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Komik und Humor

T >> Theodor Lipps >> Komik und Humor

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Tritt zum substituierten Begriff die nähere Bestimmung hinzu, so wird die
Substitution zur vollständigeren oder weniger vollständigen
"_witzigen_"--wenn nämlich witzigen--"_Umschreibung_", und zwar wiederum
zur--zunächst wenigstens--verallgemeinernden oder vergleichenden oder
individualisierenden, bezw. auch hier zur individualisierend
vergleichenden. Auch die "verallgemeinernde" _Umschreibung_ wird speciell
der verblümenden Bezeichnung dienen; die vergleichende und
individualisierende ihrerseits wird oft vergleichen, was im Grunde nicht
zu vergleichen ist und erst durch die einschränkende nähere Bestimmung
vergleichbar erscheint. So wenn ich, nach Heine, eine alte hässliche Frau
als eine zweite Venus von Milo bezeichne, nämlich was das Alter, die
Zahnlosigkeit und die gelben Flecken angehe.

Witze dieser Art sind billig, solange sie nur Dinge mehr oder weniger
künstlich bezeichnen. Ihr Interesse wächst, wenn sie "_karikierende
Bezeichnungen_" oder "_witzige Hyperbeln_" sind, und doch, was sie
eigentlich sagen wollen, deutlich zu verstehen geben. Im Grunde ist
freilich, da jeder Vergleich hinkt und jede Individualisierung neue
Momente hinzufügt, nämlich eben die individualisierenden, jede darauf
beruhende Bezeichnung irgendwie karikierend, das heisst die Sache
verschiebend. Und diese Verschiebung wird leicht, obgleich durchaus nicht
immer, zugleich eine Steigerung sein. Dass umgekehrt die
Steigerung--Kilometernase, Quadratmeilengesicht etc.--jederzeit eine
Verschiebung ist, braucht nicht gesagt zu werden.--Aber nicht jede
witzige Karikatur oder Hyperbel ist so drastisch, wie etwa die
hyperbolisch karikierenden Bezeichnungen, die Falstaff auf Bardolphs Nase
häuft.

Abgesehen davon besteht noch ein weiterer Unterschied. Die witzigen
Bezeichnungen sind entweder nur spielende Bezeichnungen, denen es nicht
darauf ankommt, ob das Wesen der Sache, so wie es wirklich ist, getroffen
wird, oder sie heben eine wesentliche Eigenschaft treffend hervor, sind
also charakterisierend, oder endlich sie sind ironisch gemeint. Dem
letzteren Zwecke dient insbesondere eine Art, die darum speciell den
Namen der "_ironischen Bezeichnung_" führen muss. Es liegt Ironie darin,
wenn ich meine bescheidene Wohnung als meinen Palast oder meine Residenz
bezeichne; insofern ich nämlich erwarte, der Hörer werde aus dem stolzen
Namen das ungefähre Gegenteil, die gar nicht stolze Wohnung, heraushören.
Zunächst aber will ich, wenn ich solche Ausdrücke gebrauche, einen
Gegenstand, durch den Namen für einen ähnlichen, spielend bezeichnen.
Wenn ich dagegen eine tadelnswerte Handlung, ohne weiteres, recht
lobenswert, ein abstossendes Benehmen recht liebenswürdig nenne, so setze
ich einen Begriff an die Stelle des direkt gegenteiligen und zwar in der
einzigen Absicht dies direkte Gegenteil des Gesagten recht eindringlich
zu machen. Die in sich nichtige Bezeichnung soll, indem sie wie eine
geltende sich gebärdet, ihre nicht bloss teilweise, sondern völlige
Nichtgeltung offenbaren und ihrem eigenen Gegenteil Geltung verschaffen;
und sie soll nur eben dies. In solcher Vernichtung des Nichtigen und
seinem Umschlag ins Gegenteil besteht aber, wie wir schon früher meinten,
das eigentliche Wesen der Ironie. Die Ironie ist subjektiv komische oder
witzige, sofern das mit _logischem_ Anspruch auftretende nichtige Wort
oder Zeichen das Umschlagende ist.--So besonders geartet die ironische
Bezeichnung ist, so lässt sie sich doch unter die vergleichenden
Begriffssubstitutionen unterordnen. Auch tadelnswert und lobenswert,
abstossend und liebenswündig sind ja einander nebengeordnete Begriffe.

Eine dritte Bemerkung betrifft die äussere Form der witzigen
Substitution. Wie bei der witzigen Begriffsbeziehung auf Grund äusserer
Ähnlichkeit das eine Mal der eine der beiden Begriffe, nämlich der im
Witze eigentlich gemeinte, aus dem anderen erraten werden musste, das
andere Mal beide, Begriffe ausdrücklich sich gegenüberstanden, so muss
auch hier der eine der beiden in die Beziehung eingehenden Begriffe oder
Gegenstände, nämlich der mit der Bezeichnung gemeinte, das eine Mal aus
der Bezeichnung erraten werden, während er das andere Mal ausdrücklich
genannt wird. Das Letztere wird speciell dann der Fall sein, wenn die
Bezeichnung nicht gelegentlich auftritt, als Teil eines Satzes, der
_irgend etwas_ aussagt, sondern als der eigentliche Gegenstand der
Aussage. Natürlich wird sie in diesem Falle im allgemeinen höheren
Anspruch erheben. Sie wird witzige Charakteristik oder etwas dergleichen
sein. Jenen Namen wollen wir ihr den auch a parte potiori allgemein
beilegen.

Darum ist doch diese geflissentliche "_witzige Charakteristik_" in ihrem
Wesen nichts anderes als die gelegentliche witzige Bezeichnung. Die ganze
oben gemachte Unterscheidung hat hier weit weniger zu bedeuten, als in
dem angeführten früheren Falle. Insbesondere ist die witzige
Charakteristik nicht, weil sie in Form eines vollständigen Urteils
auftritt, "witziges Urteil". Denn nicht darum handelt es sich dabei, eine
wirkliche oder scheinbare Wahrheit zum Bewusstsein zu bringen oder eine
Thatsache glaublich zu machen, durch Mittel, die dann doch wiederum die
ganze Aussage als nichtig erscheinen lassen, vielmehr will auch sie nur,
was als thatsächlich bestehend _vorausgesetzt_ ist, in treffender und
zugleich unzutreffender Form _bezeichnen_. So will die witzige
Charakteristik der Beine Bräsigs,--sie haben ausgesehen, als ob sie
verkehrt eingeschroben wären, oder die _Fallstaff_'sche Charakteristik
_Schaals_,--er war wie ein Männchen, nach Tisch aus einer Käserinde
verfertigt--nicht glaublich machen, _Bräsigs_ Beine oder _Schaals_ ganzes
Äussere sei wirklich der Art gewesen, um dann das Bewusstsein
wachzurufen, dass die Worte gar nicht als Träger irgend einer Wahrheit,
also in keiner Weise ernsthaft gemeint sein können, sondern die eine will
eine bestimmte Beschaffenheit der Beine _Bräsigs_, ebenso die andere eine
bestimmte Beschaffenheit des _Schaal_'schen Äusseren, an die sie glaubt
und an die wir glauben, in einer bestimmten Weise kenntlich machen und
charakterisieren. Nur unter jener Bedingung aber wären die Sätze, wie wir
sehen werden, "witzige Urteile"; sie könnten es, genauer gesagt, nur
sein, wenn sie als "witzige Übertreibungen" gemeint wären. Dagegen
gehören sie, so wie sie gemeint sind, trotz ihrer Form durchaus zu
unserer Gattung.

Endlich erweitert sich die witzige Charakteristik zur "_witzigen
Charakterzeichnung_", in der von einer Person oder Sache durch wenige
Züge, die von rechtswegen kein mögliches Bild geben können, dennoch eines
gegeben wird. So wenn _Heyse_ sagt: er sah gesund, satt und gütig aus.
Das Wesentliche der Witzart ist, dass mehrere Bezeichnungen in ihrer
Zusammenordnung das Bild gegen alle strenge Logik plötzlich
hervorspringen lassen, mögen im übrigen die Bezeichnungen, wie in dem
angeführten Beispiel, allgemein, oder vergleichend oder
individualisierend sein. Ein Musterbeispiel der vergleichenden Art ist
Falstaffs bekannte Beschreibung der von ihm angeworbenen Soldaten.

Hier ist auch der Ort, wo wir der "_witzig zeichnenden Darstellung_" zu
gedenken haben. Sie steht mit jener witzigen Charakterzeichnung auf einer
Linie. Einige Striche, scheinbar planlos hingeworfen, ergeben plötzlich
ein Gesicht und erscheinen doch wiederum dazu völlig ungenügend. Dabei
kann die Karikatur fehlen.

Es giebt aber daneben eine "_witzige Karikaturzeichnung_". Sie ist witzig
nicht als Karikatur, sondern sofern sie das Urteil erzeugt, die Zeichnung
sei diese oder jene Person oder bezeichne diesen oder jenen Charakter,
während doch zugleich das Bezeichnungsmittel gänzlich unzutreffend
erscheint. Auch wieweit die Karikatur objektiv komisch ist, kommt für den
Witz nur soweit in Frage, als die komischen Züge zugleich bezeichnend und
nicht bezeichnend erscheinen; an sich hat diese Komik mit dem Witze
nichts zu thun. Genauer steht die witzige Karikaturzeichnung mit der
witzig karikierenden Bezeichnung und, wenn sie ihr Objekt anderen
Gegenständen, etwa Menschen einem Tier oder einer geometrischen Figur
ähnlich macht, mit dem karikierenden Vergleich auf einer Stufe.--Jede
solche Zeichnung kann mehr oder weniger charakterisieren; sie kann auch
in den Dienst der Ironie treten.

b) Mit Vorstehendem sind wir bereits über die logische
Begriffssubstitution hinausgegangen. Zu ihr gesellt sich, wenn wir in das
Gebiet des sprachlichen Witzes zurückkehren, die bildliche Substitution
oder die "_witzig bildliche Bezeichnung_". Jedes Bild ist seiner Natur
nach Substitution; zur witzigen Bezeichnung wird es, wenn es
überraschend, unzutreffend, allzuweit hergeholt scheint und doch
verstanden wird. Wie weit dafür die obigen Bestimmungen gelten, habe ich
nicht nötig näher auszuführen. Nur daran erinnere ich, wie auch hier
gelegentliche Bezeichnung und ausdrückliche Charakteristik sich
entgegenstehen. In einem trefflichen Beispiel dieser "_witzig bildlichen
Charakteristik_" bezeichnet Jeau Paul den Witz selbst als den Priester,
der jedes Paar kopuliert. Der Witz und ein Priester, das scheinen denkbar
unvergleichbare Dinge und doch trifft die Definition.

c) Die dritte Art der witzigen Substitution ist die "_parodische
Bezeichnung_". Eine doppelte Art derselben lässt sich unterscheiden. Die
eine beruht auf dem Vorhandensein verschiedener Sprachen innerhalb einer
und derselben Sprache. Das Volk, der Dichter, der Gelehrte, der
Handwerker, der Künstler in seinem Beruf, jeder spricht seine eigene
Sprache. Von solchen eigenen Sprachen war schon früher die Rede. Aber
nicht um den witzigen Eindruck, den die Worte der Sprache auf den Fremden
machen, der sie versteht, und doch zugleich nicht als sinnvolle
Sprachzeichen anerkennen kann, handelt es sich hier, sondern in gewisser
Art um das volle Gegenteil davon. Nicht fremd müssen dem Hörer die Worte,
die Redewendungen und Redeformen sein, die ich _parodierend_ gebrauche,
sondern wohlbekannt, aber bekannt als einer Gedankenwelt angehörig, die
derjenigen fremd ist, in die ich sie verpflanze. Indem ich sie
verpflanze, nehme ich jene Gedankenwelt mit; die damit bezeichneten Dinge
erscheinen in der Beleuchtung derselben selbst fremdartig, verschoben,
verwandelt; zugleich sind sie doch dieselben geblieben; der fremdartige
Schein verschwindet; die parodierende Bezeichnung erscheint als Spiel,
das zur Sache nichts hinzugethan hat.

Die andere Art, die Parodie im engeren Sinn, verpflanzt nicht nur aus
einer Gedankenwelt, sondern aus einem speciellen Wort- und
Gedankenzusammenhang in einen anderen und fremdartigen. Vor allem sind es
dichterische Zusammenhänge, aus denen wir parodierend Worte entnehmen
können. Auch diesen speciellen Wort- und Gedankenzusammenhang nehmen wir
bei der Verpflanzung mit. Indem er bei der bezeichneten Sache als
sachwidrig sich in nichts auflöst, entsteht der Witz.--Wie Worte und
Redewendungen, so können schliesslich ganze Citate--Spät kommt ihr, doch
ihr kommt etc.--als parodische Bezeichnungen fungieren. Ich will ja, wenn
ich jemanden mit dem angeführten Citate begrüsse, trotz der Satzform nur
eben ein Faktum mit _Schiller_'schen Worten _bezeichnen_.

Hierbei dachte ich vorzugsweise an diejenige Parodie, die aus
_aussergewöhnlichem_ Zusammenhange Worte und Wendungen in den
Zusammenhang des _gewöhnlichen Lebens_ verpflanzt. Ihr steht aber mit dem
gleichen Anspruche auf jenen Namen diejenige entgegen, die umgekehrt
Alltägliches und Geläufiges aus seinem alltäglichen Gedankenzusammenhang
hineinversetzt in den ausserordentlichen. Der Unterschied der beiden
Arten ist derselbe, den wir immer wieder zu machen Veranlassung hatten
und haben werden. Während dort das aussergewöhnliche Wort das ihm von
Rechtswegen zukommende besondere Pathos verliert angesichts des von ihm
bezeichneten gewöhnlichen Gegenstandes, für welches das Pathos nun einmal
nicht passt, scheint _hier_ das _gewöhnliche_ Wort, indem es in dem
aussergewöhnlichen Zusammenhange verwandt wird, ein Pathos zu _gewinnen_,
zu dessen Träger es dann doch wiederum nach gewöhnlicher Anschauung nicht
dienen kann.--So sehr beide Arten sich gegenüberstehen, so ist doch der
psychologische Vorgang, soweit er für den Witz in Betracht kommt, im
wesentlichen derselbe.

Wiederum erwähne ich die karikierende und hyperbolische, die
charakterisierende und ironische Parodie nicht besonders, obgleich alle
diese Möglichkeiten bestehen. Dagegen ist mir die Beziehung der Parodie
zur objektiven Komik wichtig. Nichts hindert natürlich, das Wort Parodie
zugleich in einem allgemeineren Sinne zu nehmen und jede Einfügung in
einen neuen und fremdartigen Zusammenhang, wodurch das Eingefügte Träger
der Komik wird, so zu nennen. Dann giebt es neben der witzigen auch eine
objektiv komische oder kürzer objektive Parodie, beide sich entsprechend
und doch so unterschieden wie Witz und objektive Komik überhaupt
unterschieden sind. Insbesondere gehört zur objektiven Parodie die oben
besprochene _Darstellung_ des objektiv Komischen--einschliesslich der
mimischen "Nachahmung"--sofern sie das Komische aus dem Zusammenhange, in
dem es sich versteckt, heraushebt und in den Zusammenhang der Darstellung
und damit in das helle Tageslicht setzt, in dem es erst in seiner Komik
offenbar wird; dann freilich auch jene Afterparodie, die auch das
Erhabenste so mit dem Niedrigen zu verbinden weiss, dass es von seiner
Höhe herabstürzt und dem Lachen preisgegeben wird. Jene
charakterisierende Art dient, wie wir sahen, dem Humor, ich meine dem
echten Humor, von dem die Ästhetik redet. Diese, die schon _Goethe_ mit
Recht "gewissenlos" fand, ist ebendarum auch jedes ästhetischen Wertes
bar.

Es kann aber auch, abgesehen von dieser Korrespondenz, die objektiv
komische Parodie, vor allem die der Nachahmung--ebenso wie die objektiv
komische Karikatur--zur witzigen Parodie werden. Die parodierende
Nachahmung ist es immer, wenn ich durch sie nicht nur das Nachgeahmte
lächerlich erscheinen lasse, sondern zugleich etwas, das ich sagen will,
in spielender Weise ausdrücke. Hierher gehört die witzige Rache des
italienischen Malers, von der schon im zweiten Abschnitt die Rede war.
Der Maler stellt den Prior, indem er dem Judas seine Züge leiht, in den
Gedankenzusammenhang, der durch den Namen Judas bezeichnet ist. Dass der
Prior zum Judas wird, ist objektiv komisch. Dass aber der Maler ihn so
erscheinen lässt, also sein Urteil über den Prior zu erkennen giebt durch
dieses Quidproquo, diese unlogische Einfügung der Gestalt in den völlig
fremdartigen Zusammenhang, dies ist witzig. Es ist Bezeichnung durch ein
zur Bezeichnung von Rechtswegen untaugliches Mittel und insofern Witz von
der hier in Rede stehenden Art.

Etwas anders geartet, aber ebenso hierhergehörig ist die bekannte witzige
Selbstparodie aus den fliegenden Blättern: Ein X. pflegt sich in seiner
regelmässigen Gesellschaft nur dadurch bemerkbar zu machen, dass er in
allem, was vorkommt, einen "famosen Witz" findet. Einmal verabredet sich
die Gesellschaft ihm durch Schweigen die Gelegenheit dazu zu nehmen. X.
tritt ein, sieht sich um, und meint: "famoser Witz". Damit parodiert er
sich selbst, bezeichnet aber zugleich die Situation. Er thut es witzig,
eben weil er damit nur sich selbst zu parodieren scheint.

2. Mit der vorstehend erörterten Witzart hängt diejenige, bei der ein
erfahrungsgemässer sachlicher Zusammenhang von Begriffen der witzigen
Begriffsbeziehung zu Grunde liegt, eng zusammen. Dies gilt insbesondere,
insoweit auch diese Begriffsbeziehung als Beziehung zwischen einem
Gegenstande und seiner Bezeichnung sich darstellt. Ich kann bezeichnen
nicht nur, indem ich sage, was etwas ist, sondern auch durch die Angabe
sekundärer Momente, durch Kennzeichnung der Gründe oder Folgen einer
Sache, der Arten einer Person zu handeln sich zu gebaren etc., kurz durch
Momente, die mit dem zu Bezeichnenden erfahrungsgemäss zusammenhängen.
Diese Bezeichnung muss nur wieder, um witzig zu sein, überraschend,
fremdartig, ganz ungehörig, die angegebenen Umstände müssen weithergeholt
oder gänzlich unmöglich, trotzdem aber bezeichnend erscheinen. So ist es
weithergeholt, wenn der Italiener einen, wenn nicht nach italienischen,
so doch nach unseren Begriffen unentbehrlichen Teil der menschlichen
Wohnung als denjenigen bezeichnet, dove anche la regina va a piedi;
dagegen wird Unmögliches vorausgesetzt, wenn ich von einem Menschen sage,
er sei so fett, dass sein Anblick Sodbrennen errege, oder wenn ich eine
lange Nase--nach Haug--damit bezeichne, dass ich erzähle, sie sei für
einen Schlagbaum gehalten worden, oder--nach Jean Paul--damit, dass ich
angebe, ihr Eigentümer habe nicht sterben können, weil sein Geist, wenn
er ihn habe aufgeben wollen, immer wieder in die Nase zurückgefahren
sei.--Die letzteren Fälle könnten auch einer anderen Witzgattung
zugehörig scheinen. In der That ist es ein witziges Urteil, und speciell
eine Art "Münchhausiade", wenn ich jemand glauben machen will, der blosse
Anblick des Fetten könne die angegebene Wirkung auf den Magen haben. Aber
nicht um die Erzeugung dieses Glaubens handelt es sich hier, sondern um
seine Verwertung zu einem anderen Zweck, nämlich eben zum Zweck der
witzigen Bezeichnung. Dass eine Wirkung einen Augenblick für möglich
gehalten werden könne, dies ist die _Voraussetzung_ für die Möglichkeit,
die übermässige Fettigkeit in der angegebenen Weise zu bezeichnen. Indem
jener Gedanke in nichts zergeht, erscheint auch die Bezeichnung wiederum
nichtig. So verhalten sich also Möglichkeit und Unmöglichkeit der
behaupteten Wirkung, die das witzige _Urteil_ machen, zur zutreffenden
und zugleich nicht zutreffenden, kurz zur witzigen _Bezeichnung_, wie
Voraussetzung und Folge; jene witzige Bezeichnung ist so wenig ein
witziges Urteil, als die Voraussetzung die Folge ist.

Diese "_witzige Bezeichnung durch abgeleitete Momente_" kann wiederum,
wie die Beispiele zeigen, zugleich karikierend und speciell hyperbolisch
sein. Sie ist andererseits bald rein spielend bald charakterisierend oder
ironisierend. Auch sie wird zur witzigen Charakteristik und erweitert
sich zur witzigen Charakterzeichnung. Man denke etwa an die Art, wie
_Heinz Percy_'s Charakter aus seinen Worten und der Art sich zu gebaren
mit wenig Strichen zeichnet.

Neben dieser Art steht als zweite die eigentliche "_witzige
Begriffsverbindung_". Bei ihr sind dieselben beiden Möglichkeiten; die
Begriffsverbindung ist sachlich in Ordnung und scheint nur nichtig, weil
sie überraschend, fremdartig oder mit scheinbarem Widerspruch behaftet
ist, oder sie ist unmöglich, scheint aber möglich, weil ein sachlicher
Zusammenhang zu Grunde liegt, der nur gesteigert, ergänzt, verschoben,
kurz witzig ausgebeutet wird. Die erstere Möglichkeit verwirklicht sich
in der "_witzigen Scheintautologie_" und dem "_Oxymoron_" oder witzigen
Scheinwiderspruch:--Beides ist vereinigt, wenn ich von Waschweibern oder
alten Jungfern weiblichen und männlichen Geschlechtes rede--; sie
verwirklicht sich andererseits in allen möglichen dem gewöhnlichen
Sprachgebrauch zuwiderlaufenden, knappen, Mittelglieder auslassenden oder
nach sachlicher Analogie gebildeten Begriffsverbindungen, so wenn
_Falstaff_ sagt: ich kann "keinen Schritt weiter rauben" u. s. w.

Der zweiten Art sind zunächst die schon an anderer Stelle angeführten
Fälle des "_witzigen Widersinns_": Messingnes Schlüsselloch und
dergleichen. Der Zusammenhang zwischen Messing und Schlüsselloch leuchtet
ein, nur dass das Schlüsselloch nicht selbst aus Messing sein kann.
Ebendahin gehört der doppelte Kinderlöffel für Zwillinge, der lederne
Handschuhmacher und dergleichen. Sofern hier die sachlich zu Recht
bestehende Begriffsverbindung witzig verschoben ist, kann der Witz als
"_karikierende Begriffsverbindung_" bezeichnet werden. Eine Abart
wiederum ist das "_witzige Fallen aus dem Bilde_" und die "_witzige
Bilderverwechselung_"--Mitten im tiefsten Morpheus--Beim ersten Krähen
der rosenfingrigen Eos--; auch hier wird ja der Witz durch einen
sachlichen Zusammenhang ermöglicht.


DAS WITZIGE URTEIL.

III. Das _witzige Urteil_ bildet, wie schon gesagt, die dritte
Hauptgattung. Bei ihr wird eine Wahrheit verkündigt in einer Form, die
die ganze Aussage wiederum als nichtig, als blosses Spiel erscheinen
lässt; oder eine Scheinwahrheit, die logisch in nichts zergeht. Wiederum
beruht die witzige Aussage auf den genannten vier Arten des
Vorstellungszusammenhanges.

A. 1. Ein witziges Urteil ist zunächst die "_witzige Satzverdrehung_",
die der witzigen Wortverdrehung entspricht. Ein Satz sagt genau genommen
gar nichts, aber der Hörer erkennt ihn als geflissentliche Verdrehung
eines anderen und findet die gemeinte Wahrheit heraus. Oder ein Satz
enthält einen völligen Widersinn, der Hörer errät aber, was gesagt sein
soll, aus der blossen Ähnlichkeit des Gesagten mit einem möglichen
sinnvollen Satz. Im letzteren Falle ist die Verdrehung zum "_witzigen
Gallimathias_" geworden. Jedes Durcheinanderwerfen von Worten, allerlei
falsche Konstruktionen können diesen Witzarten dienen.

Das Gegenstück bildet der "_witzige Unsinn_", der an anerkannte
Wahrheiten äusserlich anklingt und darum selbst für den Augenblick als
Ausdruck einer Wahrheit genommen wird. Der wesentliche Unterschied ist,
dass dort eine Wahrheit im Gewande des Unsinns, hier ein Unsinn im
Gewände der Wahrheit auftritt.

2. Derselbe Erfolg kann erreicht werden durch allerlei äussere
Sprachformen, die nun einmal erfahrungsgemäss der Verkündigung oder
Eindringlichmachung der Wahrheit zu dienen pflegen. Es giebt allerlei
Überzeugungsmittel, z. B. Gründe. Aber die stehen nicht jederzeit zur
Verfügung. Da müssen dann andere Mittel eintreten. Man betont, druckt
gesperrt oder fett. Manche Schriftsteller lieben es, in dieser Weise dem
Drucker das Überzeugen zu überlassen. Man kann sich darauf verlassen,
dass sie um so betonter reden, je weniger Gründe sie haben. Dieses
Mittels kann sich auch der Witz bedienen, so wie jedes unlogischen
Mittels. Man betont den Widersinn, spricht ihn mit Emphase aus. Je
grösser der Applomb und die Unverfrorenheit, desto eher wird das
Vertrauen sich rechtfertigen, dass man wenigstens für den Augenblick den
Eindruck der Wahrheit mache.

Ähnliche Wirkung haben andere Mittel. Man bringt eine Behauptung immer
wieder vor, man bringt sie nebenbei, im Tone der Selbstverständlichkeit,
man leitet sie ein mit einem "bekanntlich", citiert angeblich: wie schon
der oder der grosse Gelehrte oder Dichter mit Recht gesagt hat; man
kleidet sie in möglichst wissenschaftliche Form, spart auch langatmige
Fremdwörter nicht; berühmte allermodernste Philosophen können dabei als
Muster dienen. Endlich ist die poetische Form nicht zu verachten.

Immer beruht bei diesem "_witzigen Erschleichen_" der Eindruck des Witzes
auf der Gewohnheit, Wahrheit zu suchen hinter dem äusseren Gewande der
Wahrheit. Es stehen aber neben jenen Fällen andere, in denen nicht eine
völlig neue Wahrheit verkündigt, sondern nur eine nichtsbedeutende in
eine gewichtige verwandelt wird. Dazu dienen speciellere formale Mittel.
Ein Beispiel ist die bekannte witzige Definition des Kopfes: "Der Kopf
ist ein Auswuchs zwischen den beiden Schulterknochen, welcher erstens das
Herausrutschen des Krawatt'ls verhindert, und zweitens das Tragen des
Helmes bedeutend erleichtert". Dass der Kopf dies ist, bezweifelt
niemand. Die Form der Definition aber macht daraus eine Wesensbestimmung.
Sofern der Witz unmöglich wäre ohne die in der Definition thatsächlich
liegende Wahrheit, die der Witz nur steigert oder ergänzt, scheint er
freilich einer anderen sogleich zu besprechenden Art anzugehören.
Indessen ist es eben doch diese äussere Form der Definition, durch die
die Steigerung oder Ergänzung bewerkstelligt wird.

B. Worin diese andere Art bestehe, ist auch schon gesagt. Mit Veränderung
eines schon citierten _Jean Paul_'schen Ausdrucks können wir sie als
diejenige bezeichnen, die halbe, Viertelswahrheiten zu ganzen Wahrheiten
macht.

1. Dies kann in doppelter Weise geschehen. Wir lassen uns verführen, den
Inhalt einer Behauptung zu glauben, oder momentan für möglich zu halten,
weil Ähnliches allerdings vorkommen kann. Ich erzähle etwa allerlei
eigene oder fremde Erlebnisse, wie sie im Einzelnen wohl erlebt sein
könnten, die aber im Ganzen so ausserordentlich sind, und ein so
merkwürdiges Zusammentreffen von Umständen voraussetzen würden, dass der
Hörer, ohne mit Gründen widersprechen zu können, doch Grund hat die
"_witzige Aufschneiderei_" für eine solche zu halten.

Oder ich steigere mögliche Vorkommnisse bis zur Unglaublichkeit oder
Unmöglichkeit, doch so, dass ein gewisser Schein der Möglichkeit bleibt.
Diese "_witzige Übertreibung_" haben wir schon unterschieden von der
hyperbolischen Bezeichnung, die nicht etwas Ungeheuerliches glauben
machen, sondern ein als wirklich Vorausgesetztes in ungeheuerlicher Weise
_bezeichnen_ will.

2. Mit diesen beiden Witzarten nahe verwandt und doch davon verschieden
ist diejenige, durch die wir verführt werden die erfahrungsgemässe
Beziehung zwischen einem Thatbestand und einem anderen gewohnheitsmässig
festzuhalten, unter Umständen, unter denen dieselbe aus einleuchtenden
Gründen nicht mehr stattfinden kann. Wir vollziehen, indem wir sie
festhalten, einen falschen Analogieschluss, den wir doch sofort als
falsch erkennen. Solche "_Witze aus falschem Analogieschluss_" sind die
"_Münchhausiaden_" nach Art der schon einmal angeführten Erzählung
Münchhausens, dass er sich selbst am Schopf aus dem Sumpf gezogen habe.
Nicht minder die "_witzigen Probleme_": "Wie kann man mit einer Kanone um
die Ecke schiessen?--Bekanntlich beschreibt das Geschoss eine Kurve; man
braucht also nur das Rohr auf die Seite zu legen". Speciell als
"_Vexierwitze_" könnte man die Witze bezeichnen, die auf Grund der
falschen Analogie einen bestehenden Sachverhalt völlig auf den Kopf
stellen, wie die Anklage gegen _Schiller_, dass er in seinem Wallenstein
eine so abgedroschene Phrase vorbringe, wie "Spät kommt ihr, doch ihr
kommt".

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