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Mitteilungen aus den Memoiren des Satan V1

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Wir hörten den Wagen vorfahren, der Kellner meldete dies und brachte
von dem dankbaren Hotel eine Flasche des ältesten Rheinweins. Natas
hatte sie verdient, denn wahrlich, nur er hatte uns solange hier
gefesselt.

„Sie sind Schriftsteller, lieber Doktor?" fragte er mich, während wir
den narkotisch duftenden Abschiedstrunk ausschlürften.

„Wer pfuscht nicht heutzutage etwas in die Literatur?" antwortete ich
ihm. „Ich habe mich früher als Dichter versucht, aber ich sah bald
genug ein, daß ich nicht für die Unsterblichkeit singe. Ich griff
daher einige Töne tiefer und übersetzte unsterbliche Werke fremder
Nationen fürs liebe deutsche Publikum."

Er lobte meine bescheidene Resignation, wie er es nannte, und fragte
mich, ob ich mich entschließen könnte, die Memoiren eines berühmten
Mannes, die bis jetzt nur im Manuskript vorhanden seien, zu
übersetzen? „Vorausgesetzt, daß Sie dechiffrieren können, ist es eine
leichte Arbeit für Sie, da ich Ihnen den Schlüssel dazu geben würde
und das Manuskript im Hochdeutschen abgefaßt ist."

Ich zeigte mich, wie natürlich, sehr bereitwillig dazu. Dechiffrieren
verstand ich früher und hoffte es mit wenig Übung vollkommen zu
lernen. Er schloß ein schönes Kästchen von rotem Saffian auf und
überreichte mir ein vielfach zusammengebundenes Manuskript. Die
Zeichen krochen mir vor dem Auge umher wie Ameisen in ihren
aufgestörten Hügelchen; aber er gab mir den Schlüssel seiner
Geheimschrift, und die Arbeit schien mir noch einmal so leicht.

Wir umarmten uns und sagten uns Lebewohl. Unter warmem Dank für seine
Güte, die er noch zuletzt für mich gehabt, für die schönen Tage, die
er uns bereitet habe, begleitete ich ihn an den Wagen. Die Wagentüre
schloß sich, der Postillon hieb auf seine vier Rosse, sie zogen an,
und die interessante Erscheinung flog von hinnen; aber aus dem Innern
des Wagens glaubte ich jenes heisere Lachen zu vernehmen, das ich von
gestern her unter den Bruchstücken meiner Erinnerung bewahrte.

Als ich die Treppe hinanstieg, händigte mir der Oberkellner einen
Brief ein. Der Professor habe ihm solchen zu meinen eigenen Händen zu
übergeben befohlen; ich riß ihn auf--

„Verehrter, Wertgeschätzter!

„Ich bin im Begriff, mein Roß zu besteigen und aus dieser Höhle des
brüllenden Löwen zu entfliehen. Ich sage Ihnen schriftlich Lebewohl,
weil Sie aus der todähnlichen Betäubung, die Sie härter als uns alle
befallen hat, nicht zu wecken sind. Daß unser schönes Zusammenleben so
schauerlich enden mußte! Nicht wahr, lieber Zweifler, jetzt haben Sie
es klar, daß dieser Natas nichts anderes als der leibhaftige Satan
war!

„Er schaut mir vielleicht in diesem Augenblicke über die Schulter und
liest, was ich sage: aber dennoch schweige ich nicht. Den armen
Ökonomierat und sein Töchterlein, die blasse Trübenau, meine schöne
Thingen, den Hauptmann und den Oberforstmeister hat er in seinem Netz.
Gott gebe, daß er Sie nicht auch geködert hat. Mich hat er halb und
halb; denn ich habe allzu tief eingebissen in seine mit chemischen
Ideen bespickte Angel. Ich reiße mich los und mache, daß ich
fortkomme.

„Adieu, Bester! Montag, den 7. Oktober, früh 6 Uhr."

Jetzt kehrten meine Erinnerungen in Scharen zurück. Ja, es war der
Teufel, der sein Spiel mit uns gespielt hatte; es war der Teufel, dem
es gestern Spaß gemacht hatte, uns zu ängstigen; es mußten des Teufels
Memoiren sein, die ich in der Hand hielt.

Wer stand mir aber dafür, daß diese Schriftzüge mir nicht durch die
Augen ins Gehirn hinaufkrochen und mich wahnsinnig machten; und konnte
ich mich nicht gerade dadurch, daß ich den Dechiffreur und Dekopisten
des Satans machte, unbewußt in seine Leibeigenschaft hineinschreiben?

Ich packte die Handschrift in meinen Koffer und reiste dem Professor
nach, um ihn um Rat zu fragen. Aber in Worms traf ich keine Spur von
irgendeinem der lustigen Gesellschaft in den drei Reichskronen.
Entweder hat sie der Satan eingeholt und in seinem achtsitzigen Wagen
in sein ewiges Reich gehaudert, oder er hat mich in den April
geschickt. Das letztere schien mir wahrscheinlicher.

In Worms aber traf ich einen frommen Geistlichen, der an der Domkirche
angestellt war. Ich trug ihm meinen Fall vor und erhielt den Bescheid,
ich solle so viele Messen darüber lesen lassen, als das Manuskript
Bogen enthalte. Der Rat schien mir nicht übel. Ich reiste in meine
Heimat und schickte am nächsten Sonntag den ersten Satansbogen in die
Kirche. _Probatum est_; am Montag fing ich an zu dechiffrieren
und habe noch nicht das geringste Spukhafte weder an dem Papier noch
an mir bemerkt.

Von meinen Genossen in Mainz habe ich indessen wenig mehr gehört. Der
Professor fährt fort, durch seine Entdeckungen in der Chemie zu
glänzen, und ich fürchte, er ist auf dem Wege, dem Satan Gehör zu
geben, der ihn zu einem B e r z e l i u s machen will. Der Hauptmann
soll sich erschossen haben, Frau von Thingen aber, die schöne Witwe,
hat nach einer Anzeige im Hamburger Korrespondenten vor nicht gar
langer Zeit wieder geheiratet.

* * * * *




DIE STUDIEN DES SATAN AUF DER BERÜHMTEN UNIVERSITÄT ......EN.

„Betrogene Betrüger! Eure Ringe sind alle drei nicht
echt! der echte Ring vermutlich ging verloren."
Lessing, Nathan. III. 7.




FÜNFTES KAPITEL.

Einleitende Bemerkungen.


Alle Welt schreibt oder liest in dieser Zeit Memoiren; in den Salons
der großen und kleinen Residenzen, in den Ressourcen und Kasinos der
Mittelstädte, in den Tabagien und Kneipen der kleinen spricht man von
Memoiren, urteilt nach Memoiren und erzählt nach Memoiren, ja, es
könnte scheinen, es sei seit zwölf Jahren nichts Merkwürdiges mehr auf
der Erde als ihre Memoiren. Männer und Frauen ergreifen die Feder, um
den Menschen schriftlich darzutun, daß auch sie in einer merkwürdigen
Zeit gelebt, daß auch sie sich einst in einer Sonnennähe bewegt haben,
die ihrer sonst vielleicht gehaltlosen Person einen Nimbus von
Bedeutsamkeit verliehen.

Gekrönte Häupter, nicht zufrieden, sich aus ihrer früheren Grandezza,
wo sie, wie in der Bilderfibel, mit der Krone auf dem Haupt zu Bette
gingen, erhoben zu haben; nicht zufrieden damit, daß sie auf
Kurierreisen Europa von einem Ende bis zum andern durchfliegen, um
sich gegenseitig ihrer Freundschaft zu versichern, schreiben Memoiren
für ihre Völker, erzählen ihnen ihre Schicksale, ihre Reisen. Die
Mitwelt ist zur Nachwelt gemacht worden, man hat ihr einen neuen
Maßstab, wonach sie die Handlungen richte, in die Hände gegeben; es
sind die Memoiren.

Große Generale, berühmte Marschälle, weit entfernt, das Beispiel jenes
Römers nachzuahmen, der in der Muße des Friedens die Taten der
Legionen unter seiner Führung der Nachwelt würdig zu überliefern
glaubte, wenn er von sich nur immer in der dritten Person spräche,
haben den bescheideneren Weg eingeschlagen, sprechen von sich, wie es
Männern von solchem Gewichte ziemt, als ich, bauen aus ihren Memoiren
ein Odeon in verjüngtem Maßstabe und treten herzhaft vorne auf der
Bühne auf. Mit Schlachtstücken im großen Stil dekorieren sie die
Kulissen; Staatsmänner und berühmte Damen, die große Armee und ihre
lorbeerbekränzten Adler, die ganze Mitwelt stellen sie im Hintergrund
als Figuranten aus; sie selbst aber spielen ihre Sullas oder Brutus,
würdig des unsterblichen Talma.

_Mundus vult decipi_, d. i. die Leute lesen Memoiren; was hält mich
ab, denselben auch ein solches Gericht „Gerngesehen" vorzusetzen?

Man wendet vielleicht ein: „Der Schuster bleibe bei seinem Leisten,
der Satan hat sich nicht mit Memoirenschreiben abzugeben."

Ei! wirklich? Und wenn nun dieser Satan doch einen Beruf hätte,
Memoiren in die Welt zu streuen, wenn er doch so viel oder noch mehr
gesehen hätte als jene kriegerischen Diplomaten oder diplomatischen
Krieger, welche die Welt mit ihrem l i t e r a r i s c h e n Ruhme
anfüllen, nachdem die Bulletins ihrer Siege zu erwähnen aufgehört
haben; wenn nun dieser arme Teufel einen Drang in sich fühlte, auch
für einen _homo literatus_ zu gelten?

Ja, ich gestehe es mit Erröten, je länger ich mich in meinem lieben
Deutschland umhertreibe, desto unwiderstehlicher reißt es mich hin zu
schriftstellern; und wenn es den Damen erlaubt ist, die Finger mit
Tinte zu beschmutzen, so wird es doch dem Teufel auch noch erlaubt
sein?

Und da komme ich auf einen zweiten Punkt; man sagt vielleicht gegen
meine schriftstellerischen Versuche, ich sei kein Literatus, kein Mann
vom Gewerbe &c. Aber fürs erste habe ich soeben die Damen, welche,
wenn sie noch so gelehrt, doch keine Gelehrten von Profession sind,
anzuführen die Ehre gehabt; sodann berufe ich mich auf jene Söhne des
Lagers, die unter Gefahren groß geworden, unter Strapazen ergraut,
keine Zeit hatten, _Humaniora_ zu studieren, und dennoch so
glänzende Memoiren schreiben; ich behaupte drittens, daß das
Vorurteil, ich sei ein unstudierter Teufel, ganz falsch ist; denn ich
bin in _optima forma_ Doktor der Philosophie geworden, wie aus
meinen Memoiren zu ersehen, und kann das Diplom schwarz auf weiß
aufweisen.

Der Erzengel Gabriel, als ich ihn mit dem Plan, meine Memoiren
auszuarbeiten, bekannt machte, warnte mich mit bedenklicher Miene vor
den sogenannten Rezensenten. Er gab mir zu verstehen, daß ich übel
wegkommen könnte, indem solche niemand schonen, ja sogar neuerdings
selbst Doktoren der Theologie in Berlin, Halle und Leipzig hart
mitgenommen haben. Ich erwiderte ihm nicht ohne Gelehrsamkeit, daß das
Sprichwort _„clericus clericum non decimat" _ füglich auch auf
mein Verhältnis zu den Rezensenten angewandt werden könne; werde ich
ja doch schon im Alten Testament S a t a n, _adversarius_, das
ist Widersacher, genannt, was auch ganz auf jene passe; den
schlagendsten Beweis nehme ich aber aus dem Neuen Testament; dort
werde ich _diabolos_ oder Verleumder genannt; da nun _diaballein_
soviel als _acerbe recensere_, so müsse er, wenn er nur ein wenig Logik
habe, den Schluß von selbst ziehen können.

Der Erzengel bekam, wie natürlich, nicht wenig Respekt vor meiner
Gelehrsamkeit in Sprachen und meinte selbst, daß es mir auf diese Art
nicht fehlen könne.

Man wird bei Durchlesung dieser Mitteilungen aus meinen Memoiren
vielleicht nicht jenes systematische, ruhige Fortschreiten der Rede
finden, das den Werken tief denkender Geister so eigen zu sein pflegt.
Man wird kürzere und längere Bruchstücke aus meinem Walten und Treiben
auf der Erde finden und den inneren Zusammenhang vermissen.

Man tadle mich nicht deswegen; es war ja meine Absicht nicht, ein
Gemälde dieser Zeit zu entwerfen, man trifft deren genug in allen
soliden Buchhandlungen Deutschlands.

Der Memoirenschreiber hat seinen Zweck erreicht, wenn er sich und
seine Stellung zu der Zeit, welcher er angehört, darstellt und darüber
reflektiert, wenn er Begebenheiten entwickelt, die entweder auf ihn
oder die Mitwelt nähere oder entferntere Beziehung haben, wenn er
berühmte Zeitgenossen und seine Verhältnisse zu ihnen dem Auge
vorführt. Und diese Forderungen glaube ich in meinen Memoiren erfüllt
zu haben; sie sind es wenigstens, die mich bei meiner Arbeit leiteten,
die meine Kühnheit vor mir rechtfertigten, vor einem geehrten Publikum
als Schriftsteller aufzutreten. [Fußnote: Was der Satan hier ernsthaft
und gelehrt spricht, er gebärdet sich beinahe wie ein junger Kandidat
der Theologie, der seine erste Predigt drucken läßt! Anm. des
Herausgebers.]

Über Persönlichkeit, über berühmte Abstammung oder glänzende
Verhältnisse hat der Teufel nichts zu sagen. Was etwa darüber zu sagen
sein könnte, habe ich in dem Abschnitt „Besuch bei Goethe"
ausgesprochen und verweise daher den Leser dahin.

Fleißige Leser, d. s. solche, die Bogen für Bogen in einer
Viertelstunde überfliegen, mögen daher doch diesen Abschnitt nicht
überschlagen, da er sehr zu besserem Verständnis der übrigen
eingerichtet ist; sittsamen und ordentlichen Lesern habe ich hierüber
nichts zu sagen als: sie sollen das Buch weglegen, wenn sie sich
langweilen.


* * * * *


Ehe sein Diener mit dem zweiten Bogen aus der Messe zurückkommt, hat
der Unterzeichnete noch Zeit, einige Bemerkungen einzuflicken. Es
scheint ihm nämlich, der Satan besitze eine ziemliche Dosis Eitelkeit;
man bemerke nur, wie wichtig er von jenem Abschnitt spricht, worin er
über sich einige Bemerkungen macht; es wäre genug gewesen, wenn er nur
angedeutet hätte, daß dies oder jenes darin zu finden sei; aber dem
Leser zu empfehlen, er möchte doch den Abschnitt, in welchem jene
enthalten sind, nicht überschlagen, ist sehr anmaßend.

Sodann die Unordnung, in welcher er alles vorbringt! Ein anderer, wie
z. B. der Herausgeber, hätte doch, wenn auch nicht mit dem Taufschein,
was nun freilich beim Teufel nicht wohl möglich ist, doch wenigstens
mit der Begebenheit angefangen, die der Chronologie nach die erste
ist. Ich habe das Manuskript flüchtig durchblättert (zu lesen, ehe
jeder Bogen hinlänglich geweiht, nehme ich mich wohl in acht) und
fand, daß er mit Ereignissen anfängt, die der ganz neuen Zeit
angehören, und nachher im bunten Gemische Menschen und ihre Taten von
zehn, zwanzig Jahren auftreten läßt; man sieht wohl, daß er keine gute
Schule gehabt haben muß.

Zu größerer Deutlichkeit, und daß der geneigte Leser trotz dem Teufel
wählen kann, was er will, habe ich den Inhalt jedem einzelnen Kapitel
vorausgesetzt. D e r H e r a u s g e b e r.

* * * * *




SECHSTES KAPITEL.

Wie der Satan die Universität bezieht und welche Bekanntschaften er
dort macht.


Deutschland hat mir von jeher besonders wohlgefallen, und ich gestehe
es, es liegt diesem Geständnis ein kleiner Egoismus zugrunde; man
glaubt nämlich dort an mich wie an das Evangelium; jenen kühnen
philosophischen Wagehälsen, die auf die Gefahr hin, daß ich sie zu mir
nehme, meine Existenz geleugnet und mich zu einem lächerlichen Phantom
gemacht haben, ist es noch nicht gelungen, den glücklichen Kindersinn
dieses Volkes zu zerstören, in dessen ungetrübter Phantasie ich noch
immer schwarz wie ein Mohr, mit Hörnern und Klauen, mit Bocksfüßen und
Schweif fortlebe, wie ihre Ahnen mich gekannt haben.

Wenn andere Nationen durch die sogenannte Aufklärung so weit
hinaufgeschraubt sind, daß sie, ich schweige von einem Gott, sogar an
keinen Teufel mehr glauben, so sorgen hier unter diesem Volke sogar
meine Erbfeinde, die Theologen, dafür, daß ich im Ansehen bleibe. Hand
in Hand mit dem Glauben an die Gottheit schreitet bei ihnen der Glaube
an mich, und wie oft habe ich das mir so süße Wort aus ihrem Munde
gehört: „_Anathema sit_, e r g l a u b t a n k e i n e n
T e u f e l."

Ich kann mich daher recht ärgern, daß ich nicht schon früher auf den
vernünftigen Gedanken gekommen bin, meine freie Zeit auf einer
Universität zu verleben, um dort zu sehen, wie man mich von Semester
zu Semester systematisch traktiert.

Ich konnte nebenbei noch manches profitieren. Alle Welt ist jetzt
zivilisiert, fein, gesittet, belesen, gelehrt. Schon oft, wenn ich
einen guten Schnitt zu machen gedachte, fand es sich, daß mir ein
guter Schulsack, etwas Philosophie, alte Literatur, ja sogar etwas
Medizin fehle; zwar als das Magnetisieren aufkam, habe ich auch einen
Kursus bei Meßmer genommen und nachher manche glückliche Kur gemacht.
Aber damit ist es heutzutage nicht getan; daher die elenden
Redensarten, die in Deutschland kursieren: e i n d u m m e r T e u f
e l, e i n a r m e r T e u f e l, e i n u n w i s s e n d e r
T e u f e l, was offenbar auf meine vernachlässigte wissenschaftliche
Bildung hindeuten soll.

Es ist noch kein Gelehrter vom Himmel gefallen, und ich bin vom Himmel
gefallen, aber nicht als gelehrt; darum entschloß ich mich, zu
studieren, und womöglich es in der Philosophie so weit zu bringen, daß
ich ein ganz neues System erfände, wovon ich mir keinen geringen
Erfolg versprach. Ich wählte -----en und zog im Herbst des Jahres 1819
daselbst auf.

Ich hatte, wie man sich denken kann, nicht versäumt, mich meinem neuen
Stande gemäß zu kostümieren. Mein Name war v o n B a r b e, meine
Verhältnisse glänzend, das heißt, ich brachte einen großen Wechsel
mit, hatte viel bar Geld, gute Garderobe und hütete mich wohl, als
Neuling oder, wie man sagt, als Fuchs aufzutreten; sondern ich hatte
schon allenthalben studiert, mich in der Welt umgesehen.

Kein Wunder, daß ich schon den ersten Abend höfliche Gesellschafter,
den nächsten Morgen vertraute Freunde und am zweiten Abend Brüder auf
Leben und Tod am Arme hatte. Man denkt vielleicht, ich übertreibe;
wäre ich Kavalier, so würde ich auf Ehre versichern und „Hol' mich der
Teufel" als Verstärkungspartikel dazu setzen (denn „Auf Ehre" und
„Hol' mich der Teufel" verhalten sich zu einander wie der Spiritus
lenis zum Spiritus asper), in meiner Lage kann ich bloß meine Parole
als Satan geben.

Es waren gute Jungen, die ich da fand. Es begab sich dies aber
folgendermaßen: Man kann sich denken, daß ich nicht unvorbereitet kam;
wer die deutschen Universitäten nur entfernt kennt, weiß, daß ein an
Sprache, Sitte, Kleidung und Denkungsart von der übrigen Welt ganz
verschiedenes Volk dort wohnt. Ich las des unsterblichen Herrn von
Schmalz Werke über die Universitäten, Sands Aktenstücke, Haupt über
Burschenschaften und Landsmannschaften &c., ward aber noch nicht recht
klug daraus und merkte, daß mir noch manches abging. Der Zufall half
mir aus der Not. Ich nahm in F. eine Retourchaise; mein Gesellschafter
war ein alter Student, der seit acht Jahren sich auf die Medizin
legte. Er hatte das _savoir vivre_ eines alten Burschen, und ich
befliß mich, in den sechs Stunden, die ich mit ihm der Musenstadt
zufuhr, an ihm meine Rolle zu studieren.

Es war ein großer, wohlgewachsener Mann von vier= bis fünfundzwanzig
Jahren, sein Haar war dunkel und mochte früher nach heutiger Methode
zugeschnitten sein, hing aber, weil der Studiosus die Kosten scheute,
es scheren zu lassen, unordentlich um den Kopf; doch bemühte er sich,
solches oft mit fünf Fingern aus der Stirne zu frisieren. Sein Gesicht
war schön, besonders Nase und Mund edel und fein geformt, das Auge
hatte viel Ausdruck; aber welch sonderbaren Eindruck machte es! Das
Gesicht war von der Sonne rotbraun angelaufen; ein großer Bart
wucherte von den Schläfen bis zum Kinn herab, und um die feinen Lippen
hing ein vom Bier geröteter Henriquatre.

Sein Mienenspiel war schrecklich und lächerlich zugleich; die
Augenbrauen waren zusammengezogen und bildeten düstere Falten, das
Auge blickte streng und stolz um sich her und maß jeden Gedanken mit
einer Hoheit, einer Würde, die eines Königssohnes würdig gewesen wäre.

Über die untern Partien des Gesichtes, namentlich über das Kinn,
konnte ich nicht recht klug werden; denn sie steckten tief in der
Krawatte. Diesem Kleidungsstück schien der junge Mann bei weitem mehr
Sorgfalt gewidmet zu haben als dem übrigen Anzug; diese beiläufig
einen halben Schuh Höhe messende Binde von schwarzer Seide zog sich,
ohne ein Fältchen zu werfen, von dem Kinn inklusive bis auf das
Brustbein exklusive und bildete auf diese Art ein feines Mauerwerk,
auf welchem der Kopf ruhte; seine Kleidung bestand in einem weißgelben
Rock, den er Flaus, in zärtlichen Augenblicken wohl auch Gottfried
nannte und welchem er von Speisen und Getränken mitteilte; dieser
Gottfried Flaus reichte bis eine Spanne über das Knie und schloß sich
eng um den ganzen Leib; auf der Brust war er offen und zeigte, soviel
die Krawatte sehen ließ, daß der Herr Studiosus mit Wäsche nicht gut
versehen sein müsse.

Weite, wellenschlagende Beinkleider von schwarzem Sammet schlossen
sich an das Oberkleid an; die Stiefel waren zierlich geformt und
dienten ungeheuren Sporen von poliertem Eisen zur Folie.

Auf dem Kopfe hatte der Studiosus ein Stückchen rotes Tuch in Form
eines umgekehrten Blumenscherbens gehängt, das er mit vieler Kunst
gegen den Wind zu balancieren wußte; es sah komisch aus, fast, wie
wenn man mit einem kleinen Trinkglas ein großes Kohlhaupt bedecken
wollte.

Ich hatte Zachariäs unsterblichen Renommisten zu gut studiert, um
nicht zu wissen, daß, sobald ich mir eine Blöße gegen den Herrn Bruder
gebe, sein Respekt vor mir auf ewig verloren sei; ich merkte ihm daher
sein Augenbrauenfalten, sein ernstes, abmessendes Auge, soviel es
ging, ab und hatte die Freude, daß er mich gleich nach der ersten
Stunde auffallend vor dem „Philister und dem Florbesen," auf deutsch,
einem alten Professor und seiner Tochter, welche unsere übrige
Reisegesellschaft ausmachten, auszeichnete. In der zweiten Stunde
hatte ich ihm schon gestanden, daß ich in Kiel studiert und mich schon
einigemal mit Glück geschlagen habe, und ehe wir nach ------en
einfuhren, hatte er mir versprochen, eine „fixe Kneipe," das heißt
eine anständige Wohnung, auszumitteln, wie auch mich unter die Leute
zu bringen.

Der Herr Studiosus Würger, so hieß mein Gesellschafter, ließ an einem
Wirtshaus vor der Stadt anhalten und lud mich ein, seinem Beispiele zu
folgen und hier auf die Beschwerden der Reise ein Glas zu trinken. Die
ganze Fensterreihe des Wirtshauses war mit roten und schwarzen Mützen
bedeckt; es war nämlich eine gute Anzahl der Herren Studiosi hier
versammelt, um die neuen Ankömmlinge, die gewöhnlich am Anfang des
Semesters einzutreffen pflegten, nach gewohnter Weise zu empfangen.
Würger, der alte, „längst bemooste" Bursche, hatte sich schon
unterwegs mit dem Gedanken gekitzelt, daß seine Kameraden uns für
„Füchse" halten würden, und wirklich traf seine Vermutung ein.

Ein Chorus von wenigstens dreißig Bässen scholl von den Fenstern
herab; sie sangen ein berühmtes Lied, das anfängt: „Was kommt dort von
der Höh'?" Während des Gesanges entstieg mein Gefährte majestätisch
der Chaise, und kaum hatte er den Boden berührt, so erhob er sein
furchtbares Haupt und schrie zu den Fenstern empor:

„Was schlagt ihr für einen Randal auf, Kamele! Seht ihr nicht, daß
zwei alte Häuser aus diesem Philisterkarren gestiegen kommen?" (Auf
deutsch: Lärmt doch nicht so sehr, meine Herren, Sie sehen ja, daß
zwei alte Studenten aus dem Wagen steigen.)

Der allgemeine Jubel unterbrach den erhitzten Redner. „Würger! Du
altes fides Haus!" schrien die Musensöhne und stürzten die Treppe
herab in seine Arme; die Raucher vergaßen, ihre langen Pfeifen
wegzulegen, die Billardspieler hielten noch ihre Queues in der Hand.
Sie bildeten eine Leibwache von sonderbarer Bewaffnung um den
Angekommenen.

Doch der Edelmütige vergaß in seiner Glorie auch meiner nicht, der ich
bescheiden auf der Seite stand, er stellte mich den ältesten und
angesehensten Männern der Gesellschaft vor, und ich wurde mit
herzlichem Handschlag von ihnen begrüßt. Man führte uns in wildem
Tumult die Treppe hinan, man setzte mich zwischen zwei bemooste
Häupter an den Ehrenplatz, gab mir ein großes Paßglas voll Bier, und
ein Fuchs mußte dem neuen Ankömmling seine Pfeife abtreten.

So war ich denn in -----en als Student eingeführt, und ich gestehe,
es gefiel mir so übel nicht unter diesem Völkchen. Es herrschte ein
offener, zutraulicher Ton, man brauchte sich nicht in Fesseln der
Konvenienz, die gewiß dem Teufel am lästigsten sind, umherzuschleppen,
man sprach und dachte, wie es einem gerade gefiel. Wenn man bedenkt,
daß ich gerade im Herbst 1819 dorthin kam, so wird man sich nicht
wundern, daß ich mich von Anfang gar nicht recht in die Konversation
zu finden wußte. Denn einmal machten mir jene Kunstwörter (_termini
technici_), von welchen ich oben schon eine kleine Probe gegeben
habe, viel zu schaffen; ich verwechselte oft „Sau", was Glück, mit
„Pech", was Unglück bedeutet, wie auch „holzen", mit einem Stock
schlagen, mit „pauken", mit andern Waffen sich schlagen.

Aber auch etwas anderes fiel mir schwer; wenn nämlich nicht von
Hunden, Paukereien, Besen oder dergleichen gesprochen wurde, so fiel
man hinter dem Bierglas in ungemein transzendentale Untersuchungen,
von denen ich anfangs wenig oder gar nichts verstand; ich merkte mir
aber die Hauptworte, welche vorkamen, und wenn ich auch in die
Konversation gezogen wurde, so antwortete ich mit ernster Miene:
„Freiheit, Vaterland, Deutschtum, Volkstümlichkeit".

Da ich nun überdies ein großer Turner war und eigentlich t e u f e l s
m ä ß i g e Sprünge machen konnte, da ich mir überdies nach und nach
langes Haar wachsen ließ, solches fein scheitelte und kämmte, einen
zierlich ausgeschnittenen Kragen über den deutschen Rock herauslegte,
mich auch auf die Klinge nicht übel verstand, so war es kein Wunder,
daß ich bald in großes Ansehen unter diesem Volke kam. Ich benutzte
diesen Einfluß so viel als möglich, um die Leute nach meinen Ansichten
zu leiten und zu erziehen und sie „für die Welt zu gewinnen".

Es hatte sich nämlich unter einem großen Teil meiner Kommilitonen ein
gewisser frömmelnder Ton eingeschlichen, der mir nun gar nicht behagte
und nach meiner Meinung sich auch nicht für junge Leute schickte. Wenn
ich an die jungen Herren in London und Paris, in Berlin, Wien,
Frankfurt usw. dachte, an die vergnügten Stunden, die ich in ihrem
Kreise zubrachte; wenn ich diese Leute dagegenhielt, die ihren
schönen, hohen Wuchs, ihre kräftigen Arme, ihren gesunden Verstand,
ihre nicht geringen Kenntnisse nur auf dem Turnplatz, nicht im
Tanzsaal, nur zu überschwenglichen Ideen und Idealen, nicht zu
lebhaftem Witz, zu feinem Spott, der das Leben würzt und aufregt,
anwenden sah, wenn ich sie, statt schönen Mädchen nachzufliegen, in
die Kirche schleichen sah, um einen ihrer orthodoxen Professoren
anzuhören, so konnte ich ein widriges Gefühl in mir nicht
unterdrücken.

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