Komik und Humor
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Theodor Lipps >> Komik und Humor
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Darnach müssen wir jetzt sogar _Kräpelins_ Kontrasttheorie in einem neuen
wesentlichen Punkte korrigieren. Wir korrigieren damit zugleich uns
selbst, sofern wir uns oben die _Kräpelin_'sche Ausdrucksweise
einstweilen gefallen liessen. Der Kontrast zwischen menschlichen Zwecken
und ihrer Realisierung, zwischen lebhaften Bemühungen und deren
Erfolglosigkeit u. s. w., auf den _Kräpelin_ die Situationskomik
gründete, hat als solcher mit der Komik gar nichts zu thun. An seine
Stelle tritt der Kontrast zwischen der erwarteten und der thatsächlichen
Realisierung, zwischen dem Erfolg, den wir den Bemühungen, sie mögen
"lebhaft" sein oder nicht, naturgemäss zuschreiben, und der wirklichen
Erfolglosigkeit. Ebenso tritt bei der Anschauungskomik an die Stelle des
Kontrastes zwischen "dem angeschauten Gegenstand und Bestandteilen
unseres Vorstellungsschatzes" der Kontrast zwischen der Beschaffenheit
des Angeschauten, die wir auf Grund unseres Vorstellungsschatzes
naturgemäß voraussetzen, und derjenigen, die die Anschauung aufweist. Mit
einem Worte, der Vorstellungskontrast löst sich auf in den Kontrast
zwischen einem Erwarteten (Geforderten, Vorausgesetzten) und einem an die
Stelle tretenden Thatsächlichen. Dies ist der eigentliche
"intellektuelle" Kontrast, den _Kräpelin_ sucht, aber nur mit diesem
Namen zu bezeichnen weiss.
Zweitens versichert _Kräpelin_, die Erwartung sei "natürlich" nur beim
successiven Kontrast von Bedeutung. Dagegen berufe ich mich zunächst auf
den Sprachgebrauch, der nichts dawider hat, wenn ich sage, man erwarte
bei Menschen eine gewisse normale Körperbildung, oder man erwarte, wenn
man einen für Erwachsene bestimmten Tisch sehe, dass auch die um ihn
herumstehenden Stühle Stühle für Erwachsene seien, nicht Kinderstühle u.
dgl. Oder ist der Sprachgebrauch hier unwissenschaftlich?--Dann ziehe ich
mich aus dem Streit, indem ich sage, was ich hier unter Erwartung
verstehe. Diese Pflicht liegt ja ohnehin jedem ob, der die Erwartung zur
Erklärung der Komik verwendet oder sie ausdrücklich davon ausschliesst.
Die Erwartung einer Wahrnehmung oder einer Thatsache ist jedenfalls ein
Zustand des Bereit- oder Gerüstetseins zum Vollzug der Wahrnehmung, bezw.
zur Erfassung der Thatsache. Ein solches Bereitsein kann in unendlich
vielen Stufen stattfinden. Ich bin nicht bereit eine Wahrnehmung zu
vollziehen, wenn Anderes, das mit der Wahrnehmung in keinem Zusammenhang
steht, mich gänzlich in Anspruch nimmt, oder gar Vorstellungen sich mir
aufdrängen, deren Inhalt dem Inhalt jener Wahrnehmung widerspricht. So
bin ich nicht vorbereitet einen Glockenschlag zu hören, wenn Gedanken,
die mit dem Glockenschlage in keiner Beziehung stehen, mich ganz und gar
beschäftigen. Ich bin in noch minderem Grade vorbereitet, jemand eine
bedeutende Leistung vollbringen zu sehen, wenn seine ganze Persönlichkeit
vielmehr den Eindruck der Unfähigkeit zu jeder bedeutenden Leistung
macht.
Dagegen kann ich mich schon in gewisser Weise auf den Schall vorbereitet
nennen, wenn mich in dem Augenblicke, wo er eintritt, nichts besonders in
Anspruch nimmt, wenn also die Schallwahrnehmung relativ ungehindert in
mir zu stande kommen kann. Ich bin ebenso in gewisser Weise vorbereitet,
die Leistung sich vollziehen zu sehen, wenn ich hinsichtlich der
Leistungsfähigkeit der Person kein günstiges, aber auch kein ungünstiges
Vorurteil hege.
Doch ist in diesen Fällen die Bereitschaft noch eine lediglich negative.
Sie kann dann aber in den verschiedensten Graden zur positiven werden.
Bleiben wir bei der Leistung. Angenommen die Person, über deren
Leistungsfähigkeit ich nichts weiss, habe die glückliche Vollführung
eines nicht über gewöhnliche menschliche Kräfte hinausgehenden, auch mit
keinen übergrossen Schwierigkeiten verbundenen Unternehmens angekündigt.
Daraus ergäbe sich schon ein erhebliches Mass positiver Bereitschaft.
Ich verstehe die Ankündigung und bin gewohnt anzunehmen, dass derjenige,
der eine solche Ankündigung ausspricht, nicht nur den guten Willen habe,
sie zu erfüllen, sondern auch Mittel und Wege dazu finden werde. Dieser
erfahrungsgemässe Zusammenhang zwischen Ankündigung und Vollführung
des Unternehmens bereitet mich auf die Wahrnehmung des Unternehmens
vor, leitet die seelische Bewegung darauf hin; oder wenn man lieber
will, der Gedanke an die Ankündigung thut dies _vermöge_ jenes
Gedankenzusammenhanges oder auf dem dadurch bezeichneten _Wege_. Dass die
Hinleitung wirklich stattfindet, erfahre ich, sobald ich die Leistung
sich wirklich vollziehen sehe. Ich erlebe den Vollzug derselben nicht nur
ohne Befremden und Überraschung, sondern wie etwas, das so sein muss. Ich
finde mich in das Erlebnis nicht nur ohne Widerstreben, sondern ich würde
mich umgekehrt nur mit einem gewissen Widerstreben in das Nichteintreten
desselben finden. Dies Streben, bezw. Widerstreben kann nur in dem
Vorhandensein eines auf die Wahrnehmung des Vollzugs der Leistung
hinleitenden oder hindrängenden Faktors seinen Grund haben.
Damit ist indessen noch nicht der höchste Grad der Bereitschaft erreicht.
Sie steigert sich, wenn ich von der Leistungsfähigkeit der Person die
beste Meinung habe, wenn ich zugleich an ihrer Zuverlässigkeit nicht
zweifle, wenn endlich solche Elemente, die dem, was kommen soll,
unmittelbar angehören, in der Wahrnehmung oder Erfahrung bereits gegeben
sind. Ich weiss etwa, der Moment, für den die Leistung angekündigt war,
ist da; ich sehe auch die Person zum Vollzug derselben sich anschicken.
Jetzt wird mein Vorstellen gleichzeitig durch alle diese Faktoren auf die
Wahrnehmung des wirklichen Vollzugs der Leistung hingeleitet. Die Energie
dieser Hinleitung nimmt zu; bis zu dem Momente, wo es sich entscheiden
muss, ob die That geschieht oder nicht. Wiederum verrät sich die
vorbereitende Kraft jener Faktoren in der unmittelbaren Erfahrung. Immer
begieriger und leichter vollziehe ich die Wahrnehmung der Leistung, wenn
sie wirklich geschieht, und immer befremdlicher finde ich mich angemutet,
wenn sie schliesslich dennoch unterbleibt.
Vielleicht freilich giebt man nicht viel auf diese unmittelbare
Erfahrung. Dann mag daran erinnert werden, dass die Wirksamkeit solcher
Faktoren auch experimentell feststeht. Psychische Messungen ergeben,
dass Wahrnehmungsinhalte um so schneller von uns erfasst werden oder zu
unserem Bewusstsein gelangen, je mehr derartige Faktoren, je mehr also
Vorstellungs- oder Wahrnehmungsinhalte, die mit der neuen Wahrnehmung in
engem erfahrungsgemässem Zusammenhang stehen, bereits gegeben sind. So
ist die Zeit, die zwischen der Auslösung eines Schalles und der
Wahrnehmung desselben verfliesst, kürzer, wenn derjenige, der ihn hört,
vorher weiss, es werde ein Schall von dieser bestimmten Beschaffenheit
erfolgen, als wenn er ihn völlig unvorbereitet hört; sie ist noch kürzer,
wenn dem Schall in bestimmter, dem Hörer genau bekannter Zeit
irgendwelches Signal vorangeht. Diese successive Verkürzung der Zeit
beweist so deutlich als möglich die den Vollzug der Wahrnehmung
vorbereitende und erleichternde Kraft jener Faktoren.
Der zuletzt bezeichneten Art der Bereitschaft nun wird jedermann den
Namen der Erwartung zugestehen. Wir "erwarten" das in Aussicht gestellte
und angefangene Unternehmen sich vollenden zu sehen. Dagegen sagen wir
nicht, wir erwarten einen Schall zu hören, wenn die Wahrnehmung desselben
nur in dem Sinne vorbereitet ist, dass ihr kein besonderes Hindernis
entgegensteht. Wir "erwarten" auch nicht den Vollzug der Leistung, wenn
die Ankündigung derselben uns zwar bekannt, aber im Augenblicke nicht in
uns wirksam ist, sei es dass der Gedanke überhaupt nicht in uns lebendig
ist, sei es dass sonstige seelische Vorgänge ihn verhindern seine
Wirksamkeit zu entfalten.
Darnach wissen wir, worin das Wesen der Erwartung besteht. Wir sprechen
von einer solchen, und sind berechtigt davon zu sprechen, wenn die
Bereitschaft zum Vollzug einer Wahrnehmung oder zur Erfassung einer
Thatsache eine aktive ist, d. h. wenn in uns _lebendige_ Wahrnehmungen
oder Vorstellungen vermöge ihrer Beziehung zu der Wahrnehmung oder
Thatsache auf diese hinweisen oder hindrängen; und wir haben ein um so
grösseres Recht von Erwartung zu sprechen, je bestimmter und
ungehinderter die Wahrnehmungen oder Vorstellungen eben auf diese
Wahrnehmung oder Thatsache hindrängen.
Damit sehen wir in der Erwartung nicht eine besondere seelische
Thätigkeit, oder ein über den associativen "Mechanismus" hinausgehendes
seelisches Geschehen. Zwei seelische Vorgänge sind durch Association
verknüpft, dies heisst gar nichts anderes, als, sie sind so aneinander
gebunden, dass die Wiederkehr des einen auf die Wiederkehr des ändern
hindrängt; und dies Hindrängen giebt sich überall darin zu erkennen, dass
der zweite seelische Vorgang sich, sei es überhaupt vollzieht, sei es
leichter vollzieht, weil der erstere sich vollzieht oder sich vollzogen
hat; womit dann zugleich gesagt ist, dass ein jenem Vorgang
gegensätzlicher in seinem Entstehen gehemmt werden wird. Oder kurz
gesagt, wir sprechen von Association darum und nur darum, weil wir es
erleben, dass seelische Vorgänge sich als wirksame Bedingungen anderer,
damit natürlich zugleich als Hemmung entgegengesetzter erweisen. Die an
sich unbekannte Beziehung zwischen Vorgängen, welche in dieser
Wirksamkeit sich äussert, nennen wir Association. Auch die Erwartung ist
nur ein besonderer Fall der Wirksamkeit der Associationen. An gewisse
Bewusstseinsinhalte hat sich in den besprochenen Fällen eine Wahrnehmung
oder der Gedanke an die Verwirklichung eines Geschehens erfahrungsgemäss
geknüpft. Diese Verknüpfung bethätigt sich, indem die Wahrnehmung oder
die Erfassung des Geschehens leichter sich vollzieht, und eben damit
zugleich der Vollzug einer entgegengesetzten Wahrnehmung oder eines
widersprechenden Gedankens eine Hemmung erleidet, sobald jene
Bewusstseinsinhalte wiederum in uns lebendig werden.
Ein Punkt nur scheint noch übersehen: das Gefühl des Strebens oder der
inneren Spannung, das die Erwartung begleitet. Aber dies Gefühl ist, wie
dies schon oben gelegentlich von den Gefühlen überhaupt gesagt wurde,
nicht mitwirksamer Faktor. Es ist ein Nebenprodukt, das überall sich
einstellt, wo der Fluss des seelischen Geschehens auf ein Ziel gerichtet
ist, dies Ziel aber nicht, oder einstweilen nicht erreichen kann; oder
anders ausgedrückt, wo aktive, also in thatsächlich vorhandenen
Empfindungen oder Vorstellungen bestehende Bedingungen für ein seelisches
Geschehen gegeben sind, ohne dass doch dies Geschehen, sei es überhaupt,
sei es einstweilen sich vollziehen kann. Wir werden in dem Gefühl des
Strebens eben dieses Sachverhaltes, dieser Kausalität, die ihres
zugehörigen Erfolges überhaupt oder einstweilen entbehren muss, inne; es
bildet den Widerschein desselben in unserem Bewusstsein.
Von den vorhin besprochenen Beispielen der Erwartung gilt nun
thatsächlich, was _Kräpelin_ als zu aller Erwartung gehörig anzusehen
scheint; es ist dabei das die Erwartung Erregende objektiv früher als das
Erwartete. Besteht aber das Wesen der Erwartung in dem eben Angegebenen,
dann ist nicht einzusehen, inwiefern jenes Verhältnis objektiver
Succession dafür wesentlich sein sollte. Auch wenn eine Reihe grosser
Paläste die Erwartung in mir erregt, es werden weiter grosse Bauwerke
folgen, weist ein seelisches Geschehen, nämlich die Wahrnehmung der
Paläste auf eine Wahrnehmung, nämlich die ähnlich grossartiger Bauwerke,
hin und bereitet sie vor. Dass hier das Erwartete, bezw. das dafür
Eintretende kein zeitlich Nachfolgendes ist, macht psychologisch keinen
Unterschied. Die Wirkung ist dieselbe; auch das Gefühl der Spannung
braucht nicht zu fehlen.
Nebenbei bemerke ich, dass in diesem Beispiel auch das Band, das die
"Vorbereitung" vermittelt, ein anderes ist, als in den oben angeführten
Fällen,--nicht erfahrungsgemässer Zusammenhang, sondern Ähnlichkeit. Auch
dies aber ändert die Wirkung nicht. Wir kennen ja überhaupt zwei
wirkungsfähige Arten des Zusammenhanges zwischen seelischen Vorgängen,
oder zwei "Associationen", nämlich die Association, die durch Erfahrung,
d. h. durch gleichzeitiges Erleben, _geworden_ ist, und die ursprüngliche
Association der _Ähnlichkeit_.
Immerhin besteht beim letzten Beispiele noch ein Verhältnis der
_subjektiven_ Succession. Das neue grosse Gebäude oder das an seine
Stelle tretende kleine Häuschen folgt wenigstens in der Wahrnehmung oder
Betrachtung auf die Reihe der Paläste. Und diese Succession scheint
allerdings für die Erwartung wesentlich. Aber eine Art dieser lediglich
subjektiven Succession ist, wie wir schon wissen, auch für die Komik,
soweit sie bisher in Betracht kam, wesentlich.
Die Wahrnehmung der menschlichen Körperformen, die der Neger mit uns
gemein hat, erzeugt die aktive Bereitschaft, mit dem Negerkörper
ebendenselben Gedanken eines in und hinter den Formen waltenden
körperlichen und seelischen Lebens zu verbinden, wie wir ihn mit unserem
Körper zu verbinden nicht umhin können. Die Wahrnehmung des Negerkörpers
weist oder drängt auf den Vollzug dieses Gedankens hin, wie die
Ankündigung der Leistung auf die Wahrnehmung der Leistung, oder die Reihe
der Paläste auf die Wahrnehmung eines gleich imposanten Baues. Das Band,
das den Hinweis vermittelt, ist, im Unterschied von dem letzteren Falle,
wiederum das der _Erfahrungsassociation_.
Diesem Gedanken, dass der Negerkörper, ebenso wie der unsrige,
menschliches Leben in sich schliesse, tritt nun die Wahrnehmung der
schwarzen Hautfarbe, die wir der Voraussetzung nach noch nicht als Träger
eines solchen Lebens kennen und anerkennen, sofort negierend entgegen.
Ich kann den Neger oder die Körperformen nicht sehen, ohne zugleich auch
diese Farbe zu sehen. Immerhin muss ich doch auch hier erst auf die
Formen, die der Neger mit uns gemein hat, geachtet haben und dadurch auf
den Vollzug jenes Gedankens hingedrängt worden sein, ehe jene Negation
als solche zur Geltung kommen, ehe also die schwarze Hautfarbe die
Vorstellung des Mangels oder des relativen Nichts in mir wecken kann. Ich
habe darnach zur Anwendung des Begriffes der Erwartung im Grunde hier
ebensoviel Recht, wie bei dem kleinen Häuschen zwischen Palästen. Ich
darf sagen, ich erwarte naturgemäss mit dem Bild des Negerkörpers jenen
Gedanken verbinden zu können, diese Erwartung aber zergehe angesichts der
mir fremden Farbe in nichts. Die "Erwartung" besteht thatsächlich, nur
dass sie auf ihre Entscheidung nicht zu "warten" braucht, und darum auch
ein merkliches Gefühl der Spannung, wie es sonst die in Erreichung ihres
Zieles, der Erfüllung oder Enttäuschung, _gehemmte_ Erwartung begleitet,
nicht entstehen kann.
Es ist nun aber gar nicht meine Absicht, hier dem Begriff der Erwartung
eine möglichst weite Anwendbarkeit zu sichern. Mag man die Erwartung da,
wo man auf die Erfüllung oder Enttäuschung nicht zu "warten" braucht, und
darum kein merkbares Spannungsgefühl eintritt, trotzdem als solche
bezeichnen oder nicht, uns kommt es einzig an auf das in aller Erwartung
Wesentliche und psychologisch Wirksame, die aktive Bereitschaft also zur
Erfassung eines Inhaltes. Und diese findet sich bei aller bisher
besprochenen Komik.
DIE KOMIK ALS GRÖSSE UND KLEINHEIT DESSELBEN.
Es bleibt uns jetzt noch die Frage, worin diese psychologische
Wirksamkeit, dem an die Stelle des Erwarteten tretenden relativen Nichts
gegenüber, bestehe. Diese Frage versuche ich hier wenigstens
vorbereitungsweise und mit dem Vorbehalt späterer genauerer Bestimmung zu
beantworten. Ein wichtiger Besuch ist mir angekündigt. In dem
Augenblicke, in dem der Besuch kommen soll, höre ich draussen Schritte;
die Thüre öffnet sich; es tritt jemand ein. Mit jedem dieser Momente
steigert sich die Erwartung. Die Erwartung ist aber als solche zugleich
eine der thatsächlichen Verwirklichung vorauseilende _Anticipation_ des
Erwarteten. Die Person, die eintritt, _ist_ für mich, ehe ich sie sehe,
die angekündigte; insbesondere die Wichtigkeit oder Bedeutung, welche die
erwartete Person für mich hat, weise ich ihr im voraus zu, und ich thue
dies um so sicherer, je bestimmter die Erwartung ist.
Nun tritt in Wirklichkeit ein Bettler ein. Dieser besitzt also im Momente
seines Eintretens für mich jene Bedeutung; er _ist_ die wichtige Person.
Thatsächlich freilich kommt ihm die Bedeutung nicht zu. Aber diesen
Gedanken muss ich erst vollziehen; ich muss den Bettler als solchen
erkennen und anerkennen; ich muss ihm auf Grund dessen die Bedeutung
wieder absprechen. Mit diesem letzteren ist eine psychologische
_Leistung_ bezeichnet, eine um so erheblichere, je sesshafter der Gedanke
an die Bedeutung der eintretenden Person vorher in mir geworden ist. Ehe
ich diese Leistung vollzogen habe, im ersten Momente also, bleibt die
vorher vollzogene Vorstellungsverbindung in Kraft. Dann freilich löst sie
sich unmittelbar. Der Bettler sinkt unvermittelt in sein Nichts zurück.
Völlig analog verhält es sich in zahllosen andern, und der Hauptsache
nach gleichartig in allen Fällen der Komik überhaupt. Der Bettler, so
können wir allgemeiner sagen, spielt die "Rolle" des wichtigen Besuches,
nicht in Wirklichkeit, sondern für mein Vorstellen; er beansprucht die
Bedeutung desselben, gebärdet sich so, für mein Bewusstsein nämlich. Dann
stellt er sich unvermittelt dar als das, was er ist. Ebenso spielt das
Kinderhäubchen auf dem Kopf des Erwachsenen die "Rolle" der männlichen
Kopfbedeckung, der kleine Knabe unter dem männlichen Hute die Rolle des
Mannes. Das kleine Häuschen in der Reibe von Palästen "gebärdet" sich wie
einer der Paläste; die Hautfarbe des Negers "erhebt den Anspruch", ebenso
als Träger und Verkündiger eines hinter ihr pulsirenden menschlichen
Lebens zu gelten, wie die unsrige. Sie spielen die Rolle und erheben den
Anspruch, um dann doch sofort wieder die Rolle fallen zu lassen und des
Anspruchs beraubt zu erscheinen.
Ob das komische Objekt den Anspruch zu erheben objektiv berechtigt ist
oder nicht, thut dabei nichts zur Sache. Hinter der Hautfarbe des Negers
pulsiert thatsächlich dasselbe Leben, wie hinter der unsrigen; sie hat
für ihn dieselbe Bedeutung wie für uns die unsrige. Nur darauf kommt es
an, ob das Objekt erst für uns den Anspruch erhebt, dann ihn _für uns_
wieder fallen lassen muss, oder anders gesagt, ob wir ihm auf Grund
irgend welcher Vorstellungsassociation die Bedeutung erst zugestehen,
dann sie ihm auf Grund einer thatsächlich in uns bestehenden, wenn auch
ungerechtfertigten Betrachtungsweise wiederum absprechen müssen. Immerhin
hat es Wert, diese beiden Möglichkeiten ausdrücklich zu unterscheiden.
Zugleich dürfen wir auch das andere niemals vergessen, dass--wiederum für
uns oder für unsere Betrachtung--der Ausspruch einer "_Grösse_" erst
_entstehen_, dann _vergehen_ muss. Ich erwähne hier noch einmal ein
Beispiel der Komik, das _Herkenrath_ anführt und das wir schon oben
kennen gelernt haben. In diesem Beispiel meint _Herkenrath_, sei jener
Sachverhalt umgekehrt. Es trete in ihm nicht ein Kleines an die Stelle
eines Grossen, sondern ein Grosses an die Stelle eines erwarteten
Kleinen. Ich meine das Beispiel der in den Schrank eingeschlossenen
würdevollen Tante. _Herkenrath_ legt Gewicht darauf, dass die Tante an
der Stelle der Katze, die man vorzufinden erwartete, dem Blicke sich
darbietet. Aber die Komik beruht darauf, dass man von der Tante eine
würdevolle Situation erwartete, und eine würdelose findet.
Trotz dieses Einwandes meint _Herkenrath_, ich erkläre die objektive
Komik assez ingénieusement. Nur hätte ich nachher Mühe, die anderen Arten
der Komik in die einmal gewonnene Theorie einzufügen. Darauf antworte ich
schon hier, dass ich solche Mühe unmöglich haben kann, da für mich alle
Arten der Komik auf demselben, hier bezeichneten Prinzip beruhen.
V. KAPITEL. OBJEKTIVE KOMIK. ERGÄNZUNGEN.
DAS KOMISCHE "LEIHEN".
Unser bisheriges Ergebnis ist dies. Das Gefühl der Komik entsteht, indem
ein--gleichgültig ob an sich oder nur für uns--Bedeutungsvolles oder
Eindrucksvolles für uns oder in uns seiner Bedeutung oder
Eindrucksfähigkeit verlustig geht.
Das zur Feststellung dieses Satzes Vorgebrachte bedarf aber noch der
Ergänzung oder der näheren Bestimmung. Diese wollen wir in der Weise
gewinnen, dass wir zugleich solche andere Theorien, die gleichfalls auf
jener Grundanschauung beruhen, oder wenigstens Elemente derselben in sich
schliessen, mit in die Diskussion hereinziehen.
Schon _Lessing_ war mit dem Kontrast--zwischen Vollkommenheiten und
Unvollkommenheiten--wie ihn die _Wolff_'sche Schule der Komik zu Grunde
gelegt hatte,--nicht zufrieden, sondern forderte, dass die
Kontrastglieder sich verschmelzen lassen müssen.
Dies wiederum genügt _Vischer_ nicht. Der Kontrast, so erklärt er, muss
zum Widerspruch werden; der komische Widerspruch aber ist erst vorhanden,
wenn dasselbe Subjekt "in demselben Punkte zugleich als weise oder stark
und als thöricht oder schwach" erscheint. Dieser Widerspruch ist "in
seiner ganzen Tiefe gesetzt" "Widerspruch des Selbstbewusstseins mit
sich". Das Subjekt muss "erscheinen als um seine Verirrung wissend und
sich in demselben Momente dennoch verirrend, oder als bewusst und
unbewusst zugleich".
Thatsächlich freilich weiss das komische Subjekt nicht um seine Verirrung
oder braucht nicht darum zu wissen. Dann "leihen" wir ihm nach _Vischer_
dies Wissen oder schieben es ihm unter. Diesen Begriff des Leihens
entnimmt _Vischer_ von _Jean Paul_ und er findet darin eine bedeutende
Entdeckung desselben. Der Sinn des fraglichen Begriffes wird am
einfachsten deutlich aus dem _Jean Paul_'schen Beispiel, dass auch
_Vischer_ citiert: "Wenn Sancho eine Nacht hindurch sich über einem
seichten Graben in der Schwebe erhielt, weil er voraussetzte, ein Abgrund
klaffe unter ihm, so ist bei dieser Voraussetzung seine Anstrengung recht
verständig und er wäre gerade erst toll, wenn er die Zerschmetterung
wagte. Warum lachen wir gleichwohl? Hier kommt der Hauptpunkt: wir leihen
seinem Bestreben unsere Einsicht und Ansicht und erzeugen durch einen
solchen Widerspruch die unendliche Ungereimtheit."
Dieses Leihen bestreitet _Lotze_, und mit gutem Rechte. Schieben wir dem
zweckwidrig Handelnden unsere ihm verborgene Kenntnis der Umstände unter,
so wird seine Handlungsweise für uns "in ihrer Dummheit unbegreiflich".
Da andrerseits _Jean Paul_ recht hat, wenn er die Handlungsweise
_Sancho_'s unter der Voraussetzung, der Abgrund klaffe wirklich unter
ihm, recht verständig nennt, so folgt, dass wir das Verhältnis zwischen
Wissen und Handeln überhaupt nicht für die Komik dieses Falles
verantwortlich machen dürfen. In der That geht dies auch nach _Vischers_
Theorie nicht an. _Vischer_ fordert den Widerspruch, aber dass ich meiner
Einsicht entgegen handle, ist kein Widerspruch. Ein solcher besteht nur
zwischen Wissen und Nichtwissen, Handeln und Nichthandeln, überhaupt
zwischen Sein und Nichtsein _Desselben_.
Wie nun dieser wirkliche Widerspruch zu stande kommen könne, darauf führt
uns _Lotze_'s Erklärung: "Nicht die Kenntnis dieser bestimmten Lage der
Umstände schreiben wir ihm"--nämlich dem komischen Subjekte--"zu, sondern
das gravitätische Bewusstsein, ein Wesen zu sein, welches _überhaupt_
Absichten zu fassen und diese unter beliebigen Umständen passend und
angemessen zu verwirklichen die allgemeine, bleibende, immer gegenwärtige
Befähigung habe". Ich betone hier mit _Lotze_ das "überhaupt". _Sancho_
ist ein Mensch; wir beurteilen ihn darum, zunächst wenigstens, wie wir
Menschen überhaupt zu beurteilen pflegen. Menschliche Handlungen nun
erheben als solche, _ganz allgemein_ und _abgesehen_ von besonderen
störenden Bedingungen, den Anspruch auf eine gewisse Zweckmässigkeit; sie
erheben ihn in unserer Vorstellung, wir, unser Vorstellen "leiht" ihnen
den Anspruch. Wir leihen ihn insbesondere auch der Handlung _Sancho_'s.
Diesem Leihen aber widerspricht der Augenschein; die Handlung ist,
objektiv betrachtet, also wiederum _abgesehen_ von der Besonderheit der
Person, unzweckmässig. Daraus entsteht in diesem Falle die Komik.
Fassen wir das Leihen mit _Lotze_ in diesem allgemeinen Sinne, bestimmen
wir zugleich den komischen Widerspruch in jenem Beispiel in
Übereinstimmung mit unserer obigen Anschauung als Widerspruch zwischen
dem geliehenen Anspruch auf Zweckmässigkeit und der thatsächlichen
Unzweckmässigkeit, dann erscheint auch uns _Jean Paul_'s "Entdeckung" in
hohem Masse wertvoll. Es bleibt an _Vischer_ und _Lotze_ dann nur noch
auszusetzen, dass sie das "Leihen" und damit die Komik auf die
Persönlichkeit beschränken. Wie wir sahen, ist für _Vischer_ der komische
Widerspruch ein Widerspruch des Selbstbewusstseins mit sich; _Lotze_
weist diesen lediglich intellektuellen Widerspruch zurück, stimmt aber
der Definition St. _Schütze_'s bei, das Lächerliche sei die Wahrnehmung
eines Spieles, das die Natur mit dem Menschen treibe; durch dies Spiel
komme seine vermeintliche Erhabenheit zu Fall. Der Kontrast zwischen dem
Erhabenen und Kleinen der _Ausdehnung_ wird von _Vischer_ sogar
ausdrücklich aus der Reihe der komischen Kontraste gestrichen.
Aber auch bei der Erhabenheit der Person kommt es nicht darauf an, dass
sie Erhabenheit der _Person_, sondern nur darauf, dass sie erwartete,
vorausgesetzte, beanspruchte, kurz geliehene _Erhabenheit_ ist, die
angesichts der Wahrnehmung oder in unserem Denken sofort wiederum in
Nichts zergeht. Die Komik muss darum entstehen, _wo immer_ wir ein
Erhabenes, das heisst zur Erzeugung eines Eindruckes Befähigtes erwarten
oder voraussetzen, und ein relativ Nichtiges an die Stelle tritt und
seine Rolle spielt, die Erhabenheit oder Eindrucksfähigkeit mag bestehen,
worin, oder sich gründen, worauf sie will. Sie muss überall entstehen
genau aus demselben Grunde, aus dem sie bei der Persönlichkeit entsteht.
Dieselben psychologischen Ursachen müssen überall denselben
psychologischen Erfolg haben.
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