber
was bedeutet einem _Sokrates_ das Lachen der unverständigen Menge. Seine
Erhabenheit über dergleichen rechtfertigt sein Verhalten. Es verrät sich
darin zugleich eben diese Erhabenheit. Für diese Betrachtungsweise fällt
_Sokrates_ unter den Begriff des naiv Komischen. Angenommen aber
_Sokrates_ wollte durch sein Verhalten zu _verstehen_ geben, wie wenig
ihm die Meinung der Menge bedeute, und er wollte dies nicht bloss,
sondern es gelang ihm auch durch die besondere Weise seines Verhaltens in
überzeugender Weise diesen Gedanken hervorzurufen. Dann war sein
Verhalten witzig--für diejenigen nämlich, die ihn wirklich verstanden und
zugleich den Widerspruch empfanden zwischen dieser Art, seine Meinung zu
sagen, und gemeiner Logik.


"VERBLÜFFUNG" UND "ERLEUCHTUNG" BEIM NAIV-KOMISCHEN.

Zum Schlusse dieses Kapitels sei noch eine Bemerkung gestattet, die auf
eine öfters erwähnte Bestimmung des Komischen überhaupt zurückgreift. Bei
der Betrachtung sowohl der objektiven als der subjektiven Komik haben wir
uns mit den Begriffen der Verblüffung und Erleuchtung auseinandergesetzt.
Auch die naive Komik kann unter diese Begriffe gestellt werden. Auch hier
aber ist erforderlich, dass wir die beiden Stadien der Verblüffung oder
der Erleuchtung unterscheiden. Die Naivität verblüfft als etwas in dem
Zusammenhang, in dem sie auftritt, Unverständliches. Sie "verblüfft"
dann, als in einem bestimmten Zusammenhange, nämlich im Zusammenhange der
naiven Persönlichkeit, Sinnvolles oder Bedeutsames, sie verblüfft vermöge
dieses unseres Verständnisses. Darin liegt eine Lösung jener ersten
Verblüffung. Endlich "verstehen" wir auch dieses unser Verständnis
wieder; d. h. wir sehen, dass das von unserem Standpunkte aus Sinnlose
nur durch Betrachtung vom Standpunkte der naiven Persönlichkeit aus
sinnvoll erschien, abgesehen davon aber für uns sinnlos bleibt. Die
Naivität war unverständlich; dann wurde sie bedeutsam-verständlich;
endlich wird sie als an sich nichtig verstanden.

Ich sagte oben, die naive Komik sei objektiv und subjektiv zugleich.
Sofern sie objektive Komik ist, steht sie doch zugleich zur reinen
objektiven Komik in einem bemerkenswerten Gegensatz. Der Anspruch des
objektiv Komischen zergeht. Auch der Anspruch des naiv Komischen zergeht,
wenn wir es von unserem objektiven oder vermeintlich objektiven
Standpunkt aus betrachten. Aber die naive Persönlichkeit, als deren
Äusserung das naiv Komische berechtigt, sinnvoll, klug, sittlich
erscheint, ist doch auch eine wirkliche Persönlichkeit. Blicken wir,
nachdem wir uns auf unseren Standpunkt gestellt haben, zurück, so finden
wir diese Persönlichkeit wieder. Damit taucht diese Berechtigung, dieser
Sinn, diese Klugheit, dies Sittliche wieder vor uns auf und besitzt
wiederum für uns seine relative Erhabenheit. Und vielleicht geschieht es
jetzt, dass unser objektiver Standpunkt im Vergleich mit dem naiven
Standpunkte nicht allzu hoch erscheint. Der naive Standpunkt kann sogar
als der höhere erscheinen. Dann wird der Eindruck seiner relativen
Erhabenheit zum herrschenden. Vermöge dieser Besonderheit der naiven
Komik steht die naive Komik auf dem Übergang zwischen dem Komischen und
dem Humor, dessen Wesen Erhabenheit ist nämlich Erhabenheit in der Komik
und durch dieselbe.

* * * * *

III. ABSCHNITT. PSYCHOLOGIE DER KOMIK.


VIII. KAPITEL. DAS GEFÜHL DER KOMIK UND SEINE VORAUSSETZUNGEN.


KOMIK ALS "WECHSELNDES" ODER "GEMISCHTES" GEFÜHL.

Wir haben gesehen, dass das Gefühl der Komik nicht an ein bestimmtes
quantitatives Verhältnis von Lust und Unlust gebunden ist. Dagegen
leugneten wir nicht, dass Lust und Unlust in die Komik eingehen. Es fragt
sich jetzt, wie sie in dieselbe eingehen, oder was dies "Eingehen"
besagen wolle.

Ist die Komik, wie man behauptet hat, ein Wechsel von Lust und Unlust?
Diese Frage haben wir verneint. Und wir müssen bei dieser Verneinung
bleiben. Wechsel von Lust und Unlust ist--Wechsel von Lust und Unlust,
und weiter nichts. Das Gefühl der Komik aber ist ein eigenartiges Gefühl.
Es ist nicht jetzt reine Lust, jetzt reine Unlust, sondern immer dies
Besondere, das wir eben um seiner Besonderheit willen mit dem besonderen
Namen "Gefühl der Komik" bezeichnen. Dasselbe mag bald mehr
Lustcharakter, bald mehr Unlustcharakter annehmen, oder bald mehr ein
belustigendes bald mehr ein unlustgefärbtes sein. Dann besteht doch,
solange das Gefühl der Komik wirklich Gefühl der Komik ist, jedesmal das
Gemeinsame, das bald mehr diese, bald mehr jene Färbung _annimmt_. Und
dies Gemeinsame ist dann das Specifische der Komik im Unterschiede von
Lust und Unlust.

Man könnte dies bestreiten und folgende Meinung verfechten: Es sei
zuzugeben, dass sich uns das Gefühl der Komik wie ein besonderes Gefühl
darstelle. Darum könne es doch ein Wechsel von Lust und Unlust sein. Es
müsse nur dieser Wechsel als ein sehr rascher gedacht werden. Diese
Raschheit verhindere, dass wir uns in getrennten Momenten jetzt eines
Gefühles reiner Lust, jetzt eines Gefühles reiner Unlust bewusst seien.
Wir gewinnen von den rasch wechselnden Gefühlen wegen dieser Raschheit
nur ein zusammenfassendes Bewusstsein, ein Gesamtbild, einen
Totaleindruck, ohne die Möglichkeit der Unterscheidung der Elemente. Und
dies Gesamtbild, diesen Totaleindruck nennen wir Gefühl der Komik.

Es ist aber leicht einzusehen, welche Verwechselung in solcher Anschauung
läge. Gewiss können wir von den schnell sich folgenden Ereignissen des
Tages am Abend ein Totalbild, oder einen Totaleindruck haben, in welchem
die einzelnen Ereignisse nicht als diese bestimmten thatsächlich erlebten
und in der bestimmten Weise sich folgenden Ereignisse nebeneinander
enthalten sind.

Aber hierbei besteht ein Gegensatz zwischen wirklichen Erlebnissen und
unserem Bewusstsein von denselben. Wo ein solcher Gegensatz vorliegt,
aber auch nur wo dies der Fall ist, hat es einen Sinn zu sagen, wir
könnten von etwas, das an sich verschieden ist und in der Zeit wechselt,
ein Gesamtbild haben, in welchem diese Verschiedenheit aufgehoben, dieser
Wechsel ausgelöscht erscheine.

Von einem solchen Gegensatz ist ja aber in unserem Falle keine Rede.
Gefühle, die ich jetzt habe, sind von dem Bewusstsein, das ich von diesen
Gefühlen habe, nicht verschieden. Lust und Unlust "fühlen" heisst eben
von Lust und Unlust ein Bewusstsein haben. Lust und Unlust, von denen ich
kein Bewusstsein habe, sind leere Worte. Ist aber das Bewusstsein von
einem gegenwärtigen Gefühl nichts als dies Gefühl selbst, so ist auch die
Beschaffenheit, in der sich Gefühle, die ich jetzt habe, meinem
Bewusstsein darstellen, oder in der sie mir "erscheinen", nichts anderes
als die thatsächliche Beschaffenheit der Gefühle. Erscheinen mir demnach
gegenwärtige Gefühle nicht als wechselnde oder zeitlich sich folgende
Lust- und Unlustgefühle, sondern als ein dieser Unterschiede bares
Einheitliches, so sind sie eben damit dies unterschiedslose Einheitliche.

Ebenso wurde früher schon gelegentlich zurückgewiesen ein zweiter
Gedanke, nämlich derjenige, der in dem Ausdruck "gemischtes Gefühl"
enthalten zu sein scheint. Gemischte Gefühle können, wenn man es mit
diesem Ausdruck genau nimmt, nur solche sein, in denen Verschiedenes
_nebeneinander_ gefühlt wird. Ich habe ein aus Lust und Unlust gemischtes
Gefühl, dies kann nur heissen, ich fühle mich lustgestimmt, und ich fühle
mich daneben zugleich unlustgestimmt. Dies wäre mir möglich, wenn ich
mich doppelt, das heisst verdoppelt fühlen könnte, wenn das Ich des
unmittelbaren Selbstgefühls in zwei auseinandergehen könnte. Dem aber
widerspricht die thatsächliche Einheit meines Selbstgefühles. Ich fühle
mich nicht als zwei, kann also auch keine zwei nebeneinander bestehenden
Gefühle haben. Gefühl ist, wie ehemals gesagt, Selbstgefühl.

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