A Book Of German Lyrics
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11 E-text prepared by David Starner, Thomas Berger, and the Online Distributed
Proofreading Team
A BOOK OF GERMAN LYRICS
Selected And Edited With Notes And Vocabulary
By
FRIEDRICH BRUNS
Assistant Professor Of German, University Of Wisconsin
[Illustration: Ricordo di Tivoli, by Anselm Feuerbach]
PREFACE
In compiling this Anthology my aim has been not so much to acquaint the
student with individual great poems as with the poets themselves. With
this end in view I have made the selections as full and as varied as
possible and included in the Notes short introductory sketches of the
poets. Since the book is intended for the work of fourth and fifth
semester German in College (or third and fourth year High School),
pedagogic considerations imposed certain limitations not only as to
individual poems but also as to poets. Thus I felt that I must exclude
Novalis, Hölderlin, Brentano, Annette von Droste, Nietzsche and Dehmel.
My standard of difficulty--aside from matters purely linguistic--was:
Could a similar poem in English be read and appreciated by the same class
of students? Moreover I tried out in a class of fourth semester German
all poems that seemed to offer special difficulties and have made use of
the experience thus acquired.
Some of my readers will undoubtedly be surprised at finding only two
poems of Schiller included in the collection. May I point to the length
of these two poems, 270 lines? Even to Goethe I have given only 362
lines. Why did I choose these two poems? The lighter lyric verse of
Schiller is not representative of the poet nor would it have enriched the
Anthology with a new note. _Das Lied von der Glocke_ is too long for this
small volume and is readily accessible in three different school
editions. Schiller is at his best in his philosophical lyrics: as Goethe
has said, in this field he is absolutely supreme. Poems like _Das Ideal
und das Leben_ or _Der Spaziergang_ are far too difficult for our younger
students. _Das verschleierte Bild zu Sais_, however, offers a
philosophical problem which the younger mind can grasp without special
training in philosophy. A few introductory remarks, such as I have given
in the notes, will prepare the way. Both poems, furthermore, exemplify
Schiller's ethical idealism. Certainly no other poems available at this
stage could do more.
I have often been asked by teachers: How do you teach lyric poetry? An
answer is found in my Notes to a number of the poems. The chief
prerequisite is a warm love for the poets: nowhere is enthusiasm more
contagious. A few introductory remarks will open the world of the poem to
the student. The teacher must, of course, develop in the students their
latent rhythmical sense both by example and precept. Aside from this
lyric poetry teaches itself.
As to the use of the book I should suggest spending two or three weeks on
one or two poets--I should begin with Goethe--and after that spend one
hour a week for a semester or even a year. Some poems could be assigned
for outside reading and then a group of poems be discussed in class.
On the whole I have limited myself to those poets that to-day stand out
as preëminent. A possible exception is the once famous Rückert. I could
not resist the temptation of including his _Aus der Jugendzeit_, a poem
of consummate beauty, Rückert's one perfect lyric. Time has been
relentless in its winnowing process. But if Geibel, Wilhelm Müller and
Bodenstedt have given way to Mörike, Keller and Hebbel, we assuredly have
no reason for lament. If this little book help to win in our schools for
these three and for Storm, C. F. Meyer, and Liliencron the recognition
they deserve, I shall feel richly repaid for this labor of love.
_Spring of_ 1921,
Madison, Wisconsin.
FRIEDRICH BRUNS.
CONTENTS
Goethe
1. Willkommen und Abschied
2. Mailied
3. Auf dem See
4. Heidenröslein
5. Wanderers Nachtlied
6. Ein gleiches
7. Hoffnung
8. Erinnerung
9. Gefunden
10. Mignon
11. Harfenspieler
12. Der König in Thule
13. Der Fischer
14. Erlkönig
15. Gesang der Geister über den Wassern
16. Grenzen der Menschheit
17. Lied des Türmers
Schiller
18. Die Kraniche des Ibykus
19. Das verschleierte Bild zu Sais
Uhland
20. Die Lerchen
21. Des Knaben Berglied
22. Schäfers Sonntagslied
23. Die Kapelle
24. Morgenlied
25. Frühlingsglaube
26. Lob des Frühlings
27. Das Schwert
28. Die Rache
29. Der Wirtin Töchterlein
30. Der gute Kamerad
31. Taillefer
32. Des Sängers Fluch
Eichendorff
33. Der frohe Wandersmann
34. Der Jäger Abschied
35. Nachts
36. Frühlingsdämmerung
37. Elfe
38. Abendlandschaft
39. Die Nacht
40. Sehnsucht
41. Das zerbrochene Ringlein
42. Frühe
43. Nachts
44. Mondnacht
Rückert
45. Aus der Jugendzeit
Heine
46. Die Grenadiere
47. In mein gar zu dunkles Leben
48. Ich weiß nicht, was soll es bedeuten
49. Du bist wie eine Blume
50. Auf Flügeln des Gesanges
51. Die Lotosblume ängstigt
52. Ein Fichtenbaum
53. Mein Liebchen, wir saßen beisammen
54. Ein Jüngling liebt sein Mädchen
55. Dämmernd liegt der Sommerabend
56. Es fällt ein Stern herunter
57. Der Tod, das ist die kühle Nacht
58. Sag, wo ist dein schönes Liebchen
59. Frieden
60. Leise zieht durch mein Gemüt
61. Es war ein alter König
62. Es ziehen die brausenden Wellen
63. Es ragt ins Meer der Runenstein
64. In der Fremde
65. Wo?
Platen
66. Das Grab im Busento
67. Im Wasser wogt die Lilie
68. Wie rafft' ich mich auf in der Nacht
69. Ich möchte, wann ich sterbe
Lenau
70. Bitte
71. Schilflied
72. Der Eichwald
73. Der Postillion
74. Die Drei
75. Der offene Schrank
76. Auf eine holländische Landschaft
77. Stimme des Regens
78. Herbst
Mörike
79. Um Mitternacht
80. Septembermorgen
81. Er ist's
82. In der Frühe
83. Der Feuerreiter
84. Das verlassene Mägdlein
85. Lebewohl
86. Schön-Rohtraut
87. Auf eine Lampe
88. Gebet
89. Denk' es, o Seele
Hebbel
90. Nachtlied
91. Das Kind
92. Nachtgefühl
93. Gebet
94. Abendgefühl
95. Ich und du
96. Sommerbild
97. Herbstbild
98. Der letzte Baum
Keller
99. An das Vaterland
100. Winternacht
101. Abendlied
Storm
102. Oktoberlied
103. Weihnachtslied
104. Sommermittag
105. Die Stadt
106. Über die Heide
107. Lucie
108. Eine Frühlingsnacht
109. April
110. Mai
111. Elisabeth
112. Frauenhand
113. Schließe mir die Augen beide
Meyer
114. Liederseelen
115. Nachtgeräusche
116. Das tote Kind
117. Im Spätboot
118. Vor der Ernte
119. Der römische Brunnen
120. Neujahrsglocken
121. Säerspruch
122. Schnitterlied
123. Nach einem Niederländer
124. Eingelegte Ruder
125. Ewig jung ist nur die Sonne
126. Requiem
127. Abendwolke
128. Das Glöcklein
129. Die Bank des Alten
Liliencron
130. Die Musik kommt
131. Tod in Ähren
132. In Erinnerung
133. Wer weiß wo
134. Sommernacht
135. Meiner Mutter
136. Wiegenlied
137. Viererzug
138. Schöne Junitage
Notes
Vocabulary
Index of Titles and First Lines
Ein kleines Lied
Ein kleines Lied, wie geht's nur an,
Daß man so lieb es haben kann,
Was liegt darin? Erzähle!
Es liegt darin ein wenig Klang,
Ein wenig Wohllaut und Gesang,
Und eine ganze Seele.
Marie von Ebner-Eschenbach
JOHANN WOLFGANG VON GOETHE
1. WILLKOMMEN UND ABSCHIED
Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!
Es war getan, fast eh' gedacht;
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht;
Schon stand im Nebelkleid die Eiche, 5
Ein aufgetürmter Riese, da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.
Der Mond von einem Wolkenhügel
Sah kläglich aus dem Duft hervor; 10
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr;
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
Doch frisch und fröhlich war mein Mut:
In meinen Adern, welches Feuer! 15
In meinem Herzen, welche Glut!
Dich sah ich, und die milde Freude
Floß von dem süßen Blick auf mich;
Ganz war mein Herz an deiner Seite,
Und jeder Atemzug für dich. 20
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
Umgab das liebliche Gesicht,
Und Zärtlichkeit für mich--ihr Götter!
Ich hofft' es, ich verdient' es nicht!
Doch ach, schon mit der Morgensonne 25
Verengt der Abschied mir das Herz:
In deinen Küssen, welche Wonne!
In deinem Auge, welcher Schmerz!
Ich ging, du standst und sahst zur Erden,
Und sahst mir nach mit nassem Blick: 30
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!
Und lieben, Götter, welch ein Glück!
* * * * *
2. MAILIED
Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!
Es dringen Blüten 5
Aus jedem Zweig,
Und tausend Stimmen
Aus dem Gesträuch,
Und Freud' und Wonne
Aus jeder Brust. 10
O Erd', o Sonne!
O Glück, o Lust!
O Lieb', o Liebe!
So golden schön,
Wie Morgenwolken 15
Auf jenen Höhn!
Du segnest herrlich
Das frische Feld,
Im Blütendampfe
Die volle Welt. 20
O Mädchen, Mädchen,
Wie lieb' ich dich!
Wie blinkt dein Auge!
Wie liebst du mich!
So liebt die Lerche 25
Gesang und Luft,
Und Morgenblumen
Den Himmelsduft,
Wie ich dich liebe
Mit warmem Blut, 30
Die du mir Jugend
Und Freud' und Mut
Zu neuen Liedern
Und Tänzen giebst.
Sei ewig glücklich, 35
Wie du mich liebst!
* * * * *
3. AUF DEM SEE
Und frische Nahrung, neues Blut
Saug' ich aus freier Welt;
Wie ist Natur so hold und gut,
Die mich am Busen hält!
Die Welle wieget unsern Kahn 5
Im Rudertakt hinauf,
Und Berge, wolkig himmelan,
Begegnen unserm Lauf.
Aug', mein Aug', was sinkst du nieder?
Goldne Träume, kommt ihr wieder? 10
Weg, du Traum! so gold du bist;
Hier auch Lieb' und Leben ist.
Auf der Welle blinken
Tausend schwebende Sterne;
Weiche Nebel trinken 15
Rings die türmende Ferne;
Morgenwind umflügelt
Die beschattete Bucht,
Und im See bespiegelt
Sich die reifende Frucht. 20
* * * * *
4. HEIDENRÖSLEIN
Sah' ein Knab' ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden,
War so jung und morgenschön,
Lief er schnell, es nah zu sehn,
Sah's mit vielen Freuden. 5
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.
Knabe sprach: Ich breche dich,
Röslein aus der Heiden!
Röslein sprach: Ich steche dich, 10
Daß du ewig denkst an mich,
Und ich will's nicht leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.
Und der wilde Knabe brach 15
's Röslein auf der Heiden;
Röslein wehrte sich und stach,
Half ihm doch kein Weh und Ach,
Mußt' es eben leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot, 20
Röslein auf der Heiden.
* * * * *
5. WANDRERS NACHTLIED
Der du von dem Himmel bist,
Alles Leid und Schmerzen stillest,
Den, der doppelt elend ist,
Doppelt mit Erquickung füllest,
Ach, ich bin des Treibens müde! 5
Was soll all der Schmerz und Lust?
Süßer Friede,
Komm, ach, komm in meine Brust!
* * * * *
6. EIN GLEICHES
Über allen Gipfeln
Ist Ruh;
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch; 5
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.
* * * * *
7. HOFFNUNG
Schaff', das Tagwerk meiner Hände,
Hohes Glück, daß ich's vollende!
Laß, o laß mich nicht ermatten!
Nein, es sind nicht leere Träume:
Jetzt nur Stangen, diese Bäume 5
Geben einst noch Frucht und Schatten.
* * * * *
8. ERINNERUNG
Willst du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah.
Lerne nur das Glück ergreifen,
Denn das Glück ist immer da.
* * * * *
9. GEFUNDEN
Ich ging im Walde
So für mich hin,
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn.
Im Schatten sah ich 5
Ein Blümchen stehn,
Wie Sterne leuchtend,
Wie Äuglein schön.
Ich wollt' es brechen,
Da sagt' es fein: 10
Soll ich zum Welken
Gebrochen sein?
Ich grub's mit allen
Den Würzlein aus,
Zum Garten trug ich's 15
Am hübschen Haus.
Und pflanzt' es wieder
Am stillen Ort;
Nun zweigt es immer
Und blüht so fort. 20
* * * * *
10. MIGNON
Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?
Kennst du es wohl? 5
Dahin! Dahin
Möcht' ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn.
Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach,
Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,
Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
Was hat man dir, du armes Kind, getan? 10
Kennst du es wohl?
Dahin! Dahin
Möcht' ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn.
Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg;
In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut; 15
Es stürzt der Fels und über ihn die Flut.
Kennst du ihn wohl?
Dahin! Dahin
Geht unser Weg! o Vater, laß uns ziehn!
* * * * *
11. HARFENSPIELER
Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend saß,
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.
Ihr führt ins Leben uns hinein, 5
Ihr laßt den Armen schuldig werden,
Dann überlaßt ihr ihn der Pein:
Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.
* * * * *
12. DER KÖNIG IN THULE
Es war ein König in Thule,
Gar treu bis an das Grab,
Dem sterbend seine Buhle
Einen goldnen Becher gab.
Es ging ihm nichts darüber, 5
Er leert' ihn jeden Schmaus;
Die Augen gingen ihm über,
So oft er trank daraus.
Und als er kam zu sterben,
Zählt' er seine Städt' im Reich, 10
Gönnt' alles seinem Erben,
Den Becher nicht zugleich.
Er saß beim Königsmahle,
Die Ritter um ihn her,
Auf hohem Vätersaale 15
Dort auf dem Schloß am Meer.
Dort stand der alte Zecher,
Trank letzte Lebensglut
Und warf den heil'gen Becher
Hinunter in die Flut. 20
Er sah ihn stürzen, trinken
Und sinken tief ins Meer.
Die Augen täten ihm sinken,
Trank nie einen Tropfen mehr.
* * * * *
13. DER FISCHER
Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll,
Ein Fischer saß daran,
Sah nach dem Angel ruhevoll,
Kühl bis ans Herz hinan.
Und wie er sitzt und wie er lauscht, 5
Teilt sich die Flut empor:
Aus dem bewegten Wasser rauscht
Ein feuchtes Weib hervor.
Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:
Was lockst du meine Brut 10
Mit Menschenwitz und Menschenlist
Hinaus in Todesglut?
Ach, wüßtest du, wie 's Fischlein ist
So wohlig auf dem Grund,
Du stiegst herunter, wie du bist, 15
Und würdest erst gesund.
Labt sich die liebe Sonne nicht,
Der Mond sich nicht im Meer?
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht
Nicht doppelt schöner her? 20
Lockt dich der tiefe Himmel nicht,
Das feuchtverklärte Blau?
Lockt dich dein eigen Angesicht
Nicht her in ew'gen Tau?
Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll, 25
Netzt' ihm den nackten Fuß;
Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll,
Wie bei der Liebsten Gruß.
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
Da war's um ihn geschehn: 30
Halb zog sie ihn, halb sank er hin
Und ward nicht mehr gesehn.
* * * * *
14. ERLKÖNIG
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.
"Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?"-- 5
"Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron' und Schweif?"--
"Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif."
"Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
"Gar schöne Spiele spiel' ich mit dir; 10
Manch bunte Blumen sind an dem Strand,
"Meine Mutter hat manch gülden Gewand."--
"Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht?"--
"Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind; 15
In dürren Blättern säuselt der Wind."--
"Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?"
"Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein."-- 20
"Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort?"--
"Mein Sohn, mein Sohn, ich seh' es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau."--
"Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt; 25
Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt."--
"Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan!"--
Dem Vater grauset's, er reitet geschwind,
Er hält in Armen das ächzende Kind, 30
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.
* * * * *
[Illustration: Erlkönig, by Moritz von Schwind]
* * * * *
15. GESANG DER GEISTER ÜBER DEN WASSERN
Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder 5
Zur Erde muß es,
Ewig wechselnd.
Strömt von der hohen,
Steilen Felswand
Der reine Strahl, 10
Dann stäubt er lieblich
In Wolkenwellen
Zum glatten Fels,
Und leicht empfangen,
Wallt er verschleiernd, 15
Leis rauschend
Zur Tiefe nieder.
Ragen Klippen
Dem Sturz entgegen,
Schäumt er unmutig 20
Stufenweise
Zum Abgrund.
Im flachen Bette
Schleicht er das Wiesental hin,
Und in dem glatten See 25
Weiden ihr Antlitz
Alle Gestirne.
Wind ist der Welle
Lieblicher Buhler;
Wind mischt vom Grund aus 30
Schäumende Wogen.
Seele des Menschen,
Wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen,
Wie gleichst du dem Wind! 35
* * * * *
16. GRENZEN DER MENSCHHEIT
Wenn der uralte
Heilige Vater
Mit gelassener Hand
Aus rollenden Wolken
Segnende Blitze 5
Über die Erde sät,
Küss' ich den letzten
Saum seines Kleides,
Kindliche Schauer
Treu in der Brust. 10
Denn mit Göttern
Soll sich nicht messen
Irgend ein Mensch.
Hebt er sich aufwärts
Und berührt 15
Mit dem Scheitel die Sterne,
Nirgends haften dann
Die unsichern Sohlen,
Und mit ihm spielen
Wolken und Winde. 20
Steht er mit festen,
Markigen Knochen
Auf der wohlgegründeten
Dauernden Erde:
Reicht er nicht auf, 25
Nur mit der Eiche
Oder der Rebe
Sich zu vergleichen.
Was unterscheidet
Götter von Menschen? 30
Daß viele Wellen
Vor jenen wandeln,
Ein ewiger Strom:
Uns hebt die Welle,
Verschlingt die Welle, 35
Und wir versinken.
Ein kleiner Ring
Begrenzt unser Leben,
Und viele Geschlechter
Reihen sich dauernd 40
An ihres Daseins
Unendliche Kette.
* * * * *
17. LIED DES TÜRMERS
Zum Sehen geboren,
Zum Schauen bestellt,
Dem Turme geschworen,
Gefällt mir die Welt.
Ich blick' in die Ferne, 5
Ich seh' in der Näh'
Den Mond und die Sterne,
Den Wald und das Reh.
So seh' ich in allen
Die ewige Zier, 10
Und wie mir's gefallen,
Gefall' ich auch mir.
Ihr glücklichen Augen,
Was je ihr gesehn,
Es sei, wie es wolle, 15
Es war doch so schön!
FRIEDRICH SCHILLER
18. DIE KRANICHE DES IBYKUS
Zum Kampf der Wagen und Gesänge,
Der auf Korinthus' Landesenge
Der Griechen Stämme froh vereint,
Zog Ibykus, der Götterfreund.
Ihm schenkte des Gesanges Gabe, 5
Der Lieder süßen Mund Apoll;
So wandert' er an leichtem Stabe
Aus Rhegium, des Gottes voll.
Schon winkt aus hohem Bergesrücken
Akrokorinth des Wandrers Blicken, 10
Und in Poseidons Fichtenhain
Tritt er mit frommem Schauder ein.
Nichts regt sich um ihn her; nur Schwärme
Von Kranichen begleiten ihn,
Die fernhin nach des Südens Wärme 15
In graulichtem Geschwader ziehn.
"Seid mir gegrüßt, befreundte Scharen,
Die mir zur See Begleiter waren;
Zum guten Zeichen nehm' ich euch,
Mein Los, es ist dem euren gleich: 20
Von fern her kommen wir gezogen
Und flehen um ein wirtlich Dach.
Sei uns der Gastliche gewogen.
Der von dem Fremdling wehrt die Schmach!"
Und munter fördert er die Schritte, 25
Und sieht sich in des Waldes Mitte;
Da sperren auf gedrangem Steg,
Zwei Mörder plötzlich seinen Weg.
Zum Kampfe muß er sich bereiten,
Doch bald ermattet sinkt die Hand, 30
Sie hat der Leier zarte Saiten,
Doch nie des Bogens Kraft gespannt.
Er ruft die Menschen an, die Götter,
Sein Flehen dringt zu keinem Retter;
Wie weit er auch die Stimme schickt, 35
Nichts Lebendes wird hier erblickt.
"So muß ich hier verlassen sterben,
Auf fremdem Boden, unbeweint,
Durch böser Buben Hand verderben,
Wo auch kein Rächer mir erscheint!" 40
Und schwer getroffen sinkt er nieder,
Da rauscht der Kraniche Gefieder;
Er hört, schon kann er nicht mehr sehn,
Die nahen Stimmen furchtbar krähn.
"Von euch, ihr Kraniche dort oben, 45
Wenn keine andre Stimme spricht,
Sei meines Mordes Klag' erhoben!"
Er ruft es, und sein Auge bricht.
Der nackte Leichnam wird gefunden,
Und bald, obgleich entstellt von Wunden, 50
Erkennt der Gastfreund in Korinth
Die Züge, die ihm teuer sind.
"Und muß ich so dich wiederfinden,
Und hoffte mit der Fichte Kranz
Des Sängers Schläfe zu umwinden, 55
Bestrahlt von seines Ruhmes Glanz!"
Und jammernd hören's alle Gäste,
Versammelt bei Poseidons Feste,
Ganz Griechenland ergreift der Schmerz,
Verloren hat ihn jedes Herz. 60
Und stürmend drängt sich zum Prytanen
Das Volk, es fodert seine Wut,
Zu rächen des Erschlagnen Manen,
Zu sühnen mit des Mörders Blut.
Doch wo die Spur, die aus der Menge, 65
Der Völker flutendem Gedränge,
Gelocket von der Spiele Pracht,
Den schwarzen Täter kenntlich macht?
Sind's Räuber, die ihn feig erschlagen?
Tat's neidisch ein verborgner Feind? 70
Nur Helios vermag's zu sagen,
Der alles Irdische bescheint.
Er geht vielleicht mit frechem Schritte
Jetzt eben durch der Griechen Mitte.
Und während ihn die Rache sucht, 75
Genießt er seines Frevels Frucht.
Auf ihres eignen Tempels Schwelle
Trotzt er vielleicht den Göttern, mengt
Sich dreist in jene Menschenwelle,
Die dort sich zum Theater drängt. 80
Denn Bank an Bank gedränget sitzen,
Es brechen fast der Bühne Stützen,
Herbeigeströmt von fern und nah',
Der Griechen Völker wartend da.
Dumpfbrausend wie des Meeres Wogen, 85
Von Menschen wimmelnd wächst der Bau
In weiter stets geschweiftem Bogen
Hinauf bis in des Himmels Blau.
Wer zählt die Völker, nennt die Namen,
Die gastlich hier zusammenkamen? 90
Von Kekrops' Stadt, von Aulis' Strand,
Von Phokis, vom Spartanerland,
Von Asiens entlegner Küste,
Von allen Inseln kamen sie,
Und horchen von dem Schaugerüste 95
Des Chores grauser Melodie,
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