Komik und Humor
T >>
Theodor Lipps >> Komik und Humor
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9 |
10 |
11 |
12 |
13 |
14 |
15 |
16 |
17 |
18 |
19 |
20 | 21 |
22 |
23 |
24 |
25 |
26
So führt uns jede Überlegung darauf zurück, dass Wert des Kunstwerkes
eben Wert des Kunstwerkes ist, und nicht Wert von irgend etwas ausser
ihm, zu dem das Kunstwerk Gelegenheit giebt oder dient, oder dessen
Dasein wir aus dem Kunstwerk erschliessen.
"KUNSTWERT".
Schliesslich komme ich noch einmal zurück auf die oben als möglich
bezeichnete Unterscheidung des "_Kunstwertes_" von dem ästhetischen Werte
des Kunstwerkes. Auch die schöne Landschaft, der wir in der Wirklichkeit
begegnen, hat ästhetischen Wert. Aber sie hat keinen Kunstwert. Die
gemalte Landschaft dagegen hat Kunstwert. Was heisst dies?
Zunächst einfach dies, dass die wirkliche Landschaft keine gemalte, also
kein Kunsterzeugnis ist, dass mithin ihr ästhetischer Wert nicht der Wert
eines Kunstwerkes sein kann. Mit anderen Worten; Wir nennen Kunstwert den
ästhetischen Wert des _Kunstwerkes_.
Dies erfordert doch noch eine genauere Bestimmung. Die gemalte Landschaft
ist auch ästhetisch nicht dieselbe wie ihr wirkliches Vorbild. Nehmen wir
auch an, der Künstler ändere die Motive, die Beleuchtung, den ganzen
Inhalt und Charakter der wirklichen Landschaft nicht, sondern gebe alles
völlig genau wieder. Dann giebt er es doch eben wieder, und zwar mit
künstlerischen Mitteln. Er überträgt z. B. die Landschaft auf eine
Fläche, hält sie in bestimmtem Massstabe, giebt ihr bestimmte Grenzen.
Alles dies sind Elemente der künstlerischen Form, die der Künstler zum
Objekte der Wirklichkeit, und den an ihm vorgefundenen und von ihm
übernommenen Formelementen hinzufügt. Es sind Mittel, durch die eine
specifische Weise der ästhetischen Anschauung ermöglicht und
herbeigeführt wird, eine solche, wie sie keinem Naturobjekte gegenüber
möglich ist. Und durch alle diese Formelemente oder Kunstmittel wird der
wertvolle Inhalt des Kunstwerkes oder sein Wertinhalt im Vergleich mit
dem ästhetischen Wertinhalte des Naturobjektes ein anderer und
eigenartiger. So muss es sein, wenn die fraglichen Formelemente wirklich
künstlerische, die Kunstmittel wirklich Kunstmittel sein sollen. Es giebt
kein künstlerisches Formelement, das nicht, als solches, zur Eigenart des
künstlerischen Inhaltes etwas beitrage, so wie es keinen künstlerischen,
das heisst im Kunstwerk wirklich vorhandenen Inhalt giebt, der nicht an
eine Form gebunden wäre. Auch Form und Inhalt beim Kunstwerke verhalten
sich wie verschiedene Seiten _Desselben_. Künstlerische Form ist alles im
Kunstwerke, das macht, dass ein ästhetisch unmittelbar Wirksames für uns
im Kunstwerke da ist, und so wirkt, wie es wirkt. Und Inhalt des
Kunstwerkes ist eben dies im Kunstwerk für uns unmittelbar Vorhandene und
Wirksame selbst, soweit es in ihm vorhanden und wirksam ist. Was anders
wirkt, ist eben damit ein anderes Wirksames, also ein anderer Inhalt des
Kunstwerkes. So hat es keinen Sinn zu fragen, ob ein Kunstwerk durch die
Form oder den Inhalt wirke, weil keines ohne das andere möglich, oder
jede Wirkung notwendig eine Wirkung von beidem ist.
Dasjenige nun, was der Künstler durch die _specifisch_ künstlerischen,
ich meine die am Naturobjekte nicht vorgefundenen Formelemente zum
Wertinhalte des Kunstwerkes hinzugefügt, kann man als spezifischen
"Kunstwert", im Gegensatz zu dem ästhetischen Werte, der auch dem
Naturobjekte als solchem eignet, bezeichnen. Es ist nach dem Gesagtem
dasselbe, wenn ich diesen Kunstwert als den Wert jener spezifisch
künstlerischen _Formelemente_ bezeichne, da diese ihren künstlerischen
Wert nicht als leere Formen, sondern als inhaltvolle und den Inhalt
bestimmende Formen besitzen.
Damit ist dann aber zugleich gesagt, dass solcher "Kunstwert" nicht etwas
vom ästhetischen Werte, der auch schon dem Naturobjekte zukommt, der Art
nach Verschiedenes ist. Er ist vielmehr eine diesen Wert steigernde,
reinigende, konzentrierende Modifikation desselben. Der in solcher Weise
modifizierte ästhetische Wert des Naturobjektes, das ist der
schliessliche gesamte _ästhetische Wert_ des Erzeugnisses der
Kunst,--soweit nämlich dasselbe Naturobjekte zum Vorbilde hat.
Freilich ist nun das, was ich hier über den spezifischen Kunstwert sagte,
ebenso wie das, was vorhin über die ästhetische Bedeutung der
künstlerischen Absichten, des künstlerischen Könnens, der künstlerischen
Phantasie und Individualität gesagt wurde, für uns in diesem
Zusammenhange zunächst nicht von unmittelbarer Bedeutung. Womit wir es
hier zunächst zu thun haben, das ist ja der "ästhetische Wert" überhaupt.
Ihn hat, wie wir sahen, einerseits jedes Kunstwerk; andererseits besteht
er auch schon ausserhalb des Kunstwerkes. Halten wir dies beides zugleich
fest, so kann das Spezifische des ästhetischen Wertes überhaupt nur in
dem gefunden werden, was allen Kunstwerken und zugleich allem ausserhalb
der Kunst vorhandenen ästhetisch Wertvollen gemeinsam ist. Und dabei
kommt der Wert des künstlerischen Könnens und Thuns, der künstlerischen
Individualität etc. nicht mehr in Frage. Es bleibt also einzig übrig die
Fähigkeit des ästhetisch wertvollen Objektes, unmittelbar durch das, was
es an sich selbst ist oder uns zu sein scheint, auf uns zu wirken, kurz
sein "_Eigenwert_". Auch das ästhetisch Wertvolle der Natur ist ja
freilich irgendwie _geworden_. Aber hier unterscheidet jedermann die
Freude an der Erkenntnis, wie die Objekte geworden sind, die Freude des
Zoologen, Botanikers etc. an seinem "Verständnis" der Formen, von der
ästhetischen Befriedigung, die aus der blossen betrachtenden Hingabe an
das, was thatsächlich vorliegt, erwächst.
DIE KOMIK ALS "SPIEL".
_Eine_ Antwort auf die Frage nach dem Wesen des Wertes eines Kunstwerkes
habe ich oben geflissentlich ausser Acht gelassen. Es ist die uns bereits
bekannte Antwort, die _Groos_ giebt: Unsere Freude am Kunstwerk ist die
Freude am Spiel der inneren Nachahmung.
Diesen Gedanken haben wir bereits abgewiesen. Angenommen indessen, er
wäre wahr. Dann würde die Komik wohl in erster Linie das Recht haben,
ästhetisch wertvoll zu heissen. Denn die Komik ist, wie wir gesehen
haben, Spiel. Und sie ist Spiel der inneren Nachahmung, wenn wir unter
Nachahmung alles das verstehen, was _Groos_ so nennt Sie ist spielende
Auffassung von Objekten; und zwar, vermöge ihrer besonderen Bedingungen,
Spiel von besonders ausgeprägter Art.
In Wahrheit aber kann die Komik eben deswegen _keinen_ ästhetischen Wert
beanspruchen. Das Komische ist belustigend. Lust ist Freude. Aber die
Freude haftet hier nicht am komischen Objekte als solchem. Wir sahen, das
komische Objekt kann wertvoll und unwert sein. Aber dieser Wert oder
Unwert hat mit der Komik als solcher nichts zu thun. Die geringfügige
Leistung, die auf grosse Versprechungen folgt, ist komisch, aber sie ist
nicht wertvoll, kein Gegenstand unserer Lust oder Freude.
Woran aber haftet oder worauf bezieht sich dann die komische Lust? Wir
sagten soeben: auf das Spiel. Aber auch dies ist noch keine eindeutige
Erklärung. Es liegt darin dieselbe Zweideutigkeit, die auch jener eben
von neuem erwähnten Theorie des künstlerischen Wertes anhaftet. Was ist
mit jenem Spiel der inneren Nachahmung gemeint? Eine bestimmt geartete
_Thätigkeit_ des Nachahmens oder eine bestimmte Weise ihres _Gelingens_?
Die gleichen beiden Möglichkeiten müssen auch bei der Komik unterschieden
werden. Die erstere aber müssen wir hier gleich abweisen. Die Lust am
Komischen ist nicht Lust an unserem Spielen oder unserer spielenden
_Thätigkeit_. Nicht unser _Thun_ ist belustigend, sondern das komische
Objekt. Man erinnert sich, dass wir ehemals die Behauptung, die Lust am
Komischen sei Lust an unserer Überlegenheit, schon darum für unzutreffend
erklärten, weil die Lust von uns thatsächlich nicht auf unsere
Überlegenheit, sondern auf das inferiore Objekt bezogen werde. So wenig
wie auf unsere Überlegenheit beziehen wir aber die Lust auf unsere
Thätigkeit des spielenden Auffassens. Wie soeben gesagt, nicht unser
Thun erscheint uns belustigend, sondern das Objekt.
Damit scheinen wir aber in einen Widerspruch mit um selbst geraten. Erst
sollte die Lust nicht am Objekte haften, sondern am Spiele. Jetzt
konstatieren wir, dass nicht unsere Thätigkeit des spielenden Auffassens,
sondern das Objekt das Belustigende sei.
Die Lösung dieses Widerspruches habe ich schon angedeutet: Das spielende
_Gelingen_ unserer Auffassungsthätigkeit ist der Gegenstand der Lust.
Doch fassen wir diese Frage etwas allgemeiner.
ARTEN VON GEGENSTÄNDEN DES GEFÜHLS ÜBERHAUPT.
Drei mögliche Arten der Beziehung unseres Lust- oder Unlustgefühles auf
Gegenstände müssen unterschieden werden. Ich habe Lust an einem Objekt,
oder ich habe Lust an meiner Thätigkeit. Dazu tritt als Drittes die Lust,
die weder Lust am Objekt noch Lust an meinem Thun und eben darum in
gewisser Weise beides ist.
Es giebt eine Lust an den Objekten meines _Denkens_: Ich freue mich an
dem erfreulichen Inhalte meiner Gedanken. Dieser Lust steht gegenüber die
Lust an meiner Thätigkeit des Denkens oder meiner Denkarbeit, ihrer
Energie, Konzentriertheit. Solche Lust kann ich haben, auch solange diese
Denkarbeit ihr Ziel nicht erreicht, das heisst: solange ich noch nicht
erkenne, was ich erkennen möchte. Endlich ist von beidem unterschieden
die Freude an der _Erkenntnis_. Die Erkenntnis ist das "Gelingen" der
Denkarbeit. Die Freude an ihr ist also Freude am "Gelingen".
Dies nun verallgemeinern wir. Die drei Möglichkeiten der Beziehung der
Lust auf einen Gegenstand derselben, oder die drei hier zu
unterscheidenden Arten des Wertgefühls sind diese: Gefühl des Wertes
eines vorgestellten, von mir unterschiedenen Objektes als solchen;
zweitens Gefühl des Wertes meines Thuns; und drittens Wertgefühl, das
sich ergiebt aus der Beziehung eines Objektes zu einer jetzt in mir
vorhandenen Weise innerer Thätigkeit.
Wertgefühle der ersteren Art können wir kurz bezeichnen als
Objektswertgefühle, die der zweiten Art als Subjektswertgefühle, die der
dritten Art als Gefühle den Wertes einer Beziehung des Objektes zum
Subjekt. Die Erkenntnis ist eine solche "_Beziehung_". Sie ist eine
bestimmte Weise, wie Objekte in einen Vorstellungszusammenhang sich
einordnen.
Diese drei Möglichkeiten der "Wertbeziehung" können wir weiter verfolgen.
Wir sahen sie soeben verwirklicht auf dem Gebiete des (logischen)
Denkens. Wir begegnen ihnen aber ebenso auf dem Gebiete des praktischen
Wollens. Lust gewährt mir der Gedanke an ein zu verwirklichendes Objekt,
etwa einen zu erlangenden Genuss. Lust gewährt mir andererseits die in
sich einstimmige, sei es auch vergebliche _Bemühung_ der Verwirklichung
eines Objektes, das starke, konzentrierte, kühne Wollen. Lust gewährt mir
endlich auch hier wiederum das "Gelingen".
Und dieselben Möglichkeiten bestehen endlich auf dem Gebiete des
einfachen, weder auf Erkenntnis noch auf Verwirklichung eines von mir
verschiedenen Objektes gerichteten Vorstellens. _Objekte_ unserer
Betrachtung gefallen, oder wecken Lust. Der Künstler freut sich am
Reichtum und der Kraft seines geistigen _Schaffens_. Beide endlich freuen
sich oder können sich freuen, wenn ihnen Objekte sich darstellen, die,
gleichgültig ob in sich selbst wertvoll oder nicht, in die Richtung, die
ihr Vorstellen jetzt eben genommen hat, _widerspruchslos sich einfügen_
oder vermöge dieser Richtung _hemmungslos sich auffassen_ lassen.
Hierhin gehört die Komik. Sie gehört zu den Gefühlen der Lust, nicht an
Objekten und nicht an unserem Thun, sondern an einer Weise, wie sich
Objekte einem gegenwärtigen Thun oder inneren Vorgang einfügen. Dasselbe
drückte ich eben so aus: Das Gefühl der Komik ist ein Gefühl von der
Weise, wie mein Thun gelingt.
Kein unwichtiger Unterschied ist es, auf den ich im Vorstehenden
aufmerksam mache. Die Freude am Gelingen der Denk- oder
Erkenntnisthätigkeit oder kurz die Freude am Erkennen ist die specifisch
logische. Es ergiebt sich schon aus dem über die Erkenntnis früher
Gesagten, dass diese Freude logisch ist, genau soweit sie nicht
mitbestimmt ist durch den Wert, den das erkannte Objekt für mich haben
mag. Und sie ist es, soweit sie ebenso wenig mitbestimmt ist durch den
Wert, den mein Denken, das heisst meine Denkarbeit für mich besitzt. Der
ist wissenschaftlich verloren, der sein Bejahen oder Verneinen einer
Thatsache davon abhängig macht, ob ihm die Thatsache zusagt. Und nicht
minder derjenige, der an einer Theorie festhält, weil er sich nicht
entschliessen kann, die von ihm auf ihre Gewinnung gerichtete Bemühung
für vergeblich anzusehen, oder kurz gesagt, weil sie seine Theorie ist.
Nicht mindere Wichtigkeit besitzt die fragliche Unterscheidung auf dem
praktischen oder ethischen Gebiet. Der verschiebt den Begriff des
sittlich Wertvollen, der den Wert der Handlung bemisst nach dem Wert des
gewollten Objektes. Ich kann das Wertvolle wollen, und doch es in
sittlich unwerter Weise wollen. Und ebenso aussersittlich oder unsittlich
ist die moralische Beurteilung, für welche dieser Wert sich bemisst nach
dem Gelingen oder dem glücklichen Erfolg. In Wahrheit ist sittlich
wertvoll einzig die Weise des Wollens, also des inneren Thuns: Es giebt
nichts in der Welt, das, "ohne alle Einschränkung für gut könnte gehalten
werden, als allein ein guter Wille".
Und gleich gross ist endlich die Bedeutung jener Unterscheidung auf dem
Gebiete der weder auf Erkenntnis, noch auf Verwirklichung eines von mir
verschiedenen Objektes abzielenden Betrachtung, vor allem der
ästhetischen Betrachtung. Ästhetisch wertvoll ist nicht meine Thätigkeit
der Auffassung eines Objektes oder die Weise dieser Thätigkeit.
Ebensowenig die Weise, wie mir die Auffassung gelingt, etwa die
Leichtigkeit, Sicherheit, Klarheit derselben, von der oben die Rede war.
Sondern, wie wir feststellten, ästhetischer Wert ist einzig der Wert des
Objektes selbst, oder dessen, was für mich in dem Objekte unmittelbar
enthalten liegt.
Vergleichen wir die drei hier nebeneinander gestellten Weisen der
Bethätigung des menschlichen Geistes, die logische, die praktisch
ethische, und die ästhetisch betrachtende, mit Rücksicht auf ihr
Verhältnis zu jenen drei Arten der Wertbeziehung, so ergiebt sich aus dem
Gesagten, dass bei jeder derselben die Wertbeziehung eine andere ist,
dass also jene drei Thätigkeiten diese drei Wertbeziehungen unter sich
aufteilen: Logischer Wert ist ein Wert des Gelingens; ethischer Wert ist
ein Wert des inneren Thuns; ästhetischer Wert ist ein Wert des Objektes.
DER WERT DER KOMIK KEIN ÄSTHETISCHER WERT.
Damit ist zunächst von neuem, aber in ganz anderer Richtung, als es
früher geschah, der ästhetische Wert gegen den logischen oder
intellektuellen abgegrenzt. Zugleich ist die Stelle, die dem Werte des
Komischen zukommt, genauer bestimmt. Er gehört--von dem Gesichtspunkt
der "Wertbeziehungen" aus--in _eine_ Wertgattung mit dem logischen oder
Erkenntniswert. Er nimmt die mittlere Stellung ein, die allen Werten des
Gelingens eignet. Das Gelingen besteht allemal im Sicheinstellen eines
Objektes oder eines Objektiven. Insofern kann das _Objekt_ als Gegenstand
des Wertgefühles erscheinen. Zugleich ist doch das Gelingen ein sich
Einstellen eines Objektiven unter der Voraussetzung eines darauf
gerichteten Thuns oder inneren Geschehens. Insofern erscheint wiederum
_nicht_ das Objekt, d. h. nicht das Objekt an sich, als Gegenstand des
Wertgefühles, sondern die durch das Objekt ermöglichte Weise der
Vollführung oder Vollendung dieses Thuns, oder die Weise meiner
Bethätigung.--Damit ist der oben konstatierte scheinbare Widerspruch
gehoben.
Ich stellte eben die Komik neben die Erkenntnis. Unmittelbarer gehört
natürlich das komische Wertgefühl zusammen mit den anderweitigen
Wertgefühlen, in denen gleichfalls ein Gelingen einer Thätigkeit der
blossen _Betrachtung_ oder _Auffassung_, oder allgemeiner gesagt, in
denen gleichfalls die Beziehung eines lediglich _aufzufassenden_ Objektes
zu der vorhandenen psychischen Thätigkeitsrichtung das Wertgefühl
bedingt.
Solche Fälle haben wir bereits kennen gelernt. Ich erinnere an das Gefühl
des Erstaunens oder des Überraschtseins, weil wir ein weniger "Grosses"
erwarteten. Ebendahin gehört das Gefühl des Schrecks, das, wie man weiss,
auch entstehen kann, wenn objektiv gar nichts Schreckliches vorliegt oder
geschieht. Ich bin etwa, vermeintlich allein, in meinen Gedanken
versunken. Dann kann mich die leise Berührung meiner Schulter durch den
unerwartet und unbemerkt zu mir Hinzugetretenen aufs heftigste
erschrecken. Die Beziehung der Berührung zu meinem gegenwärtigen, in
völlig anderer Richtung gehenden Gedankengang ist es, die hier dies
Gefühl verschuldet. So wenig braucht schliesslich das Erschreckende ein
an sich Schreckliches zu sein, dass auch Hocherfreuliches das gleiche
Gefühl erzeugen kann.
"Künstler" machen wohl gelegentlich die Kunst zu einem Mittel der
Überraschung oder gar Verblüffung. Die Unfähigkeit durch das Kunstwerk
selbst zu wirken, veranlasst sie zu wirken, indem sie das Kunstwerk zu
den jetzt zufällig in uns bestehenden Vorstellungsgewohnheiten in
Gegensatz treten lassen. Hier ist der Gegensatz des ästhetischen Wertes,
und des Wertes, der an solcher Beziehung zwischen dem Objekt und den
jeweiligen Vorgängen im Subjekt haftet, besonders unmittelbar
einleuchtend.--Genau so einleuchtend ist der Gegensatz zwischen jedem
ästhetischen Werte und dem Wert der Komik.
Dennoch hat man der Komik als solcher einen ästhetischen Wert zuerkannt.
Dies war aber immer nur möglich, wenn man den Sinn des Komischen oder des
ästhetisch Wertvollen oder beider verkannte. Am nächsten liegt aus schon
angegebenen Grunde jener Irrtum für die vorhin von neuem erwähnte
ästhetische Theorie, für welche der ästhetische Wert Wert des "Spieles
der inneren Nachahmung" ist. Ich leugne nicht, dass hier die innere
"Nachahmung" eine Ahnung des Richtigen enthält. Ich werde darauf nachher
zurückkommen. Zunächst interessiert mich die Weise, wie die fragliche
Theorie das Richtige geistreich verschiebt und in Widersinn verkehrt.
Auch bei der Komik findet nach jener Theorie ein Nachahmen statt. An
Stelle des Nachahmens tritt dann wohl das sich "Hineinleben" in das
Objekt oder das sich "Hineinversetzen" in dasselbe. Soweit angesichts des
Komischen dies Nachahmen stattfindet, soll das Komische ästhetischen Wert
haben. Genauer gesagt, das Komische hat für die fragliche Theorie
ästhetischen Wert, sofern wir uns in das "Verkehrte" hineinversetzen, es
innerlich mitmachen. Damit geben wir dem Komischen den "brüderlichen
Versöhnungskuss." Dieser brüderliche Versöhnungskuss ist das die Komik
"Veredelnde". Soweit dies Moment an die Stelle der unbrüderlichen
Erhebung über das verkehrte Objekt oder an die Stelle unseres Gefühls der
Überlegenheit tritt, verwandelt sich die komische Betrachtung in die
humoristische.
Hierin liegt die richtige Einsicht, dass das Gefühl der Überlegenheit
über eine Verkehrtheit gewiss _keinen_ ästhetischen Wert begründen, also
auch nicht das Wesen des Humors bezeichnen kann. Im übrigen ist jener
"brüderliche Versöhnungskuss" zunächst ein schönes Wort.
Was heisst dies: ich mache die Verkehrtheit oder das Verkehrte innerlich
mit? Zweierlei kann damit gesagt sein. Einmal einfach dies: Ich nehme von
der Verkehrtheit Kenntnis, erfasse sie in ihrem Wesen oder in ihrer
Eigenart, gelte ihr in meinen Gedanken nach. "Wenn wir die Verkehrtheit
wirklich durchschauen wollen, so müssen wir für einen Augenblick den
verkehrten Gedankengang nachdenken." Damit scheint nichts anderes als
dies Kenntnisnehmen bezeichnet.
Die andere mögliche Auffassung ist die: Wir "machen" die Verkehrtheit
innerlich "mit", d. h. wir denken oder wollen, kurz verhalten uns
innerlich ebenso verkehrt. Wir denken den verkehrten Gedankengang nicht
nur nach, sondern wir glauben daran, stimmen ihm bei, ebenso wie es
derjenige thut, dem wir ihn nachdenken.
Diese beiden Möglichkeiten werden nun aber in jener Theorie nicht
ausdrücklich geschieden. Immerhin verstehen wir, dass die zweite gemeint
sein muss. Die erstere würde ja über das Gefühl der Überlegenheit nicht
hinausführen. Bei ihr fehlte der "brüderliche Versöhnungskuss". Ich kann
unmöglich das Gefühl der Überlegenheit haben über eine Verkehrtheit, wenn
ich sie nicht "durchschaue", also sie in Gedanken nachdenke.
Indessen, wenn ich auch das "Mitmachen" in jenem zweiten Sinne nehme, so
scheint mir wenig gebessert. Ich finde dann erstlich, dass ich in sehr
vielen Fällen der Komik gar nicht weiss, worin dies innerliche Mitmachen
bestehen sollte. So sehe ich beispielsweise nicht ein, was es heissen
soll, dass ich mit dem leeren Grosssprecher mich innerlich aufblähe, und
dann seine geringfügige Leistung mitmache. Da die geringfügige Leistung
nichts Innerliches ist, so kann hier das innerliche Mitmachen doch nur
bestehen in dem Kenntnisnehmen, dem Beachten, der Weise dem Vorgang mit
meinen Gedanken zu folgen.
Ebensowenig weiss ich, wie ich eine äussere Ungeschicklichkeit, das
Stolpern eines erwachsenen Menschen über ein kleines, nicht
wahrgenommenes Hindernis anders innerlich nachmachen soll, als so, dass
ich es konstatiere. Oder besteht hier das Mitmachen in dem Gedanken, dass
mir dergleichen unter gleichen Umständen ebensowohl begegnen könnte?
Nehmen wir das Letztere an. Oder besser: Nehmen wir einen Fall, in
welchem das "Mitmachen" in dem bezeichneten _prägnanten_ Sinne ohne
weiteres einen Sinn ergiebt. Ich frage: Wenn ich einer Dummheit innerlich
beistimme, wenn ich den Rechenfehler nicht nur "nachrechne", sondern im
Nachrechnen gleichfalls begehe, wenn ich in diesem Sinne mit der
komischen Verkehrtheit eine Zeitlang "Eines" bin,--liegt darin ohne
weiteres ein Grund zur ästhetischen Befriedigung? Gewiss werde ich die
Dummheit weniger von oben herab betrachten, oder mich ihr gegenüber
weniger "überlegen" fühlen, wenn ich so zum Mitschuldigen geworden bin.
Aber diese Minderung des Gefühles der Überlegenheit, dieser angebliche
"brüderliche Versöhnungskuss", ist doch nicht gleichbedeutend mit
ästhetischem Genuss. Es scheint mir, auch die schönsten Redewendungen
können nicht darüber täuschen, dass eine solche verminderte Überlegenheit
nicht veredelte, sondern eben verminderte Überlegenheit ist, also eine
relative Negation der komischen Lust, und weiter nichts.
Allerdings kann dazu noch ein Element hinzutreten. Nämlich ein Gefühl der
Beschämung über die Mitschuld. Aber die Vereinigung von vermindertem
Gefühl der komischen Lust und Gefühl der Beschämung ist doch auch nicht
Dasselbe wie ästhetischer Genuss. Mit einem Wort, wir kommen auf diese
Weise nicht weiter.
XV. KAPITEL. DIE TRAGIK ALS GEGENSTÜCK DES HUMORS.
DIE TRAGIK ALS "SPIEL".
Vielleicht gelingt es uns eher, weiter, d. h. den Bedingungen, unter
denen das Komische in ein ästhetisch Wertvolles sich verwandelt, näher zu
kommen, wenn wir--bei dem Begriff der inneren Nachahmung noch einen
Augenblick bleiben, aber zunächst einmal zusehen, welche Bedeutung
derselbe auf einem anderen Gebiete haben kann.
Ich bezeichnete schon die "Modifikation des Schönen", innerhalb welcher
das Komische ästhetischen Wert gewinnt, als Humor. Neben dem Humor
nun--nicht etwa neben der Komik--steht die Tragik. Immer wieder hat man
diese beiden als Geschwister betrachtet. Dann werden beide eine
Familienähnlichkeit haben. Es ist zu erwarten, dass das Verständnis des
einen der Geschwister einen wesentlichen Teil des Verständnisses des
anderen in sich schliessen werde.
Wie können Leiden, Besorgnis, Angst, Untergang Gegenstand unseres
Genusses sein? Man sagt vielleicht auch hier wiederum: Indem wir sie
"innerlich nachahmen". Dies wird zutreffen. Nur kommt dabei alles darauf
an, dass wir das "innerliche Nachahmen" recht verstehen.
Die blosse Kenntnisnahme von dem Leiden kann nicht erfreuen. Das
innerliche Mitmachen aber scheint diese Wirkung noch weniger haben zu
können. Das Mitmachen des Leidens ist ein Leiden mit dem Leidenden, das
Mitmachen der Sorge ein Sichsorgen mit dem Sorgenden. Daraus, scheint es,
kann uns nur Unlust erwachsen.
Hier aber wird uns wiederum das "Spiel" entgegengehalten: Die innere
Nachahmung ist Spiel, und demgemäss erfreulich, wie jedes Spiel. Das
Leiden der tragischen Gestalt ist nicht wirklich. Es ist nur Schein.
Diesem Schein überlassen wir uns freiwillig, um ebenso freiwillig
wiederum uns ihm herauszutreten. Das heisst in unserem Falle: Wir
überlassen uns dem Mitleiden oder der Mitsorge, wissen aber zugleich,
dass dazu in Wirklichkeit kein vernünftiger Grund vorliegt, da ja ein
wirkliches Leiden oder eine wirkliche Sorge gar nicht stattfindet. Wir
geben uns also nur spielend jenem Erleben hin. Wir geben es dann ebenso
spielend wieder preis. Und an diesem Spiele, dieser Freiheit auf den
Schein uns einzulassen und auch wiederum von ihm loszumachen, oder ihn
innerlich in nichts aufzulösen, an dieser Selbstherrlichkeit unserer
Phantasie haben wir unsere Freude.
Ich wiederhole nicht mehr, was ich über diesen ausgeklügelten Widersinn
oben angedeutet und an anderer Stelle[3] ausführlicher gesagt habe. Ich
begnüge mich hier zu bemerken, dass ich diese Freiheit _nicht_ habe, und
dass ich, falls ich sie hätte, davon angesichts des tragischen
Kunstwerkes keinen Gebrauch machen würde.
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9 |
10 |
11 |
12 |
13 |
14 |
15 |
16 |
17 |
18 |
19 |
20 | 21 |
22 |
23 |
24 |
25 |
26