Komik und Humor
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Theodor Lipps >> Komik und Humor
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Andererseits könnte ein Kunstwerk, nicht überhaupt, sondern als solches,
auch noch einen anderen als den ästhetischen Wert haben. Und es könnte
speciell sein "_Kunstwert_" in einem solchen von "ästhetischen" Werten
prinzipiell verschiedenen Werte bestehen.
Dann ist unsere Frage eine doppelte. Sie lautet einmal: Was macht den
Wert des Kunstwerkes? und zum anderen: Was macht seinen ästhetischen
Wert?
Zunächst fragen wir: Worin besteht der Sinn des Wortes "Kunst"? Darauf
sind verschiedene Antworten möglich. Etwa: "Kunst" kommt von "Können".
Kunst ist also jedes Können u. s. w.
Indessen der Sprachgebrauch unterscheidet auch deutlich zwischen "Kunst"
und "Kunst". Es giebt eine "Kunst", von der die Kunstgeschichte
berichtet, die denjenigen, der sie treibt, zum Künstler, nicht zum
blossen Handwerker oder "Artisten" stempelt. Diese Kunst ist es, deren
Erzeugnisse ästhetischen Wert und "Kunstwert" besitzen.
Um nun den Sinn dieser "Kunst" festzustellen, giebt es soviel ich sehe,
nur einen Weg. Wir müssen fragen, welche Arten derselben vorliegen; was
für Erzeugnisse der menschlichen Thätigkeit nach jedermanns Meinung, in
jenem eben angedeuteten engeren oder höheren Sinne des Wortes,
_Kunstwerke_ sind.
Diese Frage aber beantworten wir, indem wir uns erinnern, dass
beispielsweise die Poesie, die Malerei, die Plastik, die Architektur, die
Musik allgemein als solche Künste bezeichnet werden. Die Frage lautet
also: Was haben diese Künste Gemeinsames? Dies Gemeinsame muss den
allgemeinen Sinn des Wortes "Kunst" ausmachen.
ERKENNTNISWERT UND ÄSTHETISCHER WERT.
Ich habe oben vom ästhetischen Wert die Nützlichkeitswerte, im weiteren
Sinne dieses Wortes, unterschieden. In verschiedenen solchen
Nützlichkeitswerten könnte der Sinn der Kunst gefunden werden. Ich
schliesse hier gleich diejenigen aus, die niemand mit dem Werte, den das
Kunstwerk, eben als Kunstwerk hat, oder kurz: mit dem _künstlerischen_
Werte des Kunstwerkes verwechselt: etwa den Kaufwert eines Gemäldes, oder
den zufälligen Affektionswert, oder den Wert als kunsthistorisches
Dokument, oder endlich den praktischen Wert, wie ihn etwa die Musik, als
kriegerische Musik, besitzt.
Dann bleiben noch übrig allerlei Erkenntniswerte oder durch Erkenntnis
vermittelte Werte. Hiermit habe ich schon einen Unterschied angedeutet,
den wir festhalten wollen. Es bestehen offenbar die beiden Möglichkeiten:
Das Kunstwerk kann seinen Wert haben, weil es Erkenntnis vermittelt; oder
dieser Wert beruht darauf, dass uns das Kunstwerk das Dasein eines
_Wertvollen_ ausser ihm selbst erkennen lässt. Im ersteren Falle wäre der
Wert des Kunstwerkes der Wert einer Erkenntnis, die Wertschätzung des
Kunstwerkes Freude an einem Erkennen als solchem, an einem Wissen, an
einer Einsicht. Im letzteren Falle dagegen wäre der Wert des Kunstwerkes
der Wert dessen, was wir aus der Betrachtung desselben erkennen, die
Wertschätzung des Kunstwerkes wäre die Freude--nicht an einem Erkennen,
sondern an einem, durch Hilfe des Kunstwerkes _erkannten_ Objekte oder
Thatbestande.
Achten wir zunächst auf die erstere Möglichkeit. Man sagt etwa, das
dramatische Kunstwerk "zeige" uns, wie es in der Welt zugehe, was es um
Menschen, Menschenleben und Menschenschicksal für eine Sache sei.
Hier erhebt sich sofort ein Bedenken. Über die Wirklichkeit Aufschluss
geben können uns doch nur Thatsachen, die der Wirklichkeit angehören,
oder von denen wir wissen, dass sie mit der Wirklichkeit übereinstimmen.
Die erdichteten Charaktere und Schicksale des dramatischen Kunstwerkes
insbesondere müssen von uns als der Wirklichkeit gemäss erkannt sein,
wenn sie als über die Wirklichkeit belehrend von uns anerkannt werden,
wenn wir also aus ihnen Belehrung schöpfen sollen. Ist dies nicht der
Fall, fehlt uns der Eindruck der Wirklichkeitsgemässheit, so sehen wir in
ihnen eben willkürliche Erzeugnisse der dichterischen Phantasie, die mit
der Wirklichkeit nichts zu thun haben. Diesen Eindruck der
Wirklichkeitsgemässheit können wir aber nur gewinnen, wenn wir bereits
wissen, wie es um die Wirklichkeit bestellt ist.
Indessen so meint man die Sache nicht. Wir sollen nicht über das, von dem
wir vorher keine Kenntnis haben, im Kunstwerk belehrt werden; sondern es
soll uns, was wir schon wissen, "gezeigt", vor Augen gestellt, zur
Anschauung gebracht werden. Unser wissenschaftliches Wissen ist ein
allgemeines, abstraktes, in allgemeine Begriffe und Regeln gefasstes. Im
Kunstwerk dagegen tritt uns an Stelle der Regel der bestimmte einzelne
Fall entgegen, nicht ein beliebiger, sondern ein typischer oder
charakteristischer, bei dem zugleich allerlei weggelassen ist, was nicht
zur Sache gehört. Das Kunstwerk zeigt uns unser Wissen, in dem einen
Falle in eigentümlicher Weise _verdichtet_, so das wir daraus unmittelbar
und zugleich in besonderer Reinheit, Klarheit, Einfachheit das
Wesentliche bestimmter Thatsachen und Verhältnisse der Wirklichkeit
wiedererkennen.
Solches Wiedererkennen hat zweifellos Wert. Es freut uns, wenn wir an
einem Exemplar einer Gattung, etwa an einer Pflanze, die Eigentümlichkeit
der Gattung besonders leicht und unmittelbar wiedererkennen. Es freut uns
das Experiment, das uns ein physikalisches Gesetz in besonders
unmittelbar anschaulicher Weise vergegenwärtigt. Gleichartig wäre die
Freude an jenem Wiedererkennen der Gesetze oder der allgemeinen Weisen
des Geschehens in der Menschenwelt, wenn uns in einem dramatischen
Kunstwerk ein besonders klarer und einleuchtender Fall desselben
vorgeführt wird.
Aber wenn uns nun auch die _Dramatik_ die Freude solchen Wiedererkennens
oder solcher anschaulichen Auffassung der bekannten Wirklichkeit
verschaffen kann, wie ist es in diesem Punkte mit der Musik bestellt?
Es ist klar: Was die Musik giebt, ist völlig anderer Art. Die Musik
schliesst unmittelbar in sich Weisen der Bewegung, ein Jubeln, ein
Klagen, ein sehnsuchtsvolles Verlangen, rasches Stürmen, sanftes Gleiten.
Alles dies erleben wir in uns, wenn wir die Musik hörend uns zu eigen
machen. Dies Erleben ist beglückend. Was wir so unmittelbar erleben,
macht den Wert des musikalischen Kunstwerkes.
Hierauf kann man erwidern: Musik sei eben nicht Dramatik. Kein Wunder,
wenn beide Verschiedenes leisten.
Aber man vergesse nicht, was hier in Frage steht. Es ist der Sinn der
"Kunst". Was will die menschliche Thätigkeit, die man mit diesem Namen
bezeichnet? Zweifellos sind die Künste von einander verschieden. Und
demgemäss ist von vornherein klar, dass sie Verschiedenes wollen müssen.
Die Dramatik will dies, die Bildnerei jenes, die Musik ein Drittes. Aber
ich frage hier nicht: Was will die Dramatik als Dramatik, die Bildnerei
als Bildnerei, die Musik als Musik; sondern: Was wollen sie alle, als
Beispiele des einen Begriffes der "_Kunst_". Welches Eigenartige an allen
diesen Künsten macht sie dazu? Was charakterisiert sie als Arten der
Kunst? Was berechtigt sie alle diesen selben Namen zu tragen? Wie die
Künste, so wollen auch die Wissenschaften Verschiedenes. Dennoch erkennt
jedermann das Recht der Frage an: Was Wissenschaft überhaupt wolle. Das
gleiche Recht muss die Frage haben, was die Kunst überhaupt wolle.
Auf diese Frage haben wir nun einstweilen die negative Antwort gewonnen:
Es ist unmöglich, dass der spezifische Sinn der "Kunst" darin bestehe,
ein "Wiedererkennen" der bezeichneten Art zu ermöglichen oder die Freude
eines solchen Wiedererkennens zu gewähren. Es ist unmöglich, dass die
Kunst als solche die Aufgabe habe uns eine einfachere, leichtere, klarere
Auffassung von Dingen oder Vorgängen der Wirklichkeit zu verschaffen.
Oder dürfen wir nicht Wissenschaft und Kunst, so wie wir soeben thaten,
in Parallele stellen? Ist zwar die Wissenschaft einheitlich, und auf das
gleiche Ziel gerichtet, Kunst aber ein Sammelname für Heterogenes?
Dann beachte man, wie heterogen unter solcher Voraussetzung die Künste im
Vergleich miteinander sein müssten. Jenes Wiedererkennen, jene einfache,
klare, leichte Auffassung ist ein intellektueller Vorgang, ein Akt des
Verstandes, die Freude daran intellektuelle Freude. Solche Freude zu
gewähren soll der eigentliche Sinn und Zweck gewisser Künste sein,
während andere ihrer Natur nach bestimmt sind, eine völlig andere Seite
unseres Wesens in Thätigkeit zu setzen.
Fassen wir diesen Gegensatz in seiner vollen Schärfe. Es giebt _einen
fundamentalsten_ Gegensatz des psychischen Geschehens oder des
"Vorstellungsablaufes". Dieser Gegensatz ist kein anderer als der
Gegensatz des logischen Verhaltens, des Intellektes, der
Verstandesthätigkeit einerseits, und jeder sonstigen Weise der
psychischen Thätigkeit andererseits. In unserem logischen Verhalten,
unserem Denken und Erkennen, ist der Vorstellungsverlauf objektiv
bedingt, das heisst: er ist bedingt und einzig bedingt durch die Weise
der Objekte unseres Bewusstseins, ohne unser Zuthun, als diese bestimmten
Objekte in uns aufzutreten und in dieser bestimmten Weise miteinander
verbunden zu sein. Er ist objektiv bedingt, das heisst: wir, unser ganzes
Wesen, verhält sich zur Beschaffenheit der Bewusstseinsobjekte und der
Weise ihrer Verbindung passiv oder gleichgültig. Unsere Neigungen und
Wünsche, dass etwas so oder so sei, sind in solchem Vorstellungsverlauf
ausser Wirkung gesetzt. Es giebt innerhalb desselben nur ein Interesse,
nämlich das Interesse, ohne alles Interesse an der _Beschaffenheit_ des
Vorgestellten und der Weise seiner Verbindung lediglich den Forderungen
zu genügen, die die Objekte des Bewusstseins an uns stellen, oder
lediglich der "objektiven Nötigung" zu gehorchen, der wir unterliegen,
wenn wir jede Reaktion unseres Wesens dem Inhalte der Objekte und der
Weise ihrer Verbindung gegenüber unterlassen.
Diesem objektiv bedingten Vorstellungsverlauf oder inneren Verhalten
steht gegenüber das subjektiv bedingte, von dem das völlige Gegenteil
gilt. Der Vorstellungsverlauf ist subjektiv bedingt, das heisst: es kommt
darin eben die Anteilnahme unserer Persönlichkeit oder die "Reaktion"
unseres Wesens auf den Inhalt des Vorgestellten und die Beschaffenheit
der Vorstellungszusammenhänge zur Aussprache. Es giebt sich darin kund,
was das Vorgestellte für uns, so wie wir einmal sind, bedeutet, ob seine
Beschaffenheit mit unserem Wesen einstimmig ist, oder ihm widerstreitet,
ihm zusagt oder widerstrebt, ob sie uns erfreut, erhöht, ausweitet, oder
in uns Unlust weckt, uns niederdrückt, uns einengt.--Es ist, nebenbei
bemerkt, eine gar nicht selbstverständliche, sondern höchst merkwürdige
Thatsache, dass diese beiden Weisen psychischer Bethätigung nicht nur
nebeneinander existieren, sondern vollkommen unabhängig voneinander sich
vollziehen können, dass wir also das eine Mal logisch oder erkennend
thätig sein, das heisst unseren Wünschen, oder der Reaktion unseres
Wesens auf die Beschaffenheit des Vorgestellten den Einfluss auf den
Vorstellungsverlauf verbieten, das andere Mal dagegen eben diesen
Reaktionen unseres Wesens uns überlassen können. Es ist eine merkwürdige
Sache um diese wechselseitige Selbständigkeit von "Verstand" und "Gemüt".
Und in diese verschiedenen psychischen Lebensgebiete nun sollen die
"Künste" sich teilen. Gewisse Künste sollen an den "Verstand", andere an
das "Gemüt" sich wenden. Bei einigen soll die Frage lauten: Was oder wie
ist dies, bei anderen: Wie vermag mich dies innerlich anzumuten. Offenbar
gehörten jene Künste demselben Lebensgebiete an, dem die Wissenschaft
angehört, diese dem Gebiete des psychischen Lebens, das für die
Wissenschaft ihrer Natur nach nicht besteht und nicht bestehen darf.
Angenommen, das Wort Kunst hätte in der That unserem Sprachgebrauch
zufolge diese grundsätzlich verschiedene Bedeutung, so müssten wir, da
doch Begriffe im wissenschaftlichen Zusammenhange nicht völlig
Heterogenes vereinigen sollen, uns entschliessen von jetzt an nur noch
die eine Gruppe von Künsten mit diesem Namen zu bezeichnen. Und zwar
müsste dies die Gruppe sein, der die Musik angehört. Die andere könnte
dann etwa unter dem Namen "Künste der Belustigung des Verstandes und
Witzes" zusammengefasst werden.
Indessen diese Scheidung ist nicht erforderlich. Wir dürfen von
vornherein annehmen, dass diejenigen, die den Wert der Werke gewisser
Künste, etwa der Dramatik oder der Malerei oder der Plastik, darein
setzen, dass sie uns etwas wiedererkennen lassen, uns etwas zeigen, uns
Rätsel lösen, in die Wirklichkeit oder das Leben einen Einblick gewähren,
uns von Thatsächlichem Verständnis schaffen, uns eine leichte, sichere,
anschauliche Auffassung desselben ermöglichen, oder wie die Wendungen
sonst lauten mögen,--dass sie alle im Grunde nicht meinen, was sie sagen,
oder dass sie bei dem, was sie sagen, Anderes stillschweigend
voraussetzen, oder ihnen selbst unbewusst mit einschließen.
Und es ist leicht zu sehen, was dies sein muss. Zweifellos hat ja die
dramatische Kunst,--um speciell bei dieser zu bleiben--die Absicht uns
durch Vorführung charakteristischer Fälle zu zeigen, was es um
Menschendasein und Menschenschicksal für eine Sache ist. Aber damit ist
nicht gesagt, dass hierin ihre Endabsicht besteht. Wer mir dergleichen
"zeigt", kann ja gar nicht umhin--da ich doch nun einmal auch Mensch
bin--mir zugleich den entsprechenden Eindruck zu schaffen. Und zeigt er
mir's in der Weise, wie es die Dramatik thut, dann heisst dies: Ich lebe
in ganz eigenartig eindrucksvoller Weise das Menschendasein und
Menschenschicksal mit. Meine Persönlichkeit,--nicht mein die Thatsachen
nur einfach hinnehmender Verstand,--findet darin ihre eigenen
Lebensmöglichkeiten, Lebensbedürfnisse, Lebensantriebe verwirklicht.
Fassen wir die Sache so, dann verstehen wir, warum die Dramatik mir Leben
"zeigt", mir einen "Blick" in dasselbe gewährt, mich dasselbe leicht,
sicher, anschaulich "auffassen" lässt; und wiefern sie dies, als Gattung
der "Kunst", notwendig thut. Das Leben, das ich mitleben soll, muss eben
doch für mich da sein. Es kann aber für mich im Kunstwerk da sein, nur
soweit ich in demjenigen, was das Kunstwerk meinen Sinnen bietet, ein mir
bekanntes, nämlich aus der Wirklichkeit bekanntes Leben "wiedererkenne".
Ich muss die Sprache des Kunstwerkes "verstehen", wenn es überhaupt für
mich eine Sprache reden soll. Und je tiefer das Kunstwerk in das mir
bekannte Leben greift, und mich einen "Blick" in dies Leben und seine
"Rätsel" thun lässt, desto tiefer geht auch mein Miterleben.
Andererseits, je leichter, klarer, unmittelbarer dies Leben von mir aus
dem Kunstwerk herausgelesen werden kann, umso sicherer und reiner kann
mein Miterleben geschehen.
So besteht also der allgemeine Sinn der Kunst, mag sie nun Musik oder
Dramatik oder sonstwie heissen, darin, dass ich--nicht an einer
Verstandeseinsicht oder Bethätigung des Intellektes, sondern an der
Bethätigung meiner zu innerem Anteil fähigen Persönlichkeit reicher
werde. Nur verwendet dazu natürlich jede Kunst die Mittel, die sie hat.
Die Musik hat aber dazu nun einmal die Töne, die Dramatik das Mittel
einzelne Gestalten und Erlebnisse uns "schauen" zu lassen.
Und damit ist zugleich das Allgemeinere gesagt, dass der Wert des
Kunstwerkes nicht das eine Mal in etwas besteht, wozu uns das Kunstwerk
Gelegenheit giebt, oder wozu es dienlich ist, das andere Mal in einem dem
Kunstwerk selbst Angehörigen, sondern dass derselbe in jedem Falle der
letzteren Art, also Eigenwert des Kunstwerkes ist. Solcher Eigenwert ist
ja der Wert des der Musik verwirklichten und ebenso der Wert des im Drama
von uns "wiedererkannten" Lebens. Dagegen wäre der Wert unseres
Wiedererkennens, unserer klaren, einfachen Auffassung etc. nicht ein dem
Kunstwerke selbst eigener, nicht ein unmittelbar in ihm liegender.
"VERSTÄNDNIS" DES KUNSTWERKES.
Wir müssen nun aber diesen Sachverhalt noch nach anderer Richtung hin
feststellen. Ich gelangte zu demselben, indem ich nach dem spezifischen
Sinne des alle Künste umfassenden Wortes "Kunst" fragte. Man könnte nun
sagen; Es giebt auch eine Befriedigung des _Verstandes_, die allen
Künsten gemeinsam ist. Nämlich die Befriedigung aus der Erkenntnis der
Weise, wie "es" gemacht wird oder gemacht ist, aus der Einsicht in die
künstlerische Thätigkeit oder Leistung, wie sie im Kunstwerk offenbar
wird, aus dem "Verständnis" des Kunstwerkes in diesem Sinne.
Auch solche Wendungen sind wiederum nicht eindeutig. Dreierlei sogar kann
damit gemeint sein. Zunächst dasjenige, was damit unmittelbar gemeint
_scheint_: Ich freue mich über meine Einsicht als solche, aber die
Thatsache, dass ich verstehe, wie das Kunstwerk dazu kommt, als dies
Kunstwerk dazusein, wie die Bedingungen des vorliegenden künstlerischen
Ergebnisses zu eben diesem Ergebnisse zusammengewirkt haben oder
zusammenwirken.
Dann ist zu bemerken, dass die Einsicht in die _Unfähigkeit_ des
Künstlers, in die _Vergeblichkeit_ seiner Bemühungen, in die
_Zweckwidrigkeit_ der von ihm aufgewendeten Mittel, genau ebensogut
"_Einsicht_" ist, wie die Einsicht von entgegengesetztem Inhalte. Und
jene Einsicht kann eine ebenso klare und sichere, also vom rein
intellektuellen Standpunkt ebenso befriedigende Einsicht sein. Wird man
nun sagen, ein Kunstwerk habe, als Kunstwerk, Wert, auch wenn es nur die
Möglichkeit einer _solchen_ Einsicht, oder eines _solchen_ Verständnisses
gewährt, wenn ich aus ihm möglichst deutlich ersehe, welchen Bedingungen
es seine Leerheit und Mangelhaftigkeit verdankt, und wiefern aus diesen
Bedingungen nur eben dies Ergebnis entstehen konnte. Zweifellos hat
dieses Verständnis _Wert_. Aber es ist darum nicht Verständnis eines
wertvollen, sondern eines wertlosen "Kunstwerkes". Nichts Schlechtes in
der Welt wird dadurch gut, dass ich verstehe, oder einsehe warum es nicht
besser ist.
Zweitens kann die Meinung diese sein: Ein Kunstwerk hat Wert in dem
Masse, als darin das Vermögen des Künstlers, irgendwelche, gleichgültig
ob sinnvolle oder widersinnige Absicht zu verwirklichen, sich kund giebt.
Offenbar stehen wir hiermit schon an einem völlig anderen Standpunkte.
Die Befriedigung ist jetzt nicht mehr eine solche des Verstandes. Wir
sollen im Kunstwerk die Geschicklichkeit oder die Begabung des Künstlers
erkennen. Aber indem wir sie erkennen, ist sie für uns da. Wir freuen uns
nicht mehr darüber, dass wir erkennen, sondern wir freuen uns über das
_Erkannte_. Die Geschicklichkeit des Künstlers, oder allgemeiner gesagt,
der Künstler, ist Gegenstand unserer Freude. Der Wert des Kunstwerkes ist
der Wert des künstlerischen Könnens, das wir aus dem Kunstwerke
erschliessen.
Dagegen könnte zunächst eingewandt werden, dass wir uns doch sonst über
eine auf Wertloses oder Widersinniges verwendete Geschicklichkeit nicht
zu freuen, sondern sie zu beklagen pflegen. Wir nennen denjenigen, der
seine Geschicklichkeit so missbraucht, einen Narren. Das Erste, was wir
vom Menschen fordern, also doch auch wohl vom Künstler fordern dürfen,
ist, dass er Sinnvolles wolle, sich vernünftige Zwecke setze.
Es kommt aber hinzu, dass wir in den allerwenigsten Fällen von den
Absichten eines Künstlers eine genaue Kenntnis haben können. Angenommen,
ein Stümper behauptete, er habe in jedem seiner Werke genau das
beabsichtigt, was darin erreicht sei, und wir könnten ihm nicht das
Gegenteil beweisen; dann müssten wir der hier vorausgesetzten Theorie
zufolge seine Werke sämtlich für vollendete Kunstwerke ansehen. Dann wer
genau das erreicht, was er beabsichtigt, zeigt jederzeit, dass er zur
Erreichung seiner Absicht vollkommen "geschickt" ist. Oder, müssen wir in
einem Falle zweifeln, ob ein "Kunstwerk" dem Ungeschick sein Dasein
verdankt, oder genau so gemeint ist, wie wir es vor uns sehen, so müssen
wir ebendamit zugleich zweifeln, ob es ein grosses Kunstwerk oder das
völlige Gegenteil davon sei. Vielleicht neigen wir erst zur ersteren
Ansicht; dann sagen wir: das ist eine Stümperei. Nachher scheint uns die
letztere Ansicht die glaubhaftere; dann brechen wir in Kunstbegeisterung
aus.
Aber auch dies ist nicht die Meinung der Theorie, die den Wert des
Kunstwerkes auf das künstlerische "Können" zurückführt. Mit diesem
künstlerischen Können ist eben das _künstlerische_ Können gemeint, d. h.
das Können, das auf künstlerische Absichten gerichtet ist. Dann hängt
alles an der Frage: Was sind "künstlerische" Absichten.
Gewiss nun sind dies nicht solche Absichten, die zu irgend einer Zeit ein
"Künstler" hat. Ein Künstler kann allerlei Absichten haben, z. B. Essen
und Schlafen. Er kann auch in seiner Kunst die Absicht haben, von sich
reden zu machen, zu verblüffen, oder um jeden Preis Geld zu erwerben.
Sondern künstlerische Absichten sind solche, die ein Künstler _als
Künstler_ hat. Einem Künstler, so sagt man mit vollem Rechte, ist in
seiner Kunst alles erlaubt. Noch mehr: Alles was ein Künstler will und
thut, hat ebendamit absoluten künstlerischen Wert. Aber wann ist ein
Künstler ein Künstler? In welchem Wollen und Thun stellt er sich als
Künstler dar?
Damit sind wir wiederum angelangt bei unserer ersten Frage. Was macht den
specifischen Sinn des Wortes "Kunst" aus? Wir sahen: Kunst ist gerichtet
auf Erzeugung eines in sich selbst Wertvollen. Das Kunstwerk schliesst in
sich selbst etwas, das, wenn wir es in uns aufnehmen, unsere, der
Anteilnahme an vorgestellten Inhalten fähige Persönlichkeit, oder, wie
ich statt dessen auch kurz sagte, das unser "Gemüt" bereichert, erweitet,
erhöht. Ein solches in sich selbst Wertvolles wird also notwendig der
Inhalt der künstlerischen Absicht sein, ein solches will der Künstler,
als Künstler. Und das Kunstwerk hat Wert, wenn wir daraus ersehen, der
Künstler habe eine solche Absicht gehabt, und zugleich die Fähigkeit
besessen, dieselbe zu verwirklichen.
Was nun aber heisst dies anders als: Das Kunstwerk hat Wert, wenn es in
sich selbst einen wertvollen Inhalt trägt. Die Verwirklichung der
künstlerischen Absicht, so wie sie in einem Kunstwerke vorliegt, das ist
doch eben das Kunstwerk. Sie ist, sofern die künstlerische Absicht auf
einen an sich wertvollen, oder positive Anteilnahme hervorrufenden Inhalt
gerichtet ist, das im Kunstwerke enthaltene Wertvolle oder positive
Anteilnahme Erzeugende. Und: das _Können_ des Künstlers ist im Kunstwerke
oder spricht sich darin aus, dies heisst nichts anderes als: Dies
Wertvolle ist nicht bloss der Absicht nach, sondern wirklich da.
Vielleicht kann der Künstler auch sonst noch allerlei. Aber das Können,
das in einem bestimmten Kunstwerk vorliegt, kann nun und nimmer etwas
anderes sein, als genau das, was dies bestimmte Kunstwerk dem Beschauer,
der es in allen seinen Teilen und Zügen auffasst, bietet.
Natürlich ist dieser Inhalt des Kunstwerkes dann auch in gleicher Weise
für mich da, wenn ich an den Künstler und seine Bemühungen, für die dabei
aufgewendete Kunst gar nicht denke, sondern nur dem Kunstwerk als
solchem, oder als wäre es vom Himmel gefallen, mich hingebe.
Dies weist nun auf zwei mögliche Standpunkte der Betrachtung. Der eine
nimmt das Kunstwerk thatsächlich wie ein Geschenk des Himmels. Der andere
erinnert sich, dass es nicht daher stammt, sondern einem Künstler und
seinem Wollen und Können sein Dasein verdankt. Jener Standpunkt ist der
rein ästhetische, dieser der Standpunkt des ästhetischen Theoretikers
oder des naturgemäss am künstlerischen Thun interessierten Künstlers.
Aber beide Standpunkte betrachten doch nur dieselbe Sache von
verschiedenen Seiten. Und sie ergeben demgemäss keine verschiedene
Beurteilung des Kunstwerkes und seines Wertes. Ich kann nicht dem
_künstlerischen_ Können und Thun, so wie es in einem bestimmten Kunstwerk
steckt oder sich kund giebt, Wert beimessen, ohne eben damit dem
_Kunstwerke_ einen _gleichartigen_ Wert beizumessen. Es kommt nur in
jenem Falle hinzu, dass ich mein Wertbewusstsein zugleich auf den
Künstler übertrage, oder ihn, als Ursache des Wertvollen, das ich vor mir
sehe, in meine Wertschätzung mit einbeziehe.
Nicht anders verhält es sich mit allerlei verwandten Wendungen. Wir
bewundern, so sagt man, im Kunstwerk die Phantasie, die schöpferische
Kraft, die Individualität des Künstlers. Von allem dem kann uns aber
wiederum das Kunstwerk nur Kunde geben, sofern es im Kunstwerk realisiert
ist. Die Phantasie des Künstlers, die uns im Kunstwerk entgegentritt, und
uns erfreut, das sind die im Kunstwerk verwirklichten Gestalten seiner
Phantasie; der Reichtum dieser Phantasie ist der Reichtum des Inhaltes
des Kunstwerkes. Ebenso ist die Individualität des Künstlers, wie sie im
Kunstwerk sich zeigt, die Individualität, der Charakter, die in sich
einstimmige und geschlossene Eigenart des Kunstwerkes. Und auch hier
können wir sagen: Der Künstler mag im übrigen noch so viel Phantasie und
eine noch so ausgeprägte Individualität haben, solange und soweit diese
Phantasie oder diese Individualität nicht im Kunstwerk, als Inhalt oder
Moment desselben, uns entgegentritt, besteht sie nicht für die
Betrachtung des Kunstwerkes. Finden wir aber die Phantasie und
Individualität im Kunstwerk, so finden wir sie da auch, und haben den
Eindruck ihres Wertes, wenn wir den Gedanken an den Künstler völlig zur
Seite lassen.
Nicht als hätte dieser Gedanke nicht seinen Wert. Es ist eine schöne
Sache, nicht nur, dass ein Kunstwerk so phantasievoll und charaktervoll
ist, wie es ist, sondern auch, dass es Menschen giebt, die vermöge ihrer
Phantasie und ihres Charakters so Phantasie- und Charaktervolles wollen
und vollbringen können. Aber beide Werte sind in ihrer Wurzel nur einer.
Der Künstler hat für uns Wert als derjenige, der--nicht irgend etwas,
sondern dies Wertvolle wollte und vollbrachte. Es wird also auch hier nur
derselbe Wert von zwei verschiedenen Seiten betrachtet.
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