Komik und Humor
T >>
Theodor Lipps >> Komik und Humor
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9 |
10 |
11 |
12 | 13 |
14 |
15 |
16 |
17 |
18 |
19 |
20 |
21 |
22 |
23 |
24 |
25 |
26
Auch daran erinnere ich noch einmal, dass dies "Bedeutsame" nicht unter
allen Umständen uns als ein solches zu erscheinen braucht. Worauf es
ankommt, ist, dass es als ein solches sich darstellt in dem
_Zusammenhang_, in dem es _auftritt_.
Wenn wir nun von jemand eine ausserordentliche Leistung erwarten und er
leistet nur Geringfügiges, so ist zunächst die erwartete Leistung ein
Bedeutsames. Die thatsächliche geringfügige Leistung spielt aber, wie wir
sagten, die Rolle der bedeutsamen, oder erhebt--in unserem Bewusstsein
nämlich--den Anspruch eine bedeutsame zu sein, bauscht sich zu einer
solchen auf u. s. w. Von dem Bettler, der an Stelle des erwarteten
vornehmen Besuches zur Thüre hereintritt, meinte ich, wir hielten oder
nähmen ihn im Momente seines Eintretens für den vornehmen Besuch. Es
fragt sich jetzt, was mit der Vorstellung des Bedeutungslosen jedesmal in
uns geschieht, wenn sie die Rolle des Bedeutsamen spielt, sich aufbauscht
u. s. w.
Dieser Vorgang kann nach dem Obigen nur darin bestehen, dass das
Bedeutungslose trotz seiner Bedeutungslosigkeit ein Mass seelischer Kraft
gewinnt, wie sie sonst nur dem Bedeutungsvollen zuzuströmen pflegt. Es
kann sie aber nicht, wie das Bedeutungsvolle, gewinnen vermöge seiner
eigenen Energie oder Anziehungskraft; es kann sie also nur gewinnen durch
die Gunst der Umstände.
Dass das Bedeutungslose, das den Eindruck der Komik macht, thatsächlich
ein relativ hohes Mass psychischer Kraft gewinnt, zeigt die Erfahrung
leicht. Die geringfügige Leistung wäre vielleicht ganz und gar unbeachtet
geblieben, wir wären jedenfalls leicht darüber hinweggegangen, wenn wir
in ihr nicht die klägliche Erfüllung hochgespannter Erwartungen sähen;
und ebenso in den anderen Fällen. Alles Kleine, das komisch erscheint,
nimmt unsere Aufmerksamkeit in Anspruch und fesselt sie in grösserem oder
geringerem Grade. Dagegen würde es uns geringer oder gar keiner
Aufmerksamkeit wert scheinen ausserhalb des komischen Zusammenhanges.
Wir wissen aber auch schon, worin jene "Gunst der Umstände" besteht, oder
wie dieser komische Zusammenhang die bezeichnete Wirkung zu üben vermag.
Wir "erwarten" die ausserordentliche Leistung. Diese Erwartung ist, wie
wir schon im ersten Abschnitt sahen, eine Bereitschaft zur Wahrnehmung
oder Erfassung der Leistung. Diese Bereitschaft bekundet sich darin, dass
wir die Leistung, wenn sie wirklich wird, mit größerer _Leichtigkeit_
erfassen. Nun ist der thatsächliche Vollzug einer Wahrnehmung
"Absorbierung" seelischer Kraft: Die Wahrnehnumg eignet die zu ihrem
Vollzug erforderliche seelische Kraft an und entzieht sie damit zugleich
anderen seelischen Inhalten. Die Bereitschaft, von der wir hier reden,
besteht also, was sie auch sonst sein mag, jedenfalls in einem Grad der
Verfügbarkeit seelischer Kraft. Weil diese verfügbar ist, und in dem
Masse, als sie es ist, vermag die vorbereitete Wahrnehmung sich dieselbe
leichter anzueignen, als sie es sonst vermöchte. Damit sagen wir nichts,
als was jeder, der die Bereitschaft zugiebt, selbstverständlich finden
wird. Ich kann nicht bereit sein, eine Wahrnehmung oder einen Gedanken zu
vollziehen, wenn ich nicht bereit bin mit meiner Fähigkeit Wahrnehmungen
und Gedanken zu vollziehen, mich von dem, was mich sonst beschäftigt,
hinweg und der Wahrnehmung oder dem Gedanken zuzuwenden oder ihm
entgegenzukommen. Ich kleide nur diesen Thatbestand in einen möglichst
bequemen und handlichen Ausdruck.
Diese zur Verfügung stehende Kraft kommt nun, wenn an die Stelle der
erwarteten bedeutsamen Leistung die geringfügige tritt, dieser zu gute
und wird von ihr leichter angeeignet, als dies ohne diese besondere
Verfügbarkeit möglich wäre. Dies muss so sein, in dem Masse, als die
thatsächliche Leistung mit der erwarteten übereinstimmt, also qualitativ
betrachtet eben diese Leistung _ist_.
Die Natur der Bereitschaft und die Art ihrer Wirksamkeit lässt sich noch
deutlicher machen, wenn wir auf die verschiedenen Arten von Fällen
achten. Ich erinnere noch einmal an den öfter citierten, weil besonders
einfachen Fall, das kleine Häuschen zwischen den grossen Palästen. Wenn
wir die grossen Paläste gesehen haben, so bleibt das Bild derselben--als
Erinnerungsbild--noch eine Zeitlang in uns lebendig und drängt, je
lebendiger es ist, um so mehr nach Wiederherstellung seines Inhaltes in
der Wahrnehmung. Dies geschieht nach einem allgemeinen psychologischen
Gesetz, das nichts ist als das genügend vollständig aufgefasste Gesetz
der Association und Reproduktion auf Grund der Ähnlichkeit. Von Haus aus
drängt jede (reproduktive) Vorstellung auf solche Wiederherstellung in
der Wahrnehmung hin. Dies Drängen ist nur unter besonderen Umständen
besonders energisch, beispielsweise eben dann, wenn das Wahrnehmungsbild
unmittelbar vorher einmal oder gar mehrere Male gegeben war. Dies Drängen
wird zu einem "Entgegenkommen", wenn das Wahrnehmungsbild wirklich von
neuem auftritt. Es bethätigt sich einstweilen als Zurückdrängen dessen,
was sonst sich herandrängt. Kommt an Stelle des Wahrnehmungsbildes ein
ähnliches, so gilt diesem das Entgegenkommen nach Massgabe der
Ähnlichkeit.
Der Vollständigkeit halber muss hinzugefügt werden, dass die grossen
Paläste auf uns wirken nicht nur vermöge ihrer Grösse, sondern zugleich
vermöge dessen, was sie uns "sagen", das heisst vermöge des
hinzukommenden Gedankens an die materiellen Kräfte, die in ihnen lebendig
sind, an die Menschen, die darin auf besondere Art sich fühlen und
bethätigen können und dergleichen. Auch dieser Gedanke wirkt in uns nach,
er erhält, indem er nachwirkt, das mit ihm verbundene Erinnerungsbild der
Paläste in uns lebendiger, und steigert damit zugleich die Tendenz
desselben, in das entsprechende Wahrnehmungsbild überzugeben. Dies
geschieht in Übereinstimmung mit der jedermann geläufigen Erfahrung, dass
jeder Nebengedanke, der einem vorgestellten Gegenstand Interesse
verleiht, die Begierde erhöht den Gegenstand zu sehen, überhaupt
wahrzunehmen. Wiederum zeigt dieser Gedanke, ehe die erwartete
Wahrnehmung sich einstellt, seine Wirksamkeit darin, dass er fremde
Vorstellungsinhalte zurückdrängt.
Indem dann die Wahrnehmung des _kleinen Häuschens_ sich verwirklicht,
schwindet das Erinnerungsbild des grossen Palastes samt dem damit
verknüpften Gedanken. Aber ihre vorbereitende Wirkung ist dann schon
geschehen. Die seelische Kraft ist einmal für die Wahrnehmung verfügbar
gemacht, und anderes, was sonst sich herzugedrängt hätte, ist
zurückgedrängt und in seiner Fähigkeit, den Vollzug der Wahrnehmung zu
hemmen, vermindert. Zudem verschwindet auch jenes Erinnerungsbild und der
hinzukommende Gedanke nicht momentan. Dasjenige, was das Häuschen mit den
Palästen gemein hat, dass es nämlich doch auch menschliche Wohnung ist,
und in _einer Reihe_ mit den Palästen auftritt, _hält_ jene
vorbereitenden Momente, und _erhält_ damit ihre unterstützende Wirkung.
Dies Gemeinsame muss aber ebendarum, weil es das _eigentlich_
Vorbereitete ist, zunächst "ins Auge fallen" und psychologisch wirksam
werden. Im ersten Augenblicke des Entstehens der Wahrnehmung des
Häuschens also wird das Erinnerungsbild noch unterstützend wirken und
jener Gedanke noch an die Wahrnehmung geheftet sein und auf ihren Vollzug
hindrängen, dagegen Andersgeartetes verdrängen.--Darin verwirklicht sich
der genauere Sinn der oben wiederholten Behauptung, wir nähmen oder
hielten im ersten Augenblick das an die Stelle des erwarteten Bedeutsamen
tretende Nichtige für das Bedeutsame, oder hefteten ihm die Bedeutung
desselben an.
Erst wenn das kleine Häuschen in seiner Bedeutungslosigkeit von uns
aufgefasst und erkannt ist, hat die Erwartung des Palastes und der
Gedanke an das, was er "sagt", gar keinen Platz mehr. Das
Wahrnehmungsbild erfreut sich dann in _seiner Nichtigkeit_ des Masses der
seelischen Kraft oder Aufmerksamkeit, oder bildlich gesagt, des Raumes in
meiner Seele, der durch die Wirkung des Erinnerungsbildes und der daran
sich heftenden Gedanken für dasselbe bereit gehalten wurde und jetzt,
nachdem jene verschwunden sind, frei von ihm in Anspruch genommen werden
kann.
Die Wahrnehmung großer Paläste ist in diesem Falle dasjenige, was die
Tendenz zum weiteren Vollzug derselben Wahrnehmung in mir entstehen
lässt. Wir haben es dabei, wie schon gesagt, zu thun mit einer Wirkung
des in seinem vollen Umfange gefassten Gesetzes der Association der
_Ähnlichkeit_. Dagegen beruht es auf dem zweiten Associationsgesetze, dem
Gesetze der Erfahrungsassociation, wenn die Ankündigung einer grossen
Leistung hindrängt oder die Bereitschaft erzeugt zum Vollzug der
Wahrnehmung einer grossen Leistung beziehungsweise zum Vollzug des
Urteils, dass eine grosse Leistung thatsächlich vollbracht werde. Wir
haben in unserer Erfahrung auf Ankündigung grosser Thaten grosse Thaten
folgen sehen, oder wenigstens uns Überzeugt, dass sie geschahen. Daraus
ist ein Zusammenhang der seelischen Erlebnisse entstanden, demzufolge die
Wiederkehr des ersten Erlebnisses, nämlich der Ankündigung, immer wieder
die Tendenz zur Wiederkehr des zweiten, der Wahrnehmung der That oder der
Gewissheit ihrer Ausführung, in sich schliesst. Die Art, wie diese
Tendenz oder Bereitschaft der thatsächlich wahrgenommenen oder
konstatierten _geringfügigen_ Leistung zu Gute kommt, stimmt dabei mit
der Art des Hergangs im vorigen Falle überein.
Dies Letztere gilt nicht durchaus in andern Fällen; nämlich in allen
denjenigen, bei denen ein nach _gewöhnlicher Anschauung_ Nichtiges in dem
Zusammenhang, in dem es auftritt, _wirklich_ als ein Bedeutungsvolles
erscheint, um dann die Bedeutung, eben angesichts der gewöhnhlichen
Betrachtungsweise, wieder zu verlieren. Der Unterschied besteht darin,
dass in diesen Fällen das für die Bereithaltung und Freimachung
seelischer Kraft vorhin erst in zweiter Linie in Betracht gezogene Moment
das eigentlich Bedingende wird. Die schwarze Hautfarbe des Negers
erscheint, weil sie doch auch, so gut wie die weisse des Kaukasiers,
Farbe menschlicher Körperformen ist, mit diesen Formen _zugleich_, als
Träger menschlichen Lebens. Achten wir dann auf die Farbe als solche, so
gewinnt die Erfahrung Macht, derzufolge nur die weisse Hautfarbe Träger
dieses Lebens sein kann. Die Farbe erscheint jetzt als nur thatsächlich
vorhandene, also nichtsbedeutende Farbe. Sie ist aber nun einmal durch
die Wirksamkeit jenes Gedankens, dass sie Träger menschlichen Lebens sei,
in uns "emporgehoben" und in die "Mitte des Bewusstseins" gestellt, oder
sachlicher gesprochen, sie hat nun einmal durch Hilfe jenes Gedankens ihr
volles Mass von seelischer Kraft aneignen können; und sie vermag dasselbe
jetzt, wo jener Gedanke verschwunden ist und damit auch die von ihm
bisher in Anspruch genommene und fremden Vorstellungsinhalten abgenötigte
Kraft freigelassen hat,--trotz ihrer Nichtigkeit und natürlichen
Anspruchslosigkeit--frei zu behaupten und weiter in Anspruch zu nehmen.
Sie vermag dies nicht für immer, wohl aber solange, bis wir uns
"gesammelt" haben, das heisst bis die zurückgedrängten fremden
Vorstellungen wieder mit erneuter Energie sich herzudrängen und ihr
natürliches Anrecht auf die seelische Kraft geltend machen.
Ganz derselbe Hergang findet auch statt bei aller _subjektiven_ und
_naiven_ Komik. Dort bildet der Sinn, den eine Äusserung oder Handlung
gewinnt, den Inhalt des Gedankens, der die Äusserung oder Handlung
"emporhebt"; hier bildet die Bedeutung, die einer Äusserung oder Handlung
vom Standpunkt der naiven Persönlichkeit aus erwächst, den Inhalt dieses
Gedankens. Immer schafft dieser Gedanke, indem er mit der Äusserung oder
Handlung sich verbindet, dieser die Möglichkeit leichterer Aneignung
seelischer Kraft, und immer überlässt er, indem er verschwindet, die
Kraft, die er in Verbindung mit der Äusserung oder Handlung angeeignet
hat, der nunmehr nichtig gewordenen Äusserung oder Handlung zu weiterer
freier Inanspruchnahme. Es ist bildlich gesprochen, aber es trifft die
Sache, wenn wir mit Rücksicht auf alle Komik den Hergang so beschreiben,
dass wir sagen, ein Nichtiges, das heisst zur Aneignung seelischer Kraft
aus eigener Energie relativ Unfähiges, gewinne erst in Verbindung und
durch Verbindung mit einem Bedeutsamen, das heisst zu dieser Aneignung
seiner Natur nach Fähigen, Raum oder Luft in dem Gedränge der seelischen
Vorgänge, und erfreue sich dann für eine Zeitlang der Möglichkeit freier
Entfaltung und Selbstbehauptung in dem Raume, der nach Verschwinden des
Bedeutsamen ihm allein zur Verfügung bleibt.
IX. KAPITEL. DAS GEFÜHL DER KOMIK.
GESETZ DES LUSTGEFÜHLS.
Aus dem Vorstehenden ergiebt sich das Gefühl der Komik nach allgemeinen
psychologischen Gesetzen. Wie wir sehen werden, ist dies Gefühl zunächst
Gefühl der komischen Lust, es hat zunächst Lustfärbung oder, was dasselbe
sagt, es ist zunächst eine Färbung des Lustgefühls. Wir fragen demnach
zweckmässigerweise zuerst: Welches sind die allgemeinen Bedingungen des
Lustgefühls?
Darauf lautet die Antwort: Lust entsteht, wenn ein psychisches Geschehen
in uns günstige, also unterstützende, fördernde, erleichternde
Bedingungen seines Vollzuges vorfindet.
Dieser Satz bedarf einer Erläuterung. Jedes Geschehen, also auch jedes
psychische Geschehen vollzieht sich, wenn und soweit die Bedingungen
seines _Eintrittes_ gegeben sind. Jedes Geschehen, also auch jedes
psychische Geschehen unterliegt den natürlichen Bedingungen seines
Daseins.
Indessen, wenn ich hier von Bedingungen des _Vollzuges_ eines psychischen
Geschehens rede, so meine ich nicht die Bedingungen seines "Eintrittes",
sondern eben die Bedingungen seines "Vollzuges". Der "Eintritt" eines
psychischen Geschehens ist die Auslösung desselben. Diese Auslösung
geschieht bei Empfindungen--oder Komplexen von solchen--durch den
physiologischen Reiz; bei Vorstellungen durch den psychischen oder
reproduktiven Reiz. Will man, so kann man diesen Eintritt eines
psychischen Geschehens oder diese Auslösung eines Empfindungs- oder
Vorstellungsvorganges auch als Akt der "Perception" bezeichnen.
Mit dieser "Perception" ist nun aber, wie wir wissen, über das Schicksal
des psychischen Geschehens noch nicht entschieden. Sondern es fragt sich
noch, wie weit dies psychische Geschehen, im Zusammenhang des psychischen
Geschehens überhaupt, zur "Geltung" kommt, sich entfaltet, welche
psychische Höhe es erreicht, oder welches Mass von psychischer Kraft es
sich anzueignen oder zu gewinnen vermag. Darin besteht, oder darnach
bestimmt sich der "Vollzug" des psychischen Geschehens. Es ist nichts
dagegen einzuwenden, wenn man diesen Vollzug des psychischen Geschehens
mit dem oben schon einmal gebrauchten Namen "Apperception" belegen will.
Dann sind die Bedingungen des psychischen Geschehens, von denen ich rede,
Bedingungen der Apperception. Sie sind mit dem _von uns_ meistgebrauchten
Ausdruck Bedingungen der psychischen Kraftaneignung.
Aber nicht alle Bedingungen der Apperception oder Kraftaneignung kommen
hier in Frage; sondern nur diejenigen, welche das psychische Geschehen
"vorfindet". Den von dem psychischen Geschehen _vorgefundenen_
Bedingungen der Apperception stehen die in ihm selbst enthaltenen, oder
mit seiner Auslösung oder dem Akte der Perception bereits gegebenen
entgegen. Diese also sind hier ausgeschlossen.
Was ich hiermit meine, verdeutliche ich, indem ich wiederum den Begriff
der psychischen Energie herbeiziehe.
Jedes psychische Geschehen hat, wenn es einmal "ausgelöst" ist, seine
bestimmte Energie, d. h. seinen bestimmten Grad von Fähigkeit, die
psychische Kraft zu _beanspruchen_. Es hat diese Fähigkeit, weil es eben
dieses bestimmte Geschehen ist. Um Zweideutigkeiten vorzubeugen, will ich
diese Energie, oder diesen Grad der Inanspruchnahme psychischer Kraft,
der einem psychischen Geschehen an sich zukommt,--also unabhängig von dem
psychischen Zusammenhang, in welches das psychische Geschehen
eintritt--als _eigene Energie_ des psychischen Geschehens bezeichnen. Als
Beispiel diene die eigene Energie, welche dem Donnerschlag vermöge seiner
Lautheit zukommt.
Das Mass von psychischer Kraft, das ein psychisches Geschehen
thatsächlich gewinnt, oder der Grad seiner Apperception, ist nun, wie
bereits betont, zunächst abhängig von dieser eigenen Energie. Er ist aber
andererseits abhängig von den sonst in der Psyche gegebenen Bedingungen,
etwa von der in der "Erwartung" liegenden "Bereitschaft". Die Bedingungen
der letzteren Art können wir allgemein bezeichnen, und haben wir soeben
bereits bezeichnet als solche, die dem "_Zusammenhang_" angehören, in
welchen der einzelne psychische Vorgang sich einfügt. Sie sind, kurz
gesagt, Bedingungen des psychischen Zusammenhanges.
Wir müssen also sagen: Lust entsteht in dem Masse, als für ein
psychisches Geschehen solche günstige Bedingungen seiner Kraftaneignung
bestehen, die nicht in dem einzelnen psychischen Vorgange als solchem,
sondern irgendwie im Zusammenhang der Momente oder Faktoren des
psychischen Lebens begründet liegen. Je mehr solche Bedingungen bestehen,
desto mehr wird ein psychisches Geschehen von uns, d. h. vom Zusammenhang
des psychischen Lebens frei "angeeignet". Wir können also auch diese
freie Aneignung als Grund der Lust bezeichnen. Je mehr von uns psychisch
angeeignet wird, oder je mehr psychisch geschieht, und je günstiger
zugleich die im Zusammenhang des Ganzen gegebenen Bedingungen für die
Aneignung oder für den Vollzug des psychischen Geschehens sind, oder mit
einem anderen Ausdruck, je reicher und intensiver die psychische
"Thätigkeit" ist, und je mehr in ihr zugleich alle Faktoren _frei
zusammenwirken_, desto grösser ist die Lust.
"QUALITATIVE ÜBEREINSTIMMUNG" ALS GRUND DER LUST.
Jetzt fragt es sich aber: Wann sind Bedingungen dem Vollzug eines
psychischen Geschehens günstig. Darauf lautet die Antwort zunächst: Sie
sind es, wenn oder soweit zwischen ihnen und diesem Geschehen
_qualitative Übereinstimmung_ besteht. Diese qualitative Übereinstimmung
ist verschiedener Art. Hier muss ich mich begnügen, sie durch einige
Beispiele zu verdeutlichen:
Es entsteht Lust aus der Folge zweier zu einander harmonischer Töne, weil
jeder den Vollzug des anderen vorbereitet oder unterstützt. Diese
Vorbereitung oder Unterstützung beruht auf der Verwandtschaft--nicht
zwischen den Tönen, diesen _Bewusstseinsinhalten_, sondern auf der
Verwandtschaft oder eigenartigen Ähnlichkeit, die zwischen den, diesen
Tönen zu Grunde liegenden psychischen _Vorgängen_ besteht.
Es entsteht ebenso Lust aus der Wahrnehmung einer regelmässigen
geometrischen Figur, weil die übereinstimmenden Teile derselben
aufeinander hinweisen. Hier ist im Gegensatz zum vorigen Falle die
Übereinstimmung oder "Ähnlichkeit" eine solche, die zugleich in den
Bewusstseinsinhalten repräsentiert ist.
Es entsteht, um noch ein drittes Beispiel anzuführen, Lust aus der
Wahrnehmung eines edlen Entschlusses, weil in meiner eigenen sittlichen
Natur, wenn auch vielleicht in meinem sonstigen Leben praktisch
unwirksam, Triebfedern zu gleich edlen Entschlüssen liegen, die durch
jene Wahrnehmung wachgerufen, dem wahrgenommenen Entschlusse
"entgegenkommen". Dies Vorbereiten, Unterstützen, Hinweisen,
Entgegenkommen sagt jedesmal dasselbe: Erleichterung der Aneignung
psychischer Kraft, Mitteilung derselben, Wirken als günstige Bedingung
für die Entfaltung oder das Zur-Geltung-Kommen eines psychischen
Geschehens. Jedesmal beruht die Erleichterung der Aneignung psychischer
Kraft auf einer qualitativen Übereinstimmung zwischen einem psychischen
Vorgang und von ihm vorgefundenen Bedingungen seiner Kraftaneignung.
"QUANTITATIVE VERHÄLTNISSE". GEFÜHL DER "GRÖSSE".
Diese qualitative Übereinstimmung ist, allgemein gesagt, eine Art des
qualitativen _Verhältnisses_. Diesem qualitativen Verhältnis steht
entgegen das quantitative Verhältnis, nämlich das quantitative Verhältnis
zwischen einem psychischen Geschehen und den von ihm vorgefundenen oder
den im psychischen Zusammenhang gegebenen Bedingungen seiner
Kraftaneignung. Auch dies quantitative Verhältnis hat für das Lustgefühl
Bedeutung. Zugleich führt uns die Betrachtung desselben weiter: In diesem
quantitativen Verhältnis liegt der Grund der Gefühlsfärbungen, die wir
mit den Namen: Gefühl des Grossen, des Gewichtigen etc., andererseits mit
den Namen: Gefühl des Kleinen oder des Heiteren etc. bezeichnet haben.
Jeder psychische Vorgang, so sagte ich oben, hat, nachdem er einmal
ausgelöst ist, eine bestimmte mit seiner Beschaffenheit gegebene "eigene
Energie". Er beansprucht oder fordert, als dieser bestimmte Vorgang, die
psychische Kraft energischer oder weniger energisch, oder er beansprucht
mehr oder weniger psychische Kraft.
Sei nun irgend ein Vorgang von bestimmter Energie gegeben, so fragt es
sich--nicht nur, ob der gesamte psychische Zusammenhang oder irgend ein
anderweitiger Vorgang sich qualitativ so zu ihm verhält, dass er fähig
ist, jenem Vorgang die psychische Kraft zu überlassen oder zuzuweisen,
sondern es fragt sich auch, wie viel Kraft in jenem Zusammenhang
überhaupt vorhanden, oder in einem solchen anderweitigen Vorgang
repräsentiert ist, und demgemäss jenem Vorgang auf dem eben bezeichneten
Wege zugewiesen werden kann, bezw. wie leicht diese Kraft _verfügbar_
gemacht, d. h. dem, was dieselbe sonst beansprucht, entzogen werden kann.
Dabei nun bestehen drei Möglichkeiten. Entweder dies Mass der verfügbaren
Kraft oder dies Mass der Verfügbarkeit der Kraft steht mit jenem Anspruch
oder jener Energie der Inanspruchnahme in einem bestimmten nicht näher
definierbaren Verhältnis des Gleichgewichtes. Oder es überwiegt jene
Energie. Oder endlich es überwiegt diese Verfügbarkeit.
Achten wir zunächst auf die erste der beiden letzten Möglichkeiten. Um
nicht allzu allgemein zu reden, fassen wir gleich spezieller geartete
Fälle ins Auge. Ein Objekt schliesse eine Vielheit in sich. Der
psychische Vollzug der einzelnen Elemente dieser Vielheit finde in mir
Bedingungen vor, mit denen er in qualitativer Übereinstimmung steht.
Zugleich bilden die Elemente eine qualitative Einheit. D. h. sie
unterstützen sich vermöge zwischen ihnen bestehender qualitativer
Übereinstimmung wechselseitig in der Aneignung der psychischen Kraft.
Daraus ergiebt sich eine starke Lust. Zugleich aber besitzt der
Gesamtvorgang eine erhebliche Energie der Inanspruchnahme psychischer
Kraft: Das Objekt als Ganzes drängt sich mit grosser Energie auf.
Diese Energie nun kann _beliebig_ gross gedacht werden. Dagegen ist die
Möglichkeit, dass dem Objekt psychische Kraft von mir zugewandt werde,
beschränkt. Meine gesamte psychische Kraft ist ja in bestimmte Grenzen
eingeschlossen. Hier kann demnach ein Übergewicht jener Energie über
diese Verfügbarkeit stattfinden. In dem Masse als dies geschieht, gewinnt
die Lust an dem Objekte den Charakter der Grösse, des Gewichtigen, des
Mächtigen, des Tiefen, des Ernstes.
Dieser Charakter wechselt und verdient bald mehr den einen bald mehr den
anderen der soeben gebrauchten Namen, je nach dem Grade jenes
Übergewichtes, andererseits je nach der Kraft, welche die Bedingungen des
Lustgefühles besitzen. Steigt jenes Übergewicht, so wird das Gefühl mehr
und mehr zu einem Gefühl des Strengen, Übermächtigen, Überwältigenden.
Beispiele für jenes Gefühl der Grösse sind die Gefühle, die wir haben
angesichts des Meeres, eines gewaltigen Gebirges, einer von einem Willen
bewegten und auf ein Ziel gerichteten Menge, auch gegenüber der einzelnen
Persönlichkeit, die alle ihre Kraft in einem grossen Gedanken
zusammenfasst. In diesen Fällen bezeichnen wir das Gefühl auch als Gefühl
der Erhabenheit. Für den besonderen Sinn der Erhabenheit verweise ich auf
S. 19[*] und auf den Anfang des vierten Abschnittes.
[* Im Unterkapitel ALLERLEI ÄSTHETISCHE THEORIEN. Transkriptor.]
"GRÖSSE" UND UNLUST.
Jenes Gefühl des Strengen, Überwältigenden, Übermächtigen ist unserer
Voraussetzung nach noch Gefühl der Lust, nur mit diesem besonderen
Charakter. Es kann aber in ihm die Lustfärbung mehr und mehr sich mindern
und schliesslich in eine Unlustfärbung sich verwandeln. Dies muss
geschehen, wenn wir uns die Wirkung der qualitativen Übereinstimmung mehr
und mehr hinter der Wirkung des Übergewichtes der Inanspruchnahme der
psychischen Kraft über die Verfügbarkeit derselben zurücktretend denken.
Hiermit ist schon gesagt, dass dies Übergewicht an sich Grund der Unlust
ist. So muss es sein gemäss dem allgemeinen Gesetz der Unlust. Dies
gewinnen wir aus dem allgemeinen Gesetz der Lust, wenn wir an die Stelle
der Übereinstimmung den Gegensatz oder Widerstreit treten lassen: Unlust
entsteht, wenn ein psychischer Vorgang Bedingungen vorfindet, die seinen
Vollzug oder seine Aneignung psychischer Kraft hemmen.
Auch dieser Widerstreit ist zunächst ein qualitativer. Ein einfaches
Beispiel eines solchen qualitativen Widerstreits bieten etwa die
disharmonischen Töne. Nicht die Töne, d. h. die Inhalte unserer
Tonempfindung, wohl aber die dem Dasein derselben zu Grunde liegenden
psychischen Vorgänge, müssen als zu einander qualitativ gegensätzlich,
und demgemäss ihren Vollzug wechselseitig hemmend oder störend gedacht
werden.
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9 |
10 |
11 |
12 | 13 |
14 |
15 |
16 |
17 |
18 |
19 |
20 |
21 |
22 |
23 |
24 |
25 |
26