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Komik und Humor

T >> Theodor Lipps >> Komik und Humor

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Aber auch in der Weise, dass Lust und Unlust zwei verschiedene Seiten
eines und desselben Gefühles wären, die Lust also eine nähere Bestimmung
oder eine Färbung der Unlust, die Unlust eine nähere Bestimmung oder eine
Färbung der Lust, können nicht diese beiden Gefühle miteinander verbunden
oder "gemischt" sein. Dieser Vorstellungsweise widerspräche der Charakter
dieser Gefühle. Ein Klang von bestimmter Höhe kann unbeschadet
dieser Höhe Trompetenklangfarbe haben. Es kann aber nicht die
Trompetenklangfarbe Flötenklangfarbe haben. Diese beiden Klangfarben
können an einem und demselben Klang nur sich aufheben oder in eine dritte
von beiden verschiedene Klangfarbe sich verwandeln. So kann auch ein
Gefühl, das im übrigen etwa als Gefühl des Strebens charakterisiert ist,
unbeschadet dieses Strebungscharakters lustgefärbt sein, aber es kann
nicht die Lustfärbung unlustgefärbt sein. Die unlustgefärbte Lust ist
entweder eine mindere Lust, oder sie ist ein Drittes neben Lust und
Unlust, in keinem Falle Lust und Unlust zugleich.

Dagegen könnte man einwenden: Wir vermögen doch, wenn wir einem Gefühl
der Komik unterliegen, einerseits das Lustmoment, andererseits das
Unlustmoment "herauszufühlen". So tritt etwa aus der Komik, die das
Miauen der Katze während der feierlichen Predigt in uns weckt, das
Lustmoment heraus, wenn wir darauf achten, wie die Katze in die Predigt
einzustimmen scheint, das Unlustmoment, wenn wir die Störung des
Gottesdienstes bedenken. Können wir aber aus dem Gefühl der Komik die
Lust und die Unlust herausfühlen, so müssen doch beide in diesem Gefühl
nebeneinander enthalten sein.

Solche Trugschlüsse ergeben sich leicht aus unklaren Begriffen. Im
vorliegenden Falle liegt die Unklarheit in dem "Herausfühlen". Dies
Herausfühlen ist analog dem "Heraushören" der Teiltöne eines Klanges aus
dem Ganzen eines Klanges. Dies letztere ist in Wahrheit ein Auflösen des
Klanges, das heisst eine Verwandlung der einfachen Klangempfindung in
eine Mehrheit von Tonempfindungen.

So ist auch das Herausfühlen der Lust und Unlust aus der Komik ein
Verwandeln eines einfachen Gefühles in verschiedene Gefühle. Indem ich
auf die eine Seite jenes komischen Vorganges achte, fühle ich stärkere
Lust, das heisst das Gefühl der Komik wird, nachdem es vorher ein
mittleres war, jetzt ein anderes, nämlich ein wesentlich lustgefärbtes.
Indem ich dann auf die andere Seite des Vorganges achte, verändert sich
das Gefühl nach der anderen Seite hin: Es wird ein zu höherem Grade
unlustgefärbtes. Diese Veränderung des Gefühls muss sich vollziehen, weil
ich die Bedingungen desselben geändert habe. Das Achten jetzt auf die
eine, dann auf die andere Seite des Gesamtvorganges ist ja eine solche
Änderung der Bedingungen des Gefühls.

Aus entgegengesetzten Elementen "gemischte" Gefühle sind in Wahrheit
einfache Gefühle. Nur die Bedingungen derselben sind nicht einfach. Und
daraus ergiebt sich die Möglichkeit, dass die "gemischten" Gefühle in
entgegengesetzte sich verwandeln. Man sollte den Begriff der gemischten
Gefühle aus der Psychologie endgültig streichen.


DIE GRUNDFARBE DES GEFÜHLS DER KOMIK.

Nach allem dem müssen wir bei der Erklärung bleiben, die ich schon abgab:
Das Gefühl der Komik ist nicht irgendwie aus anderen Gefühlen
zusammengesetzt, sondern es ist, ein eigenartig neues Gefühl. Es ist das
eigenartig neue Gefühl, das man niemand beschreiben kann, der es nicht
kennt, und das man dem nicht zu beschreiben braucht, der es kennt. Oder
vielmehr "_das_" Gefühl der Komik ist ein zusammenfassender Name für
viele eigenartige Gefühle, die aber ein Gemeinsames haben, um dessen
willen wir sie als Gefühle der Komik bezeichnen.

So ist schliesslich jedes Gefühl ein eigenartiges, und die Menge der in
uns möglichen Gefühle, nicht nur der Intensität, sondern auch der
_Qualität_ nach unendlich gross. Kein Gefühl oder keine Weise, wie wir
uns in einem Moment fühlen, wird jemals in unserem Leben völlig
gleichartig wiederkehren.

Aber diese Gefühle bilden ein Kontinuum, und in diesem Kontinuum sind
Grundgefühle unterscheidbar, wie im Kontinuum der Farben Grundfarben:
Rot, Blau, Weiss etc. Eine dieser Grundfarben des Gefühls ist die Lust,
eine andere die Unlust, eine andere die Komik.

Man kann nun fragen, wie die Grundfarbe der Gefühle, die wir Gefühle der
Komik nennen, noch anders sich bezeichnen lasse. Dann erinnere ich daran,
dass ich schon einmal meinte, mindestens drei Dimensionen unserer Gefühle
seien unterscheidbar. Gefühle seien einmal Gefühle der Lust und Unlust,
zum anderen Gefühle des Ernstes und der Heiterkeit, endlich Gefühle des
Strebens. Dabei ist, wie sich von selbst versteht, unter Heiterkeit
ebenso wie unter Ernst etwas von Lust Verschiedenes verstanden; nicht,
wie wohl üblich, heitere Lust oder lustige Heiterkeit, sondern die
Färbung der Lust, durch welche diese zur heiteren, also zum Gegenteil der
ernsten Lust wird. Fassen wir die Heiterkeit in diesem gegen Lust und
Unlust neutralen Sinne, dann dürfen wir solche Heiterkeit als das
gemeinsame Moment aller Gefühle der Komik bezeichnen. Es giebt dann, wie
eine heitere Lust, so auch eine heitere Unlust, ja einen heiteren
Schmerz. Es giebt dergleichen, so gewiss es komisch unlustvolle
Erlebnisse und komisch anmutende Schmerzen giebt.

Damit setzen wir uns freilich mit dem Sprachgebrauch in Gegensatz. Wer
diesen Gegensatz nicht mitmachen will, muss entweder dabei bleiben zu
sagen, die Grundfärbung des Komischen sei--die Komik, oder er muss sich
mit Namen helfen, die ursprünglich nicht Gefühle, sondern mögliche
Objekte von solchen bezeichnen. Das Gefühl des Ernstes ist ein Gefühl der
Grösse oder des Grossen; es ist ein Gefühl des Starken, des
Schwerwiegenden, oder Gewichtigen, des Breiten, des Tiefen. Das Gefühl
der Heiterkeit in dem soeben vorausgesetzten neutralen Sinne ist ein
Gefühl der Kleinheit oder des Kleinen; es ist ein Gefühl des an der
Oberfläche Bleibenden, des Leichten, des Spielenden.

Welchen dieser Namen aber wir wählen mögen, immer sind damit
Gefühlsfärbungen bezeichnet, deren sowohl Lust als Unlust fähig sind.
Oder was dasselbe sagt, immer sind damit Gefühle bezeichnet, die sowohl
mit Lust- als mit Unlustfärbung auftreten können. Auch dies ist denkbar,
dass sich in ihnen, sei es auch nur für einen unmessbaren Moment, Lust
und Unlust zur Indifferenz aufheben. Dann hätten wir das reine Gefühl der
"Grösse", andererseits das reine Gefühl der Komik.


"PSYCHISCHE KRAFT" UND IHRE BEGRENZTHEIT.

Und wie nun entsteht dies eigenartige Gefühl, oder besser diese
eigenartige Gefühlsmodalität? Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir
etwas weiter ausholen.

Zu den uns geläufigsten Thatsachen des seelischen Lebens gehört die
Thatsache der sogenannten Enge des Bewusstseins. Wenn ich in irgend
welche Gedanken vertieft in meinem Zimmer sitze, so überhöre ich den Lärm
der Strasse; und umgekehrt, verfolge ich die Töne und Geräusche, aus
denen dieser besteht, so ist es mir unmöglich, zugleich einem, jenem
Wahrnehmungsinhalt fremden Gedankengange mich hinzugeben. Wir drücken
solche Thatsachen wohl so aus, dass wir sagen, der Gedanke, in den wir
uns vertiefen, oder die Wahrnehmung, die wir machen, erfülle uns
dergestalt, dass für anderes kein Platz mehr in unserem Bewusstsein sei.
Dies ist natürlich bildlich gesprochen. Aber was das Bild meint, trifft
zu. Unsere Fähigkeit, Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken zu
vollziehen, ist jederzeit in gewisse Grenzen eingeschlossen. Jede
Empfindung, jede Vorstellung, jeder Gedanke absorbiert einen Teil dieser
Fähigkeit. Je mehr er davon absorbiert, um so weniger Fähigkeit, andere
Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken gleichzeitig zu vollziehen, bleibt
übrig.

Genau genommen ist aber der soeben gebrauchte Ausdruck "Enge des
Bewusstseins" nicht der zutreffende Terminus für diese Thatsachen. Nicht
nur die Empfindungen und Vorstellungen, die zum Bewusstsein kommen,
sondern auch diejenigen, denen dies nicht gelingt, absorbieren ihren Teil
der Fähigkeit, Empfindungen und Vorstellungen zu vollziehen.

Auch darin liegt noch eine Unklarheit. Was heisst dies: Empfindungen und
Vorstellungen gelangen zum Bewusstsein, andere nicht? Unmöglich kann
damit gemeint sein, dass ein und derselbe psychische Inhalt oder Vorgang
bald unbewusst, bald mit der Eigenschaft der Bewusstheit bekleidet in uns
vorkommen könnte. Sondern unter den bewussten und den unbewussten
Empfindungen und Vorstellungen muss Verschiedenes verstanden sein.

In der That sind die Worte Empfindung und Vorstellung doppelsinnig. Wir
bezeichnen mit ihnen bald das Empfundene, bezw. Vorgestellte, ich meine
die _Bewusstseinsinhalte_, oder das, was je nachdem die besonderen Namen
Empfindungs- oder Vorstellunginhalte trägt, bald die _Vorgänge des
Empfindens oder Vorstellens_, d. h. die Vorgänge, durch welche es
geschieht, dass ein Empfindungs-, bezw. Vorstellungsinhalt da ist, oder
die dem Dasein dieser Inhalte zu Grunde liegen. Jene Bewusstseinsinhalte
sind selbstverständlich im Bewusstsein. Diese Vorgänge dagegen sind es
niemals. Ihre Existenz ist nur erschlossen.

Hieraus ergiebt sich, was jene Ausdrücke sagen wollen. Sprechen wir von
bewussten Empfindungen, so sagt dies, dass ein Empfindungsvorgang, d. h.
ein psychischer Vorgang von der Art, wie er immer vorausgesetzt ist, wenn
Empfindungsinhalte für uns da sein sollen, nicht nur besteht und auf das
Dasein eines Empfindungsinhaltes abzielt, sondern dass er auch dies Ziel
erreicht oder erreicht hat. Dagegen nennen wir eine Empfindung eine
unbewusste, wenn dies nicht der Fall ist, wenn also nur das Unbewusste an
der Empfindung, d. h. nur der Empfindungs_vorgang_ gegeben ist, sein
natürliches Ziel, das Dasein des zugehörigen Empfindungsinhaltes aber von
ihm nicht erreicht wird. Das Gleiche gilt mit Rücksicht auf die bewussten
und unbewussten _Vorstellungen_.

Natürlich müssen für die Annahme der an sich unbewussten Vorgänge, von
denen ich sage, dass sie dem Dasein der Empfindungs- und
Vorstellungsinhalte jederzeit zu Grunde liegen, zwingende Gründe
aufgezeigt werden können. Es muss andererseits dargethan werden können,
dass und wiefern ein Recht besteht, diese Vorgänge als psychische
Vorgänge zu bezeichnen. Hierfür nun verweise ich der Hauptsache nach auf
meine "Grundthatsachen des Seelenlebens" (Bonn 1883) und den auf dem
dritten internationalen Kongress für Psychologie gehaltenen Vortrag "Der
Begriff des Unbewussten in der Psychologie".

Doch brauche ich mich hier mit diesem Hinweis nicht zu begnügen. Ich
werde vielmehr im folgenden eine Thatsache zu bezeichnen haben, deren
Anerkenntnis die Anerkenntnis jener psychischen Vorgänge und ihrer
psychologischen Bedeutung ohne weiteres in sich schliesst.

Ich kehre zu der "Fähigkeit, Empfindungen und Vorstellungen zu
vollziehen" zurück. Diese Fähigkeit ist zunächst nichts als die
Möglichkeit, dass in uns Vorgänge, die auf das Dasein von Empfindungs-
und Vorstellungsinhalten abzielen, zu stande kommen. Sie ist erst in
zweiter Linie die Möglichkeit, dass auf Grund dieser Vorgänge
Empfindungs- und Vorstellungs_inhalte_ oder kurz Bewusstseinsinhalte da
sind. Es ist also auch, wenn wir die Fähigkeit, Empfindungen und
Vorstellungen zu vollziehen, als begrenzt bezeichnen, damit zunächst die
Begrenztheit jener Möglichkeit des Zustandekommens von _Vorgängen_, die
auf das Dasein von Empfindungen oder Vorstellungsinhalten _abzielen_,
gemeint. Daraus ergiebt sich erst sekundär die Begrenztheit der
Fähigkeit, Empfindungs- und Vorstellungsinhalte zu haben. Diese ist die
"Enge des Bewusstseins". Die Enge des Bewusstseins hat also die
Begrenztheit der Möglichkeit, dass in einem Momente nebeneinander
verschiedene, an sich unbewusste Vorgänge des Empfindens oder Vorstellens
sich vollziehen, zur Voraussetzung.

Diese letztere Begrenztheit pflege ich nun kurz als "Begrenztheit der
psychischen Kraft" zu bezeichnen. Die Enge des Bewusstseins besteht dann
auf der Basis der Begrenztheit der psychischen Kraft.


GENAUERES ÜBER DIE "PSYCHISCHE KRAFT".

Den Begriff der psychischen Kraft und ihrer Begrenztheit müssen wir aber
noch genauer bestimmen. Damit wird auch das Verhältnis dieser
Begrenztheit der psychischen Kraft zur Enge des Bewusstseins deutlicher
werden.

Folgendes ist hier zunächst zu bedenken: Psychische Vorgänge können von
ihrem Ziel, das im Zustandekommen der Bewusstseinsinhalte besteht, weiter
oder weniger weit entfernt bleiben. Bezeichnen wir den Moment im Verlauf
psychischer Vorgänge, wo es ihnen gelingt das Dasein eines
Bewusstseinsinhaltes zu bewirken, als "Schwelle des Bewusstseins", so
dürfen wir statt dessen auch sagen: Ein psychischer Vorgang kann von der
Schwelle des Bewusstseins mehr oder weniger weit entfernt bleiben. Und
stellen wir uns diese Entfernung vor wie eine räumliche, und die
Bewusstseinsschwelle wie einen räumlichen Höhepunkt des Vorganges, so
können wir auch sagen: Psychische Vorgänge gewinnen eine grössere oder
geringere psychische Höhe. Oder wenn wir endlich psychische Vorgänge mit
Wellen vergleichen: Sie gewinnen eine grössere oder geringere
Wellenhölle.

Dies Bild bedarf aber der Ergänzung. Ein psychischer Vorgang hat "die
Bewusstseinsschwelle überschritten", wenn der zugehörige
Bewußtseinsinhalt da ist. Dieser Bewusstseinsinhalt bleibt aber nicht
endlos da, sondern verschwindet wieder. Er verschwindet, wenn der
psychische Vorgang, der die Bewusstseinsschwelle überschritten hatte,
wiederum "unter die Bewusstseinsschwelle herabsinkt". Dies "Herabsinken
unter die Bewusstseinsschwelle" besagt nichts anderes als dies, dass der
Vorgang nicht mehr auf dem Punkte steht oder in dem Stadium sich
befindet, wo er der genügende Grund für das Dasein des begleitenden
Bewusstseinsinhaltes ist.

Ehe nun der Vorgang unter die Schwelle des Bewusstseins herabsank, konnte
er mehr oder weniger weit von diesem Punkte entfernt sein. Er kann
überhaupt mehr oder weniger weit über diesen Punkt, also über die
Schwelle des Bewusstseins sich _erhoben_ haben. Es giebt mit anderen
Worten verschiedene mögliche Höhen der psychischen Wellen nicht nur
unter, sondern auch _über_ der Bewusstseinsschwelle.

Zu je grösserer Höhe nun eine _physische_ Welle sich erhebt, ein um so
grösseres Mass _physischer_ Bewegung, oder ein um so grösseres Quantum
_mechanischen_ Geschehens schliesst sie in sich. Analoges gilt auch von
der psychischen Welle, d. h. von jedem psychischen Vorgang. Auch ein
_psychischer_ Vorgang schliesst je nach seiner Wellenhöhe ein größeres
oder geringeres Mass der _psychischen_ Bewegung oder ein grösseres oder
geringeres Quantum des psychischen Geschehens in sich. Damit wird
jedesmal ein entsprechendes Quantum der Fähigkeit oder Möglichkeit, dass
überhaupt psychisch etwas geschehe oder psychische Vorgänge sich
vollziehen, verwirklicht oder in Anspruch genommen.

Dies können wir noch anders ausdrücken: Die materielle Welle, sagte ich,
schliesse je nach ihrer Höhe ein grösseres oder geringeres Quantum
mechanischer Bewegung in sich. Was ich hier Quantum der mechanischen
Bewegung nenne, ist dasselbe, was man auch als Quantum "lebendiger Kraft"
bezeichnet. So kann ich auch von der höheren psychischen Welle oder dem
psychischen Vorgang, der der Schwelle des Bewusstseins näher ist, bezw.
sich in höherem Grade über dieselbe erhebt, sagen, er schliesse in sich
ein grösseres Quantum lebendiger psychischer Kraft, oder es werde in ihm
ein grösseres Quantum der vorhandenen psychischen Kraft lebendig oder
aktuell. Man erinnert sich, dass ich diesen Ausdruck schon einmal
gelegentlich gebraucht habe.

Damit hat die Thatsache der Begrenztheit der psychischen Kraft die
gesuchte nähere Bestimmung gewonnen. Die begrenzte psychische Kraft, das
ist die Kraft, die in den einzelnen psychischen Vorgängen, je nach ihrer
psychischen Wellenhöhe, aktuell wird. Die Begrenztheit der psychischen
Kraft ist die Begrenztheit der Möglichkeit, dass--nicht überhaupt
Vorgänge des Empfindens oder Vorstellungen in uns sich vollziehen,
sondern dass solche Vorgänge sich vollziehen und eine bestimmte
psychische _Wellenhöhe_ erreichen oder ein bestimmtes Mass lebendiger
psychischer _Kraft_ gewinnen. Oder, wenn wir die Wellenhöhe der einzelnen
psychischen Vorgänge addiert denken und das Ergebnis als Gesamtwellenhöhe
bezeichnen: Die Begrenztheit der psychischen Kraft ist die Thatsache,
dass die mögliche Gesamtwellenhöhe der psychischen Vorgänge in jedem
Momente in bestimmte Grenzen eingeschlossen ist.


"AUFMERKSAMKEIT". "PSYCHISCHE ENERGIE".

Mit allem dem habe ich nun schliesslich doch nur, was jedermann geläufig
ist, in etwas bestimmtere Begriffe gefasst, als dies sonst wohl zu
geschehen pflegt. Jedermann vertraut sind Wendungen wie die, dass
Empfindungen oder Vorstellungen bald mehr bald minder beachtet, bemerkt,
in den Blickpunkt des Bewusstseins gerückt, appercipiert seien etc. Der
üblichste der Begriffe, die hier Verwendung finden, ist der Begriff der
_Aufmerksamkeit_: Empfindungen und Vorstellungen können bald mehr bald
minder Gegenstand der Aufmerksamkeit sein.

Was will man mit allen diesen Ausdrücken? Vielleicht allerlei. In jedem
Falle dies Eine: Was in höherem Grade beachtet oder Gegenstand der
Aufmerksamkeit ist etc., spielt im Zusammenhange des psychischen Lebens
eine grössere Rolle, hat auf den Verlauf desselben in jeder Hinsicht mehr
Einfluss, übt stärkere psychische Wirkungen. Statt dessen kann ich auch
sagen: Das in höherem Grade Beachtete oder meiner Aufmerksamkeit
Teilhafte repräsentiert ein grösseres Quantum lebendiger psychischer
Kraft. Denn lebendige Kraft ist überall nur ein anderer Ausdruck für die
von einem Vorgang ausgehende Wirkung; ihr Mass ist die Grösse dieser
Wirkung.

Und auch dies weiss jedermann, dass das Quantum der "Aufmerksamkeit", die
ich jetzt oder in irgend einem anderen Momente zur Verfügung habe, oder
meinen Empfindungen oder Vorstellungen zur Verfügung stellen kann, ein
begrenztes ist. Es ist also auch das Quantum der "psychischen Kraft", die
in meinen Empfindungen oder Vorstellungen "lebendig" werden kann, ein
begrenztes. In dem Masse als die "Aufmerksamkeit" oder die psychische
Kraft von irgend welchen Empfindungen und Vorstellungen "in Anspruch
genommen" ist, kann sie nicht von anderen in Anspruch genommen werden.

Und nun endlich die Frage: Wenn Empfindungen oder Vorstellungen bald
grössere bald geringere Kraft haben, was eigentlich hat diese grössere
oder geringere Kraft? Oder mit Verwendung eines jener anderen Ausdrücke:
Wenn eine Empfindung mehr, die andere weniger "beachtet" ist, wenn also
zwei Empfindungen als mehr oder minder beachtete sich von einander
_unterscheiden_, was eigentlich ist dann in solcher Weise unterschieden?
Wer ist der Träger jener Prädikate?

Sind es die Empfindungs_inhalte_, allgemeiner gesagt die
_Bewusstseinsinhalte_? Dies kann niemand meinen.

Oder meint man es doch? Ist dann das "Beachtetsein" eine Farbe oder ein
Ton, bezw. die Eigenschaft eines Tones, eine räumliche Grösse oder
dergl.? Ist etwa die grössere Kraft, die eine Tonempfindung jetzt im
Zusammenhang meines Empfindens und Vorstellens ausübt, eine grössere
Kraft, d. h. eine grössere Lautheit des jetzt von mir empfundenen
_Tones_?

Dies meint man nicht. Man weiss, ein sehr leiser oder schwacher Ton kann
im höchsten Masse beachtet sein, also im Zusammenhang des psychischen
Lebens die grösste Kraft haben, ohne dass er doch aufhörte eben dieser
schwache Ton zu sein. So kann überhaupt eine und dieselbe Empfindung, d.
h. ein und derselbe Inhalt meines Bewusstseins mehr und minder beachtet
sein, oder mehr und minder Kraft in mir entfalten.

Damit ist dann zugleich unweigerlich die einzig mögliche Antwort auf jene
Frage gegeben. Kann ein und derselbe Bewusstseinsinhalt jetzt eine
grössere Kraft haben, als er sie sonst hat, dann ist diese grössere Kraft
nicht eine Eigenschaft der Bewusstseinsinhaltes. Eines und dasselbe kann
nicht jetzt grössere, jetzt geringere Kraft haben. Also ist der Träger
der grösseren Kraft etwas, das jenseits des Bewusstseinsinhaltes liegt.

Man wird vielleicht sagen: In Wahrheit "trete" nur der gleiche
Bewusstseinsinhalt jetzt mit grösserer Kraft "auf". Vortrefflich. Nur ist
dann doch "notwendig" dies "Auftreten" etwas Wirkliches und von dem
Bewusstseinsinhalte Verschiedenes. Nur Wirkliches kann wirklich Kraft
entfalten. Das "Auftreten" des Bewusstseinsinhaltes muss also ein
wirklicher, obzwar dem Bewusstsein sich entziehender Vorgang sein. Und
dies "Auftreten" kann kein anderer Vorgang sein als derjenige, dem der
Bewusstseinsinhalt sein Dasein verdankt, der Vorgang also, den wir als
Vorgang des Empfindens, oder allgemeiner, als an sich unbewussten
psychischen Vorgang bezeichnen. Dabei betone ich das "an sich unbewusst".
Unmöglich kann ja jemand meinen, dass dies "Auftreten" eines
Empfindungsinhaltes, diese Weise, wie es "gemacht wird", dass
Empfindungsinhalte da sind, in seinem Bewusstsein sich abspiele.

Und von da können wir noch einen Schritt weiter gehen. Die "Kraft" des
"Auftretens" der Bewusstseinsinhalte ist nichts anderes als die
psychische Wirkungsfähigkeit. Ist also diese "Kraft" die Kraft der den
Bewusstseinshalten zu Grunde liegenden, an sich _unbewussten Vorgänge_,
so sind diese _Vorgänge_ das eigentlich phychisch Wirkungsfähige. Es gilt
also der allgemeine Satz: _Die Faktoren des psychischen Lebens sind nicht
die Bewusstseinsinhalte, sondern die an sich unbewussten psychischen
Vorgänge_. Die Aufgabe der Psychologie, falls sie nicht bloss
Bewusstseinsinhalte beschreiben will, muss dann darin bestehen, aus der
Beschaffenheit der Bewusstseinsinhalte und ihres zeitlichen
Zusammenhanges die Natur dieser unbewussten Vorgänge zu erschliessen. Die
Psychologie muss sein eine Theorie dieser Vorgänge. Eine solche
Psychologie wird aber sehr bald finden, dass es gar _mancherlei_
Eigenschaften dieser Vorgänge giebt, die in den entsprechenden
Bewusstseinsinhalten _nicht repräsentiert_ sind.

Noch zwei Bemerkungen habe ich dem hier Gesagten hinzuzufügen. Die
Aufmerksamkeit ist die psychische Kraft. Nun pflegt man zunächst oder
einzig von einer Aufmerksamkeit zu reden, die den bewussten Empfindungen
und Vorstellungen zu teil werde. Dies hat seine guten Gründe. Von
Gegenständen der Aufmerksamkeit, die sich dem Bewusstsein entziehen,
haben wir kein unmittelbares Bewusstsein. Und das die Aufmerksamkeit oder
die Inanspruchnahme psychischer Kraft begleitende Aufmerksamkeitsgefühl
oder Gefühl der inneren Thätigkeit kann in unserem Bewusstsein nicht auf
Unbewusstes, also nicht auf die Vorgänge, denen kein Bewusstseinsinhalt
entspricht, bezogen erscheinen. Sondern es erscheint notwendig jederzeit
bezogen auf Bewusstseinsinhalte. Soweit also die Aufmerksamkeit im
Bewusstsein sich "spiegelt", ist sie allerdings immer nur Aufmerksamkeit
auf Bewusstseinsinhalte. Dies hindert doch nicht, dass auch die Vorgänge,
die keinen Bewusstseinsinhalt ins Dasein zu rufen vermögen, jederzeit
gleichfalls Gegenstand grösserer oder geringerer Aufmerksamkeit sind.
Natürlich verstehe ich dabei unter der Aufmerksamkeit nicht jene
"Spiegelung" der Aufmerksamkeit, oder jenes Bewusstseinssymptom
derselben, sondern die Aufmerksamkeit selbst. Diese wird nicht nur von
bewussten, das heisst Bewusstseinhalte erzeugenden, sondern ebensowohl
von unbewussten psychischen Vorgängen absorbiert. Sie wird immer _nur_
absorbiert von den an sich unbewussten Vorgängen.

Die zweite Bemerkung ist diese: Nehmen wir an, ein Empfindungs- oder
Vorstellungsvorgang, sei es ein "bewusster", sei es ein solcher, der ohne
seinen zugehörigen Bewusstseinsinhalt bleibt, absorbiere vor einem
anderen, oder auf Kosten eines anderen, psychische Kraft, so muss er dazu
die Fähigkeit besitzen. Psychische Vorgänge besitzen diese Fähigkeit bald
in grösserem, bald in geringeren Grade.

Hierfür nun pflege ich wiederum einen kurzen Ausdruck zu gebrauchen:
Psychische Vorgänge besitzen grössere oder geringere "psychische
Energie". Ein Donnerschlag zwingt die Aufmerksamkeit unter im übrigen
gleichen Umständen in höherem Grade auf sich oder eignet sich die
psychische Kraft "energischer" an, als ein leichtes Geräusch. Nichts
anderes als dies meine ich, wenn ich sage, der Donnerschlag besitze
grössere psychische Energie als das leise Geräusch.

Oder: Ein Gedanke, der mir wichtig ist, braucht nur von fern in mir
angeregt zu werden, es genügt, dass eine Bemerkung fällt, die mit seinem
Inhalte in loser Beziehung stellt, und ich vollziehe ihn mit Bewusstsein,
und erscheine einen Moment von ihm erfüllt und beherrscht, so dass ich
sonst für nichts Sinn und Auge habe; während ein ebenso naheliegender,
aber gleichgültiger Gedanke, bei gleicher Art der Anregung, mir nicht zum
Bewusstsein gekommen wäre. Nichts anderes als diese Thatsache meine ich,
wenn ich sage, jener Gedanke besitze, vermöge seines wichtigen Inhaltes,
größere "seelische Energie".

Hiermit sind die allgemeinsten Voraussetzungen für das Verständnis der
Komik bezeichnet. Es fehlt nach ihre Specialisierung.


DIE BESONDEREN BEDINGUNGEN DER KOMIK.

Wenden wir uns zurück zu dem, was wir als das Wesen der Komik bisher
erkannt haben. Überall in der Komik fanden wir einen Gegensatz des
Bedeutungsvollen oder Bedeutsamen und des Bedeutungslosen, oder, wie wir
später öfter sagten, des Erhabenen und des Kleinen oder Nichtigen. Ein
Erhabenes oder erhaben sich Gebärdendes schrumpfte für uns zu einem
Nichtigen zusammen. Dabei war die Erhabenheit verschiedener Art. Immer
aber war mit dem Erhabenen ein solches gemeint, in dessen Natur es liegt,
uns oder die seelische Kraft in gewissem Grade in Anspruch zu nehmen, zu
absorbieren, festzuhalten.

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