Komik und Humor
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Ebensolche Faktoren spielen auch bei allen anderen Fällen der Komik
starker oder schwächer mit. Die schwarze Hautfarbe ist nicht nur komisch,
sondern auch hässlich, weil der Gedanke, den sie mir auf Grund
gewöhnlicher Erfahrung zu vollziehen verbietet, obgleich ihn zugleich die
_Formen_ des Negerkörpers gebieterisch fordern--der Gedanke nämlich eines
dahinter waltenden menschlichen Lebens--ein an sich wertvoller ist. Das
Urteil, das der Witz spielend füllt, beleidigt an sich, wenn es eine
Bosheit ist, oder in allzu niedriger Sphäre sich bewegt; es erfreut, wenn
es eine berechtigte Abfertigung in sich schliesst, oder die Wahrheit, die
es verkündigt, eine an sich erfreuliche ist. Die witzige Form, das Spiel
selbst, kann beleidigen, wenn es Spiel mit Worten ist, die man nicht
"vergeblich führen" soll; es kann erfreuen, wenn es an sich anmutiges,
kunstvolles Spiel ist u. s. w.
Am engsten sind schliesslich solche ausserkomische Lust- und
Unlustmomente verbunden mit dem _naiv Komischen_. Sie haften ihm nicht
nur gelegentlich an, sondern gehören zu seiner eigensten Natur. Ebendamit
ragt das naiv Komische, wie ich schon früher sagte, über die Komik
hinaus. Die objektive Komik umfasst alle Gebiete der Wirklichkeit. Das
sittlich Wertvollste wird in ihr zu Schanden; zugleich findet sie auf dem
Gebiete des blinden, geist- und herzlosen Zufalls ein reiches Feld ihrer
Verwirklichung. Der Witz, an und für sich aller objektiven Wirklichkeit
völlig entrückt und allein der kühlen Sphäre der Logik angehörig, ein
Spiel des Denkens mit sich selbst, ist mehr oder weniger geistreich, aber
herzlos. Nur das Naive hat jederzeit Herz. Entsprechend seinem
persönlichen Charakter beleidigt und befriedigt es Forderungen, die wir
an die Persönlichkeit stellen, die den Takt, die Klugheit, den Geschmack,
die sittliche Tüchtigkeit, kurz den Wert der Person betreffen. Dieser
Wert ist aber nicht nur der höchste, sondern der einzig absolute. Was
sonst wertvoll ist, ist es doch nur in seiner Beziehung und Wirkung auf
die Person. Die Person allein ist der letzte und endgültige Träger aller
Werte.
Indem diese ausserkomischen Lust- und Unlustmomente zum eigentlichen
Gefühl der Komik hinzutreten, modifizieren sie natürlich den Gesamteffekt
der Komik in grösserem oder geringerem Grade. Dies müssten sie thun, auch
wenn ihre Bedingungen mit den Bedingungen der eigentlich komischen Lust
und Unlust in keiner Beziehung stünden. Thatsächlich aber besteht ein
Verhältnis der Abhängigkeit dieser Bedingungen von jenen, und zwar ein
solches, das enge genug ist, um unter Umständen das ganze Gefühl der
Komik zu erdrücken.
Ein Nichts, das an die Stelle eines erwarteten Bedeutungsvollen tritt,
wird, wie wir sahen, komisch, indem es die seelische Kraft aneignet, die
der Gedanke an das Erwartete bereithält oder verfügbar macht. Je
wertvoller aber das Erwartete ist, oder je mehr uns jetzt gerade aus
allgemeinen oder persönlichen Gründen an ihm gelegen ist, um so
energischer halten wir den Gedanken des Erwarteten, und speciell das, was
seinen Wert ausmacht, fest, um so stärker drängt die seelische Bewegung
auf die Verwirklichung seines Inhaltes, soweit er ein wertvoller ist,
hin. Dass es so ist, dass der Gedanke im Zusammenhang des psychischen
Lebens eine Stellung einnimmt, oder zu diesem Zusammenhang in einer
Beziehung steht, aus der dies Festhalten desselben und dies Hindrängen
auf Verwirklichung seines Inhaltes notwendig sich ergiebt, das ist es
eben, was den Gedanken zu einem für mich wertvollen macht, oder worin,
psychologisch betrachtet, sein "Wert" für mich besteht.
Kommt nun das Nichtige, das dieses Wertes entbehrt, und setzt sich der
Gewalt jenes Hindrängens und Festhaltens zum Trotz, also gewaltsam an die
Stelle des erwarteten Wertvollen, so entsteht zunächst, eben wegen dieser
Gewaltsamkeit, das schon in Rechnung gezogene ausserkomische Gefühl der
Unlust. Und dies verstärkt zunächst das, wie wir annahmen, in der Regel
geringfügige Unlustmoment, das aus der Enttäuschung der Erwartung in
jedem Falle, abgesehen von dem Werte des Erwarteten entspringt. Zugleich
aber ist die Leichtigkeit, mit der das Nichtige die für die Erfassung des
erwarteten Wertvollen bestimmte seelische Kraft sich aneignen kann,
vermindert. Diese Leichtigkeit ist ja das Gegenteil jener
"Gewaltsamkeit". Drängt der Gedanke an das erwartete Wertvolle auf die
Erfassung eben dieses Wertvollen, so hemmt er notwendig die Erfassung des
Nichtigen, in welchem, und soweit in ihm jener wertvolle Inhalt _negiert_
erscheint. Macht er die seelische Kraft für das erwartete Wertvolle als
_solches_ verfügbar, so verweigert er sie ebendamit dem an die Stelle
tretenden Nichtigen, das mir _verbietet_ den Gedanken an jenen wertvollen
Inhalt zu vollziehen. Daraus ergiebt sich eine Herabdrückung der leichten
Vorstellungsbewegung, aus der wir die komische Lust haben hervorgehen
sehen, eine Herabdrückung, die bis zur vollständigen Lähmung sich
steigern kann.
Eine ebensolche Herabdrückung oder Lähmung kann, aus analogen Gründen,
bei der subjektiven Komik stattfinden. Am heiligen Orte, bei der ernsten
religiösen Feier, erwarten wir nicht nur, sondern wir fordern aus
sittlichen Gründen die Aussprache ernster Gedanken, wie sie uns da von
selbst sich aufdrängen. Ein Witz an solcher Stelle, ein Witz, vollends,
der mit Worten spielt, die selbst solche ernste Gedanken in uns wecken,
geht seiner Komik verlustig. Die ernsten Gedanken bleiben dabei, sich uns
aufzudrängen; sie hängen sich wie Gewichte an das nichtige Spiel, so dass
der leichte seelische Wellenschlag, der das Wesen der Komik macht,
unterbleiben muss. Was übrig bleibt, ist das Gefühl der Unlust, das aus
der Nichterfüllung und Verneinung unserer Forderung in jedem Falle sich
ergeben muss.
Die _sittlichen_ Forderungen sind es, die wir, von persönlichen
Interessen abgesehen, am strengsten festhalten und am wenigsten leicht
für einen Augenblick dahingestellt lassen. Wo solche Forderungen verneint
werden, schwindet darum am leichtesten das Gefühl der Komik. Das Komische
wird lächerlich, verächtlich, schliesslich empörend. Vielleicht entsteht
das Gefühl der Komik im ersten Moment. Die Grösse des quantitativen
Kontrastes und der qualitativen Übereinstimmung, insbesondere die
Sicherheit, mit der wir gerade in dem Augenblick, wo das Nichtige sich
einstellt, das Bedeutungsvolle erwarten, bezw.--beim Witze--die
Sicherheit, mit der die scheinbare Logik des nichtigen Wortspiels auf den
bedeutungsvollen Inhalt hinweist,--dies zusammen thut vielleicht im
ersten Momente trotz der Strenge der sittlichen Forderung seine komische
Wirkung. Die seelische Kraft wird durch die bezeichneten Kanäle zum
Nichtigen herübergeleitet und jene Forderung muss wohl oder übel
zurücktreten. In diesem Falle wird aber doch die komische Wirkung nicht
nur von vornherein eine weniger freie sein, sondern sie wird auch
schneller sich verzehren müssen, als sie es sonst thäte. Die komische
Wirkung, so sahen wir oben, erhält und erneuert sich, indem wir zu dem,
was die Erwartung eines Bedeutsamen erregte, oder zu dem scheinbar
Logischen, das uns den bedeutungsvollen Gedanken aufnötigte, unseren
Blick zurückwenden. Die Wirkung ist aber bei jeder neuen Rückwärtswendung
den Blickes eine geringere, weil die Erwartung, nachdem sie ein oder
mehrere Male ihre Enttäuschung erfahren hat, immer weniger sicher
geworden ist, weil ebenso die Bestimmtheit, mit der die scheinbare Logik
des nichtigen Wortspiels auf den bedeutungsvollen Inhalt hinweist, durch
die ein- oder mehrmalige Bewusstwerdung seiner thatsächlichen Bedeutungs-
und Inhaltslosigkeit eine immer grössere Einbusse erlitten hat.
Ebendamit nun gewinnt zugleich die sittliche Forderung, die an ihrer
Strenge _nichts_ eingebüsst hat, grössere hemmende Gewalt. Indem das
Nichtige weniger leicht seelische Kraft gewinnt, vermag der Gedanke an
das geforderte Wertvolle, der erst zurückgetreten war, entsprechend
stärker hervorzutreten, und nun auch mit entsprechender Energie auf die
weitere Verminderung der Komik hinzuarbeiten. Jene Verminderung der
Fähigkeit des Nichtigen, seelische Kraft zu gewinnen, und dieses
Hervortreten der sittlichen Forderung, diese beiden Momente steigern sich
in ihren Wirkungen wechselseitig. So geschieht es, dass der Eindruck der
Komik grösserem und grösserem Widerstreben begegnet, bis schliesslich
nichts mehr übrig bleibt, als das Gefühl des Widerstrebens oder der
Empörung.
Es kann aber nicht nur durch unerfüllte, sondern auch durch erfüllte
Forderungen, nicht nur durch negierte, sondern auch durch realisierte
Werte der Komik der Boden entzogen werden. Wir sehen den Übermütigen zu
Fall kommen, sich in seinen eigenen Schlingen fangen, seine gerechte
Strafe finden. Wir sehen ihn beschämt. Diese Beschämung hat positiven
Wert. Hier tritt wiederum zur Komik ein ihr gegensätzliches Element
hinzu. Das Nichts, in das der Anspruch des Übermutes zergeht, kann nur
als nichtig sich darstellen und in seiner Nichtigkeit spielend aufgefasst
werden, wie dies zur Komik erforderlich ist, so lange es als dies
Nichtige erscheint. Scheint es nicht mehr nichtig, sondern mit dem
Gedanken der Bestrafung oder Beschämung beschwert, so mindert sich das
Gefühl der Komik. Freilich bleibt auch hier das Nächste das Zergehen des
Anspruchs. Dann aber tritt jener ernste Gedanke, die Freiheit und
Leichtigkeit der psychischen Bewegung aufhebend hinzu. Je näher und in
die Augen springender der Fall des Übermütigen ist, desto sicherer kann
im ersten Momente die Komik sich einstellen. Dann aber schämen wir uns
vielleicht unseres Gefühls der Komik.
BESONDERHEIT DER NAIVEN KOMIK.
So sehen wir die Komik in doppelter Weise in ihr Gegenteil umschlagen,
das eine Mal in ernste Unlust, das andere Mal in ernste Befriedigung.
Dieser Umschlag kann bei der objektiven und nicht minder bei der
subjektiven Komik geschehen. Doch immer nur unter bestimmten Umständen.
An sich liegt dazu in diesen beiden Gattungen des Komischen kein Anlass.
Dagegen besteht ein solcher Anlass jederzeit in gewissem Grade in der
naiven Komik. Hier werden, wie oben gesagt, jederzeit Forderungen von
unbedingtem Wert verneint und erfüllt. Daraus kann sich von vornherein
eine wesentliche Herabstimmung der Komik ergeben. Das Gefühl kann von
vornherein an der Grenze stehen, wo die Komik in ernste Lust oder Unlust
übergeht. Oder es kann erst ausgesprochenes Gefühl der Komik sein, dann
ein Gefühl des Ernstes an die Stelle treten.
Wer von dem Wert der Ehre, wie wir sie gemeinhin zu fassen pflegen, auch
derjenigen, von der wir meinten, dass sie _Falstaff_ mit Recht
herunterziehe, in hohem Masse durchdrungen ist, wird für die Komik der
_Falstaff_'schen Rede über die Ehre wenig Verständnis haben. Andererseits
könnte uns die Bewunderung, die wir der Sicherheit des sittlichen
Bewusstseins beim Korporal Trim entgegenbringen, derart gefangen nehmen,
dass wir seine Antwort auf die Frage des Doktors der Theologie nicht
komisch, sondern von vornherein nur erhaben fänden. Angenommen aber, wir
haben Sinn für die Komik der _Trim_'schen Rede; dann wird doch das Ende
der Komik hier nicht die Komik, sondern der Ernst sein, nämlich eine Art
ernster Befriedigung.
Hier zeigt sich deutlich die besondere Eigenart der naiven Komik. Sie
liegt im Unterscheidenden dieser Gattung, wie wir es kennen gelernt
haben, notwendig begründet. Die angemasste Erhabenheit des Nichtigen
zergeht in der objektiven Komik thatsächlich. Ebenso die scheinbare
Wahrheit des nichtigen Spieles mit Worten in der subjektiven Komik.
Dagegen zergeht die Erhabenheit der naiv komischen Äusserung oder
Handlung, die ihren Grund hat in der Klugheit, Gesundheit, dem
natürlichen sittlichen Gefühl, kurz dem Wertvollen der Persönlichkeit,
das darin sich zu erkennen giebt, immer nur für die allgemeine und
ebendarum einseitige Betrachtungsweise, sie bleibt bestehen für die
persönliche Beurteilung, also für die tiefere, weil dem Individuum
gerecht werdende Einsicht. Indem der Blick zurückkehrt, findet er das
wertvolle Erhabene in seinem Wert und seiner Erhabenheit wieder; nicht
als Inhalt einer unerfüllten und darum peinlichen Forderung, sondern als
erkannte Thatsache. Oder vielmehr, dies Wertvolle kommt jetzt erst recht
in seinem Werte zum Bewusstsein und wirkt als das Erhabene, das es ist.
Es thut dies immer ausschliesslicher, indem die Komik in sich und im
Kampfe mit ihm erlahmt. Der Gedanke an das Wertvolle wird zum
herrschenden, und die erhebende Freude an seinem Inhalte zum herrschenden
Gefühl.
Andererseits wird die unerfüllte Forderung, welche die allgemeine und
einseitige Betrachtungsweise stellt, in ihrer Einseitigkeit erkannt. Die
Strenge dieser Forderung schwindet oder mildert sich gegenüber dem naiven
Individuum, auf das sie nicht oder nicht in ihrer Strenge anwendbar
erscheint. So kann sich auch ihr gegenüber das Bewusstsein des Wertvollen
im Individuum behaupten. Ja es kann dies Letztere schliesslich so erhaben
erscheinen, dass nun im Vergleich mit ihm das Erhabene der gemeinen
Betrachtungsweise in nichts zergeht und so seinerseits komisch wird.
Damit ist die naive Komik in ihr vollkommenes Gegenteil umgeschlagen.
* * * * *
Blicken wir jetzt zurück, so erscheint die Komik arm und reich, leer und
inhaltsvoll zugleich. An sich ist sie nichts als inhaltlich
gleichgültiges, leichtes und leicht verklingendes Spiel der
Vorstellungen, das als solches begleitet erscheint von einem Gefühl
heiterer, durch die notwendig stattfindende Enttäuschung der Erwartung
oder Durchbrechung des gewohnten Vorstellungszusammenhanges kaum
getrübter, aber vergänglicher Lust. Die Komik erhält höhere Bedeutung
erst, wenn Werte, die auch ausserhalb der Komik bestehen, in sie
eingehen. Solche Werte können in den komischen Vorstellungszusammenhang
eintreten und von dem Strudel der komischen Vorstellungsbewegung
hinabgezogen werden, dann aber auftauchen und sieghaft sich behaupten.
Indem sie dies thun, erscheinen sie erst recht in ihrem Werte, und wirken
auf das Gemüt, wie sie es nicht vermocht hätten in dem gewöhnlichen
Vorstellungszusammenhang, wo sie in Gefahr waren, zu Momenten in dem
gleichmässig fortgehenden Strome des seelischen Geschehens herabgesetzt
und keiner besonderen Beachtung gewürdigt zu werden.
Damit hebt dann freilich die Komik sich selbst in ihr Gegenteil auf. Will
man von einer höheren Aufgabe der Komik reden,--und sie hat eine solche
im Leben und in der Kunst,--so besteht sie eben in diesem Dienste, den
sie dem Wertvollen in der Welt leistet, indem sie selbst, als reine
Komik, zu bestehen aufhört.
Die Komik, so dürfen wir dies steigern, ist dazu da, Wertvolles und
zuletzt sittlich Wertvolles in seiner Erhabenheit darzustellen. Mit einem
Worte: Sie ist dazu da, zum Humor sich aufzuheben. Darin besteht ihre
sittliche und zugleich ästhetische Bedeutung. Der Humor tritt neben die
Tragik, der eine gleichartige Aufgabe zufällt. Nur dass dort das
Nichtige, hier das Leiden den Durchgangspunkt bildet und die Vermittlung
vollzieht. Humor und Tragik, das sind die beiden Weisen, im Leben und in
der Kunst durch Dissonanzen der Konsonanz, d. h. dem Guten erst die
rechte Kraft zu geben.
* * * * *
IV. ABSCHNITT. DIE UNTERARTEN DES KOMISCHEN.
XII. KAPITEL. DIE UNTERARTEN DER OBJEKTIVEN UND NAIVEN KOMIK.
STUFEN DER OBJEKTIVEN KOMIK.
Doch ehe wir dazu übergehen, betrachten wir die Unterarten der im
Bisherigen unterschiedenen Alten der Komik. Zunächst die der objektiven
Komik. Unsere Betrachtungsweise ist, wie bisher immer, zunächst die
allgemein psychologische, die aber weiterhin in die ästhetische
Betrachtungsweise münden soll.
Hinsichtlich der objektiven Komik besteht in erster Linie diejenige
psychologische Einteilung zu Recht, die schon früher von uns
vorausgesetzt wurde. Ähnlichkeit oder erfahrungsgemässer Zusammenhang
zwischen einem Gegebenen und einem erwarteten oder vorausgesetzten
Erhabenen bildet den Grund für unsere Erwartung oder Voraussetzung dieses
Erhabenen, die dann in nichts zergeht. Es giebt eine objektive Komik auf
Grund dieser beiden, das ganze seelische Leben beherrschenden Arten der
Association. Das kleine Häuschen zwischen mächtigen Palästen mag noch
einmal als Beispiel der einen, die nichtige Leistung des Grosssprechers
noch einmal als Beispiel der andern Art erwähnt werden.
Neben dieser formalen ist eine doppelte inhaltliche Einteilung möglich,
mit der wir uns schon der ästhetischen Betrachtungsweise nähern. Die in
nichts zergehende Erhabenheit ist zunächst _sinnliche_ Erhabenheit, d. h.
Erhabenheit, die lediglich in der Energie und Dauer der Wirkung besteht,
die ein wahrgenommener Gegenstand, nur als wahrgenommener, auf uns übt.
Diese Wirkung bleibt aber nie für sich. Welches Objekt auch auf uns
wirken mag, immer verbindet sich mit seiner Wahrnehmung die Vorstellung
eines so oder so gearteten, in ihm waltenden oder sich verkörpenden
Lebens. Der Baumriese hat nicht nur eine gewisse Grösse und Form, sondern
er scheint sie zu haben, indem er sich reckt, dehnt, Widerstand leistet,
kurz frei oder im Kampfe gegen Hindernisse seine Kraft entfaltet. Und der
Gedanke daran lässt ihn erst eigentlich als erhaben erscheinen. Von
solcher "Kraft" _sehen_ wir nichts. Wir kennen überhaupt, was den
eigentlichen und ursprünglichen Sinn dieses Wortes ausmacht, nicht
anders, denn als Inhalt unseres Kraftgefühls, des Gefühls freierer oder
gehemmterer Anstrengung. Aber eben diesen Gefühlsinhalt projizieren wir
durch einen Akt der allergeläufigsten Vermenschlichung überall in die
Objekte hinein. Man erinnere sich hier wiederum des auf S. 19 f.[*]
Gesagten. Ausserdem bitte ich hierüber meine "Raumästhetik und
geometrisch-optische Täuschungen" (Leipzig 1898) zu vergleichen.
[* Im Unterkapitel ALLERLEI ÄSTHETISCHE THEORIEN. Transkriptor.]
Diese dynamische, wir könnten auch sagen animalische Erhabenheit bestimmt
sich dann in dieser oder jener Weise näher. Sie bekommt einen konkreteren
und konkreteren Inhalt. Das "Leben", das von vornherein ein Analogon
menschlichen Lebens ist, nähert sich dem Leben, wie wir es im Einzelnen
in uns erleben oder erleben können. Es gewinnt bewussten _geistigen_
Inhalt. Seine Erhabenheit stellt sich dar als _geistige_ Erhabenheit.
Schon der Baumriese hat nicht nur Kraft, sondern seine Kraft ist auf
Bestimmtes gerichtet. Er will etwas, er hat Ziele oder Zwecke. Er
"_sucht_" Luft und Licht. Er "erfreut" sich ihrer, wenn er davon umspielt
wird. Er flüstert schliesslich und träumt, wie eine Art selbstbewussten
Individuums.
Sowenig darnach Objekte als sinnlich, dynamisch, geistig erhaben einander
gegenübergestellt werden können, so wertvoll ist die Unterscheidung
dieser Arten und Stufen der Erhabenheit für den ästhetischen
Gesichtspunkt. Je höherer Stufe die Erhabenheit angehört, um so schärfer
wird ihr Zergehen in nichts empfunden. Der Mensch, der das höchste
Erhabene ist, ist ebendarum das einzige ursprüngliche Objekt der
Lächerlichkeit. Alles andere kann lächerlich erscheinen nur in dem Masse,
als es von uns vermenschlicht wird.
Wiederum ist jene höchste, geistige Erhabenheit intellektuelle
Erhabenheit; oder Erhabenheit des auf Zwecke, vor allem sittliche Zwecke,
gerichteten Wollens; oder endlich Erhabenheit, die in der Kraft, dem
Reichtum, der Feinheit des Gefühls besteht. Auch darnach lassen sich
Stufen der objektiven Komik unterscheiden.
SITUATIONS- UND CHARAKTERKOMIK.
Neben solchen Einteilungen steht eine andere mögliche Einteilung der
objektiven Komik, für welche gleichfalls der Inhalt der Komik den
Einteilungsgrund bildet.
Wir scheiden das Übel oder das Nichtseinsollende, das uns widerfährt, von
dem Bösen, dem Mangel, dem Fehler, der an uns ist und in unserem Thun
oder Gebaren zu Tage tritt. Das Nichtseinsollende ist Begegnis oder
Eigenschaft, Schicksal oder Charakter.
So ist auch jede Komik für die Person, oder auch die Sache, die darin
verflochten ist, Schicksal oder Charakter. Wir unterscheiden also
Schicksals- oder Charakterkomik. Statt Schicksalskomik können wir auch
sagen: Situationskomik.
Dies erinnert uns an unser drittes Kapitel. Dort stellten wir
einstweilen--mit _Kräpelin_--der Situationskomik nicht die
Charakterkomik, sondern die Anschauungskomik gegenüber. Aber die hier
gewählte Bezeichnung des Gegensatzes ist klarer. Wir bleiben darum bei
ihr. Missfällt der Ausdruck Charakterkomik, dann sage man: Komik des
Wesens, oder: an der Beschaffenheit des komischen Objektes haftende
Komik.
Auch dies ist klar, dass beide Arten der Komik Hand in Hand gehen können,
dass eine Komik beides zugleich sein kann, Situations- und
Charakterkomik. Doch davon später, wenn es sich um die ästhetische
Bedeutung dieses Gegensatzes handeln wird. Dass derselbe eine solche
ästhetische Bedeutung haben muss, braucht ja nicht gesagt zu werden.
NATÜRLICHE UND GEWOLLTE KOMIK.
Hiermit verbinde ich weiterhin solche Unterschiede der objektiven Komik,
die sich aus der Betrachtung der Arten oder der Gründe des Auftretens der
Komik ergeben.
Objektive Komik kann einmal durch den natürlichen Zusammenhang der Dinge
gegeben sein, oder im natürlichen Verlauf des Geschehens sich einstellen.
Sie ist ein andermal künstlich oder geflissentlich hervorgerufen.
Für Letzteres bestehen wiederum verschiedene Möglichkeiten. Ich hänge
jemanden etwas an, das ihn komisch macht, oder bringe ihn in eine
komische Situation, spiele ihm einen "Possen", mache mit ihm einen
"Witz".
Von solcher Hervorrufung der Komik, bei welcher das Komische oder der
eigentliche Gegenstand der Komik erst von mir ins Dasein gerufen wird,
unterscheide ich die komische Darstellung, die nicht das Komische, wohl
aber die Komik erst erzeugt.
Auch diese "komische Darstellung" kann wiederum einen verschiedenen Sinn
haben. Sie besteht einmal lediglich darin, dass ich dasjenige an einer
Person oder Sache, das an sich komisch zu wirken geeignet ist,
beschreibe, zur Kenntnis bringe, ans Licht setze. Indem ich dies thue,
mache ich erst die Komik möglich. Dabei ist es gleichgültig, ob das
dargestellte Komische ein wirkliches oder ein fingiertes ist. Ich rechne
also hierher auch die Darstellung erfundener oder durch künstlerische
Phantasie gefundener komischer Gestalten und Situationen.
Hiervon deutlich unterschieden ist die Darstellung, die erst durch die
Weise der Darstellung die Komik hervorruft. Ein Objekt trägt an sich
nichts, das mir bei gewöhnlicher Betrachtung komisch erschiene. Nun
manipuliere ich aber in der Darstellung mit dem Objekte so, dass ein
komisches Licht darauf fällt. Ich beleuchte es komisch.
Diese komische Beleuchtung wird immer zugleich im eigentlichen Sinne des
Wortes "witzig" sein, d. h. einen Fall der subjektiven Komik darstellen.
Die Manipulation, von der ich rede, erzeugt ja der Voraussetzung nach
eine Komik, die nicht im Objekte liegt. Sie ist also ein Spiel, das etwas
sagt, das ein Urteil über ein Objekt entstehen lässt, angesichts des
Objektes aber doch wiederum als nichtssagendes Spiel erscheint. Es ist
die sachlich unberechtigte Einfügung in einen Vorstellungszusammenhang,
die das Objekt hinsichtlich seines Eindruckes auf uns in ein anderes
verwandelt, und doch das Objekt selbst lässt wie es ist.
Hierhin gehört die Komik der Nachahmung, von der oben die Rede war. Die
komische Nachahmung löst, wie wir sagten, das Nachgeahmte aus dem
Zusammenhang der Person, in der es in der Ordnung, also nicht komisch
erscheint, und stellt es isoliert hin. Damit nimmt sie dem Nachgeahmten
seinen Sinn oder seine individuelle Berechtigung.
Neben diese komische Nachahmung tritt die durch die Mittel der Sprache
bewirkte komische Gruppierung von Zügen eines wirklichen oder fingierten
Menschen oder Dinges, die Zusammenstellung des relativ Erhabenen und des
Nichtigen, der Art, dass daraus eine komische Beleuchtung sich ergiebt.
Die komische Darstellung geht von hier noch einen Schritt weiter, wenn
sie zur karikierenden, übertreibenden, verzerrenden Darstellung wird.
Sofern solche Darstellung glaublich erscheint, das Dargestellte als damit
"getroffen" anerkannt wird, und andererseits doch wiederum die Karikatur,
Übertreibung, Verzerrung als solche, d. h. als von der Wirklichkeit
abweichendes, willkürliches und demnach nichtsbedeutendes Spiel
erscheint, ist sie zugleich eine besondere Art des Witzes. Als solche
gehört sie nicht hierhin.
Hierzu füge ich als weitere und eigenartige Weisen der "komischen
Darstellung", in unserem Sinne, die Travestie und die Parodie. Auch sie
sind Arten der komischen Gruppierung oder der unmittelbaren
Aneinanderrückung des Erhabenen und des Nichtigen. Aber nicht Züge des
Objektes sind es, die hier unmittelbar aneinandergerückt und zur Einheit
verbunden scheinen, sondern: In der Travestie wird das Erhabene in Worten
und Wendungen, die einer niedrigeren Sphäre angehören, dargestellt, in
der Parodie umgekehrt das Niedrige oder Triviale durch Einkleidung in
eine dem Erhabenen zugehörige sprachliche Form zu einem Scheinerhabenen
gestempelt. Dort zergeht die Erhabenheit des Inhaltes durch die Form, und
zugleich die Form, die vermöge des Inhaltes Erhabenheit sich anmasste, in
sich selbst. Hier zergeht die erhabene Form durch den Inhalt, und
zugleich der durch die Form zum Scheinerhabenen aufgebauschte Inhalt in
sich selbst.
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