Komik und Humor
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Theodor Lipps >> Komik und Humor
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Wir könnten dies alles in ein Gesetz zusammenfassen, das in einem Gesetz
der "teleologischen Mechanik" des körperlichen Lebens sein Gegenstück
hätte: Hemmungen des psychischen Lebensablaufes ergeben aus sich eine
psychische Bewegung, in deren Natur es liegt, auf die Beseitigung der
Hemmung hinzuwirken. Wir könnten dies Gesetz bezeichnen als das Gesetz
der Selbstkorrektur psychischer Hemmungen. In der Verwirklichung
desselben besteht unsere Zweckthätigkeit.
Ich rede hiervon in diesem Zusammenhang nicht genauer, sondern verweise
für eine etwas nähere--obgleich keineswegs genügende--Ausführung auf mein
mehrfach citiertes psychologisches Werk. Es ist zu bedauern, dass auch
das hier angedeutete Problem von der heutigen Psychologie übersehen zu
werden pflegt. Freilich, vor Bäumen den Wald nicht zu sehen, dies ist
vielfach die eigentliche Signatur der Psychologie unserer Tage.
HIN- UND HERGEHEN DER KOMISCHEN VORSTELLUNGSBEWEGUNG.
Hier liegt uns nur an der komischen Vorstellungsbewegung. Bei dieser aber
gilt dasselbe Gesetz. Auch das komische Erlebnis schliesst eine
psychische Hemmung, also eine Stauung in sich. Auch hier ergiebt sich
daraus eine Rückwärtsbeweguug. Wie schon gesagt, ist das nächste Ziel
derselben das "Grosse", oder das, was das Nichtige als gross erscheinen
liess. Jemehr es im Vergleich mit dem Nichtigen ein Grosses, also zur
Aneignung der psychischen Kraft Befähigtes, und je enger der Zusammenhang
zwischen ihm und dem Nichtigen ist oder jemehr zwischen beiden Identität
besteht, umso sicherer muss die Rückwärtsbewegung erfolgen. Das heisst,
sie muss umso sicherer erfolgen, je ausgesprochener die Komik ist.
So führt uns die nichtige Leistung, die auf die grossen Versprechungen
gefolgt ist, wiederum zurück zu den grossen Versprechungen. Der
gewichtige Sinn der Worte, der hohe Anspruch der darin liegt, tritt uns
jetzt erst recht deutlich vor Augen. Dann fordern wir auch von neuem die
grosse Leistung. Es besteht ja noch immer der erfahrungsgemässe Weg,
der vom Versprechen zur Leistung führt. Die vorgestellte Leistung
zergeht wiederum in nichts. Kurz, es wiederholt sich die ganze
Vorstellungsbewegung. Und sie kann sich aus dem gleichen Grunde mehrmals
wiederholen, wenn auch in beständig abnehmendem Grade.
Das Ergebnis ist ein Hin- und Hergehen und sich Erneuern der
Vorstellungsbewegung, das dauert, bis die Bewegung in sich selbst ihr
natürliches Ende findet, oder durch neu eintretende ernstere
Wahrnehmungs- oder Gedankeninhalte gewaltsam aufgehoben wird. Der ganze
Vorgang ist naturgemäss begleitet von einem entsprechenden, jetzt
nachlassenden, jetzt sich wieder erneuernden Gefühl der komischen Lust.
Wie weit dies Bild der Wirklichkeit entspricht, hängt nun freilich,
abgesehen von störenden _fremden_ Vorstellungsinhalten, von mancherlei
Umständen ab. Vor allem von der Intensität, die der ganzen Bewegung von
vornherein eignet, von der Menge dessen, was vom Schicksal, in nichts zu
zerrinnen, erreicht werden kann, von der Ungestörtheit durch ernstere
Gedankeninhalte, die in dem komischen Vorstellungszusammenhange selbst
sich ergeben mögen.
Doch wird man das Bild in der Erfahrung leicht wiedererkennen. Ich sitze
im Theater, und sehe auf der Bühne gewaltige Leidenschaften in gewaltigen
Worten und Thaten sich Luft machen. Plötzlich fällt eine Kulisse den
Schauspielern über den Kopf. Die Kulisse stellte einen Palast vor, jetzt
ist sie in ihr kulissenhaftes Nichts zurückgesunken. Zugleich ist alle
sonstige Illusion zerstört. Die Worte, die Personen sind oder bedeuten
nicht mehr, was sie waren oder bedeuteten. Ich lebe nicht mehr in der
idealen Welt des Dargestellten, sondern bin in die wirkliche Welt
zurückgeschleudert. Ich "komme zu mir", sehe meine Umgebung, sehe und
fühle mich wiederum auf meinem Platze sitzen u. s. w. Und alles dies ist
getaucht in die Stimmung der komischen Lust. Ein leichter und ungehemmter
Wellenschlag seelischer Bewegung, bald dies bald jenes leicht emporhebend
und ins helle Licht des Bewusstseins setzend, so stellt sich mir mein
inneres Geschehen dar, während vorher ernste Gedanken, gravitätisch
einherschreitend und sich drängend, mein Inneres erfüllt hatten.
Jene Leichtigkeit und Ungehemmtheit verrät sich im Gefühl komischer Lust
oder lustbetonter Komik, wie das Drängen der ernsten Gedanken in dem
Gefühl des Ernstes und der Spannung sich kundgegeben hatte.
Doch auch hier ist, übereinstimmend mit dem oben Gesagten, dies
Zurückgeschleudertwerden in die wirkliche Welt nicht das
Charakteristische des Vorgangs der Komik. Ich bin nicht sofort oder ich
bin nur halb in der wirklichen Welt. Zunächst bin ich in der Welt des
komischen Geschehens festgehalten. Der "Wellenschlag" erneuert sich. Das
den Ernst so jäh vernichtende Missgeschick weist mich auf den Ernst
zurück. Es ersteht wiederum vor mir das Pathos der Situation. Dies
zergeht von neuem etc.; bis endlich das Interesse am komischen Vorgang in
sich selbst erlahmt, oder der Fortgang des Stückes mich wiederum in
ernste Gedanken hineinzieht.
Dies Beispiel gehört, ebenso wie das vorige, der objektiven Komik an. In
anderen Fällen, vor allem solchen der witzigen oder naiven Komik kann das
Bild der komischen Vorstellungsbewegung ein weniger umfassendes sein. Es
ist darum doch prinzipiell dasselbe. Beim einfachen, niemand
abfertigenden Wortspiel, das ich nur lese, das mir also in voller
Unpersönlichkeit entgegentritt, ist der Vorstellungszusammenhang ein
engerer und abgeschlossenerer. Umso sicherer geht mein Blick nach
rückwärts: Er kehrt zurück zu den Momenten, die den Worten ihre logische
Kraft verliehen. Diese Momente kommen also wiederum zur Wirkung, und der
komische Prozess beginnt hier, ebenso wie bei der objektiven Komik, von
neuem.
Auch beim Witz gewinnt der psychische Vorgang einen _umfassenderen_
Boden, wenn die Person, die den Witz macht, in den Kreis der Betrachtung
tritt. Sie schien erst eine gewichtige Wahrheit zu verkünden, dann
erscheint sie als lediglich mit Worten spielend. Sie wird also in
gewisser Weise Gegenstand einer, allerdings _objektiven_ Komik. Sie
steigt durch den Witz jederzeit etwas von ihrer Höhe herab, rückt mit dem
Witzwort zugleich in eine Art komischer Beleuchtung.
Der Prozess der Komik erweitert sich nach anderer Richtung, wenn der Witz
abfertigt, und andere zum Gegenstand objektiver Komik macht. Alle diese
Momente der Komik nehmen, wie an der komischen Bewegung überhaupt, so
auch an ihrer Wiedererneuerung teil.
DAS ENDE DER KOMISCHEN VORSTELLUNGSBEWEGUNG.
Es fragt sich aber jetzt noch: Was heisst dies, die komische
Vorstellungsbewegung erlahme in sich selbst, oder finde in sich selbst
ihr natürliches Ende.
Ein Doppeltes ist damit gesagt. Einmal dies: Wir sagten, der komische
Vorstellungszusammenhang sei psychisch isoliert. Dies ist er doch nur
relativ. Ich lebe doch, während der komische Vorgang sich in mir
abspielt, in einer Welt, die noch allerlei anderes in sich schliesst. Und
wir sahen auch schon, wie die komische Vorstellungsbewegung, indem sie
das Nichtige loslässt oder zurücktreten lässt, über die Grenzen des
komischen Zusammenhanges hinausgehen kann. Daraus ergeben sich über
diesen Zusammenhang hinausführende Associationen. In keinem Falle kann
dieser Zusammenhang umhin, mit dem, was sonst für mich besteht, durch
solche Associationen sich zu verweben.
Und diese Associationen knüpfen sich enger und enger. Sie begründen also
eine stärkere und stärkere Tendenz des Abflusses oder des Ausgleichs der
psychischen Bewegung. Nichts kann in uns dauernd isoliert bleiben. Alles,
also auch der komische Vorstellungszusammenhang wird schliesslich für uns
zu einem "Gewohnten", das heisst eben: der Tendenz des Abflusses oder
Ausgleiches Verfallenen.
Und dazu kommt ein anderer, in der Natur dieses Zusammenhanges selbst
begründeter Umstand. Eine erste Bedingung der Komik besteht, unserer
Darstellung zufolge, in der Sicherheit der Erwartung, beziehungsweise in
der Sicherheit, mit der wir dem Nichtigen einen bedeutsamen Sinn oder
Inhalt zuerkennen, andererseits ihm denselben absprechen.
Jene und diese Sicherheit nun muss sich mindern. Ist die Erwartung einmal
enttäuscht, so hat sie, wenn mein Blick zurückkehrt, an Sicherheit
eingebüsst. Die Worte, die mir grosse Leistungen ankündigten, wecken die
Vorstellung derselben in minderem Grade, wenn sie einmal als leere Worte
sich ausgewiesen haben. Daraus ergiebt sich eine Herabsetzung der
komischen Vorstellungsbewegung.
Ebenso mindert sich die Sicherheit, mit der ich dem scheinbar logischen
Spiel mit Worten einen bedeutsamen Sinn zuschreibe, nachdem ich es einmal
in seiner logischen Nichtigkeit erkannt habe. Oder im umgekehrten Falle:
Habe ich einmal die, der gewohnten, logisch korrekten Ausdrucksweise
widersprechende, und insofern für die gewöhnliche Betrachtungsweise
nichtige Aussage, trotzdem als berechtigten Träger ihres Sinnes
anerkennen müssen, so hat nunmehr diese gewöhnliche Betrachtungsweise
einen Teil ihrer Macht verloren. In jenem ersteren Falle ist mir die
Anerkenntnis der scheinbar sinnvollen Worte als sinnloser, in diesem
letzteren die Anerkenntnis der scheinbar sinnlosen Worte als sinnvoller
in gewissem Grade natürlich geworden. Es hat sich sozusagen, wenn auch
nur für einen Augenblick, eine neue "Regel" der logischen Beurteilung von
Worten herausgebildet. Damit muss, im einen wie im anderen Falle, die
Komik des Witzes eine Abschwächung erfahren.
Endlich kann auch die naive Rede oder Handlung, nachdem ich sie einmal
als "erhaben" und nichtig zugleich erkannt habe, sich mir nicht mehr mit
gleicher Sicherheit _zuerst_ als erhaben, _dann_ als nichtig darstellen.
Beide Betrachtungsweisen, die vom Standpunkte des Individuums, und die
"objektive", das heisst die Betrachtung von _unserem_ Standpunkte aus,
haben sich einmal zur Beurteilung der Rede oder Handlung miteinander
verbunden, und verhindern sich nun wechselseitig, in ihrer Reinheit, die
eine _nach_ der anderen, zur Geltung zu kommen. Darauf beruht ja aber die
naive Komik.
Will man in allen diesen Fällen den Grund der Erlahmung der komischen
Vorstellungsbewegung so ausdrücken, dass man sagt, das einmalige oder
mehrmalige Zergehen eines Bedeutsamen in nichts "gewöhne" uns an dies
Zergehen, und darum wirke dasselbe in geringerem Grade, so mag man dies
thun. Die Gewohnheit ist in psychologischen Fragen so oft, und bei so
verschiedenartigen Gelegenheiten das Wort, das zur rechten Zeit sich
einstellt, dass es auch hier ohne Schaden sich einstellen mag.
EINZIGARTIGKEIT DES KOMISCHEN PROZESSES.
Die komische Vorstellungsbewegung, wie sie im Vorstehenden genauer und
vollständiger beschrieben wurde, ist einzigartig. Dennoch hat sie mit
anderen Arten der Vorstellungsbewegung Hauptzüge bald mehr bald minder
gemein. Es dient dem oben Gesagten, vor allem unserer Begründung des
Gefühls der Komik zur wertvollen Bestätigung, wenn wir sehen, wie in dem
Masse, als in einem ausserkomischen Vorgang die Faktoren der komischen
Vorstellungsbewegung wiederkehren, auch das begleitende Gefühl sich dem
der Komik nähert.
Man erinnert sich, dass wir bereits das Spiel der Kinder mit der Komik in
Beziehung brachten. Verwandt ist das Spiel, speciell das Spiel mit
Gedanken, oder das Spiel geselliger Unterhaltung, dem wir uns nach
abgeschlossener Arbeit überlassen. Die Arbeit, die auf ernste Zwecke
abzielt, mit der wir Pflichten genügen, die beherrscht ist von mehr oder
weniger tiefgreifenden Interessen, wird uns, je mehr sie ihren Namen
verdient, um so mehr mit gewisser Strenge in Anspruch nehmen und
erfüllen. Und diese Strenge wird sich jederzeit auch in der Art der
Befriedigung spiegeln, die uns die Arbeit gewährt, die Befriedigung mag
im übrigen eine noch so hohe sein. Dagegen ist es dem Spiele eigen, von
dem Gewicht der Zwecke, der Pflichten, der tiefgreifenden Interessen
nicht beschwert zu sein. Was wir im Spiele thun und erleben, hat also an
sich nicht die gleiche Macht, uns in Anspruch zu nehmen, wie die ernste
Arbeit. Nichtsdestoweniger kommen wir ihm, wenn die Ermüdung uns nicht
auch zum Spiele unfähig macht, mit demselben Masse von seelischer Kraft
entgegen, das wir der Arbeit entgegenbringen. Daraus ergiebt sich auch
hier ein relativ leichter und ungehemmter Wellenschlag seelischen Lebens,
ähnlich dem, in welchem der Vorgang der Komik psychologisch betrachtet
besteht. Und daraus wiederum ergiebt sich ein gleichartiger, "heiterer"
Grundzug des Gefühls.
Doch dürfen wir über allem dem den wesentlichen Unterschied nicht
vergessen. Der Komik ist der Kontrast des Bedeutsamen und Nichtigen und
die plötzliche Lösung der Spannung eigen. Diese Momente gehören nicht zu
jenem Spiel. Es fehlt darum bei ihm sowohl die eigenartige Lebhaftigkeit
der Vorstellungsbewegung, ihre Weise, plötzlich und an einem Punkte
auszubrechen, ihre explosive Art, als auch jene eigenartige Ausbreitung
und Erneuerung. Und es fehlt zugleich dem _Gefühl_ der "Heiterkeit" das
Losgelassene, schliesslich "Unbändige", wodurch das Gefühl der Komik
umsomehr charakterisiert ist, je mehr jene besonderen Momente in ihm zur
Wirkung kommen.
Wir haben auch die Komik gelegentlich als Spiel bezeichnet. Wir nennen
gewisse Witze Wortspiele. Aber dies Spiel bleibt doch immer ein Spiel von
ganz besonderer Art.
XI. KAPITEL. LUST- UND UNLUSTFÄRBUNGEN DER KOMIK.
PRIMÄRE MOMENTE DER LUST UND UNLUST.
Indem ich den komischen Vorstellungsprozess als ein Hin- und Hergehen und
sich Erneuern der seelischen Bewegung bezeichnete, habe ich mich im
Ausdruck der _Hecker_'schen Erklärung des Gefühls der Komik, die im
ersten Kapitel abgewiesen wurde, wiederum in gewisser Weise genähert.
Doch nur im Ausdruck. Denn nicht um ein Hin- und Hergehen zwischen Lust
und Unlust, sondern um ein Hin- und Hergehen der Vorstellungsbewegung und
damit zugleich um ein Hin- und Hergehen zwischen Spannung und Lösung und
demgemäss zwischen Ernst und Komik handelt es sich uns. Die Komik ist
hierbei nicht die hin- und hergehende _Bewegung_, sondern sie ist eines
der Elemente, _zwischen_ denen die Hin- und Herbewegung stattfindet.
Dies Hin- und Hergehen mag dann freilich auch im einzelnen Falle mehr
oder minder als ein Hin- und Hergehen zwischen relativer Lustfärbung und
relativer Unlustfärbung der Komik sich darstellen. Inwiefern dies möglich
ist, dies ergiebt sich, wenn wir jetzt auch die Betrachtung des Gefühls
der Komik vervollständigen.
Komik, so wiederholen wir zunächst, ist an sich nicht Lust noch Unlust,
sondern ein eigenartiges Gefühl. Wir sahen aber, dass und warum die Komik
zur Lustfärbung hinneigt, oder zunächst Lustfärbung besitzt. Der Prozess,
dem das Spezifische des Gefühls der Komik sein Dasein verdankt, ist, so
sahen wir, in sich selbst zugleich Grund der Lust.
Doch ist er zugleich auch in sich selbst in höherem oder geringerem Grade
ein Grund der Unlust. Die Erwartung ist ein Hindrängen auf das Erwartete.
Diesem Hindrängen tritt das Nichtige, sofern es anders beschaffen ist,
als das Erwartete, feindlich entgegen. Die Erwartung wird enttäuscht.
Enttäuschung bringt ein Gefühl der Unbefriedigung. Bezeichnen wir den
Unterschied zwischen dem Erwarteten und dem dafür Eintretenden als
"qualitativen Kontrast", so ist dieser _qualitative Kontrast_ der Grund
der Unbefriedigung.
Man sieht, wie hier der Grund der komischen Lust und der Grund der Unlust
dicht bei einander stehen. Das nicht Erwartete, sofern es doch auch
wiederum das Erwartete, zugleich aber ein Nichtiges ist, wird spielend
aufgefasst; sofern es nicht das Erwartete ist, unterliegt es einer
Hemmung. Wir fallen auf das Komische herein, oder fallen darüber her.
Dies Fallen ist so anstrengungslos, wie das Fallen zu sein pflegt. Aber
es ist durch ein vorangehendes Stolpern bedingt.
Das Gleiche findet statt, da wo das Wort "Erwartung" weniger am Platze
ist. Meine Gewohnheit, menschliche Formen mit der weissen Hautfarbe
verbunden zu sehen, wird durchbrochen durch die Hautfarbe des Negers.
Ebenso die Gewohnheit logischer Rede durch das Spiel mit Worten, die
Gewohnheit einer bestimmten Art des Handelns unter bestimmten
Voraussetzungen durch die naive Handlungsweise. Auch diese Durchbrechung
unserer Vorstellungsgewohnheit durch die andere Beschaffenheit des
Gegenstandes der Komik können wir als qualitativen Kontrakt bezeichnen.
Der qualitative Kontrast ist dann überall der Grund der komischen Unlust.
Man wird freilich finden, dass eine solche Enttäuschung oder
Durchbrechung unserer Vorstellungsgewohnheit nicht immer von einem
merkbaren Unlustgefühl begleitet sei. Dies beweist dann nur, dass das
daraus fliessende Unlustgefühl schwach sein und durch ein stärkeres
Lustgefühl leicht ausgeglichen oder überboten werden kann. In der That
werden wir bei der Komik jenes Unlustgefühl unter gewöhnlichen Umständen
so schwach zu denken haben, dass es gegenüber der komischen Lust nicht
aufkommen kann. Wir bezeichnen jenes Gefühl allgemein als Gefühl der
Überraschung oder des Befremdens. Aber die Überraschung oder Befremdung,
die nur darauf beruht, dass etwas anders ist, als wir erwarteten oder
gewohnt sind, gleichgültig, welchen Wert das Erwartete oder Gewohnte,
und ebenso, welchen Wert das an die Stelle tretende Unerwartete
oder Ungewohnte für uns hat,--und dies neutrale Gefühl der
Überraschung oder des Befremdens meinen wir hier--hat wenig Kraft.
Nichtsdestoweniger müssen wir dies Gefühl von Haus aus als--in seinen
_Bedingungen_--vorhanden annehmen. Und es kann auch unter Umständen, vor
allem bei solchen, die Sklaven ihrer Vorstellungsgewohnheiten geworden
sind, empfindlich zu Tage treten.
QUALITATIVE ÜBEREINSTIMMUNG UND QUANTITATIVER KONTRAST.
Dagegen ist jede Erfüllung der Erwartung, jede Übereinstimmung mit
unseren Vorstellungsgewonheiten Grund der Lust. Es wächst darum auch die
komische Lust mit dieser "qualitativen Übereinstimmung".
Die Lust wächst aber mit der qualitativen Übereinstimmung auch noch aus
dem weiteren Grunde, weil mit derselben die Vorstellungsbewegung, aus der
wir eben die komische Lust hervorgehen sahen, eine Steigerung erfährt.
Das Nichtige, das an die Stelle des erwarteten Bedeutungsvollen tritt,
vermag sich ja, wie wir sahen, die diesem verfügbar gemachte seelische
Kraft anzueignen _in dem Masse_, als es damit _übereinstimmt_. Und eben
auf dieser Aneignung beruht ja der Lust erzeugende komische Prozess.
So muss das kleine Häuschen neben den grossen Palästen uns in höherem
Grade belustigen, wenn es nicht nur auch als menschliche Wohnung, sondern
als Miniaturpalast mit denselben Formen, die die Paläste auszeichnen,
sich darstellt. Wir werden hier nicht nur durch die Übereinstimmung
befriedigt, wie durch jede Übereinstimmung, sondern das Häuschen erhebt
auch für unsere Vorstellung in höherem Masse den Anspruch, selbst einer
der grossen Paläste zu sein. Es muss also in höherem Masse die spezifisch
komische Lust erwecken.
Ebenso erscheint das Spiel mit Worten um so leichter als Träger eines
bedeutungsvollen Sinnes, je mehr es, bei aller logischen Nichtigkeit,
äusserlich der logischen Form sich nähert, oder mit der gewöhnlichen
Hausordnung unseres Denkens und Redens übereinstimmt.
Und schliesslich ist nicht minder die naive Handlungsweise in um so
höherem Grade geeignet, den Eindruck des vom naiven Standpunkte aus
Wohlberechtigten zu machen, je mehr die Handlungsweise trotz aller
Naivetät der gewöhnlichen Handlungsweise sich nähert. So werden wir
herzlicher lachen, wenn ein Kind in seiner kindlichen Unschuld
Höflichkeitsformen, die es bei Erwachsenen beobachtet hat, am falschen
Platze anwendet, als wenn es, in voller Unkenntnis derselben, einfach,
obgleich echt kindlich, gegen alle Höflichkeit verstösst.
Nach dem Gesagten sind wir im stande allgemein die Bedingungen anzugeben,
denen das Verhältnis der Lust und Unlust im Gefühl der Komik unterliegt.
Der Gegensatz der Bedeutsamkeit und Bedeutungslosigkeit, der Erhabenheit
und Nichtigkeit, oder, wie wir in Anlehnung an den "qualitativen
Kontrast" kürzer sagen wollen, der "quantitative Kontrast" bedingt in
erster Linie die komische Lust. Die Lust wächst mit der Grösse dieses
quantitativen Kontrastes. Sie wächst zugleich in doppelter Weise mit der
qualitativen Übereinstimmung. Dagegen wächst die Unlust mit der Grösse
des qualitativen Kontrastes.
Dazu tritt dann noch ein Moment, das die Komik nach ihrer Lust- wie nach
ihrer Unlustseite steigert. Die Reihe von Palästen ergiebt, wie schon
oben gesagt, eine _bestimmtere_ Erwartung, dass wieder ein Palast folgen
werde, als der einzelne Palast. Je bestimmter nun die Erwartung, um so
fühlbarer wird das Störende der Enttäuschung. Zugleich aber _wirkt_ die
bestimmtere Erwartung, auch soweit sie dem Nichtigen seelische Kraft
verfügbar macht, energischer. Das ganze Gefühl der Komik also wird durch
die grössere Bestimmtheit der Erwartung lebhafter. Nehmen wir an, die
Erwartung hätte dadurch, dass schon vorher zwischen die Paläste kleine
Häuschen traten, an Bestimmtheit verloren, so würde das Gefühl der Komik
wesentlich herabgedrückt erscheinen.
Das ganze Gefühl der Komik, sage ich, wird lebhafter. Dies hindert doch
nicht, dass für gewöhnlich aus der bestimmteren Erwartung die komische
Lust _grösseren_ Vorteil ziehen wird, als die von Hause aus geringfügige
komische Unlust. Nur für den Pedanten und Eigensinnigen, der, was er
einmal erwartet, so gleichgültigen Inhaltes es anch sein mag, in Gedanken
nicht mehr los werden kann, mag es sich umgekehrt verhalten.
In der Erwartung besteht in dem besprochenen Falle die bei der Komik
wirksame Vorstellungsbeziehung. Bei der witzigen Rede tritt an ihre
Stelle die Beziehung zwischen Wort und Sinn, logischer Form und logischem
Inhalt. Auch die Festigkeit und Sicherheit dieser Beziehung erhöht die
Lust wie die Unlust. Je fester und sicherer in mir logische Form und
logischer Inhalt verbunden sind, je bestimmter immer eines auf das andere
hinweist, um so mehr kann mich die unlogische Form, in der ein Inhalt
vorgebracht wird, stören. Um so mehr wird aber zugleich das wirklich oder
scheinbar Logische an der unlogischen Form mich auf den bedeutungsvollen
Inhalt, als dessen Träger sie, eben vermöge ihres logischen oder
pseudologischen Charakters erscheint, hinweisen, also den Eindruck eines
bedeutungsvollen Sinnes erzeugen. Gebildete, logisch geschulte Menschen
zeichnen sich durch Sicherheit jener Beziehung aus. Sie werden darum die
Durchbrechung der logischen Gewohnheit leichter störend empfinden und
zugleich den Witz leichter herausfinden. Hat sie die logische Schulung zu
logischen Pedanten, Fanatikern der logischen Form gemacht, so mag jenes
Gefühl der Störung sogar überwiegen. Besitzen sie "Humor", so wird sie
die Freude am Witz über die Störung leicht hinwegheben.
Endlich erhöht ebenso die Festigkeit derjenigen Vorstellungsbeziehung,
die aller _naiven_ Komik zu Grunde liegt, die Komik in beiderlei
Hinsicht. Je sicherer ich bin in der Beurteilung der Zweckmässigkeit oder
Wohlanständigkeit einer Handlung, um so leichter erkenne ich die
unzweckmässige oder gegen den Anstand verstossende Handlung als solche
und empfinde die darin liegende Störung meiner Vorstellungsgewohnheit, um
so leichter erkenne ich andererseits die relative Zweckmässigkeit oder
sittliche Berechtigung, die der Handlung vom naiven Standpunkte aus
zugeschrieben werden muss. Wiederum sind aus diesem Grunde gebildete
Leute dem naiv Komischen gegenüber sowohl "empfindlicher" als
empfänglicher. Und wiederum sind sie mehr das Eine oder mehr das Andere,
je nachdem sie Pedanten, Fanatiker der gewohnten Weise zu handeln oder zu
reden geworden sind, oder die geistige Freiheit des Humors besitzen.
AUSSERKOMISCHE GEFÜHLSMOMENTE.
Damit sind, soviel ich sehe, die Bedingungen der komischen Lust und
Unlust, soweit sie in dem komischen Vorstellungszusammenhange selbst
enthalten sind, erschöpft. Es treten aber dazu schliesslich noch
Bedingungen der Lust und Unlust, die schon, abgesehen von diesem
Vorstellungszusammenhang, bestehen und wirken. Obgleich darnach die Lust
und Unlust, die aus ihnen sich ergiebt, mit dem Gefühl der Komik
eigentlich nichts zu thun hat, kann doch dies Gefühl durch ihr
Hinzukommen wesentlich beeinflusst werden.
Ich erwarte ein furchtbares Ereignis mit ängstlicher Spannung. Dabei
haftet die Furcht oder Angst an dem Ereignis, gleichgültig was
nachträglich aus der Erwartung wird. Das peinliche Furcht- oder
Angstgefühl weicht, und ich fühle mich angenehm berührt, wenn die
Erwartung schwindet. Wiederum habe ich die angenehme Empfindung
ebensowohl, wenn genauere Überlegung des Sachverhaltes sie zum
Verschwinden bringt, als wenn sie in komischer Weise in nichts zergeht.
Immerhin kommt im letzteren Falle die angenehme Empfindung zur komischen
Lust verstärkend, zugleich ihren Charakter ändernd hinzu. Vielleicht ist
das Nichts, trotz seiner Nichtigkeit, an und für sich angenehm. Dann
verstärkt sich die Lust von neuem. Im gegenteiligen Falle erleidet sie
eine Einbusse.
Oder ich erwarte auf Grund irgendwelcher Ankündigung ein Ereignis, das
für mich positiven Wert hätte, also Gegenstand meiner Freude wäre. Dann
bedaure ich die komische, ebenso wie jede andere Art der Enttäuschung.
Vielleicht tröstet mich bei der komischen Enttäuschung das Nichtige, das
an die Stelle tritt, in gewissem Grade. Auch dasjenige, was nicht dazu
angethan ist, mich mit grosser Gewalt in Anspruch zu nehmen, kann ja
einen Grad der Befriedigung gewähren. Dann vermindert sich jenes
Bedauern. Dagegen kommt ein neues Unlustmoment hinzu, wenn das
Nichtsbedeutende an sich ein Missfälliges ist. In jedem Falle sind auch
hier die positiven und negativen Werte, die den Elementen des komischen
Vorstellungszusammenhanges an sich eignen, wesentliche Faktoren im
schliesslichen Gesamteffekt des komischen Vorgangs.
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