Mitteilungen aus den Memoiren des Satan V1
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„Wir sprangen ans Fenster, schrecklich trauervolle Stimmen tönten aus
dem öden Hause herüber; einige Male war es uns, als sähen wir unsern
alten Oberjustizrat, verfolgt von seinem Ebenbild im Schlafrock, am
Fenster vorbeijagen. Plötzlich aber war alles still.
„Wir sahen einander an; der Beherzteste machte den Vorschlag
hinüberzugehen! Alle stimmten überein. Man zog über die Straße, die
große Hausglocke an des Alten Haus tönte dreimal, aber es wollte sich
niemand hören lassen; da fing uns an zu grauen; wir schickten nach der
Polizei und dem Schlosser, man brach die Türe auf, der ganze Strom der
Neugierigen zog die breite, stille Treppe hinauf, alle Türen waren
verschlossen; eine ging endlich auf; in einem prachtvollen Zimmer lag
der Oberjustizrat im zerrissenen stahlfarbigen Röcklein, die zierliche
Frisur schrecklich verzaust, tot, erwürgt auf dem Sofa.
„Von Barighi hat man seitdem weder in Stuttgart, noch sonst irgendwo
jemals eine Spur gesehen."
* * * * *
DRITTES KAPITEL.
Der schauerliche Abend. (Fortsetzung.)
Der Professor hatte seine Erzählung geendet, wir saßen eine gute Weile
still und nachdenkend. Das lange Schweigen ward mir endlich peinlich;
ich wollte das Gespräch wieder anfachen oder auf eine andere Bahn
bringen, als mir ein Herr von mittleren Jahren in reicher Jagduniform,
wenn ich nicht irre, ein Oberforstmeister aus dem Nassauischen,
zuvorkam.
„Es ist wohl jedem von uns schon begegnet, daß er unzählige Male für
einen andern gehalten wurde oder auch Fremde für ganz Bekannte
anredete, und sonderbar ist es, ich habe diese Bemerkung oft in meinem
Leben bestätigt gefunden, daß die Verwechslung weniger bei jenen
platten, alltäglichen, nichtssagenden Gesichtern als bei auffallenden,
eigentlich interessanten vorkommt."
Wir wollten ihm seine Behauptung als ganz unwahrscheinlich verwerfen;
aber er berief sich auf die wirklich interessante Erscheinung unseres
Natas. „Jeder von uns gesteht," sagte er, „daß er dem Gedanken Raum
gegeben, unsern Freund, nur unter anderer Gestalt, hier oder dort
gesehen zu haben, und doch sind seine scharfen Formen, sein
gebietender Blick, sein gewinnendes Lächeln ganz dazu gemacht, auf
ewig sich ins Gedächtnis zu prägen."
„Sie mögen so unrecht nicht haben," entgegnete Flaßhof, ein
preußischer Hauptmann, der auf die Strafe des Arrestes hin schon zwei
Tage bei uns gezaudert hatte, nach Koblenz in seine Garnison
zurückzukehren. „Sie mögen recht haben; ich erinnere mich einer Stelle
aus den launigen Memoiren des italienischen Grafen Gozzi, die ganz für
Ihre Behauptung spricht. Jedermann, sagt er, hat den Michele d'Agata
gekannt und weiß, daß er einen Fuß kleiner und wenigstens um zwei
dicker war als ich, und auch sonst nicht die geringste Ähnlichkeit in
Kleidung und Physiognomie mit mir gehabt hat. Aber lange Jahre hatte
ich beinahe täglich den Verdruß, von Sängern, Tänzern, Geigern und
Lichtputzern als Herr Michele d'Agata angeredet zu werden und lange
Klagen um schlechte Bezahlung, Forderungen usw. anhören zu müssen.
Selten gingen sie überzeugt von mir, daß ich nicht Michele d'Agata
sei. Einst besuchte ich in Verona eine Dame; das Kammermädchen meldet
mich an: ‚Herr Agata.' Ich trat hinein und ward als Michele d'Agata
begrüßt und unterhalten, ich ging weg und begegnete einem Arzt, den
ich wohl kannte. ‚Guten Abend, Herr Agata,' war sein Gruß, indem er
vorüberging.--Ich glaubte am Ende beinahe selbst, ich sei der Michele
d'Agata."
Ich wußte dem guten Hauptmann Dank, daß er uns aus den ängstigenden
Phantasien, welche die Erzählung des Professors in uns aufgeregt
hatte, erlöste. Das Gespräch floß ruhiger fort; man stritt sich um das
Vorrecht ganzer Nationen, einen interessanten Gesichtsschnitt zu
haben, über den Einfluß des Geistes auf die Gesichtszüge überhaupt und
auf das Auge insbesondere; man kam endlich auf Lavater und Konsorten;
Materien, die ich hundertmal besprochen, mochte ich nicht mehr
wiederkäuen, ich zog mich in ein Fenster zurück. Bald folgte mir der
Professor dahin nach, um gleich mir die Gesichter der Streitenden zu
betrachten.
„Welch ein leichtsinniges Volk," seufzte er, „ich habe sie jetzt
soeben gewarnt und die Hölle ihnen recht heiß gemacht, ja, sie wagten
in keine Ecke mehr zu sehen, aus Furcht, der Leibhaftige möchte daraus
hervorgucken, und jetzt lachen sie wieder und machen tolle Streiche,
als ob der Versucher nicht immer umherschleiche."
Ich mußte lachen über die Amtsmiene, die sich der Professor gab. „Noch
nie habe ich das schöne Talent eines Vesperpredigers an Ihnen
bemerkt," sagte ich; „aber Sie sehen mich in Erstaunen durch Ihre
kühnen Angriffe auf die böse Welt und auf den Argen selbst. Bilden Sie
sich denn wirklich ein, dieser harmlose Natas...."
„Harmlos nennen Sie ihn?" unterbrach mich der Professor, heftig meine
Brust anfassend, „harmlos? haben Sie denn nicht bemerkt," flüsterte er
leiser, „daß alles bei diesem feinen--Herrn berechneter Plan ist? O,
ich kenne meine Leute!"
„Sie setzen mich in Erstaunen, wie meinen Sie denn?"
„Haben Sie nicht bemerkt," fuhr er eifrig fort, „daß der gebildete
Herr Oberforstmeister dort mit Leib und Seele sein ist, weil er ihm
fünf Nächte hindurch alles Geld abjagte und den Ausgebeutelten gestern
nacht noch fünfzehnhundert Dukaten gewinnen ließ? Er nennt den
abgefeimten Spieler einen Mann von den nobelsten Sentiments und
schwört auf Ehre, er müsse über die Hälfte wieder an den Fremden
verlieren, sonst habe er keine Ruhe. Haben Sie ferner nicht bemerkt,
wie er den Ökonomierat gekörnt hat?"
„Ich habe wohl gesehen," antwortete ich, „daß der Ökonomierat, sonst
so moros und misanthropisch, jetzt ein wenig aufgewacht ist; aber ich
habe es dem allgemeinen Einfluß der Gesellschaft zugeschrieben."
„Behüte. Er läuft schon seit zwanzig Jahren in den Gesellschaften
umher und wacht doch nicht auf; auf dem Weg ist er, ein Bruder
Liederlich zu werden. Der Esel reist krank im Lande umher, behauptet,
einen großen Wurm im Leibe zu haben, und macht allen Leuten das Leben
sauer mit seinen exorbitanten Behauptungen, und jetzt? Jetzt hat ihn
dieser Wundermann erwischt, gibt ihm ein Pülverlein und rät ihm, nicht
wie ein anderer vernünftiger Arzt, Diät und Mäßigkeit, sondern er soll
seine Jugend, wie er die fünfzig Jahre des alten Wurms nennt,
genießen, viel Wein trinken &c., und das _et cetera_ und den Wein
benützt er seit vier Tagen ärger als der verlorene Sohn."
„Und darüber können Sie sich ärgern, Herr Professor? Der Mann ist sich
und dem Leben wieder geschenkt--"
„Nicht davon spreche ich," entgegnete der Eifrige, „der alte Sünder
könnte meinetwegen heute noch abfahren, sondern daß er sich dem
nächsten besten Charlatan anvertraut und sich also ruinieren muß. Ich
habe ihn vor acht Jahren in der Kur gehabt, und es besserte sich schon
zusehends."
Der Eifer des Professors war mir nun einigermaßen erklärlich, der
Brotneid schaute nicht undeutlich heraus.--
„Und unsere Damen," fuhr er fort, „die sind nun rein toll. Mich dauert
der arme Trübenau, ich kenne ihn zwar nicht, aber übermorgen soll er
hier ankommen, und wie findet er die gnädige Frau? Hat man je gehört,
daß eine junge gebildete Frau in den ersten Jahren einer glücklichen
Ehe sich in ein solches Verhältnis mit einem ganz fremden Menschen
einläßt, und zwar innerhalb fünf Tagen!"--
„Wie? die schöne bleiche Frau dort!" rief ich aus.--
„Die nämliche bleiche," antwortete er, „vor vier Tagen war sie noch
schön rot wie eine Zentifolie, da begegnet ihr der Interessante auf
der Straße, fragt, wohin sie gehe, hört kaum, daß sie _Rouge fin_
kaufen wolle (denn solche Toilettengeheimnisse auszuplaudern, heißt
Bonton), so bittet und fleht er, sie solle doch kein Rot auflegen, sie
habe ein so interessantes _je ne sais quoi_, das zu einem blassen
Teint viel besser stehe. Was tut Sie? wahrhaftig, sie geht in den
nächsten Galanterieladen und sucht weiße Schminke; ich war gerade
dort, um ein Pfeifenrohr zu erstehen, da hörte ich sie mit ihrer süßen
Stimme den rauhhaarigen Bären von einem Ladendiener fragen, ob man das
Weiß nicht noch etwas ä t h e r i s c h e r habe? Hol mich der T-----!
hat man je so etwas gehört?"
Ich bedauerte den Professor aufrichtig; denn, wenn ich nicht irre, so
suchte er von Anfang die Aufmerksamkeit der schönen Frau auf den schon
etwas verschossenen Einband seiner gelehrten Seele zu ziehen. Daß es
aber mit Natas und der Trübenau nicht ganz richtig war, sah ich
selbst. Von der Schminkegeschichte, die jenen so sehr erboste, wußte
ich zwar nichts; aber wer sich auf die Exegese der Augen verstand,
hatte keinen weiteren Kommentar nötig, um die gegenseitige Annäherung
daraus zu erläutern.
Der Professor hatte, in tiefe Gedanken versunken, eine Zeitlang
geschwiegen; er erhob jetzt sein Auge durch die Brille an die Decke
des Zimmers, wo allerlei Engelein in Gips aufgetragen waren. „Himmel,"
seufzte er, „und die Thingen hat er auch. Sie glauben nicht, welcher
Reiz in dem ewig heitern Auge, in diesen Grübchen auf den blühenden
Wangen, in dem Schmelz ihrer Zähne, in diesen frischen, zum Kuß
geöffneten Lippen, in diesen weichen Armen, in diesen runden, vollen
Formen der schwellenden--"
„Herr Professor!" rief ich, erschrocken über seine Extase, und
schüttelte ihn am Arm ins Leben zurück. „Sie geraten außer sich,
Wertester. Belieben Sie nicht eine Prise Spaniol?"
„Er hat sie auch," fuhr er zähneknirschend fort. „Haben Sie nicht
bemerkt, mit welcher Hast sie vorhin nach seinen Verhältnissen fragte?
Wie sie rot ward? Jung, schön, wohlhabend, Witwe,--sie hat alles, um
eine angenehme Partie zu machen. Geistreiche Männer von Ruf in der
literarischen Welt buhlen um ihre Gunst, sie wirft sich an einen--
Landstreicher hin. Ach, wenn Sie wüßten, bester Doktor, was mir der
Oberkellner sagte, aber mit der größten Diskretion, daß man ihn
vorgestern nachts aus ihrem Zimmer...."
„Ich bitte, verschonen Sie mich," fiel ich ein, „gestehen Sie mir
lieber, ob der Wundermensch Sie selbst noch nicht unter den Pantoffel
gebracht hat."
„Das ist es eben," antwortete der Gefragte, verlegen lächelnd, „das
ist es, was mir Kummer macht. Sie wissen, ich lese über Chemie; er
brachte einmal das Gespräch darauf und entwickelte so tiefe
Kenntnisse, deckte so neue und kühne Ideen auf, daß mir der Kopf
schwindelte. Ich möchte ihm um den Hals fallen und um seine Hefte und
Notizen bitten; es zieht mich mit unwiderstehlicher Geisterkraft in
seine Nähe, und doch könnte ich ihm mit Freuden Gift beibringen."
Wie komisch war die Wut dieses Mannes! Er ballte die Faust und fuhr
damit hin und her, seine grünen Brillengläser funkelten wie
Katzenaugen, sein kurzes, schwarzes Haar schien sich in die Höhe zu
richten.
Ich suchte ihn zu besänftigen. Ich stellte ihm vor, daß er ja nicht
ärger losziehen könnte, wenn der Fremde der Teufel selbst wäre; aber
er ließ mich nicht zum Worte kommen.
„Er ist es, der Satan selbst logiert hier in den drei Reichskronen,"
rief er, „um unsere Seelen zu angeln. Ja, du bist ein guter Fischer
und hast eine feine Nase; aber ein ----r Professor wie ich, der sogar
in demagogischen Untersuchungen die Lunte gleich gerochen und eigens
deswegen hierher nach Mainz gereist ist, ein solcher hat noch eine
feinere als du."
Ein heiseres Lachen, das gerade hinter meinem Rücken zu entstehen
schien, zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich wandte mich um und
glaubte Natas höhnisch durch die Scheiben hereingrinsen zu sehen. Ich
ergriff den Professor am Arm, um ihm die sonderbare Erscheinung zu
zeigen, denn das Zimmer lag einen Stock hoch; dieser aber hatte weder
das Lachen gehört, noch konnte er meine Erscheinung sehen; denn als er
sich umwandte, sah nur die bleiche Scheibe des Mondes durch die
Fenster dort, wo ich vorhin das greulich verzerrte Gesicht des
geheimnisvollen Fremdlings zu sehen geglaubt hatte.
Ehe ich noch recht mit mir einig war, ob das, was ich gesehen, Betrug
der Sinne, Ausgeburt einer aufgeregten Phantasie oder Wirklichkeit
war, ward die Türe aufgerissen und Herr von Natas trat stolzen
Schrittes in das Zimmer. Mit sonderbarem Lächeln maß er die
Gesellschaft, als wisse er ganz gut, was von ihm gesprochen worden
sei, und ich glaubte zu bemerken, daß keiner der Anwesenden seinen
forschenden Blick auszuhalten vermochte.
Mit der ihm in eigenen Leichtigkeit hatte er der Trübenau gegenüber,
neben der Frau von Thingen, Platz genommen und die Leitung der
Konversation an sich gerissen. Das böse Gewissen ließ den Professor
nicht an den Tisch sitzen, mich selbst fesselte das Verlangen, diesen
Menschen einmal aus der Ferne zu beobachten, an meinen Platz am
Fenster. Da bemerkten wir denn das Augenspiel zwischen Frau von
Trübenau und dem gewandtesten der Liebhaber, der, indem er der Tochter
des Ökonomierats so viel Verbindlichkeiten zu sagen wußte, daß sie
einmal über das andere bis unter die breiten Brüsseler Spitzen ihrer
Busenkrause errötete, das feingeformte Füßchen der Frau von Thingen
auf seinem blankgewichsten Stiefel tanzen ließ.
„Drei Mücken auf einen Schlag, das heiße ich doch--meiner Seel'--
aller Ehre wert," brummte der zornglühende Professor, dem jetzt auch
seine letzte Ressource, die ökonomische Schöne, so was man sagt, vor
dem Mund weggeschnappt werden sollte. Mit tönenden Schritten ging er
an den Tisch, nahm sich einen Stuhl und setzte sich, breit wie eine
Mauer, neben seine Schöne. Doch diese schien nur Ohren für Natas zu
haben; denn sie antwortete auf seine Frage, ob sie sich wohl befinde,
„übermorgen," und als er voll Gram die Anmerkung hinwarf, sie scheine
sehr zerstreut, meinte sie „1 fl. 30 kr. die Elle."
Ich sah jetzt einem unangenehmen Auftritt entgegen. Der Professor, der
nicht daran dachte, daß er durch ein Sonett oder Triolett alles wieder
gut machen, ja durch ein Paar _ottave rime_ sich sogar bei der
Trübenau wieder insinuieren könnte, widersprach jetzt geradezu jeder
Behauptung, die Natas vorbrachte. Und ach! nicht zu seinem Vorteil;
denn dieser, in der Dialektik dem guten Kathedermann bei weitem
überlegen, führte ihn so aufs Eis, daß die leichte Decke seiner Logik
zu reißen und er in ein Chaos von Widersprüchen hinabzustürzen drohte.
Eine lieblich duftende Bowle Punsch unterbrach einige Zeit den Streit
der Zunge, gab aber dafür Anlaß zu desto feindseligern Blicken
zwischen Frau von Trübenau und Frau von Thingen. Diese hatte, ihrer
schönen, runden Arme sich bewußt, den gewaltigen silbernen Löffel
ergriffen, um beim Eingießen die ganze Grazie ihrer Haltung zu
entwickeln. Jene aber kredenzte die gefüllten Becher mit solcher
Anmut, mit so liebevollen Blicken, daß das Bestreben, sich gegenseitig
so viel als möglich Abbruch zu tun, unverkennbar war.
Als aber der sehr starke Punsch die leisen Schauer des Herbstabends
verdrängt hatte, als er anfing, die Wangen unserer Damen höher zu
färben und aus den Augen der Männer zu leuchten, da schien es mir mit
einem Male; als sei man, ich weiß nicht wie, aus den Grenzen des
Anstandes herausgetreten. Allerlei dumme Gedanken stiegen in mit auf
und nieder, das Gespräch schnurrte und summte wie ein Mühlrad, man
lachte, und jauchzte und wußte nicht über was. Man kicherte und neckte
sich, und der Oberforstmeister brachte sogar ein Pfänderspiel mit
Küssen in Vorschlag. Plötzlich hörte ich jenes heisere Lachen wieder,
das ich vorhin vor dem Fenster zu hören glaubte wirklich, es war
Natas, der dem Professor zuhörte und trotz dem Eifer und Ernst, mit
welchem dieser alles vorbrachte, alle Augenblicke in sein heiseres
Gelächter ausbrach.
„Nicht wahr, meine Herzen und Damen," schrie der Punsch aus dem
Professor heraus, „Sie haben vorhin selbst bemerkt, daß unser
verehrter Freund dort jedem von Ihnen, nur in anderer Gestalt, schon
begegnet ist? Sie schweigen? Ist das auch Raison, einen so im Sand
sitzen zu lassen? Herr Oberforstmeister! Frau von Thingen, gnädige
Frau! Sagen Sie selbst, namentlich Sie, Herr Doktor!"
Wir befanden uns durch die Indiskretion des Professors in großer
Verlegenheit. „Ich erinnere mich," gab ich zur Antwort, als alles
schwieg, „von interessanten Gesichtern und ihren Verwechselungen
gesprochen zu haben. Und wenn ich nicht irre, wurde auch Herr von
Natas aufgeführt."
Der Benannte verbeugte sich und meinte, es sei gar zu viel Ehre, ihn
unter die Interessanten zu zählen; aber der Professor verdarb wieder
alles.
„Was da! ich nehme kein Blatt vor der Mund!" sagte er, „ich
behauptete, daß mir ganz unheimlich in dero Nähe sei, und erzählte,
wie Sie in Stuttgart den armen Hasentreffer erwürgt haben, wissen Sie
noch, gnädiger Herr?"
Dieser aber stand auf, lief mit schrillendem Gelächter im Zimmer
umher, und plötzlich glaubte ich den unglückbringenden Doktor meiner
Vaterstadt vor mir zu haben; es war nicht mehr Natas, es war ein
älterer, unheimlicher Mensch.
„Da hat man's ja deutlich," rief der Professor, „dort läuft er als
Barighi umher."
„Barighi?" entgegnete Frau von Trübenau. „Bleiben Sie doch mit Ihrem
Barighi zu Hause, es ist ja unser lieber Privatsekretär Gruber, der da
hereingekommen ist."
„Ich möchte doch um Verzeihung bitten, gnädige Frau," unterbrach sie
der Oberforstmeister, „es ist der Spieler Maletti, mit dem ich in
Wiesbaden letzten Sommer assoziiert war."
„Ha! ha! wie man sich doch täuschen kann," sprach Frau von Thingen,
den Auf= und Abgehenden durch die perlmutterne Brille beschauend, „es
ist ja niemand anders als der Kapellmeister Schmalz, der mir die
Gitarre beibringt."
„Warum nicht gar!" brummte der alte Ökonomierat, „es ist der lustige
Kommissär, der mir die gute Brotlieferung an das Spital in D---n
verschafft."
„Ach! Papa!" kicherte sein Töchterlein, „jener war ja schwarz, und
dieser ist blond! Kennen Sie denn den jungen Landwirt nicht mehr, der
sich bei uns ins Praktische einschießen wollte?"
„Hol mich der Kuckuck und alle Wetter," schrie der preußische
Hauptmann, „das ist der verfluchte Ladenprinz und Ellenreiter, der mir
mein Lorchen wegfischte! Auf Pistolen fordere ich den Hund, gleich
morgen, gleich jetzt." Er sprang auf und wollte auf den immer ruhig
Auf= und Abgehenden losstürzen. Der Professor aber packte ihn am Arm:
„Bleiben Sie weg, Wertester!" schrie er, „ich hab's gefunden, ich
hab's gefunden, kehrt seinen Namen um, es ist der S a t a n!"
* * * * *
VIERTES KAPITEL.
Das Manuskript
So viel, als ich hier niedergeschrieben habe, lebt von diesem Abend
noch in meiner Erinnerung; doch kostete es geraume Zeit, bis ich mich
auf alles wieder besinnen konnte. Ich muß in einem langen, tiefen
Schlaf gewesen sein; denn als ich erwachte, stand Jean vor mir und
fragte, indem er die Gardine für die Morgensonne öffnete, ob jetzt der
Kaffee gefällig sei?
Es war elf Uhr. Wo war denn die Zeit zwischen gestern und heute
hingegangen? Meine erste Frage war, wie ich denn zu Bett gekommen sei.
Der Kellner staunte mich an und meinte mit sonderbarem Lächeln, das
müsse ich besser wissen als er.
„Ah! ich erinnere mich," sagte ich leichthin, um meine Unwissenheit zu
verbergen, „nach der Abendtafel...."
„Verzeihen der Herr Doktor," unterbrach mich der Geschwätzige. „Sie
haben nicht soupiert. Sie waren ja alle zu Tee und Punsch auf Nr. 15."
„Richtig, auf Nr. 15, wollte ich sagen. Ist der Herr Professor schon
auf?"
„Wissen Sie denn nicht, daß sie schon abgereist sind?" fragte der
Kellner.
„Kein Wort!" versicherte ich staunend.
„Er läßt sich Ihnen noch vielmal empfehlen, und Sie möchten doch in T.
bei ihm einsprechen; auch läßt er Sie bitten, seiner und des gestrigen
Abends recht oft zu gedenken, er habe es ja gleich gesagt."
„Aha, ich weiß schon," sagte ich; denn mit einemmal fiel mir ein Teil
des gestern Erlebten ein. „Wann ist er denn abgereist?"
„Gleich in der Frühe," antwortete jener, „noch vor dem Ökonomierat und
dem Herrn Oberforstmeister."
„Wie? so sind auch diese weggereist?"
„Ei ja!" rief der staunende Kellner. „So wissen Sie auch das nicht?
Auch nicht, daß Frau von Thingen und die gnädige Frau von Trübenau--"
„Sie sind auch nicht mehr hier?"
„Kaum vor einer halben Stunde sind die gnädige Frau weggefahren,"
versicherte jener. Ich rieb mir die Augen, um zu sehen, ob ich nicht
träume, aber es war und blieb so. Jean stand nach wie vor an meinem
Bette und hielt das Kaffeebrett in der Hand.
„Und Herr von Natas?" fragte ich kleinlaut.
„Ist noch hier. Ach, das ist ein goldener Herr. Wenn der nicht gewesen
wäre, wir wären heute nacht in die größte Verlegenheit gekommen."
„Wieso?"
„Nun bei der Fatalität mit der Frau von Trübenau. Wer hätte aber auch
dem gnädigen Herrn zugetraut, daß er so gut zur Ader zu lassen
verstünde?"
„Zur Ader lassen? Herr von Natas?"
„Ich sehe, der Herr Doktor sind sehr frühzeitig zu Bette gegangen und
haben eine ruhigere Nacht gehabt als wir."
Jean belehrte mich in leichtfertigem Ton: „Es mochte kaum elf Uhr
gewesen sein, die Geschichte mit der Polizei war schon vorbei--"
„Was für eine Geschichte mit der Polizei?"
„Nun, Nr. 15 ist vorn hinaus, und weil, mit Permiß zu sagen, dort ein
ganz höllischer Lärm war, so kam die Runde ins Haus und wollte
abbieten. Herr von Natas aber, der ein guter Bekannter des Herrn
Polizeileutnants sein muß, beruhigte sie, daß sie wieder weitergingen.
Also gleich nachher kam das Kammermädchen der Frau von Trübenau
herabgestürzt, ihre gnädige Frau wolle sterben. Sie können sich
denken, wie unangenehm so etwas in einem Gasthof nachts zwischen elf
und zwölf Uhr ist. Wir wie der Wind hinauf; auf der Treppe begegnet
uns Herr von Natas, fragt, was das Rennen und Laufen zu bedeuten habe,
hört kaum, wo es fehlt, so läuft er in sein Zimmer, holt sein Etui,
und ehe fünf Minuten vergehen, hat er der gnädigen Frau am Arm mit der
Lanzette eine Ader geöffnet, daß das Blut in einem Bogen aufsprang.
Sie schlug die Augen wieder auf, und es war ihr bald wohl; doch
versprach Herr von Natas, bei ihr zu wachen."
„Ei! was Sie sagen, Jean!" rief ich voll Verwunderung.
„Ja, warten Sie nur! Kaum ist eine Stunde vorbei, so ging der Tanz von
neuem los. Aus Nr. 18 läutete es, daß wir meinten, es brenne drüben in
Kassel. Des Herrn Ökonomierats Rosalie hatte ihre hysterischen Anfalle
bekommen. Der Alte mochte ein Glas über den Durst haben; denn er
sprach vom Teufel, der ihn und sein Kind holen wolle. Wir wußten
nichts anderes, als wieder unsere Zuflucht zu Herrn von Natas zu
nehmen. Er hatte versprochen, bei Frau von Trübenau mit dem
Kammermädchen zu wachen; aber, lieber Gott, geschlafen muß er haben
wie ein Dachs; denn wir pochten drei=, viermal, bis er uns Antwort
gab, und die Kammerkatze war nun gar nicht mehr zu erwecken."
„Nun, und ließ er der schönen Rosalie zur Ader?"
„Nein, er hat ihr, wie mir Lieschen sagte, Senfteig zwei Hand breit
aufs Herz gelegt, darauf soll es sich bald gegeben haben."
„Armer Professor!" dachte ich, „dein hübsches Röschen mit ihren
sechzehn Jährchen und dieser Natas in traulicher Stille der Nacht, ein
Pflaster ans das pochende Herz pappend."
„Der Herr Papa Ökonomierat war wohl sehr angegriffen durch die
Geschichte?" fragte ich, um über die Sache ins Klare zu kommen.
„Es schien nicht; denn er schlief schon, ehe noch Lieschen mit dem
Hirschhorngeist aus der Apotheke zurückkam. Aber es läutet im zweiten
Stock, und das gilt mir." Er sprach's und flog pfeilschnell davon.
So war auf einmal die lustige Gesellschaft zerstoben; und doch wußte
ich nicht, wie dies alles so plötzlich kommen konnte. Ich entsann mich
zwar, daß gestern bei dem Punsch etwas Sonderbares vorgefallen war;
was es aber gewesen sein mochte, konnte ich mich nicht erinnern.
Sollte Natas mir Aufschluß geben können? Doch, wenn ich recht
nachsann, mit Natas war etwas vorgefallen. Der Professor schwankte in
meiner Erinnerung umher--am besten deuchte mir, zu Natas zu gehen und
ihn um die Ursache des schnellen Aufbruchs zu befragen.
Ich warf mich in die Kleider, und ehe ich noch ganz mit der kurzen
Toilette fertig war, brachte mir ein Lohnlakai folgendes Billett:
„Ew. Wohlgeboren würden mich unendlich verbinden, wenn Sie vor meiner
Abreise von hier, die auf den Mittag festgesetzt ist, mich noch einmal
besuchen wollten. v. Natas."
Neugierig folgte ich diesem Ruf und traf den Freund reisefertig
zwischen Koffern und Kästchen stehen. Er kam mir mit seiner
gewinnenden Freundlichkeit entgegen, doch genierte mich ein
unverkennbarer Zug von Ironie, der heute um seinen Mund spielte und
den ich sonst nie an ihm bemerkt hatte.
Er lachte mich aus, daß ich mich vor den Damen als schwachen Trinker
ausgewiesen und einen Haarbeutel mir umgeschnallt habe, erzählte mir,
daß ich selig entschlafen sei, und fragte mich mit einem lauernden
Blick, was ich noch von gestern nacht wisse.
Ich teilte ihm meine verworrenen Erinnerungen mit, er belachte sie
herzlich und nannte sie Ausgeburten einer kranken Phantasie.
Die Abreise der ganzen Gesellschaft gab er einer großen
Herbstfeierlichkeit schuld, welche in Worms gehalten werde. Sie seien
alle, sogar der morose Ökonomierat, dorthin gereist, ihn selbst aber
riefen seine Geschäfte den Rhein hinab.
Die Zufälle der Trübenau und der schönen Rosalie maß er dem starken
Punsch bei und freute sich, durch Liebhaberei gerade so viele
medizinische Kenntnisse zu besitzen, um bei solchen kleinen Zufällen
helfen zu können.
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