Komik und Humor
T >>
Theodor Lipps >> Komik und Humor
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9 |
10 |
11 |
12 |
13 |
14 |
15 |
16 |
17 |
18 |
19 |
20 |
21 |
22 |
23 | 24 |
25 |
26
Die dritte "Daseinsweise" des Humors endlich ist verwirklicht im
"objektiven Humor". Hier ist das Positive des Humors, d. h. das Erhabene
nicht mehr bloss in mir, auch nicht lediglich in der Weise der
Darstellung, sondern es findet sich, ebenso wie das Nichtige, in den
dargestellten Objekten. Diese Daseinsweise des Humors erst hat ihr
Gegenstück in der Tragik, und weiterhin in jeder künstlerischen
Darstellung, in der das Böse und das ernste Übel in der Welt einen Faktor
des ästhetischen Genusses ausmacht.
Bleiben wir noch einen Augenblick bei diesen drei Daseinsweisen des
Humors. Der Humor, so sagen wir, ist Erhabenheit in der Komik und durch
dieselbe. Bei der humoristischen Weltbetrachtung nun ist zunächst das
Erhabene in mir. Dann freilich ist auch das Komisch-Nichtige in mir, aber
nur sekundärer Weise, nur sofern, wie schon früher gesagt, mein Eingehen
in die Komik zugleich eine Art des Zunichtewerdens meiner selbst in sich
schliesst. Lediglich soweit dies der Fall ist, besteht hier Erhabenheit
in der Komik und demnach Humor.
Damit ist zugleich gesagt, dass dieser Humor in sehr verschiedenen Graden
sich verwirklichen kann. Es fragt sich jedesmal, in welchem Masse ich mir
das eigene Zunichtewerden gefallen lassen kann, und in welchem Masse ich
doch zugleich davor geschützt bin, thatsächlich zu nichte zu werden. Ich
muss, um diesen Humor zu erleben, von meiner Höhe herabsteigen; aber
nicht, um da unten zu bleiben, sondern um von da aus jene Höhe zu
ermessen und erst recht zu erkennen, also in meinen Gedanken,--und darum
handelt es sich ja hier--doch auch wiederum auf der Höhe zu bleiben, und
jetzt erst mit vollem Bewusstsein da zu sein.
Darin liegt dann zugleich das Umgekehrte: Ich bin auf der Höhe nicht
abgeschlossen, wie auf einer einsamen weltabgeschiedenen Höhe. Sondern
ich bin da mit der Möglichkeit, immer wiederum herabzusteigen und mich in
die nichtige Welt zu mischen. Und ich bin immer wiederum im Begriff dies
zu thun. Ich bin auf der Höhe mit der eigentümlichen Geistesfreiheit, die
hieraus sich ergiebt.
Derselbe Humor liegt bei der humoristischen _Darstellung_ in der Weise
der _Darstellung_. Er liegt zugleich in mir, sofern ich die Darstellung
innerlich nachmache und ihren Humor in mir nacherlebe. Auch hier ist das
Komische oder das Zunichtewerden nur sekundärer Weise mit dem
Erhabenen--in der Darstellung und in mir--vereinigt. Sofern ich den
hieraus sich ergebenden Humor in der Darstellung finde, ist derselbe
objektiver Humor; das Gefühl dafür ist eine Weise des objektivierten
Selbstgefühls. Andererseits ist der Humor der Darstellung doch wiederum
kein objektiver: Er ist noch nicht in den dargestellten Objekten.
Darum bezeichne ich den oben sogenannten objektiven Humor speciell mit
diesem Namen. Bei ihm ist der Humor dreifach da: in den Objekten, in der
Weise der Darstellung und in mir. Dies doch nicht im Sinne des
Nebeneinander. Der Humor ist in Wahrheit nur in mir. Aber ich erlebe ihn
in den Objekten und der ihrer Natur entsprechenden Darstellung.
HUMOR DER DARSTELLUNG.
Der Humor der Darstellung ist lyrisch. Das Spezifische der Lyrik ist
dies, dass bei ihr das eigentliche Objekt der Darstellung, das innere
Geschehen, keinen persönlichen Träger hat. Man sagt wohl, Träger dieses
inneren Geschehens sei der Dichter. Dies ist unrichtig, wenn man mit dem
Dichter diese bekannte oder unbekannte wirkliche Persönlichkeit meint.
Diese Persönlichkeit mag ein Ähnliches inneres Geschehen thatsächlich
einmal erlebt haben. Aber für das dichterische Erzeugnis kommt nur die
Thatsache in Betracht, dass der Dichter als _Dichter_ den Inhalt der
Dichtung in sich erlebt hat. Er hat ihn erlebt als Dichter, d. h. aber;
er hat ihn erlebt als ideelle Persönlichkeit, nicht als dieser bestimmte
Mensch, sondern als ideeller Repräsentant _des_ Menschen. Sein etwaiges
wirkliches Erleben ist hierfür nur Vorbild.
Als solcher ideeller Repräsentant _des_ Menschen erlebt der Dichter das
lyrisch dargestellte innere Geschehen, _solange_ er es eben erlebt, d. h.
insbesondere im Akte des Dichtens. Genau in derselben Weise aber erleben
wir es, wenn wir die Dichtung hören, lesen, uns derselben erinnern, und
sie geniessen. So oft wir dies thun, treten _wir_ an die Stelle des
Dichters. Wir sind jetzt die Träger jenes inneren Geschehens, wiederum
nicht als diese realen Persönlichkeiten, sondern als ideelle
Repräsentanten des Menschen. Ich sage: des Menschen; in jedem einzelnen
Falle ist dies natürlich nicht der Mensch überhaupt, sondern eine
bestimmte Seite am Menschen oder eine mehr oder minder speciell geartete,
auch durch äussere Umstände mehr oder minder determinierte Modifikation
"des" Menschen.
Dies meine ich, wenn ich sage, das in der Lyrik dargestellte innere
Geschehen habe keinen persönlichen Träger. Es hat zum Träger nicht eine
Persönlichkeit, die von derjenigen, die das lyrische Produkt in sich
erlebt und geniesst, verschieden wäre. Es hat also bald diesen bald jenen
Träger. Zugleich sind alle diese Träger doch wiederum nur Beispiele des
persönlichen Trägers, der so oder so gearteten Modifikation des Menschen
oder des Menschseins.
Darum ist es doch nicht in jedem Sinne zutreffend, wenn man die Lyrik die
"_subjektive_" Dichtungsgattung nennt. Eben dieser unpersönliche Träger
ist nicht nur im Dichter vorhanden, wenn er dichtet, und in uns, wenn wir
das dichterische Erzeugnis uns innerlich zu eigen machen, sondern er ist
zugleich im Kunstwerk, also objektiv da. Als objektiver Vorgang, als
etwas uns Gegebenes tritt uns das dargestellte innere Geschehen entgegen.
Es ist für uns nicht nur ein subjektives, sondern zugleich ein objektives
persönliches Erleben. Das innere Geschehen wird nicht nur von uns erlebt,
sondern es geschieht zugleich ausser uns, und wird von uns miterlebt.
Oder was dasselbe sagt: Auch hier objektivieren wir unser Erleben, und
uns, sofern wir es erleben; auch hier erleben wir, was wir erleben, in
einem Anderen. Nur nicht in einem bestimmten, vom Dichter uns vor Augen
gestellten Anderen, sondern in einem Anderen, der für uns--nicht
individuell, sondern der Art nach dieser oder jener ist, soweit ihn das
dargestellte innere Geschehen als diesen oder jenen charakterisiert, d.
h. von anderen _qualitativ_ unterscheidet.--Natürlich rede ich hier von
der _reinen_ Lyrik.
So nun verhält es sich auch bei der humoristischen Darstellung im hier
vorausgesetzten Sinne dieses Begriffes. Wir erleben den Humor mit oder
nach, aber nicht als Humor in einem dargestellten Individuum, sondern als
überindividuellen Humor oder als Humor im Menschen, nämlich im Menschen,
sofern er eben solchen Humor haben kann und hat.
Dagegen ist der speciell von uns sogenannte objektive Humor, sofern er
künstlerisch verwirklicht ist, episch oder dramatisch. Das heisst: er ist
Humor eines dargestellten Individuums, das je nachdem einer, obzwar auch
nur ideellen Zeit, oder keiner Zeit, d. h. der zeitlosen Gegenwart
angehört. In jenem Falle wird er von uns im engeren Sinne des Wertes
nacherlebt, in diesem unmittelbar miterlebt.
STUFEN DES HUMORS.
Die zweite Einteilung von Arten des Humors hat mit der soeben vollzogenen
dies gemein, dass auch bei ihr die Beziehung des Erhabenen zum Komischen
den Einteilungsgrund bezeichnet. Nur ist diese Beziehung hier anderer
Art. Die Komik, die einer Person anhaftet, oder in welche dieselbe
verflochten ist, kann einmal harmlos, unschädlich, ohne ernsten Stachel
sein. Wir sind, indem wir das Komische wahrnehmen, unmittelbar damit
versöhnt, weil wir uns unmittelbar darüber erheben können oder
unmittelbar darüber erhoben werden. Ohne Konflikt oder Kampf ist die
Erhabenheit zugleich mit der Komik für uns da.
Ein andermal ist das Komische an sich ein Verletzendes. Das Objekt der
Komik ist nicht Gegenstand des Lächelns oder des harmlos herzlichen
Lachens; sondern es erscheint lächerlich und wird verlacht. Ein
Gegensatz, ein Kampf, ein Konflikt findet statt zwischen ihm und einem
Erhabenen oder der Forderung eines solchen. Eben dieser Konflikt aber
stellt das Erhabene ins Licht. Und zwar nehmen wir hier an, dass das
_Dasein_ des Konfliktes, ohne äusserliche Lösung desselben, diese Wirkung
hat.
Die dritte Möglichkeit endlich ist die, dass ein solcher Konflikt nicht
nur besteht, sondern sich löst, d. h. das Lächerliche überwunden, das
Nichtige vernichtet wird oder selbst sich vernichtet, und damit das
Erhabene oder die Forderung desselben, die vorher geleugnet war, zum Sieg
gelangt.
Offenbar ist unter diesen drei Stufen des Humors die erste diejenige, der
nun zunächst den Namen des Humors zugestehen wird. Wir wollen sie als die
des versöhnten, oder des konfliktlosen, oder des in sich unentzweiten
Humors bezeichnen.
Die zweite Stufe dürfen wir dann bezeichnen als die Stufe des in sich
entzweiten oder des satirischen Humors. Entzweiung, Gegensatz, Konflikt
ist ja das Charakteristische der Satire. Ich verhalte mich zum Komischen
satirisch, indem ich es als zum Erhabenen oder zur Forderung eines
solchen gegensätzlich erkenne, verlache, lachend verurteile. In dieser
Verurteilung tritt die Erhabenheit des Erhabenen, sein höheres Recht,
seine Überlegenheit ans Licht. Dieser Humor kann scharf, bitter, ja
verzweifelt sein. Er bleibt doch Humor, so lange er das Komische nicht
einfach als nichtseinsollend abweist, sondern, wie es in der Natur der
Satire liegt, lachend in dasselbe eingeht, also daran teil nimmt.
Was endlich die dritte der oben bezeichneten Stufen des Humors betrifft,
so ist dabei dies zu bedenken: Das Nichtige, so sagte ich, tritt hier zum
Erhabenen in Gegensatz und wird vernichtet. Das Erhabene erringt den
Sieg. Aber dies muss, wenn hier wirklich eine Stufe, des Humors gegeben
sein soll, in "humoristischer" Weise geschehen. Und dies schliesst in
sich, dass dem Nichtigen das Erhabene nicht als ein durchaus Fremdes
entgegentritt. Das Erhabene darf nicht einfach von aussen her dem
Nichtigen entgegentreten und es beseitigen oder seinen Geltungs- oder
Herrschaftsanspruch aufheben. Sondern das Nichtige muss dazu, als
solches, eine Handhabe bieten. Es muss in gewisser Weise sich selbst
vernichten und dem Erhabenen zum Siege verhelfen. Es muss in solcher
Weise das Erhabene in sich selbst tragen. Oder umgekehrt, das Erhabene
muss in das Nichtige eingehen, und indem es dies thut, also in gewisser
Weise als Nichtiges, seine Erhabenheit zum Sieg bringen. Auch hier
erscheint dieser Sieg unter dem Gesichtspunkt einer Selbstvernichtung des
Nichtigen.
Nun war uns, wie man sich erinnert, die "_Ironie_" die Komik der
Selbstvernichtung. Sie war das Zergehen eines Erhabenheitsanspruches
durch diesen Anspruch selbst, oder durch die Weise, wie er erhoben wird,
durch die Festhaltung desselben, oder die aus ihm folgenden Konsequenzen.
Ironie des Schicksals ist die objektive Komik, die darin besteht, dass
das selbstgewiss auftretende Wollen sich selbst ad absurdum führt, oder
gerade durch das, was seiner Verwirklichung zu dienen schien, oder zu
dienen bestimmt war, ad absurdum geführt wird. Witzige Ironie ist die
Vernichtung des scheinbar Sinnvollen oder auf Sinn Anspruch Erhebenden
durch die Art wie der Anspruch erhoben wird, oder auf Grund der aus ihm
sich ergebenden Konsequenzen.
Demgemäss haben wir ein Recht, diese dritte Stufe des Humors als die des
"_ironischen Humors_" zu bezeichnen. Will man diesen Namen vermeiden, so
nenne man ihn wiederversöhnten Humor, entsprechend dem von Hause aus
versöhnten und dem entzweiten Humor.
UNTERARTEN DES HUMORS.
Die beiden im Vorstehenden unterschiedenen Einteilungen von Arten des
Humors kreuzen sich. Und daraus ergeben sich dreimal drei Arten.
Ich erhebe mich das eine Mal über das Zunichtewerden dieser oder jener
Erwartungen und Forderungen in der Welt, weil ich den Humor dazu besitze,
d. h. weil mein _Glaube_ an das Seinsollende, meine Empfänglichkeit für
das Gute, meine Freude am Schönen stark genug ist, um durch jenes
Zunichtewerden nicht angetastet zu werden. Mag sich die Welt auch
närrisch gebärden, und auch an meiner Person oder meinem Geschick das
Närrische nicht fehlen, so bleibe ich doch meiner selbst und der Welt, in
dem, was den Kern oder das Wesentliche an beiden ausmacht, gewiss.
Vielmehr, indem ich diese Selbstgewissheit oder diese Erhabenheit meiner
Betrachtung oder Stimmung dem Närrischen entgegensetze und sie ihm zum
Trotz behaupte, tritt diese Selbstgewissheit erst in ihrer Stärke hervor,
oder zeigt sich in der Macht, die sie in mir besitzt.
Offenbar gewinnt dieser "subjektive" Humor oder dieser Humor meiner
Weltbetrachtung eine andere und andere Bedeutung, je nachdem die
Betrachtung lediglich vom Standpunkte meiner individuellen Neigungen,
Wünsche, Anschauungen, Stimmungen, oder von einem objektiven, d. h.
allgemein menschlichen Standpunkt aus geschieht. Sie hat im letzteren
Falle, obgleich ihrem Wesen nach subjektiv, doch objektive Geltung oder
objektiven Wert. Die fragliche Weise der Weltbetrachtung gewinnt in
anderer Richtung einen verschiedenen Charakter, je nachdem der Gegensatz
des Erhabenen und Nichtigen, um den es sich dabei handelt, dem Gebiet der
verstandesgemässen Erkenntnis oder dem Gebiet eudämonistischer
Zweckmässigkeit, oder endlich dem eigentlich sittlichen Gebiete angehört.
Der Weltbetrachtung des versöhnten oder unentzweiten Humors steht
gegenüber die Weltbetrachtung des entzweiten Humors oder die satirische
Weltbetrachtung. Nicht immer ist die Negation des Seinsollenden harmlos.
Oft genug sehen wir das Nichtige, das _wesentlichen_ Forderungen der
"Idee" widerstreitet, in Macht und Geltung, Unvernunft, Zweckwidrigkeit,
sittliche Verkehrtheit herrschen in der Welt. Sie gebärden sich und
dürfen sich gebärden als wahre Vernunft, als echte Zweckmäßigkeit, als
hohe Moral. Der Wahnwitz wird heilig gesprochen. Der gebildete und der
ungebildete Pöbel fällt anbetend nieder vor der aufgeblasenen und
aufgeputzten Possenreisserei. Halte ich dem gegenüber--noch nicht den
Glauben an den endlichen Sieg der Idee, aber das Bewusstsein der
Erhabenheit und Würde ihres Wesens fest, gewinne ich es zugleich über
mich, jenes Nichtige, weil ich seine Nichtigkeit und Hohheit
durchschaue--nicht nur zu verurteilen, sondern zu verlachen, und in mir
selbst oder in meinem Bewusstsein lachend zu vernichten, so verhalte ich
mich in meiner Weltbetrachtung satirisch. Ich verspüre zunächst das
Nichtige als Nichtiges, ich erlebe es, dass mit der Verneinung des
Sittlichen, die ich in der Welt vorfinde, zugleich meine sittlichen
Forderungen zunichte werden. Zugleich aber gewinnt mein sittliches
Bewusstsein, indem es gegen seine Verneinung sich "erhebt", seine volle
Grösse und Höhe. In dieser "Erhebung" besteht hier das Positive des
Humors oder das siegreiche Auftauchen des Erhabenen aus dem komischen
Prozess. Auch hier wiederum können die soeben, bei der versöhnt
humoristischen Weltbetrachtung, angedeuteten Unterschiede gemacht werden.
Endlich erscheint der in dieser satirischen Weltbetrachtung liegende
Gegensatz wiederum aufgehoben, der Humor wird im einem wiederum in sich
versöhnten Humor, wenn und soweit ich mich zu der Überzeugung
hindurchzuarbeiten vermag, dass das Nichtige, so sehr es in Geltung sein
mag, doch schliesslich auch äusserlich oder objektiv in seiner
Nichtigkeit offenbar werde, dass das Nichtige, wenn es sich auswirke,
nicht umhin könne, sich aufzuheben oder seine Macht zu verlieren, und
damit der Idee zum Siege zu verhelfen. Diese im tiefsten und höchsten
Sinne humoristische Weltbetrachtung bezeichnen wir als ironische
Weltbetrachtung oder als Weltbetrachtung des ironischen Humors. Ich
brauche nicht zu sagen, dass dieser ironische Humor mit der "Ironie" der
romantischen Schule nicht etwa eine und dieselbe Sache ist.
Die gleichen drei Möglichkeiten, wie bei der humoristischen
Weltbetrachtung, bestehen rücksichtlich des Humors der Darstellung. Die
Darstellung ist harmlos humoristisch, oder wenn man will humoristisch im
engeren Sinn, d. h. nie stellt das Kleine, die Schwächen an Menschen und
das Komische ihres Schicksals dar; zugleich tritt aus der Darstellung der
Glaube an das von der Komik umspielte Höhere, Sittliche, Erhabene
versöhnend und erhebend heraus. Sie ist andererseits satirische
Darstellung des anmasslichen und in Geltung stehenden Nichtigen und
Verkehrten, eine Darstellung, die diesem Anmasslichen die Maske vom
Gesicht reisst, den Schein, dass es ein Recht habe, in Ansehen und
Geltung zu stehen, zerstört, es dem Verlachen preisgiebt, aber eben
dadurch die Würde und einzige Hoheit der "Idee"' vor Augen stellt.
Offenbar ist hiermit dasjenige bezeichnet, was man gemeinhin oder
vorzugsweise mit dem Namen der Satire zu belegen pflegt.
Die humoristische Darstellung ist endlich ironische Darstellung des die
Idee Negierenden, das heisst eine Darstellung, die nicht nur _gegen_ das
Nichtseinsollende sich "erhebt", sondern zugleich in demselben den Keim
der Selbstvernichtung erblickt, und im Glauben, dass schliesslich alles
zum Guten dienen müsse, das Dasein desselben heiter über sich ergehen
lässt.
DIE HUMORISTISCHE DARSTELLUNG UND DER WITZ.
Hier ist der Punkt, wo auf die ästhetische Bedeutung, die der Witz zu
gewinnen vermag, oder auf die Bedeutung des Witzes als eines Elementes
des Humors, speciell hingewiesen werden kann.
Der Witz an und für sich, als dies reine Vorstellungsspiel, kann
ebensowenig wie die objektive Komik auf ästhetischen Wert Anspruch
erheben. Auch er kann einem ästhetisch Wertvollen nur _dienen_. Er ist
aber als _logisches_ Spiel, zu dem jede sachliche und persönliche
Beziehung nur als ein ihm Fremdes hinzukommt, auch davon noch um einen
Schritt weiter entfernt als das objektiv Komische.
Der Witz nähert sich jener Aufgabe zunächst, insoweit bei ihm
_Wahrheiten_ aus dem komischen Prozess auftauchen und sich behaupten.
Aber er nähert sich ihr damit auch nur. Das ästhetisch Wertvolle, oder
das "Schöne", ist nicht das Wahre, so gewiss Wahrheit Bedingung der
Schönheit ist. Auch "_ergetzliche_ Belehrung" ist keine ästhetische
Leistung.
Ästhetischer Wert ist Wert von Objekten, von Gegenständen der Anschauung
oder der Phantasie. Es ergiebt sich daraus, dass der Witz ästhetische
Bedeutung besitzen kann, nur sofern er solche Objekte, also Dinge,
Menschen, ein Geschehen an Dingen oder Menschen, in die komische
Vorstellungsbewegung, in welcher er psychologisch betrachtet besteht,
hineinzieht. Insoweit aber dies der Fall ist, ist der Witz nicht mehr
blosser Witz, sondern trägt ein Moment der objektiven Komik in sich. Als
Mittel zur Erzeugung der objektiven Komik also kann der Witz allein
ästhetische Bedeutung gewinnen.
In die komische Vorstellungsbewegung des Witzes wird nun zunächst
dasjenige hineingezogen, auf dessen Kosten der Witz gemacht wird. Dies
"Objekt" des Witzes wird durch den Witz in komische Beleuchtung gerückt,
also als komisch oder in seiner Komik _dargestellt_. Der Witz, sofern er
objektive Komik erzeugt, ist demnach eine Weise der komischen
Darstellung. Diese wird zur humoristischen Darstellung, wenn
sie--humoristisch ist Und dies kann sie sein in der soeben bezeichneten
dreifachen Art:
Der Witz deckt _harmlos_ witzig, oder im engeren Sinne humoristisch,
Schäden und Schwächen auf, greift die Wirklichkeit, selbst die erhabenste
an, wo immer sie ihm einen Angriffspunkt bietet, und verrät dabei seinen
Glauben an die unmittelbare Gegenwart und Macht der "Idee". Er geisselt
_satirisch_, mit schneidendem Witze, das Nichtseinsollende, das sich
bläht, und zeigt darin die Festigkeit seines vernünftigen und sittlichen
Bewusstseins. Er wird endlich zur witzig _ironischen_ Darstellung, aus
der der Glaube an den schliesslichen Sieg des Seinsollenden oder der Idee
hindurchleuchtet.
Sowenig, wie bereits zugestanden, die im XIII. Kapitel gegebene
Einteilung der Arten des Witzes vom ästhetischen Gesichtspunkte
beherrscht war, so wollte ich doch in ihr auf die soeben bezeichnete
dreifache Möglichkeit der ästhetischen Verwertung des Witzes schon in
gewisser Weise vorbereiten. Ich wollte dies durch die Art, wie ich von
dem bloss scherzenden Witze den charakterisierenden und andererseits den
ironischen Witz unterschied.
Nicht als könnte diese Unterscheidung mit jener Unterscheidung des
harmlosen, satirischen, und ironischen Humors einfach zusammentreffen.
Der charakterisierende Witz kann ja auch Schwächen _harmlos_
charakterisieren; er dient andererseits der Charakterisierung des
Wertvollen sogut wie der des Nichtigen. Der ironische Witz kann dem
harmlos Bescheidenen, das selbst keinen Anspruch erhebt, spielend einen
Anspruch leihen, um diesen Anspruch wieder in sein Gegenteil umschlagen
zu lassen, und auch er kann andererseits am Wertvollen sich vergreifen.
Immerhin fehlt eine Beziehung zwischen beiden Unterscheidungen nicht.
Der bloss scherzende Witz, der nur, was ihm eben vorkommt, in seine
willkürliche Beleuchtung rückt, ohne den Anspruch zu machen, es in
seinem eigentlichen Wesen zu treffen oder in seinem wahren Lichte
erscheinen zu lassen, kann auch nicht den Anspruch erheben, das
_Nichtseinsollende_ in seinem wahren Wesen blosszustellen oder in
sein Nichts zürückzuschleudern. Ihm bleibt nichts als das harmlose
_Spiel_ mit Personen und Objekten, und die das Wesen der Objekte
nicht berührende Komik, der sie damit verfallen.
Dagegen liegt es in der Natur den charakterisierenden Witzes, auch das
Wesen des thatsächlich Nichtigen oder der Idee Widrigen, das sich erhaben
geberdet, zu beleuchten.
Ebenso wird der ironische Witz, der zunächst nichts ist, als die in ihr
Gegenteil umschlagende Bezeichnung oder Aussage, im ironischen Humor, der
den Anspruch des Nichtseinsollenden in sein Gegenteil umschlagen lässt,
eine wichtige, über den Witz hinausgehende Aufgabe haben. Er wird diese
Aufgabe erfüllen, beispielsweise immer dann, wenn die in ihr Gegenteil
umschlagende Bezeichnung oder Aussage einen solchen Anspruch des
Nichtseinsollenden zum Inhalte hat.
XVIII. KAPITEL. DER OBJEKTIVE HUMOR.
UNENTZWEITER HUMOR.
Dieselben drei Möglichkeiten oder Stufen, wie wir sie beim Humor der
Weltbetrachtung und beim Humor der Darstellung unterschieden haben,
bestehen endlich auch beim objektiven Humor. Darauf haben wir noch etwas
näher einzugehen.
Nach dem oben Gesagten unterscheiden wir einen harmlosen, in sich
unmittelbar versöhnten, unentzweiten, im engeren Sinne "humoristischen"
objektiven Humor; andererseits einen in sich entzweiten oder satirischen;
endlich einen wiederversöhnten oder ironischen objektiven Humor.
Der objektive Humor gewinnt ein mannigfaltigeres Ansehen, wenn wir mit
dieser Dreiteilung hier sogleich den Gegensatz der Situations- oder
Schicksalskomik und der Charakterkomik verbinden, den wir oben bei
Betrachtung der objektiven Komik feststellten, dann aber einstweilen
ausser Acht liessen. Indem ich die hieraus sich ergebenden Arten des
Humors bezeichne, setze ich gleich voraus, dass der Humor in Form des
Kunstwerkes uns entgegentrete. Dabei nehme ich mir die Freiheit, den
Namen "Komödie" zu verallgemeinern, und nicht nur das zunächst so
benannte dramatische Kunstwerk damit zu bezeichnen, in dem die Komik die
höchste künstlerische Verwertung findet, sondern jedes Kunstwerk, in dem
und soweit in ihm ein dargestelltes Komisches Träger des Schönen oder
Vermittler des ästhetischen Wertes ist.
Die "Komödie" in diesem Sinne ist erstlich harmlose oder im engeren Sinne
"_humoristische_" _Schicksalskomödie_. Der Mensch erfährt die Tücke des
Schicksals, sei es in Gestalt des blinden Zufalls, sei es in Gestalt des
neckenden oder feindlichen Thuns anderer, und wird objektiv komisch, er
erhebt sich aber darüber, als über etwas, das ihm und seinen wesentlichen
Zwecken nichts anhaben kann.--Ihr steht entgegen die harmlose
_Charakterkomödie_, das heisst dasjenige Kunstwerk, in dem in der
Schwäche, Beschränktheit, Verkehrtheit des Individuums und durch dieselbe
das relativ Gute, Vernünftige, Gesunde, kurz das positiv Menschliche sich
offenbart.
Diese Art der Schicksals- und Charakterkomödie verwirklicht sich in der
epischen Poesie, und soweit jener Gegensatz des Individuums und seiner
Komik in einer einzigen Situation darstellbar ist, schon in der bildenden
Kunst. Dass sie dagegen in Gestalt des dramatischen Kunstwerkes auftrete,
daran hindert der ihr eigentümliche Mangel des dramatischen Konflikts und
der dramatischen Entwicklung. Mag im komischen Drama der Konflikt gelöst
werden, oder zur Unlösbarkeit sich zuspitzen, in jedem Falle besteht ein
Konflikt, und in jedem Falle wird--nicht der Konflikt, aber das Komische
oder Nichtige, irgendwie überwunden, nämlich objektiv thatsächlich im
Falle der Lösung, nur innerlich im Falle der Unlösbarkeit des Konfliktes.
Wo aber die Person über die Tücke des Schicksals sich im oben
vorausgesetzten Sinne unmittelbar "erhebt", ich meine in dem Sinne, dass
sie trotz alles Strauchelns und Fallens doch ihrer selbst und ihrer guten
Zwecke sicher bleibt, da ist der Gegensatz zwischen ihr und dem Schicksal
für sie selbst von vornherein aufgehoben. Und damit ist Beides
ausgeschlossen, sowohl dass sie das Schicksal bekämpfe und äusserlich
darüber triumphiere, als auch dass sie dem übermächtigen und sie
äusserlich vernichtenden Schicksal die Würde ihrer Persönlichkeit
entgegenstelle und es so innerlich überwinde. Ebenso ist bei der
komischen Person, über deren verkehrtes Gebahren wir uns um des
dahinterliegenden Guten willen "erheben", so dass es uns nicht hindert,
den Wert der Person zu erkennen und anzuerkennen, der Gegensatz zwischen
dem Guten und der Verkehrtheit _für uns_ von vornherein überwunden. Wir
können darum nicht fordern, dass eine solche Überwindung noch besonders
sich _vollziehe_. Das heisst: wir können weder fordern, dass das
Verkehrte in der Person thatsächlich negiert, beseitigt, weggeschafft
werde, noch dass die bleibende Verkehrtheit in ihr Nichts
zurückgeschleudert und dadurch ein von ihr _negiertes_ Erhobene in seiner
Würde uns erst zum Bewusstsein gebracht werde.
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9 |
10 |
11 |
12 |
13 |
14 |
15 |
16 |
17 |
18 |
19 |
20 |
21 |
22 |
23 | 24 |
25 |
26