Mitteilungen aus den Memoiren des Satan V1
W >>
Wilhelm Hauff >> Mitteilungen aus den Memoiren des Satan V1
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9 |
10 |
11 | 12
Ich konnte mir denken, wie er meine Arbeit mit steigendem Beifall
lesen, wie er morgens in die Klasse kommen würde, um unsere Aufsätze
zu zensieren. Dann sendet er gewiß einen milden, freundlichen Blick
nach dem letzten Platze, wohin er sonst nur wie ein brüllender Löwe
schaute, dann liest er meine Arbeit laut vor und spricht: ‚Kann man
etwas Gelungeneres lesen als dies? Und ratet, wer es gemacht hat! Die
Letzten sollen die Ersten werden. Der Stein, den die Bauleute
verworfen haben, soll zum Eckstein werden. Tritt hervor, mein Sohn,
_Garnmachere_! Ich habe immer gesagt, du seiest eine Bête; konnte
ich ahnen, daß du mit so vielem Eifer Geschichten studierst? Nimm hin
den Preis, der dir gebührt.'
So mußte er sagen, er konnte nicht anders, ohne das schreiendste
Unrecht zu tun. Eifrig schrieb ich jetzt meinen Aufsatz ins Reine. Um
zu zeigen, daß ich auch in den neueren Geschichten nicht unbewandert
sei, sagte ich am Schluß, daß ich nach Erfindung des Pulvers den
d e u t s c h e n A l c i b i a d e s und nächst ihm H e r m a n n
v o n N o r d e n s c h i l d für die größten Männer halte. Man könne
ihnen den R i t t e r E u r o s, welcher nachher als D o m s c h ü t z
m i t s e i n e n G e s e l l e n so großes Aufsehen gemacht habe,
was die Tapferkeit anbetreffe, vielleicht an die Seite stellen; doch
stehen jene beiden auf einem viel höheren Standpunkt.
Ich brachte dem Rektor triumphierend den Aufsatz und mußte ihm beinahe
ins Gesicht lachen, als er mürrisch sagte: ‚Er wird ein schönes
Geschmier haben, Garnmacher!'
‚Lesen Sie, und dann--richten Sie,' gab ich ihm stolz zur Antwort und
verließ ihn.
Wenn in Ihrem Vaterlande, Mylord, eine Preisfrage gestellt würde über
den würdigsten englischen Theologen, und es würden in einer gelehrten,
mit Phrasen wohldurchspickten Antwort die Vorzüge des Vicar of
Wakefield dargetan, wer würde da nicht lachen? Wenn Sie, werter
Marquis, nach der würdigsten Dame zu den Zeiten Louis XIV. gefragt
würden, und Sie priesen die n e u e H e l o i s e, würde man Sie
nicht für einen Rasenden halten? Hören Sie, welche Torheit ich
begangen hatte!
Der Samstag, an welchem man unsere Arbeiten gewöhnlich zensierte,
erschien endlich. So oft dieser Tag sonst erschienen war, war er mir
ein Tag des Unglücks gewesen. Gewöhnlich schlich ich da mit
Herzklopfen zur Schule; denn ich durfte gewiß sein, wegen schlechter
Arbeit getadelt, öffentlich geschmäht zu werden. Aber wieviel stolzer
trat ich heute auf; ich hatte meinen besten Rock angezogen, den
schönsten, feingestickten Hemdkragen angelegt, mein wallendes Haar war
zierlich gescheitelt und gelockt; ich sah stattlich aus und gestand
mir, ich sei auch im Äußeren des Preises nicht unwürdig, welcher mir
heute zuteil werben sollte.
Der Rektor fing an, die Aufsätze zu zensieren. Wie ärmliche, obskure
Helden hatten sich meine Mitschüler gewählt: Hermann, Karl den Großen,
Kaiser Heinrich, Luther und dergleichen,--er ging viele durch, immer
kam er noch nicht an meine Arbeit. Ja, es war offenbar, meine Helden
hatte er auf die Letzt aufgespart--als die besten!
Endlich ruhte er einige Augenblicke, räusperte sich und nahm ein Heft
mit rosenfarbener Überdecke, das meinige, zur Hand. Mein Herz pochte
laut vor Freude, ich fühlte, wie sich mein Mund zu einem
triumphierenden Lächeln verziehen wollte; aber ich gab mir Mühe,
bescheiden bei dem Lobe auszusehen. Der Rektor begann: ‚Und nun komme
ich an eine Arbeit, welche ihresgleichen nicht hat auf der Erde. Ich
will einige Stellen daraus vorlesen!' Er deklamierte mit ungemeinem
Pathos gerade jene Kraftstellen, welche ich mit so großer Begeisterung
niedergeschrieben hatte. Ein schallendes Gelächter aus mehr als
vierzig Kehlen unterbrach jeden Satz, und als er endlich an den Schluß
gelangte, wo ich mit einer kühnen Wendung dem furchtbaren D o m s c h
ü t z e n noch einige Blümchen gestreut hatte, erscholl Bravo!
_Ancora_! und die Tische krachten unter den beifalltrommelnden
Fäusten meiner Mitschüler. Der Rektor winkte Stille und fuhr fort: ‚Es
wäre dies eine gelungene Satire auf die Herren Spieß und Konsorten,
wenn nicht der Verfasser selbst eine Satire auf die Menschheit wäre.
Es ist unser lieber Garnmacher. Tritt hervor, du _dedecus
naturae_, hieher zu mir!'
Zitternd folgte ich dem fürchterlichen Wink. Das erste war, als ich
vor ihm stand, daß er mir das rosenfarbene Heft einmal rechts und
einmal links um die Ohren schlug. Und jetzt donnerte eine Strafpredigt
über mich herab, von der ich nur so viel verstand, daß ich eine Bête
wäre und nicht wüßte, was Geschichte sei.
Es begegnet zuweilen, daß man im Traum von einer schönen, blumigen
Sonnenhöhe in einen tiefen Abgrund herabfällt. Man schwindelt, indem
man die unermeßlichen Höhen herabfliegt, man fühlt die unsanfte
Erschütterung, wenn man am Boden zu liegen glaubt, man erwacht und
sieht sich mit Staunen auf dem alten Boden wieder. Die Höhe, von der
man herabstürzte, ist mit all ihren Blütengärten verschwunden, ach,
sie war ja nur ein Traum!
So war mir damals, als mich der Rektor aus meinem Schlummer
aufschüttelte; ein tiefer Seufzer war die einzige Antwort, die ich ihm
geben konnte. Ich war arm wie jener Krösus, als er vor seinem Sieger
Cyrus stand; auch ich hatte ja alle meine Reiche verloren!
Ich sollte bekennen, woher ich die Romane bekommen, wer mir das Geld
dazu gegeben habe. Konnte, durfte ich sie, die ich einst liebte,
verraten? Ich leugnete, ich hielt den ganzen Sturm des alten Mannes
aus, ich stand wie Mucius Scävola.
Der langen Rede kurzer Sinn war übrigens der, daß ich von meinem Vater
ein Attestat darüber bringen müsse, daß ich das Geld zu solchen
Allotriis von ihm habe, und überdies habe ich am nächsten Montag vier
Tage Karzer anzutreten. Verhöhnt von meinen Mitschülern, die mir
Thiodolf, deutscher Alcibiades und dergleichen nachriefen, in dumpfer
Verzweiflung ging ich nach Hause. Es war gar kein Zweifel, daß mich
mein Vater, wenn er diese Geschichte erfuhr, entweder sogleich
totschlagen oder wenigstens zum Schneiderjungen machen würde. Vor
beidem war mir gleich bange. Ich besann mich also nicht lange, band
etwas Weißzeug und einige seltene Dukaten und andere Münzen, welche
mir meine Paten geschenkt hatten, in ein Tuch, warf noch einen Kuß und
den letzten Blick nach des Nachbars Garten, sagte meinem Dachstübchen
Lebewohl, und eine Viertelstunde nachher wanderte ich schon auf der
Straße nach Berlin, wo mir ein Oheim lebte, an welchen ich mich fürs
erste zu wenden gedachte.
In meinem Herzen war es öde und leer, als ich so meine Straße zog.
Meine Ideale waren zerronnen. Sie hatten also nicht gelebt, diese
tapfern, frommen, liebevollen, biederen Männer, sie hatten nicht
geatmet, jene lieblichen Bilder holder Frauen. Jene bunte Welt voll
Putz und Glanz, alle jene Stimmen, die aus fernen Jahrhunderten zu mir
herübertönten, die mutigen Töne der Trompete, Rüdengebell,
Waffengeklirr, Sporenklang, süße Akkorde der Laute--alles, alles
dahin, alles nichts als eine löschpapierne Geschichte, im Hirn eines
Poeten gehegt, in einer schmutzigen Druckerpresse zur Welt gebracht!
Ich sah mich noch einmal nach der Gegend um, die ich verlassen hatte.
Die Sonne war gesunken, die Nebel der Elbe verhüllten das liebe
Dresden, nur die Spitzen der Türme ragten, vergoldet vom Abendrot,
über dem Dunstmeer.
So lag auch mein Träumen, mein Hoffen, Vergangenheit und Zukunft in
Nebel gehüllt, nur einzelne hohe Gestalten standen hell beleuchtet wie
jene Türme vor meiner Seele. Wohlan! sprach ich bei mir selbst:
_O fortes, pejoraque passi
Mecum saepe viri, nunc cantu pellite curas,
Cras ingens iterabimus aequor._
Noch einmal breitete ich die Arme nach der Vaterstadt aus, da fühlte
ich einen leichten Schlag auf die Schulter und wandte mich um.--"
* * * * *
Der Herausgeber ist in der größten Verlegenheit. Er hat bis auf den
Tag, an welchem er dies schreibt, dem Verleger das Manuskript zum
ersten Teil versprochen, und doch fehlt noch ein großer Teil des
letzten Abschnittes. Er ist noch nicht geweiht, die Messe ist schon
vorüber, und eine eigene über die paar Bogen lesen zu lassen, findet
sich weder ein gehöriger Vorwand, noch würde das Werkchen diese
bedeutende Ausgabe wert sein. Wir versparen daher die Fortsetzung des
Festtages in der Hölle auf den zweiten Teil.
* * * * *
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9 |
10 |
11 | 12