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Komik und Humor

T >> Theodor Lipps >> Komik und Humor

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In dem obigen Beispiele ist das "Kleine" ein Kleines der _Ausdehnung_.
Ein solches ist es nicht in allen Fällen. Was ich mit dem Kleinen, dem
relativen Nichts oben meinte, das ist überhaupt das für uns relativ
Bedeutungslose, dasjenige, was für uns, sei es überhaupt, sei es eben
jetzt, geringeres Gewicht besitzt, was geringeren Eindruck macht, uns in
geringerem Masse in Anspruch nimmt, oder wie sonst wir uns ausdrücken
mögen. Dergleichen Prädikate kann aber ein Objekt aus gar mancherlei
Gründen verdienen.

Auf Eines muss ich besonders aufmerksam machen. Die Art, in der Objekte
auf uns wirken oder uns in Anspruch nehmen, pflegt der Hauptsache nach
nicht auf dem zu beruhen, was sie für unsere Wahrnehmung sind, sondern
auf dem, was sie uns bedeuten, oder anzeigen, woran sie gemahnen oder
erinnern. Die Wirkung der Worte liegt vor allen Dingen an dem, was sie
sagen, nicht minder die der sichtbaren Formen, sei es einzig, sei es zum
wesentlichen Teile, an den Gedanken, die sie in uns erwecken.

Schon für die Komik der "leicht zu ertragenden menschlichen Gebrechen"
kommt dies in Betracht. Inwiefern, dies wird deutlich, wenn man bedenkt,
dass von Haus aus, das heisst abgesehen von den Vorstellungen und
Gedanken, die wir auf Grund mannigfacher Erfahrungen hinzufügen, die
Bildung des menschlichen Körpers überhaupt kein Gegenstand besonderen
Interesses ist. Der menschliche Körper wäre uns sogar, wenn wir alle
diese "associativen Faktoren" einen Augenblick zum Schweigen bringen
könnten, die gleichgültigste Sache von der Welt. Er gewinnt Bedeutung,
indem mit ihm der Gedanke an ein darin waltendes körperliches und
geistiges Leben aufs Innigste verwächst. Er wird dadurch zum sinnlichen
Träger der Persönlichkeit. Nicht nur das Auge ist Spiegel des Innern,
sondern der ganze Körper in allen seinen Teilen, wenn auch nicht überall
in gleichem Grade. Dies heisst nicht, wir lesen aus jeder Form des
menschlichen Körpers ein bestimmtes, _thatsächlich_ darin verkörpertes
Leben in zutreffender Weise heraus. Nur dies ist mit jener Behauptung
gesagt, es werde durch jede Form auf Grund der Erfahrung die Vorstellung
eines bestimmt gearteten Lebens in uns erweckt, gleichgültig ob die
Vorstellung jedesmal der Wirklichkeit entspricht, oder nicht. Außerdem
muss hinzugefügt werden, dass solche Vorstellungen uns nicht zum
Bewußtsein zu kommen brauchen, wenn das Interesse an der Form entstehen,
also die Form uns bedeutungsvoll werden soll.

Die _normalen_ Formen des menschlichen Körpers sind es aber, mit denen
vor allem der Gedanke an _positives_, in gewisser Fülle, Kraft,
Ungestörtheit vorhandenes körperliches und geistiges Leben sich
verknüpft. Sie heissen eben normal, weil in ihnen überall das Mass von
"Leben" und Lebensfähigkeit sich darstellt oder darzustellen scheint, das
wir allgemein fordern oder für wünschenswert halten. Sie sind eben damit
für uns Gegenstand erheblichen _positiven_ Interesses und darum
bedeutungs- und eindrucksvoll. Mit diesem Interesse Hand in Hand geht
dann das negative Interesse, das solche abnorme Formen für uns haben, die
die Vorstellung eines erheblichen _Eingriffs_ in jenes körperliche und
geistige Leben oder einer erheblichen _Herabminderung_ desselben
erwecken. Auch dies negative Interesse involviert eine entsprechende
Eindrucksfähigkeit.

Dagegen erscheinen Abweichungen von der normalen Form, die mit keiner
derartigen Vorstellung verbunden sind, notwendig relativ "nichtssagend"
und damit psychologisch mehr oder weniger gewichtlos. Sie erscheinen
insbesondere dem Sinn und Inhalt der _normalen_ Formen gegenüber entweder
als ein Zuwenig oder als ein Zuviel oder als beides zugleich. Der
übermäßig Hagere bleibt schon rein äußerlich betrachtet hinter der
normalen Bildung zurück. Aber nicht dies äusserliche Zurückbleiben,
sondern der damit sich verbindende Gedanke einer geringeren Kraft- und
Lebensentfaltung lässt die Form relativ nichtig erscheinen. Dasselbe gilt
von der zu kleinen Nase. Sie macht den Eindruck der Verkümmertheit, als
habe der Organismus nicht Kraft genug gehabt, eine normale Nase zu
bilden; indem sie an die Bildung der kindlichen Nase erinnert, erweckt
sie zugleich die Vorstellung einer niedrigeren Stufe geistigen Lebens.
Dagegen erscheint die zu grosse Nase, soweit sie über das normale Mass
hinausgeht, als ein Überschüssiges, Zweckwidriges, zum Ganzen des
Organismus und des ihn erfüllenden Lebens im Grunde nicht mehr
Hinzugehöriges, und insofern Sinnloses und Nichtiges. Dort ist für unsere
Vorstellung mit der Form zugleich der Inhalt vermindert; hier reicht der
Inhalt nicht zu für die Form, so dass diese teilweise inhaltlos
erscheint. Endlich vereinigen sich beide Arten relativer
Bedeutungslosigkeit beim übermässig Fetten. Das Fett erscheint als
kraftlose, also bedeutungslose Wucherung, zugleich hemmt es das gewohnte
Mass freier Bewegung und Lebensbethätigung.

Unter denselben Gesichtspunkt stellt sich der Typus und die Hautfarbe des
Negers, über welchen der Ungebildete, und das Neue, worüber das Kind
lacht. Der Negertypus erweckt allgemein gesagt die Vorstellung einer
niedrigeren Stufe der Entwicklung; die Hautfarbe ist wenigstens dem
Ungebildeten als Farbe des menschlichen Körpers _unverständlich_. An sich
besitzt ja auch die weisse Hautfarbe keine besondere Würde. Aber sie
gehört für uns, wie die normalen Formen, zum Ganzen des Menschen, ist
Mitträger des Gedankens an menschliches Leben geworden, auch auf sie hat
sich damit etwas von der Würde der menschlichen Persönlichkeit
übertragen. Diese Würde fehlt naturgemäß der schwarzen Hautfarbe, so
lange wir nicht gelernt haben, auch sie als rechtmässige menschliche
Hautfarbe zu betrachten. Sie ist also so lange ein relatives Nichts.
Ebenso ist das Neue für das Kind ein relativ Bedeutungsloses, weil das
Kind seine Bedeutung, die Zugehörigkeit zu Anderem, aus dem sich die
Bedeutung ergiebt, die Brauchbarkeit zu diesem oder jenem Zweck u. s. w.
noch nicht kennen gelernt hat. Als Unverstandenes, noch Sinnloses, und
darum Nichtiges, nicht um der Neuheit willen, ist das Neue dem Kinde
komisch,--soweit es dies ist.

Wie in den bisher besprochenen, so ist es in allen Fällen der
Anschauungskomik wesentlich, dass das relativ Nichtige als ein solches
erscheine, nicht irgendwo oder irgendwann, sondern in dem Gedanken- oder
Vorstellungszusammenhang, in den es hineintritt; oder, wie wir auch
sagen können, dass es nichtiger erscheine, als der Vorstellungs- oder
Gedankenzusammenhang, in den es sich einfügt, _fordert_ oder _erwarten
lässt_. Wir erwarten, wenn wir an einer Reihe grosser Gebäude
vorübergegangen sind, nun auch weiter grosse Gebäude anzutreffen. Wir
fordern oder erwarten von allem dem, was nun einmal zum Menschen gehört,
nicht bloss seinen Reden und Handlungen, sondern auch den Formen und
Farben seines Körpers, dass sie uns den Eindruck einer gewissen
Bedeutsamkeit machen, dass in ihnen für unser Gefühl oder Bewusstsein
ein gewisser--nicht überall identischer, auch nicht überall gleich
erhabener--Sinn, ein gewisses Mass von Zweckmäßigkeit, körperlicher
oder geistiger Lebenskraft und Leistungsfähigkeit sich ausspreche, oder
auszusprechen scheine. Wir erwarten, wenn wir unserm Freunde begegnen,
an ihm alle die Züge der äussern Erscheinung wieder wahrzunehmen, die
wir gewohnt sind als zu ihm gehörig zu betrachten und die schon dadurch
eine gewisse positive Bedeutung für uns gewonnen haben u. s. w. Die
Komik entsteht, wenn _an Stelle_ des erwarteten Bedeutungs- oder
Eindrucksvollen und unter Voraussetzung eben des
Vorstellungszusammenhanges, der es erwarten lässt, ein für uns, unser
Gefühl, unsere Auffassung, unser gegenwärtiges Verständnis minder
Eindrucksvolles sich einstellt.


NACHAHMUNG UND KARIKATUR.

Die Wichtigkeit dieser Bestimmung erhellt noch besonders deutlich, wenn
wir jetzt mit _Kräpelin_ innerhalb der Anschauungskomik die Fülle der
Komik der Nachahmung und der Karikatur speziell ins Auge fassen. Wir
sehen nach _Kräpelin_ bei der Komik der Nachahmung "die eine von zwei uns
als verschieden bekannten Individualitäten eine teilweise Übereinstimmung
mit der andern gewinnen und werden dadurch gezwungen, jene beiden
Vorstellungen miteinander in nahe Beziehung zu setzen, ohne sie doch
natürlich zu einer vollständigen Deckung bringen zu können." Darauf
beruht hier für _Kräpelin_ die Komik. Nach dieser Theorie müsste das
Gefühl der Komik immer entstehen, wenn zwei Personen sich in gewissen
Punkten entschieden ähnlich, in andern entschieden unähnlich sind, wenn
beispielsweise von zwei Brüdern der eine ganz die Züge des Vaters hat,
während der andere teilweise dem Vater, teilweise der Mutter gleicht.
Auch hier setzen wir ja Personen in nahe Beziehung, ohne sie zur Deckung
bringen zu können.

_Kräpelins_ Theorie vergisst eben auch hier wiederum die Hauptsache. Er
übersieht in der Komik der Nachahmung die _Nachahmung_. Nachahmung ist
_Herauslösung_ von Zügen einer Person, Eigentümlichkeiten derselben,
Arten zu sprechen, zu handeln, sich zu bewegen, aus dem Zusammenhang, dem
sie angehören und in dem sie ihre Bedeutung haben.

Dabei können zwei Möglichkeiten unterschieden werden. Die nachgeahmten
Eigentümlichkeiten seien zunächst Eigentümlichkeiten _irgend welcher_
Art. Sofern wir sie an der Person wahrnehmen, der sie zugehören, sind sie
Eigentümlichkeiten dieser Person; d. h. diese Person giebt ihr Wesen
darin nach gewisser Richtung kund; sie sind nicht bloss diese
Eigentümlichkeiten, sondern Eigentümlichkeiten, in denen diese Person
_steckt_. Nun werden sie von mir nachgeahmt. Damit erscheinen sie von
dieser Person losgelöst. Zugleich erscheinen sie doch für denjenigen, der
weiss, dass ich nachahme, nicht etwa auf mich übertragen. Sie werden
nicht als mir thatsächliche zukommende Eigentümlichkeiten aufgefasst. Sie
sind also isoliert; schweben sozusagen in der Luft. Andererseits werden
sie doch immer noch als Eigentümlichkeiten der anderen Person _erkannt_.
Man weiss, ich ahme jene _Person_ nach.

Damit ist der Grund zur Komik gegeben. Die Eigentümlichkeit, die als
Eigentümlichkeit der Person ihren Sinn hat, büsst vermöge der Loslösung
von der Person diesen Sinn ein. Sie ist, als zur Person gehörig
betrachtet, Ausdruck des Wesens derselben; indem ich durch die Nachahmung
gezwungen werde, sie _für sich_ zu betrachten, geht sie dieses Anspruches
verlustig. Sie hat, sofern sie der Person zugehört, diese zum Inhalt oder
Substrat, jetzt kommt ihr dieser Inhalt oder dies Substrat abhanden. Sie
wird mit einem Worte zur leeren Form. Immer wieder, wenn ich sie im
Zusammenhang der Person betrachte, füllt sich die Form mit persönlichem
Inhalte; und jedesmal wenn ich sie in ihrer Isolierung betrachte,
schrumpft sie zur leeren Form zusammen. Ein Etwas wird zu einem Nichts.
Dies aber ist der Grund aller Komik.

Aus dem Gesagten ergiebt sich, dass die komische Wirkung der Nachahmung
umso grösser sein muss, einmal je mehr das ganze Wesen der Person in der
nachgeahmten Eigentümlichkeit sich kund giebt, je _charakteristischer_
also die Eigentümlichkeit für die Person ist, zum anderen, je weniger die
Eigentümlichkeit zu mir passt, je weniger sie also als meine
Eigentümlichkeit genommen werden kann.

Andererseits steigert sich die Wirkung notwendig, wenn wir die zweite der
oben gemeinten Möglichkeiten ins Auge fassen, d. h. wenn wir annehmen die
Eigentümlichkeit sei eine "_Eigenheit_", ich meine: ein solcher Zug der
nachgeahmten Person, der im Vergleich zum normalen menschlichen Wesen,
ebenso wie die leicht zu ertragenden Gebrechen, als ein Zuviel oder ein
Zuwenig erscheint, also in jedem Falle einen Eindruck relativer
Nichtigkeit zu machen geeignet ist. Ich sage mit Absicht: geeignet ist;
denn dass solche "Eigenheiten" an der Person selbst als Kleinheiten oder
Schwächen erscheinen müssten, soll hier nicht gesagt sein. Sie erscheinen
dann um so sicherer als solche in der Nachahmung. Eine Art zu sprechen
etwa verrät eine gewisse Weichheit, ein Sichgehenlassen des Gefühls. Die
Gefühlsweichheit passt aber zur Person, ist mit anderen wertvollen
Eigenschaften derselben notwendig verbunden; wir finden sie darum an der
Person völlig in Ordnung. So finden wir ja an ganzen Gattungen von
Menschen, an den verschiedenen Geschlechtern, Lebensaltern, Ständen,
Besonderheiten in der Ordnung und fordern sie sogar, die ohne Rücksicht
auf die besondere Natur der Träger als Kleinheiten erscheinen würden.

Oder, gehört die Eigentümlichkeit nicht zum Wesen der Person, in dem
Sinne, dass wir gar nichts Anderes von ihr erwarten, dann haben wir uns
doch vielleicht in die Person und die Eigentümlichkeit gefunden. Wir
haben gelernt die Persönlichkeit als Ganzes zu fassen; und in ihrer
Ganzheit, zu der auch die Schwäche gehört, ist sie uns vertraut.--Indem
ich nun aber die Eigentümlichkeit nachahme, reisse ich sie aus jenem
Zusammenhang heraus. Sie wird jetzt gewissermassen Gegenstand absoluter
Beurteilung, d. h. sie tritt statt in ihrer Beziehung zu ihrem Träger, in
ihrer Beziehung zum Menschen überhaupt ins Bewusstsein. Sie wird gemessen
an dem, was man vom Menschen überhaupt erwartet. Und in diesem
Zusammenhang stellt sie sich als Kleinheit dar und wirkt entsprechend.
Sie wirkt komisch.

Völlig entgegengesetzte Eigenschaften können auf diese Weise durch
Nachahmung komisch werden. Wie die Sprechweise, die ein Sichgehenlassen
des Gefühls verrät, so auch die besonders energische, trotzig
herausfordernde, kommandomässige. Der Kommandoton bleibt nicht hinter dem
zurück, was wir im allgemeinen zu erwarten pflegen, sondern geht darüber
hinaus; er lässt aber seinerseits einen entsprechenden Zweck und Inhalt
der Rede erwarten. Auch wo der fehlt, ertragen wir am Ende den Ton, wenn
die Person und Stellung dazu passen. Reissen wir ihn, nachahmend, aus
diesem Zusammenhang, so erscheint er in seiner Zweck- und Inhaltlosigkeit
und damit relativ nichtig.

Man sieht leicht, dass zwischen den beiden hier unterschiedenen Fällen
hinsichtlich des Grundes der Komik derselbe Gegensatz besteht, wie
zwischen der zu kleinen und der zu grossen Nase oder zwischen
übermässiger Hagerkeit und übermässiger Körperfülle. Ein Objekt wird
komisch das eine Mal, weil es selbst eine Erwartung unerfüllt lässt, das
andere Mal, weil es eine Erwartung erregt, die unerfüllt bleibt. Dieser
Gegensatz geht durch. Der Mann, der ein Kinderhäubchen aufsetzt, und der
kleine Junge, der sich einen Cylinder aufs Haupt stülpt, beide sind
gleich komisch. Zunächst ist dort das Häubchen komisch, weil man an
seiner Stelle die würdige männliche Kopfbedeckung erwartet, hier das
Kind, weil wir als Träger des würdigen Cylinders einen Mann erwarten.
Dann aber heftet sich die Komik auch, in jenem Falle an den Mann, in
diesem an den Cylinder, weil der Mann, indem er das Häubchen aufsetzt,
seiner Würde als Mann, der Cylinder, indem er sich herablässt das Haupt
des Kindes zu schmücken, seiner Würde als männliche Kopfbedeckung sich zu
begeben scheint.

Mit der Komik der Nachahmung ist die der Karikatur verwandt. Auch bei der
letzteren werden "Eigenheiten" herausgehoben, nicht durch Herauslösung
aus dem gewohnten Zusammenhang, aber durch Steigerung. Ich zeichne einen
Menschen im übrigen korrekt, vergrössere aber die etwas zu grosse, oder
verkleinere die etwas zu kleine Nase, verstärke die Hagerkeit oder die
Rundung der Person u. s. w. In jedem Falle handelt es sich um die
Hervorhebung eines relativ Nichtigen. Dies macht zunächst die Karikatur
selbst zum Gegenstand der Komik, dann auch das Original, mit dem wir
nicht umhin können sie zu identifizieren.

Dass _Kräpelin_ das Wesentliche dieses Vorgangs übersieht, verwundert uns
nicht mehr. Die Komik beruht ihm hier wie bei der Nachahmung auf
Ähnlichkeit und daneben bestehendem Kontrast: Die Karikatur lässt die
Ähnlichkeit prägnant hervortreten, sorgt aber zugleich dafür, dass der
Kontrast mit dem Original genügend gewahrt bleibt. Nach dieser Theorie
müsste jedes in einigen Teilen getroffene, in andern vom Original
entschieden abweichende Bildnis komisch wirken, selbst dann, wenn die
Abweichung vielmehr in einer _Vertuschung_ oder _Weglassung_ solcher
Eigentümlichkeiten bestände, die im Original abnorm oder komisch sind.


SITUATIONSKOMIK.

Sollte aus dem Bisherigen das Recht der an _Kräpelin_ geübten Kritik und
der an Stelle der seinigen gesetzten Anschauung noch nicht völlig
deutlich geworden sein, dann wird die Betrachtung der zweiten
_Kräpelin_'schen Hauptgattung der Komik hoffentlich zu diesem Ziele
führen. Kräpelin bezeichnet als solche die Situationskomik. "Das
gemeinsam wirkende Element der Situationskomik ist stets ein
Missverhältnis zwischen menschlichen Zwecken und deren Realisierung".
Dass diese Angabe, auch wenn wir nur _Kräpelins_ Beispiele ins Auge
fassen, zu enge ist, verschlägt uns hier um so weniger, als _Kräpelin_
selbst sie im darauf folgenden Satze wieder aufhebt und den Begriff der
Situation wesentlich erweitert: "Gerade das ist das Charakteristische der
Situation, dass sie keinen Ruhezustand zulässt, sondern einen einzelnen
Moment aus einer Reihe von Handlungen oder Begebenheiten herausgreift".
Darnach wäre die Situationskomik die Komik des Nacheinander von
Begebenheiten oder Handlungen.

Dagegen ist mir der Umstand wesentlich, dass jene Bestimmung zugleich zu
weit ist. Auch bei der Situationskomik kann nicht ein Missverhältnis als
solches das Gefühl der Komik erzeugen. Auch hier entsteht dies Gefühl
nur, indem ein Element in dem Gedankenzusammenhang, in den es
hineintritt, als ein relativ Kleines erscheint. Wiederum ist dabei
notwendig das Kleine der Zielpunkt, nicht der Ausgangspunkt der
gedanklichen Bewegung. Es ist nicht komisch, wenn Columbus, statt den
Seeweg nach Ostindien zu finden, Amerika entdeckt. Der Kontrast zwischen
"Zweck" und "Realisierung" ist hier gross genug, aber er ist nicht
zugleich ein Kontrast zwischen Gross und Klein. Dagegen wäre Columbus
Gegenstand der Komik geworden, wenn er schliesslich auf irgendwelchem
Umweg in längst bekannter Gegend gelandet wäre und diese vermeintlich
entdeckt hätte. Es ist nicht komisch, sondern furchtbar, wenn ein
Apotheker sich vergreift, und dem Kranken statt des Heilmittels ein
tötliches Gift giebt. Dagegen würde der Eindruck der Komik nicht
ausbleiben, wenn wir sähen, dass jemand seinem Feinde, in der Meinung ihn
zu vergiften, ein unschädliches Pulver eingegeben habe. _Kräpelin_
freilich glaubt Fällen jener Art ihre Beweiskraft zu nehmen, indem er
erklärt, es dürften, wo die Komik zu stande kommen solle, "keine
Unlustgefühle" erregt werden; aber wie es komme, dass in gewissen Fällen
statt des Gefühles der Komik ein Gefühl der Unlust erzeugt werde, das ist
eben die Frage, um die es sich handelt, ganz abgesehen davon, dass ja
auch nach _Kräpelins_ eigner Meinung Unlustgefühle zur Komik
hinzugehören.

Ob der anderen Bedingung, dass das Kleine _Zielpunkt_ der Bewegung sei,
in einem gegebenen Falle genügt sei, dies erfahren wir am einfachsten,
wenn wir wiederum, wie schon oben, den Begriff der Erwartung oder
Forderung verwenden. "Komisch wirkt die Erfolglosigkeit lebhafter
Bemühungen." In der That ist es komisch, wenn wir den Schulmeister sich
vergeblich mühen sehen, eine Schar ungezogener Rangen zur Ruhe zu
bringen. Dagegen irrt _Kräpelin_, wenn er dieselbe Wirkung dem
"unvermuteten Erfolg geringfügiger Bestrebungen" zuschreibt. So ist es
nicht komisch, sondern imponierend, wenn eine Person durch ihr blosses
Auftreten, einen Blick, ein Wort, eine geringfügige Bewegung, eine grosse
Menge beherrscht und leitet. Der Unterschied beider Fälle besteht aber
eben darin, dass der Erfolg dort hinter dem zurückbleibt, was wir nach
gewöhnlicher Erfahrung erwarten oder fordern, während er hier darüber
hinausgeht. Ebenso entsteht der Eindruck der Komik, wenn viel versprochen
und wenig geleistet wird, wenn jemand stolz und selbstbewusst auftritt
und über kleine Hindernisse stolpert, wenn der Erwachsene redet, handelt,
denkt wie ein Kind u. s. w.; er entsteht nicht, wenn umgekehrt wenig
versprochen und viel geleistet wird, wenn jemand bescheiden auftritt und
leistet, was nach der Art seines Auftretens niemand von ihm erwartete,
wenn das Kind, ohne doch unkindlich zu erscheinen, einen Grad des
Verständnisses verrät, dem wir in seinem Alter sonst nicht zu begegnen
gewohnt sind.

Nur unter einer Bedingung kann auch bei Fällen dieser letzteren Art das
Gefühl der Komik sich einstellen; dann nämlich, wenn sich in unseren
Gedanken der Zusammenhang der Facta in der Weise umkehrt, dass dasjenige,
was dem natürlichen Gang der Dinge zufolge an die Stelle des Erwarteten
tritt, zu dem wird, was die Erwartung erregt, und umgekehrt. Angenommen
etwa, wir sehen nicht die geringe Bemühung und auf diese folgend das
bedeutsame Ergebnis, sondern hören zuerst von dem letzteren, und erwarten
nun oder fordern an der Hand geläufiger Erfahrung, dass eine bedeutsame
Anstrengung vorausgegangen sei, oder wir sehen wohl erst die geringe
Bemühung, und dann den grossen Erfolg, wenden aber nachher unsern Blick
von dem Erfolg wiederum zurück zur geringen Bemühung und finden diese
geringfügiger als wir eigentlich glauben erwarten zu müssen,--in jedem
der beiden Fälle kann die geringfügige Bemühung komisch erscheinen. Aber
derartige Fälle wiederlegen nicht, sondern bestätigen unsere Behauptung.
Nicht der objektive Zusammenhang, sondern der Zusammenhang in unserem
Denken und das Vorher und Nachher innerhalb dieses Zusammenhangs, ist ja
für uns das Entscheidende.


DIE ERWARTUNG.

Mit der Anschauungs- und Situationskomik ist für _Kräpelin_ der Umkreis
der objektiven Komik abgeschlossen. Entsprechend könnten auch wir die
Kritik der _Kräpelin_'schen Theorie abschliessen, wenn wir uns nicht
bereits in einen neuen Streit mit ihrem Autor verwickelt hätten. Wir
thaten dies durch die Art, wie wir den Begriff der Erwartung verwandten.
Die Einführung dieses Begriffs geschah gelegentlich; und seine Verwendung
schien in den speziell angeführten Fällen wohl gerechtfertigt. Es fehlt
aber noch--nicht nur die prinzipielle Rechtfertigung, sondern sogar die
genauere Bezeichnung desjenigen, was eigentlich mit diesem Begriff gesagt
sein solle. Beides wollen wir im Folgenden nachzuholen versuchen. Dabei
wird auch erst die volle Tragweite dieses Begriffs deutlich werden.

Wie schon erwähnt, erklärt _Kant_ die Komik aus der plötzlichen Auflösung
einer Erwartung in Nichts. Auch _Vischer_ lässt die Erwartung als ein
wesentliches Moment der Komik erscheinen, wenn er gelegentlich das
"Erhabene", zu dem das Nichtige in komischen Gegensatz tritt, mit dem
identifiziert, was irgend eine, wenn auch an sich unmerkliche Erwartung
und Spannung erregt. (Ästhetik I, § 156).

Mit solchen Erklärungen scheint eben unsere Anschauung ausgesprochen.
Dagegen spricht _Kräpelin_ der Erwartung jede prinzipielle Bedeutung ab,
obgleich er doch wiederum jener _Kant_'schen Bestimmung ein gewisses
Recht zugesteht.

Zunächst soll die Erwartung die Wirkung der Komik nur verstärken. Was die
Wirkung eigentlich hervorbringt, ist der Vorstellungskontrast. Darnach
sind Kontrast und in Nichts aufgelöste oder enttäuschte Erwartung für
_Kräpelin_ jederzeit nebeneinander stehende Momente. Von einem solchen
Nebeneinander nun konnten wir in den oben besprochenen Fällen nichts
bemerken. Vielmehr lag eben in der Enttäuschung der Erwartung, d. h. in
dem Kontrast zwischen dem Erwarteten und dem relativen Nichts, das dafür
eintrat, jederzeit der ganze Grund der Komik.

Es ist, um viele Fälle in einen Typus zusammenzufassen, komisch, wenn
Berge kreissen und ein winziges Mäuschen wird geboren. Man lasse dabei
die Erwartung weg, nehme an, das Kreissen der Berge gebe zu keiner
Vermutung über die Beschaffenheit dessen, was daraus entstehen möge,
Anlass, so dass der Gedanke, es werde etwas Grosses geboren werden, nicht
näher liegt als der entgegengesetzte, und die Komik ist dahin. Sie beruht
also freilich auf einem Kontrast, aber nicht auf dem Kontrast der Berge
und des Mäuschens, sondern auf dem Kontrast des Erwarteten und des dafür
Eintretenden.

Dies wird noch deutlicher in anderen Fällen. Vor mir liege ein chemischer
Körper, der bei einem leichten Schlage mit lautem Knall explodieren soll.
Indem ich den Schlag ausführe, bin ich auf den Knall gefasst. Ich höre
aber thatsächlich nur das Geräusch, das der Schlag auch sonst
hervorgebracht hätte: der Versuch ist missglückt. Hier ist dasjenige, was
die Erwartung erregt, die Wahrnehmung des Schlages, an sich so
geringfügig wie dasjenige, was folgt. Kein Kontrast irgendwelcher Art
findet statt zwischen dem leichten Schlage und dem Geräusch. Der Kontrast
besteht einzig zwischen dem Geräusch und der erwarteten Explosion. Hierin
also ist der Grund der Komik zu suchen.

Diesen Fällen lassen sich leicht solche entgegenstellen, in denen
lediglich darum _keine_ komische Wirkung entsteht, weil die Erwartung und
ihre Auflösung in Nichts _fehlt_. Im Vergleich zu einem hohen Berge
erscheint jedes darauf stehende Haus klein. Das Haus ist darum doch nicht
notwendig kleiner als man erwartet, Unter dieser Voraussetzung fehlt dann
auch die Komik, trotz jenes Kontrastes zwischen Berg und Haus.

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