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Complete Mitteilungen aus den Memoiren des Satan

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WILHELM HAUFF

MITTEILUNGEN AUS DEN MEMOIREN DES SATAN



ERSTER TEIL.

EINLEITUNG.


Marte, e' rassembra te, qualor dal quinto
Cielo, di ferro scendi, e d'orror cinto.
Tasso, befr. Jerusalem, V. 44.




ERSTES KAPITEL

Der Herausgeber macht eine interessante Bekanntschaft.


Wer, wie der Herausgeber und Übersetzer vorliegender merkwürdiger
Aktenstücke, in den letzten Tagen des Septembers 1822 in Mainz war
und in dem schönen Gasthof zu den drei Reichskronen logierte, wird
gewiß diese Tage nicht unter die verlorenen seines Lebens rechnen.

Es vereinigte sich damals alles, um das Gasthofleben, sonst nicht
gerade das angenehmste, das man führen kann, angenehm zu machen. Feine
Weine, gute Tafel, schöne Zimmer hätte man auch sonst wohl dort
gefunden, seltener, gewiß sehr selten so ausgesuchte Gesellschaft. Ich
erinnere mich nicht, jemals in meinem Leben, weder vor noch nachher,
einen meiner damaligen Tisch= und Hausgenossen gesehen zu haben, und
dennoch schlang sich in jenen glücklichen Tagen ein so zartes, enges
Band der Geselligkeit um uns, wie ich es unter Fremden, deren keiner
den andern kannte oder seine nähere Verhältnisse zu wissen wünschte,
nie für möglich gehalten hätte.

Der schöne Herbst von 1822 mit seiner erfreulichen Aussicht, dieser
Herbst, am Rhein genossen, mag allerdings zu dieser ruhigen Heiterkeit
des Gemüts, zu diesem Hingeben jedes einzelnen für die Gesellschaft
beigetragen haben. Aber nicht mit Unrecht glaube ich diese Erscheinung
einem sonderbaren, mir nachher höchst merkwürdigen Manne zuschreiben
zu müssen.

Ich war schon beinahe anderthalb Tage in den drei Reichskronen vor
Anker gelegen; hätte mich nicht ein Freund, den ich seit langen Jahren
nicht gesehen hatte, auf den fünfundzwanzigsten oder dreißigsten
bestellt, ich wäre nicht mehr länger geblieben; denn die
schrecklichste Langeweile peinigte mich. Die Gesellschaft im Hause war
anständig, freundlich sogar, aber kalt. Man ließ einander an der Seite
liegen, wenig bekümmert um das Wohl oder das Weh des Nachbars. Wie man
einander die schönen geschmorten Fische, den feinen Braten oder die
Saladière darzubieten habe, wußte jeder, „aber das Genie, ich meine,
der Geist" wies sich nicht gehörig an der Tafel, noch weniger nachher
aus.

Ich sah eines Nachmittags aus meinem Fenster auf den freien Platz vor
dem Hotel hinab und dachte nach über meine Forderungen an die Menschen
überhaupt und an die Gasthofmenschen (worunter ich nicht Wirt und
Kellner allein verstand) insbesondere. Da rasselte ein Reisewagen über
das Steinpflaster der engen Seitenstraße und hielt gerade unter meinem
Fenster.

Der geschmackvolle Bau des Wagens ließ auf eine elegante Herrschaft
schließen. Sonderbar war es übrigens, daß weder auf dem Bock, noch
hinten im Kabriolett ein Diener saß, was doch eigentlich zu den vier
Postpferden, mit welchen der Wagen bespannt war, notwendig gepaßt
hätte.

„Vielleicht ein kranker Herr, den sie aus dem Wagen tragen müssen,"
dachte ich und richtete die Lorgnette genau auf die Hand des großen
stattlichen Oberkellners, der den Schlag öffnete.

„Zimmer vakant?" rief eine tiefe, wohltönende Männerstimme.

„So viele Euer Gnaden befehlen," war die Antwort des Giganten.

Eine große, schlanke Gestalt schlüpfte schnell aus dem Wagen und trat
in die Halle.

„Nr. 12 und 13," rief die gebietende Stimme des Oberkellners, und Jean
und George flogen im Wettlauf die Treppe hinan.

Die Wagentüre war offen geblieben, aber noch immer wollte kein zweiter
heraussteigen.

Der Oberkellner stand verwundert am Wagen, zweimal hatte er
hineingesehen und immer dabei mit dem Kopf geschüttelt.

„Bst, Herr Oberkellner, auf ein Wort," rief ich hinab, „wer war
denn--"

„Werde gleich die Ehre haben," antwortete der Gefällige und trat bald
darauf in mein Zimmer.

„Eine sonderbare Erscheinung," sagte ich zu ihm; „ein schwerer Wagen
mit vier Pferden, und nur ein einzelner Herr ohne alle Bedienung."

„Gegen alle Regel und Erfahrung," versicherte jener, „ganz sonderbar,
ganz sonderbar. Jedoch der Postillon versicherte, es sei ein Guter,
denn er gab immer zwei Taler schon seit acht Stationen. Vielleicht ein
Engländer von Profession, haben alle etwas Apartes."

„Wissen Sie den Namen nicht?" fragte ich neugieriger, als es sich
schickte.

„Wird erst beim Souper auf die Schiefertafel geschrieben," antwortete
jener; „haben der Herr Doktor sonst noch etwas--?"

Ich wußte zu meinem Verdruß im Augenblicke nichts; er ging und ließ
mich mit meinen Konjekturen über den Einsamen im achtsitzigen Wagen
allein.

Als ich abends zur Tafel hinabging, schlüpfte der Kellner an mir
vorüber, eine ungeheure Schiefertafel in der Hand. Er wurde mich kaum
gewahr, als er, in einer Hand ein Licht, in der andern die Tafel, vor
mich hintrat, mir solche präsentierend.

„v. Natas, Partikulier," stand aufgeschrieben. „Hat er noch keine
Bedienung?" fragte ich.

„Nein," war die Antwort, „er hat zwei Lohnlakaien angenommen, die ihn
aber weder aus= noch ankleiden dürfen."

Als ich in den Speisesaal trat, hatte sich die Gesellschaft schon
niedergelassen; ich eilte still an meinen Stuhl, gegenüber saß Herr
von Natas.

Hatte dieser Mann schon vorher meine Neugierde erregt, so wurde er mir
jetzt um so interessanter, da ich ihn in der Nähe sah.

Das Gesicht war schön, aber bleich, Haar, Augen und der volle Bart von
glänzendem Schwarz, die weißen Zähne, von den feingespaltenen Lippen
oft enthüllt, wetteiferten mit dem Schnee der blendend weißen Wäsche.
War er alt? War er jung? Man konnte es nicht bestimmen; denn halb
schien sein Gesicht mit seinem pikanten Lächeln, das ganz leise in dem
Mundwinkel anfängt und wie ein Wölkchen um die feingebogene Nase zu
dem mutwilligen Auge hinaufzieht, früh gereifte und unter dem Sturm
der Leidenschaften verblühte Jugend zu verraten; bald glaubte man
einen Mann von schon vorgerückten Jahren vor sich zu haben, der durch
eifriges Studium einer reichen Toilette sich zu konservieren weiß.

Es gibt Köpfe, Gesichter, die nur zu e i n e r Körperform passen und
sonst zu keiner andern. Man werfe mir nicht vor, daß es
Sinnestäuschung sei, daß das Auge sich schon zu sehr an diese Form,
wie sie die Natur gegeben, gewöhnt habe, als daß es sich eine andere
Mischung denken könnte. Dieser Kopf konnte nie auf einem untersetzten,
wohlbeleibten Körper sitzen, er durfte nur die Krone einer hohen,
schlanken, zartgebauten Gestalt sein. So war es auch, und die
gedankenschnelle Bewegung der Gesichtsmuskeln, wie sie in leichtem
Spott um den Mund, im tiefen Ernst um die hohe Stirne spielten,
drückte sich auch in dem Körper durch die würdige, aber bequeme
Haltung, durch die schnelle, runde, beinahe zierliche Bewegung der
Arme, überhaupt in dem leichten, königlichen Anstande des Mannes aus.

So war Herr von Natas, der mir gegenüber an der Abendtafel saß. Ich
hatte während der ersten Gänge Muße genug, diese Bemerkungen zu
machen, ohne dem interessanten _vis-à-vis_ durch neugieriges
Anstarren beschwerlich zu fallen. Der neue Gast schien übrigens noch
mehrere Beobachtungen zu veranlassen; denn an dem oberen Ende der
Tafel waren diesen Abend die Brillen mehrerer Damen in immerwährender
Bewegung; mich und meine Nachbarn hatten sie über dem Mittagessen
höchstens mit bloßem Auge gemustert.

Das Dessert wurde aufgetragen, der Direktor der vorzüglichen
Tafelmusik ging umher, seinen wohlverdienten Lohn einzusammeln. Er
kam an den Fremden. Dieser warf einen Taler unter die kleine
Münzensammlung und flüsterte dem überraschten Sammler etwas ins Ohr.
Mit drei tiefen Bücklingen schien dieser zu bejahen und zu versprechen
und schritt eilig zu seiner Kapelle zurück. Die Instrumente wurden
aufs neue gestimmt.

Ich war gespannt, was jener wohl gewählt haben könnte; der Direktor
gab das Zeichen, und gleich in den ersten Takten erkannte ich die
herrliche Polonaise von Osinsky. Der Fremde lehnte sich nachlässig in
seinen Stuhl zurück, er schien nur der Musik zu gehören; aber bald
bemerkte ich, daß das dunkle Auge unter den langen, schwarzen Wimpern
rastlos umherlief,--es war offenbar, er musterte die Gesichter der
Anwesenden und den Eindruck, den die herrliche Polonaise auf sie
machte.

Wahrlich! Dieser Zug schien mir einen geübten Menschenkenner zu
verraten. Zwar wäre der Schluß unrichtig, den man sich aus der wärmern
oder kältern Teilnahme an dem Reich der Töne auf die gröbere oder
geringere Empfänglichkeit des Gemüts für das Schöne und Edle ziehen
wollte; heult ja doch auch selbst der Hund bei den sanften Tönen der
Flöte, das Pferd dagegen spitzt die Ohren bei dem mutigen Schmettern
der Trompeten, stolzer hebt es den Nacken, und sein Tritt ist fester
und straffer.

Aber dennoch konnte man nichts Unterhaltenderes sehen als die
Gesichter der verschiedenen Personen bei den schönsten Stellen des
Stückes; ich machte dem Fremden mein Kompliment über die glückliche
Wahl dieser Musik, und schnell hatte sich zwischen uns ein Gespräch
über die Wirkung der Musik auf diese oder jene Charaktere entsponnen.

Die übrigen Gäste hatten sich indessen verlaufen, nur einige, die in
der Ferne auf unser Gespräch gelauscht hatten, rückten nach und nach
näher. Mitternacht war herangekommen, ohne daß ich wußte wie; denn der
Fremde hatte uns so tief in alle Verhältnisse der Menschen, in alle
ihre Neigungen und Triebe hineinblicken lassen, daß wir uns stille
gestehen mußten, nirgends so tiefgedachte, so überraschende Schlüsse
gehört oder gelesen zu haben.

Von diesem Abend an ging uns ein neues Leben in den drei Reichskronen
auf. Es war, als habe die Freude selbst ihren Einzug bei uns gehalten
und feiere jetzt ihre heiligsten Festtage; Gäste, die sich nie hätten
einfallen lassen, länger als eine Nacht hier zu bleiben, schlossen
sich an den immer größer werdenden Zirkel an und vergaßen, daß sie
unter Menschen sich befanden, die der Zufall aus allen Weltgegenden
zusammengeschneit hatte. Und Natas, dieses seltsame Wesen, war die
Seele des Ganzen. Er war es, der sich, sobald er sich nur erst mit
seinen nächsten Tischnachbarn bekannt gemacht hatte, zum _Maître de
plaisir_ hergab. Er veranstaltete Feste, Ausflüge in die herrliche
Gegend und erwarb sich den innigen Dank eines jeden. Hatte er aber
schon durch die sinnreiche Auswahl des Vergnügens sich alle Herzen
gewonnen, so war dies noch mehr der Fall, wenn er die Konversation
führte.

Jenes ergötzliche Märchen von dem Hörnchen des Oberon schien ins Leben
getreten zu sein; denn Natas durfte nur die Lippen öffnen, so fühlte
jeder zuerst die lieblichsten Saiten seines Herzens angeschlagen; auf
leichten Schwingen schwirrte dann das Gespräch um die Tafel,
mutwilliger wurden die Scherze, kühner die Blicke der Männer,
schalkhafter das Kichern der Damen, und endlich rauschte die Rede in
so fessellosen Strömen, daß man nachher wenig mehr davon wußte, als
daß man sich göttlich amüsiert habe.

Und dennoch war der Zauberer, der diese Lust heraufbeschwor, weit
entfernt, je in's Rohe, Gemeine hinüberzuspielen. Er griff irgend
einen Gegenstand, eine Tagesneuigkeit auf, erzählte Anekdoten, spielte
das Gespräch geschickt weiter, wußte jedem seine tiefste
Eigentümlichkeit zu entlocken und ergötzte durch seinen lebhaften
Witz, durch seine warme Darstellung, die durch alle Schattierungen von
dem tiefsten Gefühl der Wehmut bis hinauf an jene Ausbrüche der Laune
streifte, welche in dem sinnlichsten, reizendsten Kostüm auf der
feinen Grenze des Anstandes gaukeln.

Manchmal schien es zwar, es möchte weniger gefährlich gewesen sein,
wenn er dem Heiligen, das er antastete, geradezu Hohn gesprochen, das
Zarte, das er benagte, geradezu zerrissen hätte; jener zarte,
geheimnisvolle Schleier, mit welchem er dies oder jenes verhüllte,
reizte nur zu dem lüsternen Gedanken, tiefer zu blicken, und das
üppige Spiel der Phantasie gewann in manchem Köpfchen unserer schönen
Damen nur noch mehr Raum; aber man konnte ihm nicht zürnen, nicht
widersprechen; seine glänzenden Eigenschaften rissen unwiderstehlich
hin, sie umhüllten die Vernunft mit süßem Zauber, und seine kühnen
Hypothesen schlichen sich als Wahrheit in das unbewachte Herz.

* * * * *




ZWEITES KAPITEL

Der schauerliche Abend.


So hatte der geniale Fremdling mich und zwölf bis fünfzehn Herren und
Damen in einen tollen Strudel der Freude gerissen. Beinahe alle waren
ohne Zweck in diesem Haus, und doch wagte keiner, den Gedanken an die
Abreise sich auch nur entfernt vorzustellen. Im Gegenteil, wenn wir
morgens lange ausgeschlafen, mittags lange getafelt, abends lange
gespielt und nachts lange getrunken, geschwatzt und gelacht hatten,
schien der Zauber, der uns an dieses Haus band, nur eine neue Kette um
den Fuß geschlungen zu haben.

Doch es sollte anders werden, vielleicht zu unserm Heil. An dem
sechsten Tage unseres Freudenreiches, einem Sonntag, war unser Herr
von Natas im ganzen Gasthof nicht zu finden. Die Kellner
entschuldigten ihn mit einer kleinen Reise; er werde vor
Sonnenuntergang nicht kommen, aber zum Tee, zur Nachttafel unfehlbar
da sein.

Wir waren schon so an den Unentbehrlichen gewöhnt, daß uns diese
Nachricht ganz betreten machte; es war uns, als würden uns die Flügel
zusammengebunden und man befehle uns zu fliegen.

Das Gespräch kam, wie natürlich, auf den Abwesenden und auf seine
auffallende, glänzende Erscheinung. Sonderbar war es, daß es mir nicht
aus dem Sinne kommen wollte, ich habe ihm, nur unter einer andern
Gestalt, schon früher einmal auf meinem Lebenswege begegnet; so
abgeschmackt auch der Gedanke war, so unwiderstehlich drängte er sich
mir immer wieder auf. Aus früheren Jahren her erinnerte ich mich
nämlich eines Mannes, der in seinem Wesen, in seinem Blicke
hauptsächlich, große Ähnlichkeit mit ihm hatte. Jener war ein fremder
Arzt, besuchte nur hie und da meine Vaterstadt und lebte dort immer
von Anfang sehr still, hatte aber bald einen Kreis von Anbetern um
sich versammelt. Die Erinnerung an jenen Menschen war mir übrigens
fatal; denn man behauptete, daß, so oft er uns besucht habe, immer ein
bedeutendes Unglück erfolgt sei; aber dennoch konnte ich den Gedanken
nicht los werden, Natas habe die größte Ähnlichkeit mit ihm, ja, es
sei eine und dieselbe Person.

Ich erzählte meinen Tischnachbarn den unablässig mich verfolgenden
Gedanken und die unangenehme Vergleichung eines mir so grausenhaften
Wesens, wie der Fremde in meiner Vaterstadt war, mit unserem Freunde,
der so ganz meine Achtung und Liebe sich erworben hatte; aber noch
unglaublicher klingt es vielleicht, wenn ich versichere, daß meine
Nachbarn ganz den nämlichen Gedanken hatten; auch sie glaubten, unter
einer ganz andern Gestalt unsern geistreichen Gesellschafter gesehen
zu haben.

„Sie könnten einem ganz bange machen," sagte die Baronin von Thingen,
die nicht weit von mir saß, „Sie wollen unsern guten Natas am Ende zum
ewigen Juden oder, Gott weiß, zu was sonst noch machen!"

Ein kleiner ältlicher Herr, Professor in T., der seit einigen Tagen
sich auch an unsere Gesellschaft angeschlossen und immer still
vergnügt, hie und da etwas weinselig, mitlebte, hatte während unserer
„vergleichenden Anatomie", wie er es nannte, still vor sich
hingelächelt und mit kunstfertiger Schnelligkeit seine ovale Dose
zwischen den Fingern umgedreht, daß sie wie ein Rad anzusehen war.

„Ich kann mit meiner Bemerkung nicht mehr länger hinter dem Berge
halten," brach er endlich los, „wenn Sie erlauben, Gnädigste, so halte
ich ihn nicht gerade für den ewigen Juden, aber doch für einen ganz
absonderlichen Menschen. So lange er zugegen war, wollte wohl hie und
da der Gedanke in mir aufblitzen: ‚Den hast du schon gesehen, wo war
es doch?' aber wie durch Zauber krochen diese Erinnerungen zurück,
wenn er mich mit dem schwarzen, umherspringenden Auge erfaßte."

„So war es mir gerade auch,--mir auch,--mir auch," riefen wir alle
verwundert.

„Hm! he, hm!" lachte der Professor. „Jetzt fällt es mir aber von den
Augen wie Schuppen, daß es niemand ist als der, den ich schon vor
zwölf Jahren in Stuttgart gesehen habe."

„Wie, Sie haben ihn gesehen und in welchen Verhältnissen?" fragte Frau
von Thingen eifrig und errötete halb über den allzugroßen Eifer, den
sie verraten hatte.

Der Professor nahm eine Prise, klopfte den Jabot aus und begann: „Es
mögen nun ungefähr zwölf Jahre sein, als ich wegen eines Prozesses
einige Monate in Stuttgart, zubrachte. Ich wohnte in einem der ersten
Gasthöfe und speiste auch dort gewöhnlich in großer Gesellschaft an
der Wirtstafel. Einmal kam ich nach einigen Tagen, in welchen ich das
Zimmer hatte hüten müssen, zum erstenmal wieder zu Tisch. Man sprach
sehr eifrig über einen gewissen Herrn Barighi, der seit einiger Zeit
die Mittagsgäste durch seinen lebhaften Witz, durch seine Gewandtheit
in allen Sprachen entzücke; in seinem Lob waren alle einstimmig, nur
über seinen Charakter war man nicht recht einig; denn die einen
machten ihn zum Diplomaten, die andern zu einem Sprachmeister, die
dritten zu einem hohen Verbannten, wieder andere zu einem Spion. Die
Türe ging auf, man war still, beinahe verlegen, den Streit so laut
geführt zu haben; ich merkte, daß der Besprochene sich eingefunden
habe und sah--"

„Nun, ich bitte Sie! denselben, der uns"--„denselben, der uns seit
einigen Tagen so trefflich unterhält. Dies wäre übrigens gerade nichts
Übernatürliches; aber hören Sie weiter: Zwei Tage schon hatte uns Herr
Barighi, so nannte sich der Fremde, durch seine geistreiche
Unterhaltung die Tafel gewürzt, als uns einmal der Wirt des Gasthofs
unterbrach: ‚Meine Herren,' sagte der Höfliche, ‚bereiten Sie sich auf
eine köstliche Unterhaltung, die Ihnen morgen zuteil werden wird, vor;
der Herr Oberjustizrat Hasentreffer zog heute aus und zieht morgen
ein.'"

„Wir fragten, was dies zu bedeuten habe, und ein alter grauer
Hauptmann, der schon seit vielen Jahren den obersten Platz in diesem
Gasthofe behauptete, teilte uns den Schwank mit: ‚Gerade dem
Speisesaal gegenüber wohnt ein alter Junggeselle, einsam in einem
großen öden Haus; er ist Oberjustizrat außer Dienst, lebt von einer
anständigen Pension und soll überdies ein enormes Vermögen besitzen.'

„‚Derselbe ist aber ein kompletter Narr und hat ganz eigene
Gewohnheiten, wie z.B., daß er sich selbst oft große Gesellschaft
gibt, wobei es immer flott hergeht. Er läßt zwölf Kuverts aus dem
Wirtshaus kommen, seine Weine hat er im Keller, und einer oder der
andere unserer Markörs hat die Ehre zu servieren. Man denkt
vielleicht, er hat allerlei hungrige oder durstige Menschen bei sich!
Mitnichten! alte, gelbe Stammbuchblätter, auf jedem ein großes Kreuz,
liegen auf den Stühlen; dem alten Kauz ist aber so wohl, als wenn er
unter den lustigsten Kameraden wäre; er spricht und lacht mit ihnen,
und das Ding soll so greulich anzusehen sein, daß man immer die neuen
Kellner dazu braucht, denn wer e i n m a l bei einem solchen Souper
war, geht nicht mehr in das öde Haus.

„‚Vorgestern war wieder ein Souper, und unser neuer Franz dort schwört
Himmel und Erde, ihn bringe keine Seele mehr hinüber. Den andern Tag
nach dem Gastmahl kommt dann die zweite Sonderbarkeit des
Oberjustizrats. Er fährt morgens früh aus der Stadt und kehrt erst den
andern Morgen zurück, nicht aber in sein Haus, das um diese Zeit fest
verriegelt und verschlossen ist, sondern hierher ins Wirtshaus.

„Da tut er dann ganz fremd gegen Leute, welche er das ganze Jahr
täglich sieht, speist zu Mittag und stellt sich nachher an ein Fenster
und betrachtet sein Haus gegenüber von oben bis unten.

„‚Wem gehört das Haus da drüben?' fragt er dann den Wirt.

„Pflichtmäßig bückt sich dieser jedesmal und antwortet: ‚Dem Herrn
Oberjustizrat Hasentreffer, Ew. Exzellenz aufzuwarten.'"

„Aber, Herr Professor, wie hängt denn Ihr toller Hasentreffer mit
unserem Natas zusammen?"

„Belieben Sie sich doch zu gedulden, Herr Doktor," antwortete jener,
„es wird Ihnen gleich wie ein Licht aufgehen. Der Hasentreffer
beschaut also das Haus und erfährt, daß es dem Hasentreffer gehöre.
‚Ach! derselbe, der in Tübingen zu meiner Zeit studierte?' fragt er
dann, reißt das Fenster auf, streckt den gepuderten Kopf hinaus und
schreit: ‚Ha--a--asentreffer, Ha--a--asentreffer!'

Natürlich antwortete niemand, er aber sagt dann: ‚Der Alte würde es mir
nie vergessen, wenn ich nicht bei ihm einkehrte,' nimmt Hut und Stock,
schließt sein eigenes Haus auf, und so geht es nach wie vor."

„Wir alle," fuhr der Professor in seiner Erzählung fort, „waren sehr
erstaunt über diese sonderbare Erscheinung und freuten uns königlich
auf den morgenden Spaß. Herr Barighi aber nahm uns das Versprechen ab,
ihn nicht verraten zu wollen, indem er einen köstlichen Scherz mit dem
Oberjustizrat vorhabe.

„Früher als gewöhnlich versammelten wir uns an der Wirtstafel und
belagerten die Fenster. Eine alte, baufällige Chaise wurde von zwei
alten Kleppern die Straße herangeschleppt, sie hielt vor dem
Wirtshaus; ‚das ist der Hasentreffer, der Hasentreffer,' tönte es von
aller Mund, und eine ganz besondere Fröhlichkeit bemächtigte sich
unser, als wir das Männlein zierlich gepudert, mit einem stahlgrauen
Röcklein angetan, ein mächtiges Meerrohr in der Hand, aussteigen
sahen. Ein Schwanz von wenigstens zehn Kellnern schloß sich ihm an; so
gelangte er ins Speisezimmer.

„Man schritt sogleich zur Tafel; ich habe selten so viel gelacht als
damals; denn mit der größten Kaltblütigkeit behauptete der Alte,
gerades Weges aus Kassel zu kommen und vor sechs Tagen in Frankfurt im
Schwan recht gut logiert zu haben. Schon vor dem Dessert mußte Barighi
verschwunden sein; denn als der Oberjustizrat aufstand und sich auch
die übrigen Gäste erwartungsvoll erhoben, war er nirgends mehr zu
sehen.

„Der Oberjustizrat stellte sich ans Fenster, wir alle folgten seinem
Beispiele und beobachteten ihn. Das Haus gegenüber schien öde und
unbewohnt; auf der Türschwelle sproßte Gras, die Jalousien waren
geschlossen; zwischen einigen schienen sich Vögel eingebaut zu haben.

‚Ein hübsches Haus da drüben,' begann der Alte zu dem Wirt, der immer
in der dritten Stellung hinter ihm stand. ‚Wem gehört es?'--‚Dem
Oberjustizrat Hasentreffer, Euer Exzellenz aufzuwarten.'

„‚Ei, das ist wohl der nämliche, der mit mir studiert hat?' rief er
aus. ‚Der würde es mir nie verzeihen, wenn ich ihm nicht meine
Anwesenheit kund täte.' Er riß das Fenster auf: ‚Hasentreffer--
Hasentreffer!' schrie er mit heiserer Stimme hinaus.--Aber wer
beschreibt unsern Schrecken, als gegenüber in dem öden Haus, das wir
wohlverschlossen und verriegelt wußten, ein Fensterladen langsam sich
öffnete; ein Fenster tat sich auf, und heraus schaute der
Oberjustizrat Hasentreffer im zitzenen Schlafrock und der weißen
Mütze, unter welcher wenige graue Löckchen hervorquollen; so, gerade
so pflegte er sich zu Hause zu tragen. Bis auf das kleinste Fältchen
des bleichen Gesichts war der gegenüber der nämliche wie der, der bei
uns stand. Aber Entsetzen ergriff uns, als der im Schlafrock mit
derselben heiseren Stimme über die Straße herüberrief: ‚Was will man,
wen ruft man? he!'

„‚Sind Sie der Herr Oberjustizrat Hasentreffer?' rief der auf unserer
Seite, bleich wie der Tod, mit zitternder Stimme, indem er sich bebend
am Fenster hielt.

„‚Der bin ich,' kreischte jener und nickte freundlich grinsend mit dem
Kopfe; ‚steht etwas zu Befehl?'

„‚Ich bin er ja auch,' rief der auf unserer Seite wehmütig, ‚wie ist
denn dies möglich?'

„‚Sie irren sich, Wertester!' schrie jener herüber. ‚Sie sind der
Dreizehnte; kommen Sie nur ein wenig herüber in meine Behausung, daß
ich Ihnen den Hals umdrehe; es tut nicht weh.'

„‚Kellner, Stock und Hut!' rief der Oberjustizrat, matt bis zum Tod,
und die Stimme schlich ihm in kläglichen Tönen aus der hohlen Brust
herauf. ‚In meinem Haus ist der Satan und will meine Seele;--
vergnügten Abend, meine Herren!' setzte er hinzu, indem er sich mit
einem freundlichen Bückling zu uns wandte und dann den Saal verließ.

„‚Was war das?' fragten wir uns. ‚Sind wir alle wahnsinnig?'--

„Der im Schlafrock schaute noch immer ganz ruhig zum Fenster heraus,
während unser gutes altes Närrchen in steifen Schritten über die
Straße stieg. An der Haustüre zog er einen großen Schlüsselbund aus
der Tasche, riegelte--der im Schlafrock sah ihm ganz gleichgültig zu--
riegelte die schwere, knarrende Haustür auf und trat ein.

„Jetzt zog sich auch der andere vom Fenster zurück; man sah, wie er
dem unsrigen an die Zimmertüre entgegenging.

„Unser Wirt, die zehn Kellner waren alle bleich vor Entsetzen und
zitterten. ‚Meine Herren,' sagte jener, ‚Gott sei dem armen
Hasentreffer gnädig, denn einer von beiden war der Leibhaftige.'--Wir
lachten den Wirt aus und wollten uns selbst bereden, daß es ein Scherz
von Barighi sei; aber der Wirt versicherte, es habe niemand in das
Haus gehen können außer mit den überaus künstlichen Schlüsseln den
Rats; Barighi sei zehn Minuten, ehe das Gräßliche geschehen, noch an
der Tafel gesessen; wie hätte er denn in so kurzer Zeit die täuschende
Maske anziehen können, auch vorausgesetzt, er hätte sich das fremde
Haus zu öffnen gewußt? Die beiden seien aber einander so greulich
ähnlich gewesen, daß er, ein zwanzigjähriger Nachbar, den echten nicht
hätte unterscheiden können. ‚Aber um Gottes willen, meine Herren, hören
Sie nicht das gräßliche Geschrei da drüben?'

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