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Komik und Humor

T >> Theodor Lipps >> Komik und Humor

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Freilich ist ja zuzugeben, dass es keine wirkliche oder geliehene
Erhabenheit giebt, die höher steht als die der Person. Andrerseits ist
sicher, dass wir überall der Neigung unterliegen, Ausserpersönliches und
Aussermenschliches zu vermenschlichen; und es ist ein grosses Verdienst
_Vischer_'s und _Lotze_'s, auf diese Vermenschlichung so eindringlich
hingewiesen haben. Auch das kleine Häuschen in der Reihe der Paläste oder
das unbedeutende Geräusch, das an die Stelle des erwarteten lauten
Getöses tritt, wird unserer Phantasie nach Analogie eines menschlichen
Wesens erscheinen, das zu sein glaubt, oder gerne sein möchte, was es
nicht ist. Damit _erhöht_ sich der Eindruck der erwarteten Erhabenheit,
und der gegensätzliche Eindruck der Nichtigkeit; es verstärkt sich
zugleich das Gefühl der Komik. Darum _entsteht_ doch die Komik nicht erst
aus der Vermenschlichung.

Damit ist die oben vorgetragene Anschauung gegen _Lotze_ und _Vischer_
gerechtfertigt. Wir haben sie aber noch weiterhin zu rechtfertigen.

Ich denke hierbei speziell an die Bemerkungen, die _Heymans_ in der
Zeitschrift für Psychologie etc. Bd. XII meiner Theorie der Komik
hinzufügt. Diese Bemerkungen schliessen durchweg Berechtigtes in sich.
Sie sind mir darum ein besonders erwünschter Anlass gewisse Momente der
fraglichen Theorie genauer zu bestimmen.


"SELBSTGEFÜHL IN STATU NASCENDI". KOMIK UND LACHEN.

Zunächst begegnen wir hier noch einmal der Identifizierung des Gefühls
der Komik mit dem gesteigerten Selbstgefühl. Doch ist dies "gesteigerte
Selbstgefühl" _Heymans_' besonderer Art. Es ist genauer befreites
Selbstgefühl. Von diesem Begriffe meinte ich schon oben, er könne in
gewissem Sinne auf die Komik angewendet werden. Es fragt sich, ob
_Heymans_ ihn in zulässiger Weise verwendet.

Zunächst habe ich Folgendes gegen _Heymans_ zu bemerken. Idioten, sagt
_Heymans_, lachen aus befriedigter Eitelkeit. Nun ist die Erkenntnis
dessen, was in Idioten innerlich vorgeht, nicht immer eine sehr einfache
Sache. Aber _Heymans_ mag mit seiner Behauptung recht haben. Dann ist
doch zu bedenken, dass es uns hier nicht auf das Lachen, sondern auf die
Komik ankommt. Die Komik ist ein eigenartiges Gefühl, oder eine
eigenartige Beschaffenheit von psychischen Erlebnissen, die ein solches
eigenartiges Gefühl zu stande kommen lassen. Dies Gefühl kann im Lachen
sich kundgeben. Ich kann aber auch das Lachen unterdrücken. Andererseits
kann das Lachen andere Gründe haben; bei "Idioten" vielleicht die
befriedigte Eitelkeit. Solange aber damit kein Gefühl der Komik sich
verbindet, gehört dies Lachen nicht hierher.

Nur im Vorbeigehen möchte ich hier die Zweckmässigkeit der Umfrage
bezweifeln, die _Stanley Hall_ und _Allin_ zufolge einer Mitteilung des
American Journal of Psychology vol. XI, 1 angestellt haben. In dieser
Umfrage werden Beobachtungen über Bedingungen und Arten des Lachens
gefordert. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber die Urheber der Umfrage
scheinen davon unmittelbar einen Aufschluss über die Bedingungen der
Komik zu erwarten. Vom Lachen, diesem äusseren Vorgang her, scheint die
Komik verbindlich werden zu sollen.

Diese psychologische Methode nun kann zu einer vollkommenen Verkennung
des Wesens der Komik führen. Das Wissen davon, bei welchen Gelegenheiten
Menschen lachen, kann einen Aufschluss über die Bedingungen der Komik
geben, erst wenn feststeht, wieweit dies Lachen einem Gefühl der Komik
entspringt.

Die beiden Umfrager scheinen besonders von der Thatsache des kindlichen
Lachens über die Komik Aufschluss zu erwarten. Dies verstehe ich nicht.
Niemand kennt bis jetzt das Geheimnis, wie man, gleichzeitig mit dem
Lachen, den begleitenden psychischen Vorgang im Kinde unmittelbar
beobachtet. Was überhaupt an anderen unmittelbar beobachtet werden kann,
sind Lebensäusserungen. Bei Erwachsenen bestehen die psychologisch
wichtigsten Lebensäusserungen in der glaubhaften Mitteilung dessen, was
sie in sich vorfinden. Dies gilt, wie überhaupt, so auch hier. Der
Erwachsene, der das Gefühl der Komik kennt, und von anderen Gefühlen zu
unterscheiden weiss, kann mir sagen, ob sein Lachen aus dem Gefühl der
Komik entspringt. Beim Kinde dagegen hin ich auf Vermutungen angewiesen.
Ich werde sein Lachen auf ein Gefühl der Komik deuten dürfen, wenn die
Umstände, unter denen es geschieht, der Art sind, dass daraus, dem
allgemeinen Gesetze der Komik zufolge, dies Gefühl sich ergeben kann,
bezw. muss. Das heisst: Das Lachen des Kindes giebt mir genau insoweit
Aufschluss über das Wesen der Komik, als ich dieses Aufschlusses nicht
mehr bedarf. Dass auch das Lachen des Erwachsenen, wenn mir derselbe
gleichzeitig _mitteilt_, dass er sich bei seinem Lachen komisch angemutet
fühle, mein Wissen nicht bereichert, braucht nicht gesagt zu werden.

Das Lachen als solches ist also für das Verständnis der Komik völlig
bedeutungslos. Wir haben hier einen typischen Fall von Überschätzung des
Nutzens der objektiven Methode in der Psychologie. Diese tappt hier wie
überall _nicht_ im Finstern, genau so weit ihr Weg durch die Ergebnisse
der subjektiven Methode erleuchtet ist. Sie ist im übrigen die
subjektivste Methode von der Welt, d. h. sie ist eine Weise in die
Objekte, etwa die Kinder oder Tiere, Beliebiges hineinzudichten, ein
Mittel lieb gewordene Meinungen durch angebliche Thatsachen sich
bestätigen zu lassen. _Stanley Hall_ und _Allin_ finden die bisher
aufgestellten Theorien des Komischen lamentably metaphysical in their
tendency. Von solchem metaphysischen Charakter sehe ich wenig. Oder soll
damit gesagt sein, jene Theorien verführen konstruktiv? Dann ist jene
"objektive" Methode, soweit sie nicht sichere Ergebnisse der subjektiven
Methode, oder der psychologischen Analyse zur Basis hat, die eigentlich
metaphysische. Sie ist eine Weise der Konstruktion, die mit dem Dache
beginnt. Leider ist in dem citierten Aufsatze eine irgend eindringende
psychologische Analyse nicht angestellt. Es gehen darum die wirklich oder
angeblich aus jener Methode gewonnenen Resultate, soweit sie nicht vom
Gebiete der feststellbaren psychologischen Thatsachen abschweifen und in
physiologische Vermutungen sich verlieren, nicht hinaus über die
unzureichenden und an der Oberfläche bleibenden Bestimmungen, die wir
bereits kennen gelernt und abgewiesen haben. Dabei rede ich wiederum
ausschliesslich von der Komik, nicht vom Lachen, auch nicht von
beliebigen ausserkomischen Lustgefühlen.

Das hier Gesagte gilt nun nicht mit Bezug auf _Heymans_. _Heymans_'
psychologische Methode ist die psychologische, also diejenige, die zum
Ziele führt. _Heymans_ redet, wie wir sahen, gleichfalls vom Lachen. Aber
er redet doch der Hauptsache nach von Fällen des Lachens, in denen, im
Lachen, zweifellos ein Gefühl der Komik sich kundgiebt. In gewissen
dieser Fälle nun mag das Gefühl der Komik den Charakter eines
gesteigerten oder befreiten Selbstgefühles haben. Dann ist doch auch hier
das Selbstgefühl ein Gefühl der Komik, nicht sofern es Selbstgefühl ist,
sondern sofern es das Eigenartige des Gefühls der Komik besitzt und bei
ihm die Bedingungen verwirklicht sind, die überall das Gefühl der Komik
begründen.

Kinder etwa lachen, wenn man sich von ihnen besiegen lässt. Der Wilde
stimmt ein Hohngelächter an über seinen gefallenen Feind. _Heymans_
meint, mehrere dieser Fälle lassen sich in keiner Weise aus "getäuschter
Erwartung" erklären. Mir scheint, diese Erklärung liege jedesmal auf der
Hand, wenn man beachtet, was in unserer Theorie den eigentlichen Sinn der
getäuschten, nämlich komisch getäuschten "Erwartung" ausmacht.

Der Erwachsene erhebt für das Kind den Anspruch, oder das Kind "erwartet"
von ihm, dass er sich überlegen zeige. Dieser Anspruch zergeht, wenn der
Erwachsene sich besiegen lässt. Der Überlegene zeigt sich nicht
überlegen. Dass der Erwachsene thatsächlich überlegen bleibt und das Kind
davon weiss, thut nichts zur Sache. Worauf es ankommt, das ist einzig der
Schein, die im Kinde momentan entstehende Vorstellung, dass die
Überlegenheit in ihr Gegenteil umgeschlagen sei.

Gleichartiges findet statt in dem anderen der beiden von _Heymans_
angeführten Fälle. Indem der Gegner des Wilden fällt, fällt zugleich sein
Anspruch im Kampfe standzuhalten, sein Anspruch auf Stärke, Gewandtheit,
Geschicklichkeit, vielleicht auf Tapferkeit, in nichts zusammen. Solchen
Anspruch erhob der Gegner in den Augen des Siegers, indem er zum Kampf
sich stellte oder sich wehrte, und in gewisser Weise schon einfach als
Mann.

_Heymans_ fasst schliesslich zusammen: Überall, wo das Selbstgefühl in
das Gefühl der Komik übergeht, haben wir es zu thun mit einem
Selbstgefühl in statu nascendi. _Heymans_ meint: mit einem Selbstgefühl,
dem ein herabgedrücktes Selbstgefühl voranging, also, wie ich oben sagte,
mit einem "befreiten" Selbstgefühl. Dies wird zuzugeben sein, wenn wir
voraussetzen, dass die Herabdrückung des Selbstgefühles bedingt war durch
den Gedanken eines uns gegenüber Übermächtigen, und wenn andererseits das
Selbstgefühl in der Wahrnehmung oder dem Schein des Zergehens dieses
Übermächtigen seinen Grund hat.

Im übrigen aber kann das Selbstgefühl in statu nascendi auch ebensowohl
der Komik völlig entbehren. Wenn ich, innerlich niedergedrückt durch eine
scheinbar gewichtige Thatsache, auf einmal finde, dass diese Thatsache
eigentlich belanglos ist, oder gar nicht existiert, wenn eine Furcht
plötzlich als in sich selbst gegenstandslos sich erweist, so ist dies
komisch. Wenn aber neben eine bedrückende Thatsache in meinem Bewußtsein
mit einem Male eine andere tritt, die mich jene vergessen lässt und mich
tröstet und wieder aufrichtet; oder wenn ich aus bedrückter Lage durch
die energische Hilfeleistung eines Freundes unerwartet befreit werde, so
werde ich gewiss befriedigt aufatmen. Aber dies Aufatmen kann von jedem
Gefühl der Komik beliebig weit entfernt sein. Es wird in allen den Fällen
gar nichts damit zu thun haben, in denen das, was mich bedrückt, in
keiner Weise als _in sich selbst_ bedeutungslos erscheint, sondern seine
Bedeutung behält, aber durch ein Anderes verhindert wird, seine
niederdrückende Wirkung weiter auszuüben.

_Heymans_ meint, es liege in der plötzlichen Aufhebung eines auf dem
Bewusstsein lastenden Druckes der springende Punkt, aus welchem die
komische Wirkung hervorgehe. Dies ist dann, aber auch nur dann richtig,
wenn wir unter der Aufhebung des Druckes die _besondere_ und in ihrer
Wirkung völlig _einzigartige_ Aufhebung verstehen, wie sie, um hier den
kürzesten Ausdruck zu wählen, mit der "Auflösung in nichts" gegeben ist.
Dass diese Aufhebung wirklich eine besondere ist, kann ja keinem Zweifel
unterliegen. Es ist nun einmal psychologisch etwas völlig Anderes, ein
durchaus anderer psychischer Vorgang liegt vor, wenn ein mich
Bedrückendes das eine Mal durch etwas Anderes aus meinem Bewusstsein
verdrängt wird, das andere Mal gar nicht daraus verdrängt zu werden
braucht, weil es in sich selbst zergeht. In beiden Fällen findet die
Aufhebung des Druckes statt, und in beiden Fällen kann dieselbe eine
plötzliche sein. Aber nur im letzteren Falle tritt die komische Wirkung
ein.


KOMIK DES "NEUEN".

Wichtiger noch, als der hier erörterte, ist mir ein zweiter Punkt, den
_Heymans_ gegen mich vorbringt. Kinder, so sagte ich selbst oben, lachen
über allerlei Neues, über das wir nicht mehr lachen, weil es uns nicht
mehr neu ist. Hier meint _Heymans_: das Neue sei als solches Gegenstand
der Aufmerksamkeit, und das Lachen des Kindes entstehe, wenn es in dem
Neuen nichts finde, das die Aufmerksamkeit festhalten könne, wenn also
die dem Neuen als solchem zugewendete Aufmerksamkeit zergehe, wenn in
solcher Weise eine innere Spannung sich löse. Man versteht den
Streitpunkt: An die Stelle des Gegensatzes zwischen dem _inhaltlich
Bedeutungsvollen_ oder scheinbar Bedeutungsvollen und dem Nichtigen setzt
_Heymans_ den Gegensatz des _Neuen_ und durch _Neuheit_ Spannenden und
des inhaltlich Nichtigen.

Zunächst bitte ich auch hier wiederum zu berücksichtigen, dass unser
Problem nicht das Lachen ist, sondern die Komik. Im übrigen gilt dies:

Neuheit ist keine Eigenschaft des Neuen. Sondern "Neuheit" eines Dinges
besagt nur, dass das Ding noch kein gewohntes geworden ist. Die
Gewohntheit stumpft die Eindrucksfähigkeit ab. Der "Reiz" der Neuheit ist
also nichts, als die noch nicht durch Gewohntheit verminderte
Eindrucksfähigkeit eines Dinges. Er ist die Eindrucksfähigkeit, oder die
"Grösse", welche das Ding von Hause aus oder vermöge seiner
Beschaffenheit besitzt. Ich verweise hier auf die einschlägigen
Bemerkungen meiner "Grundthatsachen des Seelenlebens".

Verhält es sich aber so, dann ist es unmöglich, dass ein Objekt vermöge
seiner Neuheit die Aufmerksamkeit auf sich zieht, und dann unmittelbar
oder mit einem Male, vermöge der erkannten _Beschaffenheit_ des Objektes,
der Aufmerksamkeit wiederum verlustig geht. Es ist also auch unmöglich,
dass die Neuheit als solche jemals die Komik bedingt. Sondern so muss es
sich verhalten, wenn ein Gefühl der Komik entstehen soll: Das Neue muss
zunächst, abgesehen von seiner Neuheit, als ein Bedeutungsvolles
erscheinen, dann die Bedeutung in unseren Augen einbüssen.

Dabei ist zu bedenken, dass das Neue, das Kinder erleben, nicht isoliert,
sondern in einem Zusammenhang aufzutreten pflegt. Dieser Zusammenhang
rückt es in eine Beleuchtung. Damit wird der Gegensatz des Bedeutsamen
und des Nichtigen möglich: Eines und dasselbe kann bedeutsam erscheinen
in einem Zusammenhange, nichtig an sich. Ich begründete oben den Umstand,
dass Kindern so leicht Neues komisch erscheine, damit, dass ich sagte,
das Neue sei für sie ein noch nicht Verstandenes, also Leeres. Dies
hindert doch nicht, dass es jedesmal an der Stelle, wo es auftritt, für
das Kind eine Bedeutung beansprucht. Und eben weil oder sofern es dies
thut, zugleich aber diesen Anspruch nicht scheint aufrecht erhalten zu
können, wird es komisch.

Wie dies zu verstehen sei, zeigt wiederum am einfachsten das Beispiel der
schwarzen Hautfarbe des Negers. Sie ist dem Kinde, und dem naiven
Menschen überhaupt, neu, d. h. sie ist ihnen noch nicht als Farbe, die
ebensowohl wie die unsrige das Recht hat, Menschenfarbe zu sein,
verständlich und geläufig geworden. Darum erhebt sie doch auch in den
Augen des Kindes und des naiven Menschen den Anspruch auf diese besondere
Würde. Vielmehr sie hat diese Würde nach Aussage der Wahrnehmung
thatsächlich, d. h. sie hat sie für den Wahrnehmenden in dem Augenblick,
in dem er der Wahrnehmung hingegeben ist. Diese Würde zergeht dann aber,
sobald der erste Eindruck vorüber ist, und damit die Gewohnheit, als
menschliche Hautfarbe die weisse und nur die weisse Farbe zu betrachten,
in Wirkung tritt. Jetzt erscheint die schwarze Hautfarbe nicht mehr als
zu diesem Anspruch _berechtigt_. Sie erscheint wie ein äusserlicher
Anstrich. Damit ist die Komik ins Dasein getreten. Die komische Wirkung
unterbleibt bei uns, weil in unseren Augen jener Anspruch bestehen
bleibt.


KOMISCHE UNTERBRECHUNG.

Noch in einem zweiten Sinne lässt _Heymans_ das Neue als solches die
Aufmerksamkeit spannen, und wiederum soll hier aus der Lösung dieser
Spannung die Komik hervorgehen. Nicht um das an sich Neue, sondern um das
in einem Zusammenhang Neue handelt es sich hier. Genauer gesagt:
_Heymans_ redet von Fällen, in denen die Unterbrechung eines
Bedeutungsvollen durch ein davon völlig Verschiedenes, aber momentan die
Aufmerksamkeit auf sich ziehendes Unbedeutendes den Reiz zum Lachen
erzeugt. Durch die Aufzeigung solcher Fälle scheint _Heymans_ meiner
Behauptung entgegenzutreten, dass _Dasselbe_ bedeutungsvoll und dann
bedeutungslos erscheinen müsse, wenn die Komik zu stande kommen solle.

In dieser Bemerkung _Heymans_' liegt wiederum Richtiges. Aber auch hier
ist der Gegensatz zu mir nur ein scheinbarer.

In den Fällen, die _Heymans_ anführt, ist das "völlig Verschiedene" in
Wahrheit kein völlig Verschiedenes. In der That kann dasjenige, wodurch
ein Bedeutungsvolles in _komischer_ Weise unterbrochen wird, _niemals_
ein davon völlig Verschiedenes sein. Es muss immer mit dem
Bedeutungsvollen, das von ihm unterbrochen wird, einen Punkt gemein
haben. Und dieser Punkt muss derart hervortreten, dass durch sein
Hervortreten das Unbedeutende auf die Stufe des Bedeutungsvollen gerückt
oder in die Beleuchtung eines solchen gestellt erscheint, dann aber in
seiner Bedeutungslosigkeit erkannt wird. _Heymans_ sagt: das Unbedeutende
müsse momentan die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Damit deutet er
selbst auf diesen Sachverhalt hin. Das Unbedeutende gewinnt die
Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, eben vermöge dieser
Beziehung zu dem "wirklich Bedeutungsvollen".

Dies ergiebt sich am deutlichsten aus der Betrachtung der von _Heymans_
angeführten Beispiele. Das Miauen einer Katze in einer feierlichen Rede
ist eine Art der Rede, es ist die Weise, wie die Katze ihre Gefühle zum
Ausdruck bringt. Die Katze scheint damit in ihrer Weise in das Pathos der
Rede einzustimmen, oder ihren Eindruck davon kund zu geben. Sie wirkt
darum komischer als das Knarren der Thür, obgleich auch dies für einen
Moment als zur Rede gehörig, oder als Ausdruck der Übereinstimmung,
vielleicht auch des Widerspruches, erscheinen kann. Und Gleichartiges
gilt, wenn nach dem Schlusse eines schmetternden Finale die Stimme einer
Marktfrau hörbar wird, die mit ihrer Nachbarin über den Preis der Butter
verhandelt. Die Aufmerksamkeit des Publikums ist gerichtet und mit voller
Intensität gerichtet auf Tönendes. Um dieses Tönende webt sich die
feierliche musikalische Stimmung. Ein solches Tönende ist auch die Stimme
der Marktfrau. Sie wird also, mit dem, was sie verkündigt, in die Höhe
der musikalischen Stimmung mit emporgerissen. Ihre Worte erscheinen wie
eine Art lautsprachlicher Interpretation dieser Stimmung. Dann sinken
dieselben in die banale Wirklichkeit der Butterpreise herab.

Nehmen wir dagegen an, eine solche Beziehung zwischen dem Unbedeutenden
und dem, was dadurch "unterbrochen" wird, oder auf welches das
Unbedeutende folgt, bestehe nicht, so fehlt auch die Komik. Meine Augen
können während der feierlichen Rede oder nach dem schmetternden Finale
auf allerlei an sich Bedeutungsloses und Alltägliches treffen. Hier
_besteht_ die "völlige Verschiedenheit" zwischen dem Unbedeutenden und
dem Bedeutungsvollen. _Heymans_ wird erwidern, hier ziehe das
Unbedeutende nicht die Aufmerksamkeit auf sich. In der That wird es so
sein. Aber der Grund dafür liegt dann eben darin, dass das Unbedeutende
hier dem, was die Aufmerksamkeit auf sich konzentriert, so völlig _fremd_
ist.

Angenommen aber auch das Unbedeutende werde zufällig Gegenstand der
Aufmerksamkeit. Eine architektonische Linie etwa in den Raume, in dem ich
mich befinde, weckt mein Interesse, weil sie nicht eben gewöhnlich ist.
Dann wiederum lasse ich die Linie fallen. Oder ein Lichtschein, die mit
einem Male durch die Fenster hereinfallende Sonne, zieht während der
feierlichen Rede momentan meine Aufmerksamkeit auf sich, nicht weil der
Lichtschein oder die Sonnenhelle mir an sich besonders interessant wäre,
sondern einfach wegen ihrer Neuheit oder wegen ihres plötzlichen
Auftretens. Dann wende ich, eben weil die Sache an sich kein besonderes
Interesse hat, meine Aufmerksamkeit ebenso rasch wiederum davon ab. Auch
hier hat eine Unterbrechung stattgefunden. Der Faden der Rede ist mir
zerrissen. Die Spannung, in welche die Rede mich versetzte, ist gelöst.
Ich bin jetzt für eine Zeitlang, nämlich so lange bis ich den Faden der
Rede wiedergefunden habe, in keiner Weise gespannt. Und die Lösung war
eine plötzliche. Dennoch braucht darin gar nichts Komisches zu liegen. Es
fehlt eben die Bedingung. Es zergeht nicht ein Bedeutungsvolles in sich
selbst. Es offenbart sich nicht ein Bedeutungsvolles als ein solches, dem
doch auch wiederum das Moment, durch das es bedeutungsvoll schien, nicht
zukommt.


POSITIVE BEDEUTUNG DER NEUHEIT.

Trotz dem, was im Vorstehenden gegen die Bedeutung der Neuheit als
solcher für die Komik gesagt wurde, ist doch _Heymans_' Betonung dieses
Momentes in gewissem Sinne durchaus berechtigt. Nicht nur in den Fällen,
an die im Vorstehenden gedacht war, sondern in allen Fällen der Komik ist
in gewissem Sinne die Neuheit ein entscheidender Faktor. Und zwar
durchaus im _Heymans_'schen Sinne. Das heisst, nicht sofern das Neue ein
Inhaltleeres ist, sondern sofern das Neue die Aufmerksamkeit auf sich
zieht.

Die Hautfarbe, sagte ich, habe als menschliche Hautfarbe eine besondere
Würde. Aber diese Würde pflegt für gewöhnlich wirkungslos zu bleiben. Wir
sehen tausendfach Menschen mit der uns _gewohnten_ Hautfarbe, also
derjenigen, der die Würde menschliche Hautfarbe zu sein in unseren Augen
am sichersten zukommt, ohne dass wir doch davon einen besonderen Eindruck
erfahren. Die Eindrucksfähigkeit, oder die "Grösse" im psychologischen
Sinne, ist es aber, die allein für die Komik in Betracht kommt. Ihr
Zergehen bedingt die Komik. Wenn nun der Umstand, dass eine Farbe
menschliche Hautfarbe ist, so wenig Eindruck macht, wie kann dann gesagt
werden, dieser Umstand verleihe der schwarzen Hautfarbe
Eindrucksfähigkeit oder Grösse, und das Zergehen dieser Grösse bedinge
die Komik?

Auf diesen Einwand, den ich mir hier selbst mache, habe ich
andeutungsweise bereits früher geantwortet. Ich sagte: Nicht darauf komme
es an, ob die Hautfarbe überhaupt, sondern darauf, ob sie in dem
gegebenen Falle als ein Grosses erscheine oder als solches in uns wirke.
Und dies thut die schwarze Hautfarbe, eben weil sie schwarze Hautfarbe,
d. h. ungewohnte oder neue Hautfarbe ist. Ich könnte statt dessen auch
sagen, weil sie komische Hautfarbe ist.

Damit erscheint meine Theorie des Komischen in einem fast komischen
Lichte. Die schwarze Hautfarbe, so sagte ich vorhin, erscheine,
wenigstens dem Kinde und dem Naiven, bedeutsam als Hautfarbe, nichtig als
schwarze Hautfarbe. Jetzt sage ich, sie habe, abgesehen von ihrer
Schwärze, keine Eindrucksfähigkeit, gewinne dagegen Grösse als schwarze
Hautfarbe. Oder gar: Ich erklärte die Komik der schwarzen Hautfarbe
daraus, dass sie als Hautfarbe eine psychische Eindrucksfähigkeit
besitze. Jetzt sage ich, sie habe ihre Eindrucksfähigkeit eben als
komische Hautfarbe. Dort scheint ein Widerspruch, hier ein Zirkel
vorzuliegen.

Um diesen übeln Schein von mir abzuwälzen, muss ich mich etwas tiefer in
psychologische Thatsachen einlassen. Schliesslich führen psychologische
Einzelprobleme immer ziemlich tief in die Psychologie hinein, sodass im
Grunde kein psychologisches Problem isoliert sich behandeln lässt.

Es bleibt dabei, die menschliche Hautfarbe, oder, sagen wir lieber, die
menschliche Körperoberfläche, so wie, und soweit wir sie im allgemeinen
wahrzunehmen pflegen, ist uns eine recht gleichgültige Sache geworden.
Auf die Frage, wie dies zugehe, wird jeder antworten, das mache die
Gewohntheit dieses Anblickes oder die Häufigkeit der Wahrnehmung.

Aber wie kann diese eine solche Wirkung thun? Darauf sind zwei Antworten
möglich. Die eine ist ebenso üblich, wie psychologisch unmöglich: Unsere
Aufmerksamkeit werde auf das Gewohnte weniger hingelenkt. Diese
Behauptung muss in ihr Gegenteil verkehrt werden. Je gewohnter etwas ist,
d. h. je häufiger wir uns ihm innerlich zugewendet haben, um so leichter
müssen wir uns ihm innerlich zuwenden.

Aber diese Leichtigkeit der Zuwendung hat auch ihre Kehrseite. So oft
sich,--ich gebrauche hier geflissentlich einen anderen Ausdruck, als
soeben,--die psychische "Bewegung" einem Wahrnehmungsobjekte zugekehrt
hat, so oft hat sie sich auch wiederum von ihm abgewendet. Und wie aus
jener häufigen Zuwendung eine Leichtigkeit der Zuwendung, so ergiebt sich
aus dieser häufigen Abwendung oder diesem häufigen Fortgang zu anderen
psychischen Inhalten eine Leichtigkeit der Abwendung oder des Fortganges.
Es entsteht das, was ich als psychische "Abflusstendenz" zu bezeichnen
pflege. Je zahlreicher und tiefer die associativen Abflusskanäle werden,
um so weniger kann die fragliche Wahrnehmung als ein Halt- oder gar
Mittelpunkt der psychischen Bewegung sich darstellen, um so mehr sinkt
sie zu einem blossen Durchgangspunkt für den Strom des psychischen
Geschehens herab. Die Wahrnehmung gewinnt keine "psychische Höhe" mehr.
Der Wellenberg, den sie, abgesehen von der Abflusstendenz,
respräsentieren würde, hat sich geebbt. Oder ohne Bild gesprochen, die
Wahrnehmung ist nicht mehr Gegenstand der "Aufmerksamkeit", d. h. es wird
in ihr kein erhebliches Mass der allgemeinen psychischen Kraft mehr
lebendig oder aktuell. Eben damit büsst die Wahrnehmung auch ihre
psychische Wirkungsfähigkeit ein, vor allem auch ihre Gefühlswirkung. Mit
einem Worte, sie ist relativ gleichgültig geworden. Für das Genauere
verweise ich wiederum auf meine "Grundthatsachen des Seelenlebens." Ich
bemerke noch, dass diese Theorie der Abflusstendenz, und die Erklärung
der sogenannten abstumpfenden oder ermüdenden Wirkung der Gewohnheit auf
Grund derselben, bisher wenig Aufnahme gefunden hat. Um so mehr Aufnahme
wird sie finden müssen, wenn nicht mannigfache psychische Thatsachen
unverständlich bleiben sollen.

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