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Mitteilungen aus den Memoiren des Satan V1

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Da sah ich, mitten unter dem wogenden Gewühl der Menge ein paar Männer
an einem kleinen Tischchen sitzen, welche gar nicht recht zu meiner
fröhlichen Gesellschaft taugen wollten. Den einen konnte ich nur vom
Rücken sehen; es war ein kleiner, beweglicher Mann, schien viel an
seinen Nachbar hin zu sprechen, gestikulierte oft mit den Armen und
nahm nach jedem größeren Satz, den er gesprochen, ein erkleckliches
Schlückchen dunkelroten Franzweins zu sich.

Der andere mochte schon weit vorgerückt in Jahren sein, er war
ärmlich, aber sauber gekleidet, beugte den Kopf auf die eine Hand,
während die andere mit einem langen Wanderstab wunderliche Figuren in
den Sand schrieb; er hörte mit trübem Lächeln dem Sprechenden zu und
schien ihm wenig oder ganz kurz zu antworten.

Beide Figuren hatten etwas mir so Bekanntes, und doch konnte ich mich
im Augenblicke nicht entsinnen, wer sie wären. Der kleine Lebhafte
sprang endlich auf, drückte dem Alten die Hand, lief mit kurzen,
schnellen Schritten, heiser vor sich hin lachend, hinweg und verlor
sich bald ins Gedränge. Der Alte schaute ihm wehmutig nach und legte
dann die tiefgefurchte Stirne wieder in die Hand.

Ich besann mich auf alle meine Bekannten, keiner paßte zu dieser
Figur; eine Ahnung durchflog mich, sollte es--doch was braucht der
Teufel viel Komplimente zu machen? Ich trat näher, setzte mich auf den
Stuhl, welchen der andere verlassen hatte, und bot dem Alten einen
guten Abend.

Langsam erhob er sein Haupt und schlug das Auge auf. Ja, er war es, es
war der e w i g e J u d e.

„_Bon soir_, Brüderchen," sagte ich zu ihm, „es ist doch schnackisch,
daß wir einander zu Berlin im Tiergarten wieder finden; es wird wohl so
achtzig Jährchen sein, daß ich nicht mehr das Vergnügen hatte?"

Er sah mich fragend an. „So, du bist's?" preßte er endlich heraus.
„Hebe dich weg, mit dir habe ich nichts zu schaffen!"

„Nur nicht gleich so grob, Ewiger," gab ich ihm zur Antwort; „wir
haben manche Mitternacht miteinander vertollt, als du noch munter
warst auf der Erde und so recht systematisch liederlich lebtest, um
dich selbst bald unter den Boden zu bringen. Aber jetzt bist du,
glaube ich, ein Pietist geworden."

Der Jude antwortete nicht, aber ein hämisches Lächeln, das über seine
verwitterten Züge flog wie ein Blitz durch die Ruine, zeigte mir, daß
er mit der Kirche noch immer nicht recht einig sei.

„Wer ging da soeben von dir hinweg?" fragte ich, als er noch immer auf
seinem Schweigen beharrte.

„Das war der Kammergerichtsrat Hoffmann," erwiderte er.

„So, d e r? Ich kenne ihn recht wohl, obgleich er mir immer ausweicht
wie ein Aal; war ich ihm doch zu mancher seiner nächtlichen Phantasien
behilflich, daß es ihm selbst oft angst und bange wurde, und habe ich
ihm nicht als sein eigener Doppelgänger über die Schultern geschaut,
als er an seinem Kreisler schrieb? Als er sich umwandte und den Spuk
anschaute, rief er seiner Frau, daß sie sich zu ihm setze, denn es war
Mitternacht, und seine Lampe brannte trüb'.--So, so, der war's? Und
was wollte er von dir, Ewiger?"

„Daß du verkrümmest mit deinem Spott! Bist du nicht gleich ewig wie
ich, und drückt dich die Zeit nicht auch auf den Rücken? Nenne den
Namen nicht mehr, den ich hasse! Was aber den Kammergerichtsrat
Hoffmann betrifft," fuhr er ruhiger fort, „so geht er umher, um sich
die Leute zu betrachten; und wenn er einen findet, der etwas Apartes
an sich hat, etwa einen Hieb aus dem Narrenhaus oder einen Stich aus
dem Geisterreich, so freut er sich baß und zeichnet ihn mit Worten
oder mit dem Griffel. Und weil er an mir etwas Absonderliches verspürt
haben mag, so setzte er sich zu mir, besprach sich mit mir und lud
mich ein, ihn in seinem Haus auf dem Gendarmenmarkt zu besuchen."

„So, so! Und wo kommst du denn eigentlich her, wenn man fragen darf?"

„Recta aus China!" antwortete Ahasverus. „Ein langweiliges Nest, es
sieht gerade aus wie vor fünfzehnhundert Jahren, als ich zum erstenmal
dort war."

„In China warst du?" fragte ich lachend. „Wie kommst du denn zu dem
langweiligen Volk, das selbst für den Teufel zu wenig amüsant ist?"

„Laß das," entgegnete jener, „du weißt ja, wie mich die Unruhe durch
die Länder treibt. Ich habe mir, als die Morgensonne des neuen
Jahrhunderts hinter den mongolischen Bergen aufging, den Kopf an die
lange Mauer von China gerannt; aber es wollte noch nicht mit mir zu
Ende gehen, und ich hätte eher ein Loch durch jene Gartenmauer des
himmlischen Reiches gestoßen, wie ein alter Aries, als daß der dort
oben mir ein Härchen hätte krümmen lassen."

Tränen rollten dem alten Menschen aus den Augen. Die müden Augenlider
wollten sich schließen; aber der Schwur des Ewigen hält sie offen, bis
er schlafen darf, wenn die andern auferstehen. Er hatte lange
geschwiegen, und wahrlich, ich konnte den Armen nicht ohne eine Regung
von Mitleid ansehen. Er richtete sich wieder auf.--„Satan," fragte er
mit zitternder Stimme, „wieviel Uhr ist's in der Ewigkeit?"

„Es will Abend werden," gab ich ihm zur Antwort.

„O Mitternacht!" stöhnte er, „wann endlich kommen deine kühlen
Schatten und senken sich auf mein brennendes Auge? Wann nahest du,
Stunde, wo die Gräber sich öffnen und Raum wird für den E i n e n, der
dann ruhen darf?"

„Pfui Kuckuck, alter Heuler!" brach ich los, erbost über die
weinerlichen Manieren des ewigen Wanderers. „Wie magst du nur solch
ein poetisches Lamento aufschlagen? Glaube mir, du darfst Dir
gratulieren, daß du noch etwas Apartes hast. Manche lustige Seele hat
es an einem gewissen Ort viel schlimmer als du hier auf der Erde. Man
hat doch hier immer noch seinen Spaß; denn die Menschen sorgen dafür,
daß die tollen Streiche nicht ausgehen. Wenn ich so viele freie Zeit
hätte wie du, ich wollte das Leben anders genießen. _Ma foi_,
Brüderchen, warum gehst du nicht nach England, wo man jetzt über die
galanten Abenteuer einer Königin öffentlich zertiert? Warum nicht nach
Spanien, wo es jetzt nächstens losbricht? Warum nicht nach Frankreich,
um dein Gaudium daran zu haben, wie man die Wände des Kaisertums
überpinselt und mit alten Gobelins von Ludwigs des Vierzehnten Zeiten,
die sie aus dem Exil mitgebracht haben, behängt. Ich kann dich
versichern, es sieht gar närrisch aus; denn die Tapete ist überall zu
kurz, und durch die Risse guckt immer noch ernst und drohend das
Kaisertum wie das Blut des Ermordeten, das man mit keinem Gips
auslöschen kann und das, so oft man es weiß anstreicht, immer noch mit
der alten b u n t e n Farbe durchschlägt!"

Der alte Mensch hatte mir aufmerksam zugehört, sein Gesicht war immer
heiterer geworden, und er lachte jetzt aus vollem Herzen. „Du bist,
wie ich sehe, immer noch der Alte," sagte er, und schüttelte mir die
Hand, „weißt jedem etwas aufzubinden, und wenn er gerade aus Abrahams
Schoß käme!"

„Warum," fuhr ich fort, „warum hältst du dich nicht länger und öfter
hier in dem guten und ehrlichen Deutschland auf? Kann man etwas
Possierlicheres sehen als diese Duodezländer! Da ist alles so--doch
stille, da geht einer von der geheimen Polizei umher. Man könnte
leicht etwas aufschnappen und den ewigen Juden und den Teufel als
unruhige Köpfe nach Spandau schicken. Aber um auf etwas anderes zu
kommen, warum bist du denn hier in Berlin?"

„Das hat seine eigene Bewandtnis," antwortete der Jude. „Ich bin hier,
um einen Dichter zu besuchen."

„Du einen Dichter?" rief ich verwundert. „Wie kommst du auf diesen
Einfall?"

„Ich habe vor einiger Zeit ein Ding gelesen, man heißt es Novelle,
worin ich die Hauptrolle spielte. Es führte zwar den dummen Titel:
D e r e w i g e J u d e, im übrigen ist es aber eine schöne Dichtung,
die mir wunderbaren Trost brachte! Nun möchte ich den Mann sehen und
sprechen, der das wunderliche Ding gemacht hat."

„Und der soll hier wohnen, in Berlin?" fragte ich neugierig. „Und wie
heißt er denn?"

„Er soll hier wohnen und heißt F. H. Man hat mir auch die Straße
genannt; aber mein Gedächtnis ist wie ein Sieb, durch das man
Mondschein gießt!"

Ich war nicht wenig begierig, wie sich der ewige Jude bei einem
Dichter produzieren würde, und beschloß, ihn zu begleiten. „Höre,
Alter," sagte ich zu ihm, „wir haben von jeher auf gutem Fuß
miteinander gestanden, und ich hoffe nicht, daß du deine Gesinnungen
gegen mich ändern wirst. Sonst--"

„Zu drohen ist gerade nicht nötig, Herr Satan," antwortete er, „denn
du weißt, ich mache mir wenig aus dir und kenne deine Schliche
hinlänglich; aber deswegen bist du mir doch als alter Bekannter ganz
angenehm und recht. Warum fragst du denn?"

„Nun, du könntest mir die Gefälligkeit erweisen, mich zu dem Dichter,
der dich in einer Novelle abkonterfeite, mitzunehmen. Willst du
nicht?"

„Ich sehe zwar nicht ein, was für ein Interesse du dabei haben
kannst," antwortete der Alte und sah mich mißtrauisch an. „Du könntest
irgendeinen Spuk im Sinne haben und dir vielleicht gar mit bösen
Absichten auf des braven Mannes Seele schmeicheln. Dies schlage dir
übrigens nur aus dem Sinn; denn der schreibt so fromme Novellen, daß
der Teufel selbst ihm nichts anhaben kann.--Doch meinetwegen kannst du
mitgehen."

„Das denke ich auch. Was diese Seele betrifft, so kümmere ich mich
wenig um Dichter und dergleichen; das ist leichte Ware, welcher der
Teufel wenig nachfragt. Es ist bei mir nur Interesse an dem Manne
selbst, was mich zu ihm zieht. Übrigens in diesem Kostüm kannst du
hier in Berlin keine Visiten machen, Alter!"

Der ewige Jude beschaute mit Wohlgefallen sein abgeschabtes braunes
Röcklein mit großen Perlmutterknöpfen, seine lange Weste mit breiten
Schößen, seine kurzen, zeisiggrünen Beinkleider, die auf den Knien ins
Bräunliche spielten. Er setzte das schwarzrote, dreieckige Hütchen
aufs Ohr, nahm den langen Wanderstab kräftiger in die Hand, stellte
sich vor mich hin und fragte:

„Bin ich nicht angekleidet stattlich wie König Salomo und zierlich wie
der Sohn Isais? Was hast du nur an mir auszusetzen? Freilich trage ich
keinen falschen Bart wie du, keine Brille sitzt mir auf der Nase,
meine Haare stehen nicht in die Höhe _à la_ Wahnsinn. Ich habe
meinen Leib in keinen wattierten Rock gepreßt, und um meine Beine
schlottern keine ellenweiten Beinkleider, wozu freilich Herr Bocksfuß
Ursache haben mag--"

„Solche Anzüglichkeiten gehören nicht hierher," antwortete ich dem
alten Juden. „Wisse, man muß heutzutage nach der Mode gekleidet sein,
wenn man sein Glück machen will, und selbst der Teufel macht davon
keine Ausnahme. Aber höre meinen Vorschlag. Ich versehe dich mit einem
anständigen Anzug, und du stellst dafür meinen Hofmeister vor. Auf
diese Art können wir leicht Zutritt in Häusern bekommen, und wie
wollte ich dir's vergelten, wenn uns dein Dichter in einen
ästhetischen Tee einführte!"

„Ästhetischer Tee, was ist denn das? In China habe ich manches Maß Tee
geschluckt, Blumentee, Kaisertee, Mandarinentee, sogar Kamillentee,
aber ästhetischer Tee war nie dabei."

„_O sancta simplicitas!_ Jude, wie weit bist du zurück in der
Kultur! Weißt du denn nicht, daß dies Gesellschaften sind, wo man über
Teeblätter und einige schöne Ideen genugsam warmes Wasser gießt und
den Leuten damit aufwartet? Zucker und Rum tut jeder nach Belieben
dazu, und man amüsiert sich dort trefflich."

„Habe ich je so etwas gehört, so will ich Hans heißen," versicherte
der Jude, „und was kostet es, wenn man's sehen darf ?"

„Kosten? Nichts kostet es, als daß man der Frau vom Haus die Hand
küßt, und, wenn ihre Töchter singen oder mimische Vorstellungen geben,
hier und da ein ‚wundervoll' oder ‚göttlich' schlüpfen läßt."

„Das ist ein wunderliches Volk geworden in den letzten achtzig Jahren.
Zu Friedrichs des Großen Zeiten wußte man noch nichts von diesen
Dingen. Doch des Spaßes wegen kann man hingehen. Denn ich verspüre in
dieser Sandwüste gewaltige Langeweile."

Der Besuch war also auf den nächsten Tag festgesetzt. Wir besprachen
uns noch über die Rolle, die ich als Eleve von zwei= bis
dreiundzwanzig Jahren, er als Hofmeister zu spielen hätte, und
schieden.

Ich versprach mir treffliche Unterhaltung von dem morgenden Tage. Der
ewige Jude hatte so alte, unbehilfliche Manieren, wußte sich so gar
nicht in die heutige Welt zu schicken, daß man ihn im Gewand eines
Hofmeisters zum wenigsten für einen ausgemachten Pedanten halten
mußte. Ich nahm mir vor, mir selbst so viel Eleganz, als dem Teufel
nur immer möglich ist, anzulegen und den Alten dadurch recht in
Verlegenheit zu bringen. Zerstreuung war ihm überdies höchst nötig;
denn er hatte in der letzten Zeit auf seinen einsamen Wanderungen
einen solchen Ansatz von Frömmelei bekommen, daß er ein Pietist zu
werden drohte.

Der Dichter, zu welchem mich der ewige Jude führte, ein Mann von
mittleren Jahren, nahm uns sehr artig auf. Der Jude hieß sich Doktor
Mucker und stellte in mir seinen Eleven, den jungen Baron von
Stobelberg, vor. Ich richtete meine äußere Aufmerksamkeit halb auf die
schönen Kupferstiche an der Wand, auf die Titel der vielen Bücher, die
umherstanden, um desto ungeteilter mein Ohr und, wenn es unbemerkt
möglich war, auch mein Auge an der Unterhaltung teilnehmen zu lassen.

Der alte Mensch begann mit einem Lob über die Novelle vom ewigen
Juden; der Dichter aber, viel zu fein und gebildet, als daß er seinen
Gast hätte auf diesem Lobe stehen lassen, wandte das Gespräch auf die
Sage vom ewigen Juden überhaupt und daß sie ihm auf jene Weise
aufgegangen sei. Der Ewige schnitt, zur Verwunderung des Dichters,
grimmige Gesichter, als dieser unter anderem behauptete, es liege in
der Sage vom ewigen Juden eine tiefe Moral; denn der Verworfenste
unter den Menschen sei offenbar immer der, welcher seinen Schmerz über
getäuschte Hoffnung gerade an dem auslasse, der diese Hoffnung erregt
habe. Besonders verworfen erscheine er, wenn zugleich der, welcher die
Hoffnung erregte, noch unglücklicher erscheine als der, welcher sich
täuschte.

Es fehlte wenig, so hätte der Herr Doktor Mucker sein Inkognito
abgelegt und wäre dem wirklich genialen Dichter als ewiger Jude zu
Leibe gegangen. Noch verwirrter aber wurde mein alter Hofmeister, als
jener das Gespräch auf die neuere Literatur brachte. Hier ging ihm die
Stimme völlig aus, und er sah die nächste beste Gelegenheit ab, sich
zu empfehlen.

Der brave Mann lud uns ein, ihn oft zu besuchen, und kaum hatte er
gehört, wir seien völlig fremd in Berlin und wissen noch nicht, wie
wir den Abend zubringen sollen, so bat er uns, ihn in ein Haus zu
begleiten, wo alle Montage ausgesuchte Gesellschaft von Freunden der
schönen Literatur bei Tee versammelt sei. Wir sagten dankbar zu und
schieden.

* * * * *




ZWÖLFTES KAPITEL.

Satan besucht mit dem ewigen Juden einen ästhetischen Tee.


Ahasverus war den ganzen Tag über verstimmt. Gerade das, daß er in
seinem Innern dem Dichter recht geben mußte, genierte ihn so sehr. Er
brummte einmal über das andere über die „naseweise Jugend" (obgleich
der Dichter jener Novelle schon bei Jahren war) und den Verfall der
Zeiten und Sitten. Trotz dem Respekt, den ich gegen ihn als meinen
Hofmeister hätte haben sollen, sagte ich ihm tüchtig die Meinung und
brachte den alten Bären dadurch wenigstens so weit, daß er höflich
gegen den Mann sein wollte, der so artig war, uns in den ästhetischen
Tee zu führen.

Die siebente Stunde schlug. In einem modischen Frack, wohl parfümiert,
in die feinste, zierlich gefältelte Leinwand gekleidet, die
Beinkleider von Paris, die durchbrochenen Seidenstrümpfe von Lyon, die
Schuhe von Straßburg, die Lorgnette so fein und gefällig gearbeitet,
wie sie nur immer aus der Fabrik der Herren Lood in Werenthead
hervorgeht, so stellte ich mich den erstaunten Blicken des Juden dar;
dieser war mit seiner modischen Toilette noch nicht halb fertig und
hatte alles höchst sonderbar angezogen, wie er z.B. die elegante, hohe
Krawatte, ein Berliner Meisterwerk, als Gurt um den Leib gebunden
hatte, und fest darauf bestand, dies sei die neueste Tracht aus
M o r e a.

Nachdem ich ihn mit vieler Mühe geputzt hatte, brachen wir auf. Im
Wagen, den ich, um brillanter aufzutreten, für diesen Abend gemietet
hatte, wiederholte ich alle Lehren über den gesellschaftlichen
Anstand.

„Du darfst," sagte ich ihm, „in einem ästhetischen Tee eher zerstreut
und tiefdenkend als vorlaut erscheinen. Du darfst nichts ganz
unbedingt loben, sondern sieh' immer so aus, als habest du sonst noch
etwas _in petto_, das viel zu weise für ein sterbliches Ohr wäre.
Das Beifallächeln hochweiser Befriedigung ist schwer und kann erst
nach langer Übung vor dem Spiegel völlig erlernt werden. Man hat aber
Surrogate dafür, mit welchen man etwas sehr loben und bitter tadeln
kann, ohne es entfernt gelesen zu haben. Du hörst z.B. von einem Roman
reden, der jetzt sehr viel Aufsehen machen soll. Man setzt als ganz
natürlich voraus, daß du ihn schon gelesen haben müssest, und fragt
dich um dein Urteil. Willst du dich nun lächerlich machen und
antworten, ich habe ihn nicht gelesen? Nein! Du antwortest frisch
drauf zu: ‚Er gefällt mir im ganzen nicht übel, obgleich er meinen
Forderungen an Romane noch nicht entspricht. Er hat manches Tiefe und
Originelle, die Entwicklung ist artig erfunden, doch scheint mir hier
und da in der Form etwas gefehlt und einige der Charaktere verzeichnet
zu sein.'

„Sprichst du so, und hast du Mund und Stirne in kritische Falten
gelegt, so wird dir niemand tiefes und gewandtes Urteil absprechen."

„Dein Gewäsch behalte der Teufel," entgegnete der Alte mürrisch.
„Meinst du, ich werde wegen dieser Menschlein, oder gar um dir Spaß zu
machen, ästhetische Gesichter schneiden? Da betrügst du dich sehr,
Satan. Tee will ich meinetwegen saufen, soviel du willst, aber--"

„Da sieht man es wieder," wandte ich ein, „wer wird denn in einer
honetten Gesellschaft s a u f e n? Wieviel fehlt dir noch, um
heutzutage als gebildet zu erscheinen! Nippen, schlürfen, höchstens
trinken--aber da hält schon der Wagen bei dem Dichter, nimm dich
zusammen, daß wir nicht Spott erleben, Ahasvere!"

Der Dichter setzte sich zu uns, und der Wagen rollte weiter; ich sah
es dem Alten wohl an, daß ihm, je näher wir dem Ziele unserer Fahrt
kamen, desto bänger zu Mute war. Obgleich er schon seit achtzehn
Jahrhunderten über die Erde wandelte, so konnte er sich doch so wenig
in die Menschen und ihre Verhältnisse finden, daß er alle Augenblicke
anstieß. So fragte er z. B. den Dichter unterwegs, ob die Versammlung,
in welche wir fahren, aus l a u t e r Christen bestehe, zu welcher
Frage jener natürlich große Augen machte und nicht recht wissen
mochte, wie sie hierher komme.

Mit wenigen, aber treffenden Zügen entwarf uns der Dichter den Zirkel,
der uns aufnehmen sollte. Die milde und sinnige Frömmigkeit, die in
dem zarten Charakter der gnädigen Frau vorwalten sollte; der
feierliche Ernst, die stille Größe des ältern Fräuleins, die,
wenngleich Protestantin, doch ganz das Air jener wehmütig heiligen
Klosterfrauen habe, die, nachdem sie mit gebrochenem Herzen der Welt
ade gesagt, jetzt ihr ganzes Leben hindurch an einem großartigen,
interessanten Schmerz zehren; [Fußnote: Ganz in der Eile nimmt sich
der Herausgeber die Freiheit, den Aufriß der Boudoirs dieser
protestantischen Nonne, wie er sich ihn denkt, hier beizufügen. Im
Fenster stehen Blumen, in der Ecke ein Betpult mit einem gußeisernen
Kruzifix. Eine Gitarre ist notwendiges Requisit, wenn auch die
Eigentümerin höchstens „_O Sanctissima_" darauf spielen kann.
Ein Heiligenbild über dem Sofa, ein mit Flor verhängtes Bild des V e r
s t o r b e n e n oder U n g e t r e u e n, von etzlichem, sinnigem
Efeu umrankt. Sie selbst in weißem oder aschgrauem Kostüm, an der Wand
ein Spiegel.] das jüngere Fräulein, frisch, rund, blühend, heiter,
naiv, sei verliebt in einen Gardeleutnant, der aber, weil er den
Eltern nicht sinnig genug sei, nicht zu dem ästhetischen Tee komme.
Sie habe die schönsten Stellen in Goethe, Schiller, Tieck usw., welche
ihr die Mutter zuvor angestrichen, auswendig gelernt und gebe sie hie
und da mit allerliebster Präzision preis. Sie singt, was nicht anders
zu erwarten ist, auf Verlangen italienische Arietten mit künstlichen
Rouladen. Ihre Hauptforce besteht aber im Walzerspielen. Die übrige
Gesellschaft, einige schöne Geister, einige Kritiker, sentimentale und
naive, junge und ältere Damen, freie und andere Fräulein [Fußnote:
Satan scheint hier zwischen Freifräulein und anderen Fräulein zu
unterscheiden. Unter jenen versteht er die von gutem Adel, unter
letzteren die, welche man sonst Jungfer oder Mamsell heißt. Ich finde
übrigens den Unterschied auf diese Art zu bezeichnen, sehr unpassend.
Denn man wird mir zugeben, daß die bürgerlichen Fräulein oft ebenso
frei in ihren Sitten und Betragen sind, als die echten.] werden wir
selber näher kennen lernen.

Der Wagen hielt, der Bediente riß den Schlag auf und half meinem
bangen Mentor heraus. Schweigend zogen wir die erleuchtete Treppe
hinan. Ein lieblicher Ambraduft wallte uns aus dem Vorzimmer entgegen.
Geräusch vieler Stimmen und das Gerassel der Teelöffel tönte aus der
halbgeöffneten Türe des Salons; auch diese flog auf, und umstrahlt von
dem Sonnenglanz der schwebenden Lüsters, saß im Kreise die
Gesellschaft.

Der Dichter führte uns vor den Sitz der gnädigen Frau und stellte den
Doktor Mucker und seinen Eleven, den jungen Baron von Stobelberg, vor.
Huldreich neigte sich die Matrone und reichte uns die schöne, zarte
Hand, indem sie uns freundlich willkommen hieß. Mit jener zierlichen
Leichtigkeit, die ich einem Wiener Incroyable abgelauscht hatte, faßte
ich diese zarte Hand und hauchte ein leises Küßchen der Ehrfurcht
darüber hin. Die artige Sitte des Fremdlings schien ihr zu gefallen,
und gern gewährte sie dem Mentor des wohlgezogenen Zöglings die
nämliche Gunst. Aber, o Schrecken! Indem er sich niederbückte,
gewahrte ich, daß sein grauer, stechender Judenbart nicht glatt vom
Kinn wegrasiert sei, sondern wie eine Kratzbürste hervorstehe. Die
gnädige Frau verzog das Gesicht grimmig bei dem Stechkuß, aber der
Anstand ließ sie nicht mehr als ein leises Gejammer hervorstöhnen.
Wehmütig betrachtete sie die schöne weiße Hand, die rot aufzulaufen
begann, und sie sah sich genötigt, im Nebenzimmer Hilfe zu suchen.
Ich, sah, wie dort ihre Zofe aus der silbernen Toilette Kölnisches
Wasser nahm und die wunde Stelle damit rieb. Sodann wurden schöne
glacierte Handschuhe geholt, die Käppchen davon abgeschnitten, so daß
doch die zarten Fingerspitzen hervorsehen konnten, und die gnädige
Hand damit bekleidet.

Indessen hatten sich die jungen Damen unsere Namen zugeflüstert, die
Herren traten uns näher und befragten uns über Gleichgültiges, worauf
wir wieder Gleichgültiges antworteten, bis die Seele des Hauses wieder
hereintrat. Die Edle wußte ihren Kummer um die angelaufene Hand so gut
zu verbergen, daß sie nur einem häuslichen Geschäft nachgegangen zu
sein schien und sogar der alte Sünder selbst nichts von dem Unheil
ahnte, das er bewirkt hatte.

Die einzige Strafe war, daß sie ihm einen stechenden Blick für seinen
stechenden Handkuß zuwarf, und m i c h den ganzen Abend hindurch
auffallend vor ihm auszeichnete.

Die Leser werden gesehen haben, daß es ein ganz eleganter Tee war, zu
welchem uns der Dichter geführt hatte. Die massive silberne
Teemaschine, an welcher die jüngere Tochter Tee bereitete, die
prachtvollen Lüsters und Spiegel, die brennenden Farben der Teppiche
und Tapeten, die künstlichsten Blumen in den zierlichsten Vasen,
endlich die Gesellschaft selbst, die in vollem Kostüm schwarz und weiß
gemischt war, ließen auf den Stand und guten Ton der Hausfrau
schließen.

Der Tee wies sich aber auch als ästhetisch aus. Gnädige Frau
bedauerte, daß wir nicht früher gekommen seien. Der junge Dichter
Frühauf habe einige Dutzend Stanzen aus einem Heldengedicht
vorgelesen, so innig, so schwebend, mit so viel Musik in den
Schlußreimen, daß man in langer Zeit nichts Erfreulicheres gehört
habe, es stehe zu erwarten, daß es allgemein Furore in Deutschland
machen werde.

Wir beklagten den Verlust unendlich; der bescheidene lorbeerbekränzte
junge Mann versicherte uns aber unter der Hand, er wolle uns morgen in
unsrem Hotel besuchen, und wir sollten nicht nur die paar Stanzen, die
er hier preisgegeben, sondern einige vollständige Gesänge zu hören
bekommen.

Das Gespräch bekam jetzt aber eine andere Wendung. Eine ältliche Dame
ließ sich ihre Arbeitstasche reichen, deren geschmackvolle und neue
Stickerei die Augen der Damen auf sich zog. Sie nahm ein Buch daraus
hervor und sagte mit freundlichem Lispeln:

„_Voyez-là_ das neueste Produkt meiner genialen Freundin Johanna.
Sie hat es mir frisch von der Presse weg zugeschickt, und ich bin so
glücklich, die erste zu sein, die es hier besitzt. Ich habe es nur ein
wenig durchblättert, aber diese herrlichen Situationen, diese Szenen,
so ganz aus dem Leben gegriffen, die Wahrheit der Charaktere, dieser
glänzende Stil--"

„Sie machen mich neugierig, Frau von Wollau," unterbrach sie die Dame
des Hauses, „darf ich bitten--? Ah, G a b r i e l e von Johanna von
Schopenhauer. Mit dieser sind Sie liiert, meine Liebe? Da wünsche ich
Glück."

„Wir lernten uns in Karlsbad kennen," antwortete Frau von Wollau,
„unsere Gemüter erkannten sich in gleichem Streben nach veredeltem
Ziel der Menschheit [Fußnote: Frau von Wollau will wahrscheinlich
sagen: „nach dem Ziele der Veredlung" .--Der Herausgeber.], sie
zogen sich an, wir liebten uns. Und da hat sie mir jetzt ihre Gabriele
geschickt."

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