Mitteilungen aus den Memoiren des Satan V1
W >>
Wilhelm Hauff >> Mitteilungen aus den Memoiren des Satan V1
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 | 8 |
9 |
10 |
11 |
12
* * * * *
VIERZEHNTES KAPITEL.
DER FLUCH.
(Eine Novelle.)
„Ich habe mich vergebens abgemüht, gnädige Tante," sprach der junge
Mann mit voller, wohltönender Stimme, „eine artige Novelle oder eine
leichte, fröhliche Erzählung für diesen Abend zu finden. Doch, um
nicht wortbrüchig zu erscheinen, muß ich schon den Fehler einigermaßen
gutzumachen suchen. Wenn Sie erlauben, will ich etwas aus meinem
eigenen Leben erzählen, das, wenn es nicht ganz den romantischen Reiz
und den anziehenden Gang einer Novelle, doch immer den Wert der
Wahrheit für sich hat."
Die Tante bemerkte ihm gütig, daß die einfache Wahrheit oft größeren
Reiz habe, als die erfundene Spannung einer Novelle, ja sie gestand
ihm, daß sie etwas sehr Interessantes erwarte; denn er sehe seit der
Zurückkunft von seinen Reisen so geheimnisvoll aus, daß man auf seine
Begebnisse recht gespannt sein dürfe.
Die älteren Damen lorgnettierten ihn aufmerksam und gaben dieser
Bemerkung vollkommen Beifall; der junge Mann aber hub an zu erzählen:
„Als ich vor fünf Jahren in diesem Saal von einer großen Gesellschaft,
welche die Güte meiner Tante noch einmal um den Scheidenden versammelt
hatte, Abschied nahm, warnten mich einige Damen--wenn ich nicht irre,
war Frau von Wollau mit davon--vor den schönen Römerinnen, vor ihren
feurigen, die Herzen entzündenden Blicken. Ich nahm ihre Warnung
dankbar an, noch kräftigeren Schub aber versprach ich mir von jenen
holden blauen Augen, von jenen freundlichen vaterländischen
Gesichtchen, von all den lieblichen Bildern, die ich, in feinem und
treuem Herzen aufbewahrt, mit über die Alpen nahm. Und sie schützten
mich, diese Bilder, gegen jene dunkeln Feuerblicke der Römerinnen; wie
sie aber vor sanften, blauen Augen, welche ich dort sah, sich
unverantwortlich zurückzogen, wie sie mein armes, unbewahrtes Herz
ohne Bedeckung ließen, will ich als bittere Anklage erzählen.
Der s----sche Gesandte am päpstlichen Hofe hatte mir in der Karwoche
eine Karte zu den Lamentationen in der Sixtinischen Kapelle geschickt;
mehr, um den alten Herrn, der mir schon manche Gefälligkeit erwiesen
hatte, nicht zu beleidigen, als aus Neugierde, entschloß ich mich,
hinzugehen. Ich war nicht in der besten Laune, als es Abend wurde;
statt einer lustigen Partie, wozu mich deutsche Maler geladen, sollte
ich einen Klagegesang mitanhören, der mir schon an und für sich höchst
lächerlich vorkam. Nie hatte ich mich nämlich von der Heiligkeit
solcher Ritualien überzeugen können; selbst in dem ehrwürdigen Kölner
Dom, wo die hohen Gewölbe und Bogen, das Dunkel des gebrochenen
Lichtes, die mächtigen, vollen Töne der Orgel manchen anderen ernster
stimmen mögen, konnte ich nur über die Macht der Täuschung staunen.
Meine Stimmung wurde nicht heiliger, als ich an das Portal der
Sixtinischen Kapelle kam. Die päpstliche Wache--alte, ausgediente,
schneiderhafte Gestalten hielten hier Wache mit so meisterlicher
Grandezza als nur die Cherubim an der Himmelstür. Der Glanz der Kerzen
blendete mich, da ich eintrat, und stach wunderbar ab gegen den
dunkeln Chor, in den die Finsternis zurückgeworfen schien. Nur der
Hochaltar war dort von dreizehn hohen Kerzen erleuchtet.
Ich hatte Muße genug, die Gesichter der Gesellschaft um mich her zu
mustern. Ich bemerkte nur sehr wenige Römer, dagegen fast alles, was
Rom an Fremden beherbergte.
Einige französische Marquis, berüchtigte Spieler, einige junge
Engländer von meiner Bekanntschaft standen ganz in meiner Nähe. Sie
zogen mich auf, daß auch ich mich habe verführen lassen, dem
Spektakel, wie sie es nannten, beizuwohnen; Lord Parter aber meinte,
es sei dies wohl der Schönen zu Gefallen geschehen, die ich
mitgebracht habe. Er deutete dabei auf eine junge Dame, die neben mir
stand. Er fragte nach ihrem Namen und ihrer Straße und schien sehr
ungläubig, als ich ihm damit nicht dienen zu können behauptete.
Ich betrachtete meine Nachbarin näher; es war eine schlanke, hohe
Gestalt, dem Anschein nach keine Römerin; ein schwarzer Schleier
bedeckte das Gesicht und beinahe die ganze Gestalt und ließ nur einen
Teil des Nackens sehen, so rein und weiß, wie ich ihn selten in
Italien, beinahe nie in Rom gesehen hatte.
Schon pries ich im Herzen meine Höflichkeit gegen den alten
Diplomaten, hoffend, eine interessante Bekanntschaft zu machen; wollte
eben--da begann der Klagegesang, und meine Schöne schien so eifrig
darauf zu hören, daß ich nicht mehr wagte, sie anzureden. Unmutig
lehnte ich mich an eine Säule zurück, Gott und die Welt, den Papst und
seine Lamentationen verwünschend.
Unerträglich war mir der monotone Gesang. Denken Sie sich, sechzig der
tiefsten Stimmen, die _unisono_, im tiefsten Grundton der
menschlichen Brust, Bußpsalmen murmeln. Der erste Psalm war zu Ende,
eine Kerze auf dem Altar verlöschte. Getröstet, die Farce werde ein
Ende haben, wollte ich eben den jungen Lord anreden, als von neuem der
Gesang anhub.
Jener belehrte mich zu meinem großen Jammer, daß noch alle zwölf
übrigen Kerzen verlöschen müßten, bis ich ans Ende denken könne. Die
Kirche war geschlossen und bewacht, an ein Entfliehen war nicht zu
denken. Ich empfahl mich allen Göttern und gedachte einen gesunden
Schlaf zu tun. Aber wie war es möglich? Wie Strahlen einer
Mittagssonne strömten die tiefen Klänge auf mich zu. Zwei bis drei
Kerzen verlöschten, meine Unruhe ward immer größer.
Endlich aber, als die Töne noch immer fortwogten, drangen sie mir bis
ins innerste Mark. Das Erz meiner Brust schmolz vor den dichten
Strahlen, Wehmut ergriff mich, Gedanken aus den Tagen meiner Jugend
stiegen wie Schatten vor meiner Seele auf, unwillkürliche Rührung
bemächtigte sich meiner, und Tränen entstürzten seit Jahren zum
erstenmal meinen Augen.
Beschämt schaute ich mich um, ob doch keiner meine Tränen gesehen.
Aber die Spieler, wunderbarer Anblick, lagen zerknirscht auf ihren
Knien, der Lord und seine Freunde weinten bitterlich. Zwölf Kerzen
waren verlöscht. Noch e i n m a l erhoben sich die tiefen,
herzdurchbohrenden Töne, zogen klagend durch die Halle, immer dumpfer,
immer leiser verschwebend. Da verlöschte die letzte Kerze und zugleich
damit das Feuermeer der Kirche, und bange Schatten, tiefe Finsternis
drang aus dem Chor und lagerte sich über die Gemeine. Mir war, als
wäre ich aus der Gemeinschaft der Seligen hinausgestoßen in eine
fürchterliche Nacht.
Da tönten aus des Chores hintersten Räumen süße, klagende Stimmen. Was
jenes tiefe, schauerliche Unisono unerweicht gelassen, zerschmolz vor
diesem hohen Dolce der Wehmut. Rings um mich das Schluchzen der
Weinenden, vom Chore herüber Töne, wie von gerichteten Engeln
gesungen, glaubte ich nicht anders, als in einer zernichteten Welt mit
unterzugehen und zu hören, der Glaube an Unsterblichkeit sei Wahn
gewesen.
Der Gesang war verklungen, Fackeln erhellten die Szene, die Menge
ergoß sich durch die Pforten, und auch ich gedachte mich zum Aufbruch
zu rüsten; da gewahrte ich erst, daß meine schöne Nachbarin noch immer
auf den Knien niedergesunken lag. Ich faßte mir ein Herz.
‚Signora,' sprach ich, ‚die Tore werden geschlossen, wir sind die
letzten in der Kapelle.'
Keine Antwort. Ich faßte ihre Rechte, die auf der Seite niederhing,
sie war kalt und ohne Leben. Sie lag in Ohnmacht.
Ich befand mich in sonderbarer Lage. Die Nacht war schon weit
vorgerückt; nur noch einige Flambeaus zogen durch die Kirche, ich
mußte alle Augenblicke befürchten, vergessen zu werden. Ich besann
mich nicht lange, rief einen der Fackelträger herbei, um mit seiner
Hilfe die Dame aufzurichten.
Wie ward mir, als ich den Schleier aufschlug! Der düstere Schein der
halbverlöschten Fackel fiel auf ein Gesicht, wie ich es auch auf dem
herrlichsten Kartons von Raffael nie gesehen! Glänzendbraune Locken
hatten sich aufgelöst und fielen herab bis in den verhüllten Busen und
umzogen das liebliche Oval ihres Angesichts, auf dem sich eine
durchsichtige Blässe gelagert hatte. Die schönen Bogen der Brauen
versprachen ein ernstes, vielleicht etwas schelmisches Auge, und den
halbgeöffneten Mund, umkleidet mit den weißesten Perlen, konnte Gram,
konnte Schmerz so gezogen haben.
Als wir sie aufrichten wollten, schlug sie das herrliche, blaue Auge
auf, dessen eigner, schwärmerischer Glanz mich so überraschte, daß ich
einige Zeit mich zu sammeln nötig hatte. Sie richtete sich plötzlich
auf und stand nun in ihrer ganzen Schönheit mir gegenüber. Welch zarte
Formen bei so vielem Anstand, bei so ungewöhnlicher Höhe des Wuchses.
Sie schaute verwundert in der Kirche umher und ließ dann ihre Blicke
zu mir herübergleiten.
‚Und Sie hier, Otto?' sprach sie, nicht italienisch, nein, in reinem,
wohlklingendem Deutsch.
Wie war mir doch so wunderbar! Sie sprach so bekannt zu mir, ja sogar
meinen Namen hatte sie genannt; woher konnte sie ihn wissen?--Sie
schien verwundert über mein Schweigen.
‚Nicht bei Laune, Freund? Und doch haben Sie mich so freundlich
unterstützt? Doch! Lassen Sie uns gehen, es wird spät.'
Sie hatte recht. Die Fackel drohte zu verlöschen. Ich gab ihr den Arm.
Sie drückte zärtlich meine Hand.
Was sollte ich denken, was sollte ich machen? Betrug von ihr war nicht
möglich--das Mädchen k o n n t e keine Dirne sein. Verwechslung war
offenbar. Aber sie wußte mich bei meinem Namen zu nennen. Sie war so
ohne Arg.--Ich wagte es--ich übernahm die Rolle eines verstimmten
Verehrers und schritt schweigend mit ihr durch die Hallen.
Am Portal ging mein Jammer von neuem an. Welche Straße sollte ich
wählen, um nicht sogleich meine Unbekanntschaft zu verraten? Ich nahm
allen meinen Mut zusammen und schritt auf die mittlere Straße zu.
‚Mein Gott!' rief sie aus und zog meinen Arm sanft seitwärts, ‚Otto,
wo sind Sie nur heute? Hier wären wir ja an die Tiber gekommen.'
O! Wie hörte ich so gerne diese Stimme! Wie lieblich klingt unsere
Sprache in einem schönen Munde! Schon oft hatte ich die Römerinnen
beneidet um den Wohllaut ihrer Töne; hier war weit mehr, als ich je in
Rom gehört; es mußte offenbar ein deutsches Mädchen sein, ich sah es
aus allem; und doch so reine, runde Klänge ihrer Sprache! Als ich noch
immer schwieg, brach sie in ein leises Weinen aus. Ihr tränendes Auge
sah mich wehmütig an, ihre Lippen wölbten sich, wie wenn sie einen Kuß
erwarteten.
‚Bist du mir nicht mehr gut, mein Otto? Ach, könntest du mir zürnen,
daß ich die Lamentationen hörte? O! zürne mir nicht! Doch du hast
recht, wäre ich lieber nicht hingegangen. Ich glaubte Trost zu finden
und fand keinen Trost, keine Hoffnung. Alle meine Lieben schienen dem
Grab entstiegen, schienen über die Alpen zu wehen und mit Tönen der
Klage mich zu sich zu rufen. Wie bin ich doch so allein auf der Erde!'
weinte sie, indem ihr blaues Auge in das nächtliche Blau des Himmels
tauchte. ‚Wie bin ich so allein!--Und wenn ich dich nicht hätte, mein
Otto!--'
Meine Lage grenzte an Verzweiflung; das schönste, lieblichste Kind im
Arme und doch nicht sagen können, wie ich sie liebte! Als ihre Tränen
noch nicht aufhören wollten, flüsterte ich endlich leise: ‚Wie könnte
ich dir zürnen?'
Sie schaute freundlich dankbar auf--‚Du bist wieder gut? Und o! wie
siehst du heute doch gar nicht so finster aus, auch deine Stimme
klingt heut so weich! Sei auch morgen so und laß nicht wieder einen
ganzen langen Tag auf dich warten.'
Sie näherte sich einem Haus und blieb davor stehen, indem sie die
Glocke zog. ‚Und nun gute Nacht, mein Herz,' sagte sie, ‚wie gerne
setzte ich mich noch zu dir auf die Bank, aber die Signora wartet wohl
schon zu lange.' Ich wußte nicht, wie mir geschah, ich fühlte einen
heißen Kuß auf meinen Lippen, und weg war sie.
Ich merkte mir die Nummer des Hauses, aber die Straße konnte ich nicht
erkennen. Nur einen Brunnen und gegenüber von ihrem Haus eine Madonna
in Stein gehauen konnte ich als Zeichen für die Zukunft anmerken. Ich
wand mich mit unsäglicher Mühe durch das Gewirre der Straßen und war
doch nicht froh, als ich endlich mein Haus erreichte. Bis an den
lichten Morgen kein Schlaf. Zuerst ließ mich der Mond nicht schlafen,
der mich durchs Fenster herein angrinste, und als ich die Gardine
vorzog, schien gar der Engelskopf des Mädchens hereinzublicken.
Mitunter zogen auch die Lamentationen durch meinen wirren Kopf, und
ich verwünschte endlich ein Abenteuer, das mich eine schlaflose Nacht
kostete.
Sehr frühe am andern Morgen traten Lord Parter und einer seiner
Freunde bei mir ein. Sie wollten mir begegnet sein, als ich meine
rätselhafte Schöne zu Haus brachte und schalten mich neckend, daß ich
sie gestern gänzlich verleugnet habe. Als ich ihnen mein Abenteuer,
dem größern Teile nach, erzählte, wurden sie noch ungestümer und
behaupteten, mich deutlich schon mehreremal mit derselben Dame gesehen
zu haben. Immer klarer ward mir, daß irgend ein Dämon sich in meine
Gestalt gehüllt habe, da ja auch das Mädchen mich so genau zu kennen
schien, und ich war nicht minder begierig, das liebe Mädchen, als das
leibhaftige Konterfei meiner Gestalt zu Gesicht zu bekommen. Die
beiden Engländer mußten mir Stillschweigen geloben, indem ich mich vor
dem Spott meiner Bekannten fürchtete; zugleich versprachen sie auch,
mir suchen zu helfen.
Nach langem Umherirren, wobei wir tausend Lügen ersinnen mußten, um
die erwachende Neugierde unserer Freunde zu täuschen, fanden wir
endlich in dem entlegensten Winkel der Stadt jene Merkzeichen, die
Madonna und den Brunnen. Ich sah das Haus der Holden, ich sah die Bank
an der Türe, auf welcher ich hätte selig werden sollen, aber hier ging
auch unser Weg zu Ende. Als Fremde hätten wir zu viel gewagt, so weit
entfernt von den uns bekannten Straßen, unter einer Menschenklasse,
die besonders den Engländern so gram ist, uns in ein fremdes Haus
einzudrängen. Wir zogen mehreremal durch die Straße; immer war die
Türe verschlossen, immer die Fenster neidisch verhängt. Wir verteilten
uns, bewachten Tage lang die Promenaden, weder meine Schöne, noch mein
Ebenbild ließen sich sehen.
Geschäfte riefen mich in dieser Zeit nach Neapel. So angenehm mir
sonst diese Reise gewesen wäre, so war sie mir in meiner gegenwärtigen
Spannung höchst fatal. Unaufhörlich verfolgte mich das Bild des
Mädchens, im Traum wie im Wachen hörte ich die liebliche Stimme
flüstern. Hatten mich die Gesänge in der Kapelle so weich gestimmt?
Hatte das flüchtige Bild der Schönen vermocht, was der Geist und die
Schönheit so mancher andern nicht über mich vermochte?
Unruhig reiste ich ab. Die Reise, so viele abwechselnde Gegenstände,
die ernsten Geschäfte, der Reiz der Gesellschaft, nichts gab mir meine
Ruhe wieder.
Es war die Zeit des Karnevals, als ich nach Rom zurückkehrte. Durfte
ich hoffen, im Gewühle der Menge den Gegenstand meiner Sehnsucht
herauszufinden? Meine englischen Freunde waren abgereist, ich hatte
niemand mehr, dem ich mich vertrauen mochte. Ohne Hoffnung hatte ich
mehrere Tage verstreichen lassen, ich war nicht zu bewegen, mich unter
die Freuden des Karnevals zu mischen.
Wie erstaunte ich aber, als mich am Morgen des vierten Tages der
Karnevalswoche der Gesandte fragte, wie ich mich gestern amüsiert
habe. Ich sagte ihm, ich sei nicht im Korso gewesen. Er erstaunte,
behauptete, mich von seinem Wagen aus mit einer Dame am Arm gesehen
und begrüßt zu haben. Er schwieg, etwas beleidigt, als ich es wieder
verneinte. Aber plötzlich kam mir der Gedanke: Wie, wenn es die
Gesuchten wären?
--Man war in allen Zirkeln sehr gespannt auf diesen Abend. Ein
prachtvoller Maskenzug, worin Damen aus den edelsten römischen Häusern
eine Rolle übernommen hatten, sollte den Karneval verherrlichen. Ich
gab dem Drängen meiner Bekannten nach und ging mit in den Korso.
Erwarten Sie von mir keine Beschreibung dieses Schauspiels. Zu jeder
andern Zeit würde ich ihm alle meine Aufmerksamkeit geschenkt haben,
nicht nur, weil es mir als Volksbelustigung sehr interessant gewesen
wäre, sondern weil sich der Charakter der Römer gerade hier am meisten
aufdeckt. Aber wenn ich sage, daß von dem ganzen Abend, von allen
Herrlichkeiten des Korso nur noch ein Schatten in meiner Erinnerung
geblieben und nur ein heller Stern aus dieser Nacht auftaucht, so
werden Sie vergeben, wenn ich über das interessante Schauspiel Ihre
Neugierde nicht zur Genüge befriedige.
Die lange, enge Straße war schon gefüllt, als wir durch die _Porta
del popolo_ hereintraten. Unabsehbar wogten die Wellen der Menge
durcheinander, und das Auge gleitete unbefriedigt darüber hinweg, weil
es unter der Mischung der grellsten Farben keinen Punkt fand, der es
festhielt. Die Erwartung war gespannt. Überall hörte man von dem
Maskenzug reden, der sich nun bald nahen müsse. Ein rauschendes
Beifallrufen drang jetzt von dem Obelisken auf der Piazza herüber und
verkündete die Auffahrt der Masken. Alle Blicke richteten sich
dorthin. Von den Balkonen und Gerüsten herab wehten ihnen Tücher und
winkten schöne Hände entgegen, indem die Equipagen sich an die Seiten
drängten, um den Wagen des Zuges Platz zu machen. Er nahte. Gewiß, ein
herrlicher Anblick! Die Götter der alten Roma schienen wieder in die
alten Mauern eingezogen zu sein, um ihren Triumph zu feiern.
Liebliche, majestätische Gruppen! Welch herrliche Umrisse in den
Gestalten des Apoll und Mars, wie lieblich Venus und Juno, und man
konnte es nicht für Unbescheidenheit halten, sondern mußte gerade
hierin den schönsten Triumph finden, wenn das Volk mit Ungestüm den
Göttinnen zurief, die Masken abzunehmen. Unendlich wurde aber der
Beifall, als die Gräfin Parvi, die edlen Formen des Gesichtes
unverhüllt, als Psyche sich nahte. Wahrlich, dieser liebliche Ernst,
diese sanfte Größe hätten einen Zeuxis und Praxiteles begeistern
können.
Der Abend nahte heran, man rüstete sich, die Gerüste zu besteigen,
weil das Pferderennen beginnen sollte. Ich stand ziemlich verlassen
auf der Straße, mit sehnsüchtigen Blicken die Galerien und Balkone
musternd, ob meine Schöne nicht darauf zu treffen sei. Plötzlich
fühlte ich einen leisen Schlag auf die Schulter. ‚So einsam?' tönte in
der lieben Muttersprache eine süße Stimme in mein Ohr. Ich sah mich
um. Eine reizende Maske, in der Kleidung einer Tirolerin, stand hinter
mir. Durch die Höhlen der Maske blitzten jene blauen Augen, die mich
damals so sehr überraschten. Sie ist's--es ist kein Zweifel. Ich bot
ihr schweigend die Hand, sie drückte sie leise. ‚Du böser Otto,'
flüsterte sie, ‚den ganzen Abend habe ich dich vergebens gesucht. Wie
mußte ich schwatzen, um die Signora los zu werden!'
Die Wache rückte die Straße herab. Es war hohe Zeit, die Galerien zu
suchen. Ich deutete hinauf, sie gab mir ihren Arm, sie folgte. Ein
heimliches Plätzchen hinter einer Säule bot sich dar, sie wählte es
von selbst, Karneval, Pferderennen, alle Schönheiten Roms waren für
mich verloren, als mein stiller Himmel sich öffnete, als sie die Maske
abnahm. Noch lieblicher, noch unendlich schöner war sie als an jenem
Abend. Die zarte Blässe, die sie damals aus der Kapelle brachte, war
einer feinen, durchsichtigen Röte gewichen; das Auge strahlte von noch
höherem Glanz als damals, und der tiefe, beinahe wehmütige Ernst der
Züge, wie sie sich mir damals zeigte, war durch ein Lächeln gemildert,
das fein und flüchtig um die zarten Lippen wehte."
„Sie heftete wieder einige Minuten schweigend ihr Auge auf mein
Gesicht, strich mir spielend die Haare aus der Stirne und rief dann
plötzlich: ‚Jetzt bist du's wieder ganz! Ganz wie an jenem Abend in
der Kapelle, den du mir so hartnäckig leugnest! Gestehest du ihn
deiner Luise noch nicht?'
„Welche Pein! Was sollte ich sagen? Da fiel plötzlich das Signal, die
Pferde rannten durch den Korso. Meine Schöne bog den Kopf abwärts, und
ich, meiner Sinne kaum mächtig, flüchtete hinter die nächste Säule, um
nicht im Augenblicke vor dem arglosen Mädchen als ein Tor oder noch
etwas Schlimmeres zu erscheinen. Und was war ich auch anders, wenn ich
mich selbst recht ernstlich fragte? Was wollte ich von dem Mädchen,
was konnte ich von ihr wollen? Und war nicht eine so weit getriebene
Neugierde Frevel?
„Während ich noch so mit mir selbst kämpfte, ob es nicht ehrlicher
sei, ein Abenteuer aufzugeben, dessen Ende nur ein törichtes sein
konnte, bemerkte ich, daß meine Stelle schon wieder besetzt sei. Ich
schlich näher herzu, um wenigstens zu hören, wer der Glückliche sei,
da ich ihn, ohne meine unbescheidene Nähe zu verraten, nicht sehen
konnte."
‚Wie magst du nur so zerstreut fragen?' sagte Luise, ‚du selbst hast
mich ja heraufgeführt.'
‚Ich hätte dich geführt, der ich diesen Augenblick erst zu dir trete?
Gestehe, du betrügst mich; wer hat dich hergeleitet?'
Mit befangener Stimme, dem Weinen nahe, beharrte sie auf dem, was sie
vorhin sagte. ‚Du bist auch wie unser Wetter über den Alpen, soeben
noch so freundlich, und jetzt so kalt, so finster.'
Jener stand schnell auf: ‚Ich bin nicht gestimmt, meine Gnädige, das
Ziel Ihrer Scherze zu sein,' sagte er, ‚und wenn Sie sich in Rätsel
vertiefen, wird meine Gesellschaft Ihnen lästig werden.' Er brach auf
und wollte gehen. Ich konnte die Leiden der Armen nicht mehr
verlängern und trat hervor hinter der Säule, um mich als Auflösung des
Rätsels zu zeigen. Aber wie ward mir! Meine eigene Gestalt, mein
eigenes Gesicht glaubte ich mir gegenüber zu sehen. Die
überraschendste Ähnlichkeit--"
* * * * *
FÜNFZEHNTES KAPITEL.
Das Intermezzo.--Der Trinker.
Ein schrecklicher Angstschrei, ein Gerassel, wie Blitz und Donner
einander folgend, unterbrach den Erzähler. Welcher Anblick! Der Jude
lag ausgestreckt auf dem Boden des Saales, überschüttet mit Tee,
Trümmer seines Stuhles und der feinen Meißner Tasse, die er im Sturz
zerschmettert, um ihn her. Der Ärger über eine solche Unterbrechung
war auf allen Gesichtern zu lesen; zürnend wandten die Damen ihr Auge
von diesem Schauspiel, von den Herren machte keiner Miene, ihm
beizustehen. Er selbst aber blieb sekundenlang liegen, ohne sich zu
rühren, und schaute verwundert herauf.
Ich sprang auf, ihm beizustehen; ich hob ihn auf und sah mich nach
einem andern Stuhle um, auf welchen ich ihn setzen könnte. Aber ein
Verwandter des Hauses raunte mir in die Ohren, ich möchte machen, daß
wir fortkommen, mein Hofmeister scheine sich nicht in dieser
Gesellschaft zu gefallen.
Wir folgten dem Wink und nahmen unsere Hüte. Als ich mich von der
gnädigen Frau beurlaubte, sagte sie mir viel Schönes und lud mich ein,
sie recht oft zu sehen; meinen armen Hofmeister würdigte sie keines
Blickes. Sie neigte sich so kalt als möglich und ließ ihn abziehen.
Gelächter schallte uns nach, als wir den Saal verließen, und ich hatte
mit meiner Inkarnation so viel menschliche Eitelkeit angezogen, daß
mich dieses Lachen ungemein ärgerte.
Wie gern hätte ich die Erzählung jenes interessanten jungen Mannes zu
Ende gehört; wie viel Wichtiges und Psychologisches hätte ich von dem
gardeuniformliebenden Fräulein erlauschen können; und war ich selbst
nicht ganz dazu gemacht, junge Herzen an jenem Abend zu erobern? Ein
junger, reicher, ich darf sagen, hübscher Mann auf Reisen findet, wo
er hinkommt, freundliche Augen, durch welche er so leicht in die
Herzen einzieht--und dies alles hatte mir das ungeschliffene Wesen des
alten Menschen verdorben; ich hätte ihn würgen können, als wir im
Wagen saßen.
„War es nicht genug," sagte ich, „daß du mit deinem scharfen Judenbart
die zarte Hand der Gnädigen empfindlich bürstetest? Mußtest du auch
noch die Frau von Wollau durch dein unzeitiges Gelächter beleidigen?
Und kaum hast du es wieder gut gemacht, so bringst du aufs neue alles
gegen dich auf. Was gingen dich denn die S c h w a b e n m ä d e l an,
daß du ihre Schönheit an den Teetischen Berlins predigest? Darfst du
denn sogar in China einer Schönen sagen, sie habe ein Teegesicht? Und
jetzt, nachdem du die spitzigen Worte der ungnädigen Frau eingesteckt
hattest, jetzt, als alles auf das erste vernünftige Thema, das diesen
Abend abgehandelt wurde, lauschte, jetzt fällst du, wie der selige
Hohepriester Eli im zweiten Kapitel Samuelis, rücklings in den Saal
und zerschmetterst--nicht den eigenen hohlen Schädel, wie jener
würdige jüdische Papst--nein! einen zierlich geschnitzten Fauteuil und
eine Tasse von Meißner Porzellan; sage, sprich, schlechter Kamerad,
wie fingst du es nur an?"
„In Eurer Stelle, Herr Satan, wäre ich nicht so arrogant gegen
unsereinen," antwortete er verdrießlich. „Ihr wißt, daß Euch keine
Gewalt über meine Seele zusteht; denn seit anderthalbtausend Jahren
kenne ich Eure Schliche und Ränke wohl. Was aber die Elis-Geschichte
betrifft, so will ich Euch reinen Wein einschenken, vorausgesetzt, Ihr
begleitet mich in eine Auberge; denn der läpperige Tee hier, mit dem
man in China kaum die Tassen ausspülen würde, mit dem noch schlechtern
Arrak, haben mir ganz miserabel gemacht."
Ich ließ vor einem Restaurateur halten und führte den verunglückten
Doktor Mucker hinein. Es war schon ziemlich tief in der Nacht, und nur
noch wenige, aber echte Trinker in dem Wirtszimmer. Wir setzten uns an
einen Tisch zu vier oder fünf solcher nächtlichen Gesellen; ich ließ
für den alten Menschen Burgunder auftragen, und in geläufigem
Malabarisch, wovon die Trinker gewiß nichts verstanden, forderte ich
ihn auf, zu erzählen.
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 | 8 |
9 |
10 |
11 |
12