A B C D E F G H I J K L M N O P R S T U V W X Z

Komik und Humor

T >> Theodor Lipps >> Komik und Humor

Pages:
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 26



Diesem qualitativen Gegensatz sieht aber gegenüber der quantitative.
Dieser fällt mit dem Übergewicht der Inanspruchnahme psychischer Kraft
über die Verfügbarkeit derselben zusammen. In dem Masse als dies
Übergewicht besteht, vollzieht sich die Aneignung der Kraft zwangsweise,
unter Hemmungen. Der Vollzug des Vorgangs ist eine an uns gestellte
Zumutung, und wird schliesslich zur unlustvollen Vergewaltigung.

Darnach kann von dem Gefühl der lustvollen Grösse, oder des lustvoll
Gewaltigen, des Erhabenen etc. in gewissem Sinn gesagt werden, dass in
dasselbe Lust und Unlust als Faktoren eingehen. Nicht in dem Sinne, dass
in diesem Gefühl die _Gefühle_ der Lust und Unlust sich verbinden, wohl
aber in dem Sinne, dass _Bedingungen_ der Lust und Bedingungen der Unlust
zur Erzeugung eines neuen Gefühles, nämlich eben des eigenartigen
Gefühles der lustvollen Grösse _zusammenwirken_.

So können überhaupt in mannigfacher Weise Bedingungen der Lust und der
Unlust zur Erzeugung eines neuen Gefühles sich vereinigen. Insbesondere
haben Bedingungen der Unlust, die mit Bedingungen der Lust sich
vereinigen, nicht etwa ohne weiteres die Bedeutung einer Verringerung der
Lust. Vielmehr besteht ihre Bedeutung unter bestimmten Voraussetzungen
immer darin, der Lust einen anderen Charakter, vor allem mehr
Eindringlichkeit, grössere Tiefe, mehr Gehalt zu verleihen.

Diese Voraussetzungen können hier nicht allgemein untersucht werden. Die
Psychologie hat natürlich die Aufgabe, sie zu untersuchen. Diese Aufgabe
gehört aber leider zu den vielen wichtigsten Aufgaben, die die
Psychologie jetzt zu ihrem Schaden vernachlässigt.

Nur dies ist uns in dem gegenwärtigen Zusammenhange wichtig, dass die
Bedingungen der Unlust, soweit sie in jenem quantitativen Gegensatz oder
jenem Übergewicht der Inanspruchnahme psychischer Kraft über die
Verfügbarkeit derselben bestehen, zusammen mit den in der qualitativen
Übereinstimmung gegebenen Bedingungen der Lust jenes Gefühl der bald mehr
lustvollen, bald mehr unlustvollen _Grösse_ bedingen.

Und wenn nun zum qualitativen _Gegensatz_ dieser quantitative Gegensatz
tritt? Dann steigert sich nach dem allgemeinen Gesetz der Unlust die
Unlust. Zugleich gewinnt auch diese Unlust eine Art der Grösse, nur eben
der unlustvollen Grösse; auch die Unlust gewinnt Schwere,
Eindringlichkeit, Tiefe. Es ist etwas _qualitativ_ Anderes um das Gefühl
der Unlust, wenn ich von allerlei Kleinigkeiten geärgert, von
fortgesetzten "Nadelstichen" gepeinigt, von einer aus dem Wechsel
einander entgegengesetzter Antriebe fliessenden inneren Unruhe gefoltert
bin, als wenn ein grosses Unglück, ein einziges bitteres Leid, ein tiefer
Schmerz mich in Anspruch nimmt.

Dabei ist freilich zu bedenken, dass nichts mich innerlich ganz in
Anspruch nehmen kann, ohne mein Wesen in Eines zusammenzufassen, und dass
solche innere Vereinheitlichung an sich betrachtet wiederum ein
lusterzeugendes Moment ist. Steigert sich dies, so nähert sich das
fragliche Gefühl dem lustgefärbten Gefühl der Grösse. Es geht, wenn
weitere lusterzeugende Momente hinzutreten, stetig in dies Gefühl über,
ebenso wie wir vorhin dies Gefühl in jenes stetig übergehen sahen. Doch
kann auch hierauf in diesem Zusammenhang nicht im Einzelnen eingegangen
werden. Es wäre dazu eine vollkommen sichere Analyse der einzelnen Fälle
erforderlich.


GEFÜHL DES "HEITEREN".

Setzen wir jetzt den umgekehrten Fall, d. h. nehmen wir an, es überwiege
das Mass der verfügbaren psychischen Kraft, oder es überwiege das Mass
ihrer Verfügbarkeit, über die Energie, mit der Objekte diese Kraft in
Anspruch nehmen. Dann gewinnen wir das entgegengesetzte Bild.

Was uns in einem Augenblick beschäftigt, sei an sich, weil es mit den
Bedingungen seines psychischen Vollzuges in qualitativer Übereinstimmung
steht, Gegenstand der Lust, aber es vermöge seiner Natur nach uns nur
wenig in Anspruch zu nehmen. Zugleich seien wir innerlich frei genug, um
uns ihm mit unserer ganzen Kraft zuzuwenden. Dann geschieht jener
psychische Vollzug spielend. Daraus ergiebt sich ein Zuwachs von Lust.
Auch dieser Überschuss von verfügbarer Kraft ist ja eine günstige
Bedingung für den psychischen Vollzug oder die Kraftaneignung der
Objekte. Auch damit ist eine Art der Übereinstimmung psychischer Vorgänge
mit den Bedingungen ihrer Kraftaneignung gegeben; nicht eine qualitative,
sondern eine quantitative Übereinstimmung. Zugleich aber gewinnt das
Gefühl der Lust einen neuen Charakter, nämlich den Charakter des
Leichten, des Heiteren, des "Spielenden". Das Spiel der Kinder ist eine
solche Art der psychischen Bethätigung.

Wiederum gewinnt auch das an sich Unlustvolle einen _gleichartigen_
Charakter, wenn die gleichen Bedingungen gegeben sind. Auch mit kleinen
Widerwärtigkeiten können wir innerlich spielen. Voraussetzung ist, dass
sie--nicht nur an sich, sondern für uns _kleine_ Widerwärtigkeiten sind,
d. h. als solche sich uns darstellen und auf uns wirken, dass sie also
nicht heftig sich aufdrängen; andererseits dass wir in der Verfassung
sind, sie frei aufzufassen und in ihrer Kleinheit hell zu beleuchten,
dass wir ihnen gegenüber möglichst wenig passiv und in möglichst hohem
Grade aktiv, möglichst wenig von ihnen affiziert und in möglichst hohem
Grade ihnen gegenüber überlegen oder souverän sind, oder mit einem Worte,
dass wir ihnen mit "Humor" gegenüberstehen. Mit allen diesen Ausdrücken
ist immer dasselbe bezeichnet, nämlich das Übergewicht der verfügbaren
psychischen Kraft oder der Verfügbarkeit dieser Kraft über die Energie,
mit der das Objekt von sich aus diese Kraft beansprucht. Die
"Souveränität", von der ich hier rede, oder die "geistige Freiheit", von
der ich vorhin sprach, das ist eben diese relativ hohe Verfügbarkeit der
psychischen Kraft. Je grösser sie ist, desto anspruchsvoller oder
aufdringlicher kann die Widerwärtigkeit ihrer Natur nach sein, und
trotzdem die Betrachtung der Unannehmlichkeit für uns zum Spiel werden,
oder was dasselbe sagt, Gegenstand einer Unlust sein, die einen Charakter
des "Heiteren" an sich trägt.

Was diesem Charakter des Heiteren oder diesem unserem "Leichtnehmen" zu
Grunde liegt, ist nach vorhin Gesagtem an sich Grund der Lust. So wirken
also auch hier wiederum, wie beim Gefühl der lustvollen Grösse, nur in
umgekehrter Weise, Bedingungen der Lust und der Unlust zusammen. Und
wiederum ergiebt sich daraus ein Neues, nämlich eben dies Gefühl, das wir
soeben als Gefühl des Heiteren oder des Leichtnehmens bezeichnet
haben.--Auch Schmerzen können in solcher leichten Weise uns anmuten, wenn
wir die nötige "geistige Freiheit" haben.


DAS ÜBERRASCHEND GROSSE.

Lassen wir in Gedanken diese geistige Freiheit sich steigern und die
Energie, mit der die Unannehmlichkeit uns affiziert, sich mindern, so
geht dies Gefühl der heiteren oder leichtgenommenen Unlust in ein
lustbetontes Gefühl der Heiterkeit über: Die kleine Widerwärtigkeit oder
der geringe Schmerz "belustigt" uns oder wird Gegenstand eines Gefühles
der "Heiterkeit" in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes.

Eine besondere Steigerung jener geistigen Freiheit nun, andererseits
ebensowohl eine Minderung derselben, also eine Mehrung des Übergewichtes
der Energie der Inanspruchnahme psychischer Kraft über die Verfügbarkeit
derselben, ergiebt sich uns, wenn wir wiederum den Begriff der Erwartung,
oder das, was in diesem Begriff für uns eingeschlossen war, hinzunehmen.

Ich machte vorhin, als vom Gefühl der Grösse die Rede war, und ebenso
jetzt eben, beim Gefühl des Heiteren oder des Spieles, nicht die
Voraussetzung, dass das "Grosse" oder das heiter Anmutende einer
Erwartung widerspreche. Ich redete von dem Grossen, das ein Gefühl der
Grösse erweckt, auch wenn eben dies Grosse erwartet wird. Man erinnere
sich wiederum an das Meer, oder an das gewaltige Gebirge. Ebenso war mit
dem minder Aufdringlichen oder mit minderer psychischer Energie Begabten,
das leicht oder heiter genommen wird, ein solches gemeint, das diesen
Charakter besitzt, auch wenn nichts Anderes, vor allem nichts Grosses an
seiner Stelle erwartet wird.

Nehmen wir jetzt die Erwartung hinzu, so haben wir eine neue und
wesentliche Bedingung für jede der beiden Gefühlswirkungen.

Der Einfachheit halber fassen wir hier die Erwartung im positiven Sinne,
also als Erwartung eines Bedeutungs- oder Eindrucksvollen. Dann mindert
die Erwartung das Gefühl der Grösse. Umgekehrt lässt der Mangel einer
solchen Erwartung auch dem minder Grossen gegenüber einen gesteigerten
Eindruck der Grösse entstehen: Wir sind überrascht, wir erstaunen; es
wird dasjenige zum Überwältigenden, was dann, wenn es erwartet worden
wäre, vielleicht zwar auch noch als gross erschienen wäre, aber keine
überwältigende Wirkung geübt hätte. Erwartung ist eben, wie wir schon
sahen, eine besondere Weise psychische Kraft für das Erwartete zur
_Verfügung_ zu stellen. Damit wird das Übergewicht der Energie des
Erwarteten über die Verfügbarkeit der psychischen Kraft vermindert. Und
darauf beruht ja, wie wir wissen, das Gefühl der Grösse.

Je grösser aber, abgesehen von der Erwartung, jenes Übergewicht ist, d.
h. je mehr das Erwartete ein Grosses ist, desto stärker muss die in der
Erwartung liegende Vorbereitung sein, wenn dem Gefühl der Lust, bezw. der
Unlust sein Charakter des Großen, Überwältigenden, Erstaunlichen genommen
werden soll. Das Große sei etwa wiederum ein mächtig vor mir
aufsteigendes Gebirge. Dann bedarf es eines entschiedeneren
Vorbereitetseins, wenn das Gefühl des Staunens unterbleiben soll, als
wenn es sich um einen Gegenstand von minderer Mächtigkeit handelte.
Gleiches gilt von dem _unerfreulichen_, aber mächtig auf mich
eindringenden Getöse. Bin ich auf dies durch entsprechende Erwartung
entschieden vorbereitet, so bleibt es zwar für mich unlustvoll. Aber es
verliert sein Gepräge des momentan Überwältigenden.

Wir erfreuen uns aber des Grades der Bereitschaft, wie er zur Aufhebung
dieses Gefühlscharakters erforderlich ist, um so sicherer, je mehr wir
gleichartige Objekte von eben solcher oder größerer Aufdringlichkeit oder
Energie der Inanspruchnahme psychischer Kraft erwarten. Die Bereitschaft
zur Auffassung oder zum psychischen "Vollzug" eines Bedeutungsvollen oder
Grossen ist zugleich eine Bereitschaft in entsprechendem _Grade_. Dies
muß so sein nach dem, was wir als das Wesen der Erwartung kennen gelernt
haben. Diese besteht in der seelische Kraft aneignenden und für das
Erwartete verfügbar machenden Wirksamkeit der Vorstellung des Erwarteten,
einschliesslich der Gedanken, die mit dem Erwarteten sich verknüpfen, und
ihm für uns Bedeutung und Interesse verleihen. Je bedeutungsvoller aber
das Erwartete an sich ist, und je bedeutungsvolleren Inhalt diese
Gedanken haben, um so stärker muss nach unserem Begriff des
"Bedeutungsvollen" jene Kraft aneignende und Kraft zur Verfügung
stellende Wirksamkeit sich erweisen.

Wir können also, was uns die Betrachtung der Gefühlswirkung des
erwarteten und des nicht erwarteten gewaltigen Gebirges, bezw.
überwältigenden Getöses lehrt, auch so ausdrücken, dass wir sagen: Je
Grösseres erwartet wird, um so mehr mindert sich das Gefühl der Grösse,
das wir angesichts des durch die Erwartung vorbereiteten Objektes haben.


DAS ÜBERRASCHEND KLEINE. DIE KOMIK.

Nehmen wir jetzt an, das durch die Erwartung vorbereitete Objekt sei ein
Kleines oder relativ Nichtiges, dann muß dies Kleine, in dem Masse als es
durch die Erwartung eines Grossen vorbereitet ist, nicht nur ein minderes
Gefühl der Grösse, sondern ein stärkeres Gefühl der Kleinheit erzeugen.
Oder: Ist ein grösseres Objekt um so mehr Gegenstand des Gefühls der
Grösse, je weniger wir auf die Erfassung eines Grossen vorbereitet sind,
so muss das Kleine um so mehr Gegenstand des Gefühles des Heiteren sein,
je mehr eine solche Vorbereitung stattgefunden hat. Die Erwartung eines
Grossen schliesst hier ein um so grösseres _Übergewicht_ der verfügbaren
psychischen _Kraft_ über die Energie der _Inanspruchnahme_ derselben in
sich, je grösser das Grosse, zugleich je kleiner oder nichtiger das
Kleine ist. Auf diesem Übergewicht aber beruhte uns das Gefühl des
Heiteren. Das _besondere_ Übergewicht aber, das unter der hier
bezeichneten Voraussetzung stattfindet, lässt das Gefühl des Heiteren,
das wir vorhin auch schon dann eintreten sahen, wenn diese besondere
Voraussetzung nicht gegeben war, zu dem ausgesprochenen Gefühl des
Heiteren werden, das wir als Gefühl der Komik bezeichnen.

Das Gleiche, was durch die Erwartung des Grossen bedingt wird, wird auch
zuwege gebracht, wenn _Dasselbe_ erst bedeutungsvoll, dann nichtig
erscheint. Es besitzt, als Bedeutungsvolles, sein erhebliches Mass
psychischer Kraft; und diese verbleibt ihm, wenn es ein Nichtiges
geworden ist. Wir sahen freilich, dass diese beiden Fälle nicht
grundsätzlich verschieden sind. Auch in jenem Falle kann gesagt werden,
es erscheine Dasselbe erst bedeutungsvoll dann nichtig. Und auch in
diesem Falle kann von einer "Erwartung" eines Bedeutungsvollen gesprochen
werden.

Hiermit ist das Gefühl der Komik verständlich geworden. Nicht jedes
beliebige Gefühl der Komik, sondern das Gefühl der Komik im allgemeinen.
Zugleich leuchtet ein, warum dasselbe zunächst als Gefühl komischer Lust
sich darstellen muss. Wir sahen ja: Das Übergewicht der Verfügbarkeit der
psychischen Kraft über die Inanspruchnahme derselben ist Grund der Lust
und lässt _zugleich_ dies Gefühl den Charakter des Heiteren, Leichten,
Spielenden gewinnen.

Ist es erlaubt, für den Grund der Entstehung dieses Gefühles schliesslich
noch ein verdeutlichendes Bild zu gebrauchen, so denke man sich, jemand
erwarte und sei gerüstet auf den Besuch einer aus mehreren Köpfen
bestehenden Familie, habe also den Raum, und was sonst erforderlich ist,
verfügbar gemacht. Kommt nun statt der erwarteten eine grössere Anzahl
von Gästen, so werden diese die Insassen des Hauses beengen und sich
selbst beengt fühlen. Kommt dagegen nur ein einziger, so wird dieser
freier sich entfalten und bequemer sich ausbreiten können, als wenn auf
ihn allein gerechnet worden wäre. Oder nehmen wir an, es sei überhaupt
niemand angekündigt, die ans mehreren Köpfen bestehende Familie sei aber
gekommen und habe den Hausherrn genötigt, wohl oder übel, den für sie
erforderlichen Platz zu schaffen; dann seien alle bis auf einen wieder
abgereist; so wird wiederum der Zurückbleibende, so lange bis die alte
Ordnung wieder hergestellt ist, sich freier ausbreiten können, als wenn
er von vornherein der einzige Gast gewesen wäre.

Ähnlich nun, wie jenem, an Stelle der angekündigten Familie
eingetroffenen Gaste, ergeht es in uns der Wahrnehmung des kleinen
Häuschens, das an Stelle des Palastes tritt. Der Wahrnehmungsvorgang
breitet sich in der Seele leicht und ungehemmt aus, und ist darum
Gegenstand einer, zugleich lustbetonten Komik. Und ähnlich, wie diesem
allein übrig gebliebenen Gaste, ergeht es der schwarzen Hautfarbe des
Negers, dem Spiel mit Worten, der naiven Äusserung oder Handlung, nachdem
der Gedanke an ihre Bedeutung zurückgetreten ist. Auch diese Inhalte
vermögen leicht und mühelos, "spielend", sich in uns zur Geltung zu
bringen.

Diese spielende Entfaltung des relativen Nichts unterbricht und löst die
Spannung, welche die Erwartung oder der Schein des Bedeutungsvollen
erzeugte. Insofern hat _Kant_ Recht, wenn er die Komik als die "Auflösung
einer Spannung" in Nichts bezeichnet. Das relative Nichts erlangt, indem
es sich entfaltet, in unserem Bewusstsein momentan die Herrschaft. In
diesem Sinne kann das "vive la bagatelle" _Jean Paul_'s zur Devise, nicht
nur des Humors, sondern aller Komik gemacht werden.




X. KAPITEL. DAS GANZE DES KOMISCHEN AFFEKTES.


UMFANG UND ERNEUERUNG DER KOMISCHEN VORSTELLUNGSBEWEGUNG.

Ich habe im Vorstehenden das Gefühl der Komik bezeichnet, und den
Prozess, durch welchen dasselbe entsteht, dargelegt. Damit ist doch noch
kein vollständiges Bild gegeben vom psychologischen Thatbestande der
Komik.

Zunächst ist die komische Vorstellungsbewegung umfassender, als bisher
ausdrücklich gesagt wurde. Wir nannten komisch die geringfügige Leistung
nach grossen Versprechungen. Aber nicht nur die geringfügige Leistung
schrumpft in nichts zusammen, wenn sie als das, was sie ist, betrachtet
wird. Auch die Versprechungen, nicht minder die Person dessen, der sie
gab, wird in diese Vernichtung hineingezogen. Die Leistung erhob den
Anspruch grosse Versprechungen zu erfüllen. Jetzt ist sie dieses
Anspruches verlustig. Gleicherweise erhoben die Versprechungen den
Anspruch Ankündigung oder Bürgschaft grosser Leistungen zu sein, die
Person erhob den Anspruch der Zuverlässigkeit und der Fähigkeit zur
Verwirklichung der versprochenen Leistungen. Jetzt sind die
Versprechungen leer, der Versprechende ist ein eitler Grosssprecher.
Schliesslich werden auch solche komisch, die auf die Versprechungen etwas
gaben, darunter wir selbst.

Indessen wichtiger ist mir hier ein zweiter Punkt. Zunächst dieser: Je
höher die Erwartung gespannt ist, oder je mehr das Nichtige zuerst als
ein Bedeutungsvolles erschien, um so mehr war im Anfang der komischen
Vorstellungsbewegung unsere Aufmerksamkeit von der Erwartung oder der
scheinbaren Grösse des Nichtigen in Anspruch genommen, um so stärker
ist dann die Entladung. Ich achtete nur auf das zu Erwartende oder auf
das scheinbar Grosse; jetzt hat in mir neben dem Nichtigen wiederum
allerlei Platz, das vorher verdrängt war. Die komische Enttäuschung
bringt mich "zu mir"; meine Aufmerksamkeit geht wiederum über den
Vorstellungszusammenhang, dem das komische Erlebnis angehört, hinaus zu
solchem, das zu ihm keine Beziehung hat.

Doch das eigentlich Wichtige, das ich hier meine, besteht nicht sowohl
darin, dass dies geschieht, als vielmehr darin, dass solches Hinausgehen
über den komischen Vorstellungszusammenhang nicht in dem Masse und nicht
so unmittelbar stattfindet, wie man erwarten könnte.

Dem komischen Objekt ist mehr psychische Kraft zu teil geworden, als es
beansprucht, also auch mehr als es festzuhalten vermag. Die Energie der
Festhaltung ist ja dieselbe wie die Energie der Beanspruchung. Es scheint
also die psychische Kraft leicht von dem komischen Objekt sich wieder
lösen zu müssen. Beliebiges Andere scheint dieselbe leicht aneignen zu
müssen. Die Komik scheint nur ein momentanes Dasein haben zu können.

Dies ist in der That nicht der Fall. Wir bleiben eine Zeitlang in der
komischen Vorstellungsbewegung. Wir bleiben darin, um sie zu wiederholen.

Dies verstehen wir, wenn wir uns wiederum der psychischen Stauung
erinnern, die bedingt ist durch den Charakter des Unerwarteten, Neuen,
Seltsamen, Rätselhaften, das dem Komischen anhaftet. Dadurch ist die
Brücke zwischen dem Komischen, und dem, was jenseits desselben liegt,
abgebrochen. Der "Abfluss" der Vorstellungsbewegung ist gehemmt, der
komische Vorstellungszusammenhang ist psychisch relativ isoliert.

Darum hat doch der Umstand, dass das komisch gewordene Nichtige
geringe eigene Energie der Aneignung psychischer Kraft, also
auch geringe Fähigkeit der Festhaltung derselben besitzt, seine
Wirkung. Nur bleibt diese Wirkung zunächst innerhalb des komischen
Vorstellungszusammenhanges. Die psychische Kraft "fliesst" in der That
von dem Nichtigen "ab"--wenn es erlaubt ist auch hier diesen bildlichen
Ausdruck zu gebrauchen, dessen erfahrungsgemässer Sinn zur Genüge
deutlich gemacht worden ist--, aber sie fliesst ab auf das Grosse und zur
Aneignung psychischer Kraft Fähige, das unmittelbar mit dem Nichtigen
zusammenhängt, das heisst, sie fliesst zurück zu dem Erwarteten, an
dessen Stelle das Nichtige getreten ist, beziehungsweise zu dem, was das
Nichtige zuerst als ein Grosses erscheinen liess.


RÜCKLÄUFIGE WIRKUNG DER PSYCHISCHEN "STAUUNG".

Damit sind wir einer psychischen Thatsache begegnet, die bei jeder
psychischen "Stauung" in grösserem oder geringerem Masse stattfindet, und
eine ebenso grosse und umfassende psychologische Bedeutung besitzt, wie
die Stauung selbst. Es ist die Thatsache, auf der all unser zweckmässiges
Thun beruht, das heisst im letzten Grunde, all unser Thun im Gegensatz
zum blossen Geschehen in uns, jedes Nachdenken, jede praktische oder
theoretische Überlegung, jede Wahl von Mitteln zu einem Zweck u. s. w.
Wir können auch sagen: Es ist die Thatsache, in welcher alles solche Thun
_besteht_.

Alles "Sich nicht Erinnern", jeder Zweifel, jede Ungewissheit, alles
Nichthaben dessen, worauf wir innerlich gerichtet sind, oder worauf eine
psychische Bewegung ihrer Natur nach abzielt, ist eine Unterbrechung
eines naturgemässen Ablaufs oder Verlaufs eines psychischen Geschehens.
Eines naturgemässen, das heisst eines solchen, wie er sich ergäbe, wenn
die in dem Geschehen wirksamen Bedingungen frei sich verwirklichen
könnten. Jeder der bezeichneten Thatbestände schliesst also die
Bedingungen einer "Stauung" in sich. Wir könnten statt dessen mit dem
oben gebrauchten Ausdruck auch sagen: Jeder solche psychische Thatbestand
involviert eine "Verblüffung". Alles sich Besinnen, alles Fragen "Wie"
oder "Was ist dies", alles Überlegen, alles nicht, oder nicht sofort sich
verwirklichende Wollen ist zunächst ein Stehenbleiben der psychischen
Bewegung an der Stelle, wo diese Bewegung nicht in ihrer natürlichen Bahn
weiter kann. Es ist dann weiterhin ein sich Ausbreiten und sich
Rückwärtswenden der psychischen Bewegung oder des "Stromes" des
psychischen Geschehens.

Wir besinnen uns auf einen Namen, das heisst: wir bleiben innerlich vor
dem Namen stehen, wir wenden uns dann zurück zu der Person, die den Namen
trägt, zur Gelegenheit, wo wir den Namen hörten u. s. w. Alle diese
Momente gewinnen erneute Kraft, und damit erneute und gesteigerte
Fähigkeit der Reproduktion. Sie gewinnen diese Kraft, einfach darum, weil
die Kraft vorhanden und vermöge der Stauung an diesen bestimmten Punkt,
die Vorstellung "Name dieser bestimmten Person", gebannt ist, und weil
ihnen, an sich und vermöge ihres unmittelbaren Zusammenhanges mit dieser
Vorstellung, die Fähigkeit eignet, sich diese zwangsweise zur Verfügung
gestellte Kraft anzueignen, beziehungsweise sie festzuhalten. Vielleicht
gelingt auf Grund dieser Kraftaneignung und der damit gewonnenen erhöhten
Fähigkeit des Reproduzierens die Reproduktion des Namens. Dann ist, durch
die Stauung und ihre natürlichen Folgen, das Hindernis hinweggeräumt, und
die psychische Bewegung geht über den Namen oder durch denselben
hindurch, weiter.

Oder: Wir erleben es, dass auf ein A, dem in früherer Erfahrung ein B
folgte, jetzt ein, das B ausschliessendes B1[*] folgt, und "suchen" die
"Erklärung". Wäre auf das A niemals das B, sondern auch sonst jedesmal
das B1, gefolgt, so gingen wir von A über B1 beruhigt weiter. Diesen
Fortgang hindert das B, oder der Widerspruch zwischen ihm und dem B1.
Darum bleiben wir vor dem B1. Wir unterliegen einer Stauung; wir erleben
eine "Verblüffung", oder erleben die "Verwunderung", die der Anfang aller
Weisheit ist.

[* Ordnungszahl hier und ff. im Original tiefgestellt. Transkriptor.]

Dann gehen wir von B1 zurück zu A. Das A, von dem wir ausgegangen waren,
tritt in den Blickpunkt des Bewusstseins. Ohne die Stauung wäre es
Durchgangspunkt der psychischen Bewegung. Jetzt ist es Haltpunkt
derselben. Es wird von der gestauten psychischen Bewegung emporgehoben.
Das A ist merkwürdig, interessant, nicht an sich, sondern sofern es
jetzt, gegen frühere Erfahrung, nicht ein B, sondern ein B1 nach sich
zieht.

Dies ist der Ausgangspunkt des "Suchens" nach der Erklärung. Aber dies
emporgehobene A hat nun--ebenso wie vorhin die Vorstellung des Trägers
des gesuchten Namens und die Vorstellung der Gelegenheit, bei welcher der
Name gehört wurde--, eine seiner "psychischen Höhe" entsprechende
Fähigkeit des Reproduzierens. Es hat in gleichem Grade die Fähigkeit, die
"Aufmerksamkeit" auf solche Momente zu lenken, die dem A, so wie es in
der Wahrnehmung sich darstellt, anhaften, vorher aber übersehen wurden.

In der Wirksamkeit jener oder dieser Fähigkeit nun _besteht_ jenes
Suchen. Vielleicht tritt vermöge derselben an dem A jetzt ein Moment
hervor, das es zu einem A1 macht. Dann ist der Widerspruch gelöst. Nicht
das A1, sondern das A war es ja, das mir auf Grund vorangegangener
Erfahrungen das B aufnötigte. An die Stelle des A ist jetzt A1 getreten.
Von diesem kann ich also, ohne durch vergangene Erfahrungen daran
gehindert zu sein, zu B1, und durch B1 hindurch zu irgend welchen
sonstigen Gedankeninhalten weitergehen. Die Verbindung A1 B1 ist keine
verwunderliche Thatsache mehr, sondern einfach eine Thatsache, wie
tausend andere. Wir haben die "Erklärung".

Zugleich geben wir--nebenbei bemerkt--dem Erklärenden oder den
Widerspruch Lösenden einen besonderen Namen. Wir bezeichnen A1, oder den
Umstand, dass A1 nicht A, sondern A1 ist, als Ursache des B1 oder als
Ursache des Umstandes, dass B, nicht B, sondern B1 ist.

Oder weiter: Wir wollen, dass ein B sei, das heisst: es liegen in der
Natur unseres Vorstellungsverlaufes die Bedingungen für das
Zustandekommen des Urteils, dass B sei oder sein werde. Aber wir sehen, B
ist nicht. Wiederum bleiben wir vor dieser Thatsache stehen; wir bleiben
stehen vor dem vorgestellten aber nicht wirklichen B. Und wiederum
ergiebt sich daraus die Rückwärtswendung der psychischen Bewegung. Und
diese kann auch hier die Hemmung beseitigen. Die rückwärts gewendete
Bewegung gelangt zu einem A, das erfahrungsgemässe Bedingung der
Wirklichkeit des B ist. Sie erfasst die Vorstellung des A, und rückt sie
in den Mittelpunkt des Bewusstseins. Das heisst: die Vorstellung des
"Zweckes" zwingt mich zurück zur Vorstellung des "Mittels"; das Streben
nach dem Zweck wird zum Streben nach dem Mittel. Vielleicht führt dies
zur Verwirklichung des Mittels. Dann verwirklicht sich auch der Zweck,
und die gehemmte Vorstellungsbewegung geht ihren Weg weiter.

Pages:
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 26
Copyright (c) 2007. famouswriterz.com. All rights reserved.

Ay Mijo! Why Do You Want To Be An Engineer?
New Book, Endorsed By Society of Hispanic Professional Engineers, Profiles Successful Latino Engineers to Inspire Young Math, Science Students

Oklahoma City to be Site of NAHJ Region 5 Conference
A little more than a year after forming, the Oklahoma City Chapter of the National Association of Hispanic Journalists will be the host for the 2007 Region 5 Conference, March 30 - 31.

Support Teen Literature Day planned for April 19
The Young Adult Library Services Association (YALSA), the fastest growing division of the American Library Association (ALA), is celebrating its first ever Support Teen Literature Day on April 19, as part of ALA's National Library Week celebration.