Komik und Humor
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GEFÜHLSKONTRAST.
Allerdings bezeichnet _Hecker_ die Bedingungen dieses Gefühles noch
genauer. Lust und Unlust sollen sich beim Wettstreit zunächst die Wage
halten. Dann aber soll das Gefühl der Last durch Kontrast gehoben werden.
Indessen auch diese Bedingungen können in unserem Falle erfüllt sein. Es
hindert zunächst nichts, dass das Unlustvolle des Leidens und das
Befriedigende, das die Weise des Leidens oder die Eigenart der leidenden
Persönlichkeit in sich schliesst, in beliebigem Grade sich die Wage
halten.
Und auch eine Kontrastwirkung kann nicht nur, sondern wird jederzeit bei
der Tragik stattfinden.--Doch ist hierzu eine besondere Bemerkung
erforderlich.
_Hecker_ redet von _Gefühls_kontrast. Das Gefühl der Unlust soll
unmittelbar das mit ihm wechselnde Gefühl der Lust "_heben_". Hier ist
ein, auch sonst behauptetes allgemeines psychologisches _Kontrastgesetz_
vorausgesetzt. Nehmen wir einmal an, dies Gesetz bestände, so müsste ihm
zufolge offenbar, wie die Lust durch die Unlust, so auch die Unlust durch
die Lust gehoben werden. Damit wäre das schliessliche Überwiegen der
Lust, das _Hecker_ bei der Komik annimmt, wiederum illusorisch geworden.
Aber jenes Kontrastgesetz existiert nicht. Wohl giebt es mancherlei
Thatsachen, die man als Wirkungen eines Kontrastes bezeichnen kann. Aber
wenn man dies thut, so hat man nur einen zusammenfassenden Namen, und
zwar einen Namen für sehr Verschiedenartiges. Die fraglichen Thatsachen
sind der mannigfachsten Art und beruhen auf völlig heterogenen Gründen.
Rot _scheint_ nicht bloss, sondern _ist_, für das Auge nämlich, röter
neben Grünblau als neben Rot. Dies hat seine bestimmten, nämlich
_physiologischen_ Gründe. Der Mann von mittlerer Grösse _ist_ nicht, für
unsere Wahrnehmung nämlich, grösser, wenn er neben einem Zwerge, als wenn
er neben einem Riesen steht, aber er wird grösser _geschätzt_ oder
_taxiert_. Dies hat wiederum seine bestimmten, aber diesmal
_psychologischen_ Gründe.
Wie es aber auch mit dem Empfindungs- oder Vorstellungskontrast bestellt
sein mag; eine Kontrastwirkung, die Gefühle unmittelbar auf Gefühle
ausübten, giebt es nicht. Wenn ich hier ganz allgemein reden darf:
Gefühle wirken überhaupt nicht. Sie haben als solche keine
psychomotorische Bedeutung. Sie sind überall nichts als begleitende
Phänomene, Bewusstseinsreflexe, im Bewusstsein gegebene Symptome der
Weise, wie _Empfindungen_ und _Vorstellungen_, oder Zusammenhänge von
solchen, in uns wirken. Die Psychologie hat sich noch nicht überall zur
klaren Anerkennung dieses Sachverhaltes durchgearbeitet. Aber sie wird
sich wohl oder übel dazu entschliessen müssen.
Was man so Wirkung von Gefühlen nennt, ist Wirkung der Bedingungen, aus
denen die Gefühle erwachsen, also Wirkung der Empfindungs- und
Vorstellungsvorgänge und der Beziehungen, in welche dieselben verflochten
sind. So ist auch der "Gefühlskontrast" in Wahrheit Empfindungs- oder
Vorstellungskontrast. Vorstellungen können anderen, zu denen sie in
Gegensatz treten, eine höhere psychische "Energie" verleihen, und dadurch
auch das an diesen haftende Gefühl steigern. Sie thun dies nicht ohne
weiteres, wohl aber unter bestimmten Voraussetzungen. Welches diese
Voraussetzungen sind, und nach welcher psychologischen Gesetzmäßigkeit
dieselben die "Kontrastwirkung" vermitteln, dies muss natürlich im
einzelnen festgestellt werden. Das Kontrastgesetz ist mehr als ein
blosser Sammelname, soweit dieser Forderung genügt ist.
Ich sagte nun schon, dass auch bei der Tragik eine Kontrastwirkung
stattfinde. Auch diese hat ihre eigenen Gründe. Je grösser das Leid, je
härter der Untergang, und je grösser unser Eindruck von beidem, desto
schöner und grösser erscheint die Persönlichkeit, die in allem dem sich
oder das Grosse, Gute, Schöne, das in ihr liegt, behauptet. Damit ist
wenigstens eine mögliche Art der tragischen Kontrastwirkung bezeichnet.
Fassen wir alles zusammen, dann sind--falls wir fortfahren, die
_Hecker_sche Theorie des "Wettstreites" uns gefallen zu lassen, in der
Tragik alle _Hecker_'schen Bedingungen der Komik in ausgezeichneter Weise
gegeben. Die Tragik müsste also nach _Hecker_ die komischste Sache von
der Welt sein. Wir müssten über die Tragik des Leidens und Untergangs
aufs herzlichste lachen. Dies thun wir nicht, Tragik und Komik sind
äusserste Gegensätze.
DER WECHSEL DER GEFÜHLE.
Ich nahm oben versuchsweise an, dass der _Hecker_'sche "Wettstreit" unter
den _Hecker_'schen Bedingungen wirklich stattfinde. Träfe diese Annahme
zu, dann wäre noch die Frage, ob aus solchem Wettstreit, oder dem damit
gegebenen schnellen Wechsel von entgegengesetzten Gefühlen ein
einheitliches Gefühl, wie das Gefühl der Komik es ist, sich ergeben
würde. Auch diese Frage muss verneint werden. Ein Wettstreit der
Vorstellungen kann thatsächlich stattfinden und mit einem Wechsel der
Gefühle, speciell der Gefühle der Lust und Unlust, verbunden sein, ohne
dass doch das Gefühl der Komik entsteht.
Ich stehe etwa vor dem Momente, wo es sich entscheiden muss, ob eine
lange gehegte Hoffnung in Erfüllung gehen wird oder nicht. Alles scheint
für die Erfüllung zu sprechen. Nur ein Umstand liegt vor, der am Ende die
ganze Hoffnung zunichte machen könnte. Diese gegensätzlichen Gedanken
werden sich weder dauernd das Gleichgewicht halten, noch wird einer den
andern für längere Zeit völlig unterdrücken können. Das letztere um so
weniger, in je engerem Zusammenhang die der Hoffnung günstigen, und der
ihr ungünstige Faktor miteinander stehen. Ich achte jetzt auf die
günstigen Faktoren und glaube an die Erfüllung der Hoffnung. Aber je
lebendiger dieser Gedanke in mir wird, um so sicherer weckt er die
Vorstellung jenes anderen, ungünstigen Faktors. Diese Vorstellung tritt
hervor und verwandelt für einen Augenblick mein Vertrauen in sein
Gegenteil. Doch nur für einen Augenblick. Denn in Wirklichkeit ist zu
ernster Besorgnis kein Grund. Ich brauche nur den ungünstigen Faktor
genau ins Auge zu fassen, um zu sehen, wie wenig er doch gegen die
anderen Faktoren in Betracht kommen kann, wie unwahrscheinlich es also
ist, dass er die Erfüllung der Hoffnung verhindern wird. Damit hat wieder
der erste Gedanke das Übergewicht gewonnen u. s. w. So ergiebt sich ein
beständiges Hin- und Hergehen, zunächst zwischen entgegenstehenden
Gedanken, dann auch zwischen entsprechenden Gefühlen. Und die Unruhe
dieses Hin- und Hergehens, in dem im Ganzen ebensowohl die Lust wie die
Unlust überwiegen kann, wird sich steigern, je mehr der Moment der
Entscheidung naht. Heisst dies: mir wird immer komischer und komischer zu
Mute? Ich denke nicht. Andere mögen über die Situation lachen. Ich selbst
werde vom Lachen soweit als möglich entfernt sein. Ist dem aber so, dann
liegt in dem Beispiel der Beweis, dass auch, wo das gleichzeitige
Entstehen von Lust und Unlust aus einem Punkte wirklich in den
_Hecker_'schen beschleunigten Wettstreit mündet, noch etwas hinzukommen
muss, wenn das Gefühl der Komik entstehen soll. Dies Etwas ist die Komik.
SCHADENFREUDE UND GESTEIGERTES SELBSTGEFÜHL.
Nachdem _Hecker_ das Gefühl der Komik in der bezeichneten Weise bestimmt
hat, geht er dazu über, die Möglichkeiten der gleichzeitigen Entstehung
von Lust und Unlust festzustellen und daraus die möglichen Arten der
Komik abzuleiten. Das ist gut und konsequent gedacht. Die Ausführung des
Gedankens aber geschieht in denkbar unvollständigster Weise. Freilich,
wäre sie weniger unvollständig, so würde _Hecker_ selbst die
Unmöglichkeit seiner Theorie des komischen Gefühles sich aufgedrängt
haben. Die Fälle der Komik, die er anführt, sind wirklich komisch, wenn
auch nicht aus den angegebenen Gründen. Dagegen würden andere Fälle und
Klassen von Fällen, die er hätte anführen _müssen_, sich jeder Bemühung,
sie komisch zu finden, widersetzt haben.
Einige Bemerkungen genügen, um dies zu zeigen. Eine Hauptgattung der
Komik bezeichnen für _Hecker_ die Fälle, bei denen zwei Vorstellungen in
ihrer Vereinigung oder ihrem Zusammenhang unseren logischen, praktischen,
ideellen "Normen" oder den "Normen der Ideenassociation" entsprechen,
während zugleich die eine der Vorstellungen einer der Normen
widerstreitet. Nachher schrumpft die ganze Gattung zusammen zur Komik der
"gerechten Schadenfreude". Die rote Nase zum Beispiel missfällt, weil sie
unseren "ideellen Normen" widerspricht. Betrachten wir sie aber als
verdiente Strafe der Unmässigkeit, so befriedigt diese Ideenverbindung
unser Gerechtigkeitsgefühl. Und aus Beidem zusammen ergiebt sich das
Gefühl der Komik.
Diese Erklärung ist ohne Zweifel falsch. Die Schadenfreude hat, so oft
sie auch zur Erklärung der Komik verwandt worden ist, mit Komik nichts zu
thun. Die gerechteste und intensivste Schadenfreude ergiebt sich, wenn
wir über einen nichtswürdigen und gefährlichen Verbrecher die
wohlverdiente Strafe verhängt sehen. Je nichtswürdiger und gefährlicher
er ist, je gerechter und wirkungsvoller andrerseits die Strafe erscheint,
um so stärker ist das Gefühl der Unlust, das er selbst, und das Gefühl
der Befriedigung, das seine Bestrafung erweckt. Nun mag ein solcher
Verbrecher zwar, wie wir schon oben meinten, sich selbst in gewisser
Weise Gegenstand der Komik werden, uns wird er nie so erscheinen.
Dementsprechend kann die Schadenfreude auch die Komik der roten Nase
nicht begründen.
Andrerseits hätte _Hecker_ neben den Fällen der Schadenfreude mannigfache
andere Fälle berücksichtigen müssen, die ganz den gleichen Bedingungen
genügen. Ich höre etwa, jemand habe eine entehrende Handlung begangen aus
Freundschaft, um einen andern, vielleicht mich selbst, aus tödlicher
Verlegenheit zu retten. Oder ich lese in der Geschichte, L. Junius
_Brutus_ habe seine eigenen Söhne hinrichten lassen, um seiner Pflicht zu
genügen. In beiden Fällen missfällt die That an sich; sie gefällt
zugleich, wenn wir sie im Zusammenhang mit dem zu Grunde liegenden Motiv
betrachten. Sie befriedigt insofern nicht unser Gerechtigkeitsgefühl,
aber andere sittliche "Normen". Darum ist doch von Komik keine Rede.
Neben der Schadenfreude spielt bei _Heckers_ Erklärung der (objektiven)
Komik das gesteigerte "Selbstgefühl" die Hauptrolle. Freilich,
Schadenfreude ist am Ende eine Weise des gesteigerten Selbstgefühles,
oder kann es zum mindesten sein. Dann wäre mit dem gesteigerten
Selbstgefühl kein neues Moment eingeführt. Aber _Hecker_ sagt nicht, ob
und wie er die Schadenfreude auf das gesteigerte Selbstgefühl
zurückzuführen gedenkt.
Dies gesteigerte Selbstgefühl spielt in der Psychologie der Komik auch
sonst eine Rolle. Schon _Hobbes_ hat es zur Erklärung der Komik
herangezogen. Es ist aber fast der schlechteste Erklärungsgrund, den man
finden kann. Jede Unwissenheit, die ich nicht teile, jeder Irrtum, den
ich durchschaue, jede mangelhafte Leistung, der gegenüber ich das
Bewusstsein des Besserkönnens habe, müsste mich zum Lachen reizen, wenn
das Gefühl der Überlegenheit dem unangenehmen Gefühl, das Unwissenheit,
Irrtum, mangelhafte Leistung an sich erwecken, ungefähr die Wage hält.
Der Pharisäer müsste lachen über den Zöllner, dessen Verschuldungen
seiner Vortrefflichkeit zur Folie dienen, der Reiche über den Armen, der
vergeblich sich ein gleich behagliches Dasein zu verschaffen sucht, die
schöne Frau über die hässliche, deren Hässlichkeit sie an ihre Schönheit
erinnert, auch wenn der Charakter des Zöllners, die Not des Armen, die
Hässlichkeit der hässlichen Frau an sich nicht im mindesten komisch
erschiene. Aber eben das ist es, was _Hecker_ und was jeder, der den
Eindruck der Komik aus der Erhöhung des Selbstgefühles abzuleiten
versucht, im Grunde jedesmal voraussetzt. Man meint nicht den Irrtum,
sondern den lächerlichen Irrtum, nicht die Hässlichkeit, sondern die
lächerliche Hässlichkeit u. s. w. und diese allerdings sind komisch,
nicht wegen des hinzutretenden Selbstgefühles, wohl aber gelegentlich
trotz demselben.
Denn es ist offenbar, dass das Selbstgefühl geradezu die Komik
_zerstören_ kann. Ich sehe jemanden vergebens bemüht, eine Last zu heben,
zu der, wie ich mich sofort überzeuge, seine Kräfte nicht ausreichen. Der
Anblick ist mir peinlich, zugleich aber habe ich das befriedigende
Bewusstsein, dass ich die Last heben und dem Armen helfen kann. Hier ist
von Komik keine Rede, auch wenn das Bedauern und das Befriedigende des
Bewusstseins, zu können, was der Arme nicht kann, sich die Wage halten.
Ich lache nicht, eben weil ich die Kraft des Menschen mit der eigenen
vergleiche und die letztere als so viel grösser erkenne. Unterlasse ich
dagegen den Vergleich und fasse nur einfach die Situation ins Auge, so
kann mir diese recht wohl komisch erscheinen. Und ich habe allen Grund,
mir _selbst_ so zu erscheinen, wenn ich den Versuch mache, die Last
selbst zu heben, und dabei es erlebe, dass mein Selbstgefühl nicht
gesteigert, sondern schmählich zu _Schanden_ wird.
Der Begriff der Überlegenheit ist nach dem oben Gesagten, ebenso wie der
engere Begriff der Schadenfreude, nicht ein entscheidender Begriff der
_Hecker_'schen Theorie. Er soll nur besondere Fälle der Komik
charakterisieren. Sehen wir darum von diesem Begriffe hier ab, und
beachten den oben dargelegten allgemeinen Grundgedanken _Heckers_. Dann
scheint doch ein doppeltes Moment der Kritik standzuhalten. Einmal wird
es dabei bleiben, dass lust- und unlusterzeugende Elemente in die Komik
eingehen. Das Gefühl der Komik wird in gewissem Sinne beide Gefühle in
sich enthalten. Das andere Moment ist der Gegensatz oder Kontrast
zwischen Vorstellungen oder Gedankenelementen. Mag _Hecker_ diesen
Kontrast noch so unzutreffend bezeichnen, der Gedanke, dass ein solcher
Kontrast beim Komischen stattfinden müsse, wird seinen Wert behaupten.
II. KAPITEL. DIE KOMIK UND DAS GEFÜHL DER ÜBERLEGENHEIT.
HOBBES' UND GROOS' THEORIE.
Dagegen ist das gesteigerte Selbstgefühl von anderen in den Mittelpunkt
der Theorie der Komik gestellt worden. Wie schon gesagt, hat bereits
_Hobbes_ dasselbe zur Erklärung der Komik verwendet. _Hobbes_ meint, der
Affekt des Lachens sei nichts, als das plötzlich auftauchende
Selbstgefühl, das sich ergebe aus der Vorstellung einer Überlegenheit
unserer selbst im Vergleich mit der Inferiorität anderer, oder der
Inferiorität, die wir selbst vorher bekundeten. Hierin liegt zugleich, so
viel ich weiss, der zeitlich erste Versuch einer Begründung des _Gefühls_
der Komik. _Aristoteles_ bezeichnet als komisch das unschädliche
Hässliche. Hier fehlt die Antwort auf die Frage, wiefern denn das
Hässliche, das an sich Gegenstand der Unlust ist, vermöge des rein
negativen Momentes seiner Unschädlichkeit die komische Lust oder
Lustigkeit hervorrufen könne. Dagegen scheint die lusterzeugende Wirkung
des Gefühles der Überlegenheit ohne weiteres einleuchtend.
Ich will aber hier nicht an _Hobbes_, sondern an einen Erneuerer der
_Hobbes_'schen Theorie meine weiteren kritischen Bemerkungen anknüpfen.
Ich denke an _Groos'_ Einleitung in die Ästhetik. _Groos_ scheint sich
freilich seines Verhältnisses zu _Hobbes_ nicht bewusst zu sein. Seine
Theorie giebt sich wie eine neue. Indessen dies thut hier nichts zur
Sache.
In welcher Weise _Groos_ zu seiner Theorie gelangt ist, ob auf dem einen
oder dem anderen der eingangs dieser Schrift unterschiedenen Wege, vermag
ich nicht zu entscheiden. _Groos_ beginnt sofort mit der Definition der
Komik, um sie dann zu erörtern und zu begründen. Das Gefühl der Komik ist
für _Groos_ das Gefühl der Überlegenheit über eine Verkehrtheit.
In diesem _Groos_'schen Gefühl der Überlegenheit liegt eine genauere
Bestimmung des _Hecker_'schen gesteigerten Selbstgefühles. Zugleich ist
bei _Groos_ die Forderung eines Gleichgewichtes von Lust und Unlust und
des Wettstreits zwischen beiden Gefühlen weggefallen. An die Stelle tritt
die Forderung, dass nicht Mitleid oder Furcht in den Vordergrund trete,
weil sonst die erheiternde Wirkung notwendig ausbleiben müsste. Dabei
sollen unter dem Mitleid auch die "sanfteren Regungen der Ehrfurcht und
Einschüchterung" begriffen werden.
Gehen wir darauf etwas näher ein. Ich darf von vornherein sagen: Ist es
unzutreffend, dass jedes Gefühl der Überlegenheit, bei dem Lust und
Unlust--nach _Heckers_ Forderung--sich die Wage halten, ein Gefühl der
Komik ist, dann ist es noch unzutreffender, dass jedes Gefühl der
Überlegenheit ein Gefühl der Komik ist, falls das Angenehme dieses
Gefühles nicht durch Furcht oder Mitleid aufgehoben wird. Und ebenso
unzutreffend ist die Umkehrung dieser Annahme, dass bei allem Komischen
ein Gefühl der Überlegenheit über eine Verkehrtheit stattfinde.
Wenn ich das Bewusstsein habe, klüger oder geschickter zu sein, als ein
anderer, so mag es wohl geschehen, dass ich mit dem im Vergleich mit mir
Unklugen oder Ungeschickten Mitleid habe. Dann ist nach _Groos_ die
Bedingung für die Komik nicht gegeben. Aber vielleicht habe ich kein
Mitleid. Der Unkluge oder Ungeschickte beansprucht gar kein Mitleid. Er
müht sich in einer Sache vergeblich und lässt dann die Sache laufen. Oder
es wäre wohl Grund zum Mitleid, aber ich gebe mir nicht die Mühe mich
darauf zu besinnen. Ich bin nun einmal der Selbstbewusste, für den die
"Verkehrtheit" anderer lediglich ein Mittel ist, sich in seiner
Überlegenheit zu sonnen. Ich thue dies also auch in diesem Falle. Wo ist
dann die Komik? Es ist kein Zweifel, dass dieselbe um so sicherer
unterbleibt, je mehr ich meinem Gefühl der Überlegenheit mich hingebe.
GEFÜHL UND GRUND DES GEFÜHLS.
Dass es so sich verhalten muss, zeigt eine einfache Überlegung. Für
_Groos_ soll die _Verkehrtheit komisch_ erscheinen, weil ich mich
_überlegen_ fühle. Das Gefühl meiner Überlegenheit ist für _Groos_
identisch mit dem Gefühl der Komik des Gegenstandes, oder allgemeiner
gesagt, ein auf mich bezogenes Gefühl soll identisch sein mit einem nicht
auf mich, sondern auf ein Objekt bezogenen Gefühl. Dies ist ein
Widerspruch in sich selbst.
Was heisst dies: Ein Gefühl ist für mich auf ein Objekt bezogen? Worin
besteht das _Bewusstsein_ dieses _Bezogenseins_? Gewiss nicht einfach
darin, dass ich ein Objekt und neben ihm oder gleichzeitig mit ihm ein
bestimmtes Gefühl in meinem Bewusstsein vorfinde. Gefühle können mit
Objekten gleichzeitig vorhanden sein und doch nicht auf sie bezogen
erscheinen. Ich stehe etwa vor einem Kunstwerk, und es stört mich etwas
an ihm. Aber ich weiss zunächst nicht, was das Störende ist. Hier ist das
Gefühl des Störenden, d. h. das Gefühl der Unlust für mein Bewusstsein
nicht auf sein Objekt bezogen.
Und wie nun kommt das Bewusstsein der Beziehung des Gefühls auf ein
bestimmtes Objekt zu stande? Jedermann weiss die Antwort. Ich analysiere
den Wahrnehmungskomplex, in dem das Kunstwerk für mich besteht; d. h. ich
richte nach einander auf die verschiedenen Teile, Züge, Momente des
Kunstwerkes meine Aufmerksamkeit, und sehe zu, wann das Unlustgefühl
heraustritt oder sich steigert. Endlich weiss ich, was mich störte. Ich
achtete auf einen bestimmten Zug des Kunstwerkes mit Ausschluss anderer.
Indem ich dies that, und mir zugleich dieses Thuns, d. h. der auf diesen
bestimmten Zug gerichteten Aufmerksamkeit bewusst war, trat das
Unlustgefühl rein oder beherrschend zu Tage. So besteht die bewusste
Beziehung oder das Bewusstsein der Bezogenheit eines Gefühles der Lust
oder Unlust auf ein Objekt immer darin, dass das Gefühl hervortritt,
indem ich das Bewusstsein habe, es sei die Aufmerksamkeit auf eben dieses
Objekt gerichtet.
Neben die eben gestellte Frage stelle ich jetzt die andere, davon
verschiedene: Wie wird ein psychischer Vorgang von uns als _Grund_ eines
Gefühles erkannt? Diese Frage haben wir schon ehemals gestreift. Offenbar
muss die Antwort lauten: Ein psychischer Vorgang ist Grund eines
Gefühles, wenn und sofern die Steigerung dieses Vorganges, oder die
erhöhte Kraft seines Auftretens in uns dies Gefühl steigert oder erst
heraustreten lässt. Es leuchtet ja ein: Ist ein psychischer Vorgang, ein
Vorgang des Empfindens oder Vorstellens etwa, dasjenige, was ein Gefühl
bedingt, oder woran ein Gefühl "haftet", so muss das fragliche Gefühl
sich steigern--oder, was dasselbe sagt, es muss unser Gesamtgefühl die
Färbung dieses Gefühles annehmen--in dem Masse als der bedingende Vorgang
psychisch zur Geltung kommt, Kraft gewinnt, im Zusammenhang des
psychischen Geschehens dominierend hervortritt.
Nun findet dies "Hervortreten" oder Kraftgewinnen eines psychischen
Vorganges statt, wenn wir auf ihn unsere Aufmerksamkeit richten. Und der
_Bewusstseinsthatbestand_, den wir als _Bewusstsein_ des Aufmerkens auf
ein empfundenes oder vorgestelltes Objekt bezeichnen, ist nichts anderes
als die Begleiterscheinung dieses Hervortretens, Kraftgewinnens,
Dominierens des Empfindungs- oder Vorstellungsvorganges. Also können wir
auch sagen: Erscheint in unserem Bewusstsein, oder nach Aussage
desselben, ein Gefühl der Lust oder Unlust auf einen Empfindungs- oder
Vorstellungsinhalt bezogen, so ist in dem entsprechenden Empfindungs-
oder Vorstellungs_vorgang_ zugleich der _Grund_ dieses Gefühles zu
suchen.
ALLERLEI ÄSTHETISCHE THEORIEN.
Diese Einsicht scheint nun eine sehr triviale. Aber dies hindert nicht,
dass damit eine ganze Reihe psychologisch-ästhetischer Theorien endgültig
abgewiesen sind. Ich erwähne etwa die Theorie, die das Wohlgefallen an
Linien auf das Wohlgefallen an bequemen oder leicht zu vollziehenden
Augenbewegungen zurückführt; oder derzufolge Linienschönheit nichts
anderes ist als Annehmlichkeit von Augenbewegungen. Es ergiebt sich aus
Obigem, was dagegen einzuwenden ist: Die Linien, nicht die
Augenbewegungen meine ich, wenn ich die Linien schön finde. Auf jene
nicht auf diese erscheint mein Gefühl der Lust bezogen.
Dies zeigt sich besonders deutlich, wenn ich besondere Fälle annehme. Es
könnte geschehen, dass die Augenbewegungen, vermöge deren ich eine schöne
Linie--wirklich oder angeblich--"verfolge", einmal sehr unbequeme wären.
Die Linie findet sich etwa an einer Wand, so weit oben, dass ich den Kopf
und die Augen stark nach oben wenden muss, um die Linie zu betrachten.
Jetzt sind die Augenbewegungen vielleicht sogar schmerzhaft. Dann ist
doch nicht die Linie für mich hässlich, sondern eben die Augenbewegung
schmerzhaft. Ich verspüre Wohlgefallen "_an_" der Linie, d. h. ich
verspüre Lust, wenn und in dem Masse, als ich auf die Linie achte, und
damit zugleich meine Aufmerksamkeit von der Stellung und Bewegung meiner
Augen _abwende_. Ich verspüre andererseits Unlust "_an_" den
Augenbewegungen, d. h. ich verspüre Unlust, wenn und in dem Masse, als
ich auf die Augenbewegungen achte, und die Linie für eine Zeitlang Linie
sein lasse.
Also habe ich auch den _Grund_ jener Lust in der Linie zu suchen. Wenn
nicht in der sichtbaren Form der Linie, dann in etwas, das für mich in
der Linie oder ihrer Form unmittelbar liegt. Dies wird allerdings
gleichfalls eine Bewegung sein. Aber nicht eine Bewegung meiner Augen,
überhaupt nicht eine Bewegung in oder an mir, sondern eine Bewegung _der_
Linie oder _in_ der Linie selbst, eine Bewegung, die die Linie selbst zu
vollführen, oder vermöge welcher die Linie, dies von mir unterschiedene
und mir frei gegenübertretende Objekt, in jedem Augenblick von neuem
_sich selbst zu erzeugen_ scheint.--Nicht minder liegt der Grund meiner
Unlust in den Augenbewegungen, also _nicht_ in der Linie und dem, was sie
leistet, sondern in mir und dem was ich, diese von der Linie
unterschiedene und sich ihr gegenüberstellende Person, leiste oder zu
leisten jetzt genötigt bin.
Eben dahin gehört die Theorie, welche die Erhabenheit von Objekten
identifiziert mit dem Gefühl meiner Erhabenheit, etwa der Überlegenheit
meines Verstandes. In dieser Theorie liegt gewiss Richtiges. Aber es
fehlt noch die Hauptsache. Das Gefühl meiner Erhabenheit ist an sich
schlechterdings nichts, als das Gefühl meiner Erhabenheit, niemals ein
Gefühl der Erhabenheit eines _Objektes_. Wie überall, so setze ich auch
hier deutlich einander gegenüber: mich und das Objekt. Dieser Gegensatz
ist ja für uns der allerfundamentalste. Es ist der Gegensatz der
Gegensätze. Es ist damit hier wie überall absolut ausgeschlossen, dass
ich mich mit dem Objekt, das ich anschaue, verwechsele oder dem Objekte
zurechne, was mir zugehört, dass ich also auch ein Gefühl auf das Objekt
bezogen glaube, das nach Aussage meines unmittelbaren Bewusstseins auf
mich bezogen ist.
Erst wenn ich, durch das "erhabene" Objekt selbst genötigt,--nicht meine
gegenwärtige Erhabenheit, aber eine Erhabenheit, wie ich sie in mir
finden _kann_, also eine mögliche Erhabenheit menschlichen Wesens--und
eine andere Erhabenheit giebt es für uns nicht--in das Objekt _hinein
verlege_, und in ihm, als etwas ihm Zugehörigen, _wiederfinde_, oder
besser gesagt, wenn ich im Objekte, als ihm zuhörig, die persönlichen
Regungen, inneren Verhaltungsweisen, Wollungen wiederfinde, die das
Gefühl der Erhabenheit begründen, wenn mir also diese Regungen in dem
Objekte als etwas von mir Verschiedenes, "Objektives", gegenübertreten,
kann das Objekt für mich zu einem erhabenen werden, oder kann mein Gefühl
der Erhabenheit mir auf dies Objekt bezogen erscheinen. Und umgekehrt,
erscheint das Gefühl auf das Objekt bezogen, erscheint also das Objekt
mir erhaben, so liegt darin der Beweis, dass das Objekt diesen Grund des
Erhabenheitsgefühles in sich selbst trägt, dass nicht mein Erhabensein,
sondern der erhebende Sinn und Inhalt des Objektes das Gefühl
bedingt.--Dass, nebenbei bemerkt, diese Erhabenheit des Objektes keine
Erhabenheit des Verstandes sein kann, leuchtet ein. Unser
Anthropomorphisieren ist kein Objektivieren unseres Verstandes, sondern
unseres Willens.
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