Komik und Humor
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Theodor Lipps >> Komik und Humor
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Nicht minder gehört hierhin der ganze Grundgedanke der _Groos_'schen
Ästhetik. Freude an der Schönheit von Objekten, oder, wie _Groos_ zu
sagen vorzieht, Freude am "ästhetischen Wert" von Objekten soll _Groos_
zufolge Freude am Spiel meiner Phantasie sein. Ich entgegne: Es ist nun
einmal thatsächlich nicht so. Freude am Spiel meiner Phantasie
ist--Freude am Spiel meiner Phantasie. Solche Freude mag vorkommen.
Vielleicht gelingt es auch diesem oder jenem, solche Freude zu haben,
während er angeblich mit einem _Kunstwerke_ innerlich beschäftigt ist.
Ich mag vielleicht gelegentlich das Kunstwerk, dies mir objektiv
gegenübertretende und für mein Bewusstsein von mir total unterschiedene
Ding, eine Zeitlang aus dem Auge lassen und auf meine Phantasiethätigkeit
hinblicken; ich meine: auf die Phantasiethätigkeit, die ich jetzt eben,
wo ich noch mit dem Kunstwerk beschäftigt war, geübt habe; und ich mag
dann an dem Spiel dieser Thätigkeit, an diesem von mir erkannten
psychologischen Faktum, meine Freude haben. Dann freue ich mich eben an
diesem Spiel.
Und dies Spiel ist dann notwendig auch der _Grund_ meiner Freude. Ebenso
gewiss aber ist dieses Spiel _nicht_ der Grund meiner Freude, sondern der
_Gegenstand_ dieses Spieles begründet mein Gefühl, wenn ich das Gefühl
innerlich auf diesen Gegenstand beziehe, wenn also das _Kunstwerk_ mir
wertvoll oder erfreulich erscheint. Ich sage: der Gegenstand des
"Spieles" ist der Grund der Freude. Dabei setze ich natürlich voraus,
dass mein Verhalten zum Kunstwerk wirklich Spiel ist, ich nicht etwa in
allem Ernst mich dem Kunstwerk hingebe, nicht etwa das Kunstwerk mich so
erfasst und zu sich hinzwingt, dass das Spielen mit ihm ein Ende hat.
DIE KOMIK DES OBJEKTES UND MEINE ÜBERLEGENHEIT.
Am auffallendsten tritt aber schliesslich die Verwechselung, auf welcher,
nach dem eben Gesagten, _Groos'_ Begründung des ästhetischen Genusses
überhaupt beruht, bei _Groos'_ Theorie der Komik zu Tage. Ich sei
überlegen über die Verkehrtheit des komischen Objektes. Das komische
Objekt, oder das Verkehrte, ist dann natürlich nicht überlegen, sondern
inferior. Komisch aber ist für mich das Objekt, nicht ich, oder meine
Überlegenheit. Mein Gefühl der komischen Lust ist ein nicht auf das
überlegene Ich, sondern auf das inferiore Objekt bezogenes Gefühl. Ich
kann wohl auch hier meiner Überlegenheit mich freuen. Das heisst, ich
kann auf die Überlegenheit, die mir und nur mir zukommt, achten, und
dabei ein angenehmes Gefühl haben. Aber das, worum es sich hier handelt,
das ist ja das Gefühl, das ich auf das von mir so deutlich als möglich
unterschiedene Objekt und seine Inferiorität beziehe, d. h. das Gefühl,
das entsteht, indem ich--_nicht_ mich und meine Überlegenheit mir
vergegenwärtige, _nicht_ auf _diese_ Seite des Gegensatzes zwischen mir
und dem Objekte meine Aufmerksamkeit richte, sondern dem Objekte und
seiner Inferiorität, dieser _anderen_ Seite des Gegensatzes meine
Aufmerksamkeit zuwende.
Dann kann auch der _Grund_ des Gefühles der Komik nicht in meiner
Überlegenheit oder dem Bewusstsein derselben liegen. Sondern er muss in
dem Objekte, seiner Verkehrtheit, seiner Inferiorität, kurz seiner
Nichtigkeit gesucht werden. Er muss liegen in dieser Nichtigkeit selbst,
nicht etwa in dieser Nichtigkeit sofern sie meine Überlegenheit
begründet. Denn dann müsste wiederum das Achten auf mich und meine
Überlegenheit das Gefühl der Komik hervortreten lassen. Dies müsste also
doch wiederum auf mich bezogen erscheinen. Es entstände, mit anderen
Worten, von neuem der Widerspruch, der darin liegt, dass ein Gefühl, das
ich thatsächlich nicht auf mich, sondern auf ein von mir verschiedenes
Objekt beziehe, mit einem auf mich bezogenen Gefühle identisch sein soll.
Es liegt aber in _Groos'_ Anschauung nicht nur eine einfache, sondern
eine doppelte Verwechselung. Das Gefühl der Komik ist, soviel ich sehe,
nicht ein Gefühl der Überlegenheit, sondern eben--ein Gefühl der Komik.
Es ist also für _Groos_ nicht nur ein auf mich bezogenes Gefühl ein aufs
Objekt bezogenes, sondern es ist auch das Gefühl der Überlegenheit
identisch mit einem Gefühl der Komik. Das Gefühl meiner Überlegenheit ist
eine Art des Gefühles der Erhabenheit, nämlich meiner Erhabenheit. Das
Gefühl der Komik aber ist das Gegenteil jedes Gefühles der Erhabenheit.
Für _Groos_ sind beide identisch. Das ist eine zu starke Zumutung.
Achten wir schliesslich auch noch--auch sonst erweist sich dergleichen
als nützlich--auf die objektiv gegebenen Thatsachen. Fragen wir zunächst,
wer denn das Gefühl der Überlegenheit über wirkliche oder vermeintliche
Verkehrtheiten zu haben, und wer andererseits dem Gefühl der Komik
hingegeben zu sein und über das Komische herzlich zu lachen pflegt. Dann
erscheint _Groos'_ Theorie in demselben seltsamen Lichte.
Jene "Überlegenen", das sind die Suffisanten, die Eitlen, die Gecken.
Ihnen ist alles ein Mittel sich überlegen zu fühlen. Ihnen aber fehlt
eben damit der Humor dem Komischen gegenüber, d. h. die Fälligkeit die
Komik zu geniessen. Die "Überlegenen" wissen nichts von herzlichem
Lachen.
Und es kann dies auch von ihnen nicht gefordert werden. Der Humor, die
Anteilnahme an der Komik des Komischen ist nun einmal ein sich Hingeben
an das Komische, oder das in ihm liegende Verkehrte. Wer über das
Verkehrte herzlich lacht, geht in die Verkehrtheit ein, macht sich zum
Teilhaber, sozusagen zum Mitschuldigen. Er steigt von dem Piedestal, auf
dem er sonst stehen mag, herab; betrachtet die Sache von unten, nicht von
oben. Die Komik ist zu Ende in dem Momente, wo wir wiederum auf das
Piedestal heraufsteigen, d. h. wo wir beginnen, uns überlegen zu fühlen.
Das Gefühl der Überlegenheit erweist sich so als das volle Gegenteil des
Gefühls der Komik, als sein eigentlicher Todfeind. Das Gefühl der Komik
ist möglich in dem Masse, als das Gefühl der Überlegenheit nicht aufkommt
und nicht aufkommen kann.
So verhält es sich, soweit Objekten der Komik gegenüber ein Gefühl der
Überlegenheit überhaupt _möglich_ ist. In vielen Fällen der Komik ist
aber gar nicht einzusehen, wie ein solches Gefühl zu stande kommen
sollte. Ich will etwa ein grosses, wohlvorbereitetes Feuerwerk abbrennen.
Und der Erfolg ist: ein Zischen, ein Lichtschein, weiter nichts. Dies
wirkt auf mich komisch, falls ich den nötigen Humor habe, d. h. meinen
etwaigen Ärger unterdrücke und mich ganz der Situation hingebe.
Worüber nun fühle ich mich hier überlegen? Die Verkehrtheit, die
vorliegt, besteht in der Thatsache, dass das Wohlvorbereitete aus
irgendwelchem Grunde, vielleicht weil mir ohne meine Schuld verdorbene
Feuerwerkskörper geliefert wurden, misslingt, meine hochgespannte
Erwartung zergeht. Aber wie kann ich mich solcher Thatsache gegenüber
überlegen fühlen? Wie würde ich wohl meine Überlegenheit über das
misslingende Feuerwerk oder über das Pulver, das seine Schuldigkeit nicht
that, in praxi dokumentieren?
Zum Gefühl der Überlegenheit gehört, dass ich mich mit dem Verkehrten
vergleiche. Mit mechanischen Vorgängen aber kann ich mich nicht
vergleichen. Ich vergleiche mich auch nicht mit leblosen Dingen. Wenn
neben einem Palast ein kleines Gebäude stände, das in seiner Form den
Palast getreu nachahmte, so könnte dies überaus komisch wirken. Was soll
es hier heissen, ich fühle mich über eine Verkehrtheit überlegen. Die
Verkehrtheit besteht hier darin, dass ein Kleines aussieht, wie ein
Grosses, und doch nicht gross ist wie dieses. Habe ich hier etwa das
Bewusstsein, mir könne dergleichen nicht begegnen?
Eher schon vergleichen wir uns mit Kindern und Tieren. Aber ein freudiges
Bewusstsein der Überlegenheit über Kinder, oder über das possierliche
Gebahren junger Katzen und Hunde, wäre doch allzu kindisch. Kinder und
Tiere sind komisch vor allem, wenn sie sich gebärden wie wir, und doch
wiederum nicht wie wir, zweckvoll und doch wiederum zwecklos oder
zweckwidrig, ernsthaft und nichtig und doch wiederum spielend und
nichtig. Im Bewusstsein hiervon liegt ein Vergleich. Aber doch eben ganz
und gar nicht der Vergleich, wie er in _Groos'_ Theorie vorausgesetzt
ist, kein Messen, kein Abwägen dessen, was das Objekt der Komik ist oder
kann, und dem, was wir sind oder können, jedenfalls nicht ein Abwägen mit
dem schliesslichen stolzen Bewusstsein, dass wir es in Vergleich mit den
Objekten, also den Kindern, oder den jungen Hunden und Katzen so herrlich
weit gebracht haben.
Auch der Witz soll endlich von _Groos'_ Definition getroffen werden.
Dieser Anspruch ist selbstverständlich, da ja der Witz eine Gattung des
Komischen ist. Man vergegenwärtige sich aber einmal etwa das zweifellos
witzige und witzig komische Rätsel _Schleiermachers_ "der Galgenstrick":
Fest vom Dritten umschlungen, so schwebt das vollendete Ganze,
Wann es die Parze gebeut, an den zwei Ersten empor.
Das Verkehrte, das hier sich findet, besteht in der abnormen oder
spielenden Form, in welcher der gar nicht verkehrte Gedanke ausgedrückt
ist. Freilich, hier ist der Ausdruck Verkehrtheit etwas--verkehrt. Aber
_Groos_ versteht unter der Verkehrtheit so vielerlei, dass wir auch diese
Abnormität als Verkehrtheit--in seinem Sinne--bezeichnen können.
Ich frage nun: Worin besteht unser Gefühl der Überlegenheit über dies
Abnorme, oder über diese witzig geistreiche Art des Ausdrucks eines
Gedankens? Trifft hier _Groos'_ Satz zu: "Wir haben bei jedem Komischen
das behagliche Pharisäergefühl, dass wir nicht und wie dieser Verkehrten
einer"? In der That sind wir vielleicht nicht wie dieser Verkehrten, d.
h. dieser Witzigen einer. Aber es ist zu befürchten, dass in diesem Falle
das Pharisäergefühl eher in ein gegenseitiges Gefühl umschlage. _Groos_
hat Sinn für Witz, vielleicht zu viel. Darum vermute ich, das er den
"Humor" des _Schleiermacher_'schen Witzes nicht etwa in dem Gefühl der
Überlegenheit finden wird, das der logische Pedant der witzigen Wendung
gegenüber allerdings haben wird. Diese Überlegenheit ist aber die
einzige, die der witzigen Komik gegenüber möglich ist.
ÜBERLEGENHEIT UND "ERLEUCHTUNG".
Doch wir dürfen nicht übersehen: _Groos_ kennt noch eine andere Art der
Überlegenheit. Und die könnte hier, wie in dem vorhin erwähnten Falle
_Groos'_ Theorie zu retten scheinen. _Kant_ sagt, und _Groos_ zitiert, es
sei eine merkwürdige Eigenschaft des Komischen, dass es immer etwas in
sich enthalten müsse, das auf einen Augenblick täuschen könne. Diese
vortreffliche Bemerkung _Kants_ wendet _Groos_ in folgender Weise zu
seinen Gunsten. Wir fallen auf das komische Objekt herein, "das komische
Objekt will uns weismachen, dass seine widersprechenden Glieder in
friedlichstem und geordnetstem Zusammenhang seien. Und erst wenn wir
diesen scheinbaren Zusammenhang zerrissen haben, kommen wir zu dem vollen
Gefühl der Überlegenheit."
Offenbar handelt es sich hier um eine andere Art der Überlegenheit, als
diejenige ist, von der vorhin die Rede war. Es ist eine Überlegenheit
nicht über das Verkehrte, sondern eine Überlegenheit oder ein sich
Erheben über den Schein, als sei das komische das Gegenteil eines
Verkehrten, ein sich Erheben über die Täuschung, der man einen Moment
unterlag, also eine Art der Überlegenheit über uns selbst. Man erinnert
sich, dass auch diese Überlegenheit schon bei _Hobbes_ vorkam. _Groos_
bezeichnet sie auch als "Erleuchtung" nach der "Verblüffung".
Mit dieser "Erleuchtung nach der Verblüffung" pfropft offenbar _Groos_
auf seine erste Theorie der Komik eine zweite, die etwas völlig Neues
giebt. Dies spricht gegen beide. Es scheint, wenn es wahr ist, dass wir
bei aller Komik jenes oben bezeichnete Pharisäergefühl haben, dann
bedürfen wir nicht mehr dieses beglückenden Gefühles, über unsere eigene
Verblüffung Herr geworden oder daraus siegreich hervorgegangen zu sein.
Und wenn wir überall dieses letztere Gefühl haben, dann ist jenes erstere
überflüssig.
Aber bleiben wir bei der neuen Theorie. Soweit sie Theorie der
"Verblüffung und Erleuchtung" ist, könnte aus ihr sachlich Richtiges
herausgelesen werden. Aber der dominierende Begriff bleibt eben doch auch
hier der Begriff der Überlegenheit. Insofern bessert diese neue Theorie
nichts.
Es ist ja gewiss so: Eine Art des "Hereinfallens" gehört zu jeder Komik.
Das Komische muss uns in Anspruch nehmen, als ob es mehr wäre, als nur
dies komisch Nichtige. Es muss in unseren Augen den Anspruch erheben,
mehr zu _sein_. Der Witz insbesondere muss etwas Glaubhaftes an sich
tragen.
Und auch dies gehört zur Komik, dass dieser Anspruch zergeht. Aber was
dies heisst, muss genauer gesagt werden. Und es muss in jedem Falle
anders gesagt werden, als _Groos_ es sagt. Die Einsicht, _dass_ wir
hereingefallen sind, diese "Erleuchtung" giebt an sich keinen Grund zum
Gefühl der Komik.
Sie giebt nicht einmal ohne weiteres ein beglückendes Gefühl der
Überlegenheit. Solche Erleuchtung kann beschämend sein. Sie kann uns auch
gleichgültig sein. Ich frage: Wenn sie weder das eine noch das andere
ist, sondern ein beglückendes Gefühl der Überlegenheit schafft, worin
liegt dies?
Aber die Antwort auf diese Frage würde uns ja nichts nützen. Das Gefühl
unserer Überlegenheit über das Verkehrte konnte nicht das Gefühl der
Komik des Verkehrten sein. Ebensowenig, oder noch weniger kann das Gefühl
der Überlegenheit über uns mit dem auf das Objekt bezogenen Gefühl der
Komik eine und dieselbe Sache sein. _Groos_ scheint schliesslich
besonderes Gewicht zu legen auf das Momentane der Verblüffung und das
Momentane der Erleuchtung, auf den _Zeising_'schen plötzlichen "Choc und
Gegenchoc". Aber auch damit kommen wir dem Ziel nicht näher. Erzeugt die
Erleuchtung momentane Beschämung, so erzeugt sie eben momentane
Beschämung, erzeugt sie ein momentanes Gefühl der Überlegenheit, so
erzeugt sie eben ein momentanes Gefühl der Überlegenheit. Kein Gefühl
wird lediglich dadurch, dass es ein momentanes ist, zu einem Gefühle ganz
anderer Art, und ausserdem auch noch zu einem Gefühl, das auf einen ganz
anderen Gegenstand bezogen erscheint.
DAS WESEN DER "ÜBERLEGENHEIT".
Fragen wir schliesslich auch noch: Was ist doch eigentlich dies Gefühl
der Überlegenheit, das _Groos_ und anderen so sehr das klare Denken
verwirrt. Es scheint fast, _Groos_ hätte, der er doch einmal mit diesem
Begriffe operiert, diese Frage sich vorlegen müssen.
Schon oben sagte ich, das Gefühl der Überlegenheit ergebe sich aus einem
Messen. Dies bestimmen wir genauer. Ein Mensch begehe Verkehrtes. Darum
ist er doch Mensch, wie ich. Mit dem Gedanken an das Menschsein verknüpft
sich also der Gedanke des verkehrten Thuns. Verkehrt sich zu gebaren ist
also menschlich. Es ist also mehr als menschlich, zum mindesten mehr als
allgemein menschlich, wenn man so vernünftig ist, wie wir es sind oder zu
sein uns einbilden. Wir sind "Übermenschen", mehr als unsere "Jüngsten",
die sich als Übermenschen dünken, wenn sie nichts sind als besonders
jämmerliche Menschen.
Oder anders gesagt: Ich stehe, wenn ich jenes verkehrte Thun erlebt habe,
unter dem unmittelbaren Eindruck: Menschen können sich so unvernünftig
gebärden. Also ist mein vernünftiges Gebaren keine so selbstverständliche
Sache. Wäre sie etwas durchaus Selbstverständliches, so würde ich in
meinen Gedanken darüber zur Tagesordnung übergehen, wie über alles
Selbstverständliche. Jetzt ist diese Selbstverständlichkeit, ich kann
auch sagen: es ist die "Gewohnheit", Menschen als vernünftig zu
betrachten, wenn auch nur für einen Augenblick, durchbrochen. Es ist,
wenn ich in Ausdrücken meiner "Grundthatsachen des Seelenlebens" sprechen
darf, der freie "Vorstellungsabfluss" aufgehoben; also eine psychische
"Stauung" eingetreten. Und diese hat die Wirkung, die jede psychische
Stauung hat. Das heisst die psychische Bewegung haftet an der Stelle, wo
die Stauung geschieht, die psychische Wellenhöhe dessen, was an dieser
Stelle sich findet, wird gesteigert.
Oder wenn wir diese Ausdrücke wiederum fallen lassen: Das, was nur nicht
mehr als ein Selbstverständliches oder Gewohntes erscheint, fällt mir in
höherem Grade auf. Es wirkt wie ein Neues. Damit steigert sich auch die
Gefühlswirkung. Meine Vernünftigkeit wird also durch den Vergleich mit
der Unvernunft anderer für mich eindrucksvoller. Damit ist das
gesteigerte Selbstgefühl, der Stolz auf meine Vernünftigkeit, das Gefühl
der Überlegenheit gegeben.
Auch aus dieser Betrachtung der Entstehungsweise des Gefühles der
Überlegenheit ergiebt sich, wie wenig dasselbe mit der Komik zu thun hat.
Es ist einfach erhöhtes Gefühl des Wertes meiner selbst, höhere
Selbstachtung, Stolz. Und darin liegt nichts komisch Erheiterndes. Das
Gefühl der Komik steht dazu im Gegensatz. Es wird demnach auch vermöge
eines entgegengesetzten Prozesses entstehen.
_Groos_ zitiert beim Beginn seiner Erörterung der Komik das bekannte Wort
_Jean Pauls_: Das Lächerliche wollte von jeher nicht in die Definition
der Philosophen gehen, ausser unfreiwillig. Derselbe _Jean Paul_ sagt
auch, die Komik verwandle halbe und Viertelsähnlichkeiten in
Gleichheiten. Auch in _Groos'_ "Definition" fehlen solche halbe und
Viertelsähnlichkeiten nicht. Er meint Richtiges. So meinen, wie im Grunde
selbstverständlich, alle Theoretiker der Komik Richtiges. Aber sie meinen
oder sagen es nicht immer richtig.
Worin das Richtige bei _Groos_ besteht, wurde schon angedeutet. Es liegt
in dem von ihm übernommenen _Zeising_'schen "Choc und Gegenchoc", oder
der "Verblüffung und Erleuchtung". Schon _Hecker_ hatte einen Kontrast
statuiert. Dass dieser Kontrast hier genauer als Kontrast zwischen
Verblüffung und Erleuchtung erscheint, bedeutet einen Fortschritt.
Und noch mehr kann zugestanden werden. Auch eine "Überlegenheit" findet
bei der Komik statt, nur in völlig anderem als dem _Groos_'schen Sinne,
nämlich eine Überlegenheit meiner Auffassungskraft über ein
Aufzufassendes. Und daran schliesst sich ein entsprechendes Gefühl, wenn
nicht der "Überlegenheit", so doch der gelösten Spannung.
ZIEGLERS THEORIE.
Ich schliesse an die Kritik der _Groos_'schen Theorie unmittelbar noch
eine Bemerkung an über _Ziegler_, der in seiner Skizze des
Gefühlslebens--"Das Gefühl" Stuttgart 1898--_Groos'_ Theorie teilweise
übernimmt, und damit die _Hecker_'sche "Schadenfreude" verbindet. Auch
bei _Ziegler_ sehe ich nicht, wie weit er sich der Übereinstimmung mit
seinen Vorgängern bewusst ist. Besteht keine Abhängigkeit, so ist doch
die Identität der Gedanken nicht verwunderlich. Es liegt in jenen
Begriffen, wenn man gewisse besonders in die Augen springende Fälle der
Komik im _Ganzen_ nimmt, etwas Plausibles. Das Gefühl der Komik schlägt
in der That in gewissen Fällen leicht in das Gefühl der Überlegenheit
oder der Schadenfreude um, oder es tritt zu ihm ein solches Gefühl,
allerdings jedesmal die Komik als solche beeinträchtigend oder
zerstörend, hinzu. Genauere Untersuchung ergiebt zwar unschwer die
Eigenart der Komik. Aber auch _Ziegler_ verzichtet auf solche genauere
Untersuchung.
Ich sagte, _Ziegler_ übernehme teilweise die _Groos_'sche
"Überlegenheit". Dies thut er nicht von vornherein. _Ziegler_ operiert
zunächst mit dem von _Groos_ in zweiter Linie herbeigezogenen Gegensatz
der Düpierung und Erleuchtung. Dass _Ziegler_ dies Moment zum Primären
macht, darin scheint wiederum ein Fortschritt zu liegen.
Aber es fragt sich, wie diese Begriffe verwendet werden. Wir fallen, so
erfahren wir auch hier, auf die Verkehrtheit, Zweckwidrigkeit, Unvernunft
herein, bemerken sie nicht, werden also düpiert. Dann sehen wir sie ein.
Wir lachen dann in gewisser Weise doppelt, über die Verkehrtheit, und
über uns, die wir düpiert worden sind.--Man beachte, wie hier _Groos'_
Gefühl der Überlegenheit über uns selbst, oder _Groos'_ stolzes
Bewusstsein des Sieges zu einem Verlachen unserer selbst wird, also in
gewisser Weise sich in sein Gegenteil verkehrt.
Aber wenn bei Ziegler das beglückende Gefühl unserer Überlegenheit
wegfällt, warum lachen wir dann, über das Objekt und über uns selbst?
_Ziegler_ meint selbst, das Verkehrte oder die Unvernunft könne als
solche nur Unlust erregen, und indem die Unvernunft als solche sich
herausstelle, werde die Unlust nur verdoppelt. Wie kommt es dann, dass
das Verkehrte, in dem es als solches sich herausstellt, _belustigt_?
_Ziegler_ antwortet: Dies liege daran, dass die Unvernunft oder
Zweckwidrigkeit keine bedenkliche, der Schaden, der daraus erwachse, kein
grosser sei. Die ganze Sache, so sagt er, ist ein "Nichtssagendes; statt
Ernst ist alles, was daran resultiert, nur Scherz und Spiel"; es ist
"ohne erheblichen Schaden, also nicht ernsthaft, sondern nur spasshaft zu
nehmen".
Damit ist für _Ziegler_ die Komik erklärt. Dass das, was nur spasshaft
genommen werden kann, nur spasshaft, d. h. komisch genommen werden kann,
ist ja selbstverständlich. Aber die Frage ist eben die, wie das
Nichtssagende dazu _komme_, spasshaft, d. h. komisch genommen zu werden.
Oder verwandelt sich Unlust über einen Schaden lediglich dadurch, dass
der Schaden ein geringer ist, in "Spass", oder komische Lust? Mir scheint
vielmehr, wenn ein Schaden Unlust erzeugt, so erzeugt ein geringer
Schaden zunächst nichts anderes als verminderte Unlust. Ist der Schaden
sehr gering, so wird die Unlust schliesslich gleich Null. Aber
verminderte oder gar nicht mehr vorhandene Unlust ist doch nicht
identisch mit heiterer Lust.
Es ist deutlich, _Ziegler_ setzt in seiner Erklärung genau das voraus,
was er erklären will. Seine Erklärung der Komik besteht darin, dass er
andere Worte dafür einsetzt, nämlich die Worte "Scherz" und "Spass".
Warum erscheint uns ein Objekt komisch? Weil es uns nicht ernsthaft
sondern scherzhaft erscheint. Warum erscheinen wir selbst uns komisch?
Weil die Spannung, in die wir durch das komische Objekt versetzt worden
sind, nicht ernsthaft sondern spasshaft zu nehmen ist.
Erst wo es sich um das Zweckwidrige in oder an einer von uns
verschiedenen Person handelt, begegnen wir auch bei _Ziegler_ dem Begriff
der Schadenfreude und der Überlegenheit. Nicht das _Wort_ "Schadenfreude"
kommt vor, aber die Sache: Es geschieht dem Verkehrten "Recht, dass seine
verschuldete Unvernunft ihm den kleinen Schaden gebracht hat." Ich habe
schon oben zugestanden, dass in der That in allerlei Fällen der Komik die
Schadenfreude zu stande kommen und ein Gefühl der Überlegenheit sich
einstellen kann. Nur dass dies mit dem Gefühl der Komik als solchem
nichts zu thun hat. Gefühl der Komik ist Gefühl der Komik; und Gefühl der
Schadenfreude oder der Überlegenheit ist Gefühl der Schadenfreude oder
der Überlegenheit.--Im übrigen wiederhole ich nicht, was ich gegen die
Theorie der Überlegenheit vorhin gesagt habe.
III. KAPITEL. KOMIK UND VORSTELLUNGSKONTRAST.
KRÄPELINS "INTELLEKTUELLER KONTRAST".
Wie schon gesagt, geht _Kräpelin_ von der Betrachtung der komischen
Objekte und Vorgänge aus. Dies Verfahren schien uns von einem Bedenken
frei, dem das _Hecker_'sche von vornherein unterlag. Aber Kräpelins Weise
der Betrachtung ist einseitig; darum das schliessliche Ergebnis durchaus
ungenügend. Dies schliessliche Ergebnis lautet: Komisch wirkt der
"unerwartete intellektuelle Kontrast, der in uns einen Widerstreit
ästhetischer, ethischer oder logischer Gefühle mit Vorwiegen der Lust
erweckt".
Ich betone hier zunächst die Anerkennung der Notwendigkeit eines
Kontrastes. Diesem Elemente begegnen wir schon in der Ästhetik von _Kant_
und _Lessing_. Wir sehen dann die Ästhetiker bemüht, schärfer und
schärfer die Besonderheit zu bestimmen, die den komischen Kontrast vor
jedem beliebigen anderen Kontrast auszeichnet. Auch Kräpelin sucht eine
solche nähere Bestimmung. Er glaubt sie gefunden zu haben, indem er den
komischen Kontrast als intellektuellen bezeichnet.
Da an dem "intellektuellen" Kontrast für _Kräpelin_ alles hängt, so
sollte man eine scharfe und unzweideutige Abgrenzung dieses Begriffes
erwarten. Dieser Erwartung wird nicht genügt. Der intellektuelle Kontrast
entsteht nach _Kräpelin_ aus dem notwendig misslingenden Versuch der
begrifflichen Vereinigung disparater Vorstellungen. Dabei dürfen zunächst
die "disparaten" Vorstellungen nicht allzu ernst genommen werden. Gemeint
sind einfach Vorstellungen, welche die ihnen angesonnene begriffliche
Vereinigung nicht zulassen, sie mögen im Übrigen von der Disparatheit
beliebig weit entfernt sein.
Was aber will die begriffliche Vereinigung? Sie soll mehr sein als ein
blosser Vergleich, demnach der intellektuelle Kontrast kein bloss
sinnlicher. Aber ich sehe nicht, worin jenes Mehr bestehen soll. "Der
Bauer lacht über den Neger, den er zum ersten Male sieht." Auch wir
können uns bisweilen "eines leisen Gefühls der Komik nicht erwehren, wenn
wir einen Freund mit veränderter Haarfrisur, abrasiertem Bart, oder zum
ersten Male in der feierlichen Kopfbedeckung des Cylinders begegnen."
Dies sind Fälle der von _Kräpelin_ sogenannten "Anschauungskomik", der
ersten Hauptgattung, die er aufstellt. Bei ihr kontrastieren jedesmal
"sinnliche Anschauungen mit Bestandteilen unseres Vorstellungsschatzes
unmittelbar und ohne intellektuelle Verarbeitung". Nun leugne ich das
Vorhandensein und die Bedeutung dieses Kontrastes nicht, ich sehe nur
nicht, was ihn von einem blossen Vergleichskontrast unterscheiden soll.
Es scheint mir sogar, _Kräpelin_ bezeichne ihn, indem er ihn "unmittelbar
und ohne intellektuelle Verarbeitung" entstehen lasse, ausdrücklich als
solchen. In der That können wir einen wahrgenommenen Gegenstand mit
anderen, die wir früher wahrgenommen haben, nicht vergleichen, ohne des
Kontrastes zwischen ihm und den früher wahrgenommenen, also jetzt zu
Bestandteilen unseres Vorstellungsschatzes gewordenen, inne zu werden.
Das Resultat der Vergleichung, die Unterscheidung, besteht eben in diesem
Innewerden des Kontrastes.
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