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Mitteilungen aus den Memoiren des Satan V1

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Und warum diese häßliche Gestalt? frage ich noch einmal. Darum,
antworte ich, weil Goethe, der so hoch über seinem Werk schwebende
Dichter, seinen Satan anthropomorphosiert; um den gefallenen E n g e l
würdig genug darzustellen, kleidet er ihn in die Gestalt eines tief
gefallenen M e n s c h e n. Die Sünde hat seinen Körper häßlich,
mager, unangenehm gemacht. In seinem Gesicht haben alle Leidenschaften
gewühlt und es zur Fratze entstellt; aus dem hohlen Auge sprüht die
grünliche Flamme des Neides, der Gier; der Mund ist widrig, hämisch
wie der eines Elenden, der alles Schöne der Erde schon gekostet hat
und jetzt aus Übersättigung den Mund darüber rümpft; der Unschuld ist
es nicht wohl in seiner befleckenden Nähe, weil ihr vor diesen Zügen
schaudert.

So hat der Dichter, weil er einen schlechten Menschen vor Augen hatte,
einen schlechten Teufel gemalt.

Oder steht etwa in der Mythologie des Herrn von Goethe, der Teufel
könne nun einmal nicht anders aussehen, er k ö n n e sein Gesicht,
seine Gestalt nicht v e r w a n d e l n? Nein, man lese:

„Auch die Kultur, die alle Welt beleckt,
Hat auf den Teufel sich erstreckt;
Das nordische Phantom ist nun nicht mehr zu schauen,
Wo siehst du Hörner, Schweif und Klauen?

Du nennst mich Herr Baron, so ist die Sache gut,
Ich bin ein Kavalier wie andre Kavaliere."

Und an einem andern Ort läßt er mich mein Gesicht ein „Mäskchen"
nennen; folglich kann er sich eine Maske geben, kann sich verwandeln;
aber, wie gesagt, der Dichter hat sich begnügt, das n o r d i s c h e
P h a n t o m dennoch beizubehalten, nur daß er mich von „H ö r n e r
n, S c h w e i f u n d K l a u e n" dispensiert.

Dies ist das Bild des Mephistopheles, dies ist Goethes Teufel, jenes
nordische Phantom soll mich vorstellen. Darf nun ein vom Dichter so
hochgestellter Mensch durch eine so niedrige Kreatur, die sich schon
durch ihre Maske verdächtig macht, ins Verderben geführt werden? Darf
jener große Geist, der noch in seinem Falle die übrigen hoch überragt,
darf er durch einen gewöhnlichen „Bruder Liederlich", als welchen
sich Mephisto ausweist, herabgezogen werden? Und--muß nicht d i e s e
Maske der Würde jener Tragödie Eintrag tun?

Doch ich schweige. An geschehenen Dingen ist nichts zu ändern, und
meine verehrte Großmutter würde über diesen Gegenstand zu mir sagen:
„Söhnchen! Diabole! Bedenke, daß ein großer Dichter ein großes
Publikum haben und um ein großes Publikum zu bekommen, so populär als
möglich sein muß."

* * * * *




SIEBZEHNTES KAPITEL.

Der Besuch.


Bei diesem allen bleibt Faust ein erhabenes Gedicht und G o e t h e
einer der ersten Geister seiner Zeit, und man darf sich daher nicht
wundern, daß ich ein großes Verlangen in mir fühlte, diesen Mann
einmal zu sehen. Ich hätte ihm einen unerwarteten Besuch machen
können; ja, wenn ich oft recht ärgerlich über mein Zerrbild war, stand
ich auf dem Sprung, ihm einmal im Kostüm des Mephistopheles
nächtlicherweile zu erscheinen, um ihm einigen Schrecken in die
Glieder zu jagen; aber eine gewisse Gutmütigkeit, die man zuweilen an
mir gefunden hat, hielt mich immer wieder ab, dem alten Mann eine
schlaflose Nacht zu machen.

Ich entschloß mich daher, als _Doctor legens_, ein ehrsamer Titel
auf Reisen, ihn zu besuchen, und als solcher kam ich in Weimar an. Es
ist mit berühmten Leuten wie mit einem fremden Tiere. Kommt ein
ehrlicher Pächter mit seiner Familie in die Stadt auf den Jahrmarkt,
so ist sein erstes, daß er in der Schenke den Hausknecht fragt: „Wann
kann man den Löwen sehen, Bursche?" „Mein Herr," antwortet der
Gefragte, „die Affen und der Seehund sind den ganzen Tag zu haben, der
Löwe aber ist am besten aufgelegt, wenn er das Futter im Leibe hat;
daher rate ich, um jene Zeit hinzugehen."

Gerade so erging es mir in Weimar. Ich fuhr von Jena aus mit einem
jungen Amerikaner hinüber. Auch in sein Vaterland war des Dichters
Ruhm schon längst gedrungen, und er machte auf der großen Tour durch
Europa dem berühmten Manne zu Ehren schon einen Umweg von zwanzig
Meilen. In dem Gasthof, wo wir abgestiegen waren, fragten wir
sogleich, um welche Zeit wir bei Herrn von Goethe vorkommen könnten?
Wir waren in Reisekleidern, die besonders bei meinem Gefährten etwas
unscheinbar geworden waren. Der Wirt musterte uns daher mit
mißtrauischen Blicken und fragte, ehe er noch unsere Frage
beantwortete, ob wir auch Fräcke bei uns hätten.

Wir waren glücklicherweise beide damit versehen, und unser Wirt
versprach, uns sogleich anmelden zu lassen. „Sie werden wahrscheinlich
nach dem Diner, um fünf Uhr, angenommen werden. Um diese Zeit sind
Seine Exzellenz am besten ja sprechen. Zweifle auch gar nicht, daß Sie
angenommen werden, denn wenn man, wie der Herr hier, eigens deswegen
aus Amerika nach Weimar kommt, wäre es doch unbarmherzig, einen
ungesehen wieder fortzuschicken."

Dieser Patriotismus ging wahrhaftig sehr weit. Doch wir ließen den
guten Mann in dem Glauben, der junge Philadelphier komme _recta_
nach Weimar und gehe von da wieder heim. Übrigens hatte er richtig
prophezeit: _Doctor legens_ Supfer, wie ich mich nannte, und
Forthill aus Amerika waren auf fünf Uhr bestellt.

Endlich schlug die Stunde, wir machten uns auf den Weg. Der Dichter
wohnt sehr schön. Eine sanfte, geschmackvolle, mit Statuen dekorierte
Treppe führt zu ihm. Eine tiefe, geheimnisvolle Stille lag auf dem
Hausgang, den wir betraten. Schweigend führte uns der Diener in das
Besuchszimmer. Behagliche Eleganz, Zierlichkeit und Feinheit,
verbunden mit Würde, zeichneten dieses Zimmer aus. Mein junger
Gefährte betrachtete staunend diese Wände, diese Bilder, diese
Meubles. So hatte er sich wohl das S t ü b c h e n d e s D i c h t e
r s nicht vorgestellt. Mit der Bewunderung dieser Umgebungen schien
auch die Angst vor der Größe des Erwarteten zu steigen. Alle Nüancen
von Rot wechselten auf seinem angenehmen Gesicht. Sein Herz pochte
hörbar, sein Auge war starr an die Türe geheftet, durch welche der
Gefeierte eintreten mußte.

Ich hatte indes Muße genug, über den großen Mann nachzudenken. Wieviel
weiter, sagte ich mir, wie unendlich weiter helfen dem Sterblichen
Gaben des Geistes als der zufällige Glanz der Geburt.

Der Sohn eines unscheinbaren Bürgers von Frankfurt hat hier die
höchste Stufe erreicht, die dem Menschen nach dem gewöhnlichen Laufe
der Dinge offen steht. Es hat schon mancher diese Stufe erstiegen.
Geschäftsmänner vom Fach haben vom bescheidenen Plätzchen an der Türe
alle Sitze ihrer Kollegien durchlaufen, bis endlich der Stuhl, der
zunächst am Throne steht, sie in seine Arme aufnahm. Mancher hat sich
auf dem Schlachtfeld das Portefeuille erkämpft--Goethe hat sich seine
eigene Bahn gebrochen, auf welcher ihm keiner voranging, ihm noch
keiner gefolgt ist. Er hat bewiesen, daß der Mensch k a n n, was er
will. Denn man sage mir nichts von einem das All umfassenden Genie,
von einem Geiste, der sein Zeitalter gebildet, es stufenweise zu dem
Höheren geführt habe--das Zeitalter hat i h n gebildet.

Ich kann mir noch wohl denken, welch heilloses Leben „Werther" in dem
lieben Deutschland machte. Die Lotten schienen wie durch einen
Zauberschlag aus dem Boden zu wachsen. Die Zahl der Werther war
Legion. Aber was war hierin Goethes Verdienst? Hatte es wirklich nur
daran gefehlt, daß er das Hörnchen an den Mund setzte, und bei dem
ersten Ton, den er angab, mußten Pfaffe und Laie, Nönnchen und Dämchen
in wunderlichen Kapriolen ihren Sankt-Veitstanz beginnen? Wie heißt
dieses große schöpferische Geheimnis? A l l e s z u r r e c h t e n
Z e i t. Der „Siegwart" hatte die harten Herzen abgetaut und sie für
allen möglichen Jammer, für Mondschein und Gräber empfänglich gemacht,
da kommt Goethe--

Die Türe ging auf,--er kam.

Dreimal bückten wir uns tief--und wagten es dann, an ihm hinauf zu
blinzeln. Ein schöner, stattlicher Greis! Augen so klar und helle wie
die eines Jünglings, die Stirn voll Hoheit, der Mund voll Würde und
Anmut. Er war angetan mit einem feinen, schwarzen Kleid, und aus
seiner Brust glänzte ein schöner Stern.--Doch er ließ uns nicht lange
Zeit zu solchen Betrachtungen. Mit der feinen Wendung eines
Weltmannes, der täglich so viele Bewunderer bei sich sieht, lud er uns
zum Sitzen ein.

Was war ich doch für ein Esel gewesen, in dieser so gewöhnlichen Maske
zu ihm zu gehen! _Doctores legentes_ mochte er schon viele
Hunderte gesehen haben. Amerikaner, die, wie unser Wirt meinte, ihm
zulieb auf die See gingen, gewiß wenige. Daher kam es auch, daß er
sich meist mit meinem Gefährten unterhielt. Hätte ich mich doch für
einen gelehrten Irokesen oder einen schönen Geist vom Mississippi
ausgegeben! Hätte ich ihm nicht Wunderdinge erzählen können, wie sein
Ruhm bis jenseits des Ohio gedrungen, wie man in den Cabanen von
Louisiana über ihn und seinen „Wilhelm Meister" sich unterhalte?--So
wurden mir einige unbedeutende Floskeln zuteil, und mein glücklicherer
Gefährte durfte den großen Mann unterhalten.

Wie falsch sind aber oft die Begriffe, die man sich von der
Unterhaltung mit einem großen Manne macht! Ist er als witziger Kopf
bekannt, so wähnt man, wenn man ihn zum erstenmal besucht, einer Art
von Elektrisiermaschine zu nahen. Man schmeichelt ihm, man glaubt, er
müsse dann Witzfunken von sich strahlen, wie die schwarzen Katzen,
wenn man ihnen bei Nacht den Rücken streichelt. Ist er ein
Romandichter, so spitzt man sich auf eine interessante Novelle, die
der Berühmte zur Unterhaltung nur geschwind aus dem Ärmel schütteln
werde. Ist er gar ein Dramatiker, so teilt er uns vielleicht
freundschaftlich den Plan zu einem neuen Trauerspiel mit, den wir dann
ganz warm unsern Bekannten wieder vorsetzen können. Ist er nun gar ein
umfassender Kopf wie Goethe, einer, der so zu sagen in allen Sätteln
gerecht ist--wie interessant, wie belehrend muß die Unterhaltung
werden! Wie sehr muß man sich aber auch zusammennehmen, um ihm zu
genügen!

Der Amerikaner dachte auch so, ehe er neben Goethe saß. Sein Ich fuhr,
wie das des guten Walt, ehe er zum Flitte kam [Fußnote: Jean Pauls
Flegeljahre], ängstlich oben in allen vier Gehirnkammern und darauf
unten in beiden Herzkammern wie eine Maus umher, um darin ein
schmackhaftes Ideenkörnchen aufzutreiben, das er ihm zutragen und
vorlegen könnte zum Imbiß. Er blickte angstvoll auf die Lippen des
Dichters, damit ihm kein Wörtchen entfalle, wie der Kandidat auf den
strengen Examinator; er knickte seinen Hut zusammen und zerpflückte
einen glacierten Handschuh in kleine Stücke. Aber welcher Zentnerstein
mochte ihm vom Herz fallen, als der Dichter aus seinen Höhen zu ihm
herabstieg und mit ihm sprach wie Hans und Kunz in der Kneipe. Er
sprach nämlich mit ihm vom guten Wetter in Amerika, und indem er über
das Verhältnis der Winde zu der Luft, der Dünste des wasserreichen
Amerikas zu denen in unserem alten Europa sich verbreitete, zeigte er
uns, daß das All der Wissenschaft in ihm aufgegangen sei; denn er war
nicht nur lyrischer und epischer Dichter, Romanist und Novellist,
Lustspiel= und Trauerspieldichter, Biograph (sein eigener) und
Übersetzer--nein, er war auch sogar Meteorolog!

Wer darf sich rühmen, so tief in das geheimnisvolle Reich des Wissens
eingedrungen zu sein? Wer kann von sich sagen, daß er mit jedem seine
Sprache, d. h. nicht seinen vaterländischen Dialekt, sondern das, was
ihm gerade geläufig und wert sein möchte, sprechen könne! Ich glaube,
wenn ich mich als reisender Koch bei ihm aufgeführt hätte, er hätte
sich mit mir in gelehrte Diskussionen über die geheimnisvolle
Komposition einer Gänseleberpastete eingelassen oder nach einer
Sekundenuhr berechnet, wie lange man ein Beefsteak auf jeder Seite
schmoren müsse.

Also über das schöne Wetter in Amerika sprachen wir, und siehe--das
Armesündergesicht des Amerikaners hellte sich auf, die Schleusen
seiner Beredsamkeit öffneten sich--er beschrieb den feinen, weichen
Regen von Kanada, er ließ die Frühlingsstürme von New York brausen und
pries die Regenschirmfabrik in der Franklinstraße zu Philadelphia. Es
war mir am Ende, als wäre ich gar nicht bei Goethe, sondern in einem
Wirtshause unter guten alten Gesellen, und es würde bei einer Flasche
Bier über das Wetter gesprochen, so menschlich, so kordial war unser
Diskurs; aber das ist ja gerade das große Geheimnis der Konversation,
daß man sich angewöhnt--nicht gut zu s p r e c h e n, sondern gut zu h
ö r e n. Wenn man dem weniger Gebildeten Zeit und Raum gibt zu
sprechen, wenn man dabei ein Gesicht macht, als lausche man aufmerksam
auf seine Honigworte, so wird er nachher mit Enthusiasmus verkünden,
daß man sich bei dem und dem köstlich unterhalte.

Dies wußte der vielerfahrene Dichter, und statt uns von seinem
Reichtum ein Scherflein abzugeben, zog er es vor, mit uns
Witterungsbeobachtungen anzustellen.

Nachdem wir ihn hinlänglich ennuyiert haben mochten, gab er das
Zeichen zum Aufstehen, die Stühle wurden gerückt, die Hüte genommen
und wir schickten uns an, unsere Abschiedskomplimente zu machen. Der
gute Mann ahnte nicht, daß er den Teufel zitiere, als er großmütig
wünschte, mich auch ferner bei sich zu sehen, ich sagte ihm zu und
werde es seiner Zeit schon noch halten; denn wahrhaftig, ich habe
seinen Mephistopheles noch nicht hinuntergeschluckt. Noch einen--zwei
Bücklinge, wir gingen.

Stumm und noch ganz stupid vor Bewunderung folgte mir der Amerikaner
nach dem Gasthof; die Röte des lebhaften Diskurses lag noch auf seiner
Wange, zuweilen schlich ein beifälliges Lächeln um seinen Mund, er
schien höchst zufrieden mit dem Besuch.

Auf unserem Zimmer angekommen, warf er sich heroisch auf einen Stuhl
und ließ zwei Flaschen Champagner auftragen. Der Kork fuhr mit einem
Freudenschuß an die Decke, der Amerikaner füllte zwei Gläser, bot mir
das eine und stieß an auf das Wohl jenes großen Dichters.

„Ist es nicht etwas Erfreuliches," sagte er, „zu finden, so
hocherhabene Männer seien wie unsereiner? War mir doch angst und bange
vor einem Genie, das dreißig Bände geschrieben; ich darf gestehen, bei
dem Sturm, der uns auf offener See erfaßte, war mir nicht so bange.
Und wie herablassend war er, wie vernünftig hat er mit uns diskuriert,
welche Freude hatte er an mir, wie ich aus dem neuen Lande kam!" Er
schenkte sich dabei fleißig ein und trank auf seine und des Dichters
Gesundheit, und von der erlebten Gnade und vom Schaumwein benebelt,
sank er endlich mit dem Entschluß, Amerikas Goethe zu werden, dem
Schlaf in die Arme.

Ich aber setzte mich zu dem Rest der Bouteillen. Dieser Wein ist von
allen Getränken der Erde der, welcher mir am meisten behagt, sein
leichter, flüchtiger Geist, der so wenig irdische Schwere mit sich
führt, macht ihn würdig, von Geistern, wenn sie in menschlichen
Körpern die Erde besuchen, gekostet zu werden.

Ich mußte lächeln, wenn ich auf den seligen Schläfer blickte; wie
leicht ist es doch für einen großen Menschen, die andern Menschen
glücklich zu machen; er darf sich nur stellen, als wären sie ihm so
ziemlich gleich, und sie kommen beinahe vom Verstand.

Dies war mein Besuch bei Goethe, und wahrhaftig, ich bereute nicht,
bei ihm gewesen zu sein, denn

„Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern
Und hüte mich, mit ihm zu brechen,
Es ist gar hübsch von einem großen Herrn,
So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen."

* * * * *




DER FESTTAG IM FEGEFEUER.

Eine Skizze.

„Das größte Glück der Geschichtschreiber
ist, daß die Toten nicht gegen ihre Ansichten
protestieren können."
Welt und Zeit. I.




ACHTZEHNTES KAPITEL.

Beschreibung des Festes. Satan lernt drei merkwürdige Subjekte kennen.


Ich teile hier einen Abschnitt aus meinen Memoiren mit, welcher zwar
nicht mich selbst betrifft, den ich mir aber aufzeichnete, weil er mir
sehr interessant war und vielleicht auch andern nicht ohne einiges
Interesse sein möchte. Er führt die Aufschrift: „D e r F e s t t a g
i m F e g e f e u e r" und kam durch folgende Veranlassung zu diesem
Titel. Es ist auf der Erde bei allen großen Herren und Potentaten
Sitte, ihre Freude und ihre Trauer recht laut und deutlich zu begehen.
Wenn ein aus fürstlichem Blute stammender Leib dem Staube
wiedergegeben wird, haben die Küster im Lande schwere Arbeit; denn man
läutet viele Tage lang alle Glocken. Wird eine Prinzessin oder gar ein
Stammhalter geboren, so verkündet schrecklicher Kanonendonner diese
Nachricht. Landesväterliche oder landesmütterliche Geburtstage werden
mit allem möglichen Glanz begangen. Die Bürgermilizen rücken aus, die
Honoratioren halten einen Schmaus, abends ist Ball oder doch
wenigstens in den Landstädtchen _bière dansante_. Kurz, alles
lebt _in dulci jubilo_ an solchen Tagen.

Um nun meiner guten G r o ß m u t t e r eine Ehre zu erweisen, hielt
ich es auch schon seit mehreren Jahrhunderten so. Im Fegefeuer, wo sie
sich gewöhnlich aufhält, ist immer an diesem Tage allgemeine
Seelenfreiheit. Die Seelen bekommen diesen Tag über den Körper, den
sie auf der Oberwelt hatten, ihre Kleider, ihre Gewohnheiten, ihre
Sitten. Was von Adel da ist, muß Deputationen zum Handkuß der Alten
schicken (_in pleno_ können sie nicht vorgelassen werden, weil
sonst die Prozession einige Tage lang dauerte). Ehemalige
Hofmarschälle, Kammerherren usw. haben den großen Dienst und schätzen
es sich zur Ehre, die Honneurs zu machen, die Festlichkeiten zu
leiten, die Touren bei den Bällen, welche abends gegeben werden, zu
arrangieren usw.

Ich erfülle durch diese Festlichkeiten einen doppelten Zweck. Einmal
fühlt sich _chère Grande-Mama_ ungemein geschmeichelt durch diese
Aufmerksamkeit, zweitens gelte ich unter den Seelen für einen honetten
Mann, der ihnen auch ein Vergnügen gönnt, drittens macht dieser
einzige Tag, in Freude und alten Gewohnheiten zugebracht, daß die
Seelen sich nachher um so unglücklicher fühlen, was ganz zu dem Zweck
einer solchen Anstalt, wie das Fegefeuer ist, paßt.

An einem solchen Festtag gehe ich dann verkleidet durch die Menge.
Manchmal erkennt man mich zwar, ein tausendstimmiges „Vivat der Herr
Teufel! _Vive le diable_!" erfreut dann mein landesväterliches
Herz; doch weiß ich wohl, daß es nicht weniger erzwungen ist als ein
H u r r a auf der Oberwelt; denn sie glauben, ich drücke sie noch mehr,
wenn sie n i c h t schreien.

In meinem Inkognito besuche ich dann die verschiedenen Gruppen.
_Tout comme chez vous_, meine Herren, nur etwas grotesker;
Kaffeegesellschaften, Tee von allen Sorten, diplomatische,
militärische, theologische, staatswirtschaftliche, medizinische Klubs
finden sich, wie durch natürlichen Instinkt zusammen, machen sich
einen guten Tag und führen ergötzliche Gespräche, die, wenn ich sie
mitteilen wollte, auf manches Ereignis neuerer und älterer Zeit ein
hübsches Licht werfen würden.

Einst trat ich in einen Saal des _Café de Londres_ (denn,
nebenbei gesagt, es ist an diesem Tage alles auf großem Fuß und höchst
elegant eingerichtet); ich traf dort nur drei junge Männer, die aber
durch ihr Äußeres gleich meine Neugierde erweckten und mir, wenn sie
ins Gespräch miteinander kommen sollten, nicht wenig Unterhaltung zu
versprechen schienen. Ich verwandelte daher meinen Anzug in das Kostüm
eines flinken Kellners und stellte mich in den Saal, um die
Herrschaften zu bedienen.

Zwei dieser jungen Leute beschäftigten sich mit einer Partie Billard.
Ich markierte ihnen und betrachtete mir indes den dritten. Er war
nachlässig in einen geräumigen Fauteuil zurückgelehnt, seine Beine
ruhten auf einem vor ihm stehenden kleineren Stuhl, seine linke Hand
spielte nachlässig mit einer Reitgerte, sein rechter Arm unterstützte
das Kinn. Ein schöner Kopf!

Das Gesicht länglich und sehr bleich. Die Stirne hoch und frei, von
hellbraunen, wohlfrisierten Haaren umgeben, die Nase gebogen und
spitzig, wie aus weißem Wachs geformt, die Lippen dünn und angenehm
gezogen, das Auge blau und hell, aber gewöhnlich kalt und ohne alles
Interesse langsam über die Gegenstände hingleitend. Dies alles und ein
feiner Hut, enger oben als unten, nachlässig auf ein Ohr gedrückt,
ließen mich einen Engländer vermuten. Sein sehr feines, blendend
weißes Leinenzeug, die gewählte, überaus einfache Kleidung konnte nur
einem Gentleman, und zwar aus den höchsten Ständen, gehören. Ich sah
in meiner Liste nach und fand, es sei Lord Robert Fotherhill. Er
winkte, indem ich ihn so betrachtete, mit den Augen, weil es ihm
wahrscheinlich zu unbequem war, zu rufen. Ich eilte zu ihm und stellte
auf seinen Befehl ein großes Glas Rum, eine Havannazigarre und eine
brennende Wachskerze vor ihn hin.

Die beiden anderen Herren hatten indes ihr Spiel beendigt und nahten
sich dem Tische, an welchem der Engländer saß; ich warf schnell einen
Blick in meine Liste und erfuhr, der eine sei ein junger Franzose,
Marquis de Lasulot, der andere ein Baron von Garnmacher, ein
Deutscher.

Der Franzose war ein kleines, untersetztes, gewandtes Männchen. Sein
schwarzes Haar und der dickgelockte, schwarze Backenbart standen sehr
hübsch zu einem etwas verbrannten Teint, hochroten Wangen und
beweglichen, freundlichen schwarzen Augen; um die vollen Lippen und
das wohlgenährte Kinn zog sich jenes schöne, unnachahmliche Blau,
welches den Damen so wohl gefallen soll und in England und Deutschland
bei weitem seltener als in südlichen Ländern gefunden wird, weil hier
der Bartwuchs dunkler, dichter und auch früher zu sein pflegt als
dort.

Offenbar ein Incroyable von der Chaussee d'Antin! Das elegante
Negligé, wie es bis auf die geringste Kleinigkeit hinaus der
eigensinnige Geschmack der Pariser vor vier Monaten (so lange mochte
der junge Herr bereits verstorben sein) haben wollte. Von dem mit
zierlicher Nachlässigkeit umgebundenen ostindischen Halstuch, dem
kleinen blaßroten Schal mit einer Nadel _à la Duc de Berry_
zusammengehalten, bis hinab auf die Gamaschen, die man damals seit
drei Tagen nach innen zuknöpfte, bis auf die Schuhe, die, um als
modisch zu gelten, an den Spitzen nach der großen Zehe sich hinneigen
und ganz ohne Absatz sein mußten, ich sage, bis auf jene
Kleinigkeiten, die einem Uneingeweihten geringfügig und miserabel,
einem, der in die Mysterien hinlänglich eingeführt ist, wichtig und
unumgänglich notwendig erscheinen, war er gewissenhaft und nach den
neuesten Geschmack für den Morgen angezogen.

Er schien soeben erst seinem Jean die Zügel seines Kabrioletts in die
Hand gedrückt, die Peitsche von geglättetem Fischbein kaum in die Ecke
des Wagens gelehnt zu haben und jetzt in mein Café hereingeflogen zu
sein, mehr um gesehen zu werden, als zu sehen, mehr um zu schwatzen,
als zu hören.

Er lorgnettierte flüchtig den Gentleman im Fauteuil, schien sich an
dem ungemeinen Rumglas und dem Rauchapparat, den jener vor sich hatte,
ein wenig zu entsetzen, schmiegte sich aber nichtsdestoweniger an die
Seite Seiner Lordschaft und fing an zu sprechen:

„Werden Sie heute abend den Ball besuchen, mein Herr, den uns
_Monseigneur le diable_ gibt? Werden viele Damen dort sein, mein
Herr? Ich frage, ich bitte Sie, weil ich wenig Bekanntschaft hier
habe.

„Mein Herr darf ich Ihnen vielleicht meinen Wagen anbieten, um uns
beide hinzuführen? Es ist ein ganz honettes Ding, dieser Wagen, habe
ich die Ehre, Sie zu versichern, mein Herr; er hat mich bei Latonnier
vor vier Monaten achtzehnhundert Franken gekostet. Mein Herr, Sie
brauchen keinen Bedienten mitzunehmen, wenn ich die Ehre haben sollte,
Sie zu begleiten; mein Jean ist ein Wunderkerl von einem Bedienten."

So ging es im Galopp über die Zunge des Incroyable. Seine Lordschaft
schien sich übrigens nicht sehr daran zu erbauen. Er sah bei den
ersten Worten den Franzosen starr an, richtete dann den Kopf ein wenig
auf, um seine rechte Hand freizumachen, ergriff mit dieser--die erste
Bewegung seit einer halben Stunde--das Kelchglas, nippte einige Züge
Rum, rauchte behaglich seine Zigarre an, legte den Kopf wieder auf die
rechte Hand und schien dem Franzosen mehr mit dem Auge als mit dem Ohr
zuzuhören und auch auf diese Art antworten zu wollen; denn er
erwiderte auch nicht eine Silbe auf die Einladung des redseligen
Franzosen und schien, wie sein Landsmann Shakespeare sagt,

„Der Zähne doppelt Gatter"

vor seine Sprachorgane gelegt zu haben.

Der Deutsche hatte sich während dieses Gespräches dem Tische genähert,
eine höfliche Verbeugung gemacht und einen Stuhl dem Lord gegenüber
genommen. Man erlaube mir, auch ihn ein wenig zu betrachten. Es war,
was man in Deutschland einen g e w i c h s t e n j u n g e n M a n n
zu nennen pflegt, ein Stutzer; er hatte blonde, in die Höhe strebende
Haare, an die etwas niedere Stirn schloß sich ein allerliebstes
Stumpfnäschen, über den Mund hing ein Stutzbärtchen, dessen Enden
hinaufgewirbelt waren, seine Miene war gutmütig, das Auge hatte einen
Ausdruck von Klugheit, der, wie gut angebrachtes Licht auf einem
grobschattierten Holzschnitt, keinen übeln Effekt hervorbrachte.

Seine Kleidung wie seine Sitten schien er von verschiedenen Nationen
entlehnt zu haben. Sein Rock mit vielen Knöpfen und Schnüren war
polnischen Ursprungs; er war auf russische Weise auf der Brust vier
Zoll hoch wattiert, schloß sich spannend über den Hüften und formierte
die Taille so schlank, als die einer hübschen Altenburgerin; er hatte
ferner enge Reithosen an, weil er aber nicht selbst ritt, so waren
solche nur aus dünnem Nanking verfertigt; aus eben diesem Grunde
mochten auch die Sporen mehr zur Zierde und zu einem wohltönenden,
Aufmerksamkeit erregenden Gang als zum Antreiben eines Pferdes dienen.
Ein feiner italienischer Strohhut vollendete das gewählte Kostüm.

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