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Mitteilungen aus den Memoiren des Satan V1

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„Das ist ja eine ganz interessante Bekanntschaft," sagte Fräulein N a
t a l i e, die ältere Tochter des Hauses. „Ach! wer doch auch so
glücklich wäre! Es geht doch nichts über eine geniale Dame. Aber sagen
Sie, wo haben Sie das wunderschöne Stickmuster her, ich kann Ihre
Tasche nicht genug bewundern."

„Schön--wunderschön--und die Farben! Und die Girlanden!--Und die
elegante Form!" hallte es von den Lippen der schönen Teetrinkerinnen,
und die arme Gabriele wäre vielleicht über dem Kunstwerk ganz
vergessen worden, wenn nicht uns er Dichter sich das Buch zur Einsicht
erbeten hätte. „Ich habe die interessantesten Szenen bezeichnet," rief
die Wollau „Wer von den Herren ist so gefällig, uns, wenn es anders
der Gesellschaft angenehm ist, daraus vorzulesen?"

„Herrlich--schön--ein vortrefflicher Einfall--" ertönte es wieder, und
unser Führer, der in diesem Augenblicke das Buch in der Hand hatte,
wurde durch Akklamation zum Vorleser erwählt. Man goß die Tassen
wieder voll und reichte die zierlichen Brötchen umher, um doch auch
dem Körper Nahrung zu geben, während der Geist mit einem neuen Roman
gespeist wurde, und als alle versehen waren, gab die Hausfrau das
Zeichen, und die Vorlesung begann.

Beinahe eine Stunde lang las der Dichter mit wohltönender Stimme aus
dem Buche vor. Ich weiß wenig mehr davon, als daß es, wenn ich nicht
irre, die Beschreibung von Tableaus enthielt, die von einigen Damen
der großen Welt aufgeführt wurden. Mein Ohr war nur halb oder gar
nicht bei der Vorlesung; denn ich belauschte die Herzensergießungen
zweier Fräulein, die, scheinbar aufmerksam auf den Vorleser, einander
allerlei Wichtiges in die Ohren flüsterten. Zum Glück saß ich weit
genug von ihnen, um nicht in den Verdacht des Lauschens zu geraten,
und doch war die Entfernung gerade so groß, daß ein Paar gute Ohren
alles hören konnten. Die eine der beiden war die jüngere Tochter des
Hauses, die, wie ich hörte, an einen Gardeleutnant ihr Herz verloren
hatte.

„Und denke dir," flüsterte sie ihrer Nachbarin zu, „heute in aller
Frühe ist er mit seiner Schwadron vorbeigeritten, und unter meinem
Fenster haben die Trompeter den Galoppwalzer von letzthin anfangen
müssen."

„Du Glückliche!" antwortete das andere Fräulein, „und hat Mama nichts
gemerkt?"

„So wenig als letzthin, wo er mich im Kotillon fünfmal aufzog. Was ich
damals in Verlegenheit kam, kannst du gar nicht glauben. Ich war mit
dem ...schen Attaché engagiert, und du weißt, wie unerträglich mich
dieser dürre Mensch verfolgt. Er hatte schon wieder von den
italienischen Gegenden Süddeutschlands angefangen und mir nicht
undeutlich zu verstehen gegeben, daß sie noch schöner wären, wenn ich
mit ihm dorthin zöge; da erlöste mich der liebe Fladorp aus dieser
Pein. Doch kaum hatte er mich wieder zurückgebracht, als der
Unerträgliche sein altes Lied von neuem anstimmte; aber Eduard holte
mich noch viermal aus seinen glänzendsten Phrasen heraus, so daß jener
vor Wut ganz stumm war, als ich das letztemal zurückkam. Er äußerte
gegen Mama seine Unzufriedenheit; sie schien ihn aber nicht zu
verstehen."

„Ach, wie glücklich du bist," entgegnete wehmütig die Nachbarin, „aber
ich! Weißt du schon, daß mein Dagobert nach Halle versetzt ist? Wie
wird es mir ergehen!"

„Ich weiß es und bedaure dich von Herzen, aber sage mir doch, wie dies
so schnell kam?"

„Ach!" antwortete das Fräulein und zerdrückte heimlich eine Träne im
Auge,--„ach, du hast keine Vorstellung von den Kabalen, die es im
Leben gibt. Du weißt, wie eifrig Dagobert immer für das Wohl des
Vaterlandes war. Da hatte er nun einen neuen Zapfenstreich erfunden,
er hat ihn mir auf der Fensterscheibe vorgespielt, er ist allerliebst.
Seinem Obersten gefiel er auch recht wohl, aber dieser wollte haben,
er solle ihm die Ehre der Erfindung lassen. Natürlich konnte Dagobert
dies nicht tun, und darüber aufgebracht, ruhte der Oberst nicht eher,
bis der Arme nach Halle versetzt worden ist. Ach, du kannst dir gar
nicht denken, wie wehmütig mir ums Herz ist, wenn der Zapfenstreich an
meinem Fenster vorbeikommt; sie spielen ihn alle Abend nach der neuen
Erfindung, und der, welcher ihn machte, kann ihn nicht hören!"

„Ich bedaure dich recht. Aber weißt du auch schon etwas ganz Neues?
Daß sie bei der Garde andere Uniformen bekommen?"

„Ist's möglich? O sage, wie denn? Woher weißt du es?"

„Höre, aber im e n g s t e n Vertrauen, denn es ist noch tiefes,
tiefes Geheimnis. Eduard hat es von seinem Obersten und gestand es mir
neulich, aber unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit. Sieh,
die Knöpfe werden auf der Brust weiter auseinander gesetzt und laufen
weiter unten enger zu; auf diese Art wird die Taille noch viel
schlanker; dann sollen sie auch goldene Achselschnüre bekommen, das
weiß aber der Oberst und ich glaube selbst der General noch nicht ganz
gewiß. Auch an den Beinkleidern geschehen Veränderungen--Eduard muß
aussehen wie ein Engel--siehe bisher...."

Sie flüsterten jetzt leiser, so daß ich über den Schnitt der
Gardebeinkleider nicht recht ins klare kommen konnte. Nur so viel sah
ich, daß schöne Augen bei platonischen Empfindungen ein recht schönes
Feuer haben, daß sie aber viel reizender leuchten, bei weitem
glänzendere Strahlen werfen, wenn sich s i n n l i c h e L i e b e
in ihnen spiegelt.

* * * * *




DREIZEHNTES KAPITEL.

Angststunden des ewigen Juden.


Der Vorleser war bis an einen Abschnitt gekommen und legte das Buch
nieder. Allgemeiner Applaus erfolgte, und die gewöhnlichen
Ausrufungen, die schon dem Stickmuster gegolten hatten, wurden auch
der Gabriele zuteil. Ich konnte die Geistesgegenwart und die schnelle
Fassungskraft der beiden Fräulein nicht genug bewundern; obgleich sie
nicht den kleinsten Teil des Gelesenen gehört haben konnten, so waren
sie doch schon so gut geschult, daß sie voll Bewunderung schienen. Die
eine lief sogar hin zu Frau von Wollau, faßte ihre Hand und drückte
sie an das Herz, indem sie ihr innig dankte für den Genuß, den sie
allen bereitet habe.

Diese Dame aber saß da, voll Glanz und Glorie, wie wenn sie die
Gabriele selbst zur Welt gebracht hätte. Sie dankte nach, allen Seiten
hin für das Lob, das ihrer Freundin zuteil geworden, und gab nicht
undeutlich zu verstehen, daß sie selbst vielleicht einigen Einfluß auf
das neue Buch gehabt habe; denn sie finde hin und wieder leise
Anklänge an ihre eigenen Ideen über inneres Leben und über die
Stellung der Frauen in der Gesellschaft, die sie in traulichen Stunden
ihrer Freundin aufgeschlossen.

Man war natürlich so artig, ihr deswegen einige Komplimente zu machen,
obgleich man allgemein überzeugt war, daß die geniale Freundin nichts
aus dem innern Wollauschen Leben g e s p i c k t haben werde.

Der ewige Jude hatte indes bei diesen Vorgängen eine ganz sonderbare
Figur gespielt. Verwunderungsvoll schaute er in diese Welt hinein, als
traue er seinen Augen und Ohren nicht. Doch war das Bemühen, nach
meiner Vorschrift ästhetisch und kritisch auszusehen, nicht zu
verkennen. Aber weil ihm die Übung darin abging, so schnitt er so
greuliche Grimassen, daß er einigemal während des Vorlesens die
Aufmerksamkeit des ganzen Zirkels auf sich zog und die Dame des Hauses
mich teilnehmend fragte, ob mein Hofmeister nicht wohl sei.

Ich entschuldigte ihn mit Zahnschmerzen, die ihn zuweilen befielen,
und glaubte alles wieder gut gemacht zu haben. Als aber Frau von
Wollau, die ihm gegenüber saß, ihren Einfluß auf die Dichterin
mitteilte, mußte das preziöse, geschraubte Wesen derselben dem alten
Menschen so komisch vorkommen, daß er laut auflachte.

Wer jemals das Glück gehabt, einem eleganten Tee in höchst feiner
Gesellschaft beizuwohnen, der kann sich leicht denken, wie betreten
alle waren, als dieser rohe Ausbruch des Hohnes erscholl. Eine
unangenehme, totenstille Pause erfolgte, in welcher man bald den
Doktor Mucker, bald die beleidigte Dame ansah. Die Frau des Hauses,
eingedenk des stechenden Kusses, wollte schon den unartigen Fremden,
der den Anstand ihres Hauses so gröblich verletzte, ohne Rückhalt
zurechtweisen, als dieser mit mehr Gewandtheit und List, als ich ihm
zugetraut hätte, sich aus der Affäre zu ziehen wußte.

„Ich hoffe, gnädige Frau," sagte er, „Sie werden mein allerdings
unzeitiges Lachen nicht mißverstehen und mir erlauben, mich zu
rechtfertigen. Es ist Ihnen allen gewiß auch schon begegnet, daß eine
Ideenassoziation Sie völlig außer Kontenance brachte. Ist doch schon
manchem, mitten unter den heiligsten Dingen, ein lächerlicher Gedanke
aufgestoßen, der ihn im Mund kitzelte, und je mehr er bemüht war, ihn
zu verhalten und zurückdrängen, desto unaufhaltsamer brach er auf
einmal hervor. So geschah es mir in diesem Augenblicke. Sie würden
mich unendlich verbinden, gnädige Frau, wenn Sie mir erlaubten, durch
offenherzige Erzählung mich bei Frau von Wollau zu entschuldigen."

Gnädige Frau, höchlich erfreut, daß der Anstand doch nicht verletzt
sei, gewährte ihm freundlich seine Bitte, und der ewige Jude begann:
„Frau von Wollau hat uns ihr interessantes Verhältnis zu einer
berühmten Dichterin mitgeteilt; sie hat uns erzählt, wie sie in
manchen Stunden über ihre schriftstellerischen Arbeiten sich mit ihr
besprochen, und dies erinnerte mich lebhaft an eine Anekdote aus
meinem eigenen Leben.

„Auf einer Reise durch Süddeutschland verlebte ich einige Zeit in S.
Meine Abendspaziergänge richteten sich meistens nach dem königlichen
Garten, der jedem Stande zu allen Tageszeiten offen stand. Die schöne
Welt ließ sich dort zu Fuß und zu Wagen jeden Abend sehen. Ich wählte
die einsameren Partien des Gartens, wo ich, von dichten Gebüschen
gegen die Sonne und störende Besuche verschlossen, auf weichen
Moosbänken mir und meinen Gedanken lebte.

„Eines Abends, als ich schon längere Zeit auf meinem
Lieblingsplätzchen geruht hatte, kamen zwei gutgekleidete ältliche
Frauen und setzten sich auf eine Bank, die nur durch eine schmale,
aber dichtbelaubte Hecke von der meinigen getrennt war. Ich hielt
nicht für nötig, ihnen meine Nähe, die sie nicht zu ahnen schienen, zu
erkennen zu geben. Neugierde war es übrigens nicht, was mich abhielt;
denn ich kannte keine Seele in jener Stadt; also konnten mir ihre
Reden höchst gleichgültig sein. Aber stellen Sie sich mein Erstaunen
vor, Verehrteste, als ich folgendes Gespräch vernahm:

„‚Nun? Und darf man Ihnen Glück wünschen, Liebe? Haben Sie endlich
diese hartnäckige Elise aus der Welt geschafft?'

„‚Ja,' antwortete die andere Dame, ‚heute früh nach dem Kaffee habe
ich sie umgebracht.'

„Schrecken durchrieselte meine Glieder, als ich so deutlich und
gleichgültig von einem Mord sprechen hörte; so leise als möglich
näherte ich mich vollends der Hecke, die mich von ihnen trennte,
schärfte mein Ohr wie ein Wachtelhund, daß mir ja nichts entgehen
sollte, und hörte weiter:

„‚Und wie haben Sie ihr den Tod beigebracht? Wie gewöhnlich, durch
Gift? Oder haben Sie die Unglückliche, wie Othello seine Desdemona,
mit dem Deckbette erstickt?'

„‚Keines von beiden,' entgegnete jene, ‚aber recht hart ward mir
dieser Mord; denken Sie sich, drei Tage lang hatte ich sie schon
zwischen Leben und Sterben, und immer wußte ich nicht, was ich mit ihr
anfangen sollte. Da fiel mir endlich ein gewagtes Mittel ein, ich ließ
sie, wie durch Zufall, von einem Steg ohne Geländer in den tiefen
Strom hinabgleiten, die Wellen schlugen über ihr zusammen. Man hat von
Elisen nichts mehr gesehen.'

„‚Das haben Sie gut gemacht, und die wievielte war diese, die sie auf
die eine oder andere Art umgebracht?' „Nun, das wird bald abgezählt
sein, Pauline Dupuis, Marie usw. Aber die erstere trug mir am meisten
Geld ein. Es waren dies noch die guten Zeiten von 1802, wo noch wenige
mit mir konkurrierten.

„Die Haare standen mir zu Berg. Also fünf unschuldige Geschöpfe hatte
diese Frau schon aus der Welt geschafft. War es nicht ein gutes Werk
an der menschlichen Gesellschaft, wenn ich einen solchen Greuel
aufdeckte und die Mörderin zur Rechenschaft zog?

„Die Damen waren nach einigen gleichgültigen Gesprächen aufgestanden
und hatten sich der Stadt zugewendet. Leise stand ich auf und schlich
mich ihnen nach, wie ein Schatten ihren Fersen folgend. Sie gingen
durch die Promenade, ich folgte; sie kehrten um und gingen durchs Tor,
ich folgte; sie schienen endlich meine Beobachtungen zu bemerken; denn
die eine sah sich einigemal nach mir um; ihr böses Gewissen schien mir
erwacht, sie mochte ahnen, daß ich den Mord wisse, sie will mich durch
die verschiedene Richtung der Straßen, die sie einschlägt, täuschen;
aber ich--folge. Endlich stehen sie an einem Hause still. Sie ziehen
die Glocke, man schließt auf, sie treten ein. Kaum sind sie in der
Türe, so gehe ich schnell heran, merke mir die Nummer des Hauses und
eile, getrieben von jenem Eifer, den die Entdeckung eines so
schauerlichen Geheimnisses in jedem aufregen muß, auf die Direktion
der Polizei.

„Ich bitte den Direktor um geheimes Gehör. Ich lege ihm die ganze
Sache, alles, was ich gehört hatte, auseinander, weiß aber leider von
den Gemordeten keine mit ihrem wahren Namen anzugeben, als eine
gewisse P a u l i n e D u p u i s, die im Jahre 1802 unter der
mörderischen Hand jener Frau starb. Doch dies war dem unter solchen
Fällen ergrauten Polizeimann genug. Er dankt mir für meinen Eifer,
schickt sofort Patrouillen in die Straße, die ich ihm bezeichnete, und
fordert mich auf, ihn, wenn die Nacht vollends hereingebrochen sein
werde, in jenes Haus zu begleiten. Die Nacht wähle er lieber dazu, da
er bei solchen Auftritten den Zudrang der Menschen und das Aufsehen
womöglich vermeide.

„Die Nacht brach an, wir gingen. Die Polizeisoldaten, die das Haus
umstellt hatten, versicherten, daß noch kein Mensch dasselbe verlassen
habe. Der Vogel war also gefangen. Wir ließen uns das Haus öffnen und
fingen im ersten Stock unsere Untersuchung an. Gleich vor der Türe des
ersten Zimmers hörte ich die Stimmen der beiden Frauen. Ohne Umstände
öffne ich und deute dem Polizeidirektor die kleinere ältliche Dame als
die Verbrecherin an.

„Verwundert stand diese auf und fragte nach unserem Begehr. In ihrem
Auge, in ihrem ganzen Wesen hatte diese Dame etwas, das mir
imponierte. Ich verlor auf einen Augenblick die Fassung und deutete
nur auf den Direktor, um sie wegen ihrer Frage an jenen zu weisen.
Doch dieser ließ sich nicht so leicht verblüffen. Mit jener ernsten
Amtsmiene eines Kriminalrichters fragte er sie über ihren heutigen
Spaziergang aus. Sie gestand ihn zu, wie auch die Bank, wo sie
gesessen. Ihre Aussagen stimmten ganz zu den meinigen, der Mann sah
sie schon als überwiesen an. Die Frau fing an, ängstlich zu werden;
sie fragte, was man denn von ihr wolle, warum man ihr Haus, ihr Zimmer
mit Bewaffneten besetze, warum man sie mit solchen Fragen bestürme?

„Der Mann der Polizei sah in diesem ängstlichen Fragen nur den
Ausbruch eines schuldbeladenen Gewissens. Er schien es für das beste
zu halten, durch eine verfängliche Frage ihr vollends das Verbrechen
zu entlocken: ‚Madame, was haben Sie Anno 1802 mit Pauline Dupuis
angefangen? Leugnen Sie nicht länger, wir wissen alles; sie starb
durch Ihre Hand, wie heute früh die unglückliche Elise!'

„‚Ja, mein Herr! Ich habe die eine wie die andere sterben lassen,'
antwortete die Frau mit einer Seelenruhe, die sogar in ein boshaftes
Lächeln überzugehen schien.

„‚Und diesen Mord gestehen Sie mit so viel Gleichmut, als hätten Sie
zwei Tauben abgetan?' fragte der erstaunte Polizeidirektor, dem in der
Praxis eine solche Mörderin noch nicht vorgekommen sein mochte.
‚Wissen Sie denn, daß Sie verloren sind, daß es Ihnen den Kopf kosten
kann?'

„‚Nicht doch!' entgegnete die Dame. ‚Die Geschichte ist ja
weltbekannt.'--‚Weltbekannt?' rief jener. ‚Bin ich nicht schon seit
zweiundvierzig Jahren Polizeidirektor? Meinen Sie, dergleichen könne
mir entgehen?'

„‚Und dennoch werde ich recht haben; erlauben Sie, daß ich Ihnen die
Belege herbeibringe?'

„‚Nicht von der Stelle ohne gehörige Bewachung! Wache! Zwei Mann auf
jeder Seite von Madame! Bei dem ersten Versuch zur Flucht--
zugestoßen!'

„Vier Polizeidiener mit blanken Seitengewehren begleiteten die
Unglückliche, die mir den Verstand verloren zu haben schien. Bald
jedoch erschien sie wieder, ein kleines Buch in der Hand.

„‚Hier, meine Herren, werden Sie die Belege zu dem Mord finden,' sagte
sie, indem sie uns lächelnd das Buch überreichte.

„‚Taschenbuch für 1802,' murmelte der Direktor, indem er das Buch
aufschlug und durchblätterte. ‚Was, Teufel, gedruckt und zu lesen
steht hier: P a u l i n e D u p u i s von--, mein Gott, Sie sind die
Witwe des Herrn von--, und, wenn ich nicht irre, selbst
Schriftstellerin?'

„‚So ist es,' antwortete die Dame und brach in ein lustiges Lachen
aus, in welches auch der Direktor einstimmte, indem er, vor Lachen
sprachlos, auf mich deutete.

„‚Und Elise--wie ist es mit diesem armen Kind?' fragte ich, den
Zusammenhang der Sache und die Fröhlichkeit der Mörderin und des
Polizeimannes noch immer nicht verstehend.

„‚Sie liegt ermordet auf meinem Schreibtisch,' sagte die Lachende,
‚und soll morgen durch die Druckerei zum ewigen Leben eingehen.'--

„Was brauche ich noch da zuzusetzen? Meine Herren und Damen! Ich war
der Narr im Spiel, und jene Frau war die rühmlichst bekannte,
interessante Th. v. H. Die Erzählung ‚Pauline Dupuis' ist noch heute
zu lesen; ob die geniale Frau ihre Elise, die sie am Morgen jenes
Tages nach dem Kaffee vollendet hatte, herausgegeben, weiß ich nicht.
Ich mußte aus S. entfliehen, um nicht zum Gespötte der Stadt zu
werden. Vorher aber schickte mir der Polizeidirektor noch eine große
Diätenrechnung über Zeitversäumnis, weil ich durch jene lustige
Mordgeschichte den Durstigen von seinem gewöhnlichen Abendbesuch in
einem Klub abgehalten hatte."--

Der ewige Jude hatte mit einer verbindlichen Wendung an Frau von
Wollau geendet. Allgemeiner Beifall ward ihm zuteil, und ein gnädiges
Lächeln der Hausfrau sagte ihm, wie glücklich er sich gerechtfertigt
hatte. Und wie die finstern Blicke dieser Dame vorher die Männer aus
seiner unglücklichen Nähe entfernt hatten, ebenso schnell nahten sie
sich ihm wieder, als ihn die Gnadensonne wieder beschien. Man zog ihn
öfter ins Gespräch, man befragte ihn über seine Reisen, namentlich
über jene in Süddeutschland. Denn wie Schottland und seine Bewohner
für London und Alt-England überhaupt, so ist Schwaben für die
Berliner, welche nie an den Rebenhügeln des Neckars und an den
fröhlich grünenden Gestaden der oberen Donau eines jener sinnigen,
herrlichen Lieder aus dem Munde eines „luschtiga Büebles" oder eines
rüstigen, hochaufgeschürzten „Mädles" belauschten, ein Gegenstand
hoher Neugierde.

Welch sonderbare Meinungen über jenes Land, selbst in gebildeten
Zirkeln wie dieser elegante Tee, im Umlauf seien, hörte ich diesen
Abend zu meinem großen Erstaunen. In einem Zaubergarten von sanften
Hügeln, von klaren, blauen Strömen, von blühenden, duftenden
Obstwäldern, von prangenden Weingärten durchschnitten, wohne, meinten
sie, ein Völkchen, das noch so ziemlich auf der ersten Stufe der
Kultur stehe; immense Gelehrte, die sich nicht auszudrücken
verstünden, phantasiereiche Schriftsteller, die kein Wort gutes
Deutsch sprächen. Ihre Mädchen haben keine Bildung, ihre Frauen keinen
Anstand. Ihre Männer werden vor dem vierzigsten Jahre nicht klug, und
im ganzen Lande werden alle Tage viele Tausende jener Torheiten
begangen, die allgemein unter dem Namen „Schwabenstreiche" bekannt
seien.

Mir kam dieses Urteil lächerlich vor; ich war manches Jahr in Schwaben
gewesen und hatte mich unter den guten Leutchen ganz wohl befunden;
hätte ich nicht befürchten müssen, aus der Rolle eines Zöglings zu
fallen, ich hätte sogleich darauf geantwortet, wie ich es wußte; so
aber ersparte mir mein Mentor die Mühe, welcher unglücklich genug die
gute Meinung, die er auf einige Augenblicke gewonnen hatte, nur zu
schnell wieder verlieren sollte.

„Ob die Berliner," sagte er, „mehr innere Bildung, mehr Eleganz der
äußeren Formen besitzen als die Schwaben, ob man hier im
Brandenburgischen mit mehr Feinheit ausgerüstet auf die Erde oder
vielmehr auf den Sand kommt als in Schwaben, wage ich nicht zu
untersuchen; aber so viel habe ich mit eigenen Augen gesehen, daß man
dort im Durchschnitt unter den Mädchen eine weit größere Menge
hübscher, sogar schöner Gesichter findet als selbst in Sachsen,
welches doch wegen dieses Artikels berühmt ist."

„_Quelle sottise!_" hörte ich Frau von Wollau schnauben, „welche
abgeschmackte Behauptung dieser gemeine Mensch--"

Umsonst winkte ich dem Ewigen mit den Augen, umsonst gab ihm der
Dichter einen freundschaftlichen Rippenstoß, ihn zu erinnern, daß er
sich unter Damen befinde, die auch auf Schönheit Anspruch machten;
ruhig, als ob er den erzürnten Schönen das größte Kompliment gesagt
hätte, fuhr er fort: „Sie können gar nicht glauben, wie reizend dieser
verschrieene Dialekt von schönen Lippen tönt, wie alles so naiv, so
lieblich klingt; wie unendlich hübsch sind diese blühenden
Gesichtchen, wenn man ihnen sagt, daß sie schön seien, daß man sie
liebe; wie schelmisch schlagen sie die Augen nieder, wie unschuldig
erröten sie, welcher Zauber liegt dann in ihrem Trotz, wenn sie sich
verschämt wegwenden und flüstern: ‚Ach ganget Se mer weg, moinet Se
denn, i glaub's?' Hier in Norddeutschland gibt es meist nur
Teegesichter, die einen Trost darin finden, ästhetisch oder ätherisch
auszusehen; sie müssen den Atem erst lange anhalten, wenn sie es je
der Mühe wert halten, über dergleichen zu erröten."

O Jude, welchen Bock hattest du geschossen! Kaum hast du das
zornblitzende Auge einer Dame versöhnt, so begehest du den großen
Fehler, vor zwölf Damen die schönen Gesichtchen zweier Länder zu loben
und nicht nur sie nicht mit aufzuzählen, sondern sogar ihren
ätherischen Teint, ihre interessante Mondscheinblässe für Teegesichter
zu verschreien!

Die jungen Damen sahen erstaunt, als trauten sie ihren Ohren nicht,
die älteren an; diese warfen schreckliche Blicke auf den Frevler und
auf die übrigen Herren, die, ebenso erstaunt, noch keine Worte zu
einer Replik finden konnten. Die Teetassen, die goldenen Löffelchen
klirrten laut in den vor Wut zitternden Händen der Mütter, die seit
zehn Jahren mit vieler Mühe es dahin gebracht hatten, daß ihre Töchter
nobel und edel aussehen möchten--wozu heutzutage, außer dem Gefühl der
Würde, etwas Leidendes, beinahe Kränkliches gehört--welche die immer
wieder anschwellende Fülle ihrer Töchter, die immer wiederkehrende
Röte der Wangen doch endlich zu besiegen gewußt hatten.

Und jetzt sollte dieser fremde, abenteuerliche, gemeine Mensch sie und
ihre Freude, ihre Kunst zuschanden machen? Er sollte es wagen, die
Damen dieses deutschen Paris mit jenen schwerfälligen Bewohnerinnen
des unkultivierten Schwabens auch nur in Parallele zu bringen und
ihnen den ersten Rang zu versagen? Und dies sollten sie dulden?

_Jamais!_ Gnädige Frau nahm das Wort mit einem Blick, der über
das eiskalte Gesicht des stillen Zornes wie ein Nordschein über
Schneegefilde herabglänzte: „Ich muß Sie nur herzlich bedauern, Herr
Doktor Mucker, daß Sie das schöne Schwaben und seine naiven
Bauerndirnen so treulos verlassen haben; und ich bitte Sie, Lieber,"
fuhr sie fort, indem sie sich zu dem Dichter, der uns eingeführt
hatte, wandte, „ich bitte Sie, muten Sie diesem Herrn da nicht mehr
zu, meine Zirkel zu besuchen. Jotte doch, er könnte bei unseren Damen
seine robusten Naturen und jene Naivetät vermissen, die er sich so
ganz zu eigen gemacht hat."

Triumphierend richteten sich die Gebeugten auf, die Mütter spendeten
Blicke des Dankes, die Fräulein kicherten hinter vorgehaltenen
Sachtüchern, die jungen Herren hatten auch wieder die Sprache gefunden
und machten sich lustig über meinen armen Hofmeister. Doch der feine
Takt der gnädigen Frau ließ diesem Ausbruch der Nationalrache nur so
lange Raum, bis sie den Doktor hinlänglich gestraft glaubte. Beleidigt
durfte dieser Mann in ihrem Salon nie werden, wenn er gleich durch
seine rücksichtslose Äußerung ihren Unwillen verdient hatte; sie
beugte also schnell mit jener Gewandtheit, die feingebildeten Frauen
so eigentümlich ist, allen weiteren Bemerkungen vor, indem sie ihren
Neffen aufforderte, sein Versprechen zu halten und der Gesellschaft
die längst versprochene Novelle preiszugeben.

Dieser junge Mann hatte schon während des ganzen Abends meine
Aufmerksamkeit beschäftigt. Er unterschied sich von den übrigen jungen
Herren, die leer in den Tag hinein plauderten, sehr vorteilhaft durch
Ernst und würdige Haltung, durch gewählten Ausdruck und kurzes,
richtiges Urteil. Er war groß und schlank gebaut, männlich schön, nur
vielleicht für manche etwas zu mager. Sein Auge war glänzend und hatte
jenen Ausdruck stillen Beobachtens, der einen Menschenkenner oder
wenigstens einen Mann verrät, der das Leben und Treiben der großen und
kleinen Welt in vielerlei Formen gesehen und darüber gedacht hatte.

Er hatte, was mich sehr günstig für ihn stimmte, an dem Gespräch des
ewigen Juden und an seiner Persiflage mit keinem Wort, ich möchte
sagen, mit keiner Miene teilgenommen. Zum erstenmal an diesem ganzen
Abend entlockte ihm die Frage seiner Tante ein Lächeln, das sein
Gesicht, besonders den Mund, noch viel angenehmer machte; wahrlich, in
diesen Mann hätte ich mich, wenn ich eines der anwesenden Fräulein
gewesen wäre, unbedingt verlieben müssen; aber freilich, junge Damen
haben hierüber ganz andere Ansichten als der Teufel, und das einfache
schwarze Gewand des jungen Mannes konnte natürlich die glänzende
Gardeuniform und ihren kühnen, die drallen Formen zeigenden Schnitt
nicht aufwiegen.

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