Immensee
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Theodor W. Storm >> Immensee
„Es war mir recht zuwider, daß der fremde Mensch mein Gesicht so
auswendig lernte. Ich wollte auch nicht, aber die Mutter redete mir
zu; sie sagte, es würde der guten Frau Werner eine gar große Freude
machen.
„Aber Du hältst nicht Wort, Reinhard. Du hast keine Märchen geschickt.
Ich habe Dich oft bei Deiner Mutter verklagt; sie sagt dann immer, Du
habest jetzt mehr zu tun, als solche Kindereien. Ich glaub' es aber
nicht; es ist wohl anders."
Nun las Reinhard auch den Brief seiner Mutter, und als er beide Briefe
gelesen und langsam wieder zusammengefaltet und weggelegt hatte,
überfiel ihn ein unerbittliches Heimweh. Er ging eine Zeitlang in
seinem Zimmer auf und nieder: er sprach leise und dann
halbverständlich zu sich selbst:
Er wäre fast verirret
Und wußte nicht hinaus;
Da stand das Kind am Wege
Und winkte ihm nach Haus.
Dann trat er an sein Pult, nahm einiges Geld heraus und ging wieder
auf die Straße hinab. Hier war es mittlerweile stiller geworden; die
Weihnachtsbäume waren ausgebrannt, die Umzüge der Kinder hatten
aufgehört. Der Wind fegte durch die einsamen Straßen; Alte und Junge
saßen in ihren Häusern familienweise zusammen; der zweite Abschnitt
des Weihnachtsabends hatte begonnen.
Als Reinhard in die Nähe des Ratskellers kam, hörte er aus der Tiefe
herauf Geigenstrich und den Gesang des Zithermädchens; nun klingelte
unten die Kellertür, und eine dunkle Gestalt schwankte die breite,
matt erleuchtete Treppe herauf.
Reinhard trat in den Häuserschatten und ging dann rasch vorüber. Nach
einer Weile erreichte er den erleuchteten Laden eines Juweliers, und
nachdem er hier ein kleines Kreuz mit roten Korallen eingehandelt
hatte, ging er auf demselben Wege, den er gekommen war, wieder zurück.
Nicht weit von seiner Wohnung bemerkte er ein kleines, in klägliche
Lumpen gehülltes Mädchen an einer hohen Haustür stehen, in
vergeblicher Bemühung, sie zu öffnen.
„Soll ich dir helfen?" sagte er.
Das Kind erwiderte nichts, ließ aber die schwere Türklinke fahren.
Reinhard hatte schon die Tür geöffnet.
„Nein," sagte er, „sie könnten dich hinausjagen; komm mit mir! ich
will dir Weihnachtskuchen geben."
Dann machte er die Tür wieder zu und faßte das kleine Mädchen an der
Hand, das stillschweigend mit ihm in seine Wohnung ging.
Er hatte das Licht beim Weggehen brennen lassen.
„Hier hast du Kuchen," sagte er und gab ihr die Hälfte seines ganzen
Schatzes in ihre Schürze, nur keine mit den Zuckerbuchstaben.
„Nun geh nach Haus und gib deiner Mutter auch davon."
Das Kind sah mit einem scheuen Blick zu ihm hinauf; es schien solcher
Freundlichkeit ungewohnt und nichts darauf erwidern zu können.
Reinhard machte die Tür auf und leuchtete ihr, und nun flog die Kleine
wie ein Vogel mit ihrem Kuchen die Treppe hinab und zum Hause hinaus.
Reinhard schürte das Feuer in seinem Ofen an und stellte das bestaubte
Tintenfaß auf seinen Tisch; dann setzte er sich hin und schrieb und
schrieb die ganze Nacht Briefe an seine Mutter, an Elisabeth.
Der Rest der Weihnachtskuchen lag unberührt neben ihm; aber die
Manschetten von Elisabeth hatte er angeknöpft, was sich gar wunderlich
zu seinem weißen Flausrock ausnahm. So saß er noch, als die
Wintersonne auf die gefrorenen Fensterscheiben fiel und ihm gegenüber
im Spiegel ein blasses, ernstes Antlitz zeigte.
* * * * *
DAHEIM
Als es Ostern geworden war, reiste Reinhard in die Heimat. Am Morgen
nach seiner Ankunft ging er zu Elisabeth.
„Wie groß du geworden bist," sagte er, als das schöne, schmächtige
Mädchen ihm lächelnd entgegenkam. Sie errötete, aber sie erwiderte
nichts; ihre Hand, die er beim Willkommen in die seine genommen,
suchte sie ihm sanft zu entziehen. Er sah sie zweifelnd an, das hatte
sie früher nicht getan; nun war es, als trete etwas Fremdes zwischen
sie.
Das blieb auch, als er schon länger dagewesen, und als er Tag für Tag
immer wiedergekommen war. Wenn sie allein zusammensaßen, entstanden
Pausen, die ihm peinlich waren, und denen er dann ängstlich
zuvorzukommen suchte. Um während der Ferienzeit eine bestimmte
Unterhaltung zu haben, fing er an, Elisabeth in der Botanik zu
unterrichten, womit er sich in den ersten Monaten seines
Universitätslebens angelegentlich beschäftigt hatte.
Elisabeth, die ihm in allem zu folgen gewohnt und überdies lehrhaft
war, ging bereitwillig darauf ein. Nun wurden mehrere Male in der
Woche Exkursionen ins Feld oder in die Heide gemacht, und hatten sie
dann mittags die grüne Botanisierkapsel voll Kraut und Blumen nach
Hause gebracht, so kam Reinhard einige Stunden später wieder, um mit
Elisabeth den gemeinschaftlichen Fund zu teilen.
In solcher Absicht trat er eines Nachmittags ins Zimmer, als Elisabeth
am Fenster stand und ein vergoldetes Vogelbauer, das er sonst dort
nicht gesehen, mit frischem Hühnerschwarm besteckte. Im Bauer saß ein
Kanarienvogel, der mit den Flügeln schlug und kreischend nach
Elisabeths Finger pickte. Sonst hatte Reinhards Vogel an dieser Stelle
gehangen.
„Hat mein armer Hänfling sich nach seinem Tode in einen Goldfinken
verwandelt?" fragte er heiter.
„Das pflegen die Hänflinge nicht," sagte die Mutter, welche spinnend
im Lehnstuhl saß. „Ihr Freund Erich hat ihn heut' Mittag für Elisabeth
von seinem Hofe hereingeschickt."
„Von welchem Hofe?"
„Das wissen Sie nicht?"
„Was denn?"
„Daß Erich seit einem Monat den zweiten Hof seines Vaters am Immensee
[Fußnote: Der See der Immen, d. h. der Bienen.] angetreten hat?"
„Aber Sie haben mir kein Wort davon gesagt."
„Ei," sagte die Mutter, „Sie haben sich auch noch mit keinem Worte
nach Ihrem Freunde erkundigt. Er ist ein gar lieber, verständiger
junger Mann."
Die Mutter ging hinaus, um den Kaffee zu besorgen; Elisabeth hatte
Reinhard den Rücken zugewandt und war noch mit dem Bau ihrer kleinen
Laube beschäftigt.
„Bitte, nur ein kleines Weilchen," sagte sie; „gleich bin ich fertig."
Da Reinhard wider seine Gewohnheit nicht antwortete, so wandte sie
sich um. In seinen Augen lag ein plötzlicher Ausdruck von Kummer, den
sie nie darin gewahrt hatte.
„Was fehlt dir, Reinhard?" fragte sie, indem sie nahe zu ihm trat.
„Mir?" sagte er gedankenlos und ließ seine Augen träumerisch in den
ihren ruhen.
„Du siehst so traurig aus."
„Elisabeth," sagte er, „ich kann den gelben
Vogel nicht leiden."
Sie sah ihn staunend an, sie verstand ihn nicht. „Du bist so
sonderbar," sagte sie.
Er nahm ihre beiden Hände, die sie ruhig in den seinen ließ. Bald trat
die Mutter wieder herein. Nach dem Kaffee setzte diese sich an ihr
Spinnrad; Reinhard und Elisabeth gingen ins Nebenzimmer, um ihre
Pflanzen zu ordnen.
Nun wurden Staubfäden gezählt, Blätter und Blüten sorgfältig
ausgebreitet und von jeder Art zwei Exemplare zum Trocknen zwischen
die Blätter eines großen Folianten gelegt.
Es war sonnige Nachmittagsstille; nur nebenan schnurrte der Mutter
Spinnrad, und von Zeit zu Zeit wurde Reinhards gedämpfte Stimme
gehört, wenn er die Ordnungen der Klassen der Pflanzen nannte oder
Elisabeths ungeschickte Aussprache der lateinischen Namen korrigierte.
„Mir fehlt noch von neulich die Maiblume," sagte sie jetzt, als der
ganze Fund bestimmt und geordnet war.
Reinhard zog einen kleinen weißen Pergamentband aus der Tasche. „Hier
ist ein Maiblumenstengel für dich," sagte er, indem er die
halbgetrocknete Pflanze herausnahm.
Als Elisabeth die beschriebenen Blätter sah, fragte sie: „Hast du
wieder Märchen gedichtet?"
„Es sind keine Märchen," antwortete er und reichte ihr das Buch.
Es waren lauter Verse, die meisten füllten höchstens eine Seite.
Elisabeth wandte ein Blatt nach dem andern um; sie schien nur die
Überschriften zu lesen. „Als sie vom Schulmeister gescholten war."
„Als sie sich im Walde verirrt hatten." „Mit dem Ostermärchen." „Als
sie mir zum erstenmal geschrieben hatte;" in der Weise lauteten fast
alle.
Reinhard blickte forschend zu ihr hin, und indem sie immer weiter
blätterte, sah er, wie zuletzt auf ihrem klaren Antlitz ein zartes Rot
hervorbrach und es allmählich ganz überzog. Er wollte ihre Augen
sehen, aber Elisabeth sah nicht auf und legte das Buch am Ende
schweigend vor ihn hin.
„Gib mir es nicht so zurück!" sagte er.
Sie nahm ein braunes Reis aus der Blechkapsel. „Ich will dein
Lieblingskraut hineinlegen," sagte sie und gab ihm das Buch in seine
Hände.
Endlich kam der letzte Tag der Ferienzeit und der Morgen der Abreise.
Auf ihre Bitte erhielt Elisabeth von der Mutter die Erlaubnis, ihren
Freund an den Postwagen zu begleiten, der einige Straßen von ihrer
Wohnung seine Station hatte.
Als sie vor die Haustür traten, gab Reinhard ihr den Arm; so ging er
schweigend neben dem schlanken Mädchen her. Je näher sie ihrem Ziele
kamen, desto mehr war es ihm, er habe ihr, ehe er auf so lange
Abschied nehme, etwas Notwendiges mitzuteilen, etwas, wovon aller Wert
und alle Lieblichkeit seines künftigen Lebens abhänge, und doch konnte
er sich des erlösenden Wortes nicht bewußt werden. Das ängstigte ihn;
er ging immer langsamer.
„Du kommst zu spät," sagte sie, „es hat schon zehn geschlagen auf St.
Marien."
Er ging aber darum nicht schneller. Endlich sagte er stammelnd:
„Elisabeth, du wirst mich nun in zwei Jahren gar nicht sehen--wirst du
mich wohl noch eben so lieb haben wie jetzt, wenn ich wieder da bin?"
Sie nickte und sah ihm freundlich ins Gesicht.
„Ich habe dich auch verteidigt;" sagte sie nach einer Pause.
„Mich? Gegen wen hattest du es nötig?"
„Gegen meine Mutter. Wir sprachen gestern abend, als du weggegangen
warst, noch lange über dich. Sie meinte, du seiest nicht mehr so gut,
wie du gewesen."
Reinhard schwieg einen Augenblick; dann aber nahm er ihre Hand in die
seine, und indem er ihr ernst in ihre Kinderaugen blickte, sagte er:
„Ich bin noch eben so gut, wie ich gewesen bin; glaube du das nur
fest! Glaubst du es, Elisabeth?"
„Ja," sagte sie.
Er ließ ihre Hand los und ging rasch mit ihr durch die letzte Straße.
Je näher ihm der Abschied kam, desto freudiger war sein Gesicht; er
ging ihr fast zu schnell.
„Was hast du, Reinhard?" fragte sie.
„Ich habe ein Geheimnis, ein schönes!" sagte er und sah sie mit
leuchtenden Augen an. „Wenn ich nach zwei Jahren wieder da bin, dann
sollst du es erfahren."
Mittlerweile hatten sie den Postwagen erreicht; es war noch eben Zeit
genug. Noch einmal nahm Reinhard ihre Hand. „Leb wohl!" sagte er, „leb
wohl, Elisabeth! Vergiß es nicht!"
Sie schüttelte mit dem Kopf. „Leb wohl!" sagte sie. Reinhard stieg
hinein, und die Pferde zogen an. Als der Wagen um die Straßenecke
rollte, sah er noch einmal ihre liebe Gestalt, wie sie langsam den Weg
zurückging.
* * * * *
EIN BRIEF
Fast zwei Jahre nachher saß Reinhard vor seiner Lampe zwischen Büchern
und Papieren in Erwartung eines Freundes, mit welchem er
gemeinschaftliche Studien übte. Man kam die Treppe herauf. „Herein!"
Es war die Wirtin. „Ein Brief für Sie, Herr Werner!" Dann entfernte
sie sich wieder.
Reinhard hatte seit seinem Besuch in der Heimat nicht an Elisabeth
geschrieben und von ihr keinen Brief mehr erhalten. Auch dieser war
nicht von ihr; es war die Hand seiner Mutter.
Reinhard brach und las, und bald las er folgendes:
„In Deinem Alter, mein liebes Kind, hat noch fast jedes Jahr sein
eigenes Gesicht: denn die Jugend läßt sich nicht ärmer machen. Hier
ist auch manches anders geworden, was Dir wohl erstan weh tun wird,
wenn ich Dich sonst recht verstanden habe.
„Erich hat sich gestern endlich das Jawort von Elisabeth geholt,
nachdem er in dem letzten Vierteljahr zweimal vergebens angefragt
hatte. Sie hatte sich immer nicht dazu entschließen können; nun hat
sie es endlich doch getan; sie ist auch noch gar zu jung. Die Hochzeit
wird bald sein, und die Mutter wird dann mit ihnen fortgehen."
* * * * *
IMMENSEE
Wiederum waren Jahre vorüber.--Auf einem abwärts führenden schattigen
Waldwege wanderte an einem warmen Frühlingsnachmittage ein junger Mann
mit kräftigem, gebräuntem Antlitz.
Mit seinen ernsten dunkeln Augen sah er gespannt in die Ferne, als
erwarte er endlich eine Veränderung des einförmigen Weges, die jedoch
immer nicht eintreten wollte. Endlich kam ein Karrenfuhrwerk langsam
von unten herauf.
„Hollah! guter Freund!" rief der Wanderer dem nebengehenden Bauer zu,
„geht's hier recht nach Immensee?"
„Immer gerad' aus," antwortete der Mann, und rückte an seinem
Rundhute.
„Hat's denn noch weit dahin?"
„Der Herr ist dicht davor. Keine halbe Pfeif' Tabak, so haben's den
See; das Herrenhaus liegt hart daran."
Der Bauer fuhr vorüber; der andere ging eiliger unter den Bäumen
entlang. Nach einer Viertelstunde hörte ihm zur Linken plötzlich der
Schatten auf; der Weg führte an einen Abhang, aus dem die Gipfel
hundertjähriger Eichen nur kaum hervorragten.
Über sie hinweg öffnete sich eine weite, sonnige Landschaft. Tief
unten lag der See, ruhig, dunkelblau, fast ringsum von grünen,
sonnenbeschienenen Wäldern umgeben; nur an einer Stelle traten sie
auseinander und gewährten eine tiefe Fernsicht, bis auch diese durch
blaue Berge geschlossen wurde.
Quer gegenüber, mitten in dem grünen Laub der Wälder, lag es wie
Schnee darüber her; das waren blühende Obstbäume, und daraus hervor
auf dem hohen Ufer erhob sich das Herrenhaus, weiß mit roten Ziegeln.
Ein Storch flog vom Schornstein auf und kreiste langsam über dem
Wasser.
„Immensee!" rief der Wanderer.
Es war fast, als hätte er jetzt das Ziel seiner Reise erreicht, denn
er stand unbeweglich und sah über die Gipfel der Bäume zu seinen Füßen
hinüber ans andere Ufer, wo das Spiegelbild des Herrenhauses leise
schaukelnd auf dem Wasser schwamm. Dann setzte er plötzlich seinen Weg
fort.
Es ging jetzt fast steil den Berg hinab, so daß die unten stehenden
Bäume wieder Schatten gewährten, zugleich aber die Aussicht auf den
See verdeckten, der nur zuweilen zwischen den Lücken der Zweige
hindurchblitzte.
Bald ging es wieder sanft empor, und nun verschwand rechts und links
die Holzung; statt dessen streckten sich dichtbelaubte Weinhügel am
Wege entlang; zu beiden Seiten desselben standen blühende Obstbäume
voll summender wühlender Bienen. Ein stattlicher Mann in braunem
Überrock kam dem Wanderer entgegen. Als er ihn fast erreicht hatte,
schwenkte er seine Mütze und rief mit heller Stimme:
„Willkommen, willkommen, Bruder Reinhard! Willkommen auf Gut
Immensee!"
„Gott grüß' dich, [Fußnote: Dieser Gruß wird besonders in
Suddeutschland gebraucht.] Erich, und Dank für dein Willkommen!" rief
ihm der andere entgegen.
Dann waren sie zu einander gekommen und reichten sich die Hände.
„Bist du es denn aber auch?" sagte Erich, als er so nahe in das ernste
Gesicht seines alten Schulkameraden sah.
„Freilich bin ich's, Erich, und du bist es auch; nur siehst du fast
noch heiterer aus, als du schon sonst immer getan hast."
Ein frohes Lächeln machte Erichs einfache Züge bei diesen Worten noch
um vieles heiterer.
„Ja, Bruder Reinhard," sagte er, diesem noch einmal seine Hand
reichend, „ich habe aber auch seitdem das große Los gezogen; du weißt
es ja."
Dann rieb er sich die Hände und rief vergnügt: „Das wird eine
Überraschung! Den erwartet sie nicht, in alle Ewigkeit nicht!"
„Eine Überraschung?" fragte Reinhard. „Für wen denn?"
„Für Elisabeth."
„Elisabeth! Du hast ihr nicht von meinem Besuch gesagt?"
„Kein Wort, Bruder Reinhard; sie denkt nicht an dich, die Mutter auch
nicht. Ich hab' dich ganz im geheimen verschrieben, damit die Freude
desto größer sei. Du weißt, ich hatte immer so meine stillen
Plänchen."
Reinhard wurde nachdenklich; der Atem schien ihm schwer zu werden, je
näher sie dem Hofe kamen.
An der linken Seite des Weges hörten nun auch die Weingärten auf und
machten einem weitläufigen Küchengarten Platz, der sich bis fast an
das Ufer des Sees hinabzog. Der Storch hatte sich mittlerweile
niedergelassen und spazierte gravitätisch zwischen den Gemüsebeeten
umher.
„Hollah!" rief Erich, in die Hände klatschend, „stiehlt mir der
hochbeinige Ägypter schon wieder meine kurzen Erbsenstangen!"
Der Vogel erhob sich langsam und flog auf das Dach eines neuen
Gebäudes, das am Ende des Küchengartens lag und dessen Mauern mit
aufgebundenen Pfirsich- und Aprikosenbäumen überzweigt waren.
„Das ist die Spritfabrik," sagte Erich; „ich habe sie erst vor zwei
Jahren angelegt. Die Wirtschaftsgebäude hat mein seliger Vater neu
aussetzen lassen; das Wohnhaus ist schon von meinem Großvater gebaut
worden. So kommt man immer ein bißchen weiter."
Sie waren bei diesen Worten auf einen geräumigen Platz gekommen, der
an den Seiten durch die ländlichen Wirtschaftsgebäude, im Hintergrunde
durch das Herrenhaus begrenzt wurde, an dessen beide Flügel sich eine
hohe Gartenmauer anschloß; hinter dieser sah man die Züge dunkler
Taxuswände und hin und wieder ließen Syringenbäume ihre blühenden
Zweige in den Hofraum hinunterhängen.
Männer mit sonnen- und arbeitsheißen Gesichtern gingen über den Platz
und grüßten die Freunde, während Erich dem einen oder dem andern einen
Auftrag oder eine Frage über ihr Tagewerk entgegenrief.
Dann hatten sie das Haus erreicht. Ein hoher, kühler Hausflur nahm sie
auf, an dessen Ende sie links in einen etwas dunkleren Seitengang
einbogen.
Hier öffnete Erich eine Tür, und sie traten in einen geräumigen
Gartensaal, der durch das Laubgedränge, welches die gegenüberliegenden
Fenster bedeckte, zu beiden Seiten mit grüner Dämmerung erfüllt war;
zwischen diesen aber ließen zwei hohe, weit geöffnete Flügeltüren den
vollen Glanz der Frühlingssonne hereinfallen und gewährten die
Aussicht in einen Garten mit gezirkelten Blumenbeeten und hohen
steilen Laubwänden, geteilt durch einen geraden, breiten Gang, durch
welchen man auf den See und weiter auf die gegenüberliegenden Wälder
hinaussah.
Als die Freunde hineintraten, trug die Zugluft ihnen einen Strom von
Duft entgegen.
Auf einer Terrasse vor der Gartentür saß eine weiße, mädchenhafte
Frauengestalt. Sie stand auf und ging den Eintretenden entgegen; auf
halbem Wege blieb sie wie angewurzelt stehen und starrte den Fremden
unbeweglich an. Er streckte ihr lächelnd die Hand entgegen.
„Reinhard!" rief sie, „Reinhard! Mein Gott, du bist es!--Wir haben uns
lange nicht gesehen."
„Lange nicht," sagte er und konnte nichts weiter sagen; denn als er
ihre Stimme hörte, fühlte er einen feinen körperlichen Schmerz am
Herzen, und wie er zu ihr aufblickte, stand sie vor ihm, dieselbe
leichte zärtliche Gestalt, der er vor Jahren in seiner Vaterstadt
Lebewohl gesagt hatte.
Erich war mit freudestrahlendem Antlitz an der Tür zurückgeblieben.
„Nun, Elisabeth?" sagte er; „gelt! den hättest du nicht erwartet, den
in alle Ewigkeit nicht!"
Elisabeth sah ihn mit schwesterlichen Augen an.
„Du bist so gut, Erich!" sagte sie.
Er nahm ihre schmale Hand liebkosend in die seinen. „Und nun wir ihn
haben," sagte er, „nun lassen wir ihn so bald nicht wieder los. Er ist
so lange draußen gewesen; wir wollen ihn wieder heimisch machen. Schau
nur, wie fremd und vornehm aussehend er worden ist!"
Ein scheuer Blick Elisabeths streifte Reinhards Antlitz. „Es ist nur
die Zeit, die wir nicht beisammen waren," sagte er.
In diesem Augenblick kam die Mutter, mit einem Schlüsselkörbchen am
Arm, zur Tür herein.
„Herr Werner!" sagte sie, als sie Reinhard erblickte; „ei, ein eben so
lieber als unerwarteter Gast."
Und nun ging die Unterhaltung in Fragen und Antworten ihren ebenen
Tritt. Die Frauen setzten sich zu ihrer Arbeit, und während Reinhard
die für ihn bereiteten Erfrischungen genoß, hatte Erich seinen soliden
Meerschaumkopf angebrannt und saß dampfend und diskutierend an seiner
Seite.
Am andern Tage mußte Reinhard mit ihm hinaus auf die Äcker, in die
Weinberge, in den Hopfengarten, in die Spritfabrik. Es war alles wohl
bestellt; die Leute, welche auf dem Felde und bei den Kesseln
arbeiteten, hatten alle ein gesundes und zufriedenes Aussehen.
Zu Mittag kam die Familie im Gartensaal zusammen, und der Tag wurde
dann, je nach der Muße der Wirte, mehr oder minder gemeinschaftlich
verlebt. Nur die Stunden vor dem Abendessen, wie die ersten des
Vormittags, blieb Reinhard arbeitend auf seinem Zimmer.
Er hatte seit Jahren, wo er deren habhaft werden konnte, die im Volke
lebenden Reime und Lieder gesammelt und ging nun daran, seinen Schatz
zu ordnen und wo möglich mit neuen Aufzeichnungen aus der Umgegend zu
vermehren.
Elisabeth war zu allen Zeiten sanft und freundlich; Erichs immer
gleichbleibende Aufmerksamkeit nahm sie mit einer fast demütigen
Dankbarkeit auf, und Reinhard dachte mitunter, das heitere Kind von
ehedem habe wohl eine weniger stille Frau versprochen.
Seit dem zweiten Tage seines Hierseins pflegte er abends einen
Spaziergang an den Ufern des Sees zu machen. Der Weg führte hart unter
dem Garten vorbei. Am Ende desselben, auf einer vorspringenden Bastei,
stand eine Bank unter hohen Birken; die Mutter hatte sie die Abendbank
getauft, weil der Platz gegen Abend lag und des Sonnenuntergangs
halber um diese Zeit am meisten benutzt wurde.
Von einem Spaziergange auf diesem Wege kehrte Reinhard eines Abends
zurück, als er vom Regen überrascht wurde. Er suchte Schutz unter
einer am Wasser stehenden Linde, aber die schweren Tropfen schlugen
bald durch die Blätter. Durchnäßt, wie er war, ergab er sich darein
und setzte langsam seinen Rückweg fort.
Es war fast dunkel; der Regen fiel immer dichter. Als er sich der
Abendbank näherte, glaubte er zwischen den schimmernden Birkenstämmen
eine weiße Frauengestalt zu unterscheiden. Sie stand unbeweglich und,
wie er beim Näherkommen zu erkennen meinte, zu ihm hingewandt, als
wenn sie jemanden erwarte.
Er glaubte, es sei Elisabeth. Als er aber rascher zuschritt, um sie zu
erreichen und dann mit ihr zusammen durch den Garten ins Haus
zurückzukehren, wandte sie sich langsam ab und verschwand in den
dunkeln Seitengängen.
Er konnte das nicht reimen; er war aber fast zornig auf Elisabeth, und
dennoch zweifelte er, ob sie es gewesen sei; aber er scheute sich, sie
darnach zu fragen; ja, er ging bei seiner Rückkehr nicht in den
Gartensaal, nur um Elisabeth nicht etwa durch die Gartentür
hereintreten zu sehen.
* * * * *
MEINE MUTTER HAT'S GEWOLLT
Einige Tage nachher, es ging schon gegen Abend, saß die Familie, wie
gewöhnlich um diese Zeit, im Gartensaal zusammen. Die Türen standen
offen; die Sonne war schon hinter den Wäldern jenseits des Sees.
Reinhard wurde um die Mitteilung einiger Volkslieder gebeten, welche
er am Nachmittage von einem auf dem Lande wohnenden Freunde geschickt
bekommen hatte. Er ging auf sein Zimmer und kam gleich darauf mit
einer Papierrolle zurück, welche aus einzelnen sauber geschriebenen
Blättern zu bestehen schien.
Man setzte sich an den Tisch, Elisabeth an Reinhards Seite. „Wir lesen
auf gut Glück," sagte er, „ich habe sie selber noch nicht
durchgesehen."
Elisabeth rollte das Manuskript auf. „Hier sind Noten," sagte sie,
„das mußt du singen, Reinhard."
Und dieser las nun zuerst einige tiroler Schnaderhüpfel, [Fußnote:
Dialektisch für „Schnitterhüpfen," d. h. Schnitter-Tänze oder Lieder,
die besonders in Tirol und in Bayern gesungen werden.] indem er beim
Lesen zuweilen die lustige Melodie mit halber Stimme anklingen ließ.
Eine allgemeine Heiterkeit bemächtigte sich der kleinen Gesellschaft.
„Wer hat doch aber die schönen Lieder gemacht?" fragte Elisabeth.
„Ei," sagte Erich, „das hört man den Dingern schon an,
Schneidergesellen und Friseure und derlei lustiges Gesindel."
Reinhard sagte: „Sie werden gar nicht gemacht; sie wachsen; sie fallen
aus der Luft, sie fliegen über Land wie Mariengarn, [Fußnote: Der
Volksglaube hat dieses feine Gewebe von Feldspinnen immer in
Verbindung mit den Göttern gebracht. Nach Einführung des Christentums
wurde es auf die Jungfrau Maria bezogen: aus dem feinsten Faden soll
das Leichenkleid gewoben worden sein, worin Maria nach ihrem Tod
eingehüllt wurde. Während ihrer Himmelfahrt wäre das Gewebe wieder von
ihr losgebrochen.] hierhin und dorthin und werden an tausend Stellen
zugleich gesungen. Unser eigenstes Tun und Leiden finden wir in diesen
Liedern; es ist, als ob wir alle an ihnen mitgeholfen hätten."
Er nahm ein anderes Blatt: „Ich stand auf hohen Bergen..." [Fußnote:
Ein altes Volkslied von einem schönen aber armen Mädchen, das den
jungen Grafen nicht heiraten konnte, und sich in ein Kloster
zurückzog.]
„Das kenne ich!" rief Elisabeth. „Stimme nur an, Reinhard; ich will
dir helfen."
Und nun sangen sie jene Melodie, die so rätselhaft ist, daß man nicht
glauben kann, sie sei von Menschen erdacht worden; Elisabeth mit ihrer
etwas verdeckten Altstimme dem Tenor sekundierend.
Die Mutter saß inzwischen emsig an ihrer Näherei; Erich hatte die
Hände in einander gelegt und hörte andächtig zu. Als das Lied zu Ende
war, legte Reinhard das Blatt schweigend bei Seite. Vom Ufer des Sees
herauf kam durch die Abendstille das Geläute der Herdenglocken; sie
horchten unwillkürlich; da hörten sie eine klare Knabenstimme singen:
Ich stand auf hohen Bergen
Und sah ins tiefe Tal...
Reinhard lächelte: „Hört ihr es wohl? So geht's von Mund zu Mund."