Komik und Humor
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Theodor Lipps >> Komik und Humor
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Aber auch das Gesetz der Abflusstendenz hat wiederum seine Kehrseite. Es
giebt ein Gesetz der "psychischen Stauung". Auch hierfür wiederum
verweise ich auf das eben citierte Werk. Ich begnüge mich hier das
fragliche Gesetz in folgender Weise zu formulieren: Ist ein Objekt ein
gewohntes, d. h. in das Gewebe unserer Vorstellungen so hineinverwebt,
dass die psychische Bewegung einerseits zwar zu ihm mit besonderer
Leichtigkeit hinfliesst, andererseits aber zugleich auch wiederum ebenso
leicht von ihm abfliesst, und wird nun dieser Fluss des Geschehens in
seinem gewohnten Ablaufe dadurch gestört, dass das fragliche Objekt, sei
es in seiner Beschaffenheit, sei es hinsichtlich seiner Beziehung zu
anderen Objekten eine Änderung erfährt, so entsteht an dem Objekt eine
psychische Stauung, d. h. die psychische Bewegung oder die aktuelle
psychische Kraft konzentriert sich auf das Objekt. Die Folge ist, dass
dies Objekt, das vorher nur Durchgangspunkt der psychischen Bewegung war,
jetzt von dieser Bewegung emporgehoben wird, oder in grösserem oder
geringerem Grade als Träger der ganzen aktuellen psychischen Kraft sich
darstellt, die es zu gewinnen seiner Natur nach geeignet ist. Damit
gewinnt es zugleich die entsprechende psychische Wirkungsfähigkeit,
insbesondere seine natürliche Gefühlswirkung wieder. Es hat aufgehört,
gleichgültig zu sein. Es ist hinsichtlich seiner psychischen Stellung und
Bedeutung kein Gewohntes mehr, sondern ist zu einem Neuen geworden.
Übertragen wir dies auf unseren Fall. Dann ist damit dies gesagt: Die
menschliche Körperoberfläche wird durch den Umstand, dass sie in neuer
Farbe erscheint, selbst, ihrer psychischen Wirkung nach, eine neue. Dass
heisst, sie übt wiederum die psychische Wirkung, die ihr an sich zukommt.
Sie ist nicht nur objektiv ein "Grosses", sondern sie ist auch wiederum
im psychologischen Sinne ein solches geworden. Damit wird zugleich die
Farbe dieser Körperoberfläche als Farbe dieses Grossen oder Bedeutsamen
zu etwas Grossem oder Bedeutsamen. Dass die "Grösse" der Körperoberfläche
in dem Leben besteht, was in ihr und hinter ihr waltet, und dass die
Farbe Grösse gewinnt, indem sie als Farbe der Körperoberfläche an dieser
Grösse teilnimmt, betone ich nicht noch einmal.
Damit löst sich der oben bezeichnete scheinbare Widerspruch: Wir könnten
freilich ihn zunächst noch in gewisser Weise verschärfen. Die Negerfarbe
gewinnt ihre Bedeutung, d. h. ihre psychische Wirkung als ungewohnte oder
neue. Und sie verliert ebenso diese Bedeutung als ungewohnte oder neue.
Aber dies "als ungewohnte oder neue" hat in beiden Fällen einen
verschiedenen Sinn. Nicht die neue oder ungewohnte _schwarze Farbe_
gewinnt die Bedeutung, sondern die in dieser neuen "Beleuchtung"
erscheinende _Körperoberfläche_ gewinnt dieselbe; und daran nimmt die
schwarze Farbe als Farbe dieser Körperoberfläche Teil. Dann aber verliert
die schwarze Farbe diese Bedeutung wiederum, weil sie eine neue oder
ungewohnte ist, d. h. weil wir noch nicht gewohnt sind, sie als Farbe des
Körpers zu betrachten und zu bewerten. Oder kürzer gesagt, die schwarze
Farbe erscheint bedeutsam als Farbe der _Körperoberfläche_, die
ihrerseits durch diese _neue_ Farbe ihre ursprüngliche Bedeutsamkeit
wiedergewonnen hat. Sie erscheint dann bedeutungslos oder nichtig als
_schwarze_ Farbe, sofern diese als neue Farbe an der Bedeutung der
Körperoberfläche Anteil zu nehmen kein Recht hat. Aus diesem Gegensatze
entspringt die Komik.
Analoges nun gilt mehr oder minder in allen Fällen der Komik; bei aller
Komik gilt in gewisser Weise unser Paradoxon: Alles Komische gewinnt und
verliert zugleich seine psychische Wirkung dadurch, dass es ein Neues,
Ungewohntes, Seltsames ist. Das heisst, bei allem Komischen gewinnt ein
an sich Bedeutsames die Fähigkeit seiner Bedeutsamkeit entsprechend uns
in Anspruch zu nehmen ganz oder teilweise dadurch, dass es in seltsamer
Beleuchtung erscheint. Und bei allem Komischen zergeht diese Wirkung in
uns, wenn wir auf dasjenige achten, was das Komische in diese seltsame
Beleuchtung rückt. Verspricht jemand viel und leistet wenig, so wird eben
durch die geringe Leistung unsere Aufmerksamkeit erst recht auf die
grossen Versprechungen hingelenkt. Sie sind jetzt mehr als sonst eine
anspruchsvolle, d. h. uns in Anspruch nehmende Sache. Eben damit ist auch
die geringfügige Leistung als scheinbare Erfüllung dieser Versprechungen
eine anspruchsvolle Sache geworden. Dieser Anspruch zergeht aber, wenn
uns die Leistung als das, was sie an sich ist, zum Bewusstsein kommt. In
diesem Sinne ist auch hier die Neuheit, d. h. die Seltsamkeit oder
Abnormität das die "Aufmerksamkeit" Spannende und zugleich das sie
Lösende.
"VERBLÜFFUNG" UND "VERSTÄNDNIS".
Hiermit gelange ich wiederum zu _Heymans_ zurück. Was ich hier oben
andeutete, ist auch _Heymans_ aufgefallen. Er drückt es nur in etwas
anderer Weise aus und kommt so zu einem neuen scheinbaren Einwand gegen
meine Theorie der Komik. Nicht in allen, aber in gewissen Fallen der
Komik, meint er, verhalte sich die Sache so, dass ein Rätselhaftes,
Unbegreifliches ein Gefühl der Verwunderung oder des Staunens wecke, die
Aufmerksamkeit fessle, während ein schnell aufleuchtendes, an sich kein
weiteres Interesse bietendes "Verständnis" die Entspannung zu wege
bringe. Hiermit tritt _Heymans_ scheinbar in unmittelbaren Widerspruch zu
meiner Theorie. Ich habe diese Theorie gelegentlich auch so formuliert,
dass ich sagte, die Komik entstehe, indem ein Sinnvolles sich für uns in
ein Sinnloses verwandelt. Das Sinnvolle nimmt uns in Anspruch oder spannt
die Aufmerksamkeit, die Sinnlosigkeit bringt die Lösung. Diesen
Sachverhalt scheint Heymans umzukehren. Das Unbegreifliche, also für uns
Sinnlose spannt die Aufmerksamkeit, die Lösung ist da, indem die
Sinnlosigkeit verschwindet und das Verständnis, also die Einsicht in den
Sinn der Sache sich einstellt.
In Wahrheit ist, was Heymans sagt, lediglich die besondere Hervorhebung
eines Momentes im Prozess der Komik, und zwar eines Momentes, das ich im
Obigen ausdrücklich anerkannt habe. Ein Unterschied zwischen _Heymans_
und mir besteht zunächst nur insofern, als ich, was _Heymans_ für
bestimmte Fälle der Komik vermeintlich gegen mich einwendet,
verallgemeinere, d. h. als für alle Komik mehr oder weniger zutreffend
anerkenne.
Dann freilich lässt sich _Heymans_ durch einseitige Hervorhebung jenes
Momentes zu Wendungen verleiten, die eine wirkliche Korrektur meiner
Theorie in sich zu schliessen scheinen. Auch hier aber löst sich der
scheinbare Gegensatz leicht, wenn wir _Heymans_' Aufstellungen genauer
analysieren oder eine darin liegende Zweideutigkeit beseitigen.
Das Rätselhafte, sagt _Heymans_, spannt die Aufmerksamkeit oder, mit
einem anderen, Andruck, es "verblüfft". Statt dessen sagte ich oben: Die
Neuheit, Ungewohntheit, Abnormität, das Seltsame des Komischen lässt erst
seine Bedeutsamkeit, sei es überhaupt, sei es vollständig, zur Wirkung
kommen. Auch damit ist eine Spannung der Aufmerksamkeit bezeichnet. Aber
diese Spannung der Aufmerksamkeit ist mit _Heymans_' "Verblüffung" nicht
ohne weiteres identisch.
Dies wird verständlich, wenn wir in jener Verblüffung zwei Momente
unterscheiden. Einmal die einfache Verblüffung, d. h. das erstaunte
Haltmachen bei der Seltsamkeit, etwa das erstaunte Haltmachen bei der
geringen Leistung des Grosssprechers; die Frage: Was soll das heissen.
Diese erste, völlig verständnislose Verblüffung ist nicht die Spannung
der Aufmerksamkeit, von der ich sage, ihr Zergehen erzeuge die Komik.
Und sie kann es nicht sein. Damit komme ich bereits auf den Punkt, in dem
ich _Heymans_ entgegentreten muss. _Heymans_ meint, er könne sich--gegen
mich--"einfach auf das Zeugnis der Selbstwahrnehmung berufen", nach
welchem in gewissen Fällen der Komik "sich deutlich die beiden Stadien
des verblüfften Erstaunens und des aufleuchtenden Verständnisses, mit
letzterem gleichzeitig aber die komische Gefühlserregung feststellen
lässt." Diese beiden Stadien leugne ich, nach Obigem, nicht, sondern
erkenne sie, und zwar für alle Fälle der Komik an. Aber ich leugne, dass
jede Verblüffung, der ein aufleuchtendes Verständnis folgt, ein Gefühl
der Komik ergiebt. Die Komik stellt in Wahrheit nur dann sich ein, wenn
jene Verblüffung zugleich ein Moment in sich schliesst, das mehr ist als
blosse Verblüffung, nämlich Sammlung, Spannung der Aufmerksamkeit durch
ein Bedeutsames oder scheinbar Sinnvolles; und die Komik ergiebt sich
nicht aus der Lösung der Verblüffung überhaupt, sondern aus der Lösung
dieses zweiten Momentes der Verblüffung oder dieser besonders gearteten
Spannung.
So wie die geringfügige Leistung des Grosssprechers mich verblüfft, so
verblüfft mich auch der Satz, der durch Ausfall eines Wortes sinnlos
geworden ist. Nehmen wir an, darauf folge sofort das aufleuchtende
Verständnis: Ich sehe, welches Wort ausgefallen ist. Ich ergänze es also,
und verstehe den Satz. Ich sage: Das also ist gemeint. Ein solches
Erlebnis ist nicht komisch.
Dagegen würde der Ausfall des Wortes komisch, wenn sich daraus ein neuer
Sinn ergäbe. Wir wollen annehmen, der neue Sinn leuchte unmittelbar ein,
werde aber auch sofort als unmöglich gemeint, also als Unsinn erkannt.
Hier ist auf das erste Stadium der Verblüffung ein zweites gefolgt, auf
die Verblüffung über den Unsinn die Verblüffung über den scheinbaren
Sinn, auf das einfache Stillestehen der psychischen Bewegung, ein sich
Konzentrieren derselben auf einen bestimmten Vorstellungszusammenhang,
nämlich denjenigen, dessen Vernichtung nachher die Komik ergiebt. So
gewiss aus der unmittelbaren Lösung des ersten Stadiums, der in jedem
Sinn verständnislosen Verblüffung, durch das aufleuchtende Verständnis
die Komik sich _nicht_ ergiebt, so gewiss folgt sie _hieraus_.
Ein solches zweites Stadium der Verblüffung, oder eine solche Sammlung
oder Konzentration der Aufmerksamkeit findet nun in aller Komik statt.
Wie gesagt: Die geringe Leistung nach grossen Versprechungen "verblüfft";
dann aber folgt die Spannung der Aufmerksamkeit durch die scheinbare
Erfüllung der Versprechungen. Auf die verblüffte Frage: Was soll das
heissen? folgt die verblüffte Antwort: Das also ist die Erfüllung der
grossen Versprechungen. Und daran erst schliesst sich die Einsicht. Ich
"verstehe", d. h. ich erkenne den Grosssprecher als leeren Grosssprecher.
Bei einem solchen ist die geringe Leistung ganz in der Ordnung. Was ich
erlebe ist gar nichts, d. h. nichts, das meiner Aufmerksamkeit wert wäre.
Ich habe hier in dem Stadium, das _Heymans_ als Stadium der _Verblüffung_
bezeichnet, zwei Stadien unterschieden. Man sieht aber, das zweite
Stadium der Verblüffung kann ebensowohl als erstes Stadium des
Verständnisses bezeichnet werden. Es ist das Stadium des verblüffenden
Verständnisses, des verblüffenden Sinnes oder scheinbaren Sinnes,
allgemeiner gesagt, der verblüffenden Grösse oder Scheingrösse eines
Objektes, das dann doch seiner Grösse in unseren Augen wieder verlustig
geht.
Damit ist der scheinbare Gegensatz zwischen Heymans und mir gelöst. Auch
er hat mich erst verblüfft, dann sah ich die Scheingrösse, die sich aus
der scheinbaren Identität der _Heymans_'schen "Verblüffung" mit meiner
"Spannung der Aufmerksamkeit durch ein Scheingrosses" ergab, d. h. die
Einsicht, dass Verblüffung und Verblüffung zweierlei sei, und demgemäß
_Heymans_' Einwand mich nicht treffe.
Die Beispiele, die _Heymans_ anführt, um seinem Einwand Kraft zu geben,
sind der Hauptsache nach dem Gebiete des Witzes entnommen. Insoweit
gehören sie nicht hierher. Schliesslich aber weist er auf einen Fall hin,
der dem Gebiete der objektiven Komik angehört. Auch dieser widerspricht
doch meiner Theorie keineswegs.
"Ein auf einer Zwischenstation ausgestiegener Reisender antwortet auf die
dringende Aufforderung des Schaffners einzusteigen immer nur mit der
flehentlichen Bitte ihm zu sagen, in welchem Jahre Amerika entdeckt
worden sei. Indessen fährt der Zug ab. Endlich stellt sich heraus, dass
das Kompartiment, in welchem der Reisende seine Sachen zurückgelassen
hat, die Nummer 1492 führt, und dass ein Mitreisender ihm gesagt hat, er
solle, um diese Nummer nicht zu vergessen, nur an die Jahreszahl der
Entdeckung Amerikas denken". Hier meint _Heymans_, ist die Handlungsweise
des Reisenden, dem man zu langen Erklärungen keine Zeit lässt, keineswegs
objektiv unzweckmäßig, aber sie scheint es in höchstem Grade zu sein, und
wird darum zuerst als unbegreiflich, dann nachdem die Sache sich
aufgeklärt hat, als komisch empfunden. Mir scheint, dass in diesem
komplizierten Falle verschiedene Momente der Komik unterschieden werden
müssen. Der Reisende wird schon vor der Aufklärung der Sache komisch,
weil er als ausgewachsener Mensch, von dem man ein zweckmässiges
Verhalten "erwartet", den Zug mit seinem Gepäck wegfahren lässt, und sich
statt um seine Reise, um die Entdeckung Amerikas Sorge macht. Dazu tritt
dann ein zweites Moment, das allerdings erst nach der Aufklärung zur
Wirkung gelangt. Man sieht jetzt, dass der Reisende Grund hatte nach dem
Jahre der Entdeckung Amerikas zu fragen. Oder vielmehr: es scheint für
einen Augenblick die Frage darnach sinnvoll. Dann aber erscheint das
ganze Verhalten des Menschen sinnlos. Sich eine Zahl nach der Jahreszahl
eines historischen Ereignisses zu merken hat natürlich nur Sinn, wenn man
diese Jahreszahl kennt.
Hiermit meine ich alle Punkte des Gegensatzes zwischen _Heymans_ und mir
aufgeklärt zu haben. Ich werde auf _Heymans_ noch einmal, nämlich bei der
Betrachtung des Witzes und der genaueren Darlegung der Art, wie bei ihm
das Gefühl der Komik zu stande kommt, zurückkommen müssen. Einstweilen
nehme ich von _Heymans_' wertvollen Winken Abschied.
VI. KAPITEL. DIE SUBJEKTIVE KOMIK ODER DER WITZ.
ABGRENZUNG DER SUBJEKTIVEN KOMIK.
Wir haben im Obigen die ausdrückliche Abgrenzung der objektiven Komik von
den sonstigen Gattungen der Komik unterlassen. Beim Witze können wir
diese Abgrenzung sofort zu vollziehen versuchen.
Dabei müssen wir zunächst unterscheiden zwischen dem Witz als Eigenschaft
und dem Witz als Vorgang oder Leistung, dem Witz, den der Witzige _hat_,
und demjenigen, den er _macht_. Wenn _Vischer_ gelegentlich den Witz
definiert als die Fertigkeit mit überraschender Schnelle mehrere
Vorstellungen, die nach ihrem inneren Gehalt und dem Nexus, dem sie
angehören, einander eigentlich fremd sind, zu einer zu verbinden, so
können wir uns diese Definition nicht aneignen, weil sie sich auf den
Witz bezieht, den der Witzige _hat_.
Aber auch der Begriff des Witzes, der gemacht wird, lässt sich
verschieden fassen. Wenn jemand stolz auftritt und über eine Kleinigkeit
stolpert, so wird er Objekt der Komik. Wenn ich ihm das Hindernis _in den
Weg werfe_, so mache ich einen, wenn auch vielleicht recht schlechten
"Witz". So heisst überhaupt Witz jedes bewusste und geschickte
Hervorrufen der Komik, sei es der Komik der Anschauung oder der
Situation. Natürlich können wir auch diesen Begriff des Witzes hier nicht
brauchen. Eines und dasselbe wäre ein Fall der Anschauungs- oder
Situations-Komik und ein Witz, je nachdem wir den komischen Thatbestand
einfach für sich ins Auge fassten, oder zugleich auf seine Verursachung
achteten. Wir wollen aber ja hier unter dem Namen des Witzes Fälle
zusammenfassen, die _neben_ den Fällen den Anschauungs- und
Situations-Komik stehen.
Ein wesentliches Merkmal für den Begriff des Witzes, wie wir ihn
brauchen, haben wir indessen damit doch schon gewonnen. Gegenstand der
Anschauungskomik _wird_ man, in die Situationskomik _gerät_ man, den Witz
_macht_ man. Man macht ihn, d. h. die selbstbewusste Persönlichkeit macht
ihn. Der Witz ist eine Art der Aktivität oder Betätigung dieser
Persönlichkeit. Vereinigen wir damit, dass wir nach oben Gesagtem auch
das, sei es noch so selbstbewusste Hervorrufen der Anschauungs- und
Situationskomik, bei der doch die Komik nur eben an dem angeschauten
Objekt oder der Situation haftet, nicht als Witz bezeichnen wollen, so
kann sich eine wenigstens vorläufige Abgrenzung dieses Begriffes ergeben.
Meine Vorstellungen und Vorstellungsverbindungen, meine Willensakte und
Wertschätzungen, das sind die Arten meiner Persönlichkeit sich zu
bethätigen. An ihnen also, oder vielmehr, da jene inneren Vorgänge für
andere nicht Gegenstände der Wahrnehmung sind, an den Worten, Handlungen
und Gebärden, in welchen sie zu Tage treten, wird die Komik des Witzes,
den ich mache, haften müssen; und sie wird an den Worten, Handlungen und
Gebärden haften müssen, _sofern_ und lediglich sofern sie einer
persönlichen Aktivität oder Leistung zum Ausdruck dienen. Aktivität oder
"Leistung", so sage ich hier mit Bedacht. Auch in der ungeschickten und
in ihrer Ungeschicktheit komischen Bemerkung, die ich mir zu Schulden
kommen lasse, bin ich aktiv. Aber dies ist nicht die Aktivität, die ich
hier meine. Ich mache die Bemerkung, aber ich "mache" nicht die ihr
anhaftende Komik. Eben insofern die Bemerkung komisch ist, erscheint sie
nicht als Ausfluss meines positiven Könnens, sondern meines Unvermögens,
ich bringe damit nichts zuwege, sondern unterliege einer Schranke meines
Wesens. Ich erscheine darum trotz aller Thätigkeit als Gegenstand der
Anschauungs- oder Situationskomik, nicht als Urheber eine Witzes.
Andererseits muss mit der Forderung Ernst gemacht werden, dass die Komik
eben an der Aktivität _hafte_. Ich mache Anstrengungen, um über ein
hochgespanntes Seil zu springen, im letzten Momente aber schlüpfe ich
unten durch, nicht aus Unvermögen, sondern um die Zuschauer zu
belustigen. Hier bin ich durchaus aktiv und überlegen, aber die Komik
haftet nicht unmittelbar daran. Meinem Thun liegt thatsächlich kein
Unvermögen zu Grunde, aber das Gefühl der Komik entsteht doch nur aus dem
Schein des Unvermögens, den ich mit Absicht erzeuge. Ich werde nicht
durch irgendwelche Naturnotwendigkeit, und kein anderer wird durch mich
_Gegenstand_ der Komik, aber ich mache mich selbst dazu. Ich werde es
freiwillig, aber ich werde es für den Augenblick thatsächlich.
Daraus ergiebt sich die vorläufige Abgrenzung des Witzes, die wir suchen.
Sie ist die Komik, die wir hervorbringen, die an unserm Thun als solchem
haftet, zu der wir uns durchweg als darüberstehendes Subjekt, niemals als
Objekt, auch nicht als freiwilliges Objekt verhalten. Oder kürzer gesagt:
sie ist die durchaus subjektive Komik. Im Gegensatz dazu dürfen wir die
im vorigen Abschnitt gemeinte und besprochene Komik, wie wir schon gethan
haben, als objektive bezeichnen.
Jene Abgrenzung des Witzes trifft mit derjenigen zusammen, die in der
wissenschaftlichen Ästhetik thatsächlich vorausgesetzt zu werden pflegt.
Indem wir den Witz als "subjektive" von der "objektiven" Komik
unterscheiden, stimmen wir wenigstens mit _Vischer_ auch im Ausdruck
überein.--Dagegen sind die vorhandenen Antworten auf die Frage nach dem
Wesen des Witzes teilweise völlig ungenügend.
VERSCHIEDENE THEORIEN.
Ich erwähne wiederum in erster Linie denjenigen Psychologen der Komik,
der sich von der Wahrheit am weitesten entfernt hält. Wie wir sahen, geht
_Hecker_'s Bestimmung der Komik überhaupt aus von der Betrachtung des
Gefühls der Komik, das er als beschleunigten Wettstreit der Gefühle der
Lust und Unlust bezeichnet. Beim Witze nun entsteht für ihn "die Unlust
wie die Lust aus zwei Vorstellungen, deren Unvereinbarkeit und doch
wiederum mögliche Vereinbarkeit miteinander die Quelle der Gefühle
bildet."
Diese Erklärung ist vor allem nicht allzu ernst gemeint. An Stelle der
unvereinbaren Vorstellungen treten später solche, die nichts miteinander
zu thun haben, d. h. thatsächlich in keinem Verhältnis unmittelbarer
Zusammengehörigkeit stehen. Und zu diesen gesellen sich dann solche, die
zugestandenermassen ziemlich viel miteinander zu thun haben. Überhaupt
wandeln sich die _Hecker_'schen Bedingungen des Witzes von Fall zu Fall,
bis schliesslich von der ursprünglichen Formel herzlich wenig mehr übrig
bleibt. Natürlich verfolge ich diese Wandlungen nicht. Es genügt die
Bemerkung, dass nach _Hecker_ schließlich jede zweifelhafte Aussage, jede
Annahme, die durch Thatsachen gestützt wird, während andere Thatsachen
widersprechen, jede halbwahre Theorie, ja jede thörichte Rede, der wir
den wahren Sachverhalt "substituieren", witzig heissen müsste. Als ganz
besonders witzig müsste seine eigene Theorie des Witzes und der Komik
überhaupt gelten, in der mit mancherlei Ansätzen und Elementen zu einer
richtigen Anschauung so viel Unzutreffendes so eng verbunden ist.
Mit _Hecker_'s Erklärung ist die _Kräpelin_'s verwandt. Für ihn ist der
Witz die "willkürliche Verbindung oder Verknüpfung[1] zweier miteinander
in irgend einer Weise kontrastierender Vorstellungen, zumeist durch das
Hilfsmittel der sprachlichen Association". Es muss, so sagt er nachher,
irgend ein Band zwischen den Vorstellungen, es müssen associative
Beziehungen zwischen ihnen existieren, welche diese Verknüpfung
gestatten. Andererseits muss aber die Nichtzusammengehörigkeit derselben
klar und scharf genug ins Auge springen, dass eine Kontrastwirkung zur
Entwicklung gelangen kann.
[1] So, und nicht "Erzeugung" muss es ohne Zweifel an der betreffenden
Stelle heissen.
Diese Erklärung leidet an mehreren Fehlern. Sie stimmt nicht mit den
nachfolgenden näheren Bestimmungen; sie ist vieldeutig; man mag sie
drehen wie man will, so schliesst sie Dinge ein, die mit dem Witze nichts
zu thun haben; sie schliesst andererseits Gattungen von Vorgängen aus,
die thatsächlich dem Witze zugehören. Sie steht endlich in direktem
Widerspruch mit einzelnen ausdrücklich angeführten Fällen des Witzes.
Nur auf zwei Punkte mache ich hier gleich aufmerksam. Der Witz soll eine
_willkürliche_ Verbindung von Vorstellungen sein. Gleich nachher wird von
Witzen gesprochen, die nicht der bewusst absichtsvollen Komik angehören,
sondern unbewusst sind. Ich denke aber, wo das Bewusstsein aufhört, ist
nach gemeinem Sprachgebrauch auch von Willkür nicht mehr die Rede.
Wichtiger ist mir der andere Punkt. "Irgendwie kontrastieren" müssen die
Vorstellungen, deren Verbindung den Witz ausmacht. Mit diesem Kontrast
geht es einigermassen, wie mit der "Unvereinbarkeit" bei _Hecker_. An
seine Stelle tritt später die Nichtzusammengehörigkeit. Bald darauf
heissen die Vorstellungen einander widerstreitend, wiederum an anderer
Stelle gänzlich verschiedenartig. Als ob alle diese Ausdrücke dasselbe
sagten. In der That können die im Witze verbundenen Vorstellungen sich
auf die verschiedenartigste Weise zu einander verhalten. Das bekannte
_Lichtenberg_'sche "Messer ohne Klinge, woran der Stiel fehlt" enthält
eine Verbindung an sich unvereinbarer Vorstellungen. Das Messer
einerseits, der Mangel der Klinge und des Stieles andererseits, diese
beiden Begriffe heben sich gegenseitig auf.--Wenn ein französischer
Dichter auf die Zumutung seines Königs, ein Gedicht zu machen, dessen
sujet er sei, antwortet: le roi n'est pas sujet, so vollzieht er eine
Verbindung von Vorstellungen,--sujet = Unterthan und sujet = Gegenstand
eines Gedichtes--die an sich recht wohl vereinbar sind, und nur
thatsächlich und erfahrungsgemäss nichts miteinander zu thun haben.--"Die
Abteien sind geworden zu Raubteien", sagt der _Schiller_'sche Kapuziner.
Hier sind die in witziger Weise verbundenen Vorstellungen weder
unvereinbar noch unzusammengehörig. Die Abteien waren in der That in der
Zeit des dreissigjährigen Krieges zu Raubteien geworden. Die
Vorstellungen gehören also genau soweit zusammen, als es der Witz
behauptet.--Gedenken wir endlich gar der witzigen Definition von der Art
der _Schleiermacher_'schen: Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit
Eifer sucht, was Leiden schafft, so ergiebt sich, dass die im Witze
miteinander "kontrastierenden" Vorstellungen auch solche sein können, die
nicht nur in bestimmten Fällen und thatsächlich, sondern allgemein und
begrifflich zusammengehören, deren Zusammengehörigkeit ausserdem
jedermann denkbar geläufig ist. Dass die Eifersucht eine Leidenschaft
ist, die darauf ausgeht Dinge hervorzusuchen und selbst zu ersinnen, die
nur dazu dienen können dem Eifersüchtigen und dem Gegenstand der
Eifersucht Qualen zu bereiten, dies liegt ja im Begriff der Eifersucht
und bezeichnet kein verstecktes, sondern ein jedermann bekanntes und
selbstverständliches Moment dieses Begriffes.
Die im Witze verbundenen Vorstellungen find unvereinbare und
unzusammengehörige, anderseits zusammengehörige und sogar notwendig zu
vereinigende Vorstellungen; sie sind Vorstellungen, deren Vereinigung
einen Unsinn, eine faktische Unwahrheit, andererseits eine thatsächliche
Wahrheit oder sogar eine Selbstverständlichkeit ergiebt. Sie sind mit
einem Worte verschiedenartige Vorstellungen, die sich irgendwie zu
einander verhalten. Verschiedene und irgendwie sich zu einander
verhaltende Vorstellungen werden aber natürlich in jeder wahren oder
falschen Behauptung miteinander verbunden. Sie können also nicht das
Wesen des Witzes ausmachen.
Dann muss wohl die besondere Art der Verbindung den Witz erzeugen. Die
Verbindung, so könnte man sagen, ist beim Witz jederzeit eine solche,
welche die Unvereinbarkeit, oder auch die blosse Verschiedenheit der
Vorstellungen besonders deutlich zu Tage treten lässt. In dieser
deutlicher zu Tage tretenden Unvereinbarkeit oder Verschiedenheit
bestände dann der "Kontrast", der zum Witze erforderlich ist. In der That
kann _Kräpelin_'s Meinung im Grunde keine andere sein. Zur Komik
überhaupt gehört ja für ihn nach der allgemeinen Erklärung, die wir im
vorigen Abschnitt kennen gelernt haben, der Versuch der begrifflichen
Vereinigung und ein erst _daraus sich ergebender_ "intellektueller"
Kontrast.
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