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Mitteilungen aus den Memoiren des Satan V1

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Ich sehe es einem gleich bei der Art, wie er den Stuhl nimmt und sich
niedersetzt, an, ob er viel in Zirkeln lebte, wo auch die kleinste
Bewegung von den Gesetzen des Anstandes und der feinen Sitte geleitet
wird; der Stutzer setzte sich passabel, doch bei weitem nicht mit
jener feinen Leichtigkeit wie der Franzose, und der Engländer zeigte
selbst in seiner nachlässigen, halb sitzenden, halb liegenden Stellung
mehr Würde als jener, der sich so gut aufrecht hielt, als es nur immer
ein Tanzmeister lehren kann.

Diese Bemerkungen, zu welchen ich vielleicht bei weitem mehr Worte
verwendet habe, als es dem Leser dieser Memoiren nötig scheinen
möchte, machte ich in einem Augenblicke; denn man denke sich nicht,
daß der junge Deutsche mir so lange gesessen, bis ich ihn gehörig
abkonterfeit hatte.

Der Marquis wandte sich sogleich an seinen neuen Nachbar. „Mein Gott,
Herr von Garnmacher," sagte er „ich möchte verzweifeln; der englische
Herr da scheint mich nicht zu verstehen, und ich bin seiner Sprache zu
wenig mächtig, um die Konversation mit gehöriger Lebhaftigkeit zu
führen; denn ich bitte Sie, mein Herr, gibt es etwas Langweiligeres,
als wenn drei schöne junge Leute beieinander sitzen und keiner den
andern versteht?"

„Auf Ehre, Sie haben recht," antwortete der Stutzer in besserem
Französisch, als ich ihm zugetraut hätte; „man kann sich zur Not
denken, daß ein Türke mit einem Spanier Billard spielt; aber ich sehe
nicht ab, wie wir unter diesen Umständen mit dem Herrn plaudern
können."

„_J'ai bien compris, Messieurs,_" sagte der Lord ganz ruhig
neben seiner Zigarre vorbei, und nahm wieder einigen Rum zu sich.

„Ist's möglich, Mylord?" rief der Franzose vergnügt, „das ist sehr
gut, daß wir uns verstehen können! Markör, bringen Sie mir
Zuckerwasser! O, das ist vortrefflich, daß wir uns verstehen, welch
schöne Sache ist es doch um die Mitteilung, selbst an einem Ort wie
dieser hier."

„Wahrhaftig, Sie haben recht, Bester," gab der Deutsche zu; „aber
wollen wir nicht zusammen ein wenig umherschlendern, um die schöne
Welt zu mustern? Ich nenne Ihnen schöne Damen von Berlin, Wien, von
allen möglichen Städten meines Vaterlandes, die ich bereist habe; ich
hatte oben große Bekanntschaften und Konnexionen und darf hoffen, an
diesem verfl------Ort manche zu treffen, die ich zu kennen das Glück
hatte; Mylord nennt uns die Schönen von London, und Sie, teuerster
Marquis, können uns hier Paris im kleinen zeigen."

„Gott soll mich behüten," entgegnete eifrig der Franzose, indem er
nach der Uhr sah; „jetzt, um diese frühe Stunde wollen Sie die schöne
Welt mustern? Meinen Sie, mein Herr, ich habe in diesem _détestable
purgatoire_ so sehr allen guten Ton verlernt, daß ich jetzt auf die
Promenade gehen sollte?"

„Nun, nun," antwortete der Stutzer, „ich meine nur, im Fall wir nichts
Besseres zu tun wüßten. Sind wir denn nicht hier wie die drei Männer
im Feuerofen? Sollen wir wohl ein Loblied singen wie jene? Doch, wenn
es Ihnen gefällig ist, mein Herr, uns einen Zeitvertreib
vorzuschlagen, so bleibe ich gerne hier."

„Mein Gott," entgegnete der Incroyable; „ist dies nicht ein so
anständiges Café als Sie in ganz Deutschland keines haben? Und fehlt
es uns an Unterhaltung? Können wir nicht plaudern, soviel wir wollen?
Sagen Sie selbst, Mylord, ist es nicht ein gutes Haus, kann man diesen
Salon besser wünschen? Nein! _Monsieur le diable_ hat Geschmack
in solchen Dingen, das muß man ihm lassen."

„_Une confortable maison_!" murmelte Mylord und winkte dem
Franzosen Beifall zu. „_Et ce salon confortable_!"

„Gute Tafel, mein Herr?" fragte der Marquis, „nun, die wird auch da
sein; ich denke mir, man speist wohl nach der Karte? Aber, meine
Herren, was sagen Sie dazu, wenn wir uns zur Unterhaltung gegenseitig
etwas aus unserem Leben erzählen wollten? Ich höre so gerne
interessante Abenteuer, und Baron Garnmacher hat deren wohl so viele
erlebt als Mylord?"

„_Goddam_! das war ein vernünftiger Einfall, mein Herr," sagte
der Engländer, indem er mit der Reitgerte auf den Tisch schlug, die
Füße von dem Stuhl herabzog und sich mit vieler Würde in dem Fauteuil
zurecht setzte; „noch ein Glas Rum, Markör!"

„Ich stimme bei," rief der Deutsche, „und mache Ihnen über Ihren
glücklichen Gedanken mein Kompliment, Herr von Lasulot.--Eine Flasche
Rheinwein, Kellner!--Wer soll beginnen zu erzählen?"

„Ich denke, wir lassen dies das Los entscheiden," antwortete Lord
Fotherhill, „Und ich wette fünf Pfund, der Marquis muß beginnen."

„Angenommen, mein Herr," sagte mit angenehmem Lächeln der Franzose;
„machen Sie die Lose, Herr Baron, und lassen Sie uns ziehen, Nummer
Zwei soll beginnen."

Baron Garnmacher stand auf und machte die Lose zurecht, ließ ziehen,
und die zweite Nummer fiel auf ihn selbst.

Ich sah den Franzosen dem Lord einen bedeutenden Wink zuwerfen, indem
er das linke Auge zugedrückt, mit dem rechten auf den Deutschen
hinüberdeutete; ich übersetzte mir diesen Wink so: „Geben Sie einmal
acht, Mylord, was wohl unser ehrlicher Deutscher vorbringen mag. Denn
wir beide sind schon durch den Rang unsrer Nationen weit über ihn
erhaben."

Baron von Garnmacher schien aber den Wink nicht zu beachten; mit
großer Selbstgefälligkeit trank er ein Glas seines Rheinweins, wischte
in der Eile den Stutzbart mit dem Rockärmel ab und begann.

* * * * *




NEUNZEHNTES KAPITEL.

Geschichte des deutschen Stutzers.


„Als mein Großvater, der Kaiserlich-Königlich--"

„Ich bitte Sie, mein Herr," unterbrach ihn der Incroyable, „verschonen
Sie uns mit dem Großpapa und fangen Sie gleich bei Ihrem Vater an; was
war er?"

„Nun ja, wenn es Ihnen so lieber ist; aber ich hätte mich gerne bei
dem Glanze unserer Familie länger verweilt; mein Vater lebte in
Dresden auf einem ziemlich großen Fuß--"

„Was war er denn, der Herr Papa? Sie verzeihen, wenn ich etwas zu
neugierig erscheine, aber zu einer Geschichte gehört Genauigkeit."

„Mein Vater," fuhr der Stutzer etwas mißmutig fort, „war
Kleiderfabrikant _en gros_--"

„Wie," fragte der Lord, „was ist Kleiderfabrikant? Kann man in
Deutschland Kleider in Fabriken machen?"

„Hol' mich der Teufel, wie er schon getan!" rief der Stutzer unwillig
und stieß das Glas auf den Tisch. „Das ist nicht die Art, wie man
seine Biographie erzählen kann, wenn man alle Augenblicke von
kritischen Untersuchungen unterbrochen wird; mein Vater hatte ein Haus
am Alt=Markt; darin hatte er ein Atelier und hielt Arbeiter, welche
Kleider für die Leute machten!"

„_Mon dieu_! Also war, er, was wir _tailleur_ nennen, ein
Schneider?"

„Nun, in Gottes Namen, nennen Sie es, wie Sie wollen; kurz, er hatte
die Welt gesehen, machte ein Haus, und wenn er auch nicht den Adel und
die ersten Bürger in seinen Soireen sah, so war doch ein gewisser
guter Ton, ein gewisser Anstand, ein gewisses, ich weiß nicht was,
kurz, es war ein ganz anständiger Mann, mein Papa."

Mich selbst erfaßte der Lachkitzel, als ich den _garçon tailleur_
so perorieren hörte, doch ich faßte mich, um den Markör nicht aus der
Rolle fallen zu lassen. Der Marquis aber hatte sich zurückgelehnt und
wollte sich ausschütten vor Lachen; der Engländer sah den Stutzer
forschend an, unterdrückte ein Lächeln, das seiner Würde schaden
konnte, und trank Rum; der deutsche Baron aber fuhr fort:

„Sie hätten mich, meine Herren, auf der Oberwelt in Daumenschrauben
pressen können, und ich hätte meine Maske nicht vor Ihnen abgenommen.
Hier ist es ein ganz anderes Ding; wer kümmert sich an diesem
schlechten Ort um den ehemaligen Baron von Garnmacher? Darum verletzt
mich auch Ihr Lachen nicht im geringsten; im Gegenteil, es macht mit
Vergnügen, Sie zu unterhalten!"

„_Ah! ce noble trait_!" rief der Incroyable und wischte sich die
Tränen aus dem Auge. „Reichen Sie mir die Hand und Lassen Sie uns
Freunde bleiben. Was geht es mich an; ob Ihr Vater _duc_ oder
_tailleur_ war, Erzählen Sie immer weiter. Sie machen es gar zu
hübsch."

„Ich genoß eine gute Erziehung; denn meine Mutter wollte mich durchaus
zum Theologen machen, und weil dieser Stand in meinem Vaterlande der
eigentlich privilegierte Gelehrtenstand ist, so wurde mir in meinem
siebenten Jahre _mensa_, in meinem achten _amo_, in meinem zehnten
_typto_, in meinem zwölften _pakat_ eingebläut. Sie können sich
denken, daß ich bei dieser ungemeinen Gelehrsamkeit keine gar
angenehmen Tage hatte; ich hatte, was man einen harten Kopf nennt;
das heißt, ich ging lieber aufs Feld, hörte die Vögel singen oder sah
die Fische den Fluß hinabgleiten, sprang lieber mit meinen Kameraden,
als daß ich mich oben in der Dachkammer, die man zum Musensitz des
künftigen Pastors eingerichtet hatte, mit meinem Bröder, Buttmann,
Schröder, und wie die Schrecklichen alle heißen, die den Knaben mit
harten Köpfen wie böse Geister erscheinen, abmarterte.

Ich hatte überdies noch einen andern Hang, der mir viele Zeit raubte;
es war die von früher Jugend an mit mir aufwachsende Neigung zu
schönen Mädchen. Sommers war es in meiner Dachkammer so glühend heiß
wie unter den Bleidächern des Palastes Sankt Marco in Venedig; wenn
ich dann das kleine Schiebefenster öffnete, um den Kopf ein wenig in
die frische Luft zu stecken, so fielen unwillkürlich meine Augen auf
den schönen Garten unseres Nachbars, eines reichen Kaufmanns; dort
unter den schönen Akazien auf der weichen Moosbank saß Amalie, sein
Töchterlein, und ihre Gespielinnen und Vertrauten. Unwiderstehlide
Sehnsucht riß mich hin; ich fuhr schnell in meinen Sonntagsrock,
frisierte das Haar mit den Fingern zurecht und war im Flug durch die
Zaunlücke bei der Königin meines Herzens. Denn diese Charge bekleidete
sie in meinem Herzen im vollsten Sinne des Wortes. Ich hatte in meinem
elften Jahre den größten Teil der Ritter= und Räuberromane meines
Vaterlandes gelesen, Werke, von deren Vortrefflichkeit man in andern
Ländern keinen Begriff hat; denn die erhabenen Namen Cramer und Spieß
sind nie über den Rhein oder gar den Kanal gedrungen. Und doch, wie
viel höher stehen diese Bücher alle als jene Ritter= und
Räuberhistorien des Verfassers von Waverley, der kein anderes Verdienst
hat, als auf Kosten seiner Leser recht breit zu sein. Hat der große
Unbekannte solche vortrefflichen Stellen wie die, welche mir noch
aus den Tagen meiner Kindheit im Ohr liegen: ‚M i t t e r n a c h t,
d u m p f e s G r a u s e n d e r N a t u r, R ü d e n g e b e l l,
R i t t e r U r i a n t r i t t a u f.'

Wem pocht nicht das Herz, wem sträubt sich nicht das Haar empor, wenn
er nachts auf einer öden, verlassenen Dachkammer dieses liest? Wie
fühlte ich da das ‚G r a u s e n d e r N a t u r!' Und wenn der
Hofhund sein Rüdengebell heulte, so war die Täuschung so vollkommen,
daß sich meine Blicke ängstlich an die schlecht verriegelte Türe
hefteten; denn ich glaubte nicht anders, als ‚R i t t e r U r i a n
t r e t e a u f!'

Was war natürlicher, als daß bei so lebhafter Einbildungskraft auch
mein Herz Feuer fing? Jede Berta, die ihrem Ritter die Feldbinde
umhing, jede Ida, die sich auf den Söller begab, um dem den Schloßberg
hinabdonnernden Liebsten noch einmal mit dem Schleier zuzuwedeln, jede
Agnes, Hulda usw. verwandelten sich unwillkürlich in Amalien.

Doch auch s i e war diesem Tribut der Sterblichkeit unterworfen. Aus
ihrer Sparbüchse nämlich wurden die Romane angeschafft. Wenn einer
gelesen war, so empfing ich ihn, las ihn auch, trug ihn dann wieder
in die Leihbibliothek und suchte dort immer die Bücher heraus, welche
entweder keinen Rücken mehr hatten oder vom Lesen so fett geworden
waren, daß sie mich ordentlich a n g l ä n z t e n. Das sind so die
echten nach unserem Geschmack, dachte ich, und sicher war es ein
‚R i n a l d o R i n a l d i n i', ein ‚D o m s c h ü t z', ein
‚a l t e r Ü b e r a l l u n d N i r g e n d s' oder sonst einer
unserer Lieblinge.

Zu Hause band ich ihn dann in alte lateinische Schriften ein; denn
Amalie war sehr reinlich erzogen und hätte, wenn auch das Innere des
Romans nicht immer sehr rein war, doch nie mit bloßen Fingern den
fetten Glanz ihrer Lieblinge betastet. Ehrerbietig trug ich ihn dann
in den Garten hinüber und überreichte ihn; und nie empfing ich ihn
zurück, ohne daß mir Amalie die schönsten Stellen mit Strickgarn über
einer Stecknadel bezeichnet hätte. So lasen und liebten wir; unsere
Liebe richtete sich nach dem Vorbild, das wir gerade lasen; bald war
sie zärtlich und verschämt, bald feurig und stürmisch, ja, wenn
Eifersuchten vorkamen, so gaben wir uns alle mögliche Mühe, einen
Gegenstand, eine Ursache für unser namenloses Unglück zu ersinnen.

Mein gewöhnliches Verhältnis zu der reichen Kaufmannstochter war
übrigens das eines Edelknaben von dunkler Geburt, der an dem Hof eines
großen Grafen oder Fürsten lebt, eine unglückliche Leidenschaft zu der
schönen Tochter des Hauses bekommt und endlich von ihr heimliche, aber
innige Gegenliebe empfängt. Und wie lebhaft wußte Amalie ihre Rolle zu
geben; wie gütig, wie herablassend war sie gegen mich! Wie liebte sie
den schönen, ritterlichen Edelknaben, dem kein Hindernis zu schwer
war, zu ihr zu gelangen, der den breiten Burggraben (die Entenpfütze
in unserem Hof) durchwatet, der die Zinnen des Walles (den Gartenzaun)
erstiegen, um in ihr Gartengemach (die Moosbank unter den Akazien)
sich zu schleichen. Tausend Dolche (die Nägel auf dem Zaun, die meinen
Beinkleidern sehr gefährlich waren), tausend Dolche lauern auf ihn,
aber die Liebe führt ihn unbeschädigt zu den Füßen seiner Herrin.

Das einzige Unglück meiner Liebe war, daß wir eigentlich gar kein
Unglück hatten. Zwar gab es hie und da Grenzstreitigkeiten zwischen
dem armen Ritter (meinem Vater) und dem reichen Fürsten (dem
Kaufmann), wenn nämlich eines unserer Hühner in seinen Garten
hinübergeflogen war und auf seinen Mistbeeten spazieren ging, oder es
kam sogar zu wirklicher Fehde, wenn der Fürst einen Herold (seinen
Ladendiener) zu uns herüberschickte und um den Tribut mahnen ließ
(weil mein Vater eine sehr große Rechnung in dem Kontobuche des
Fürsten hatte). Aber dies alles war leider kein nötigendes Unglück für
unsere Liebe und diente nicht dazu, unsere Situation noch romantischer
zu machen.

Die einzige Folge, die aus meinem Leben und meiner Liebe entstand, war
mein hartes Unglück, immer unter den letzten meiner Klasse zu sein und
von dem alten Rektor tüchtig Schläge zu bekommen; doch auch darüber
belehrte und tröstete mich meine Herrin. Sie entdeckte mir nämlich,
daß des Herzogs (des Rektors) ältester Prinz um ihre Liebe gebuhlt und
sie aus Liebe zu mir den Jüngling abgewiesen habe; er habe gewiß
unsere Liebe und den Grund seiner Abweisung entdeckt und sie dem alten
Vater, dem Rektor, beigebracht, der sich dafür auf eine so unwürdige
Art an mir räche. Ich ließ die Gute auf ihrem Glauben, wußte aber
wohl, woher die Schläge kamen; der alte Herzog wußte, daß ich die
unregelmäßigen griechischen Verba nicht lernte, und d a f ü r bekam
ich Schläge.

So war ich fünfzehn und meine Dame vierzehn Jahre alt geworden,
ungetrübt war bis letzt der Himmel unserer Liebe gewesen; da
ereigneten sich mit einem Male zwei Unglücksfälle, wovon schon einer
für sich hinreichend gewesen wäre, mich aus meinen Höhen
herabzuschmettern.

Es war die Zeit, wo nach dem Frieden von Paris die Fouquéschen Romane
anfingen, in meinem Vaterlande Mode zu werden . . ."

„Was ist das, Fouquésche Romane?" fragte der Lord.

„Das sind lichtbraune, fromme Geschichtchen, doch durch diese
Definition werden Sie nicht mehr wissen als vorher. Herr von Fouqué
ist ein frommer Rittersmann, der, weil es nicht mehr an der Zeit ist,
mit Schwert und Lanze zu turnieren, mit der Feder in die Schranken
reitet und kämpft wie der gewaltigen Währinger einer. Er hat das ein
wenig rohe und gemeine Mittelalter modernisiert aber vielmehr unsere
heutige modische Welt in einigen frommen Mystizismus einbalsamiert und
um fünfhundert Jahre zurückgeschoben. Da schmeckt nun alles ganz
süßlich und sieht recht anmutig, lichtdunkel aus; die Ritter, von
denen man vorher nichts anderes wußte, als sie seien derbe Landjunker
gewesen, die sich aus Religion und feiner Sitte so wenig machten als
der Großtürke aus dem sechsten Gebot, treten hier mit einer
bezaubernden Courtoisie auf, sprechen in feinen Redensarten, sind
hauptsächlich f r o m m und k r e u z g l ä u b i g.

Die Damen sind moderne Schwärmerinnen, nur keuscher, reiner, mit
steifen Kragen angetan und überhaupt etwas ritterlich aufgeputzt.
Selbst die edlen Rosse sind glänzender als heutzutage und haben
ordentlich Verstand, wie auch die Wolfshunde und andere solche
Getiere."

„_Mon dieu_! Solchen Unsinn liest man in Deutschland?" rief der
Franzose und schlug vor Verwunderung die Hände zusammen.

„O ja, meine Herren, man liest und bewundert. Es gab eine Zeit bei
uns, wo wir davon zurückgekommen waren, alles an fremden Nationen zu
bewundern; da wir nun, auf unsere eigenen Herrlichkeiten beschränkt,
nichts an uns fanden, das wir bewundern konnten, als die _tempi
passati_--so warfen wir uns mit unserem gewöhnlichen Nachahmungseifer
auf diese und wurden allesamt altdeutsch.

Mancher hatte aber nicht Phantasie genug, um sich ganz in jene
herrlichen vergangenen Zeiten hineinzudenken, man fühlte allgemein das
Bedürfnis von Handbüchern, die, wie Modejournale neuerer Zeit, über
Sitten und Gebräuche bei unseren Vorfahren uns belehrt hätten; da trat
jener fromme Ritter auf, ein zweiter Orpheus, griff er in die Saiten,
und es entstand ein neu Geschlecht; die Mädchen, die bei den
französischen Garnisonen etwas frivol geworden waren, wurden sittige,
keusche, fromme Fräulein, die jungen Herren zogen die modischen Fräcke
aus, ließen Haar und Bart wachsen, an die Hemden eine halbe Elle
Leinwand setzen, und ‚Kleider machen Leute,' sagt ein Sprichwort,
_probatum est_; auch sie waren tugendlich, tapfer und fromm."

„_Goddam_! Sie haben recht, ich habe solche Figuren gesehen,"
unterbrach ihn der Engländer; „vor acht Jahren machte ich die große
Tour und kam auch nach der Schweiz. Am Vierwaldstätter See ließ ich
mir den Ort zeigen, wo die Schweizer ihre Republiken gestiftet haben.
Ich traf auf der Wiese eine Gesellschaft, die wunderlich, halb modern,
halb aus den Garderoben früherer Jahrhunderte sich gekleidet zu haben
schien. Fünf bis sechs junge Männer saßen und standen auf der Wiese
und blickten mit glänzenden Augen über den See hin. Sie hatten
wunderbare Mützen auf dem Kopf, die fast anzusehen waren wie
Pfannkuchen. Lange wallende Haare fielen in malerischer Unordnung auf
Rücken und Schultern; den Hals trugen sie frei und hatten breite,
zierlich gestickte Kragen, wie heutzutage die Damen tragen,
herausgelegt.

Ein Rock, der offenbar von einem heutigen Meister, aber nach antiker
Form gemacht war, kleidete sie nicht übel; er schloß sich eng um den
Leib und zeigte überall den schönen Wuchs der jungen Männer. In
sonderbarem Kontrast damit standen weite Pluderhosen von grober
Leinwand. Aus ihren Röcken sahen drohende Dolchgriffe hervor, und in
der Hand trugen sie Beilstöcke, ungefähr wie die römischen Liktoren.
Gar nicht recht wollte aber zu diesem Kostüm passen, daß sie Brillen
auf der Nase hatten und gewaltig Tabak rauchten.

Ich fragte meinen Führer, was das für eine sonderbare Armatur und
Uniform wäre und ob sie vielleicht eine Besatzung der Grütli-Wiese
vorstellen sollten. Er aber belehrte mich, daß es fahrende Schüler aus
Deutschland wären. Unwillkürlich drängte sich mir der Gedanke an den
fahrenden Ritter Don Quichotte auf, ich stieg lachend in meinen Kahn
und pries mein Glück, auf einem Platz, der durch die erhabenen
Erinnerungen, die er erweckt, nur zu leicht zu träumerischen
Vergleichungen führt, eine so groteske Erscheinung aus dem Leben
gehabt zu haben. Die jungen Deutschen söhnten mich aber wieder mit
sich aus; denn als mein Kahn über den See hingleitete, erhoben sie
einen vierstimmigen Gesang in so erhabener Melodie, mit so würdigen,
ergreifenden Wendungen, daß ich ihnen im Gedanken das Vorurteil abbat,
welches ihr Kostüm in mir erweckt hatte."

„Nun ja, da haben wir's," fuhr der Baron Garnmacher fort, „so sah es
damals unter alt und jung in Deutschland aus; auch ich hatte Fouquésche
Romane gelesen, wurde ein frommer Knabe, trug mich, wie alle meine
Kameraden, altdeutsch und war meiner Herrin, der ‚wunnigen Maid', mit
einer keuschen, inniglichen Minne zugetan. Auf Amalie machte übrigens
der ‚Z a u b e r r i n g', die ‚F a h r t e n T h i o d o l f s' &c.
nicht den gewünschten Eindruck; sie verlachte die sittigen,
lichtbraunen, blauäugigen Damen, besonders die B e r t h a v o n
L i c h t e n r i e t h, und pries mir Lafontaine und Langbein,
schlüpfrige Geschichten, welche ihr eine ihrer Freundinnen zugesteckt
hatte.

Ich war zu sehr erfüllt von dem deutschen Wesen, das in mir aufging,
als daß ich ihr Gehör gegeben hätte; aber der lüsterne Brennstoff
jener Romane brannte fort in dem Mädchen, das sich, weil sie für ihr
Alter schon ziemlich groß war, für eine angehende Jungfrau hielt, und
kurz--es gab eine Josephsszene zwischen uns; ich hüllte mich in meinen
altdeutschen Rock und meine Fouquésche Tugend ein und floh vor den
Lockungen der Sirene, wie mein Held Thiodolf vor der herrlichen Zoe.

Die Folge davon war, daß sie mich als einen Unwürdigen verachtete und
dem Prinzen, des Rektors Sohn, ihre Liebe schenkte. Ob er mit ihr
Lafontaine und Langbein studierte, weiß ich nicht zu sagen, nur so
viel ist mir bekannt, daß ihn der Fürst, Amaliens Vater, einige Wochen
nachher eigenhändig aus dem Garten gepeitscht hat.

Ich saß jetzt wieder auf meinem Dachkämmerlein, hatte die hebräische
Bibel und die griechischen Unregelmäßigen vor mir liegen und auf ihnen
meine Romane. An manchem Abend habe ich dort heiße Tränen geweint und
durch die Jalousien in den Garten hinabgeschaut; denn die zuchtlose
Jungfrau sollte meinen Jammer nicht erschauen, sie sollte den Kampf
zwischen Haß und Liebe nicht auf meinem Antlitz lesen. Ich war fest
überzeugt, daß so unglücklich wie ich kein Mensch mehr sein könne, und
höchstens der unglückliche O t t o v o n T r a u t w a n g e n, als
er in Frankreich mit seinem vernünftigen, lichtbraunen Rößlein eine
Höhle bewohnte, konnte vielleicht so kummervoll gewesen sein wie ich.

Aber das Maß meiner Leiden war nicht voll; hören Sie, wie ‚aus
entwölkter Höhe' mich ein zweiter Donner traf.

Der alte Rektor hatte seinen Schülern ein Thema zu einem Aufsatz
gegeben, worin wir die Frage beantworten sollten, w e n w i r f ü r
d e n g r ö ß t e n M a n n D e u t s c h l a n d s h a l t e n.
Es sollte sein Wert geschichtlich nachgewiesen, Gründe für und wider
angegeben und überhaupt alles recht gelehrt abgemacht werden. Ich
hatte, wie ich Ihnen schon bemerkt habe, meine Herren, immer einen
harten Kopf, und Aufsätze mit Gründen waren mir von jeher zuwider
gewesen, ich hatte also auch immer mittelmäßige oder schlechte
Arbeiten geliefert. Aber für diese Arbeit war ich ganz begeistert, ich
fühlte eine hohe Freude in mir, meine Gedanken über die großen Männer
meines Vaterlandes zu sagen und meine Ideale (und wer hat in diesen
Jahren nicht solche) in gehöriges Licht setzen zu können.

Geschichtlich sollte das Ding abgefaßt werden. Was war leichter für
mich als dies? Jetzt erst fühlte ich den Nutzen meines eifrigen
Lesens. Wo war einer, der so viele Geschichten gelesen hatte als ich?
Und wer, der irgend einmal diese Bücher der Geschichten in die Hand
nahm, wer konnte in Zweifel sein, wer die größten Männer meines
Vaterlandes seien? Zwar war ich noch nicht ganz mit mir selbst im
reinen, wem ich die Krone zuerkennen sollte. H a s p e r a S p a d a?
Es ist wahr, er war ein Tapferer, der Schrecken seiner Feinde, die
Liebe seiner Freunde. Aber, wie die Geschichte sagt, war er sehr stark
dem Trinken ergeben, und dies war doch schon eine Schlacke in seinem
fürtrefflichen Charakter. A d o l p h d e r K ü h n e, R a u g r a f
v o n D a s s e l? Er hat schon etwas mehr von einem großen Mann. Wie
schrecklich züchtigt er die Pfaffen! Wenn er nur nicht in der Historie
nach Rom wandeln und Buße tun müßte; aber dies schwächt doch sein
majestätisches Bild. Es ist wahr, O t t o v o n T r a u t w a n g e n
glänzt als ein Stern erster Größe in der deutschen Geschichte, dachte
ich weiter, aber auch er scheint doch nicht der Größte gewesen
zu sein, wiewohl seine Frömmigkeit, die sehr in Anschlag zu bringen
ist, jeden Zauber überwand.

Island gehörte wohl auch zum Deutschen Reich; wahrhaftig, unter allen
deutschen Helden ist doch keiner, der dem T h i o d o l f das Wasser
reicht. Stark wie Simson, ohne Falsch wie eine Taube, fromm wie ein
Lamm, im Zorn ein B e r s e r k e r--es kann nicht fehlen, er ist der
größte Deutsche.

Ich setzte mich hin und schrieb voll Begeisterung diese Rangordnung
nieder. Wohl zehnmal sprang ich auf, meine Brust war zu voll, ich
konnte nicht alles sagen, die Feder, die Worte versagten mir, wohl
zehnmal las ich mir mit lauter Stimme die gelungensten Stellen vor.
Wie erhaben lautete es, wenn ich von der Stärke des Isländers sprach,
wie er einen Wolf zähmte, wie er in Konstantinopel ein Pferd nur ein
wenig auf die Stirne klopfte, daß es auf der Stelle tot war; wie
großmütig verschmäht er alle Belohnung; ja, er schlägt einen
Kaiserthron aus, um seiner Liebe treu zu bleiben; wie kindlich fromm
ist er, obgleich er die christliche Religion nicht recht kannte; wie
schön beschrieb ich das alles; ja, es mußte das Herz des alten Rektors
rühren!

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