Mitteilungen aus den Memoiren des Satan V2
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12 Delphine Lettau and teh Online Distributed Proofreading Team.
WILHELM HAUFF
MITTEILUNGEN AUS DEN MEMOIREN DES SATAN
ZWEITER TEIL.
VORSPIEL.
Worin von Prozessen, Justizräten die Rede; nebst einer
stillschweigenden Abhandlung: „Was von Träumen zu halten sei?"
Dieser zweite Teil der Mitteilungen aus den Memoiren des Satan
erscheint um ein völliges Halbjahr zu spät. Angenehm ist es dem
Herausgeber, wenn die Leser des ersten sich darüber gewundert, am
angenehmsten, wenn sie sich darüber geärgert haben; es zeigt dies eine
gewisse Vorliebe für die schriftstellerischen Versuche des Satan, die
nicht nur ihm, sondern auch seinem Herausgeber und Übersetzer
erwünscht sein muß.
Die Schuld dieser Verspätung liegt aber weder in der zu heißen
Temperatur des letzten Spätsommers, noch in der strengen Kälte des
Winters, weder im Mangel an Zeit oder Stoff, noch in politischen
Hindernissen; die einzige Ursache ist ein sonderbarer Prozeß, in
welchen der Herausgeber verwickelt wurde und vor dessen Beendigung er
diesen zweiten Teil nicht folgen lassen wollte.
Kaum war nämlich der erste Teil dieser Memoiren in die Welt versandt
und mit einigen Posaunenstößen in den verschiedenen Zeitungen
begleitet worden, als plötzlich in allen diesen Blättern zu lesen war
eine
W a r n u n g v o r B e t r u g
„Die bei Fr. Franckh in Stuttgart herausgekommenen Memoiren des Satan
sind nicht von dem im Alten und Neuen Testament bekannten und durch
seine Schriften: Elixiere des Teufels, Bekenntnisse des Teufels, als
Schriftsteller berühmten Teufel, sondern gänzlich, falsch und unecht,
was hiemit dem Publikum zur Kenntnis gebracht wird."
Ich gestehe, ich ärgerte mich nicht wenig über diese Zeilen, die von
niemand unterschrieben waren. Ich war meiner Sache so gewiß, hatte das
Manuskript von niemand anders als dem Satan selbst erhalten, und nun,
nach vielen Mühen und Sorgen, nachdem ich mich an den infernalischen
Chiffern beinahe blind gelesen, soll ein solcher anonymer Totschläger
über mich herfallen, meine literarische Ehre aus der Ferne totschlagen
und besagte Memoiren für unecht erklären?
Während ich noch mit mir zu Rate ging, was wohl auf eine solche
Beschuldigung des B e t r u g e s zu antworten sei, werde ich vor die
Gerichte zitiert und in Kenntnis gesetzt, daß ich einer
Namensfälschung, eines literarischen Diebstahls angeklagt sei, und
zwar--vom Teufel selbst, der gegenwärtig als Geheimer Hofrat in
persischen Diensten lebe. Er behauptete nämlich, ich habe seinen Namen
Satan mißbraucht, um ihm eine miserable Scharteke, die er nie
geschrieben, unterzuschieben; ich habe seinen literarischen Ruhm
benützt, um diesem schlechten Büchlein einen schnellen und
einträglichen Abgang zu verschaffen; kurz, er verlange nicht nur, daß
ich zur Strafe gezogen, sondern auch, daß ich angehalten werde, ihm
Schadenersatz zu geben, „dieweil ihm ein Vorteil durch diesen Kniff
entzogen worden".
Ich verstehe so wenig von juridischen Streitigkeiten, daß mir früher
schon den Name Klage oder Prozeß Herzklopfen verursachte; man kann
sich also wohl denken, wie mir bei diesen schrecklichen Worten zu Mute
ward. Ich ging niedergedonnert heim und schloß mich in mein
Kämmerlein, um über diesen Vorfall nachzudenken. Es war mir kein
Zweifel, daß es hier drei Fälle geben könne. Entweder hatte mir der
Teufel selbst das Manuskript gegeben, um mich nachher als Kläger recht
zu ängstigen und auf meine Kosten zu lachen; oder irgendein böser
Mensch hatte mir die Komödie in Mainz vorgespielt, um das Manuskript
in meine Hände zu bringen, und der Teufel selbst trat jetzt als
erbitterter Kläger auf; oder drittens, das Manuskript kam wirklich vom
Teufel, und ein müßiger Kopf wollte jetzt den Satan spielen und mich
in seinem Namen verklagen.
Ich ging zu einem berühmten Rechtsgelehrten und trug ihm den Fall vor.
Er meinte, es sei allerdings ein fataler Handel, besonders weil ich
keine Beweise beibringen könne, daß das Manuskript von dem echten
Teufel abstamme, doch er wolle das Seinige tun und aus der bedeutenden
Anzahl von Büchern, die seit Justinians _Corpus juris_ bis auf
das neue birmanische Strafgesetzbuch über solche Fälle geschrieben
worden seien, einiges nachlesen.
Das juridische Stiergefecht nahm jetzt förmlich seinen Anfang. Es
wurde, wie es bei solchen Fällen herkömmlich ist, so viel darüber
geschrieben, daß auf jeden Bogen der Memoiren des Satan ein Ries Akten
kam, und nachdem die Sache ein Vierteljahr anhängig war, wurde sogar
auf Unrechtskosten eine neue Aktenkammer für diesen Prozeß eingeräumt;
über der Türe stand mit großen Buchstaben: „Acta in Sachen des
persischen G. H. R. T e u f e l s gegen _Dr._ H----f, betreffend
die Memoiren des Satan."
Ein sehr günstiger Umstand für mich war der, daß ich auf dem Titel
nicht „Memoiren des Teufels", sondern „des Satan" gesagt hatte. Die
Juristen waren mit sich ganz einig, daß der Name T e u f e l in
Deutschland sein F a m i l i e n n a m e sei, ich habe also wenigstens
diesen nicht zur Fälschung gebraucht; Satan hingegen sei nur ein
angenommener, willkürlicher; denn niemand im Staate sei berechtigt,
zwei Namen zu führen. Ich fing an, aus diesem Umstand günstigere
Hoffnungen zu schöpfen; aber nur zu bald sollte ich die bittere
Erfahrung machen, was es heiße, den Gerichten anheimzufallen. Das
Referat in Sachen des _et cetera_ war nämlich dem berühmten
Justizrat Wackerbart in die Hände gefallen, einem Manne, der schon bei
Dämpfung einiger großen Revolutionen ungemeine Talente bewiesen hatte
und neuerdings sogar dazu verwendet wurde, bedeutende Unruhen in einem
Gymnasium zu schlichten. Stand nicht zu erwarten, daß ein solcher
berühmter Jurist meine Sache nur als eine _cause célèbre_ ansehen
und sie also handhaben werde, daß sie, gleichviel wem von beiden
Recht, ihm am meisten Ruhm einbrächte? Hierzu kam noch der Titel und
Rang meines Gegners; Wackerbart hatte seit einiger Zeit angefangen,
sich an höhere Zirkel anzuschließen; mußte ihm da ein so wichtiger
Mann, wie ein persischer Geheimer Hofrat, nicht mehr gelten als ich
Armer?
Es ging, wie ich vorausgesehen hatte. Ich verlor meine Sache gegen den
Teufel. Strafe, Schadenersatz, aller mögliche Unsinn wurde auf mich
gewälzt; ich wunderte mich, daß man mich nicht einige Wochen ins
Gefängnis sperrte oder gar hängte. Man hatte hauptsächlich folgendes
gegen mich in Anwendung gebracht:
E n t s c h e i d u n g s = G r ü n d e
zu dem vor dem Kriminalgericht Klein=Justheim, unter dem 4. Dezember
1825 gefällten Erkenntnis in der Untersuchungssache gegen den
_Dr_. .....f w e g e n B e t r u g e s.
1. Es ist durch das Zugeständnis des Angeklagten erhoben, daß er keine
Beweise beizubringen weiß, daß die von ihm herausgegebenen Memoiren
des Satan wirklich von dem bekannten echten Teufel, so gegenwärtig als
Geheimer Hofrat in persischen Diensten lebt, herrühren. Ferner hat der
Angeschuldigte .....f zugegeben, daß die in öffentlichen Blättern
darüber enthaltene Ankündigung mit seinem Wissen gegeben sei.
2. Die letztgedachte Ankündigung ist also abgefaßt, daß hieraus die
Absicht des Verfassers, die Lesewelt glauben zu machen, daß „die
Memoiren des Satan" von dem wahren, im Alten und Neuen Testament
bekannten und neuerdings als Schriftsteller beliebten Teufel
geschrieben seien, nur allzu deutlich hervorleuchten tut.
3. Durch diese Verfahrungsart hat sich der Angeklagte .....f eines
Betruges, alldieweilen solcher im allgemeinen in jedweder aus
impermissen Kommodum für sich oder Schaden anderer gerichteten
unrechtlichen Täuschung anderer, entweder, indem man falsche Tatsachen
mitteilt oder wahre dito nicht angibt--besteht; oder, um uns näher
auszudrücken, da hier die Sprache v o n e i n e r W a r e u n d
g e d r u c k t e m B u c h ist--einer F ä l s c h u n g schuldig
gemacht; denn durch den Titel „Memoiren des Satan" und die Anpreisung
des Buches wurde der Lesewelt falsch vorgespiegelt, daß das Buch
ausdrücklich von dem unter dem Namen Satan bekannten, k. persischen
Geheimen Hofrat Teufel verfaßt sei, was beim Verkauf des Werkes
verursachte, daß es schneller und in größerer Quantität abging, als
wenn das Büchlein unter dem Namen des Herrn .....f, so dem Publiko noch
gar nicht bekannt ist, erschienen wäre, und wodurch die, so es
kauften, in ihrer schönen Erwartung, ein echtes Werk des Teufels in
Händen zu haben, schnöde betrogen wurden.
4. Wenn der Herr _Dr_. .....f, um sich zu entschuldigen, dagegen
einwendet, daß der Name Satan in Deutschland nur ein angenommener sei,
worauf der Teufel, wie man ihn gewöhnlich nennt, keinen Anspruch zu
machen habe, so bemerken wir Kriminalleute von Klein=Justheim sehr
richtig, daß sich .....f auf den Gebrauch jenes angenommenen, übrigens
bekanntermaßen den Teufel sehr wohl bezeichnenden Namens nicht
beschränkt, sondern in dem Werke selbst überall durchblicken läßt,
namentlich in der Einleitung, daß der Verfasser derjenige Teufel oder
Satan sei, welcher dem Publiko, besonders dem Frauenzimmer, wie auch
denen Gelehrten durch frühere Opera, z. B. die Elixiere des Teufels
_et cetera_ rühmlichst bekannt ist, wodurch wohl ebenfalls
niemand anderes gemeint ist als der Geheime Hofrat Teufel.
5. Man muß lachen über die Behauptung des Inkulpaten, daß das in Frage
stehende Opuskulum, wie auch nicht destoweniger seine Anzeige,
eigentlich eine Satire auf den Teufel und jegliche Teufelei jetziger
Zeit sei! Denn diese Entschuldigung wird durch den Inhalt der Schrift
selbst widerlegt; ja, jeder Leser von Vernunft muß das auch wohl eher
für eine etwas geringe Nachäffung der Teufeleien als für--eine Satire
auf dieselben erkennen. Wäre aber auch, was wir Juristen nicht
einzusehen vermögen, das Werk dennoch eine Satire, so ist durchaus
kein günstiger Umstand für .....f zu ziehen, weil derjenige Käufer, der
etwas E c h t e s, vom Teufel Verfaßtes kaufen wollte, erst nach dem
Kauf entdecken konnte, daß er betrogen sei.
6. Außer der völlig rechtswidrigen Täuschung der Lesewelt,
Leihbibliotheken _et cetera_, ist in der vorliegenden Defraudation
auch ein Verbrechen gegen den begangen, dessen Name oder
Firma mißbraucht worden, nämlich und spezialiter gegen den Geheimen
Hofrat Teufel, welcher sowohl als Gelehrter und Schriftsteller, als
von wegen des Honorars seiner übrigen Schriften sehr dabei
interessiert ist, daß nicht das Geschreibsel anderer als von ihm
niedergeschrieben, wie auch erdacht, angezeigt und verkauft werde.
7. Wenn endlich der Angeklagte behauptet, daß er das Buch arglos
herausgegeben, ohne das Klein=Justheimer Recht hierüber zu kennen, daß
ihn auch bei der Fälschung durchaus keine gewinnsüchtigen Absichten
geleitet hätten, so ist uns dies gleichgültig und haben nicht darauf
Rücksicht zu nehmen; denn Fälschung ist Fälschung, sei es, ob man
englische Teppiche nachahmt und als echt verkauft, aber Bücher
schreibt unter falschem Namen; ist alles nur verkäufliche Ware und
kann den Begriff des Vergehens nicht ändern, weil immer noch die
Täuschung und Anschmierung der Käufer restiert und zwar ebenfalls
nichts destominder auch alsdann, wenn die Memoiren des Satan gleichen
Wert mit den übrigen Büchern des Teufels hätten (was wir
Klein=Justheimer übrigens bezweifeln, da jener Geheimer Hofrat ist),
weil dem Ebengedachten schon das Unterschieben eines fremden
Machwerkes unter seinem Namen ein Schaden in juridischem Sinne sein
tut.
Es ist daher, wie man getan hat, erkannt worden usw. usw.
(Gez.) Präsident und Räte des Kriminalgerichts zu Klein=Justheim.
Hast du, geneigter Leser, nie die berühmten Nürnberger Gliedermänner
gesehen, so, kunstreich aus Holz geschnitzelt, ihre Gliedlein nach
jedem Druck bewegen? Hast du wohl selbst in deiner Jugend mit solchem
Männlein gespielt und allerlei Kurzweil mit ihm getrieben und
probiert, ob es nicht schöner wäre, wenn er z. B. das Gesicht im
Nacken trüge und den Rücken hinunterschaue, oder ob es nicht
vernünftiger wäre, wenn ihm die Beine ein wenig umgedreht würden, daß
er vor= und rückwärts spaziere, wie man es haben wolle? Das hast du
wohl versucht in den Tagen deiner Kindheit, und es war ein
unschuldiges Spiel; denn dem Gliedermann war es gleichgültig, ob ihm
die Beine über die Schulter herüberkamen oder nicht, ob er den Rücken
herabschaute oder vorwärts; er lächelte so dumm wie zuvor; denn er
hatte ja kein Gefühl, und es tat ihm nicht weh im Herzen; denn auch
dieses war ja aus Holz geschnitzelt und wahrscheinlich aus Lindenholz.
Aber selbst ein solcher Gliedermann sein zu müssen in den täppischen
Händen der Klein=Justheimer Kriminalen! Sie renkten und drehten mir
die Glieder, setzten mir den Kopf so oder so, wie es ihnen gefällig,
oder auch nach Vorschrift des Justinian, drehten und wendeten mein
Recht, bis der Kadaver vor ihnen lag auf dem grünen Sessionstisch, wie
sie ihn haben wollten, mit verrenkten Gliedern, und sie nun anatomisch
aufnotieren konnten, was für Fehler und Kuriosa an ihm zu bewerfen,
nämlich, daß er das Gesicht im Nacken, die Füße einwärts, die Arme
verschränkt _et cetera_ trage, ganz gegen alle Ordnung und Recht.
Ware, Ware! nannten sie deine Memoiren, o Satan, Ware! Als würde
dergleichen nach der Elle aus dem Gehirn hervorgehaspelt, wie es jener
Schwarzkünstler und Eskamoteur getan, der Bänder verschluckte und sie
herauszog, Elle um Elle aus dem Rachen. Warenfälschung, Einschwärzen,
Defraudation, o welch herrliche Begriffe, um zu definieren, was man
will! Und rechtswidrige Täuschung des Publikums? Wer hat denn darüber
geklagt? Wer ist aufgestanden unter den Tausenden und hat Zeter
geschrien, weil er gefunden, daß das Büchlein nicht von dem Schwarzen
selbst herrühre, daß er den Missetäter bestraft wissen wolle für diese
rechtswidrige Täuschung? O Klein=Justheim, wie weit bist du noch
zurück hinter England und Frankreich, daß du nicht einmal einsehen
kannst, Werke des Geistes seien kein nachgemachter Rum oder Arrak und
gehören durchaus nicht vor deine Schranken.
Traurig musterte ich das Manuskript des zweiten Teiles, der nun für
mich und das Publikum verloren war; ich dachte nach über das
Hohngelächter der Welt, wenn der erste nur ein Torso, ein schlechtes
abgerissenes Stück, verachtet auf den Schranken der Leihbibliotheken
sitze, trübselig auf die hohe Versammlung der Romane und Novellen
allerart herabschaue und ihnen ihre abgenützten Gewänder beneide, die
den großen Furor, welchen sie in der Welt machen, beurkunden, wie er
seine andere Hälfte, seinen Nebenmann, den zweiten, herbeiwünsche, um
verbunden mit ihm schöne Damen und Herren zu besuchen, was ihm jetzt,
als einem Invaliden, beinahe unmöglich war. Da wurde mir eines Morgens
ein Brief überbracht, dessen Aufschrift mir bekannte Züge verriet. Ich
riß ihn auf und las:
„Wohlgeborener, sehr verehrter Herr!
Durch den Oberjustizrat Hammel, der vor einigen Tagen das Zeitliche
gesegnet und an mein Hoflager kam, erfuhr ich zu meinem großen Ärger
die miserablen Machinationen, die gegen Euch gemacht wurden. Bildet
Euch nicht ein, daß sie von mir herrühren. Mit großem Vergnügen denke
ich noch immer an unser Zusammentreffen in den drei Reichskronen zu
Mainz, und in meiner jetzigen Zurückgezogenheit und bei meinen vielen
Geschäften im Norden komme ich selten dazu, eine deutsche
Literaturzeitung zu lesen; aber einige Rezensenten, welche ich sprach,
versichern mich, mit welchem Eifer Ihr meine Memoiren herausgegeben
habt und daß das Publikum meine Bemühungen zu schätzen wisse. Der
Prozeß, den man Euch an den Hals warf, kam mir daher um so
unerwarteter. Glaubet mir, es ist nichts als ein schlechter
Kunstgriff, um mich nicht als Schriftsteller aufkommen zu lassen, weil
ich ein wenig über ihre Universitäten schimpfte und die ästhetischen
Tees, und Euch wollen sie nebenbei auch drücken. Lasset Euch dies
nicht kümmern, Wertester; gebet immer den zweiten Teil heraus, im
Notfall könnet Ihr gegenwärtige Schreiben jedermann lesen lassen,
namentlich den Wackerbart; saget ihm, wenn er meine Handschrift nicht
kenne, so kenne ich um so besser die seinige.
Ich kenne diese Leutchen, sie sind Raubritter und Korsaren, die jeden
berühmten Prozeß, der ihnen in die Hände fällt, für g u t e P r i s e
erklären, und wenn sie ihn festhaben in den Krallen, so lange deuteln
und drehen, bis sie ihn dahin entscheiden können, wo er ihnen am
meisten Ruhm nebst etzlichem Golde einträgt. Was war bei Euch von
beidem zu erheben? Ihr, ein armseliger Doktor der Philosophie und
Magister der brotlosen Künste, was seid Ihr gegen einen persischen
Geheimen Hofrat? Denket also, die Sache sei ganz natürlich zugegangen,
und grämet Euch nicht darüber. Was den persischen Geheimen Hofrat
betrifft, der meine Rolle übernommen hat, so will ich bei Gelegenheit
ein Wort mit ihm sprechen.
Hier lege ich Euch noch ein kleines Manuskriptchen bei, ich habe es in
den letzten Pfingstfeiertagen in Frankfurt aufgeschrieben, es ist im
ganzen ein Scherz und hat nicht viel zu bedeuten; doch schaltet Ihr es
im zweiten Teile ein; es gibt vielleicht doch Leute, die sich dabei
freundschaftlich meiner erinnern.
Gehabt Euch wohl; in der Hoffnung, Eure persönliche Bekanntschaft bald
zu erneuern, bin ich
Euer wohlaffektionierter Freund, d e r S a t a n."
Man kann sich leicht denken, wie sehr mich dieser Brief freute. Ich
lief sogleich damit zu dem wackern Mann, der meine Sache geführt
hatte; ich zeigte ihm den Brief, ich erklärte ihm, appellieren zu
wollen an ein höheres Gericht und den Originalbrief beizulegen.
Er zuckte die Achseln und sprach: „Lieber, sie wohnen zusammen in e i
n e r Hausmiete, die Kriminalen; ob Ihr um eine Treppe höher steigen
wollet, aus dem Entresol in die Beletage zu den Vornehmeren, das ist
einerlei; Ihr fallet nur um so tiefer, wenn sie Euch durchfallen
lassen. Doch an mir soll es nicht fehlen."
So sprach er und focht für mich mit erneuerten Kräften; doch--was half
es? Sie stimmten ab, erklärten den persischen für den echten,
alleinigen Teufel, der allein das Recht habe, Teufeleien zu schreiben,
und der Prozeß ging auch in der Beletage verloren.
Da faßte mich ein glühender Grimm; ich beschloß, und wenn es mich den
Kopf kosten sollte, doch den zweiten Teil herauszugeben, ich nahm das
Manuskript unter den Arm, raffte mich auf und----erwachte.
Freundlich strahlte die Frühlingssonne in mein enges Stübchen, die
Lerchen sangen vor dem Fenster, und die Blütenzweige winkten herein,
mich aufzumachen und den Morgen zu begrüßen.
Verschwunden war der böse Traum von Prozessen, Justizräten,
Klein=Justheim und alles, was mir Gram und Ärger bereitete,
verschwunden, spurlos verschwunden.
Ich sprang auf von meinem Lager, ich erinnerte mich, den Abend zuvor
bei einigen Gläsern guten Weins über einen ähnlichen Prozeß mit
Freunden gesprochen zu haben; da war mir nun im Traume alles so
erschienen, als hätte ich selbst den Prozeß gehabt, als wäre ich
selbst verurteilt worden von Kriminalrichtern und Klein=Justheimer
Schöppen.
Ich lächelte über mich selbst. Wie pries ich mich glücklich, in einem
Lande zu wohnen, wo dergleichen juridische Exzesse gar nicht
vorkommen, wo die Justiz sich nicht in Dinge mischt, die ihr fremd
sind, wo es keine Wackerbarte gibt, die einen solchen Fund für gute
Prise erklären, das Recht zum Gliedermann machen und drauflos
hantieren und drehen, ob es biege oder breche, wo man Erzeugnisse des
Geistes nicht als Ware handhabt und Satire versteht und zu würdigen
weiß, wo man weder auf den Titel eines persischen Geheimen Hofrats,
noch auf irgend dergleichen Rücksicht nimmt.
So dachte ich, pries mich glücklich und verlachte meinen komischen
Prozeßtraum.
Doch wie staunte ich, als ich hintrat zu meinem Arbeitstisch! Nein, es
war keine Täuschung, da lag er ja, der Brief des Satans, wie ich ihn
im Traume gelesen, da lag das Manuskript, das er mir im Brief
verheißen. Ich traute meinen Sinnen kaum, ich las, ich las wieder, und
immer wurde mir der Zusammenhang unbegreiflicher.
Doch ich konnte ja nicht anders, ich mußte seinen Wink befolgen und
seinen „Besuch in Frankfurt" dem zweiten Teile einverleiben.
Ich gestehe, ich tat es ungern. Ich hatte schon zu diesem Teile alles
geordnet; es fand sich darin eine Skizze, die nicht ohne Interesse zu
lesen war, ich meine die Szene, wie er mit Napoleon eine Nacht in
einer Hütte von Malojaroßlawez zubrachte und wie von jenen
Augenblicken an so vieles auf geheimnisvolle Weise sich gestaltet im
Leben jenes Mannes, dem selbst der Teufel Achtung zollen mußte.
vielleicht--weil er ihm nicht beikommen konnte, doch--vielleicht ist
es möglich, dieses merkwürdige Aktenstück dem Publikum an einem andern
Orte mitzuteilen.
Noch war ich mit Durchsicht und Ordnen der Papiere beschäftigt, da
wurde die Türe aufgerissen, und mein Freund Moritz stürzte ins Zimmer.
„Weißt du schon?" rief er. „Er hat ihn verloren."
„Wer? Was hat man verloren?"
„Nun, von was wir gestern sprachen, den Prozeß gegen Clauren meine
ich, wegen des M a n n e s i m M o n d e!"
„Wie? Ist es möglich!" entgegnete ich, an meinen Traum denkend. „Unser
Freund, der Kandidatus Bemperlein? Den Prozeß?"
„Du kannst dich drauf verlassen; soeben komme ich vom Museum, der
Verleger sagte es mir, soeben wurde ihm das Urteil publiziert."
„Aber wie konnte dies doch geschehen, Moritz? War er etwa auch in
Klein=Justheim anhängig?"
„Klein=Justheim? Du fabelst, Freund!" erwiderte der Freund, indem er
besorgt meine Hand ergriff. „Was willst du nur mit Klein=Justheim, wo
gibt es denn einen solchen Ort?"
„Ach," sagte ich beschämt, „du hast recht; ich dachte an--meinen
Traum."
* * * * *
MEIN BESUCH IN FRANKFURT.
1. WEN DER SATAN AN DER _TABLE D'HÔTE_ IM WEISSEN SCHWAN SAH.
Kommt man um die Zeit des Pfingstfestes nach Frankfurt, so sollte man
meinen, es gebe keine heiligere Stadt in der Christenheit; denn sie
feiern daselbst nicht, wie z. B. in Bayern eineinhalb oder, wie im
Kalender vorgeschrieben, zwei Festtage, sondern sie rechnen vier
Feiertage; die Juden haben deren sogar fünf; denn sie fangen in
Bornheim ihre heiligen Übungen schon am Samstag an, und der Bundestag
hat sogar acht bis zehn.
Diese Festtage gelten aber in dieser Stadt weniger den wunderbaren
Sprachkünsten der Apostel als mir. Was die berühmtesten Mystiker am
Pfingstfeste morgens den guten Leutchen ans Herz gelegt, was die
immensesten Rationalisten mit moralischer Salbung verkündet hatten,
das war so gut als in den Wind gesprochen. Die Fragen: „Ob man am
Montag oder am Dienstag, am zweiten oder dritten Feiertag ins W ä l d
c h e n gehen, ob es nicht anständiger wäre, ins Wilhelmsbad zu
fahren, ob man am vierten Feiertag nach Bornheim oder ins Vauxhall
gehen sollte, oder beides," diese Fragen scheinen bei weitem wichtiger
als jene, die doch für andächtige Feiertagsleute viel näher lag: „Ob
die Apostel damals auch Englisch und Plattdeutsch verstanden haben?"
Muß ein so aufgeweckter Sinn den Teufel nicht erfreun, der an solchen
Tagen mehr Seelen für sich gewinnt als das ganze Judenquartier in
einer guten Börsenstunde Gulden? Auch diesmal wieder kam ich zu
Pfingsten nach Frankfurt. Leuten, die, von einem berühmten
Belletristen verwöhnt, alles bis auf kleinste Detail wissen wollen,
diene zur Nachricht, daß ich im Weißen Schwanen auf Nr. 45 recht gut
wohnte, an der großen _Table d'hôte_ in angenehmer Gesellschaft
trefflich speiste; den Küchenzettel mögen sie sich übrigens von dem
Oberkellner ausbitten.
Schon in der ersten Stunde bemerkte ich ein Seufzen und Stöhnen, das
aus dem Zimmer nebenan zu dringen schien. Ich trat näher, ich hörte
deutlich, wie man auf gut deutsch fluchte und tobte, dann Rechnungen
und Bilanzen, die sich in viele Tausende beliefen, nachzählte, und
dann wieder wimmerte und weinte wie ein Kind, das seiner Aufgabe für
die Schule nicht mächtig ist.
Teilnehmend, wie ich bin, schellte ich nach dem Kellner und fragte
ihn, wer der Herr sei, der nebenan so überaus kläglich sich gebärde?
„Nun," antwortete er, „das ist der stille Herr." „Der stille Herr?
Lieber Freund, das gibt mir noch wenig Aufschluß. Wer ist er denn?"
„Wir nennen ihn hier im Schwan den stillen Herrn oder auch den
Seufzer; er ist ein Kaufmann aus Dessau, nennt sich sonst Zwerner und
wohnt schon seit vierzehn Tagen hier."
„Was tut er denn hier? Ist ihm ein Unglück zugestoßen, daß er gar so
kläglich winselt?"
„Ja, das weiß ich nicht," erwiderte er, „aber seit dem zweiten Tag,
daß er hier ist, ist sein einziges Geschäft, daß er zwischen zwölf und
ein Uhr in der neuen Judenstraße auf= und abgeht, und dann kommt er zu
Tisch, spricht nichts, ißt nichts, und den ganzen Tag über jammert er
ganz stille und trinkt Kapwein."
„Nun, das ist keine schlimme Eigenschaft," sagte ich, „setzen Sie mich
doch heute mittag in seine Nähe." Der Kellner versprach es, und ich
lauschte wieder auf meinen Nachbar. „Den zwölften Mai," hörte ich ihn
stöhnen, „Metalliques 83 3/4, österreichische Staatsobligationen 87
3/8, Rothschildische Lotterielose, der Teufel hat sie erfunden und
gemacht! 132, preußische Staatsschuldscheine 81! O Rebekka! Rebekka!
Wo will das hinaus! 81! Die Preußen! Ist denn gar keine Barmherzigkeit
im Himmel?"
So ging es eine Zeitlang fort; bald hörte ich ihn ein Glas Kapwein zu
sich nehmen und ganz behaglich mit der Zunge dazu schnalzen; bald
jammerte er wieder in den kläglichsten Tönen und mischte die Konsols,
die Rothschildschen Unverzinslichen und seine Rebekka auf
herzbrechende Weise untereinander. Endlich wurde er ruhiger. Ich hörte
ihn sein Zimmer verlassen und den Gang hinabgehen; es war wohl die
Stunde, in welcher er durch die neue Judenstraße promenierte.
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