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Mitteilungen aus den Memoiren des Satan V1

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Sobald ich daher festen Fuß gefaßt hatte, zog ich einige lustige
Brüder an mich, lehrte sie neue Kartenspiele, sang ihnen ergötzliche
Lieder vor, wußte sie durch Witz und dergleichen so zu unterhalten,
daß sich bald mehrere anschlossen. Jetzt machte ich kühnere Angriffe.
Ich stellte mich Sonntags mit meinen Gesellen vor die Kirchtüre,
musterte mit geübtem Auge die vorübergehenden Damen, zog dann, wenn
die Schäflein innen waren und der Küster den Stall zumachte, mit den
Meinigen in ein Wirtshaus der Kirche gegenüber und bot alles auf, die
Gäste besser zu unterhalten als der Doktor N. oder der Professor N. in
der Kirche seine Zuhörer.

Ehe drei Wochen vergingen, hatte ich die größere Partei auf meiner
Seite. Die Frömmeren schrien von Anfang über den rohen Geist, der
einreiße, und gaben zu bemerken, daß wir christliche Burschen seien;
aber es half nichts, meine Persiflagen hatten so gute Wirkung getan,
daß sie sich am Ende selbst schämten, in der Kirche gesehen zu werden,
und es gehörte zum guten Ton, jeden Sonntag vor der Kirchtüre zu sein;
aber bis hieher und nicht weiter. Die Wirtshäuser waren gefüllter als
je, es wurde viel getrunken, ja es riß die Sitte ein, Wettkämpfe im
Trinken zu halten, und, man wird es kaum glauben, es gab sogar
eigentliche Kunsttrinker!

Es predigte zwar mancher gegen das einreißende Verderben, aber die
Altdeutschen trösteten sich damit, daß ihre „Altvordern" auch durch
Trinken exzelliert haben; die Frömmsten ließen sich große Humpen
verfertigen und zwangen und mühten sich so lange, bis sie wie Götz von
Berlichingen oder gar wie Hermann der Cherusker schlucken konnten. Den
Feineren, Gebildeteren war es natürlich von Anfang auch ein Greuel;
ich verwies sie aber auf eine Stelle bei Jean Paul. Er sagt nämlich in
seinem unübertrefflichen Quintus Fixlein:

„Jerusalem bemerkt schön, daß die Barbarei, die oft hart hinter dem
schönsten, buntesten Flor der Wissenschaften aufsteigt, eine Art von
stärkendem Schlammbad sei, um die Überfeinerung abzuwenden, mit der
jener Flor bedrohe; ich glaube, daß einer, der erwägt, wie weit die
Wissenschaften bei einem Studierenden steigen, dem Musensohne ein
gewisses barbarisches Mittelalter--das sogenannte Burschenleben--
gönnen werde, das ihn wieder so stählt, daß die Verfeinerung nicht
über die Grenze geht."

Wenn ein Meister wie Jean Paul, dem ich hiermit für diese Stelle
meinen herzlichen Dank öffentlich sage, also sich ausspricht, was
konnten die Kleinmeister und Jünger dagegen? Sie setzten sich auch in
die schwarzgerauchte Kneipe, „verschlammten" sich recht tüchtig in dem
„barbarischen Mittelalter" und hatten kraft ihres inwohnenden Genies
meine älteren Zöglinge bald überholt.

* * * * *




SIEBENTES KAPITEL.

Satan besucht die Kollegien; was er darin lernte.


Indessen ich auf die beschriebene Weise praktisch lebte und Leben
machte, vergaß ich auch das _dic cur hic_ nicht und legte mich
mit Ernst aufs T h e o r e t i s c h e. Ich hörte die Philosophen und
Theologen und hospitierte nicht unfleißig bei den Juristen und
Medizinern. Ich hatte, um zuerst über die Philosophen zu reden, von
einem der hellsten Lichter jener Universität, wenn in der Ferne von
ihm die Rede war, oft sagen hören, d e r K e r l h a t d e n T e u
f e l i m L e i b. Eine solche geheimnisvolle Tiefe, wollte man
behaupten, solche überschwengliche Gedanken, solche Gedrungenheit des
Stils, eine so hinreißende Beredsamkeit sei noch nicht gefunden worden
in Israel. Ich habe ihn gehört und verwahre mich feierlich vor jenem
Urteil, als ob ich in ihm gesessen wäre. Ich habe schon viel
ausgestanden in der Welt, ich bin sogar Ev. Matthäi VIII., 31 und 32
in die Säue gefahren, aber in einen solchen Philosophen?--Nein, da
wollte ich mich doch bedankt haben!

Was der gute Mann in seinem schläfrigen, unangenehmen Ton vorbrachte,
war für seine Zuhörer so gut als Französisch für einen Eskimo. Man
mußte alles gehörig ins Deutsche übersetzen, ehe man darüber ins klare
kam, daß er ebensowenig fliegen könne wie ein anderer Mensch auch. Er
aber machte sich groß, weil er aus seinen Schlüssen sich eine
himmelhohe Jakobsleiter gezimmert und solche mit mystischem Firnis
angepinselt hatte; auf dieser kletterte er nun zum blauen Äther hinan,
versprach aus seiner Sonnenhöhe herabzurufen, was er geschaut habe, er
stieg und stieg, bis er den Kopf durch die Wolken stieß, blickte
hinein in das reine Blau des Himmels, das sich auf dem grünen
Grasboden noch viel hübscher ausnimmt als oben, und sah, wie Sancho
Pansa, als er auf dem hölzernen Pferd zur Sonne ritt, unter sich die
Erde so groß wie ein Senfkorn und die Menschen wie Mücken, über sich--
nichts.

Sie kommen mir vor, die guten Leute dieser Art, wie die Männer von
Babel, die einen großen Leuchtturm bauen wollten für alles Volk, damit
sich keiner verlaufe in der Wüste, und siehe da, der Herr verwirrte
ihre Sprache, daß weder Meister noch Gesellen einander mehr
verstanden.

Da lobe ich mir einen andern der dortigen Philosophen; er las über die
Logik und deduzierte jahrein, jahraus, daß zweimal zwei vier sei, und
die Herren Studiosi schrieben ganze Stöße von Heften, daß zweimal zwei
vier sei. Dieser Mann blieb doch ordentlich im Blachfeld und wanderte
seinem Ziele mit größerer Gelassenheit zu als seine illustren
Kollegen, die, wenn ein anderer ihr Gewäsche nicht Evangelium nannte,
Antikritiken und Metakritiken der Antikritiken in alle Welt
aussandten.

Ich gestehe redlich, der Teufel amüsiert sich schlecht bei so
bewandten Dingen. Ich schlug den Weg zu einem andern Hörsaal ein, wo
man über die Seele des Menschen dozierte. Gerechter Himmel! Wenn ich
so viel Umstände machen müßte, um eine liederliche Seele in mein
Fegefeuer zu deduzieren! Der Mensch auf dem Katheder malte die Seele
auf eine große, schwarze Tafel und sagte: „So ist sie, meine Herren!"
Damit war er aber nicht zufrieden; er behauptete, sie sitze oben in
der Zirbeldrüse.

Ich quittierte die Philosophen und besuchte die Theologen. Um meine
Leute näher kennen zu lernen, beschloß ich, an einem Sonntag nach der
Kirche einem oder dem andern meine Visite abzustatten. Ich kleidete
mich ganz schwarz, daß ich ein ziemlich theologisches Air hatte, und
trat meinen Marsch an. Man hatte mir vorhergesagt, ich sollte keinen
zu voreiligen Schluß auf den reinen und frommen Charakter dieser
Männer machen, sie seien etwas nach dem alttestamentlichen Kostüm,
vernachlässigen äußere Bildung und fallen dadurch leicht ins
Linkische.

Mein Herz mit Geduld gewaffnet, trat ich in das Zimmer des ersten
Theologen. Aus einer bläulichen Rauchwolke erhob sich ein dicker
ältlicher Mann in einem großgeblümten Schlafrock, eine ganz schwarze
Meerschaumpfeife in der Hand. Er machte einen kurzen Knix mit dem Kopf
und sah mich dann ungeduldig und fragend an. Ich setzte ihm
auseinander, wie mich die Philosophie gar nicht befriedige und daß ich
gesonnen sei, einige theologische Kollegien zu besuchen. Er murmelte
einige unverständliche, aber wie es schien, gelehrte Bemerkungen,
verzog beifällig lächelnd den Mund und schritt im Zimmer auf und ab.

Ich setzte die Einladung, ihn auf seinem Spaziergang zu begleiten,
voraus und schritt in ebenso gravitätischen Schritten neben ihm her,
indem ich aufmerksam lauschte, was sein gelehrter Mund weiter
vorbringen werde. Vergebens! Er grinste hier und da noch etwas
Weniges, sprach aber kein Wort weiter, wenigstens verstand ich nichts
als die Worte: „Pfeife rauchen?" Ich merkte, daß er mir höflich eine
Pfeife anbiete, konnte aber keinen Gebrauch davon machen; denn er
rauchte wahrhaftig eine gar zu schlechte Nummer.

Ich habe mir schon lange abgewöhnt, über irgend etwas in Verlegenheit
zu geraten, sonst hätte dieses absurde Schweigen des Professors mich
gänzlich außer Fassung gebracht. So aber ging ich gemächlich neben ihm
her, kehrte um, wenn er umkehrte, und zählte die Schritte, die sein
Zimmer in der Länge maß. Nachdem ich das alte Ameublement, die
verschiedenen Kleider= und Wäscherudera, die auf den Stühlen
umherlagen, das wunderliche Chaos seines Arbeitstisches gemustert
hatte, wagte ich meine prüfenden Blicke an den Professor selbst. Sein
Aussehen war höchst sonderbar. Die Haare hingen ihm dünn und lang um
die Glatze, die gestrickte Schlafmütze hielt er unter dem Arm. Der
Schlafrock war an den Ellbogen zerrissen und hatte verschiedene
Löcher, die durch Unvorsichtigkeit hineingebrannt schienen. Das eine
Bein war mit einem schwarzseidenen Strumpf und der Fuß mit einem
Schnallenschuh bekleidet, der andere stak in einem weiten,
abgelaufenen Filzpantoffel, und um das halbentblößte Bein hing ein
gelblicher Socken. Ehe ich noch während des unbegreiflichen
Stillschweigens des Theologen meine Bemerkungen weiter fortsetzen
konnte, wurde die Türe aufgerissen, eine große, dürre Frau, mit der
Röte des Zorns auf den schmalen Wangen, stürzte herein.

„Nein, das ist doch zu arg, Blasius!" schrie sie, „der Küster ist da
und sucht dich zum Abendmahl. Der Dekan steht schon vor dem Altar, und
du steckst noch im Schlafrock!"

„Weiß Gott, meine Liebe," antwortete der Doktor gelassen, „das habe
ich häßlich vergessen! Doch sieh, einen Fuß hatte ich schon zum
Dienste des Herrn gerüstet, als mir ein Gedanke einfiel, der den
Doktor Paulus weidlich schlagen muß."

Ohne darauf zu achten, daß er sich beinahe der letzten Hülle beraube,
wollte er eilfertig den Schlafrock herunterreißen, um auch seinen
übrigen Kadaver zum Dienste des Herrn zu schmücken. Sein Eheweib aber
stellte sich mit einer schnellen Wendung vor ihn hin und zog die
weiten Falten ihrer Kleider auseinander, daß vom Professor nichts mehr
sichtbar war.

„Sie verzeihen, Herr Kandidat," sprach sie, ihre Wut kaum
unterdrückend. „Er ist so im Amtseifer, daß Sie ihn entschuldigen
werden. Schenken Sie uns ein andermal das Vergnügen. Er muß jetzt in
die Kirche."

Ich ging schweigend nach meinem Hut und ließ den Ehezärter unter den
Händen seiner liebenswürdigen Xanthippe. „Ein schöner Anfang in der
Theologie!" dachte ich, und die Lust, die übrigen geistlichen Männer
zu besuchen, war mir gänzlich vergangen. Doch beschloß ich, einige
Vorlesungen mit anzuhören, was ich auch den Tag nachher ausführte.

Man denke sich einen weiten, niedrigen Saal, vollgepfropft mit jungen
Leuten in den abenteuerlichsten Gestalten. Mützen von allen Farben und
Formen, lange herabwallende, kurze emporsteigende Haare, Bärte, deren
sich ein Sappeur der alten Garde nicht hätte schämen dürfen, und
kleine, zierliche Stutzbärtchen, galante Fräcke und hohe Krawatten,
neben deutschen Röcken und ellenbreiten Hemdenkragen. So saßen die
jungen geistlichen Herren im Kollegium. Vor sich hatte jeder eine
Mappe, einen Stoß Papier, Tinte und Feder, um die Worte der Weisheit
gleich _ad notam_ zu nehmen. „O Platon und Sokrates!" dachte ich,
„hätten eure Studiosen und Akademiker nachgeschrieben, wie manches
Wort tiefer, heiliger Weisheit wäre nicht umsonst verrauscht; wie
majestätisch müßten sich die Folianten von _Socratis opera_ in
mancher Bibliothek ausnehmen!"--

Jetzt wurden alle Häupter entblößt. Eine kurze, dicke Gestalt drängte
sich durch die Reihen der jungen Herren dem Katheder zu, es war der
Doktor Schnatterer, den ich gestern besucht hatte. Mit Wonnegefühl
schien er die Versammlung zu überschauen, hustete dann etwas weniges
und begann:

„Hochachtbare, Hochansehnliche!" (damit meinte er die, welche sechs
Taler Honorar zahlten).

„Wertgeschätzte!" (die, welche das gewöhnliche Honorar zahlten).

„Meine Herren!" (das waren die, welche nur die Hälfte oder aus Armut
gar nichts entrichteten). Und nun hob er seinen Sermon an, die Federn
rasselten, das Papier knirschte, er aber schaute herab wie der Mond
aus Regenwolken.

Ich hätte zu keiner gelegeneren Zeit diese Vorlesungen besuchen
können; denn der Doktor behandelte gerade den Abschnitt _de angelis
malis_, worin ich vorzüglich traktiert zu werden hoffen durfte.
Wahrhaftig, er ließ mich nicht lange warten. „Der Teufel", sagte er,
„überredete die ersten Menschen zur Sünde und ist noch immer gegen das
ganze Menschengeschlecht feindlich gesinnt." Nach diesem Satz hoffte
ich nun eine philosophische Würdigung dieses Teufelsglaubens zu hören;
aber weit gefehlt. Er blieb bei dem ersten Wort T e u f e l stehen und
daß mich die Juden Beelzebub geheißen hätten. Mit einem Aufwand von
Gelehrsamkeit, wie ich sie hinter dem armen Schlafrock nicht gesucht
hätte, warf er nun das Wort Beelzebub drei Viertelstunden lang hin und
her. Er behauptete, die einen erklären, es bedeute einen
Fliegenmeister, der die Mücken aus dem Lande treiben solle, andere
nehmen das Sephub nicht von den Mücken, sondern als A n k l a g e, wie
die Chaldäer und Syrier. Andere erklären Sephub als Grab, _Sepulcrum_.
Die Federn schwirrten und flogen, so tiefe Gelehrsamkeit hört man nicht
alle Tage. Zu jenen paar Erklärungen hatte er aber volle drei
Viertelstunden verwendet, denn die Zitate aus heiligen und profanen
Skribenten nahmen kein Ende. Von Anfang hatte es mir vielen Spaß
gemacht, die Dogmatik auf solche Weise getrieben und namentlich den
Satan so gründlich anatomiert zu sehen. Aber endlich machte es mir doch
Langeweile, und ich wollte schon meinen Platz verlassen, um dem
unendlichen Gewäsch zu entfliehen, da ruhte der Doktor einen Augenblick
aus, die Schnupftücher wurden gebraucht, die Füße wurden in eine
andere Lage gebracht, die Federn ausgespritzt und neu beschnitten--
alles deutete darauf hin, daß jetzt ein Hauptschlag geschehen werde.

Und es war so. Der große Theologe, nachdem er die Meinungen anderer
aufgeführt und gehörig gewürdigt hatte, begann jetzt mit Salbung und
Würde seine eigene Meinung zu entwickeln.

Er sagte, daß alle diese Erklärungen nichts taugen, indem sie keinen
passenden Sinn geben. Er wisse eine ganz andere und glaube sich in
diesem Stück noch über Michaelis und Döderlein stellen zu dürfen. Er
lese nämlich Saephael, und das bedeute Kot, Mist und dergleichen. Der
Teufel oder Beelzebub wäre also hier der H e r r im D r e c k, der
U n r e i n l i c h e, _to pneuma akatharton_, der Stinker genannt,
wie denn auch im Volksglauben mit den Erscheinungen des Satans ein
gewisser unanständiger Geruch verbunden sei.

Ich traute meinen Ohren kaum. Eine solche Sottise war mir noch nie
vorgekommen. Ich war im Begriff, den orthodoxen Exegeten mit dem
nämlichen Mittel zu bedienen, das einst Doktor Luther, welcher gar
keinen Spaß verstand, an mir probierte, ihm nämlich das nächste beste
Tintenfaß an den Kopf zu werfen; aber es fiel mir bei, wie ich mich
noch besser an ihm rächen könnte; ich bezähmte meinen Zorn und schob
meine Rache auf.

Der Doktor aber schlug im Bewußtsein seiner Würde das Heft zu, stand
auf, bückte sich nach allen Seiten und schritt nach der Türe. Die
tiefe Stille, welche im Saal geherrscht hatte, löste sich in ein
dumpfes Gemurmel des Beifalls auf.

„Welch ein gelehrter Mann, welch tiefer Denker, welche Fülle der
tiefsten Gelehrsamkeit!" murmelten die Schüler des großen Exegeten.
Emsig verglichen sie untereinander ihre Hefte, ob ihnen auch kein
Wörtchen von seinen schlagenden Beweisen, von seinen kühnen
Behauptungen entgangen sei. Und wie glücklich waren sie, wenn auch
kein Jota fehlte, wenn sie hoffen durften, ein dickes, reinliches,
vollständiges Heft zu bekommen.

Sobald sie aber die teuern Blätter in den Mappen hatten, waren sie die
Alten wieder. Man stopfte sich die ellenlangen Pfeifen, man setzte die
Mütze kühn auf das Ohr, zog singend oder den großen Hunden pfeifend
ab, und wer hätte den Jünglingen, die im Sturmschritt dem nächsten
Bierhaus zuzogen, angesehen, daß sie die Stammhalter der Orthodoxie
seien und _recta via_ von der kühnsten Konjektur des großen
Dogmatikers herkommen?

So schloß sich mein erster theologischer Unterricht; ich war, wenn
nicht an Weisheit und Einsicht, doch um einen Begriff meiner selbst,
an den ich nie gedacht hätte, reicher geworden.

Ich schwor mir selbst mit den heiligsten Schwüren, keinen Theologen
dieser finstern Schule mehr zu hören. Denn, wenn der Oberste unter
ihnen solche krassen Begriffe zu Markte brachte, was durfte ich von
den übrigen hoffen? Aber der orthodoxen Saephael= oder Dr--ck=Seele
hatte ich Rache geschworen, und ich war Manns genug dazu, sie
auszuführen.

* * * * *




ACHTES KAPITEL

Der Satan bekommt Händel und schlägt sich. Folgen davon.


Indessen ereignete sich etwas anderes, das ich hier nicht übergehen
darf, weil es als ein Kommentar zu den Sitten des wunderlichen Volkes,
unter welchem ich lebte, dienen kann. Ich hatte schon seit einiger
Zeit fleißig die Anatomie besucht, um auch die Ärzte kennen zu lernen.
Da geschah es eines Tages, daß ich mit mehreren Freunden um einen
Kadaver beschäftigt war, indem ich ihnen durch Zergliederung der
Organe des Gehirns, des Herzens usw. die Nichtigkeit des Glaubens an
Unsterblichkeit darzutun suchte.

Auf einmal hörte ich hinter mir eine Stimme: „Pfui Teufel, wie
riecht's hier!"

Ich wandte mich rasch um und erblickte einen jungen Theologen, der
mich schon in jener dogmatischen Vorlesung durch den Eifer und das
Wohlbehagen, mit welchem er die unsinnige Konjektur des Professors
niederschrieb, gegen sich aufgebracht hatte. Als ich nun diese
Äußerung: „ Pfui Teufel, wie riecht's hier!" die ich in jenem
Augenblick aus des Theologen Munde nur auf mich, als den „Herrn im
Kot", bezog, hörte, sagte ich ihm ziemlich stark, daß ich mir solche
Gemeinheiten und Anzüglichkeiten verbitte.

Nach dem uralten heiligen Gesetzbuche der Burschen, das man Komment
heißt, war dies eine Beschimpfung, die nur mit Blut abgewaschen werden
konnte. Der Theologe, ein tüchtiger Raufer, ließ mich daher am andern
Tage sogleich fordern. Ein solcher Spaß war mir erwünscht; denn wer
sein Ansehen unter seinen Kommilitonen behaupten wollte, mußte sich
damals geschlagen haben, obgleich das Duell an sich, von meinen
Freunden als etwas Unvernünftige, Unnatürliches angesehen wurde. Ich
hatte meinen Gegner bestimmen lassen, die Sache an einem
Vergnügungsort, eine Stunde vor der Stadt, auszumachen, und beide
Parteien erschienen zur bestimmten Zeit an Ort und Stelle.

Feierlich wurde jeder einzelne in ein Zimmer geführt, der Oberrock ihm
ausgezogen und der „Paukwichs", das heißt die Rüstung, in welcher das
Duell vor sich gehen sollte, angelegt. Diese Rüstung oder der
Paukwichs bestand in einem Hut mit breiter Krempe, die dem Gesicht
hinlänglichen Schutz verlieh, einer ungeheuern, fußbreiten Binde, die
über den Bauch geschnallt wurde. Sie war von Leder, gepolstert und mit
der Farbe der Verbindung, zu welcher man gehörte, ausgeschmückt. Eine
ungeheure Krawatte, wogegen Herrn Studiosus Würgers ein Groschenstrick
war, stand steif um die Gegend des Halses und schützte Kinn, Kehle,
einen Teil der Schultern und den obern Teil der Brust. Den Arm, vom
Ellbogen bis zur Hand, bedeckte ein aus alten seidenen Strümpfen
verfertigtes Rüstzeug, Handschuh genannt. Ich gestehe, die Figur, in
diese sonderbare Rüstung gepreßt, nahm sich komisch genug aus. Doch
gewährte sie große Sicherheit; denn nur ein Teil des Gesichtes, der
Oberarm und ein Teil der Brust war für die Klinge des Gegners
zugänglich. Ich konnte mich daher des Lachens nicht enthalten, wenn
ich im Spiegel mein sonderbares Habit betrachtete. „Der Satan in einem
solchen Aufzuge und im Begriff, sich wegen des schlechten Geruchs auf
der Anatomie zu schlagen!"

Meine Genossen aber nahmen dieses Lachen für einen Ausbruch der
Kühnheit und des Mutes, gedachten, es sei jetzt der rechte Augenblick
gekommen, und führten mich in einen großen Saal, wo man mit Kreide die
gegenseitige feindliche Stellung auf dem Boden markiert hatte. Ein
Fuchs rechnete es sich zur hohen Ehre, mir den „Schläger" vorantragen
zu dürfen, wie man den alten Kaisern Schwert und Zepter vorantrug.
Jener war eine aus poliertem Stahl schön gearbeitete Waffe mit großem,
schützendem Korb und scharf geschliffen wie ein Schermesser.

Wir standen endlich einander gegenüber. Der Theologe machte ein
grimmiges Gesicht und blickte mit einem Hohn auf mich, der mich nur
noch mehr in dem Vorsatz bestärkte, ihn tüchtig zu zeichnen.

Wir legten uns nach alter Fechtweise aus, die Klingen waren gebunden,
die Sekundanten schrien: „Los!" und unsere Schläger schwirrten in der
Luft und fielen rasselnd auf die Körbe. Ich verhielt mich meistens
parierend gegen die wirklich schönen und mit großer Kunst ausgeführten
Angriffe des Gegners; denn mein Ruhm war größer, wenn ich mich von
Anfang nur verteidigte und erst im vierten, fünften Gang ihm eine
Schlappe gab.

Allgemeine Bewunderung folgte jedem Gang. Man hatte noch nie so kühn
und schnell angreifen, noch nie mit so vieler Ruhe und Kaltblütigkeit
sich verteidigen sehen. Meine Fechtkunst wurde von den ältesten
„Häusern" bis in den Himmel erhoben, und man war nun gespannt und
begierig, bis ich selbst angreifen würde. Doch wagte es keiner, mich
dazu aufzumuntern.

Vier Gänge waren vorüber, ohne daß irgendwo ein Hieb blutig gewesen
wäre. Ehe ich zum fünften aufmarschierte, zeigte ich meinen Kameraden
die Stelle auf der rechten Wange, wohin ich meinen Theologen treffen
wollte. Dieser mochte es mir ansehen, daß ich jetzt selbst angreifen
werde, er legte sich so gedeckt als möglich aus und hütete sich,
selbst einen Angriff zu machen. Ich begann mit einer herrlichen Finte,
der ein allgemeines Ah! folgte, schlug dann einige regelmäßigen Hiebe,
und klapp! saß ihm mein Schläger in der Wange.

Der gute Theologe wußte nicht, wie ihm geschah; mein Sekundant und
Zeuge sprangen mit einem Zollstab hinzu, maßen die Wunde und sagten
mit feierlicher Stimme: „E s i s t m e h r a l s e i n Z o l l,
k l a f f t u n d b l u t e t, a l s o A n s c h--ß." Das hieß
soviel als: Weil ich dem guten Jungen ein zollanges Loch ins Fleisch
gemacht hatte, war seiner Ehre genug geschehen.

Jetzt stürzten meine Freunde herzu, die ältesten faßten meine Hände,
die jüngeren betrachteten ehrfurchtsvoll die Waffe, mit welcher die in
der Geschichte einzige und unerhörte Tat geschehen war. Denn wer, seit
des großen Renommisten Zeiten, durfte sich rühmen, vorher die Stelle,
die er treffen wollte, angezeigt und mit so vieler Genauigkeit
getroffen zu haben?

Ernsten Blickes trat der Sekundant meines Gegners herein und bot mir
in dessen Namen Versöhnung an. Ich ging zu dem Verwundeten, dem man
gerade mit Nadel und Faden seine Wunde zunähte, und versöhnte mich mit
ihm.

„Ich bin Ihnen Dank schuldig," sagte er zu mir, „daß Sie mich so
gezeichnet haben. Ich wurde ganz gegen meinen Willen gezwungen,
Theologie zu studieren. Mein Vater ist Landpfarrer, meine Mutter eine
fromme Frau, die ihren Sohn gerne einmal im Chorrock sehen möchte. Sie
haben mit einem Male entschieden; denn mit einer Schmarre vom Ohr bis
zum Mund darf ich keine Kanzel mehr besteigen."

Die Burschen sahen teilnehmend auf den wackern Theologen, der wohl mit
geheimer Wehmut an den Schmerz des alten Pastors, an den Jammer der
frommen Mama denken mochte, wenn die Nachricht von diesem Unfall
anlangte. Ich aber hielt es für das größte Glück des Jünglings, durch
eine so kurze Operation der Welt wieder geschenkt zu sein. Ich fragte
ihn, was er jetzt anzufangen gedenke, und er gestand offen, daß der
Stand eines Kavalleristen oder eines Schauspielers ihn von jeher am
meisten angezogen hätte.

Ich hätte ihm um den Hals fallen mögen für diesen vernünftigen
Gedanken; denn gerade unter diesen beiden Ständen zähle ich die
meisten Freunde und Anhänger. Ich riet ihm daher aufs ernstlichste,
dem Trieb der Natur zu folgen, indem ich ihm die besten
Empfehlungsbriefe an bedeutende Generale und an die vorzüglichsten
Bühnen versprach.

Dem ganzen Personale aber, das dem merkwürdigen Duell angewohnt hatte,
gab ich einen trefflichen Schmaus, wobei auch mein Gegner und seine
Gesellen nicht vergessen wurden. Dem ehemaligen Theologen zahlte ich
nachher in der Stille seine Schulden und versah ihn, als er genesen
war, mit Geld und Briefen, die ihm eine fröhliche, glänzende Laufbahn
eröffneten.

Meine geheime Wohltätigkeit war so wenig als der glänzende Ausgang der
Affäre ein Geheimnis geblieben. Man sah mich von jetzt wie ein höheres
Wesen an, und ich kannte manche junge Dame, die sogar über meine
großmütigen Sentiments Tränen vergoß.

Die Mediziner aber ließen mir durch eine Deputation einen prachtvollen
Schläger überreichen, weil ich mich, wie sie sich ausdrückten, „f ü r
d e n g u t e n G e r u c h i h r e r A n a t o m i e g e s c h l
a g e n h a b e" .

Die Welt bleibt unter allen Gestalten die nämliche, die sie von Anfang
war. Dem Bösen, selbst dem Unvernünftigen huldigt sie gerne, wenn es
sich nur in einem glänzenden Gewande zeigt; die gute, ehrliche Tugend
mit ihren rauhen Manieren und ihrem ungeschliffenen, rohen Aussehen
wird höchstens Achtung, niemals Beifall erlangen.

* * * * *




NEUNTES KAPITEL.

Satans Rache an Doktor Schnatterer.


Als ich sah, wie weit die Philosophie und Theologie in ------en
hinter meinen Vorstellungen, die ich mir zuvor gemacht hatte,
zurückbleibe, legte ich mich mit Eifer auf Ästhetik, Rhetorik,
namentlich aber auf die schöne Literatur. Man wende mir nicht ein, ich
habe auf diese Art meine Zeit unnütz angewendet. Ich besuchte ja jene
berühmte Schule nicht, um ein Brotstudium zu treiben, das einmal einen
Mann mit Weib und Kind ernähren konnte, sondern das _dic cur
hic_, das ich recht oft in meine Seele zurückrief, sagte mir immer,
ich solle suchen, von jeder Wissenschaft einen kleinen Hieb zu
bekommen, mich aber so sehr als möglich in jenen Künsten zu
vervollkommnen, die heutzutage einem Manne von Bildung unentbehrlich
sind.

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