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Komik und Humor

T >> Theodor Lipps >> Komik und Humor

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Es kann aber auch die Persönlichkeit dem Leiden innerlich standhalten.
Sie will lieber leiden als das Grosse in sich preisgeben. Sie bleibt sich
getreu, auch indem sie untergeht. Das Grosse in ihr zeigt sich Leiden und
Tod überwindend.

Hier ist überall die Wirkung auf uns zugleich objektiv bedingt: Das Bild
der tragischen Persönlichkeit selbst wird ein reicheres, tieferes, es
wird ein in sich selbst wirkungsfähigeres. Je mehr es dies ist, um so
mehr steigert sich zugleich die Wirkung jenes subjektiven Faktors, d. h.
der in uns stattfindenden Stauung. Das Ganze der Wirkung ist ja notwendig
ein Produkt aus den beiden Faktoren. Und in einem Produkt wirkt jeder
Faktor um so mehr, je grösser der andere ist.

Dies gilt auch, wo der Konflikt überwunden wird, falls nämlich er nicht
durch den dummen Zufall oder einen Deus ex machina, sondern durch eine
Kraft oder Grösse überwunden wird, mit der wir sympathisieren. Die Kraft
und Grösse wird, indem sie überwindet, für uns objektiv oder an sich
bedeutsamer. Zugleich steigert sie die Stauung oder die Erwartung ihres
sich Auslebens, die "Spannung". Um so wirksamer wird dann auch die
Lösung.


ÄSTHETISCHE BEDEUTUNG DES BÖSEN.

Auf dies alles gehe ich hier nicht weiter ein. Dagegen interessiert uns
noch ein fundamentaler Gegensatz. Wir sprachen bisher von Eingriffen in
die Persönlichkeit, von Hemmungen ihres freien sich Auslebens, kurz vom
Leiden, und der daraus sich ergebenden Stauung.

Aber neben dem Leiden steht das Böse. Auch das Böse greift störend ein in
den freien Ablauf eines Vorstellungszusammenhanges, bewirkt also eine
Stauung und damit eine Steigerung der psychischen Bewegung. Der
Vorstellungszusammenhang besteht hier in dem Zusammenhang zwischen dem
Menschen und der sittlichen Forderung, die wir an ihn stellen.

Eine Persönlichkeit vollziehe in sich mit Bewusstsein die Negation des
Sittlichen, verhalte sich also wollend widersittlich, oder was dasselbe
sagt, in irgend einem Punkte widermenschlich. Sie leugne in Worten oder
durch die That eine sittliche Forderung. Dann gewinnt in uns diese
sittliche Forderung erhöhte Kraft. Jemehr sie geleugnet wird, um so
bestimmter setzen wir sie der Verneinung entgegen. Unser eigenes
sittliches Bewusstsein tritt uns mächtiger entgegen.

Darin liegt nun nicht ohne weiteres ein ästhetischer Wert. Die
wahrgenommene Auflehnung gegen die in mir bestehende sittliche Forderung
erfüllt mich mit Unlust. Die Kraft, mit der ich das eigene sittliche
Bewusstsein festhalte, giebt mir sittliches Kraftgefühl, etwas von
sittlichem Stolz. Und dies Gefühl ist an sich beglückend. Das Objekt aber
erscheint um so unlustvoller.

Nehmen wir indessen jetzt an, die sittliche Persönlichkeit sei nicht nur
in uns, und werde in uns wachgerufen und durch den "Kontrast" zur
"Reaktion" veranlasst, sondern sie finde sich auch irgendwie neben der
Negation des Sittlichen in einem Kunstwerke, dann ergiebt sich, auf Grund
dieser Negation, ein besonderer _ästhetischer Wert_.

Es bestehen dafür verschiedene Möglichkeiten, die ich wiederum nur
andeute. Das Böse ist "Folie" des Guten, d. h. wir finden die sittliche
Forderung, die einerseits geleugnet erscheint und dadurch in uns Kraft
gewinnt, andererseits verwirklicht, und erleben es jetzt, dass diese
Verwirklichung uns eindrucksvoller, also in höherem Grade in ihrem vollen
Werte sich darstellt. Oder wir sehen in einer und derselben
Persönlichkeit das Gute neben dem Bösen, als Kehrseite desselben, und
erfahren eine gleichartige Wirkung. Oder das Böse, die ihr Mass
überschreitende Leidenschaft, hat ein Gutes zu ihrer Wurzel und weist uns
darauf hin. Oder das Böse ist Durchgangspunkt des Guten, der Weg, auf dem
das Gute in einem Menschen sich Bahn bricht.

Hier ist die den Eindruck des Guten steigernde Wirkung zunächst wiederum
eine subjektiv bedingte. Der Gegensatz und die dadurch bedingte Stauung
oder "Spannung" steigert die psychische Bewegung in uns. Auch hier aber
gesellen sich zur subjektiv bedingten objektiv bedingte Wirkungen.

Es verfällt etwa der Böse einem üblen Geschick. Jetzt erscheint unserer
alles vermenschlichenden Phantasie dies Geschick wie eine dem Bösen sich
entgegensetzende quasi-persönliche Macht, mit deren Wollen wir uns Eines
fühlen. Vielleicht bedient sich das Geschick der Bösen. Böses Wollen und
böses Wollen bekämpfen sich und bringen sich zu Falle. Dann ist unser
sittliches Bewusstsein befreit; wir sind versöhnt. Das Gute hat Recht
behalten.

Aber dies Gute ist doch einstweilen nur "das" Gute, die sittliche Macht
nur eine quasi-persönliche. Sie wird zu einer persönlichen, wenn gutes,
berechtigtes, sittliches Wollen eines Menschen gegen das Böse sich kehrt
und darin seine Kraft bethätigt. Diese Kraft erweist sich doppelt gross,
wenn in der bösen Persönlichkeit selbst ein sittliches Bewusstsein oder
ein Zwang der Anerkennung, dass das Gute Recht habe, sich regt; oder wenn
endlich dies sittliche Bewusstsein das Böse besiegt und endgültig die
Übermacht in der Persönlichkeit behauptet.

Auch darauf gehe ich hier nicht näher ein. Es genügt mir auch hier, die
Hauptmomente der tragischen Wirkung kurz bezeichnet zu haben. Alle diese
Momente haben in der Wirkung des Humors ihr Gegenstück.




XVI. KAPITEL. DAS WESEN DES HUMORS.


LAZARUS' THEORIE.

Dass durch die Negation, die am positiv Menschlichen geschieht, dies
positiv Menschliche uns näher gebracht, in seinem Wert offenbarer und
fühlbarer gemacht wird, darin besteht, wie wir sahen, das allgemeinste
Wesen der Tragik. Ebendarin besteht auch das allgemeinste Wesen des
Humors. Nur dass hier die Negation anderer Art ist als dort, nämlich
komische Negation.

Ich sagte vom Naivkomischen, dass es auf dem Wege liege von der Komik zum
Humor. Dies heisst nicht: die naive Komik ist Humor. Vielmehr ist auch
hier die Komik als solche das Gegenteil des Humors. Die naive Komik
entsteht, indem das vom Standpunkte der naiven Persönlichkeit aus
Berechtigte, Gute, Kluge, von unserem Standpunkte aus im gegenteiligen
Lichte erscheint. Der Humor entsteht umgekehrt, indem jenes relativ
Berechtigte, Gute, Kluge aus dem Prozess der komischen Vernichtung
wiederum emportaucht, und nun erst recht in seinem Werte einleuchtet und
genossen wird. Dieser Erfolg wird in den auf S. 104 ff.[*] zuletzt
angeführten Fällen der naiven Komik notwendig eintreten. Insofern waren
sie zugleich Fälle des Humors.

[* Im Unterkapitel MÖGLICHKEITEN DES NAIV-KOMISCHEN. Transkriptor.]

Der eben bezeichneten Auffassung des Humors scheint Lazarus in seinem
Werke "Das Leben der Seele" zu widersprechen, indem er im Humor überhaupt
nicht eine eigene Kunstform, sondern vielmehr eine eigene Denkweise und
Gemütsverfassung, sozusagen eine eigene Weltanschauung sehen will.
Indessen damit ist uns hier nicht gedient. Mag immerhin das Wort Humor in
diesem Sinne genommen werden können--und wir werden es selbst später so
nehmen--hier handelt es sich um etwas anderes. Wie es uns ehemals nicht
auf den Witz ankam, den man hat, sondern auf denjenigen, den man macht,
so beschäftigt uns hier nicht der Humor, den man hat, sondern das
humoristische Thun oder Verhalten, der einzelne Fall des Humors.

Thatsächlich nimmt nun auch _Lazarus_ im Verlaufe seiner Abhandlung das
Wort Humor in diesem letzteren Sinne. Der von uns als naiv in Anspruch
genommene Ausspruch des Korporals Trim ist für _Lazarus_ ein Fall des
Humors. Nun kommt in diesem Ausspruch freilich eine bestimmte Denkweise
zu Tage. Aber weder, dass diese Denkweise vorhanden ist, noch dass sie
überhaupt zu Tage kommt, sondern die Art, wie sie zu Tage kommt, macht
den Vorfall zu einem humoristischen. Und Entsprechendes gilt von der Rede
_Falstaff_'s, die _Lazarus_ gleichfalls der Gattung des Humors zuweist.

Wichtiger aber ist uns, dass _Lazarus_ bei der Erklärung dieser einzelnen
Fälle des Humors--ebenso wie _Hecker_ und _Kräpelin_ bei ihrer Erklärung
des Naiven--die Hauptsache übersieht. "Wie lächerlich," sagt er mit Bezug
auf Trim, "wenn einer das vierte Gebot nicht als einen selbständigen Satz
auswendig kennt, wie erhaben, wenn einer es so strikt, so reich, so voll
erfüllt. Wie humoristisch, wenn wir beides zugleich von ihm erfahren". In
der That ist es gar nicht humoristisch, wenn wir diese beiden Dinge
zugleich und von Einem erfahren. Man lasse Trim auf die Frage des Doktors
der Theologie einfach erklären, er wisse nur, was das Gebot von ihm
verlange, nämlich, dass er seinem Vater von seinen 14 Groschen Lohn 7
geben solle, und der Eindruck des Humors ist dahin. Eine solche Erklärung
wäre eben eine einfach sachgemässe Erklärung, nicht mehr eine
gleichzeitig treffende und unzutreffende, erhabene und nichtige
_Beantwortung der Katechismusfrage_.

Noch weniger trifft _Lazarus_' Erklärung des Humors der _Falstaff_'schen
Rede die Sache. _Falstaff_ wecke, so meint er, alle hohen Ideen, deren
Widerpart er in Leben und Gesinnung sei, durch sein Reden und Thun. "Er
spricht von Ehre, Mut u. s. w.; er stellt den König dar, wie er Heinrich
straft u. s. w.; in allem ist er ein Gebildeter, die Ansprüche der Idee
Kennender und Zeigender. Wir lachen über ihn, obgleich er das Hohe
erniedrigt (z. B. in seiner Definition der Ehre); wir lachen, weil er
selbst die wahre Idee in uns weckt, und diese um so sicherer zeigt, je
angelegentlicher er dagegen kämpft".

Der Humor der Rede _Falstaff_'s beruht also für _Lazarus_ darin, dass die
Erniedrigung der Ehre doch zugleich die Idee der Ehre in uns wachruft.
Wäre damit ohne weiteres der Humor gegeben, so müsste jeder, der nicht
aus Unkenntnis, sondern in bewusster Bosheit das Edle erniedrigte und in
den Schmutz zöge, humoristisch erscheinen, auch wenn er dies ohne allen
"Humor" thäte. Denn je boshafter es herabgezogen wird, um so deutlicher
wird uns jederzeit das Edle als solches zum Bewusstsein kommen. In
Wirklichkeit würde aber solche Bosheit nicht den Eindruck des Humors,
sondern das Gefühl der Empörung hervorrufen. So ist denn auch der Grund
der Humors der _Falstaff_'schen Rede in gewisser Weise gerade der
entgegengesetzte von demjenigen, den _Lazarus_ angiebt. Nicht dass
_Falstaff_ das Recht des Sittlichen bewusst verneint, sondern das er zu
dem, was er sagt, selbst ein gewisses, nämlich individuelles, sittliches
Recht _hat_, das macht den Humor der Rede.

Wie _Lazarus_ in der Bestimmung des Humors die Hauptsache übersieht, dies
wird nicht minder deutlich aus seinem allgemeinen Erklärungsversuch. Der
Seelenzustand des Humors soll sich ergeben "aus dem Wesen und Verhältnis
von Fühlen und Denken. Indem das Gefühl der Realität ebenso herrschend
ist, wie der Gedanke des Idealen, entspringt durch die Gleichzeitigkeit
eine notwendige Verschmelzung beider, vermöge deren das Ideale den
psychologischen Wert und Reiz des Realen erhält, sodass im Humor nicht
nur die Wirklichkeit und die sinnliche Welt, sondern auch die Idee selbst
anders, nämlich tiefer, kräftiger, lebensvoller aufgefasst wird als im
abstrakten Idealismus."

Diese Erklärung erweckt allerlei Bedenken. Zunächst frage ich mich
vergeblich, nach welchem psychologischen Gesetz jene Verschmelzung
geschehen, und nach welchem psychologischen Gesetz sie die ihr hier von
_Lazarus_ aufgebürdete Wirkung haben solle. Ich könnte weiterhin darauf
aufmerksam machen, wie viel Unheil in der Ästhetik das nichtssagende
Abstraktum Idee schon angerichtet hat. Lassen wir uns aber diesen Begriff
gefallen, dann müssen wir allgemein sagen: Mag noch so sehr das Ideale
und Reale in uns gleichzeitig Macht gewinnen und das Gefühl des einen mit
dem Gedanken des andern, ich weiss nicht wie, "verschmelzen"; der
Eindruck des Humors ensteht uns jedenfalls erst, wenn wir das Ideale in
einer Persönlichkeit verwirklicht finden, und zugleich auch nicht
verwirklicht finden, wenn also das Ideale das Reale ist, und doch
zugleich nicht ist. Oder wenn wir jetzt wiederum auf das "Ideale" und
"Reale" verzichten. Der eigentliche Grund und Kern des Humors ist überall
und jederzeit das relativ Gute, Schöne, Vernünftige, das auch da sich
findet, wo es nach unseren gewöhnlichen Begriffen nicht vorhanden, ja
geflissentlich negiert erscheint.

_Lazarus_ bezeichnet den Humor der _Fallstaff_'schen Rede im Gegensatz
zum Humor _Trim_'s als objektiven. Dieser Unterschied ist ungültig.
_Falstaff_ und _Trim_ erscheinen humoristisch aus völlig gleichem Grunde.


NAIVITÄT UND HUMOR.

In allem naiv Komischen steckt nach oben Gesagtem Humor. Ich bezeichnete
diesen Humor als die Kehrseite der naiven Komik. Aber es kann nicht
umgekehrt gesagt werden, jeder Humor sei naiv. Vielleicht ist man
geneigt, schon einige der oben angeführten Fälle des naiv Komischen, vor
allem die naive Komik des _Sokrates_ nicht mehr als naiv-komisch gelten
zu lassen. Zur Naivität gehört es, ihrer selbst unbewusst zu sein. Daraus
folgt dann, was den Humor betrifft, freilich zunächst nur dies, dass es
einen unbewussten Humor giebt. Andererseits kann aber der Humor als
vollbewusster sich darstellen.

Diesen bewussten Humor will _Hecker_ einzig als Humor anerkennen. Der
Humor, meint er, sei im Gegensatz zum Naiven völlig bewusst, ja
willkürlich. Das ist dann eine engere Fassung des Begriffs des Humors,
die wir nicht mitmachen wollen. Die Einsicht in das positive Wesen des
Humors, das vom Gegensatz des Bewussten und des Unbewussten unabhängig
ist, verbietet es uns. Auch der Sprachgebrauch widerspricht.

Es ist naiv, wenn die Putten in _Rafaels_ Madonna di San Sisto so recht
kindlich, und doch so ganz entgegen dem feierlichen Charakter des
Vorganges sich über die Brüstung lehnen. Aber niemand wird uns verwehren
dürfen zu sagen, es stecke darin köstlicher Humor. Wenn _Bräsig_ gegen
Bildung und Sitte verstösst, so thut er dies meist völlig unbewusst. Er
ist also insofern naiv. Und doch bezeichnet _Lazarus_ mit Recht _Bräsig_
als eine der großartigsten humoristischen Schöpfungen,

Und wir können noch mehr sagen. Auch im bewussten Humor steckt eine Art
der Naivität. Nicht nur bei _Falstaff_ und _Trim_, sondern auch bei
_Hamlet_, beim Narren im Lear, selbst bei _Mephisto_, ist der eigentliche
Kern des Humors nicht ein Ergebnis bewusster Reflexion, sondern das
Gesunde, Gute, Vernünftige, das in der innersten "Natur" der
Persönlichkeit liegt und darum nicht umhin kann, in ihrem verkehrten oder
närrischen Gebaren mit "naiver" Gewalt sich geltend zu machen.

Damit ist doch jener Gegensatz des Bewussten und des Unbewussten nicht
aufgehoben. Der Humor kann, sagte ich, schliesslich ein vollbewusster
sein. Er ist ein solcher, wenn der Träger desselben sich sowohl des
Rechtes, als auch der Beschränktheit seines Standpunktes, sowohl seiner
Erhabenheit als auch seiner relativen Nichtigkeit bewusst ist, wenn er
also neben seinem Rechte auch das Recht derer anerkennt, denen sein Thun
komisch ist. Dies ist der Humor, von dem Kuno Fischer sagt, er sei "die
volle und freie Selbsterkenntnis, die nicht möglich ist, ohne helle
Erleuchtung der eigenen Karikatur, ohne die komischen Vorstellungen der
anderen heiter über sich ergehen zu lassen". Es muss nur hinzugefügt
werden, dass dies heitere Übersichergehenlassen der komischen
Vorstellungen anderer nur möglich ist, wenn der Träger des Humors
zugleich des relativen Rechtes seines Thuns, wenn er also eines diesem
Thun zu Grunde liegenden positiven Kernes seiner Persönlichkeit, der
durch das Lachen der anderen nicht getroffen wird, sich bewusst ist. Die
vollbewusste humoristische Persönlichkeit lässt andere über ihr Gebaren
lachen und lacht selbst herzlich mit; zugleich weiss sie sich doch im
innersten Kern ihrer Persönlichkeit über jenes Lachen erhaben. Sie lacht
auch wieder über dies Lachen und lacht so am besten, weil sie zuletzt
lacht.

Man erinnert sich, dass wir das Verhalten des _Sokrates_ bei Aufführung
der Wolken oben als letztes Beispiel der naiven Komik aufführten,
zugleich aber zugaben, dass der Name des Humors dafür geeigneter
erscheine. Wir können jetzt nicht nur Humor, sondern vollbewussten Humor
im eben bezeichneten Sinne darin erblicken. Es entfernt sich dann
_Sokrates_' Verhalten möglichst weit von dem naiv Komischen im engeren
Sinne. Schon dass _Sokrates_ der Aufführung der Wolken beiwohnt und
mitlacht, wenn sein Gegenbild auf der Bühne verlacht wird, ist
humoristisch. Wie thöricht, wenn man dem Lachen Anderer zu begegnen
meint, indem man mitlacht; wie schwächlich, wenn man auch nur dies
Lachen, statt irgendwie dagegen aufzutreten oder es abzuwehren, sich
gefallen lässt. Giebt man nicht damit den Lachern Recht?--Aber eben dies
ist die Meinung des _Sokrates_. Er versteht den Standpunkt des
Volksbewusstseins, zu dessen Vertreter sich _Aristophanes_ gemacht hat,
und sieht darin etwas relativ Gutes und Vernünftiges. Er anerkennt eben
damit das relative Recht derer, die seinen Kampf gegen das
Volksbewusstsein verlachen. Damit erst wird sein Lachen zum Mitlachen.
Andererseits lacht er doch über die Lacher. Er thut es und kann es thun,
weil er des höheren Rechtes und notwendigen Sieges seiner Anschauungen
gewiss ist. Eben dieses Bewusstsein leuchtet durch sein Lachen, und lässt
es in seiner Thorheit logisch berechtigt, in seiner Nichtigkeit sittlich
erhaben erscheinen.

Dieser Humor steigert sich dann noch, wenn _Sokrates_ sich erhebt und
seinen Lachern geflissentlich preisgiebt. Jetzt erst begeht er eine
rechte Thorheit; und er begeht sie mit vollem Bewusstsein. Er erniedrigt
sich nicht nur in den Augen der Menge, sondern er weiss, dass er sich
erniedrigt, und er weiss es nicht nur, sondern er giebt wiederum denen,
die ihn jetzt erst recht verlachen, relativ Recht. Die Menge, wie kann
sie anders--nach gewöhnlicher und in ihrer Art wohlberechtigter
Anschauung--als solches Gebaren thöricht finden, und wie sollte sie das
natürliche Recht sich verkümmern lassen, über das zu lachen, was nun
einmal ihren Horizont überschreitet. Zugleich lacht doch _Sokrates_
wiederum über die, deren relatives Recht, ihn zu verlachen, er einräumt,
weil er weiss, das seine Erhabenheit der Erniedrigung zum Trotz bestehen
bleibt, ja in derselben erst recht zu Tage tritt.

Indem ich hier den vollbewussten Humor zu kennzeichnen versuche, habe ich
im Grunde auch schon das Wesen des Humors nicht als einzelnen
humoristischen Thuns, sondern als einer Gesinnung oder Denkweise
bezeichnet. Diese beiden Begriffe des Humors wollten wir oben scharf
unterscheiden. Auch jetzt bleiben wir bei dieser Unterscheidung. Zugleich
sehen wir doch, dass die Inhalte dieser beiden Begriffe aufs
unmittelbarste zusammenhängen. Die Denkweise des Humors ist es, die dem
bewusst humoristischen Thun zu Grunde liegt und darin sich kundgiebt.
Auch _Sokrates_ handelt nicht nur humoristisch, sondern er denkt
humoristisch oder hat Humor. Er könnte sonst nicht so handeln wie er
handelt.--Andererseits brauchen wir Humor, um den Humor des
_Sokrates_'schen Thuns zu verstehen.

Wir können aber überhaupt _jeder_ Art der Komik mehr oder weniger Humor
entgegenbringen. Je mehr wir ihr entgegenbringen, um so mehr "Sinn" für
Komik haben wir. Ich sagte schon oben, dass in der Komik nicht nur das
Komische in nichts zergeht, sondern auch wir in gewisser Weise, mit
unserer Erwartung, unserem Glauben an eine Erhabenheit oder Grösse, den
Regeln oder Gewohnheiten unseres Denkens u. s. w. "zu nichte" werden.
Über dieses eigene Zunichtewerden erhebt sich der Humor. Dieser Humor,
der Humor, den wir angesichts des Komischen _haben_, besteht schliesslich
ebenso wie derjenige, den der Träger des bewusst humoristischen
Geschehens hat, in der Geistesfreiheit, der Gewissheit des eigenen Selbst
und des Vernünftigen, Guten und Erhabenen in der Welt, die bei aller
objektiven und eigenen Nichtigkeit bestehen bleibt, oder eben darin zur
Geltung kommt. Er besteht "_schliesslich_" darin, das will sagen, dass
freilich nicht jeder Humor diese höchste Stufe erreicht. Es giebt
niedrigere Arten des Humors, und es giebt neben dem hier vorausgesetzten
positiven einen negativen, neben dem versöhnten einen entzweiten Humor.


HUMOR UND "PSYCHISCHE STAUUNG".

Auf diese Unterschiede werden wir später zurückzukommen haben.
Einstweilen sahen wir, dass Erhabenheit in der Komik das Wesen des Humors
bezeichnet.

Wir sagten aber auch schon, der Humor sei Erhabenheit in der Komik und
_durch_ dieselbe. Die Erhabenheit ist nicht nur bei der Komik, oder
irgendwie mit ihr verbunden, sondern die Komik lässt die Erhabenheit erst
eigentlich für uns zu stande kommen.

Wie dies möglich ist, dies sagt uns wiederum das Gesetz der "psychischen
Stauung". Wiefern eine solche Stauung bei aller Komik stattfinde, haben
wir gesehen. Wir sahen, wie diese Stauung die "Verblüffung" bewirkt, wie
sie dann den Anspruch des Nichtigen ein Erhabenes zu sein, heraustreten
lässt und dadurch das Nichtige, auch nachdem es als solches, das heisst
als Nichtiges sich dargestellt hat, zum Gegenstande der Aufmerksamkeit,
und damit zum Objekte des freien und heiteren Spieles der Auffassung
werden lässt.

Zugleich aber bewirkt die Stauung ein Weiteres; nämlich die nachfolgende
Rückwärtswendung des Blickes auf dasjenige, das den Anspruch der
Erhabenheit machte. Dabei bestehen die beiden Möglichkeiten: Dieser
Anspruch erscheint auch jetzt als blosser Anspruch; oder er erscheint als
berechtigter Anspruch.

Wie sonst, so lässt auch hier die "Rückwärtswendung des Blickes", das
heisst die Rückkehr der seelischen Bewegung nach ihrem Ausgangspunkte zu,
an diesem Ausgangspunkte neue Seiten entdecken, falls nämlich an ihm
solche zu entdecken sind.

Ich erinnere noch einmal an eines der oben angeführten Beispiele: Auf ein
A sahen wir in der Erfahrung sonst ein B folgen. Jetzt folgt ihm ein dem
B widersprechendes B1. Dann ist das Erste die Verblüffung, das
[Griechisch: thaumazein], die Frage: Was ist oder was will das. Ihr folgt
das sich Besinnen, die Konzentration auf das A und die Erwartung, dass
wieder B folge. Das Dritte ist in diesem Falle--nicht die Auflösung der
Erwartung in nichts, aber das Bewusstsein des Widerspruches.

Daran aber schliesst sich die Rückkehr zu dem A. Und diese Rückkehr ist
gleichbedeutend mit einer genaueren Betrachtung des A, mit der Frage, ob
A wirklich das A sei, auf das sonst das B folgte. Dabei kann an dem A
etwas gefunden werden, das es von jenem A unterscheidet, es zu einem
davon verschiedenen A1 macht.

Der gleiche Prozess vollzieht sich auch bei der Komik. Auch hier führt
die Rückkehr zu A, ich meine zu dem, was als erhaben sich gebärdete, zur
volleren Erkenntnis desselben. Hat dasselbe begründeten Anspruch auf
Erhabenheit, so wird, was diesen Anspruch begründet, entdeckt, oder es
tritt deutlicher ins Bewusstsein. Das Komische erscheint schliesslich
vielleicht als das eigentlich Erhabene.

Indem das nicht nur scheinbar, sondern in Wahrheit Erhabene
solchergestalt aus dem komischen Prozess erst recht als ein Erhabendes
emportaucht, besitzt es zugleich für uns einen besonderen Charakter. Es
giebt eben doch an ihm eine Seite, oder es giebt für dasselbe eine
mögliche Beleuchtung, die es jederzeit wiederum zum Gegenstand der Komik
oder unserer spielenden Anfassung werden lassen kann. Dadurch mildert
sich seine Erhabenheit. Hat die Erhabenheit Strenge, so weicht diese
Strenge. Der Gegenstand der Ehrfurcht wird uns vertrauter, wird Gegentand
der Liebe. Es ist die Aufgabe des Humors, Erhabenes liebenswert
erscheinen zu lassen, wie es andererseits seine Aufgabe ist, Erhabenes im
Verborgenen, in der Enge und Gedrücktheit, im Geringgeachteten und
Verachteten, in jeder Art der Kleinheit und Niedrigkeit aufzusuchen.




XVII. KAPITEL. ARTEN DES HUMORS.


DIE DASEINSWEISEN DES HUMORS.

Das allgemeine Wesen des Humors, von dem im Vorstehenden die Rede war,
bestimmt sich genauer und gewinnt mannigfache speciellere Züge in den
verschiedenen Arten des Humors.

Solche lassen sieh zunächst unterscheiden nach zwei Gesichtspunkten.
Mehrfach schon war die Rede vom Humor als Stimmung, oder als Weise der
Betrachtung der Dinge. Ich "habe" Humor, wenn ich diese Stimmung habe
oder dieser Weise der Betrachtung mich hingebe. Ich selbst bin hier der
Erhabene, der sich Behauptende, der Träger des Vernünftigen oder
Sittlichen. Als dieser Erhabene oder im Lichte dieses Erhabenen betrachte
ich die Welt. Ich finde in ihr Komisches und gehe betrachtend in die
Komik ein. Ich gewinne aber schliesslich mich selbst, oder das Erhabene
in mir, erhöht, befestigt, gesteigert wieder. Damit ist hier der
humoristische Prozess vollendet.

Man erinnert sich des Gegenstückes dieser humoristischen Weltbetrachtung,
das uns oben bei Betrachtung der Tragik begegnete. Es besteht in der
Weltbetrachtung, die einen sittlichen Massstab anlegt--nicht an das
Kleine und Nichtige, oder an das, was so erscheint, sondern an das
Schlechte, das Böse, das Übel; kurz das ernste Nichtseinsollende. Auch
aus solcher Weltbetrachtung kann ich in meiner Persönlichkeit oder meinem
sittlichen Bewusstsein gesteigert zu mir zurückkehren.

Neben diese ernst sittliche Weltbetrachtung stellten wir die gleichartige
_Darstellung_ der Welt, der Menschen, des Geschehens in der Welt. Dieser
entspricht in der Sphäre des Humors die _humoristische Darstellung_. Ich
finde das Kleine, Nichtige, Belachens- und Verlachenswerte _dargestellt_
und komisch beleuchtet: zugleich offenbart sich in der Weise der
Darstellung der vernünftige oder sittliche Standpunkt. Sein Recht, seine
Wahrheit, seine Überlegenheit wird aus der Darstellung offenbar und
eindringlich.

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