Mitteilungen aus den Memoiren des Satan V1
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Bei Gelegenheit eine Stelle aus einem Dichter zu zitieren, über die
Schönheit eines Gemäldes kunstgerecht mitzusprechen, eine Statue nach
allen Regeln für erbärmlich zu erklären, für die Männer einige
theologische Literatur, einige juristische Phrasen, einige neue
medizinische Entdeckungen, einige exorbitante philosophische
Behauptungen _in petto_ zu haben, hielt ich für unumgänglich
notwendig, um mich mit Anstand in der modernen Welt bewegen zu können,
und ohne mir selbst ein Kompliment machen zu wollen, darf ich sagen,
ich habe in den paar Monaten in ------en hinlänglich gelernt.
Ich habe mir nach dem Beispiel meiner großen Vorbilder im
Memoirenschreiben vorgenommen, auch die geringfügigsten Ereignisse
aufzuführen, wenn sie lehrreich oder merkwürdig sind, wenn sie Stoff
zum Nachdenken oder zum Lachen enthalten. Ich darf daher nicht
versäumen, meine Rache an Doktor Schnatterer zu erzählen.
Besagter Doktor hatte die löbliche Gewohnheit, Sonntag nachmittags mit
mehreren anderen Professoren in ein Wirtshaus, ein halbes Stündchen
vor der Stadt, zu spazieren. Dort pflegte man, um die steifgesessenen
Glieder wieder auszurenken, Kegel zu schieben und allerlei sonstige
Kurzweil zu treiben, wie es sich für ehrbare Männer geziemt; man
spielte wohl auch bei verschlossenen Türen ein Whistchen oder Piquet
und trank manchmal ein Gläschen über Durst, was wenigstens die böse
Welt daraus ersehen wollte, daß sich die Herren abends in der Chaise
des Wirtes zur Stadt bringen ließen.
Der ehrwürdige Theologe aber pflegte immer lange vor Sonnenuntergang
heimzukehren, man sagt, weil die Frau Doktorin ihm keine längere Frist
erlaubt hatte; er ging dann bedächtigen Schrittes seinen Weg, vermied
aber die breite Chaussee und schlug den Wiesenpfad ein, der dreißig
Schritte seitwärts neben jener herlief; der Grund war, weil der breite
Weg am schönen Sonntagabend mit Fußgängern besäet war, der Doktor aber
die höhere Röte seines Gesichtes und den etwas unsichern Gang nicht
den Augen der Welt zeigen wollte.
So erklärten sich die Bösen den einsamen Gang Schnatterers; die
Frommen aber blieben stehen, schauten ihm nach und sprachen: „Siehe,
er geht nicht auf dem breiten Weg der Gottlosen, der fromme Herr
Doktor, sondern den schmalen Pfad, welcher zum Leben führt."
Auf diese Gewohnheit des Doktors hatte ich meinen Racheplan gebaut.
Ich paßte ihm an einem schönen Sonntagabend, der alle Welt ins Freie
gelockt hatte, auf, und er trat noch bei guter Tageszeit aus dem
Wirtshaus. Mit demütigem Bückling nahte ich mich ihm und fragte, ob
ich ihn auf seinem Heimweg begleiten dürfe, der Abend scheine mir in
seiner gelehrten Nähe noch einmal so schön.
Der Herr Doktor schien einen kordialen Hieb zu haben; er legte
zutraulich meinen Arm in den seinigen und begann mit mir über die
Tiefen der Wissenschaft zu perorieren. Aber ich schlug sein Auge mit
Blindheit, und indem ich als ehrbarer Studiosus neben ihm zu gehen
schien, verwandelte ich meine Gestalt und erschien den verwunderten
Blicken der Spaziergänger als die schöne Luisel, die berüchtigtste
Dirne der Stadt.--Ach! daß Hogarth an jenem Abende unter den
spazierengehenden Christen auf dem breiten Wege gewandelt wäre! Welch
herrliche Originale für frommen Unwillen, starres Erstaunen, hämische
Schadenfreude hätte er in sein Skizzenbuch niederlegen können.
Die Vordersten blieben stehen, als sie das seltsame Paar auf dem
Wiesenpfad wandeln sahen, sie kehrten um, uns zu folgen und rissen die
Nachkommenden mit. Wie ein ungeheurer Strom wälzte sich uns die
erstaunte Menge nach, wie ein Lauffeuer flog das unglaubliche Gerücht:
„Der Doktor Schnatterer mit der schönen Luisel!" von Mund zu Mund der
Stadt zu.
„Wehe dem, durch den Ärgernis kommt!" riefen die Frommen. „Hat man
d a s je erlebt von einem christlichen Prediger?"
„Ei, ei, wer hätte das hinter dem Ehrsamen gesucht?" sprachen mit
Achselzucken die Halbfrommen. „Wenn der Skandal nur nicht auf
öffentlicher Promenade--!"
„Der Herr Doktor machen sich's bequem!" lachten die Weltkinder, „er
predigt gegen das Unrecht und geht mit der Sünde spazieren."
So hallte es vom Felde bis in die Stadt, Bürger und Studenten, Mägde
und Straßenjungen erzählten es in Kneipen, am Brunnen und an allen
Ecken; und „Doktor Schnatterer" und „schön Luisel" war das
Feldgeschrei und die Parole für diesen Abend und manchen folgenden
Tag.
An einer Krümmung des Weges machte ich mich unbemerkt aus dem Staube
und schloß mich als Studiosus meinen Kameraden an, die mir die
Neuigkeit ganz warm auftischten.
Der gute Doktor aber zog ruhig seines Weges, bemerkte, in seine tiefen
Meditationen versenkt, nicht das Drängen der Menge, die sich um seinen
Anblick schlug, nicht das wiehernde Gelächter, das seinen Schritten
folgte. Es war zu erwarten, daß einige fromme Weiber seiner zärtlichen
Ehehälfte die Geschichte beigebracht hatten, ehe noch der Theologe an
der Hausglocke zog; denn auf der Straße hörte man deutlich die
fürchterliche Stimme des Gerichtsengels, der ihn in Empfang nahm, und
das Klatschen, welches man hie und da vernahm, war viel zu volltönend,
als daß man hätte denken können, die Frau Doktorin habe die Wangen
ihres Gemahls mit dem M u n d e berührt.
Wie ich mir aber dachte, so geschah es. Nach einer halben Stunde
schickte die Frau Doktorin zu mir und ließ mich holen. Ich traf den
Doktor mit hoch aufgelaufenen Wangen, niedergeschlagen in einem
Lehnstuhl sitzend. Die Frau schritt auf mich zu und schrie, indem sie
die Augen nach dem Doktor hinüberblitzen lieb: „Dieser Mensch dort
behauptet, heute abend mit Ihnen vom Wirtshaus hereingegangen zu sein;
sagen Sie, ob es wahr ist, sagen Sie!"
Ich bückte mich geziemend und versicherte, daß ich mir habe nie
träumen lassen, die Ehre zu genießen; ich sei den ganzen Abend zu
Hause gewesen.
Wie vom Donner gerührt, sprang der Doktor auf, der Schrecken schien
seine Zunge gelähmt zu haben: „Zu Haus' gewesen?" lallte er. „Nicht
mit mir gegangen? O, mit wem soll ich denn gegangen sein, als mit
Ihnen, Wertester?"
„Was weiß ich, mit wem der Herr Doktor gegangen sind?" gab ich
lächelnd zur Antwort. „Mit mir auf keinen Fall!"
„Ach, Sie sind nur zu nobel, Herr Studiosus," heulte die wütende Frau,
„was sollten Sie nicht wissen, was die ganze Stadt weiß; der alte
Sünder, der Schandmensch! Man weiß seine Schliche wohl; mit der
schönen Luisel hat er scharmuziert!"
„Das hat mir der böse Feind angetan," raste der Doktor und rannte im
Zimmer umher; „der Böse, der Beelzebub, nach meiner Konjektur der
Stinker."
„Der Rausch hat dir's angetan, du Lump," schrie die Zärtliche, riß
ihren breit getretenen Pantoffel ab und rannte ihm nach; ich aber
schlich mich die Treppe hinab und zum Haus hinaus und dachte bei mir:
„Dem Doktor ist ganz recht geschehen; man soll den Teufel nicht an die
Wand malen, sonst kommt er."
Der Doktor Schnatterer werde von da an in seinen Kollegien ausgepocht
und konnte selbst mit den kühnsten Konjekturen den Eifer nicht mehr
erwecken, der vor seiner Fatalität unter der studierenden Jugend
geherrschte hatte. Die Kollegiengelder erreichten nicht mehr jene
Summe, welche die Frau Professorin als allgemeinen Maßstab angenommen
hatte, und der Professor lebte daher in ewigem Hader mit der
Unversöhnlichen. Diesem hatte, sozusagen, d e r T e u f e l e i n
E i i n d i e W i r t s c h a f t g e l e g t.
* * * * *
ZEHNTES KAPITEL.
Satan wird wegen Umtrieben eingezogen und verhört; er verläßt die
Universität.
Um diese Zeit hörte man in Deutschland viel von Demagogen, Umtrieben,
Verhaftungen und Untersuchungen. Man lachte darüber, weil es schien,
man betrachte alles durch das Vergrößerungsglas, welches Angst und
böses Gewissen vorhielten. Übrigens mochte es an manchen Orten doch
nicht ganz geheuer gewesen sein; selbst in dem sonst so ruhigen
------en spukte es in manchen Köpfen seltsam.
Ich will einen kurzen Umriß von dem Stand der Dinge geben. Wenn man
unbefangen unter den Burschen umherwandelte und ihren Gelagen
beiwohnte, so drängte sich von selbst die Bemerkung auf, daß viele
unter ihnen von etwas anderem angeregt seien als gerade von dem
nächsten Zweck ihres Brotstudiums; wie einige großes Interesse daran
fanden, sich morgens mit ihren Gläubigern und deren Noten (Philister
mit Pumpregistern) herumzuzanken, nachher den Hund zu baden und ihn
schöne Künste zu lehren, sodann Fensterparade vor ihren Schönen zu
machen usw., so hatten sich andere, und zwar kein geringer Teil, auf
Idealeres geworfen. Ich hatte zwar dadurch, daß ich sie zum Studium
des Trinkens anhielt, dafür gesorgt, daß die Herren sich nicht gar zu
sehr der Welt entziehen möchten; aber es blieb doch immer ein
geheimnisvolles Walten, aus welchem ich nicht recht klug werden
konnte.
Besonders aber äußerte sich dies, wenn die Köpfe erleuchtet waren; da
sprach man viel von Volksbildung, von frommer deutscher Art; manche
sprudelten auch über und schrien von der Not des Vaterlandes, von--
doch das ist jetzt gleichgültig, von was gesprochen wurde, es genügt
zu sagen, daß es schien, als hätte eine große Idee viele Herzen
ergriffen, sie zu e i n e m Streben vereinigt. Mir behagte die Sache
an sich nicht übel; sollte es auf etwas Unruhiges ausgehen, so war ich
gleich dabei, denn Revolutionen waren von jeher mein Element; nur
sollte nach meiner Meinung das Ganze einen eleganteren, leichteren
Anstrich haben.
Es gab zwar Leute unter ihnen, die mit der Gewandtheit eines
Staatsmannes die Menge zu leiten wußten, die sich eine Eleganz des
Stils, eine Leichtigkeit des Umganges angeeignet hatten, wie sie in
den diplomatischen Salons mit Mühe erlernt und kaum mit so viel
Anstand ausgeführt wird; aber die meisten waren in ein phantastisches
Dunkel geraten, munkelten viel von dem Dreiklang in der Einheit, von
der Idee, die ihnen aufgegangen sei, und hatten Vergangenheit und
Zukunft, Mittelalter und das Chaos der jetzigen Zeit so ineinander
geknetet, daß kein Theseus sich aus diesen Labyrinthen herausgefunden
hätte.
Ich merkte oft, daß einer oder der andere der Koryphäen in einer
traulichen Stunde mir gerne etwas anvertraut hätte; ich zeigte
Verstand, Weltbildung, Geld und große Konnexionen, Eigenschaften, die
nicht zu verachten sind und die man immer ins Mittel zu ziehen sucht.
Aber immer, wenn sie im Begriff waren, die dunkle Pforte des
Geheimnisses vor meinen Augen aufzuschließen, schien sie, ich weiß
nicht was, zurückzuhalten; sie behaupteten, ich habe kein Gemüt; denn
dieses edle Seelenvermögen schienen sie als Probierstein zu
gebrauchen.
Mochte ich aber aussehen wie ein verkappter Jakobiner, mochte ich
durch meinen Einfluß auf die Menge Verdacht erregt haben? Eines
Morgens trat der Pedell mit einigen Schnurren in mein Zimmer und nahm
mich im Namen Seiner Magnifizenz gefangen. Der Universitätssekretär
folgte, um meine Papiere zu ordnen und zu versiegeln, und gab mir zu
verstehen, daß ich als D e m a g o g e verhaftet sei.
Man gab mir ein anständiges Zimmer im Universitätsgebäude, sorgte
eifrig für jede Bequemlichkeit, und als der hohe Rat beisammen war,
wurde ich in den Saal geführt, um über meine p o l i t i s c h e n
V e r b r e c h e n vernommen zu werden.
Die Dekane der vier Fakultäten, der Rektor Magnifikus, ein Mediziner,
und der Universitätssekretär saßen um einen grün behängten Tisch in
feierlichem Ornat; die tiefe Stille, welche in dem Saal herrschte, die
steife Haltung der gelehrten Richter, ihre wichtigen Mienen nötigten
mir unwillkürlich ein Lächeln ab.
Magnifikus zeigte auf einen Stuhl ihm gegenüber am Ende der Tafel,
Delinquent setzte sich, Magnifikus winkte wieder, und der Pedell trat
ab.
Noch immer tiefe Stille; der Sekretär legt das Papier zum Protokoll
zurecht und schneidet Federn; ein alter Professor läßt seine ungeheure
Dose herumgehen. Jeder der Herren nimmt eine Prise, bedächtig und mit
Beugung des Hauptes; Doktor Saper, mein nächster Nachbar, schnupft und
präsentiert mir die Dose, läßt aber das teure Magazin, von einem
abwehrenden Blick Magnifici erschreckt, mit polterndem Geräusch zu
Boden fallen.
„Alle Hagel, Herr Doktor," schrie der alte Professor, alle Achtung
beiseite setzend.
„O Jerum," ächzte der Sekretär und warf das Federmesser weg; denn er
hatte sich aus Schrecken in den Finger geschnitten.
„Bitte untertänigst!" stammelte der erschrockene Doktor Saper.
Diese alle sprachen auf einmal durcheinander, und der letztere kniete
auf den Boden nieder und wollte mit der Papierschere, die er in der
Eile ergriffen hatte, den verschütteten Tabak aufschaufeln.
Magnifikus aber ergriff die große Glocke und schellte dreimal; der
Pedell trat eilig und bestürzt herein und fragte, was zu Befehl sei,
und Magnifikus, mit einem verbindlichen Lächeln zu Doktor Saper
hinüber, sprach: „Lassen Sie es gut sein, Lieber, er taugt doch nichts
mehr; da wir aber in dieser Sitzung einiges Tabaks benötigt sein
werden, glaube ich, dafür stimmen zu müssen, daß frischer _ad
locum_ gebracht werde."
Doktor Saper zog schnell sein Beutelein, reichte dem Pedell einige
Groschen und befahl ihm, eilends drei Lot Schnupftabak zu bringen.
Dieser enteilte dem Saal. Vor dem Haus fand er, wie ich nachher
erfuhr, die halbe Universität versammelt; denn meine Verhaftung war
schnell bekannt geworden, und alles drängte sich hinzu, um das Nähere
zu erfahren. Man kann sich daher die Spannung der Gemüter denken, als
man den Pedell aus der Türe stürzen sah. Die Vordersten hielten ihn
fest und fragten und drängten ihn, wohin er so eilig versendet werde,
und kaum konnte man sich in seine Beteuerung finden, daß er eilends
drei Lot Schnupftabak holen müsse.
Aber im Saal war nach der Entfernung des Götterboten die vorige,
anständige Stille eingetreten. Magnifikus faßte mich mit einem Blick
voll Hoheit und begann:
„Es ist uns von einer höchstpreislichen Zentral=
Untersuchungskommission der Auftrag zugekommen, auf gewisse geheime
Umtriebe und Verbindungen, so sich auf unserer Universität seit
einiger Zeit entsponnen haben sollen, unser Augenmerk zu richten. Wir
sind nun nach reiflicher Prüfung der Umstände vollkommen darüber
einverstanden, daß Sie, Herr von Barbe, sich höchst verdächtig gemacht
haben, solche Verhältnisse unter unserer akademischen Jugend dahier
herbeigeführt und angesponnen zu haben. Hm! Was sagen Sie dazu, Herr
von Barbe?"
„Was ich dazu sage? Bis jetzt noch nichts. Ich erwarte geziemend die
Beweise, die mein Leben und Betragen einer solchen Beschuldigung
verdächtig machen."
„Die Beweise?" antwortete erstaunt der Rektor. „Sie verlangen Beweise?
Ist das der Respekt vor einem akademischen Senate? Man führe selbst
den Beweis, daß man nicht im sträflichen Verdacht der Demagogie ist."
„Mit gütiger Erlaubnis, Euer Magnifizenz," entgegnete der Dekan der
Juristen, „Inquisit kann, wenn er eines Verdachtes angeklagt ist, i n
a l l e W e g e v e r l a n g e n, daß ihm die Gründe des Verdachtes
genannt werden."
Dem medizinischen Rektor stand der Angstschweiß auf der Stirne; man
sah ihm an, daß er mit Mühe die Beweisgründe in seinem Haupte hin= und
herwälzte. Wie ein Bote vom Himmel erschien ihm daher der Pedell mit
der Dose und berichtete zugleich mit ängstlicher Stimme, daß die
Studierenden in großer Anzahl sich vor dem Universitätsgebäude
zusammengerottet haben und ein verdächtiges Gemurmel durch die Reihen
laufe, das mit einem Pereat oder Scheibeneinwerfen zu bedrohen
scheine.
Kaum hatte er ausgesprochen, so stürzte eine Magd herein und richtete
von der Frau Magnifikussin an den Herrn Magnifikus ein Kompliment aus,
„und er möchte doch sich nach Haus salvieren, weil die Studenten
allerhand verdächtige Bewegungen machten".
„Ist das nicht der klarste Beweis gegen Ihre geheimen Umtriebe, lieber
Herr von Barbe?" sprach die Magnifizenz in kläglichem Tone. „Aber der
Aufruhr steigt, _videant Consules, ne quid detrimenti_--man nehme
seine Maßregeln;--daß auch der Teufel gerade in meine Amtsführung alle
fatalen Händel bringen muß!--_Domine Collega,_ Herr Doktor
Pfeffer, was stimmen Sie?"
„Es ist eigentlich noch kein Votum zur Abstimmung vorgebracht und zur
Reife gediehen, ich rate aber, Herrn von Barbe bis auf weiteres zu
entlassen und ihm--"
„Richtig, gut," rief der Rektor, „Sie können abtreten, wertgeschätzter
junger Freund; beruhigen Sie Ihre Kameraden; Sie sehen selbst, wie
glimpflich wir mit Ihnen verfahren sind, und zu einer gelegeneren
Stunde werden wir uns wieder die Ehre ausbitten; damit aber die Sache
kein solches Aufsehen mehr erregt--weiß Gott, der Aufruhr steigt, ich
höre Pereat--so kommen Sie morgen abend alle zum Tee zu mir, Sie auch,
lieber Barbe, da dann die Sachen weiter besprochen werden können."
Ich konnte mich kaum enthalten, den ängstlichen Herren ins Gesicht zu
lachen. Sie saßen da, wie von Gott verlassen, und wünschten sich in
Abrahams Schoß, das heißt in den ruhigen Hafen ihres weiten
Lehnstuhls.
„Was steht nicht von einer erhitzten Jugend zu erwarten?" klagten sie.
„Seitdem etzliche Lehrer von den Kathedern gestiegen sind und sich
unter diese himmelstürmenden Zyklopen gemischt haben, ist keine
Ehrfurcht, kein Respekt mehr da. Man muß befürchten, wie schlechte
Schauspieler ausgepfiffen oder am hellen Tage insultiert zu werden."
„Vom Erstechen will ich gar nicht reden," sagte ein anderer; „es
sollte eigentlich jeder Literatus, der nicht alle Wege ein gut
Gewissen hat, einen Brustharnisch unter dem Kamisol tragen."
Indessen die Philister also klagten, dankte ich meinen Kommilitonen
für ihre Aufmerksamkeit für mich, sagte ihnen, daß sie nachts viel
bessere Gelegenheit zum Fenstereinwerfen haben, und bewog sie durch
Bitten und Vorstellungen, daß sie abzogen. Sie marschierten in
geschlossenen Reihen durch das erschreckte Städtchen und sangen ihr
_„Ça ira, ça ira," _ nämlich: „Die Burschenfreiheit lebe" und das
erhabene „Rautsch, rautsch, rautschitschi, Revolution!"
Ich ging wieder in den Saal zurück und sagte den noch versammelten
Herren, daß sie gar nichts zu befürchten haben, weil ich die Herren
Studiosen vermocht habe, nach Hause zu gehen. Beschämung und Zorn
rötete jetzt die bleichen Gesichter, und mein bißchen Psychologie
müßte mich ganz getäuscht haben, wenn mich die Herren nicht ihre Angst
entgelten ließen. Und gewiß! Meine Ahnung hatte mich nicht betrogen.
Magnifikus ging ans Fenster, um sich selbst zu überzeugen, daß die
Aufrührer abgezogen seien; dann wendete er sich mit erhabener Miene zu
mir, und er, der noch vor einer Viertelstunde „mein wertgeschätzter
Freund" zu mir sagte, herrschte mir jetzt zu: „Wir können das Verhör
weiter fortführen, Delinquent mag sich setzen!"
So sind die Menschen; nichts vergißt der Höhere so leicht, als daß der
Niedere ihm in der Stunde der Not zu Hilfe eilte. Nichts sucht er
sogar eifriger zu vergessen als jene Not, wenn er sich dabei eine
Blöße gegeben, deren er sich zu schämen hat.
Nach der Miene des Magnifikus richteten sich auch die seiner Kollegen.
Sie behandelten mich grob und mürrisch. Der Rektor entwickelte mit
großer Gelehrsamkeit den ersten Anklagepunkt. „Demagog kommt her von
_demos_ und _agein_. Das eine heißt Volk, das andere führen
oder verführen. Wer ist nach diesem Begriff mehr Demagog als Sie?
Haben wir nicht in Erfahrung gebracht, daß Sie die jungen Leute zum
Trinken verleiteten, daß Sie neue Lieder und Kartenspiele hieher
verpflanzten? Auch von andern Orten werden diese Sachen als die
sichersten Symptome der Demagogie angeführt; folglich sind Sie ein
Demagog."--
Mit triumphierendem Lächeln wandte er sieh zu seinen Kollegen: „Habe
ich nicht recht, Doktor Pfeffer? Nicht recht, Herr Professor Saper?"
„Vollkommen, Euer Magnifizenz," versicherten jene und schnupften.
„Zweitens, jetzt kommt der andere Punkt," fuhr der Mediziner fort.
„Das Turnen ist eine Erfindung des Teufels und der Demagogen, es ist,
um mich so auszudrücken, eine vaterlandsverräterische Ausbildung der
körperlichen Kräfte. Da nun die Turnplätze eigentlich die Tierparks
und Salzlecken des demagogischen Wildes, Sie aber, wie wir in
Erfahrung gebracht haben, einer der eminentesten Turner sind, so haben
Sie sich durch Ihre _Saltus mortales_ und Ihre übrigen Künste als
einen kleinen Jahn, einen offenbaren Demagogen gezeigt.--Habe ich
nicht recht, Herr Doktor Bruttler? Sage ich nicht die Wahrheit, Herr
Doktor Schrag?"
„Vollkommen, Euer Magnifizenz!" versicherten diese und schnupften.
„Demagogen," fuhr er fort, „Demagogen schleichen sich ohne bestimmten
äußern Zweck ins Land und suchen da Feuer einzulegen; sie sind unstete
Leute, denen man ihre Verdächtigkeit gleich ansieht; der Herr
Studiosus von Barbe ist ohne bestimmten Zweck hier; denn er läuft in
allen Kollegien und Wissenschaften umher, ohne sie für immer zu
frequentieren oder g a r n a c h z u s c h r e i b e n. Was folgt? Er
hat sich der Demagogie sehr verdächtig gemacht. Ich füge gleich den
vierten Grund bei. Man hat bemerkt, daß Demagogen, vielleicht von
geheimen Bünden ausgerüstet, viel Geld zeigen und die Leute an sich
locken; wer hat sich in diesem Punkte der Anklage würdiger gemacht als
Delinquent? Habe ich nicht recht, meine Herren?"
„Sehr scharfsinnig, vollkommen!" antworteten die Aufgerufenen
_unisono_ und ließen die Dose herumgehen.
Mit Majestät richtete sich Magnifikus auf: „Wir glauben hinlänglich
bewiesen zu haben, daß Sie, Herr Studiosus Friedrich von Barbe, in dem
Verdacht geheimer Umtriebe stecken; wir sind aber weit entfernt, ohne
den Beklagten anzuhören, ein Urteil zu fällen; darum verteidigen Sie
sich.--Aber mein Gott! Wie die Zeit herumgeht, da läutet es schon zu
Mittag; ich denke, der Herr kann seine Verteidigung im Karzer
schriftlich abfassen; somit wäre die Sitzung aufgehoben; wünsche
gesegnete Mahlzeit, meine Herren."
So schloß sich mein merkwürdiges Verhör. Im Karzer entwarf ich eine
Verteidigung, die den Herren einleuchten mochte. Wahrscheinlicher aber
ist mir, daß sie sich scheuten, einen jungen Mann, der so viel Geld
ausgab, aus ihrer guten Stadt zu verbannen. Sie gaben mir daher den
Bescheid, daß man mich aus besonderer Rücksicht diesmal noch mit dem
Konsilium verschonen wolle, und setzten mich wieder auf freien Fuß.
Als Demagog eingekerkert zu sein, als Märtyrer der guten Sache
gelitten zu haben, zog einen neuen Nimbus um meinen Scheitel, und im
Triumph wurde ich aus dem Karzer nach Hause begleitet; aber die Freude
sollte nicht lange dauern. Ich hatte jetzt so ziemlich meinen Zweck,
der mich in jene Stadt geführt hatte, erreicht und gedachte weiter zu
gehen. Ich hatte mir aber vorgenommen, vorher noch den Titel eines
Doktors der Philosophie auf gerechtem Wege zu erringen. Ich schrieb
daher eine gelehrte Dissertation, und zwar über ein Thema, das mir am
nächsten lag: _De rebus diabolicis_, ließ sie drucken und
verteidigte sie öffentlich; wie ich meine Gegner und Opponenten
tüchtig zusammengehauen, erzähle ich nicht, aus Bescheidenheit; einen
Auszug aus meiner Dissertation habe ich übrigens dem geneigten Leser
beigelegt [Fußnote: Diesen Auszug habe ich nicht finden können, es
müßte denn die Einleitung zum Besuch bei Goethe sein. Der
Herausgeber.].
_Post exantlata_, oder nachdem ich den Doktorhut errungen hatte,
gab ich einen ungeheuern Schmaus, wobei manche Seele auf ewig mein
wurde. Solange noch die guten Jungen meinen Champagner und Burgunder
mit schwerer Zunge prüften, ließ ich meine Rappen vorführen und sagte
der lieben Musenstadt Valet. Die Rechnung des Doktorschmauses aber
überbrachte der Wirt am Morgen den erstaunten Gästen, und manches
Pochen des ungestümen Gläubigers, das sie aus den süßen Morgenträumen
weckte, mancher bedeutende Abzug am Wechsel erinnerte sie auch in
spätern Zeiten an den berühmten Doktorschmaus und an ihren guten
Freund, den Satan.
* * * * *
UNTERHALTUNGEN DES SATAN UND DES EWIGEN JUDEN IN BERLIN.
„Die heutigen dummen Gesichter sind nur das _boeuf
à la Mode_ der früheren dummen Gesichter."
Welt und Zeit.
ELFTES KAPITEL.
Wen der Teufel im Tiergarten traf.
Ich saß, es mögen bald drei Jahre sein, an einem schönen Sommerabend
im Tiergarten zu Berlin, nicht weit vom Weberschen Zelt; ich
betrachtete mir die bunte Welt um mich her und hatte großes
Wohlgefallen an ihr; war es doch schon wieder ganz anders geworden als
zu der frommen Zeit anno dreizehn und fünfzehn, wo alles so ehrbar
und, wie sie es nannten, altdeutsch zuging, daß es mich nicht wenig
ennuyierte. Besonders über die schönen Berlinerinnen konnte ich mich
damals recht ärgern; sonst ging es Sonntag nachmittags mit Saus und
Braus nach Charlottenburg oder mit Jubel und Lachen die Linden entlang
nach dem Tiergarten hinaus; allein damals--? Jetzt aber ging es auch
wieder hoch her. Das Alte war dem Neuen gewichen, Lust und Leben wie
früher zog durch die grünen Bäume, und der Teufel galt wieder was, wie
vor Zeiten, und war ein geschätzter, angesehener Mann.
Ich konnte mich nicht enthalten, einen Gang durch die buntgemischte
Gesellschaft zu machen. Die glänzenden Militärs von allen Chargen mit
ihren ebenso verschieden chargierten Schönen, die zierlichen Elegants
und Elegantinnen, die Mütter, die ihre geputzten Töchter zu Markte
brachten, die wohlgenährten Räte, mit einem guten Griff der
Kassengelder in der Tasche, und Grafen, Barone, Bürger, Studenten und
Handwerksburschen, anständige und unanständige Gesellschaft--sie alle
um mich her, sie alle auf dem vernünftigsten Wege, m e i n zu werden!
In fröhlicher Stimmung ging ich weiter und weiter, ich wurde immer
zufriedener und heiterer.
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