Mitteilungen aus den Memoiren des Satan V1
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Nachdem der ewige Jude durch etliche Schlücke sich erholt hatte,
begann er:
„Ich glaube, es ist ein Teil des Fluches, der auf mir ruht, daß ich,
sobald ich mich in höhere Sphären der Gesellschaft wage, lächerlich
werde; ein paar Beispiele mögen dir genügen.
„Du weißt, daß ich, um mir die Langeweile des Erdenlebens zu
vertreiben, zuweilen einen Liebeshandel suche--nun, verziehe dein
Gesicht nur nicht so spöttisch, ich bin eine Stereotypausgabe von
einem kräftigen Fünfziger, und ein solcher darf sich schon noch aufs
Eis wagen. Nun hatte ich einmal in einem kleinen sächsischen Städtchen
eine Schöne auf dem Korn. Ich hatte schon seit einigen Tagen Zutritt
in das elterliche Haus, und die kleine Kokette schien mir gar nicht
abgeneigt. Ich kleidete mich sorgfältiger, um ihr zu gefallen, ich
scherwenzelte um sie her, wenn sie spazieren ging, kurz, ich war ein
so ausgemachter Geck, als je einer über das Pflaster von Leipzig ging.
In dem Städtchen gehörte es zum guten Ton, morgens um neun Uhr an dem
Haus seiner Schönen vorbeizugehen; schaute sie heraus, so wurde mit
Grazie der Hut gezogen und etwas weniges geseufzt.
„Dies hatte ich mir bald abgemerkt und zog nun pflichtgemäß, wenn die
Glocke neun Uhr summte, an jenem Haus vorüber, und ich hatte die
Freude, zu sehen, wie mein Engel jedesmal zum Fenster herausschaute
und huldreich lächelte. Eines Morgens war es sehr kotig auf der
Straße; ich ging also, um die weißseidenen Strümpfe zu schonen, auf
den Zehenspitzen und machte Schritte wie ein Hahn. Aber vor dem Hause
meiner Schönen war der Schmutz reinlich in große Haufen
zusammengekehrt; denn der Papa war eine Art von Polizeiinspektor und
mußte den Einwohnern ein gutes Beispiel geben; wie freute sich mein
Herz über diese Reinlichkeit! Ich konnte dort fester auftreten, ich
konnte mit dem rechten Bein, wenn ich mein Kompliment machte, zierlich
ausschweifen, ohne mich zu beschmutzen. Mein Engel schaute huldreich
herab, freudig ziehe ich den Hut von dem schönfrisierten Toupet,
schwenke ihn in einem kühnen Bogen und--o Unglück--er entwischt meiner
Hand, er fährt wie ein Pfeil in den aufgeschichteten Unrat, daß nur
noch die Spitze hervorsieht.
„Wie schön sagt Schiller:
‚Einen Blick
Nach dem Grabe
Seiner Habe
Sendet noch der Mensch zurück.'
„So stand ich wie niedergedonnert an dem Unrat. Sollte ich in
zierlicher Stellung mit den Fingerspitzen den Hut herausziehen? Aber
dann war zu befürchten, daß er ganz ruiniert sei; sollte ich völlig
_chapeau bas_ weiter ziehen, wie einer, der ohne Hut dem Galgen
oder dem Tollhaus entsprungen?
„Wie ein silbernes Feuerglöckchen schlägt jetzt das lustige Lachen
meiner Dulzinea an mein Ohr; brummend wie die schweren Totenglocken,
das Grabgeläute meiner Hoffnung, antworten zehn Bässe aus dem
gegenüberstehenden Kaffeehaus; Husarenleutnants, Schreiber, Kaufleute
brüllen aus den aufgerissenen Fenstern, und ‚Hussa, Sultan, such'
verloren!' tönt die Stimme meines furchtbarsten Rivalen, des Grafen
Lobau. Eine englische Dogge von Menschenlänge stürzt hervor, packt den
verlorenen Hut mit geübter Schnauze, rennt auf mich zu, stellt sich
auf die Hinterbeine, tappt mit seinen Pfoten auf meine Schultern und
präsentiert mir das triefende _corpus delicti_.
„Was ich dir hier mit vielen Worten erzählte, mein Bester, war das
Werk eines Augenblicks; wie angefroren war ich dagestanden, und erst
die Zudringlichkeit des höflichen Hundes gab mir meine Fassung wieder.
Wieherndes, jauchzendes Gelächter scholl aus dem Kaffeehause, und auch
bei i h r waren alle Fenster mit Lachern angefüllt; und als ich, einen
zärtlichen Blick, den letzten, hinauflaufen ließ, sah ich, wie sie das
battistene Schnupftuch in den Mund schob, um nicht vor Lachen zu
bersten. Da verlor ich von neuem die Fassung; wütend ergriff ich den
Hut und schlug ihn der Dogge ins Gesicht; aber die Bestie verstand
keinen Spaß, sie packte mich, an dem zierlichen Busenstreifen, ich
ließ ihr diese Spolien und machte mich eilends davon, durch dick und
dünn galoppierend; aber die Bestie folgte, und andere Hunde und
Gassenjungen stürzten nach, und die schreckliche Jagd nahm erst ein
Ende, als ich atemlos in das Portal meines Gasthofes stürzte.
„Daß es mit meiner Liebe aus war, kannst du denken, besonders, da ich
nachher erfuhr, die Kokette habe alle ihre Anbeter um diese Stunde in
das Kaffeehaus bestellt, um meine tägliche Fensterparade zu
bewundern!"
Ich bedauerte den Armen von Herzen; er aber griff ruhig nach seinem
Glas, trank und fuhr dann fort:
„Kann dich versichern, so hundsföttisch ging es mir von jeher,
besonders aber in der neuen aufgeklärten Zeit, wo man so ungemein viel
auf das Schickliche hält und verzweifeln möchte, wenn der
vortreffliche Reifrock der Etikette ein wenig unsanft berührt wird.
Darum ist es mir bei einem Gastmahl immer höllenangst. Wird fette
Sauce umhergegeben, so sehe ich schon im Geiste, daß ich damit zittern
und sie verschütten werde. Kommt dann der Bettel an mich, so bricht
mir der Angstschweiß aus, die Sauciere klappert in meiner zitternden
Hand fürchterlich, sie schwankt, ich fahre mit der andern Hand darnach
und--richtig, meine freundliche Nachbarin hat die ganze Bescherung auf
dem neuen Drap d'or oder Genuesischen Sammetkleid, daß alles im
schönsten Fette schwimmt. Habe ich aber endlich eine solche
Fegefeuertour durchgemacht, ohne Sauce zu verschütten, ohne ein Glas
umzuwerfen, ohne einen Löffel fallen zu lassen, ohne dem Schoßhund auf
den Schwanz zu treten, ohne der Tochter des Hauses die größten
Sottisen zu sagen, wenn ich höflich und pikant sein will, so faßt mich
irgend ein Unheil noch zum Schluß, daß ich mit Schande abziehe wie
heute."
„Nun," fragte ich, „und was warf dich denn heute mitten ins Zimmer?"
„Als der langweilige Mensch seine Erzählung anhub, wie er ein paar
Pfaffen habe singen hören und wie er einem hübschen Mädchen
nachgelaufen sei--was man überall tun kann, ohne gerade in Rom zu
sein--da übermannte mich die Langeweile, die eines meiner Hauptübel
ist, und so setzte ich, um mich zu unterhalten, meinen Stuhl rückwärts
in Bewegung und schaukelte mich ganz angenehm. Auf einmal, ehe ich
mich dessen versah, schlug der Stuhl mit mir rückwärts über, und ich
lag--"
„Das habe ich leider gesehen, wie du lagst," sagte ich; „aber wie kann
man nur in honetter Gesellschaft so ganz alle gute Sitte vergessen und
mit dem Stuhle schaukeln."
„Sei jetzt ruhig und bringe mich nicht auf mit der verdammten
Geschichte; ich habe heute abend kein Glück gemacht, das ist alles.
_Bibamus, diabole!_" sagte der alte Mensch, indem er selbst mit
tüchtigem Beispiel voranging und dann schmunzelnd auf das dunkelrote
Glas wies: „Der ist koscher, Herr Bruder, guter Burgunder, echter
Chambertin und wenigstens zwanzig Jahre alt. Du magst mich jetzt
auslachen oder nicht; aber ein gutes altes Weinchen vom Südstamme ist
noch immer meine Leidenschaft, und ich behaupte, die Welt sieht jetzt
nur darum so schlecht aus, weil so viel Tee, Branntwein und Bier, aber
desto weniger Wein getrunken wird."
„Du könntest recht haben, Jude!"
„Wie stattlich," fuhr er im Eifer fort, „wie stattlich nahmen sich
sonst die Wirtshäuser aus. Breite, gedrungene, kräftige Gestalten, den
dreispitzigen Hut ein wenig auf die Seite gesetzt, rote Gesichter,
feurige Augen, ins Bläuliche spielende Nasen, honette Bäuche--so
traten sie, das hohe, mit Gold beschlagene Meerrohr in der Faust,
feierlich grüßend ins Zimmer. Wenn der Hut am Nagel hing, der Stock in
die Ecke gestellt war, schritt der Gast dem wohlbekannten Plätzchen
zu, das er seit Jahren sich zu eigen gemacht hatte und das oft nach
ihm getauft war. Der Wirt stellte mit einem ‚Wohl bekomm's' die
Weinkanne vor den ehrsamen Trinker, die gewöhnlichen Bechernachbarn
fanden sich zur bestimmten Stunde ein, man trank viel, man schwatzte
wenig und zog zur bestimmten Stunde wieder heim. So war es in den
guten alten Zeiten, wie die Menschen sagen, die nach Jahren rechnen,
so war es, und nur der Tod machte darin eine Änderung. Jetzt hängen
sie alles an den Putz, machen Staat wie die Fürsten und sitzen den
Wirten um zwei Groschen die Bänke ab. Lustiges, unstetes Gesindel
fährt in den Wirtshäusern umher, man weiß nie mehr, neben wen man zu
sitzen kömmt, und das heißen die Leute K o s m o p o l i t i s m u s.
Höchstens trifft man ein paar alte weingrüne Gesichter von der echten
Sorte, aber dies Geschlecht ist beinahe ausgestorben!"
„Schau nur dorthin," fiel ich ihm ein, „du Prediger in der Wüste, dort
sitzen ein paar Echte. Sieh nur das kleine Männlein dort in dem
braunen Röckchen, wie es so feurig die roten Augen über die Flasche
hinrollen läßt. Er scheint mir ein rechter Kenner, denn er trinkt den
Nierensteiner Kirchhofwein, den er vor sich hat, in ganz kleinen Zügen
und zerdrückt ihn ordentlich auf der Zunge, ehe er schluckt. Und dort
der große dicke Mann mit der roten Nase, ist er nicht eine Figur aus
der alten Zeit? Nimmt er nicht das Glas in die ganze Faust, statt wie
die Heutigen den kleinen und den Goldfinger zierlich auszustrecken?
Ist er nicht schon an der vierten Flasche, seit wir hier sind, und
hast du nicht bemerkt, wie er immer die Pfropfen in die Tasche steckt,
um nachher zu zählen, wie viele Flaschen er getrunken?"
„Wahrhaftig, diese sind echt!" rief der begeisterte Jude, „ich bin
jung gewesen und alt geworden, aber solcher gibt es nicht viele; laß
uns zu ihnen uns setzen, _mi fratercule_!"
Wir hatten nicht fehl geraten. Jene Trinker waren von der echten
Sorte; denn schon seit zwanzig Jahren kamen sie alle Abende in das
nämliche Wirtshaus. Man kann sich denken, wie gerne wir uns an sie
anschlossen. Ich, weil ich solche Käuze liebe und aufsuche, der ewige
Jude aber, weil der Kontrast zwischen dem eleganten Tee und diesen
Trinkern in seinen Augen sehr zugunsten der letzteren ausfiel. Er
wurde so kordial, daß er zu vergessen schien, daß er mit ihren
Urvätern schon getrunken habe, daß er vielleicht mit ihren späten
Enkeln wieder trinken werde.
Die alten Gesellen mochten jetzt ihre Ladung haben; denn sie wurden
freundlich und fingen an, zuerst leise vor sich hin zu brummen; dann
gestaltete sich dieses Brummen zu einer Melodie, und endlich sangen
sie mit heiserer Weinkehle ihre gewohnten Lieder. Auch den alten
Menschen faßte diese Lust. Er dudelte die Melodien mit, und als sie
geendet hatten, fing auch er sein Lied an. Er sang:
„Wer seines Leibes Alter zählet
Nach Nächten, die er froh durchwacht,
Wer, ob ihm auch der Taler fehlet,
Sich um den Groschen lustig macht,
Der findet in uns seine Leute,
Der sei uns brüderlich gegrüßt,
Weil ihn, wie uns, der Gott der Freude
In seine sanften Arme schließt.
Wenn von dem Tanze sanft gewieget,
Von Flötentönen süß berauscht,
Fein Liebchen sich im Arme schmieget
Und Blick um Liebesblick sich tauscht;
Da haben wir im Flug genossen,
Und schnell den Augenblick erhascht,
Und Herz am Herzen festgeschlossen
Der Lippen süßen Gruß genascht.
Den Wein kannst du mit Gold bezahlen,
Doch ist sein Feuer bald verraucht,
Wenn nicht der Gott in seine Strahlen,
In seine Geisterglut dich taucht;
Uns, die wir seine Hymnen singen,
Uns leuchtet seine Flamme vor,
Und auf der Töne freien Schwingen
Steigt unser Geist zum Geist empor.
Drum, die ihr frohe Freundesworte
Zum würdigen Gesang erhebt,
Euch grüß' ich, wogende Akkorde,
Daß ihr zu uns herniederschwebt!
Sie tauchen auf--sie schweben nieder,
Im Vollton rauschet der Gesang,
Und lieblich hallt in unsre Lieder
Der vollen Gläser Feierklang.
So haben's immer wir gehalten
Und bleiben fürder auch dabei,
Und mag die Welt um uns veralten,
Wir bleiben ewig jung und neu:
Denn wird einmal der Geist uns trübe,
Wir haben ihn im alten Wein,
Und ziehen mit Gesang und Liebe
In unsern Freudenhimmel ein."
Ob dies des ewigen Juden eigene Poesie war, kann ich nicht bestimmt
sagen, doch ließ er mich zuzeiten merken, daß er auch etwas Poet sei;
die zwei alten Weingeister waren ganz erfüllt und erbaut davon; sie
drückten dem a l t e n M e n s c h e n die Hand und gebärdeten sich,
als hätte er ihnen die ewige Seligkeit verkündigt.
Es schlug auf den Uhren drei Viertel vor zwölf. Der ewige Jude sah
mich an und brach auf; ich folgte. Rührend war der Abschied zwischen
uns und den Trinkern, und noch auf der Straße hörten wir ihre
heiseren Stimmen in wunderlichen Tönen singen:
„Und wird einmal der Geist uns trübe,
Wir baden ihn im alten Wein,
Und ziehen mit Gesang und Liebe
In unsern Freudenhimmel ein."
* * * * *
SATANS BESUCH BEI HERRN VON GOETHE
nebst
einigen einleitenden Bemerkungen
über das Diabolische in der deutschen Literatur.
„Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern
Und hüte mich, mit ihm zu brechen,
Es ist gar hübsch von einem großen Herrn,
So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen."
Goethe.
SECHZEHNTES KAPITEL.
Bemerkungen über das Diabolische in der deutschen Literatur.
„Die Idee eines Teufels ist so alt als die Welt und nicht erst durch
die Bibel unter die Menschen gekommen. Jede Religion hat ihre Dämonen
und bösen Geister,--natürlich weil die Menschen selbst von Anfang an
gesündigt haben und nach ihrem gewöhnlichen Anthropomorphismus das
Böse, das sie sahen, einem Geiste zuschrieben, dessen Geschäft es sei,
überall Unheil anzurichten."--So würde ich ungefähr sprechen, wenn
ich es bis zum Professor der Philosophie gebracht hätte und nun über
die I d e e e i n e s T e u f e l s mich breit machen müßte.
In meiner Stellung aber färbe ich über solche Demonstrationen, die
gewöhnlich darauf auslaufen, daß man mich mit zehnerlei Gründen hinweg
zu disputieren sucht; ich lache darüber und behaupte, die Menschen, so
dumm sie hie und da sein mögen, merken doch bald, wenn es nicht g a n
z g e h e u e r u m s i e h e r ist, und mögen sie mich nun Ariman
oder das böse Prinzip, Satan oder Herr Urian nennen, sie kennen mich
in allen Völkern und Sprachen. Es ist doch eine schöne Sache um das
„_dicier hic est_," darum behagt mir auch die deutsche Literatur
so sehr. Haben sich nicht die größten Geister dieser Nation bemüht,
mich zu verherrlichen und, wenn ich's nicht schon wäre, mich ewig zu
machen?
In meiner _Dissertatio de rebus diabolicis_ sage ich unter anderem
hierüber folgendes: „§ 8. D i e I d e e, d a s m o r a l i s c h e
V e r d e r b e n i n e i n e r P e r s o n d a r z u s t e l l e n,
m u ß t e s i c h d a h e r d e n D i c h t e r n h a l b
a u f d r ä n g e n; diese waren, wie es in Deutschland meistens der
Fall war, philosophisch gebildet, doch war ihre Philosophie wie ihre
Moral von jener breiten, dicken Sorte, die nicht mit Leichtigkeit über
Gegenstände hinzugleiten weiß; daher kam es, daß auch die Gebilde
ihrer Phantasie jenes philosophische Blei an den Füßen trugen, das sie
nicht mit Gewandtheit auftreten ließ; sie stolperten auf die Bühne und
von der Bühne, machten sich breit in Philosophemen, die der Zehnte
nicht sogleich verstand, und drehten und wandten sich, als sollten sie
auf einer engen Brücke ohne Geländer in Reifröcken einander
ausweichen.
Daher kam es, daß auch die Teufel dieser Poeten gänzlich verzeichnet
waren. Betrachten wir z. B. Klingers Satan. Wie vielen Bombast hat
dieser arme Teufel zuerst in der Hölle und dann auf der Erde
herzuleiern!
Klingemanns Teufel! Glaubt man nicht, er habe ihn nur geschwind aus
dem Puppenspiel von der Straße geholt, ihm die Glieder ausgereckt, bis
er die rechte Größe hatte, und ihn dann in die Szene gesetzt? Man
begreift nicht, wie ein Mensch sich von einem solchen Ungetüm sollte
verführen lassen."
Es gibt noch mehrere solcher literarischen Ungetüme, die hier
aufzuführen der Raum nicht erlaubt. Sie alle haben mir von jeher viel
Spaß gemacht, und ich kam mir oft vor, wie der Policinello des
italienischen Lustspiels; ich war bei diesen Leuten eine stehende
Figur, die, wenn auch etwas anders aufgeputzt, doch immer wieder die
Hörner herausstreckte, und unter welche man zu besserer Kenntnis ein
_Ecce homo_, sehet, das ist der Teufel, schrieb.
Doch auch dem Teufel muß man Gerechtigkeit widerfahren lassen, sagt
ein altes Sprichwort, folglich muß der Teufel zur Revanche auch wieder
gerecht sein. „Ein jeder gibt, wie er's kann," fuhr ich in der
Dissertation fort, „und wie sich in jenen Poeten das moralische
Verderben bei jedem wieder in andern Reflexen abspiegelte, so gaben
auch sie ihre Teufel. Daher kommt es, daß Herr Urian bei Klopstock
wieder bei weitem anders aussieht.
„Jener Abadonna ist ein gefallener Engel, dem das höllische Feuer die
Flügel versengte, der sich aber auch jetzt noch nobel und würdig
ausnehmen soll. Aber leider ist dieser Zweck doch ein wenig verfehlt;
mir wenigstens kommt dieser Klopstocksche Gottseibeiuns vor wie ein
Elegant, der, wegen Unarten aus den Salons verwiesen, sich in den
Tabagien und spießbürgerlichen Klubs nicht recht zu finden weiß und
darum unanständig jammert."
So ungefähr sprach ich mich in jener gelehrten Dissertation aus, und
ich gebe noch heute zu, daß die Auffassung wie jeder Idee, so auch der
des Teufels, sich nach den individuellen Ansichten des Dichters über
das Böse richten muß; dies alles aber entschuldigt keineswegs jenen
berühmten Mann, der kraft seines umfassenden Genies, nicht den engen
Grenzen seines Vaterlandes oder der Spanne Zeit, in welcher er lebt,
sondern der Erde und künftigen Jahrhunderten angehören könnte, es
entschuldigt ihn nicht darin, daß er einen so schlechten Teufel zur
Welt gebracht hat.
Der G o e t h e s c h e M e p h i s t o p h e l e s ist eigentlich
nichts anderes, als jener gehörnte und geschwänzte Popanz des Volkes.
Den Schweif hat er aufgerollt und in die Hosen gesteckt, für die
Bocksfüße hat er elegante Stiefel angezogen, die Hörner hat er unter
dem Barett verborgen--siehe da den Teufel des großen Dichters! Man
wird mir einwenden: „Das gerade ist ja die große Kunst des Mannes, daß
er tausend Fäden zu spinnen weiß, durch die er seine kühnen Gedanken,
seine hohen, überschwenglichen Ideen an das Volksleben, an die
Volkspoesie knüpft."--„Halt, Freund! Ist es eines Mannes, der, wie
sie sagen, so hoch über seinem Gegenstand steht und sich nie von ihm
beherrschen läßt, ist es eines solchen Dichters würdig, daß er sich in
diese Fesseln der Popularität schmiegt? Sollte nicht der königliche
Adler dieses Volk bei seinem populären Schopf fassen und mit sich in
seine Sonnenhöhe tragen?"
„Verzeihe, Wertester," erhalte ich zur Antwort, „du vergissest, daß
unter diesem Volke mancher eine Perücke trägt; würde ein solcher nicht
in Gefahr sein, daß ihm der Zopf breche und er aus halber Höhe wieder
zur Erde stürze? Siehe! der Meister hat dies besser bedacht; er hat
aus jenen tausend Fäden, von welchen ich dir sagte, eine Strickleiter,
geflochten, auf welcher seine Jünger säuberlich und ohne Gefahr zu ihm
hinaufklimmen. Der Meister aber setzet sie zu sich in seine Arche,
gleich Noah schwebt er mit ihnen über der Sündflut jetziger Zeit und
schaut ruhig wie ein Gott in den Regen hinaus, der aus den Federn der
kleinen Poeten strömt."
„Ein wässeriges Bild!" entgegne ich, „und zugleich eine Sottise.
Befand sich denn in jener Arche nicht mehr Vieh als Menschen? Und will
der Meister warten, bis die Flut sich verlaufe und dann seine
Stierlein und seine Eselein, seine Pfauen und Kamele Paar und Paar auf
die Erde spazieren lassen?
„Will er vielleicht, wie jener Patriarch, die Erfindung des Weines
sich zuschreiben, sich ein Patent darüber ausstellen lassen und über
seine Schenke schreiben: ‚Hier allein ist Echter zu haben,' wie Maria
Farina auf sein Kölnisches Wasser, so für alle Schäden gut ist?"
Aber, um wieder auf den Mephistopheles zu kommen, gerade dadurch, daß
er einen so überaus populären und gemeinen Teufel gab, hat Goethe
offenbar nichts für die Würde seines schönsten Gedichtes gewonnen. Er
wird zwar viele Leser herbeiziehen, dieser Mephisto, viele Tausende
werden ausrufen: „Wie herrlich! Das ist der Teufel, wie er leibt und
lebt." Um die übrigen Schönheiten des Gedichtes bekümmern sie sich
sehr wenig; sie sind vergnügt, daß es endlich einmal eine Figur in der
Literatur gibt, die ihrer Sphäre angemessen ist.
„Aber erkennst du denn nicht," wird man mir sagen, „erkennst du nicht
die herrliche, tiefe Ironie, die gerade in diesem Mephistopheles
liegt?"
Ironie? Und welche? Ich sehe nichts in diesem meinem Konterfei als den
gemeinen Ritter von dem Pferdefuß, wie er in jeder Spinnstube
beschrieben wird. Man erlaube mir, dieses Bild noch näher zu
beleuchten. Ich werde nämlich vorgestellt als ein Geist, der
beschworen werden kann, der sich nach magischen Gesetzen richten muß:
„Gesteh' ich's nur, daß ich hinausspaziere,
Verbietet mir ein kleines Hindernis,
Der Drudenfuß auf Eurer Schwelle;"
und dieser Schwelle Zauber zu zerspalten,
„Bedarf ich eines Rattenzahns;"
daher befiehlt
„Der Herr der Ratten und der Mäuse,
Der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse"
in einer Zauberformel seinem dienstbaren Ungeziefer die Kante, welche
ihn bannt, zu benagen. Auch kann ich nicht in das Studierzimmer
treten, ohne daß der Doktor Faust dreimal „Herein!" ruft. In andere
Zimmer, wie z. B. bei Frau Martha und in Gretchens Stübchen trete ich
ohne diese Erlaubnis. Doch den Schlüssel zu diesen sonderbaren
Zumutungen finden wir vielleicht in dem Vers:
„Gewöhnlich glaubt, der Mensch, wenn er nur Worte hört,
Es müsse sich dabei auch etwas denken lassen!"
Doch weiter.
Ich stehe auf einem ganz besonderen Fuß mit den Hexen. Die in der
Hexenküche hätte mich gewiß liebevoller empfangen; aber sie sah keinen
Pferdefuß, und um mich bei ihr durch mein Wappen zu legitimieren,
mache ich eine unanständige Gebärde:
„Mein Freund, das lerne wohl verstehen,
Das ist die Art, mit Hexen umzugehen.
Auf dem Brocken in der Walpurgisnacht bin ich noch viel besser
bekannt. Das Gehen behagt mir nicht, ich sage daher zum Doktor:
„Verlangst du nicht nach einem Besenstiele?
Ich wünschte mir den allerderbsten Bock."
Auch hier
„Zeichnet mich kein Knieband aus,
Doch ist der Pferdefuß hier ehrenvoll zu Haus."
Um unter diesem, gemeinen Gelichter mich recht zu zeigen, tanze ich
mit einer alten Hexe und unterhalte mich mit ihr in Zoten, die man nur
durch Gedankenstriche
„Der, hatt' ein-----
So--es war, gefiel mir's doch"
anzudeuten wagt.
Ich bin selbst in Fausts Augen ein widerwärtiger, hämischer Geselle,
der
„--------kalt und frech
Ihn vor sich selbst erniedrigt."--
Ich bin ohne Zweifel von häßlicher, unangenehmer Gestalt und Gesicht,
was man, mit mildem Ausdruck markiert, intrigant, und im gemeinen
Leben einen abgefeimten Spitzbuben zu nennen pflegt.
Daher sagt Gretchen von mir:
„Der Mensch, den du da bei dir hast,
Ist mir in tiefer innrer Seel' verhaßt.
Es hat mir in meinem Leben
So nichts einen Stich ins Herz gegeben
Als des Menschen widrig Gesicht.--
Seine Gegenwart bewegt mir das Blut,
Ich hab' vor dem Menschen ein heimlich Grauen.--
--Kommt er einmal zur Tür herein,
Sieht er immer so spöttisch drein
Und halb ergrimmt.--
Es steht ihm an der Stirn geschrieben,
Daß er nicht mag eine Seele lieben" &c.
Daher sage ich auch naher:
„Und die Physiognomie versteht sie meisterlich,
In meiner Gegenwart wird ihr, sie weiß nicht wie;
Mein M ä s k c h e n da weissagt verborgnen Sinn,
Sie fühlt, daß ich ganz sicher ein Genie,
Vielleicht wohl gar der Teufel bin."
Soll dies bei Gretchen Ahnung sein? Ist sie befangen in der Nähe eines
Wesens, das, wie man sagt, ihren Gott verleugnet? Ist es etwa ein
unangenehmer Geruch, eine schwüle Luft, die ihr meine Nähe ängstlich
macht? Ist es kindlicher Sinn, der den Teufel früher ahnet als der
schon gefallene Mensch, wie Hunde und Pferde vor nächtlichem Spuk
scheuen, wenn sie ihn auch nicht sehen? Nein--es ist nur allein mein
Gesicht, das sie ängstlich macht, so ängstlich, daß sie sagt:
„--Wo er nur mag zu uns treten,
Mein' ich sogar, ich liebte dich nicht mehr."--
Wozu nun dies? Warum soll der Teufel ein Gesicht schneiden, das
jedermann Mißtrauen einflößt, das zurückschreckt, statt daß die Sünde,
nach den gewöhnlichen Begriffen, sich lockend, reizend sehen läßt.
Wer hat nicht die herrlichen Umrisse über Goethes Faust von dem
genialen Retsch gesehen! Gewiß, selbst der Teufel muß an einem solchen
Kunstwerk Freude haben. Ein paar Striche, ein paar Pünktchen bilden
das liebliche, sinnige Gesicht des kindlichen, keuschen Gretchens,
Faust in der vollendeten Blüte des Mannes steht neben ihr; welche
Würde noch in dem gefallenen Göttersohn!
Aber der Maler folgt der Idee des Dichters, und siehe, ein Scheusal in
Menschengestalt steht neben jenen lieblichen Bildern.
Die unangenehmen Formen des dürren Körpers, das ausgedorrte Gesicht,
die häßliche Nase, die tiefliegenden Augen, die verzerrten Mundwinkel--
hinweg von diesem Bild, das mich schon so oft geärgert hat. [Fußnote:
Man erlaube mir hier eine kleine Anmerkung. Wenn ich nicht irre, so
ertappt man hier den Satan auf einer größern Eitelkeit, als man ihm
fast zutrauen sollte; gewiß hat ihn nichts anderes gegen jenen
verehrten Dichter aufgebracht, als daß er ihn mit etwas lebhaften
Farben als häßlich darstellt; diese Bemerkung wird um so
wahrscheinlicher, wenn man sich erinnert, daß er oben in dem zweiten
Abschnitt selbst gesteht, daß durch seine Inkarnation einige Eitelkeit
in ihn gefahren sei; Meister Urian gibt sich übrigens durch den
übertriebenen Eifer, mit welchem er seine Mißgestalt rügt, eine Blöße,
die ihm nicht hätte beigehen sollen.].
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