Komik und Humor
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Theodor Lipps >> Komik und Humor
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[3] Im "Dritten ästhetischen Literaturbericht", der im "Archiv für
systematische Philosophie" demnächst erscheinen soll.
Ich habe sie nicht, weil das tragische Kunstwerk, wenn es nicht etwa ein
schlechtes Machwerk ist, mich festzuhalten pflegt; weil es mich wider
meinen Willen fortreisst; weil es mit Zaubergewalt mich festbannt in
seiner Welt des Scheines.
Und ich würde von dieser Freiheit keinen Gebrauch machen, weil mir der
ernste und erschütternde Genuss des tragischen Kunstwerkes lieber ist als
die kindische Freude an solcher armseligen Freiheit.
Ausserdem füge ich hinzu, dass nicht bloss angesichts der Scheinwelt der
Bühne, sondern auch gegenüber der Tragik der _Wirklichkeit_ ein
tragischer Genuss möglich ist. Hier hat aber doch wohl jenes Spiel der
Phantasie keine Stelle mehr. Hier ist ja das Leiden harte Thatsache.
Wie der, oder die Vertreter jener Theorie, so mache ja gewiss auch ich
das Leiden der tragischen Gestalt innerlich mit. Nur wie schon
angedeutet, in anderer Weise. Ich leide mit dem Leidenden, und _bleibe_
dabei mit ihm zu leiden. Wiefern ich nun aber davon Genuss haben kann,
dies ergiebt sich aus der Beantwortung der einfachen Frage: Wann wir denn
von dem Leiden eines anderen, sei es einer Person im Drama, sei es eines
wirklichen Menschen, nicht bloss Notiz nehmen, sondern es im eigentlichen
Sinne des Wortes miterleben oder "mitmachen".
TRAGIK UND "ÄSTHETISCHE SYMPATHIE".
Jemand leidet, d. h. empfindet Unlust, weil ihm eine Büberei, ein
thörichter oder verbrecherischer Anschlag misslungen ist. Auch dies
Leiden erleben wir innerlich mit, d. h. wir vollziehen in uns die
Vorstellung dieses Gemütszustandes. Aber wir erleben das Leiden auch
wiederum nicht innerlich mit, d. h. wir nehmen nicht daran teil. Warum
dies? Zweifellos, weil die Wurzel, aus welcher dies Leiden stammt, d. h.
der Wunsch, das Niedrige oder Böse vollendet zu sehen, oder allgemeiner
gesagt, weil dies dem Leiden zu Grunde liegende oder in ihm sich
kundgebende Moment in der Persönlichkeit dessen, der leidet, uns
widerstrebt oder unserem Wesen widerstreitet. Aus gleichem Grunde freuen
wir uns nicht mit demjenigen, der über eine gelungene Schlechtigkeit
Freude empfindet.
Umgekehrt weckt Leiden unser Mitleiden, Freude unsere Mitfreude, wir
nehmen überhaupt teil an jeder Regung in einem Menschen, wenn und soweit
das Moment der Persönlichkeit, aus welchem dieselbe stammt, in unserem
Wesen Widerhall findet, oder wir hinsichtlich dieses Momentes mit der
leidenden oder sich freuenden Persönlichkeit uns einstimmig fühlen
können.
Damit ist ohne weiteres der Grund zum Genusse gegeben. Der Genuss ist
Genuss dieser Einstimmigkeit, Genuss der "_Sympathie_".
Dies kann genauer bestimmt werden. Woher wissen wir denn von fremden
Persönlichkeiten? Wie kommt es, dass es solche überhaupt für uns giebt?
Was wir wahrnehmen, wenn ein Mensch uns gegenübersteht, ist eine Gestalt,
eine äussere Erscheinung, eine Summe von Lebensäusserungen. Aber dies
alles ist nicht die fremde Persönlichkeit, ich meine die seelische oder
geistige, die leidende, sich freuende, hoffende, fürchtende u. s. w.
Persönlichkeit.
Das Bild dieser Persönlichkeit kann nur aufgebaut sein aus Elementen
unserer eigenen Persönlichkeit. Das Bild der fremden Persönlichkeit ist
die an einen fremden Körper geknüpfte, je nach der Art dieses fremden
Körpers und der Besonderheit seiner Lebensäusserungen modifizierte
Vorstellung von uns selbst.
Wie wir uns selbst in der Vorstellung modifizieren können, ist jedermann
wohl bekannt. Wie oft haben wir ein Bewusstsein davon, dass wir so oder
so sein könnten. Wir wünschen vielleicht auch, dass wir so oder so wären.
Nun, eine Vorstellung von dem, was wir sein könnten, oder die
Vorstellung, wie sie ein solcher Wunsch in sich schliesst, eine solche
Vorstellung, geknüpft an eine fremde sinnliche Erscheinung, das ist die
fremde Persönlichkeit.
Sie ist noch etwas mehr. Die fremde Persönlichkeit _ist_, was wir sein
könnten; sie ist es wirklich. Die eigene, in dieser oder jener Weise
modifizierte Persönlichkeit tritt uns in der fremden Person als etwas
_Wirkliches entgegen_.
Zunächst in der _wirklichen_ fremden Person. Aber auch in gewisser Weise
in der fremden Person, die nur künstlerisch _dargestellt_ ist. Die
ideelle, d. h. nur für unsere Phantasie bestehende Welt des Kunstwerkes
hat für uns Wirklichkeit, nicht im Sinne der erkannten, wohl aber in dem
eigen- und einzigarten Sinne der ästhetischen Realität: Auch in der nur
dargestellten Person tritt uns unsere eigene Persönlichkeit, wie sie sein
könnte, als etwas "_Objektives_", als ein nicht von uns ins Dasein
Gerufenes, sondern uns "Gegebenes", uns von aussen Aufgenötigtes
entgegen.
Und in jedem Zuge oder jeder Lebensäusserung der fremden Person finden
wir eine mögliche Weise der Bethätigung unserer eigenen Person
verwirklicht oder sich auswirkend, vor. Jetzt fragt es sich, wie diese
Bethätigungsweise in das Ganze unserer Persönlichkeit, so wie sie
thatsächlich geartet ist, sich einfügt, ob damit einstimmig oder den
eigenen thatsächlichen Bethätigungsantrieben derselben widerstreitend, ob
befreiend oder bedrückend, fördernd oder verletzend. Je nachdem haben wir
diese oder jene Weise des Selbstgefühls.
Das Sympathiegefühl überhaupt und demnach auch das ästhetische
Sympathiegefühl ist also eine psychologisch wohl verständliche, ja wenn
man will selbstverständliche Sache. Es ist, wenn wir einmal vom Dasein
fremder Persönlichkeiten und von Regungen, die in ihnen stattfinden,
wissen, ohne weiteres gegeben.
Dies Sympathiegefühl ist Selbstgefühl, aber doch wiederum vom
unmittelbaren Selbstgefühl verschieden. Der Gegenstand desselben ist
unser "_objektiviertes_", in Andere hineinverlegtes, und demgemäss in
Anderen vorgefundenes Selbst. So müssen wir auch das Sympathie_gefühl_
als objektiviertes _Selbstgefühl_ bezeichnen. Wir fühlen uns in Anderen,
oder fühlen Andere unmittelbar in uns. Wir fühlen uns in oder durch den
Anderen beglückt, befreit, ausgeweitet, gehoben, oder das Gegenteil.
Das _ästhetische_ Sympathiegefühl ist aber nicht nur eine Weise des
ästhetischen Genusses, sondern es ist der ästhetische Genuss. Aller
ästhetischer Genuss liegt schliesslich einzig und allein in der Sympathie
begründet. Auch der ästhetische Genuss, den Linien, geometrische,
architektonische, tektonische, keramische Formen etc. gewähren. Was
diesen letzteren Punkt betrifft, so verweise ich auf meine "Raumästhetik
und geometrisch-optische Täuschungen".
Diese ganze Thatsache übersieht die oben bekämpfte Theorie. Sie übersieht
damit im Ästhetischen das Ästhetische. Sie greift darum zu jenem
läppischen "_Spiel_".
VOLKELTS AUSSERÄSTHETISCHE BEGRÜNDUNG DER TRAGIK.
Nicht das Gleiche kann gesagt werden von einem anderen Ästhetiker der
Tragik, _Volkelt_. Ich denke dabei sowohl an _Volkelts_ "Ästhetik des
Tragischen", wie an seine "Ästhetischen Zeitfragen". Aber auch _Volkelt_
erkennt die ästhetische Sympathie nicht als das eigentlich Entscheidende
an. Darum müssen auch bei ihm ausserästhetische Momente, oder solche
Momente, die nur scheinbar selbständige Bedeutung haben, den ästhetischen
Genuss vervollständigen. Ja schliesslich erscheinen solche Momente als
die eigentlichen Faktoren des ästhetischen Genusses.
Es ist schon bedenklich, dass diese Momente so verschiedenartig sind. Das
Kunstwerk, so hören wir einmal, lässt uns in die "Rätsel" des Lebens
"blicken"; es "zeigt" uns, was es um das Leben für eine Sache sei. Es
lässt auf die Stellung von Freude und Leid, von Gut und Böse, von
Vernunft und Unvernunft im Leben "ein Licht fallen". Die Tragik soll auch
Unerfreuliches darstellen, bloss darum, weil auch das Unerfreuliche zur
_Wirklichkeit des Lebens_ gehört. Mit einem Worte, die Kunst soll uns das
Wirkliche in seinen bedeutsamen Zügen erkennen, wiedererkennen, verstehen
lassen.
Dies alles sind Wendungen, wie wir sie schon oben kennen gelernt und
abgewiesen haben. Wir sahen, mit dem Wiedererkennen hat es freilich in
der Poesie seine Richtigkeit. Aber der Zweck der Kunst kann nicht in
dergleichen bestehen. Wir können jetzt genauer sagen: Dieser Zweck
besteht nicht im Wiedererkennen, nicht darin, dass uns etwas gezeigt
wird, sondern darin, dass wir mit dem _Wiedererkannten_, oder dem, was
uns gezeigt wird, menschlich mitfühlen oder "sympathisieren" können.
Auch gegen die Behauptung haben wir uns schon erklärt, dass das Kunstwerk
seine Wirkung übe, indem es uns die Individualität des Künstlers
offenbare, die Weise, wie in ihm die Welt sich spiegelt, seine
Gestaltungskraft, den Reichtum seiner Phantasie. Alles dies offenbart
sich uns, so sagten wir, im Kunstwerke, nur soweit es im Kunstwerke
verwirklicht ist. Soweit es aber darin verwirklicht ist, bildet es einen
Teil des Inhaltes des Kunstwerkes, und ist, wie der ganze Inhalt des
Kunstwerkes, Gegenstand unserer ästhetischen Sympathie.
Nur dann könnten diese Momente den Anspruch erheben, einen eigenen und
neuen Faktor des ästhetischen Genusses zu bezeichnen, wenn es erlaubt
wäre, zur _ästhetischen_ Bewertung des _Kunstwerkes_ auch _das_
Wertgefühl zu rechnen, das wir gewinnen, wenn wir vom Kunstwerk und der
in ihm verkörperten ideellen Welt unseren Blick abwenden, um statt dessen
dem Künstler, und dem, was er ausserhalb des Kunstwerkes ist, uns
zuzuwenden und ihn, diese wirkliche Persönlichkeit, zum Gegenstand einer
Betrachtung zu machen, die mit ästhetischer Betrachtung nichts zu thun
hat. Ich nehme aber an, dass _Volkelt_ diese Erlaubnis nicht zu geben
beabsichtigt.
Als weiteren Faktor des ästhetischen Genusses bezeichnet _Volkelt_ die
Freude an unserer "Belebung", an der "über das Mittelmass hinausgehenden
Erregung des seelischen Lebens", an der inneren "Durchschüttelung". Hier
hätte _Volkelt_ wohl zunächst zeigen müssen, ob es eine solche Freude
überhaupt gebe, bezw. unter welchen Bedingungen es dieselbe geben könne.
Er würde dann zweifellos gefunden haben, dass es auch eine über das
Mittelmass hinausgehende Erregung oder eine Durchschüttelung giebt, die
alles andere als genussreich ist, einen inneren Aufruhr, ein sich Drängen
heftiger Erregungen, ein Hoch- und Durcheinandergehen der Wogen unseres
Inneren von quälender, entsetzlicher Art.
Es fragt sich also, was uns durchschüttelt. Wir haben Freude, wenn die
Durchschüttelung eine Lebenssteigerung bedeutet, das heisst, wenn uns in
dem, was uns durchschüttelt, etwas gegeben ist, das eine solche
Lebenssteigerung in sich schliesst. Und damit sind wir wiederum angelangt
bei dem Genuss, den die ästhetische Sympathie gewährt.
Daneben giebt es freilich auch noch eine Durchschüttelung anderer Art,
durch das Überraschende, Verblüffende, Sensationelle, Drastische, durch
allerlei vom inhaltlichen Werte des Kunstwerkes unabhängige "Effekte".
Ich nehme aber wiederum an, dass Volkelt solche Faktoren, soweit sie
nicht etwa der sichereren Wirkung des wertvollen Inhaltes des Kunstwerkes
dienen, nicht als ästhetische Faktoren preisen will.
Viertens wird von _Volkelt_ statuiert eine ästhetische Lust aus der
"Entlastung": Die ästhetischen Gefühlsbewegungen tragen den Charakter der
Leichtigkeit, Freiheit und Stille. Wir sind hinausgehoben über unser
individuelles Ich mit seinem Bleigewicht, seinen Fesseln, seinen
Stacheln. Damit ist gewiss eine Bedingung des ästhetischen Genusses
bezeichnet. Ohne solche Freiheit ist es unmöglich, dass wir das
ästhetisch Wertvolle ganz in uns aufnehmen, oder in seiner ganzen Fülle
und Wirkungskraft in uns erleben. Aber diese negative Bedingung des
Kunstgenusses ist doch nicht gleichbedeutend mit einem positiven Faktor
desselben. Die Befreiung von dem individuellen Ich mag eine Aufhebung von
allerlei Gründen der Unlust in sich schliessen. Daraus ergiebt sich doch
positive Lust lediglich unter der Voraussetzung, dass dazu im Kunstwerk
irgend welche positiven Gründe gegeben sind.
Endlich wird von Volkelt darauf hingewiesen, dass die Kunst dem Bedürfnis
unserer Phantasie nach freier Gestaltung reiche Befriedigung schaffe.
Dagegen erwidere ich einmal dasjenige, was ich schon oben gegen das
"Spiel der inneren Nachahmung" bemerkte. Die Kunst, die dramatische zum
wenigsten, ermöglicht nicht, sondern verbietet vielmehr unserer Phantasie
die freie Gestaltung. Der Inhalt des Kunstwerkes ist uns gegeben, völlig
unabhängig von unserem freien Belieben.
Und damit ist auch schon das Andere gesagt: Die Befriedigung unserer
Phantasie, von der hier die Rede ist, kann nichts anderes sein, als die
Befriedigung an den Gegenständen unserer Phantasie, das heisst am Inhalte
des Kunstwerkes.
Oder sollen wir ausser dieser Befriedigung an den Gegenständen oder
Inhalten unserer Phantasie auch noch eine besondere Befriedigung
verspüren an unserer Thätigkeit der Phantasie, an dieser unserer
geistigen Arbeit, und der Weise, wie sie sich vollzieht. Die Möglichkeit
einer solchen Befriedigung leugne ich wiederum nicht. Nur ist, soviel ich
sehe, auch diese Befriedigung,--ebenso wie die Befriedigung an der
Phantasie des Künstlers, soweit dieselbe nicht im Kunstwerk verwirklicht
ist,--dadurch bedingt, dass ich meinen Blick vom Kunstwerk weg wende, und
ihn richte auf das Stück der wirklichen Welt, das durch meine reale
Persönlichkeit, mein individuelles Ich repräsentiert ist. Denn dieser
Welt, und nicht der Welt des Kunstwerkes, gehört doch eben meine, mit den
Inhalten des Kunstwerkes beschäftigte Phantasiethätigkeit an. Es ist also
auch die Freude daran nicht Freude am Kunstwerk, sondern Freude an der
ausserhalb des Kunstwerkes liegenden realen Welt. Diese aber kann
_Volkelt_ umso weniger zur Freude am Kunstwerk rechnen wollen, als er ja
selbst mit vollem Rechte die Loslösung vom individuellen Ich zur
Bedingung des ästhetischen Genusses macht. In der That ist der
ästhetische Genuss nichts anderes als der Genuss, der sich aus der reinen
_ästhetischen Betrachtung_ ergiebt. Und diese _besteht_ in der Loslösung
von allem, was nicht im Kunstwerk unmittelbar gegeben ist. Sie besteht im
Aufgehen in diesem Objekte der Betrachtung. Die ästhetische Sympathie ist
die Sympathie unter _Voraussetzung_ solcher Loslösung oder solchen
Aufgehens.
Ich bezeichnete diese ästhetische Sympathie auch damit, dass ich sagte,
wir erleben im Kunstwerke uns selbst, nicht bloss, wie wir jetzt sind,
sondern wie wir sein könnten. Wir erleben darin unser ideelles Ich. Dies
kann bald in diesem, bald in jenem Zuge zu einem idealen, oder über das
Mass unseres realen Ich gesteigerten Ich werden. Wie es aber hiermit
bestellt sein mag: Immer wenn uns im Kunstwerk Persönliches
entgegentritt, nicht ein Mangel am Menschen, sondern ein positiv
Menschliches, das mit unseren eigenen Möglichkeiten und Antrieben des
Lebens und der Lebensbethätigung im Einklang steht oder darin Widerhall
findet; immer wenn uns dies positiv Menschliche entgegentritt so
objektiv, so rein und losgelöst von allen ausserhalb des Kunstwerkes
stehenden Wirklichkeitsinteressen, wie dies das Kunstwerk ermöglicht und
die ästhetische Betrachtung fordert, immer dann ist dieser Einklang oder
Widerhall für uns beglückend.
Persönlichkeitswert ist ethischer Wert. Es giebt keine mögliche andere
Bestimmung und Abgrenzung des Ethischen. Aller Kunstgenuss, aller
ästhetische Genuss überhaupt ist darnach Genuss eines ethisch Wertvollen,
nicht als eines Bestandteiles des Wirklichkeitszusammenhanges, sondern
als eines Gegenstandes der ästhetischen Anschauung.
DAS SPEZIFISCHE DES TRAGISCHEN GENUSSES.
Im Vorstehenden ist doch noch in keiner Weise das eigentlich Spezifische
des tragischen Genusses erwähnt worden. Mitfreude ist Genuss, Miterleben
des Leidens ist höherer Genuss. Wie ich gelegentlich an anderer
Stelle--in dem oben erwähnten "Litteraturbericht"--sagte: Es ist eine
schöne Sache um eine Mutter, die über ihr gesundes und fröhlich
spielendes Kind sich freut. Aber es ist eine erhabenere Sache um die
Mutter, die um ihr krankes oder sterbendes Kind in Sorge sich verzehrt.
Jene Freude ist für uns erfreulich; dieser Schmerz ist verehrungswürdig,
heilig. Er ist nicht nur ein höherer, sondern ein anderer Genuss, tiefer
und ernster. Solchen tiefen und ernsten Genuss giebt die Tragik.
Wie dies möglich ist, dies wird uns verständlich aus einem
psychologischen Gesetz, das wir bereits in anderem Zusammenhang kennen
gelernt haben. Indem ich es hier zur Erklärung herbeiziehe, scheine ich
Erhabenes aus Banalem ableiten zu wollen. Aber kein Gesetz ist banal an
sich. Jedes Gesetz ist erhaben, wenn es Erhabenes vollbringt.
Ich meine hier das Gesetz der "psychischen Stauung". Ich formuliere es
von neuem: Wird ein Vorstellungszusammenhang, der einmal in mir angeregt
ist, in seinem natürlichen Ablauf gehindert, so entsteht eine psychische
Stauung, d. h. die Vorstellungsbewegung macht an dem Punkte, wo die
Störung stattfindet, Halt. Damit wird zunächst das, was vor diesem Punkte
sich findet, von dieser Bewegung stärker, als es sonst geschehen würde,
erfasst und emporgehoben. Es kommt in uns in höherem Masse zur Geltung
und Wirkung. Es übt insbesondere auch in höherem Masse die
Gefühlswirkung, die es an sich zu üben fähig ist. Wir werden seines
Wertes in höherem Masse inne.
Mannigfache Wirkungen dieses Gesetzes, die auf seine Bedeutung für die
Tragik hinweisen können, sind uns schon aus dem alltäglichen Leben
geläufig. Ein wertvolles Objekt, das wir besassen, sei zerbrochen oder
vernichtet. Jetzt schätzen wir erst recht seinen Wert. Der Freund, den
wir verloren haben, erscheint uns in idealisiertem Lichte. Wir sind
geneigt von den Toten Gutes zu reden. Die Strafe, die dem Verbrecher zu
teil wird, söhnt uns mit ihm aus.
Dies alles sind Wirkungen jenes Gesetzes. Vieles an einem Menschen kann
Gegenstand unseres Hasses sein. Daneben ist er doch auch Mensch wie wir.
Es finden sich in ihm positiv menschliche Züge, hinsichtlich deren ich
mit ihm einstimmig bin, die in mir Widerhall finden können, kurz mit
denen ich sympathisieren kann. Von diesem Positiven, oder von der
Persönlichkeit, sofern sie eben Persönlichkeit ist, fordern wir, dass sie
bestehe, daure, sich bethätige, frei sich auslebe. Dabei verstehe ich
unter dem freien Sichausleben das durch kein inneres oder äusseres
Hindernis gehemmte Sichbefriedigen, die freie Verwirklichung dessen,
worauf irgend ein positiver Lebensantrieb abzielt. Solche Forderungen
sind nichts anderes als unser _eigenes_ Verlangen, zu dauern, uns zu
bethätigen, uns frei auszuleben.
Hier nun haben wir einen bestimmten Vorstellungszusammenhang und zwar den
denkbar zwingendsten. Es ist eben der Zusammenhang zwischen dem Positiven
der Persönlichkeit und seiner Dauer, seiner Bethätigung, seinem
Sichausleben. In der Natur dieses Zusammenhanges liegt die Tendenz mit
voller Sicherheit in _dieser Weise_, oder als dieser bestimmte
Zusammenhang abzulaufen. Dies heisst nichts anderes als: Es knüpft sich
an das Bewusstsein, es sei ein positiv Menschliches gegeben, unbedingt
jene Forderung.
Ein solcher Vorstellungszusammenhang wird nun in uns angeregt, immer wenn
wir von einem Menschen wissen. Und sein freier Ablauf wird gehemmt durch
die Wahrnehmung seines Todes, durch das Bewusstsein von jedem Leiden,
jeder Strafe, jedem Eingriff in sein Dasein. Der ganze Mensch, also auch
jenes Positive in ihm, dauert nicht, wenn er stirbt, lebt nicht frei sich
aus, wenn ihn ein Übel trifft. Damit ist die Stauung gegeben, d. h. die
Notwendigkeit, das wir bei jenem Positiven und seiner Natur nach uns
Sympathischen haften. Dies "tritt heraus", wird Gegenstand der
"Aufmerksamkeit", gewinnt psychische Höhe und steigt für uns an Wert,
oder gewinnt jetzt erst, in unseren Augen nämlich, seinen Wert. Und
diesen Wert geniesse ich mitfühlend in einer Weise, wie es sonst unter
keinen Umständen möglich wäre. In dem Bilde des Verstorbenen tritt das
Gute und Tüchtige, das was ihn wert machte, zu leben, oder was mir sein
Leben wertvoll machte, deutlicher hervor. Bei dem Freunde fällt hellstes
Licht auf das, was ich an ihm schätzte. Der Verbrecher wird für mich erst
Mensch, d. h. menschlicher Wertschätzung wert. Dass wir dem Verbrecher
die erlittene Strafe zu gute schreiben, oder sie zu seinen Gunsten
anrechnen, ist nichts als ein populärer, aus einer anderen Sphäre
hergenommener Ausdruck für diese psychologische Thatsache.
Sowie hier der Tod oder das Erleiden der Strafe, so wirkt überall im
Leben und in der Kunst,--nur in der Kunst, vermöge der Besonderheit der
künstlerischen Darstellung und unserer ästhetischen Anschauung, in
höchstem Masse,--alles was irgendwie als ein Eingriff in eine
Persönlichkeit, oder als eine Störung des unmittelbaren freien
Sichauslebens der menschlichen Persönlichkeit, oder einen Positiven in
ihr, bezeichnet werden kann; jede Einengung eines Menschen, jeder Druck,
jedes Nichtgelingen, alles was wir Kummer, Sorge, Mangel, Not, Elend
nennen, jedes Missgeschick; auch jede innere Hemmung, jeder Zweifel, jede
Verkümmerung; schliesslich in höchstem Masse der, sei es physische, sei
es auch sittliche Untergang. Es wirkt dies alles _in dem Masse_, als
wirklich ein _positiv Menschliches_, dessen Wert wir in uns inne werden
können, in seinem Bestande, seiner Dauer, seinem freien Sichausleben
gehemmt erscheint; im höchsten Masse, wenn dies positiv Menschliche
zugleich _Grösse_ hat. Immer ist die Art der Wirkung dieselbe: Erleben
unserer selbst in einem Anderen, Erklingen oder lauteres Erklingen einer
sonst nicht erklingenden oder nur schwach erklingenden Saite unseres
Inneren, also vollerer Zusammenklang der Momente unseres Wesens,
Steigerung, Erhöhung, Ausweitung unserer selbst; alles dies zugleich in
einem Anderen, also objektiviert; in der fremden Persönlichkeit mit
ästhetischer Realität uns entgegentretend.
Zugleich ist diese Wirkung umso stärker, je schärfer der Eingriff in den
Bestand, die Betätigung des Sichausleben der Persönlichkeit erscheint.
Gewiss wächst mit der Schärfe des Eingriffes auch die Unlust am Leiden.
Und diese kann sich steigern zu einem Gefühl des Entsetzlichen, das
keinen tragischen Genuss mehr aufkommen lässt. Diesseits dieser Grenze
aber liegen die unendlich vielen Stufen der Möglichkeit, dass sich die
Gründe der Unlust und die Gründe der Lust zur Erzeugung des tiefen,
ernsten, erschütternden Genusses vereinigen, als welcher eben der
tragische Genuss sich uns darstellt.
WEITERE ÄSTHETISCHE WIRKUNGEN DES KONFLIKTES.
Ich betrachte hier die Tragik nicht um ihrer selbst willen, sondern als
Gegenbild des Humors. Soll aber die Tragik das volle Gegenbild des Humors
sein, so dürfen wir sie nicht in dem engen Sinne nehmen, in dem wir sie
zu nehmen pflegen, sondern müssen als tragisch jede Art des ernsten
Konfliktes bezeichnen.
Die Tragik, im engeren Sinne, ist Tragik des äusserlich ungelösten
Konfliktes. Konflikte können aber auch sich lösen; die Sache kann einen
glücklichen Ausgang nehmen. Dann gewinnt die Stauung eine weitere
Bedeutung. Die durch die Stauung gesteigerte oder zu grösserer
psychischer Höhe gebrachte psychische Bewegung ergiesst sich, wenn der
Konflikt gelöst, also das Hindernis des freien Vorstellungsablaufes
beseitigt ist, mit grösserer Kraft. Die Lösung, oder das worin sie
besteht, gewinnt grössere psychische Bedeutung und grössere
Eindrucksfähigkeit.
Auch dies ist eine im gewöhnlichen Leben uns wohl vertraute Thatsache.
Das schwer Errungene hat für uns doppelten Wert. Die Konsonanz, in
welcher die Dissonanz sich löst, hat ein besonderes und eigenartiges
Gewicht. Wem Namen statt Erklärungen dienen, der hat hier eine neue
Gelegenheit von "Kontrastwirkung" zu sprechen und einen Fall des
sogenannten "Kontrastgesetzes" zu statuieren.
Zwei Arten der Wirkung des Konfliktes oder des Eingriffes in
Menschendasein und freies Sichausleben von Menschen haben wir hiermit
einander gegenübergestellt. Beide Wirkungen sind zunächst unmittelbar
subjektiv begründete, d. h. Wirkungen die unmittelbar in einem Vorgang im
Beschauer ihren Grund haben: Die Stauung, die der Konflikt _in uns_
bewirkt, lässt uns das Positive der Persönlichkeit, die in den Konflikt
gerät oder jenen Eingriff erfährt, bedeutsamer erscheinen; und die Lösung
der Stauung, die _in uns_ sich vollzieht, macht uns das, worin die Lösung
sich vollzieht, eindrucksvoller.
Neben diesen subjektiv bedingten Wirkungen stehen aber dann objektiv
bedingte. Davon habe ich in meiner Schrift "Der Streit über die Tragödie"
ausführlicher geredet. Wir sehen, wie eine Persönlichkeit leidet, d. h.
wie tief sie vom Leiden erfasst wird, und welchen Charakter dies Leiden
in ihr gewinnt. Und wir sehen, _wovon_ oder _worunter_ sie leidet. Daraus
gewinnen wir ein Bild von ihrer Tiefe und ihrer Höhe und von ihrem
inneren Wesen. Nichts würde so uns das Innerste ihres Wesens enthüllen,
als es das Leiden vermag. Ungeahnt Grosses kann das Leiden im Menschen zu
Tage fördern, die feinsten Fasern der Persönlichkeit herausstellen, die
verborgensten Saiten zum Anklingen bringen.
Wir sehen dann vor allem auch, wie die Persönlichkeit dem Leiden
standhält, oder von ihm gebrochen wird. Die Persönlichkeit kann im Leiden
auch sittlich gebrochen, zerbröckelt, zerrieben werden, und doch
tragische Gestalt bleiben. Es ist nur nötig, dass in ihr, in ihrem
inneren Wesen etwas Grosses, Echtes liegt, und dass dies wirklich, im
Kampf mit dem feindlichen Geschick, _zerrieben_ wird.
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