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Komik und Humor

T >> Theodor Lipps >> Komik und Humor

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Statt von begrifflicher Vereinigung spricht _Kräpelin_ auch wohl von
inniger Verbindung disparater Vorstellungen. Ähnlichkeiten der disparaten
Vorstellungen werden benutzt, diese innige Verbindung herzustellen. Aber
auch damit ist kein Gegensatz zwischen begrifflicher Vereinigung und
blossem Vergleich bezeichnet. Was mich zum Vergleich veranlasst, sind
immer Ähnlichkeiten, und der Vergleich selbst besteht jederzeit in dem
Versuch der Verschmelzung oder der Identifikation von Vorstellungen, also
der denkbar _innigsten_ Verbindung derselben. Eben aus diesem Versuch der
Identifikation ergiebt sich beim Vergleiche das Unterschieds- oder
Kontrastbewusstsein. Heisst demnach intellektueller Kontrast derjenige,
der aus dem Versuch inniger, auf vorhandene Ähnlichkeiten sich gründender
Verbindung von Vorstellungen entsteht, so muss jeder Kontrast, der bei
irgendwelcher Vergleichung sich ergiebt, diesen Namen tragen.

Oder besteht die begriffliche Vereinigung und damit die specifische
Bedingung der Komik in den oben genannten Fällen darin, dass der Bauer
den Neger, ebenso wie den Kaukasier, dem Begriff "Mensch", oder dass wir
das Bild des anders frisierten und mit ungewohnter Kopfbedeckung
versehenen Freundes ebenso wie das gewohnte Bild dem Begriff "unser
Freund" unterzuordnen versuchen, und dabei die Erfahrung machen, dass
dies nicht ohne Widerspruch gelingt?

Dies scheint wirklich _Kräpelins_ Meinung. Weil wir in reicherer
Lebenserfahrung solche Begriffe gewonnen haben, die auch Neues und
Ungewohntes widerspruchslos in sich aufnehmen, darum ist seiner Erklärung
zufolge für uns nicht mehr, wie für den Ungebildeten, alles Neue und
Ungewohnte komisch. Aber auch darin liegt nichts, was nicht bei
beliebigen Vergleichen vorzukommen pflegte. Jeder Vergleich, so sagten
wir oben, sei Versuch der Identifikation. Dieser Versuch der
Identifikation aber ist ohne weiteres auch Versuch der Unterordnung unter
denselben Begriff. So vergleiche ich eine Pflanze, der ich irgendwo
begegne, mit den mir bekannten Arten, indem ich versuche, ihre Form mit
den Typen der letzteren zu identificieren. Damit ist der Versuch, die
Pflanze dem _Begriff_ einer der fraglichen Arten unterzuordnen, sofort
verbunden. Daher ich denn auch das Resultat des Vergleichs ohne weiteres
in der Weise ausspreche, dass ich von der Pflanze die Zugehörigkeit oder
Nichtzugehörigkeit zu einem bestimmten Artbegriff prädiziere: die Pflanze
ist eine Orchidee oder sie ist es nicht.

Ebenso kann ich den veränderten Zustand, in dem sich eine Pflanze heute
befindet, mit dem Zustand, in dem sich dieselbe Pflanze gestern
befand--sie habe etwa über Nacht Blüten getrieben--nicht vergleichen,
ohne beide Wahrnehmungsinhalte--die blühende und die blütenlose
Pflanze--demselben Begriff dieser mir bekannten Pflanze einzuordnen.
Wenigstens hat es hier ebensoviel bezw. ebensowenig Sinn, von einer
Einordnung in einen gemeinsamen Begriff zu sprechen, wie beim komischen
Kontrast zwischen dem neufrisierten Freunde einerseits und dem gewohnten
Anblick desselben andererseits.

Darnach sind wir wohl berechtigt, in der "begrifflichen Vereinigung" oder
"innigen Verbindung" und dem "intellektuellen Kontrast" das über den
blossen Vergleich und Vergleichskontrast hinausgehende Moment zu
vermissen. _Kräpelin_ ist im Rechte, insofern er ein solches Moment
überhaupt fordert. Er irrt nur, wenn er meint es damit aufgewiesen zu
haben, dass er jene Namen einführt. Die Ausdrücke, "begrifflich" und
"intellektuell" sind ja freilich so vieldeutig, dass sie alles besagen
können. Aber eben darum besagen sie in einer wissenschaftlichen Theorie
wenig oder gar nichts. Sie gehören zu den in der Psychologie so vielfach
üblichen Worten, die wohl "um die Ohren krabbeln", aber statt das
Verständnis zu fördern, vielmehr über die Notwendigkeit des
Verständnisses hinwegtäuschen.

Mögen nun aber die begriffliche Vereinigung und der intellektuelle
Kontrast sein was sie wollen. Auch für _Kräpelin_ begründen sie ja die
Komik nicht unter allen Umständen. _Kräpelin_ bezeichnet als Gegenstände
der Anschauungskomik auch die leichter zu ertragenden menschlichen
Gebrechen. Der Kontrast mit der gewohnten menschlichen Bildung lässt sie
komisch erscheinen. Warum, so fragen wir, müssen gerade Gebrechen die
eine Seite des Kontrastes bilden? Warum entsteht der Eindruck der Komik
nicht ebenso, wenn ein Mensch durch irgend welchen Vorzug zu dem, was wir
zu sehen gewohnt sind, in Gegensatz tritt? Warum lachen wir über den
ungewöhnlich Kräftigen und Wohlgebildeten nicht, wie über den
ungewöhnlich Fetten oder Hageren?--Und warum verschwindet bei uns
gebildeten Menschen sogar die Komik der Gebrechen, wenn sie schwer zu
ertragende sind? Warum lachen wir über den Armen, der beide Beine
verloren hat, nicht ebenso, wie über die rote Nase, da doch der Kontrast
in jenem Falle viel deutlicher in die Augen springt? Auf alle diese
Fragen bleibt _Kräpelin_ die Antwort schuldig.

Doch nein. Wir irren. _Kräpelin_ giebt auf diese Fragen sogar eine sehr
bestimmte Antwort. Wir wissen schon, der intellektuelle Kontrast wirkt
komisch nur, wenn er in uns einen Gefühlswiderstreit "mit _Vorwiegen der
Lust_" erweckt. Nun erweckt die ausserordentlich wohlgebildete Gestalt in
uns keine Unlust, also keinen Widerstreit der Gefühle, der Anblick des
schwer zu ertragenden Gebrechens lässt nicht die Lust, sondern die Unlust
überwiegen; es fehlt also in beiden Fällen ein wesentliches Element der
Komik.

Aber ist dies wirklich eine Antwort auf jene Fragen? Die komische Wirkung
_besteht_ ja für _Kräpelin_ in gar nichts Anderem, als dem Widerstreit
der Lust und Unlust mit Überwiegen der Lust. Wenn er uns also sagt, nur
der Kontrast wirke komisch, der diesen Widerstreit erwecke, so heisst
dies, nur der Kontrast wirke komisch, der komisch wirke. Nun werden wir
uns ja freilich dieser Einsicht nicht verschliessen können. Wir erfahren
nur das nicht, was wir gerne wissen möchten, unter welchen Umständen
nämlich ein Kontrast komisch wirke, _das heisst_--nach _Kräpelin_--den
Widerstreit der Gefühle erzeuge, in dem die komische Wirkung angeblich
besteht.

Jener allgemeinen Antwort auf die Frage, warum der "intellektuelle"
Kontrast vielfach gar nicht komisch wirke, entspricht die Art, wie
_Kräpelin_ sich in speciellen Fällen hilft. Kinder finden leicht alles
komisch, weil bei ihnen der intellektuelle Kontrast leichter entsteht.
Vorausgesetzt ist, dass dabei nicht die Furcht überwiegt. Die Fälle, in
denen der intellektuelle Kontrast seine Pflicht versäumt, erscheinen also
als Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Der Kontrast _würde_ das Gefühl
der Komik erzeugen, wenn nicht statt desselben ein anders geartetes oder
entgegengesetztes Gefühl einträte. Aber dies hat ebensoviel Sinn, als
wenn ich erst den allgemeinen Satz aufstellen wollte: alle Körper sinken
im Wasser, um dann hinzuzufügen: wofern sie nicht oben bleiben. Oder will
_Kräpelin_ sagen, in jenen Fällen werde das Eintreten der Komik durch
andersgeartete Gefühle aufgehoben? Auch damit ist nichts gebessert. Auch
von Körpern, die sich nicht darauf einlassen im Wasser zu sinken, kann
ich zur Not sagen, bei ihnen werde durch das Obenbleiben oder die Tendenz
des Obenbleibens der Effekt des Sinkens aufgehoben. Eine Begründung des
Sinkens dieser Körper und des Nichtsinkens jener wäre damit nicht
gegeben.

Endlich ist es aber auch, wie wir schon wissen, gar nicht richtig, dass
Widerstreit von Lust und Unlust mit Überwiegen der Lust das Gefühl der
Komik ausmacht. Weder von einem solchen Widerstreit zu reden ist
_Kräpelin_ so ohne weiteres berechtigt, noch findet das Überwiegen der
Lust jederzeit statt. Umgekehrt können, wie wir gleichfalls schon wissen,
Lust und Unlust thatsächlich in dem bezeichneten Verhältnis stehen und
doch kein Gefühl der Komik ergeben.

Es können aber auch schliesslich die ganzen _Kräpelin_'schen Bedingungen
der Komik erfüllt, also der unerwartete intellektuelle Kontrast samt dem
von _Kräpelin_ geforderten Verhältnis von Lust und Unlust gegeben sein,
ohne dass von Komik im entferntesten die Rede ist. Jedes zugleich
prächtige und furchtbare Schauspiel, das ich nie gesehen, das also zu
meinem "Vorstellungsschatz" in unerwarteten Gegensatz tritt, der
unerwartete Anblick eines mächtigen Heeres, eines mächtig aufsteigenden
Wetters und dergleichen erfüllt die Bedingungen, wenn zufällig der
erhebende Eindruck der Pracht das Gefühl der Furcht überwiegt. Darum
finden wir ein solches Schauspiel doch niemals komisch.

So bleibt schliesslich von der ganzen _Kräpelin_'schen Bestimmung der
Komik nur der Vorstellungskontrast übrig. Wie der beschaffen sein müsse,
davon erfahren wir nichts. Das heisst, wir erfahren nichts von der
eigentlichen Hauptsache.


WUNDTS THEORIE.

Wir werden zu _Kräpelin_ nachher noch einmal zurückkehren müssen. Vorerst
schliessen wir an das über seine Theorie Gesagte eine Bemerkung über
verwandte Anschauungen. Zunächst über die _Wundts_. Nur in wenigen Worten
charakterisiert _Wundt_ die Komik. Diese Worte finden sich im zweiten
Bande der "Grundzüge der physiologischen Psychologie" 4. Aufl. In seiner
Charakteristik vereinigt _Wundt_ in gewisser Weise mit der
_Kräpelin_'schen Theorie die _Hecker_'sche. _Wundt_ meint: "Beim
Komischen stehen die einzelnen Vorstellungen, welche ein Ganzes der
Anschauung oder des Gedankens bilden, unter einander oder mit der Art
ihrer Zusammenfassung teils im Widerspruch, teils stimmen sie zusammen.
So entsteht ein Wechsel der Gefühle, bei welchem jedoch die positive
Seite, das Gefallen, nicht nur vorherrscht, sondern auch in besonders
kräftiger Weise zur Geltung kommt, weil es, wie alle Gefühle, durch den
Kontrast gehoben wird."

Was ich dagegen zu sagen habe, ist der Hauptsache nach bereits gesagt:

Werden alle Gefühle durch Kontrast gehoben, so erfährt in dem Wechsel der
Gefühle, wie die Lust durch die Unlust, so auch die Unlust durch die Lust
eine Steigerung. Es bleibt also das Verhältnis dasselbe.

Zweitens: Das hier vorausgesetzte Kontrastgesetz existiert nicht. Das
_Gefühls_kontrastgesetz insbesondere ist eine psychologische
Unmöglichkeit.

Drittens: Es kann auch nicht gesagt werden, dass bei der Komik das Gefühl
der Lust überwiegen müsse. Die Komik des Verächtlichen, die Komik, die
aus dem Lachen der Verzweiflung spricht, zeigt ein Übergewicht der
Unlust, Komik ist ihrem eigentlichen Wesen nach weder Lust noch Unlust,
sondern im Vergleich mit beiden etwas Neues.

Viertens: Damit ist auch schon gesagt, dass zur Komik der Wechsel der
Lust und Unlust nicht gehört. Mag beim Gefühl der Komik bald die Lust-
bald die Unlustfärbung stärker heraustreten; das Gefühl der Komik ist an
sich ein von diesem Gegensatze unabhängiges eigenartiges Gefühl.

Fünftens, abgesehen von allem dem: Setzen wir den Fall, zwei Thatsachen
lassen sich unter einen Gesichtspunkt stellen, und fordern, dass wir dies
thun, wenn wir sie von einer bestimmten Seite her betrachten. Sie
widerstreiten dagegen dem Versuch, dies zu thun, wenn wir andere Momente
an ihnen ins Auge fassen. Hier ist für _Wundt_ die Grundbedingung der
Komik gegeben. Es kann auch daraus unter Umständen ein Wechsel der
Gefühle sich ergeben. Ich achte bald auf das Moment der Übereinstimmung,
bald auf das Moment des Widerstreites. Dann schwankt auch mein Gefühl
zwischen Lust und Unlust. Dabei wird freilich nicht das Gefühl der Lust,
sondern das der Unlust durch den "Kontrast" gesteigert: Je mehr, was
beide Thatsachen Übereinstimmendes haben, zur Zusammenfassung unter den
einen wissenschaftlichen Gesichtspunkt einladet, um so unangenehmer
berührt es uns, wenn wir dann doch wiederum von der Unmöglichkeit der
Zusammenfassung uns überzeugen müssen. Dagegen wird das Moment der
Übereinstimmung keineswegs dadurch für uns erfreulicher, dass das
gegenteilige Moment uns die Freude daran immer wiederum verkümmert.
Verkümmerte Freude ist nicht, wie es nach dem Gesetz des
"Gefühlskontrastes" sein müsste, doppelte Freude.

Indessen nehmen wir an, das Kontrastgesetz bestände, und wirkte, so wie
es nach _Wundt_ wirken müsste; es würde also im obigen Falle die Lust
"gehoben". Dann wären alle Bedingungen, die nach _Wundt_ für die Komik
charakteristisch sind, gegeben. Es müsste also eine den obigen Angaben
entsprechende Beziehung zwischen Thatsachen jederzeit komisch sein. Das
heisst jede Theorie, jede Zusammenfassung von Thatsachen, die einerseits
berechtigt, andererseits doch auch wiederum unzulässig erscheint, müsste
komisch erscheinen. Nun haftet gewiss mancher wissenschaftlichen Theorie
von der bezeichneten Art der Charakter der Komik an. Sie braucht nur etwa
sehr selbstbewusst aufzutreten und zugleich dieses Selbstbewusstsein
möglichst wenig zu rechtfertigen. Oder sie verblüfft uns momentan durch
einen Schein der Wahrheit; dann aber sinkt _eben das_, was ihr den Schein
der Wahrheit verlieh, in _nichts_ zusammen. Aber das sind ja
Voraussetzungen, die _Wundt_ nicht macht. Es fehlt so bei _Wundt_ die
Pointe der Komik, also ihr eigentlicher Sinn.

Immerhin liegt auch in _Wundts_ Charakteristik der Komik ein Hinweis auf
Richtiges und Wichtiges. Ich denke wiederum vorzugsweise an die
Anerkenntnis, dass ein Gegensatz oder ein Kontrast, und zwar, allgemein
gesagt, ein Kontrast zwischen einem Positiven und einem Negativen für die
Komik notwendig sei. Dass und wiefern diese Anschauung berechtigt ist,
werden wir nachher genauer sehen.

Dass sie ein gewisses Recht haben müsse, können wir aber auch schon aus
der Thatsache entnehmen, dass uns ähnliche Wendungen, sei es zur
Charakterisierung des Witzes, sei es zur Kennzeichnung der Komik
überhaupt früher und später immer wieder begegnen.


VERWANDTE THEORIEN.

Hier kommen für uns einstweilen nur diejenigen Definitionen der Komik in
Betracht, die auf die Komik überhaupt sich beziehen. Erwähnung verdient
vor allem _Schopenhauer_, der in "Die Welt als Wille und Vorstellung" II.
Buch I § 13 sagt: "Das Lachen entsteht jedesmal aus nichts Anderem, als
aus der plötzlich wahrgenommenen Inkongruenz zwischen einem Begriff und
den realen Objekten, die durch ihn in irgend einer Beziehung gedacht
worden waren; und es ist selbst eben nur der Ausdruck dieser
Inkongruenz." "Je richtiger einerseits die Subsumtion ... unter den
Begriff ist, und je grösser und greller andererseits ihre
Unangemessenheit zu ihm, desto stärker ist die aus diesem Gegensatz
entspringende Wirkung des Lächerlichen. Jedes Lachen also entsteht auf
Anlass einer paradoxen und daher unerwarteten Subsumtion, gleichgültig ob
diese durch Worte oder Thaten sich ausspricht. Dies ist in der Kürze die
richtige Erklärung des Lächerlichen."

Hier begegnen uns in sehr ausgesprochener Form die oben als positiv
wertvoll anerkannten Momente. Im übrigen wissen wir, warum diese
Erklärung so unzulänglich ist, wie sie kurz ist und anspruchsvoll
auftritt. _Schopenhauers_ "Lächerliches" ist lächerlich, wenn es nicht
ärgerlich, oder imponierend, sondern eben lächerlich ist.

Es ist _zunächst_ lediglich _ärgerlich_, wenn wir plötzlich wahrnehmen,
ein Objekt sei dem Begriff, unter den wir es subsumiert haben,
inkongruent. Und zwar ist zu diesem Gefühl um so mehr Grund, je richtiger
die Subsumtion schien, oder je mehr unser Urteil über das Objekt zwingend
und einleuchtend war.

Es ist zweitens _imponierend_, wenn wir ein Objekt zunächst, etwa auf
Grund einer bloss äusserlichen Betrachtung, einem Begriff subsumierten,
dessen Anwendung eine geringe Bewertung des Objektes in sich schloss, und
wenn dann plötzlich diese Subsumtion und mit ihr diese niedrige Bewertung
als für das Objekt völlig unangemessen sich ausweist.

Es ist endlich _komisch_ dann und nur dann, wenn dem Objekt vermöge der
Subsumtion, oder vermöge unserer Beurteilung desselben, irgend welche
Würde zukam, oder zuzukommen schien, und nun plötzlich _diese Würde
verleihende_ Subsumtion als inkongruent oder unangemessen sich darstellt.
Man sieht, auch _Schopenhauer_ setzt bei seiner Erklärung der Komik die
Komik voraus.

Daneben mag erwähnt werden _Lillys_ "Theory of the Ludicrous",
Fortnightly Review, Mai 1896, wonach das Lächerliche ist: an irrational
negation which arouses in the mind a rational affirmation. Sehr nahe mit
_Kräpelin_ berührt sich dann _Mélinauds_ Erklärung in einem Aufsatz der
Revue des deux mondes 1895: Pourquoi rit-on? Etude sur la cause
psychologique du rire. Die Antwort auf jene Frage lautet: Quand un objet
d'un côté est absurde, et d'autre trouve une place toute marqueé dans une
catégorie familière.

Soll auch dagegen noch eine besondere Bemerkung gemacht werden, so sei
auf folgendes hingewiesen: Ein menschliches Verhalten, ein religiöser
Gebrauch etwa, sei in sich möglichst "absurd". Diese Absurdität wird
komisch erscheinen, wenn sie überraschend oder verblüffend ist; d. h.
wenn wir die betreffenden Personen mit unserem Masse messen, sie also als
vernünftige Menschen betrachten, wenn demgemäss die Unvernunft in unseren
Augen den Anspruch erhebt, vernünftig, ja vielleicht erst recht
vernünftig zu sein, zugleich aber völlig klar in ihrer Unvernunft
einleuchtet.

Nehmen wir dagegen an, die absurde Handlung sei uns in aller ihrer
Absurdität dennoch aus Erziehung, Gewohnheit, Unkenntnis, geistiger
Stumpfheit der Personen völlig verständlich, so dass wir uns sagen, die
Personen müssen unter diesen Umständen so absurd sich gebärden, wie sie
es thun. Dann hört die Komik auf. Es tritt dann an die Stelle der Komik
dies nüchterne Verständnis oder diese klar bestimmte Einordnung in eine
"catégorie familière". Man erinnert sich des Wortes: Nicht weinen, nicht
lachen, _sondern_ verstehen. Hier ist also die "place toute marquée dans
une catégorie familière" der Komik feindlich.

Andererseits ist doch freilich auch wiederum das Verständnis des absurden
Gebarens Bedingung einer bestimmten Art der Komik, nämlich der _naiven_
Komik. Nur muss hier die Verständlichkeit in besonderem Sinne genommen
werden. Nicht im Sinne der einfachen verstandesgemässen Einsicht, sondern
im Sinne der Anerkenntnis: Das absurde Gebaren erscheint als Gebaren
dieser Person berechtigt, sinnvoll, "natürlich"; es giebt sich darin
etwas Gutes, Gesundes, eine Einsicht, kurz eine gewisse Grösse der Person
kund. Andererseits aber bleibt doch das Gebaren an sich betrachtet
absurd. Angenommen _Mélinaud_ hätte an diese Art der Komik gedacht, dann
gehörte seine Theorie zu den zahlreichen, deren Schiefheit sich aus der
äusserlichen und unzureichenden Betrachtung bestimmter Möglichkeiten der
Komik erklärt.

Endlich erwähne ich die letzte Schrift, die mit der Frage der Komik sich
eingehender beschäftigt, nämlich _Herkenraths_ Problèmes d'éstétique et
de morale, Paris 1898. _Herkenrath_ knüpft an _Mélinauds_ Definition
unmittelbar an. Er will sie nur verallgemeinern. Zugleich bestimmt er sie
genauer. Er meint, komisch sei die "réunion soudaine de deux aspects, qui
paraissent incompatibles".

Hier ist das "soudaine" gegen _Mélinaud_ eine Verbesserung. Aber auch die
"plötzlichste" Vereinigung zweier unverträglicher "Aspekte" erzeugt nicht
ohne weiteres die Komik. _Herkenrath_ setzt den Fall: Wir hören aus einem
Wandschrank ein Wimmern, und meinen, die Katze sei darin eingesperrt.
Beim Öffnen finden wir darin unsere Tante oder unseren Schwiegervater.
Dies wäre gewiss komisch. Und es trifft auch hier thatsächlich ein
"Aspekt", nämlich die Erwartung, dass das Eingeschlossene eine Katze sei,
mit einem anderen damit unverträglichen "Aspekt", nämlich der
Wahrnehmung, dass es meine Tante oder mein Schwiegervater ist, plötzlich
zusammen. Aber die Wahrnehmung, dass ein kleiner Hund in den Schrank
eingesperrt worden sei, würde jener Erwartung ebenso widersprechen.
Worauf es ankommt, das ist: die Tante oder der Schwiegervater, diese
würdevollen oder auf Würde Anspruch machenden Personen; und weiter der
Umstand, dass eine solche würdevolle Person in den Schrank eingeschlossen
ist, und damit plötzlich in meinen Augen ihrer Würde verlustig geht, und
in dem speziellen Falle sogar auf das Niveau einer kleinen wimmernden
Katze herabsinkt. Die Komik entsteht hier nicht aus der plötzlichen
Vereinigung zweier unverträglicher Aspekte, sondern aus diesem Zergehen
der Würde der Tante oder des Schwiegervaters.

_Herkenrath_ meint, hier ein Beispiel gegeben zu haben, in welchem die
Komik entstehe, indem an die Stelle eines erwarteten Kleinen ein Grosses
oder Würdevolles tritt. In Wahrheit findet hier wie in allen Fällen der
Komik das Gegenteil statt: Ein Grosses schrumpft zu einem Kleinen
zusammen. Wäre dies nicht der Fall, so würde die Komik unterbleiben. Die
Wahrnehmung eines reissenden Stromes, wo nach vorangehenden Erfahrungen
ein wasserarmer Bach erwartet wurde, wirkt nicht komisch, sondern
imponierend. Und doch haben wir auch hier die plötzliche Vereinigung
zweier unverträglicher Aspekte.

* * * * *

II. ABSCHNITT. DIE GATTUNGEN DES KOMISCHEN.


IV. KAPITEL. DIE OBJEKTIVE KOMIK.


KONTRAST DES GROSSEN UND KLEINEN.

Mit den letzten Bemerkungen des vorigen Abschnittes habe ich dem
Folgenden vorgegriffen. Das dort Angedeutete wird in diesem Abschnitt
näher auszuführen sein.

Wir reden zunächst von der objektiven Komik. Die genauere Abgrenzung
derselben von den beiden anderen Gattungen der Komik, der subjektiven und
der naiven Komik, wird später, im Kapitel über die naive Komik, zu
vollziehen sein. Hier genügt uns einstweilen diejenige Bestimmung des
Begriffes der objektiven Komik, die sich aus dem hier Folgenden von
selbst ergiebt.

Ich sagte oben, _Kräpelin_ unterlasse es, uns zu sagen, welcher Kontrast
komisch wirke. Die Antwort auf diese Frage ist teilweise seit lange
gegeben. In gewisser Weise schon von der Ästhetik der _Wolff_'schen
Schule. Diese bezeichnet den komischen Kontrast als einen Kontrast
zwischen Vollkommenheiten und "Unvollkommenheiten". Deutlicher redet
Kant. Ihm zufolge entsteht die Komik aus der plötzlichen Auflösung einer
Erwartung in "Nichts". Nach _Jean Paul_ ist das Lächerliche das unendlich
"Kleine", das zu einem Erhabenen in Gegensatz tritt. Und dieselbe
Anschauung begegnet uns in der folgenden Geschichte der Ästhetik immer
wieder, in den mannigfachsten Modifikationen, in geistvollster Weise
durchgeführt von _Vischer_.

Ich erwähne speziell noch _Spencer_, für den die Komik beruht auf einer
"descending incongruity"; einem unvermerkten Übergang "from _great_
things to _small_". Ähnlich ist für _Bain_ der Anlass der Komik "the
_degradation_ of some person or interest possessing dignity in
circumstances, that excite no other strong emotion".

Die Antwort auf die Frage nach dem Grunde der Komik, die ich meine, liegt
aber im Grunde auch schon in der gewöhnlichen und jedermann geläufigen
Gegenüberstellung des _Erhabenen_ und des Komischen oder Lächerlichen.
Wie kann man es unterlassen, das Recht solcher Anschauungen und Wendungen
wenigstens zu prüfen?

Ein Kleines, ein relatives Nichts, dies liegt in allen diesen Wendungen,
bildet jederzeit die eine Seite des komischen Kontrastes; ein Kleines,
ein Nichts, nicht überhaupt, sondern im Vergleich zu demjenigen, mit dem
es kontrastiert. Die Komik entsteht eben, indem das Kleine an dem Andern,
zu dem es in Beziehung gesetzt wird, sich misst und dabei in seiner
Kleinheit zu Tage tritt.

Damit ist auch schon gesagt, dass das Kleine in der Vorstellungsbewegung,
die dem Eindruck der Komik zu Grunde liegt, jederzeit _das zweite Glied_
sein muss, d. h. dasjenige, zu dem wir in unserer Betrachtung übergehen,
nicht der Ausgangspunkt, sondern der Zielpunkt der Bewegung. Wir mögen
immerhin das Kleine schon vorher wahrgenommen oder ins Auge gefasst
haben, klein erscheinen im Vergleich zur anderen Seite des Kontrastes
kann es doch erst, nachdem wir den Massstab, den die andere Seite
liefert, aus der Betrachtung derselben schon gewonnen haben.

Dass diese Anschauung im Rechte ist, zeigen beliebige Beispiele. Auch die
von _Kräpelin_ angeführten. Wir finden uns, um zunächst ein Beispiel zu
erwähnen, das uns bei _Kräpelin_ nicht begegnet, das aber von uns bereits
oben angeführt wurde, komisch angemutet, wenn wir neben einem mächtigen
Palast ein kleines Häuschen, wohl gar ein solches, das in seiner Form den
Palast nachahmt, stehen sehen. Die komische Wirkung tritt noch sicherer
ein, wenn das kleine Häuschen eine ganze Reihe mächtiger Bauten
unterbricht. _Kräpelins_ Fehler besteht darin, dass ihm dieser Kontrast
zwischen Gross und Klein ein Kontrast ist wie jeder andere, und dass er
die Stellung der Glieder des Kontrastes nicht beachtet. Denken wir uns
eine Reihe von mächtigen Palästen durch einen Bau unterbrochen, dessen
Bauart eine ganz andere ist, der ihnen aber an Mächtigkeit nichts
nachgiebt, eine grosse Kirche, ein Theater oder dergleichen, dann
unterbleibt der Eindruck der Komik. Und angenommen, wir gehen erst
zwischen Reihen kleiner Häuser und erblicken plötzlich einen riesigen
Palast, so schlägt er gar in den des Erstaunens um; obgleich natürlich
der Kontrast zwischen Klein und Gross nicht kleiner ist, als der zwischen
Gross und Klein. Man vergleiche hier auch die Beispiele, die am Ende des
vorigen Abschnittes angeführt wurden.

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