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Komik und Humor

T >> Theodor Lipps >> Komik und Humor

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Wie bei diesen Witzen "Unsinn im Gewande der Wahrheit", so tritt auch
hier in einer zweiten Art "Wahrheit im Gewande des Unsinns" auf. Ich
denke an die "_spielenden Urteile_" im engeren Sinne, bei denen sachlich
alles in Ordnung und nur die Form unfähig erscheint, überhaupt als Träger
einer Wahrheit zu dienen. Hier findet _Schleiermacher_'s Definition der
Eifersucht ihre Stelle, und mit ihr alle möglichen wichtigen und banalen
Wahrheiten, deren Form durch gleichartig wiederkehrende Worte oder auch
nur Konsonanten oder Vokale, durch Häufung sehr kurzer oder sehr langer
Worte--man denke etwa an das Wortgefecht zwischen _Äschylos_ und
_Euripides_ in _Droysen_'s herrlicher Übersetzung der "Frösche"--durch
scherzhafte Reimerei oder dgl. den Charakter des Spielenden und damit
logisch Kraftlosen gewonnen haben. Als besondere Art hinzugefügt werden
kann noch die "_witzige Kürze_", die mit einem Wort, einer Handbewegung
eine Antwort giebt, oder ein Urteil fällt, und endlich so kurz werden
kann, dass nur das beredte "_witzige Schweigen_" übrig bleibt.


DIE WITZIGE URTEILSBEZIEHUNG.

IV. Die _witzige Urteilsbeziehung_ setzt zwei--oder mehrere--Urteile in
Beziehung. Dabei ist--sogut wie bei der witzigen Begriffsbeziehung--die
Beziehung der eigentliche Träger des Witzes. Sie wird hergestellt durch
Mittel, die doch logisch nichtig sind oder scheinen. Ebenso nichtig
erscheint dann die Beziehung zwischen den Urteilen oder die Geltung, die
einem Urteil aus dieser Beziehung erwachsen ist.

A. 1. Das erste logisch nichtige und trotzdem wirksame Mittel eine solche
Beziehung herzustellen, die äussere Ähnlichkeit oder Gleichheit,
begründet Witzarten von ziemlich verschiedenem Charakter. Vor allem sind
wieder die beiden Fälle möglich, dass das eine Urteil ausgesprochen wird
und das andere aus ihm erschlossen oder in ihm wiedererkannt werden muss,
und dass die ausdrückliche Beziehung beider Urteile zu einander den Witz
begründet. Dann aber verwirklicht sich wiederum jene Möglichkeit, die der
"_Doppelsinn-Witze_", in verschiedener Art.

Das ausgesprochene Urteil lässt ein anderes _ohne weiteres_ erraten in
der "_witzigen Zweideutigkeit_" von der Art des bekannten "C'est le
premier vol de l'aigle". Niemand konnte etwas dagegen einwenden, wenn der
französische Hofmann die erste That des _Louis Philipp_, die Konfiskation
der Güter der Orleans, als ersten Flug des Adlers, also als le premier
"vol" de l'aigle bezeichnet. War sie aber le premier vol du l'aigle, dann
war sie auch der erste Raub des Adlers, da in dem Satze beides liegt. Es
folgt also aus der Annahme des einen Gedankens, durch das Mittel des
Satzes, in dem er sich verkörpert, die Annahme des anderen Gedankens,
nicht mit logischer, aber mit einer gewissen psychologischen
Notwendigkeit. Genauer ist hier das Bindemittel das zweideutige Wort
"vol".

Nicht so ohne weiteres ergiebt sich das Urteil, das erraten oder
erschlossen werden soll, bei anderen Arten. Indem der französische
Dichter auf die Aufforderung des Königs ein Gedicht zu machen, dessen
sujet er sei, antwortet, le roi n'est pas sujet, erwartet er wiederum,
dass man aus der Selbstverständlichkeit, die er sagt, dass nämlich der
König nicht Unterthan sei, durch das Mittel des Wortes sujet das andere
Urteil ableite, der König könne nicht sujet eines Gedichtes sein. Aber er
erwartet es, weil das Wort sujet soeben von dem König in diesem anderen
Sinne gebraucht worden ist. Der Dichter hat in seiner Antwort diesen Sinn
mit demjenigen, den die Antwort voraussetzt, vertauscht. Wir können diese
Witzart darum als "_witzige Begriffsvertauschung_" bezeichnen.

Dieselbe gewinnt anderen und anderen Charakter je nach dem Verhältnis, in
dem die beiden Bedeutungen des einen Wortes zu einander stehen. Verhalten
sie sich zu einander als engere und weitere Bedeutung, so mag man den
Witz "limitierende" Begriffsvertauschung nennen. "Kann er Geister
citieren?--Ja, aber sie kommen nicht" wäre ein Beispiel. Der Gefragte
kann Geister citieren wie jedermann. Nehmen wir das Wort zugleich in dem
engeren Sinne der Frage, so hat der Frager seine vollgültige Antwort.

Eine andere Abart der witzigen Vertauschung ist die "_witzige Deutung_".
"Wenn ein Soldat in einem Wirtshaus mit einem Offizier zusammentrifft, so
trinkt er sein Bier aus und geht nach Hause.--Was thust du also, wenn du
in einem Wirtshause mit einem Offizier zusammentriffst?--Ich trinke sein
Bier aus und gehe nach Hause". Hier ist das doppeldeutige auf den
Soldaten und den Offizier beziehbare "sein" das Bindemittel.

Nicht immer ist es ein einzelnes Wort, dessen Doppelsinn beide Urteile
entstehen lässt. Auch ein Satz als Ganzes, eine Frage oder Behauptung,
endlich eine Handlung kann in doppeltem Sinn genommen werden und so den
Witz begründen. Eine Handlung etwa ist Gegenstand der witzigen
Sinnvertauschung, wenn der Bediente, dessen Herr im Zorn ein Gericht zum
Fenster hinauswirft, Miene macht das ganze übrige Essen sammt Tischtuch
etc. folgen zu lassen: der Herr wünschte ja wohl auf dem Hofe zu speisen.

Überall haftet hier der Doppelsinn an denselben unveränderten Zeichen.
Muss mit diesen erst eine Veränderung vorgenommen werden, so entsteht die
"_witzige Urteilskarikatur_", der witzigen Wortkarikatur entsprechend.
Sie ist jenachdem Veränderung der Interpunktion, der Betonung, oder
einzelner Worte. Ich verwandle das _Schiller_'sche: "Mein Freund kannst
du nicht länger sein" in die Frage: Mein Freund, kannst du nicht _länger_
sein? als hätte Schiller jemanden diese Frage stellen lassen. Oder ich
lasse _Schiller_ sagen: Die schönen Tage von Oranienburg sind jetzt
vorüber u. dgl.

Ihrer Stellung nach damit verwandt sind die "_witzigen Übersetzungen_",
soweit sie eine in Gedanken vollzogene Karikatur der übersetzten Worte
voraussetzen. "Vides, ut alta stet nive candidus Soracte--Siehst du, wie
da der alte Kandidat Sokrates im Schnee steht". Zugleich rechnen sie auf
Gleichklang von fremden Worten und solchen der eigenen Sprache, und vor
allem auf den Umstand, dass die fremde Sprache eben eine fremde ist, bei
der wir uns auf den ersten Blick allerlei unglaubliche Konstruktionen und
Verdrehungen gefallen lassen.

Auch bei dieser Witzart soll noch aus dem einen Urteil, in dem der Witz
enthalten ist, das andere _wiedererkannt_ werden. Sehr viel weniger
mannigfaltig als diese Gattung ist die andere, in der die ausdrückliche
Beziehung der Urteile zu einander den Witz begründet. Wir wollen sie als
"_witzige Urteilsantithese_" bezeichnen. "Es giebt viele Dinge zwischen
Himmel und Erde, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen
lässt; aber noch viel mehr Dinge lässt sich unsere Schulweisheit träumen,
die es weder im Himmel noch auf Erden giebt". Das zweite Urteil hat im
Grunde mit dem ersteren inhaltlich wenig zu thun. Vermöge der äusseren
Ähnlichkeit aber scheint es nur eine Modifikation desselben. Diese Art
ist dem "Klangwitz" völlig analog.

2. Ebenso steht mit der witzigen Begriffsverbindung in Analogie die
"_witzige Urteilsverbindung_", in der der Schein der logischen
Zusammengehörigkeit von Urteilsinhalten erzeugt wird durch äussere
Sprachmittel, die sonst erfahrungsgemäss die Zusammengehörigkeit
bezeichnen.

Auf der Grenze zwischen dem witzigen Urteil und dieser neuen Witzart
steht die "_witzige Urteilsverschmelzung_". Wenn ich "Galilei auf dem
Scheiterhaufen zu Worms" in die Worte ausbrechen lasse: "Solon, Solon,
gieb mir meine Legionen wieder" so verschmelze ich nicht weniger als fünf
Urteile oder Thatsachen miteinander. Freilich stehen die Thatsachen auch
an sich in einem gewissen Zusammenhang. Aber ihre Vereinigung in eine
einzige ist doch nur durch die äussere Form, die in diesem Falle keine
andere ist als die Form des einheitlichen Urteils, zuwege gebracht.

So pflegt auch bei den beliebten Vereinigungen unzusammengehöriger
_Schiller_'scher und sonstiger Verse, die bald Verschmelzung bald
Verbindung ist, eine gewisse sachliche Beziehung zu Grunde zu liegen.
"Wie ein Gebild aus Himmelshöhen sieht er die Jungfrau vor sich stehen,
die mit grimmigen Gebärden urplötzlich anfängt scheu zu werden".
Ausserdem trägt die äussere Form, das gemeinsame Pathos dazu bei, die
äussere Verbindung als Träger einer sachlichen Zusammengehörigkeit und
damit den ganzen Unsinn als wirkliches dichterisches Erzeugnis erscheinen
zu lassen.

Es bedarf aber weder dieser sekundären äusseren Hilfsmittel noch
irgendwelches einleuchtenden sachlichen Zusammenhangs, um die witzige
Urteilsverbindung herzustellen. Ich lese in einer Zeitung Anzeigen aller
Art ohne Pause hintereinander ab, verbinde was mir gerade einfällt, durch
satzverbindende Worte, begründe eine Aussage durch ein Beispiel, das
keines ist, eine Analogie, die nicht zutrifft, eine allgemeine Regel, die
nicht hierhergehört--lediglich darauf vertrauend, dass der Hörer, durch
die äussere Verbindung verführt, eine sachliche wenigstens suchen, oder
durch die begründende Form, das "denn", "also", "wie z. B." getäuscht,
einen Augenblick an eine wirkliche Begründung glauben, also dem nichts
bedeutenden Satze die entsprechende Geltung zugestehen werde.

Immerhin wird auch hierbei der Witz gewinnen, wenn zur äusseren Form eine
gewisse, nur logisch ungenügende, sachliche Beziehung hinzutritt. Dies
gilt auch von einigen Fällen der witzigen Urteilsverbindung, die noch
besondere Hervorhebung verdienen. Ich meine zunächst den "_verdeckten
Hieb_" oder die "_gelegentliche Abfertigung_", die eine wichtige
Bemerkung, durch die jemand getroffen werden soll, in eben ihr
fremdartigen Zusammenhang zugestandener Thatsachen nebenbei einflicht, so
dass sie als dazu gehörig und mit ihm gleich unangreifbar erscheint, oder
die umgekehrt eine richtige Behauptung in einen Zusammenhang offenbar
unsinniger Behauptungen gelegentlich verwebt und dadurch als gleichfalls
unsinnig charakterisiert. Die Möglichkeit dieser Witzart beruht darauf,
dass wir auch in unserem Glauben und Nichtglauben einem Gesetze der
Trägheit unterliegen. Sind wir einmal im Zuge für wahr oder für nichtig
zu halten, Beifall zu spenden oder zu verurteilen, so lassen wir uns
nicht so leicht irre machen. Wir bedürfen sozusagen eines neuen Anlaufes,
damit wir wieder kritikfähig werden. Aber eben dazu lässt uns die
gelegentliche Bemerkung keine Zeit.

Diesem Falle steht zur Seite und doch in gewisser Art entgegen das
"_witzige Ceterum censeo_", das eine Behauptung dadurch beweist, dass es
sie mit möglichst verschiedenartigen Thatsachen verbindet, und durch die
Art der Verbindung als den Punkt erscheinen lässt, in dem alle die
Thatsachen münden, oder von dem sie alle ausgehen.

Schliesslich muss noch ein Fall ganz besonders hervorgehoben werden,
nämlich der Fall der nicht nur nebenbei ironisierenden, sondern
eigentlich "ironischen Urteilsverbindung". Sie ist wiederum "_witzige
Einschränkung_" oder "_ironische Widerlegung_". Jene verkündigt eine
angebliche Thatsache, z. B. volle Pressfreiheit, um dann Ausnahmen oder
Einschränkungen hinzuzufügen, die von der Thatsache nichts mehr übrig
lassen. Diese widerlegt ein scheinbar angenommenes Urteil--"Brutus ist
ein ehrenwerter Mann; so sind sie alle ehrenwerte Männer"--durch
Thatsachen, die dasselbe scheinbar bestätigen. In beiden sind die
Bedingungen der Ironie verwirklicht, insofern beide ein nichtiges Urteil,
das erst wie ein gültiges auftritt, vernichten und in sein Gegenteil
umschlagen lassen. Nur dass bei der ironischen Widerlegung auch der
Schein der Bestätigung umschlägt. Das Mittel der Vernichtung sind beide
Male Thatsachen. Damit ist eine zweite Art der Ironie gewonnen neben
jener, die in der ironischen Bezeichnung uns entgegentrat.

B. Eine innere sachliche Beziehung und zwar zunächst eine innere
Verwandtschaft oder teilweise Inhaltsgleichheit liegt der witzigen
Urteilsbeziehung zu Grunde vor allem in den der witzigen
Begriffssubstitution analogen Fällen, in denen eine Wahrheit in--logisch
betrachtet--zu allgemeiner Form oder in Form einer Analogie, oder zu
speciell ausgesprochen wird, doch so, dass aus dem vorhandenen Urteile
das gemeinte, also jene Wahrheit, unmittelbar abgeleitet werden kann. Ich
beantworte eine Frage, spreche ein Urteil, einen Tadel aus, nicht direkt,
sondern in Form einer allgemeinen Wahrheit, eines Urteils, das sich auf
ähnliche Dinge oder vergleichbare Verhältnisse bezieht, durch eine
Geschichte, ein Beispiel, das ich erzähle oder an das ich erinnere.

Diese Witzart kann als "_witzige Urteilssubstitution_", sie könnte, wenn
es erlaubt wäre, das Wort Allegorie in seinem weitesten Sinn zu nehmen,
auch als "_witzige Allegorie_" bezeichnet werden. Wie bei der witzigen
Begriffssubsitution, so sind hier die drei Möglichkeiten: die
Substitution ist einfach logische, bildliche, parodische. Die beiden
letzteren begründen das "_witzig bildliche Urteil_" und das "_parodische
Urteil_".

Wiederum sind innerhalb der ersteren, nicht bildlichen oder parodischen
Art diejenigen Unterarten die wichtigsten, die das gemeinte Urteil durch
eines von verwandtem oder von speciellerem Inhalt ersetzen. Das Eine wie
das Andere kann geschehen in einem Satze oder in längerer Rede: in
Epigrammen, Sprichwörtern, wie sie der Volkswitz schafft, oder in
ausgeführten Gleichnissen, Schwänken, Fabeln. "Aus ungelegten Eiern
schlüpfen keine Hühner"; "Wer auf dem Markt singt, dem bellt jeder Hund
ins Lied"; "Die Laus, die in den Grind kommt, ist stolzer als die schon
drin sitzt", so sagt der Volkswitz, und drückt damit drastisch allgemeine
Wahrheiten aus. Dagegen erzählt _Hans Sachs_ in "St Peter mit der Gais"
eine _Geschichte_, um zu zeigen, wie thöricht es ist, Gott ins
Weltregiment zu reden.--Nebenbei muss bemerkt werden, dass das
volkstümliche Sprichwort aller möglichen Mittel des Witzes sich bedient,
die in diesem Zusammenhange erwähnt wurden, deren eigentümliche
Verwendung innerhalb des Volkssprichwortes aber nicht jedesmal bezeichnet
werden konnte.

Auch das witzig bildliche Urteil ist vorzugsweise im Volkssprichwort zu
Hause. Von der bildlichen Bezeichnung ist es dadurch unterschieden, dass
es ganz in die Sphäre des Bildes sich begiebt und da urteilt. Es muss
zunächst in der bildlichen Sphäre einleuchten, und es muss ebendarum auch
einleuchten, wenn das Bild in die Sache übersetzt wird. "Die Nase hoch
tragen" ist bildliche Bezeichnung. "Wer die Nase hoch trägt, dem regnet's
hinein" ist ein bildliches Urteil. Solche Urteile werden witzig in dem
Masse als sie zugleich fremdartig, überraschend, im Grunde zum Ausdruck
ihrer Meinung logisch ungeeignet erscheinen.--In ausgeführterer Weise und
kunstmässiger tritt das bildliche Urteil auf in der "_Allegorie_" im
engeren Sinne. Man denke etwa an _Schiller_'s "Pegasus im Joche."

Ebenso wie zur bildlichen Bezeichnung das bildliche Urteil, verhält sich
zur parodischen Bezeichnung das parodierende Urteil. Es kann sich
steigern bis zur ausgeführten Parodie, die Gewöhnliches in der Sprache
und Form der hohen Epik oder umgekehrt Erhabenes in der Sprache des
Alltagslebens darstellt. Die letztere Art der Parodie pflegt man auch
wohl als Travestie zu bezeichnen. Kleidet das parodierende Urteil, was es
sagen will, nicht nur im allgemeinen in die Sprache und Form, die nun
einmal einer fremden Gedankenwelt eigentümlich ist, sondern in Worte, die
einem bestimmten fremdartigen Gedankenzusammenhange angehören, so wird es
zum "parodierenden Citat". Jedes Citat, das sich an Stelle einer direkten
Aussage setzt, gehört hierher, wenn es genügend fremdartig klingt.

Bei Betrachtung der witzigen Begriffssubstitution hob ich besonders
hervor die karikierende und speciell hyperbolische, andererseits die
charakterisierende und ironische. Diese Unterschiede gelten auch hier.
Aber nur auf die hierhergehörigen ironischen Urteile mache ich besonders
aufmerksam. Wir begegneten dort einer ironischen Bezeichnung im engeren
und eigentlichen Sinne. Dieser entspricht das einfache "_ironische
Urteil_". Es wäre ein parodierendes Urteil mit ironischem Charakter, wenn
ich dem Wunsch eines anderen, eine Kleinigkeit, die er bei mir sieht, in
die Hand oder an sich zu nehmen, mit den Worten begegnete: Die Sterne,
die begehrt man nicht, man freut sich ihrer Pracht. Ich redete von
Sternen und meinte etwas einem Sterne möglichst wenig Ähnliches. Ein
ironisches Urteil aber hätte ich damit nicht gefällt. Dazu gehört, nach
unserem Begriff der Ironie, dass das ganze Urteil als solches, indem es
gefüllt wird, zergeht und in sein Gegenteil umschlägt. Und ein einfaches
ironisches Urteil kann nur dasjenige heissen, das ohne weiteres oder in
sich selbst zergeht und umschlägt, indem es ins Dasein tritt. Ein solches
ironisches Urteil fälle ich, wenn ich jemand lobe, dass er seine Pflicht
gethan, so oder so sich verhalten habe, in keiner anderen Absicht, als um
ihm zum Bewusstsein zu bringen, dass er alles das nicht gethan hat. Nur
die Art des Urteils und die Gelegenheit, bei der es auftritt, machen
hier, dass das Urteil ins Gegenteil umschlägt.

In allen vorstehend erörterten Fällen lässt der Witz aus einem Urteil ein
anderes ableiten. Ihnen stehen diejenigen gegenüber, in denen er es
selbst ableitet. Die Ableitung kann blosses Spiel sein, und sie kann
wiederum eine neue Art der witzigen Ironie repräsentieren. In jenem
Falle, dem der einfachen "_witzigen Folgerung_", muss vor allem die
Unerlaubtheit der Ableitung, in diesem, dem der "_ironischen Folgerung_",
vor allem die Nichtigkeit des Abgeleiteten einleuchten. Ich abstrahiere
aus einem Begegnis, das mir erzählt wird, oder das ich selbst erlebt
habe, und an dem nicht eben viel Besonderes ist, scherzend eine Regel,
die auf das Erzählte passt, aber darum doch durchaus nicht aus ihm folgt,
zum Beispiel aus einem kleinen Unfall, der jemand bei einem Spaziergang
traf, die Regel, dass Spazierengehen eine höchst schädliche und
naturwidrige Beschäftigung sei. Damit vollziehe ich eine, wenn auch in
dem angegebenen Beispiele nicht gerade erschütternde, witzige Folgerung.

Dagegen leitet die ironische Folgerung aus einem in sich nichtigen oder
als nichtig angenommenen Urteile, dessen Recht sie scheinbar anerkennt,
ein anderes ebenso nichtiges, bezw. das Recht zu einem solchen ab, um mit
der Nichtigkeit dieses zugleich die Nichtigkeit jenes Urteils
eindringlich zu machen. Bei dieser ironischen Folgerung ist die Ironie
auf ihrer vollen Höhe. Durch ein selbst Nichtiges, in dessen Gewand sich
die Wahrheit kleidet, also auf gleichem Boden oder mit gleichen Waffen,
werden die Ansprüche des Nichtigen in ihr Gegenteil verkehrt.

Es kann dies aber in mannigfacher Weise geschehen. Ich illustriere eine
thörichte allgemeine Behauptung durch "_ironische Exemplifikation_", d.
h. durch ein Beispiel, dessen Sonderbarkeit einleuchtet, oder bringe
umgekehrt ein specielleres Urteil zu Fall durch "_ironische
Verallgemeinerung_"; ich widerlege eine Lüge durch "_ironische
Analogie_", d. h. indem ich ihr nach Art des _Gellert_'schen Bauern eine
andere gleichartige an die Seite setze. In der Regel wird diese ironische
Analogie zugleich "_ironische Steigerung_" sein. Kein besseres Mittel
Aufschneidereien zu widerlegen, als indem man sie überbietet, und so die
Aufschneiderei offenkundig macht.

Auch in Handlungen kann sich diese Witzart verwirklichen. Sie wird dann
zum "_witzigen Bezahlen mit gleicher Münze_". Ich behandle jemand, der an
mir oder einem Dritten eine Ungeschicklichkeit oder ein Unrecht gethan
hat, bei gleicher Gelegenheit in genau derselben Weise, nicht so, dass
ich mich zu rächen, sondern vielmehr so, dass ich ihm Recht zu geben und
daraus das gleiche Recht für meine Handlungsweise abzuleiten scheine.
Indem ihm mein Unrecht einleuchtet, folgt dann daraus für ihn sein
Unrecht und seine Beschämung.

2. Kaum habe ich nun nötig, die witzigen Urteilsbeziehungen, die auf
erfahrungsgemässem Zusammenhang beruhen, noch besonders zu bezeichnen.
Der Unterschied zwischen ihnen und der vorigen Art besteht nur eben
darin, dass der erfahrungsgemässe Zusammenhang an die Stelle der
teilweisen sachlichen Übereinstimmung tritt.

Auf Grund dieses Zusammenhanges lässt ein Urteil ein anderes erschliessen
in den Fällen des "_witzigen Erratenlassens_" im engeren Sinne. Ich lobe
etwa, um mein Urteil über einen Gegenstand befragt, Nebensächlichkeiten,
die nicht gemeint waren, und gebe damit zu erkennen, dass ich den
Gegenstand selbst nicht eben loben kann. Oder:--Ihr Herr Vater war ja
auch ein ehrlicher Mann, sagt _Heine_ zu einem Börsenbaron, der sich
wundert, dass die Seine oberhalb Paris so rein und unterhalb so schmutzig
sei, und fordert damit auf, diesen erfahrungsgemässen Zusammenhang auf
den Herrn Baron zu übertragen und daraus sich über letzteren ein Urteil
zu bilden.

Dagegen wird im Witze selbst aus einem Urteil, bezw. einer Thatsache ein
Urteil von anderem Inhalt erschlossen, wenn Phokion das Klatschen der
Menge mit der Frage beantwortet: Was habe ich Dummes gesagt?--Die
"_witzige Konsequenz_", wie wir solche Fälle im Unterschied zur witzigen
Folgerung nennen wollen, wendet sich hier zurück und lässt zugleich ein
Urteil über die Thatsache, auf der sie beruht, erraten. Insofern ist sie
besonderer Art, "Abfertigung durch witzige Konsequenz", und von der
"einfachen witzigen Konsequenz", die nur scherzweise unerlaubte
Konsequenzen zieht, verschieden.

Dagegen nähert sie sich der "_ironischen Konsequenz_", die, der
ironischen Folgerung analog, aus einem nichtigen Urteil nach Gesetzen
erfahrungsgemässer Zusammenhänge nichtige Urteile ableitet und so
wiederum Thorheit durch Thorheit vernichtet.


DER WITZIGE SCHLUSS.

V. Unter dem "_witzigen Schluss_" kann nach dem Bisherigen nur der Witz
verstanden werden, der ausdrücklich in Schlussform auftritt. Denn ein
Schluss _vorausgesetzt_ wird im Grunde bei jedem Witze. Es ist aber bei
ihm in der That die Schlussform das einzig Auszeichnende, während die
Mittel dieselben sind, die in den anderen Hauptarten, vor allem den
witzigen Urteilsbeziehungen, bereits vorliegen. So ist der witzige
Schluss, der im zweiten Abschnitt angeführt wurde: "Wer einen guten Trunk
thut etc., der kommt in den Himmel", der Art nach nur eine Reihe von
witzigen Begriffsvertauschungen, bei denen Begriffe abwechselnd im
engeren und im weiteren Sinne genommen werden.

Eine Einteilung nach den Mitteln, durch die der Witz zu stande kommt, ist
die in Obigem versuchte Einteilung. Sie ist ebendamit nicht eine
Einteilung nach dem ästhetischen Gesichtspunkt. Dieser Gesichtspunkt wird
später zu seinem Rechte kommen.

* * * * *

V. ABSCHNITT. DER HUMOR.


XIV. KAPITEL. KOMIK UND ÄSTHETISCHER WERT.


ALLGEMEINES ÜBER "ÄSTHETISCHEN WERT".

Das ästhetisch Wertvolle ist in unseren Tagen gelegentlich vom Schönen
unterschieden worden. Der Streit hierüber wäre jedoch ein blosser
Wortstreit. Ich entziehe mich demselben, indem ich erkläre, dass ich
unter dem Schönen, wie freilich im Grunde jeder, nichts anderes verstehe,
als eben das ästhetisch Wertvolle. Das Verhältnis des Komischen zum
ästhetisch Wertvollen ist also das Verhältnis des Komischen zum Schönen,
und umgekehrt.

Wertvoll ist dasjenige, das Wert hat, d. h. das so beschaffen ist, dass
es für uns erfreulich sein kann. Ästhetisch wertvoll ist dasjenige, das
um seiner Beschaffenheit willen Gegenstand der ästhetischen Freude oder
des ästhetischen Genusses sein kann.

Dies müssen wir nach einer bestimmten Richtung hin genauer bestimmen.
Etwas kann Wert haben, weil es ein an sich Wertvolles, d. h. vermöge
seines blossen Daseins Erfreuliches schafft, hervorbringt, ermöglicht,
etwa eine wertvolle Erkenntnis, oder eine wertvolle Erinnerung, oder das
Dasein eines von ihm unterschiedenen wertvollen Objektes. Solcher Wert
ist Nützlichkeitswert. Dabei nehme ich dies Wort, wie man sieht, nicht im
engsten, sondern in einem weiteren, über die blosse _praktische_
Nützlichkeit hinausgehenden Sinne.

Davon nun unterscheidet sich der ästhetische Wert, sofern er Wert des
wertvollen Objektes selbst ist, also ein Wert, dessen wir inne werden,
indem wir nur dies Objekt, so wie es ist oder sich uns darstellt, uns
vergegenwärtigen und auf uns wirken lassen. Mit einem Worte, der
ästhetische Wert ist Eigenwert; der ästhetische Genuss Genuss dieses
Eigenwertes.

Hiermit ist nicht etwa eine Definition des "ästhetischen Wertes" gegeben,
sondern nur gesagt, welcher umfassenderen Gattung von Werten der
ästhetische Wert angehöre. Auch das sinnlich Angenehme und das sittlich
Gute sind ja an sich wertvoll. Ich habe also hier lediglich das
ästhetisch Wertvolle mit diesen anderen Arten des Wertvollen
zusammengeordnet.

Aber vielleicht gesteht man mir das Recht dieser Zusammenordnung nicht
zu. Oder man findet, damit sei ein Standpunkt bezeichnet, dem gegenüber
andere Standpunkte möglich seien.

Dann bemerke ich, dass ich hier allerdings nicht einen Standpunkt
vertreten, sondern eine Thatsache feststellen will. Die Thatsache aber,
um die es hier sich handelt, ist im wesentlichen eine Thatsache des
Sprachgebrauches.

Es handelt sich um den "ästhetischen Wert". Nicht jeder ästhetische Wert
ist Wert eines _Kunstwerkes_. Auch Naturobjekte haben ästhetischen Wert.
Wohl aber gilt das Umgekehrte: Jedes Kunstwerk hat, sofern es diesen
Namen verdient, ästhetischen Wert. Daraus folgt, dass das Spezifische des
ästhetischen Wertes nur in Etwas liegen kann, dem wir auch beim
Kunstwerke, und zwar bei jedem Kunstwerke begegnen.

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