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Das Leben und der Tod des Koenigs Lear

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Edelmann.
Ihr sollt alles haben--

Lear.
Keine Helfer? Bin ichs allein? Wie, das könnte aus einem Mann
einen Mann von Salz machen, der seine Augen für Garten-Sprengkrüge
brauchte, den Staub des Herbstes zu legen. Ich will wie ein
tapfrer Mann sterben, wie ein schmuker Bräutigam. Was? Ich will
jovialisch seyn; Kommt, kommt, ich bin ein König. Meine Herren,
Wissen Sie das?

Edelmann.
Ihr seyd ein König, und wir gehorchen euch.

Lear.
So schenk ich euch das Leben. Kommt, wenn ihr es davon tragen
wollt, so müßt ihr lauffen. Sa, sa, sa, sa.

(Er geht ab.)

Edelmann.
Ein Anblik der an dem niedrigsten Menschen erbärmlich, aber an
einem König über allen Ausdruk ist. Du hast eine Tochter, welche
die Natur von dem allgemeinen Fluch befreyt, den zwo über sie
gebracht haben.

Edgar.
Heil euch, mein edler Herr.

Edelmann.
Sir, macht es kurz; was ist euer Begehren?

Edgar.
Hörtet ihr etwas von einem bevorstehenden Treffen, Sir?

Edelmann.
Das ist etwas unfehlbares, und landkündiges; das hört jedermann,
der einen Ton hören kan.

Edgar.
Aber mit eurer Erlaubniß, wie nähert sich die feindliche Armee?

Edelmann.
Sehr eilfertig; der völlige Bericht wird jede Stunde erwartet.

Edgar.
Ich danke euch, Sir; das ist alles, was ich wollte.

Edelmann.
Ob die Königin gleich einer besondern Ursache wegen hier, so ist
ihre Armee doch vorgerükt.

(Geht ab.)

Edgar.
Ich danke euch, Sir.

Gloster.
Ihr allgütigen Götter, nehmt meinen Athem von mir; laßt meine böse
Seele mich nicht noch einmal versuchen, zu sterben eh es euch
gefällt.

Edgar.
Ihr betet recht, Vater.

Gloster.
Nun, guter Sir, wer seyd ihr?

Edgar.
Ein sehr armer Mann, zu den Streichen des Glüks zahm gemacht, den
die Kenntniß und das Gefühl aller Arten von Elend gegen andre
mitleidig macht.

Gloster.
Herzlicher Dank! die Güte und der Segen des Himmels vergelt es dir
--



Neunter Auftritt.
(Der Haushofmeister mit einem Brief.)


Hofmeister (indem er den Gloster gewahr wird.)
Eine öffentliche ausgeruffene Belohnung! Das ist höchstglüklich.
Dieses dein augenloses Haupt ist dazu ausersehen, mein Glük zu
machen. Alter, unglükseliger Verräther, befiehl deine Seele dem
Himmel, das Schwerdt ist gezogen, das dich tödten soll.

Gloster.
Laß nur deine freundschaftliche Hand Stärke genug dazu anwenden.

Hofmeister.
Woher, verwegner Bauer, darfst du dich unterstehen, einen
öffentlichen Verräther zu unterstüzen? Hinweg, oder sein Schiksal
soll das deinige seyn. Laß seinen Arm gehen.

Edgar.
Ick werd en nit gahn laaten, Herre, mit juhr Verlöf.

Hofmeister.
Laß ihn gehen, Sclave, oder du stirbst.

Edgar.
Myn leeve Heer, loopt mant uers Pades und latet arme Luite met
Freeden. Wann ma vo Grootspreken stärve so wurd myn Leven um
viertein Täg nit so verjahet zyn als es is. Komt mant den verjahet
Mann nit tau näh, seeg ick: taurück! ick will jau verwarnt hebben,
oder ich well proeven, ob jue Bratspiet oder myn Steecken mehre
duret, ick wells ganz kort metju maaken. Ick will euk jue Thäne
wyß maaken, komt Man, es brukt jue Finten kar nit.

(Er schlägt ihn zu Boden.)

Hofmeister.
Sclave, du hast mich erschlagen; Nimm meinen Beutel, und wenn du
willt, daß es dir jemals wohl gehen soll, so begrabe meinen Leib,
und gieb die Briefe die du bey mir findst Edmunden, Grafen von
Gloster: such ihn bey der Englischen Partey auf--O! unzeitiger Tod!

(Er stirbt.)

Edgar.
Ich kenne dich wol, ein dienstfertiger Spizbube, so pflichtvoll
gegen die Laster deiner Gebieterin, als Bosheit es nur immer
wünschen kan.

Gloster.
Wie, ist er todt?

Edgar.
Sezt euch nieder, Vater; ruhet aus. Ich will sehen, was in seinen
Taschen ist; die Briefe von denen er spricht, mögen vielleicht
meine Freunde seyn: er ist todt; es verdrießt mich nur, daß er
keine Begleiter hat. Laßt sehen--Mit eurer Erlaubniß, mein schönes
Sigel--die Höflichkeit kan uns nicht tadeln. Wir reissen unsern
Feinden das Herz auf, um in ihr Herz zu sehen; ihre Briefe zu
erbrechen ist nicht so grausam.

(Er ließt den Brief.)

"Erinnert euch unsrer gegenseitigem Gelübde. Ihr habt viele
Gelegenheiten, ihn aus dem Wege zu räumen; wenn es an euerm Willen
nicht fehlt, so werden sich Zeit und Ort von selbst anbieten.
Kommt er als Sieger zurük--so ist nichts gethan; dann bin ich die
Gefangene und sein Bette ist mein Kerker; befreyet mich von
desselben ekelhafter Wärme, und entsezet den Plaz zur Belohnung
eurer Mühe. Eure (Gemahlin wünschte ich zu sagen) geneigte Dienerin
Gonerill." Welch ein veränderliches Ding ist ein Weib! Ein
Anschlag wider ihres Mannes Leben, um meinen Bruder dafür
einzutauschen! Hier, in diesem Sand will ich dir ein Grab
aufscharren, zum Denkmal für mörderische Hurenjäger, und, wenn es
Zeit seyn wird, dieses schnöde Blat vor die Augen des zum Tode
bestimmten Herzogs legen; es ist sein Glük, das ich ihm von deinem
Tod und von deiner Verrichtung Nachricht geben kan.

Gloster.
Der König ist wahnwizig. Verwünscht sey die Härte meiner Sinnen,
und eine Vernunft, die mich nur für mein Elend fühlend macht!
Besser ich wäre verrükt, so würden doch meine Gedanken von meinen
Leiden entwöhnt, und Schmerzen durch seltsame Einbildungen die
Empfindung ihrer selbst verliehren.

Edgar.
Gebt mir eure Hand, mich dunkt ich höre von fern die Trummel rühren.
Kommt Vater, ich will euch zu einem Freund führen.

(Gehen ab.)



Zehnter Auftritt.
(Cordelia, Kent, ein Arzt.)


Cordelia.
O du redlicher Kent! Wie kan ich lange genug leben, und bemüht
genug seyn, deine Güte zu erwiedern!

Kent.
Erkannt zu werden, Gnädigste Frau, ist überflüssig bezahlt; alles
was ich Ihnen berichtet habe, ist die bescheidne Wahrheit, weder
mehr noch weniger, sondern so.

Cordelia.
Kleidet euch besser an; dieser Habit erinnert uns an diese bösen
Stunden; ich bitte, leget ihn ab.

Kent.
Um Vergebung, Madame; Mein Vorhaben erlaubt mir noch nicht erkannt
zu werden. Ich bitte mirs zur Gnade aus, daß Sie mich nicht kennen,
bis Zeit und ich es rathsam finden.

Cordelia.
So sey es dann also, Mylord--

(zum Arzt)

Was macht der König?

Arzt.
Madame, er schläft noch.

Cordelia.
O! Ihr gütigen Götter, heilet diesen grossen Bruch in seiner
zerrütteten Natur! O! windet auf die tonlosen verstimmten Sinne
dieses in ein Kind verwandelten Vaters!

Arzt.
Gefällt es Euer Majestät, daß wir den König weken? Er hat lange
geschlafen.

Cordelia.
Folget hierinn der Vorschrift eurer Wissenschaft, und handelt nach
euerm eignen Gutdünken; ist er angezogen?

(Lear wird von einigen Bedienten in einem Lehnsessel schlaffend
hereingetragen.)

Arzt.
Ja, Madam; da er im tiefsten Schlaf lag, zogen wir ihm frische
Kleider an. Bleiben Sie, Gnädigste Frau, wenn wir ihn weken; ich
zweifle nicht an seiner Mässigung.

Cordelia.
O! mein theurer Vater! Möchte die Göttin der Gesundheit deine
Arzney auf meine Lippen legen, und dieser Kuß den stürmischen Gram
besänftigen, den meine zwo Schwestern deinem ehrwürdigen Alter
verursacht haben.

Kent.
Zärtliche und theuerste Princessin!

Cordelia.
Wäret ihr auch nicht ihr Vater gewesen, so hätten diese weissen
Loken Mitleiden von ihnen fodern sollen. War diß ein Gesicht, den
kämpfenden Winden ausgesezt zu werden? Dem tiefbrüllenden
furchtbaren Donner entgegenzustehen? Unter den entsezlichsten
Schlägen fliegender sich durchkreuzender Blize? Wie ein armer
Verlohrner in diesem dünnen Helm zu wachen? Meines ärgsten Feindes
Hund, wenn er mich gleich gebissen hätte, sollte in einer solchen
Nacht bey meinem Feuer Plaz bekommen haben; und du, armer Vater,
warst genöthiget, in einer armseligen Hütte bey Schweinen und
verworfnen Elenden auf kurzem halbverfaultem Stroh zu übernachten.
O Jammer! Jammer! Es ist ein Wunder, daß dein Leben sich nicht
zugleich mit deiner Vernunft geendiget hat. Ach! er erwacht--
redet mit ihm--

Arzt.
Reden Sie selbst, Madame, izt ist es am gelegensten.

Cordelia.
Wie befindet sich mein Königlicher Herr? wie steht es um Euer
Majestät?

Lear.
Ihr handelt nicht recht an mir, mich so aus meinem Grabe zu nehmen;
du bist ein seliger Geist, und ich bin an ein feuriges Rad gebunden,
welches meine eignen Thränen gleich zerschmolznem Bley erhizen.

Cordelia.
Mylord, kennet ihr mich?

Lear.
Du bist ein Geist, ich weiß es; wenn starbest du?

Cordelia.
Immer, immer, noch weit--

Arzt.
Er ist noch nicht recht erwacht; lassen Sie ihn eine Weile allein.

Lear.
Wo bin ich gewesen? Wer bin ich? Schönes Tageslicht! Ich bin
übel zugerichtet--einen andern so zu sehen, könnte mich vor
Mitleiden sterben machen. Ich weiß nicht was ich sagen soll; ich
wollte nicht schwören, daß dieses meine Hände sind; laßt sehen, ich
fühle diesen Nadelstich--Ich wollte, ich wäre gewiß was ich bin.

Cordelia.
O sehet mich an, Mylord, und streket eure Hand zum Segen über mich
aus. Nein, Mylord, ihr müßt nicht knien.

Lear.
Ich bitte euch, spottet meiner nicht. Ich bin ein sehr thörichter
weichherziger alter Mann, achtzig und drüber, und, aufrichtig zu
seyn, ich fürchte, ich bin nicht bey meinem völligen Verstande.
Mich dünkt, ich sollte euch und diesen Mann kennen, und doch
zweifle ich; denn ich weiß gar nicht was für ein Ort diß ist, und
so sehr ich auch mich besinne, kenne ich diese Kleider nicht; nein,
ich weiß nicht, wo ich in der lezten Nacht übernachtete. Lacht
nicht über mich, denn, so wahr ich ein Mann bin, ich denke diese
Dame ist mein Kind Cordelia.

Cordelia.
Und das bin ich, ich bins--

(weinend.)

Lear.
Sind eure Thränen naß? Ja, bey meiner Treue; ich bitte euch,
weinet nicht. Wenn ihr Gift für mich habt, so will ichs trinken;
ich weiß ihr liebet mich nicht; denn eure Schwestern haben, wie ich
mich erinnre, mir übel begegnet; ihr habt einige Ursache, sie nicht.

Cordelia.
Keine Ursache, keine Ursache.

Lear.
Bin ich in Frankreich?

Cordelia.
In euerm eignen Königreich, Mylord.

Lear.
Betrüget mich nicht.

Arzt.
Beruhigen Sie sich, Madame; die gröste Wuth hat, wie Sie sehen,
sich bey ihm gelegt. Und doch wäre es gefährlich ihn an Sachen zu
erinnern, die sich auf das Vergangne beziehen. Bitten Sie ihn,
hinein zu gehen. Beunruhigen Sie ihn nicht länger, bis er sich
besser erholt hat.

Cordelia.
Gefällt es Eurer Majestät nicht, sich eine Bewegung zu machen?

Lear.
Ihr müßt Geduld mit mir haben. Nun, ich bitte euch, vergeßt und
vergebt; ich bin alt und albern.

(Lear, Cordelia, Arzt und Bediente gehen ab.)

(Kent und der Edelmann bleiben.)

Edelmann.
Bestätiget es sich, daß der Herzog von Cornwall so ermordet worden?

Kent.
Ja, Sir, es ist gewiß.

Edelmann.
Wer ist der Anführer dieses feindlichen Heers?

Kent.
Man sagt, der unehliche Sohn des Grafen von Gloster.

Edelmann.
Sein verbannter Sohn Edgar soll mit dem Grafen von Kent sich in
Deutschland befinden.

Kent.
Das Gerüchte ist unbeständig; es ist Zeit uns umzusehen; die Macht
des Königreichs rükt mit grossen Schritten uns entgegen.

Edelmann.
Dem Ansehen nach wird die Entscheidung blutig seyn--Lebet wohl, Sir.

(Geht ab.)

Kent.
Mein ganzer Entwurf wird heute zu Ende gebracht, wol oder übel, je
nachdem die Sache ausfallen wird.

(ab.)




Fünfter Aufzug.



Erster Auftritt.
(Ein Lager.)
(Edmund, Regan, ein Edelmann und Soldaten.)


Edmund (zum Edelmann.)
Erkundiget euch, ob der Herzog bey seinem lezten Entschluß
verharret, oder ob er indeß sich durch irgend etwas bewegen lassen,
einen andern Weg einzuschlagen? Er ist sehr wankelmüthig und
mißbilligt jeden Augenblik was er im vorigen beliebt hatte. Bringt
uns seinen standhaften Willen.

(Der Edelmann geht ab.)

Regan.
Unsrer Schwester Mann ist ganz gewiß auf dem Wege, sich zu Grunde
zu richten.

Edmund.
Es ist möglich, Madame.

Regan.
Nun, mein angenehmster Lord; ihr kennet die Gewogenheit die ich für
euch habe. Sagt mir aufrichtig, liebet ihr meine Schwester nicht?

Edmund.
Mit einer pflichtmässigen Liebe.

Regan.
Aber habt ihr niemals--*

{ed.-* Das Original ist hier kühner als die Übersetzung. Shakespeare
läßt Regan fragen: (have you never found my brothers way to the
fore-fended place?)}

Edmund.
Nein, bey meiner Ehre, Madame.

Regan.
Ich werde sie nimmermehr leiden können; mein liebster Lord,
enthaltet euch aller Vertraulichkeit mit ihr.

Edmund.
Fürchten Sie nichts; sie und der Herzog, ihr Gemahl--
(Der Herzog von Albanien, Gonerill und Soldaten treten auf.)

Gonerill (für sich.)
Lieber wollt' ich die Schlacht verliehren als zugeben, daß diese
Schwester mich von ihm trenne.

Albanien.
Ich erfreue mich meine liebe Schwester, euch anzutreffen--Sir, der
König ist wie ich höre bey seiner Tochter angekommen, mit noch mehr
andern, welche die Strenge unsrer Maaßregeln genöthigt hat, eine
andre Partey zu nehmen. Wo ich kein ehrlicher Mann seyn kan, bin
ich niemals tapfer. Frankreich thut einen Einfall in unser Land,
in so ferne ist es billig ihn abzutreiben. Aber er führt die Sache
des Königs und andrer, die, wie ich besorge, durch gerechte und
höchstwichtige Ursachen wider uns aufgebracht worden--

Edmund.
Mylord, Sie sprechen sehr edel.

Regan.
Was für eine Betrachtung ist das?

Gonerill.
Laßt uns gegen den Feind uns vereinigen; von diesen Familien- und
Privat-Händeln ist izt die Rede nicht.

Edmund.
Ich werde Eurer Gnaden sogleich in dero Zelt aufwarten.

Albanien.
Wir wollen uns daselbst mit unsern ältesten Kriegsmännern berathen,
was zu thun sey.

Regan.
Schwester, ihr geht ja mit uns?

Gonerill.
Nein.

Regan.
Das würde sich nicht wol schiken; ich bitte euch, geht mit uns.

Gonerill.
O ho, ich verstehe das Räzel, ich will gehen.



Zweyter Auftritt.
(Indem sie hinausgehen, tritt Edgar verkleidet auf.)


Edgar (zu Albanien.)
Wenn Euer Gnaden jemals mit einem so armen Mann gesprochen haben,
so hören Sie mich nur ein Wort.

Albanien (zu den übrigen.)
Ich werde euch wieder einholen--

(zu Edgar)

Rede!

(Edmund, Regan, Gonerill und Gefolge gehen ab.)

Edgar.
Ehe Sie das Treffen beginnen, eröffnen Sie diesen Brief. Wenn der
Sieg auf Ihre Seite fällt, so lassen Sie durch den Schall der
Trompeten denjenigen auffodern, der ihn gebracht hat. So armselig
ich scheine, so kan ich einen Ritter aufstellen, der beweisen soll,
was hier vorgegeben wird. Verliehren Sie, so hat Ihr Geschäfte in
der Welt ohnehin ein Ende, und die Anschläge der Übelgesinnten
sind zu nichte. Das Glük stehe Ihnen bey!

Albanien.
Verweile nur, bis ich den Brief gelesen habe.

Edgar.
Es ist mir verboten worden. Wenn die Zeit es erfodert, so lassen
Sie nur den Herold rufen, und ich werde wieder sichtbar werden.

(Geht ab.)

Albanien.
So lebe wol; ich will das Papier übersehen. (Edmund kommt zurük.)

Edmund.
Der Feind läßt sich sehen; lassen Sie Ihre Völker ausrüken, Mylord.
Seine eigentliche Stärke ist, aller gebrauchten Sorgfalt
ungeachtet, schwer zu entdeken. Aber Ihre Gegenwart, Mylord, ist
izt das nöthigste.

Albanien.
Wir wollen der Zeit entgegen gehen.

(Geht ab.)



Dritter Auftritt.


Edmund.
Beyden Schwestern habe ich meine Liebe zugeschworen, jede ist auf
die andre so eifersüchtig als die Gestochenen über die Schlange.
Welche von beyden soll ich nehmen? Beyde? Eine? oder keine von
beyden? Keine kan genossen werden, wenn beyde beym Leben bleiben.
Nehme ich die Wittwe, so wird Gonerill bis zum Unsinn aufgebracht,
und so lange ihr Gemahl lebt, werd ich schwerlich meine Absicht
ausführen können. Wohlan dann, wir bedörfen seines Ansehens bey
dem Treffen; ist dieses geendiget, so mag diejenige, die seiner los
seyn möchte, zusehen wie sie ihm beykommen kan. Was die Gnade
betrift, die er gegen Lear und Cordelia im Sinn hat, wofern sie in
unsre Gewalt kommen, so sollen sie gewiß nichts davon sehen; denn
mein Interesse ist auszuparieren, nicht anzugreiffen.

(Geht ab.)



Vierter Auftritt.
(Ein Getümmel und Trompeten-Stoß hinter der Schaubühne.)
(Lear, Cordelia und Soldaten ziehen mit Trummeln und Fahnen über
die Scene, und gehen wieder ab.)

(Edgar und Gloster treten auf.)


Edgar.
Hier, Vater, ruhet unter dieses Baumes wirthlichem Schatten aus,
und bittet für den Fortgang der gerechten Sache. Ich komme gar
nicht wieder zurük, oder ich bringe euch eine tröstliche Zeitung
mit.

Gloster.
Gott steh euch bey, Sir.

(Edgar geht ab.)

(Trompeten-Schall, Gefecht und Flucht hinter der Bühne.)
Edgar tritt wieder auf.)

Edgar.
Laß uns fliehen, alter Mann; gieb mir deine Hand, laß uns fliehen.
König Lear hat verlohren, er und seine Tochter sind gefangen; Gieb
mir deine Hand, komm!

Gloster.
Nicht weiter, Sir; ich kan hier so gut verfaulen als an einem
andern Ort.

Edgar.
Wie? schon wieder in schwermüthigen Gedanken? Die Menschen müssen
bey ihrem Ausgang aus der Welt, wie bey ihrem Eintritt, die
natürliche Zeit erwarten; sie müssen zu beyden reif werden; kommet
mit.

Gloster.
Ihr habt würklich recht.

(Sie gehen ab.)



Fünfter Auftritt.
(Edmund zieht mit Lear, und Cordelia, als Gefangenen im Triumph
auf.)


Edmund.
Einige Officiers können sie hinweg führen. Bewachet sie genau, bis
uns der hohe Wille derjenigen, die über sie zu entscheiden haben,
bekannt seyn wird.

Cordelia.
Wir sind nicht die ersten, die sich mit der besten Absicht das
schlimmste Glük zugezogen haben. Nur um deinetwillen, unterdrükter
König, bin ich niedergeschlagen. Träfe unser Unglük mich allein,
ich würde ihm Troz bieten--Werden wir diese Töchter, und diese
Schwestern nicht zu sehen kriegen?

Lear.
Nein, nein, nein, nein! komm, laß uns ins Gefängniß gehen; Wir
beyde allein wollen singen wie Vögel im Keficht: Wenn du mich um
meinen Segen bittest, will ich niederknien, und dich um deine
Verzeihung bitten. So wollen wir leben, und beten und singen, und
uns alte Mährchen erzehlen, und über vergüldete Sommer-Fliegen
lachen, und armselige Schurken von Hofneuigkeiten reden hören, und
dann wollen wir mit ihnen schwazen, wer gewinnt, wer verliehrt, wer
drinnen ist, wer draussen, und so zuversichtlich von den geheimen
Angelegenheiten reden, als ob wir Gottes Kundschafter wären. Und
so wollen wir in einen Kerker eingemaurt, die Banden und Secten der
Grossen überleben, die, gleich der Ebbe und Fluth, je nachdem das
Glük wächst oder abnimmt, sich zusammendrängen oder zurükfliessen.

Edmund.
Führt sie hinweg.

Lear.
Auf solche Opfer, meine Cordelia, möchten die Götter selbst
Weyhrauch herabstreuen.

(Er umarmt sie.)

Hab ich dich in meinen Armen? Der uns trennen will, muß einen
Brand vom Himmel bringen, und uns wie Füchse von einander feuern.
Wische deine Augen; ehe soll der Aussaz ihnen das Fleisch von den
Knochen nagen, eh sie uns weinen machen sollen. Wir wollen sie
eher verhungern sehen.

(Lear und Cordelia werden abgeführt.)

Edmund.
Tritt näher, Hauptmann, und höre. Nimm dieses Papier; geh, folge
ihnen ins Gefängniß. Ich habe dich erst um eine Stuffe befördert;
wenn du thust, was dich dieses anweißt, so machst du deinen Weg zu
einem glänzenden Glük. Wisse, daß die Menschen sind wie die Zeit
ist; ein zärtliches Herz schikt sich nicht zu einem Degen an der
Seite--der wichtige Auftrag der dir gemacht wird, leidet keine
Einwürfe; versprich entweder, daß du es thun willt, oder suche dein
Glük auf einem anderen Wege.

Hauptmann.
Ich will es thun, Mylord.

Edmund.
So beschleunige dich, und schreibe mir in dem Augenblik da du es
gethan hast. Merke daß ich sage, im gleichen Augenblik, und führe
die Sache aus, wie ich's aufgesezt habe.

(Der Hauptmann geht ab.)



Sechster Auftritt.
(Trompeten--Der Herzog von Albanien.)
(Gonerill, Regan und Soldaten treten auf.)


Albanien.
Sir, ihr habt an diesem Tage eure angestammte Tapferkeit bewiesen,
und das Glük hat euch wol geführt. Ihr habt die Gefangenen, die in
dem Streit dieses Tages unsre Gegner waren; wir fodern sie von euch
zurük, um so mit ihnen zu verfahren, wie beydes ihr Verdienst und
unsre Sicherheit von uns erheischen wird.

Edmund.
Sir, ich hielt es für rathsam, den alten elenden König unter guter
Aufsicht, irgends in Verwahrung zu bringen, da sein hohes Alter,
und noch mehr sein Titel eine Zauberkraft in sich hat, die Herzen
des Volks auf seine Seiten zu ziehen, und unsre eingelegte Lanzen
in unsre eigne Augen zu stossen. Ich schikte die Königin mit ihm;
meine Ursache ist eben dieselbe; sie sind aber bereit, morgen oder
zu einer andern Zeit, wenn ihr euer Gericht halten werdet, zu
erscheinen. Izo schwizen und bluten wir; der Freund hat seinen
Freund verlohren, und die besten Händel werden in der ersten Hize
von denen verflucht, die ihre Schärfe fühlen. Das Verhör der
Cordelia und ihres Vaters erfordert bessere Gelegenheit.

Albanien.
Sir, mit eurer Erlaubniß, ich hielt euch in diesem Krieg nur für
einen Unterthanen, nicht für einen Bruder.

Regan.
Und das ist die Ehre die wir ihm zugedacht haben. Mich dünkt, ihr
hättet uns gar wol um unsre Gedanken fragen mögen, eh ihr euch so
weit herausgelassen hättet. Er führte unsre Völker an, er war mit
dem Ansehen meines Plazes und meiner Person bekleidet, und diese
unmittelbare Vorstellung ist wol berechtiget aufzustehen und sich
euern Bruder zu nennen.

Gonerill.
Nicht so hizig; seine persönlichen Verdienste erhöhen ihn mehr als
eure Beförderung.

Regan.
In dem Recht womit ich ihn bekleidet, kan er die Besten seines
gleichen nennen.

Albanien.
Das wäre nicht weniger, als wenn er euch heurathen würde.

Regan.
Spötter werden oft Propheten.

Gonerill.
Holla, holla! Das Auge das euch so berichtete, schielte ein wenig.

Regan.
Lady, ich befinde mich nicht wohl, sonst wollte ich euch aus
überfliessendem Herzen antworten. Feldherr, nimm du meine
Kriegsleute, meine Gefangene, mein Erbgut, und mich selbst; schalte
damit nach deinem belieben! Die ganze Welt sey Zeuge, daß ich dich
hier zu meinem Herrn und Meister ernenne.

Gonerill.
Bildet ihr euch ein, daß ihr ihn besizen werdet?

Albanien.
Die gröste Hinderniß ligt nicht in euerm guten Willen.

Edmund.
Noch in deinem, Lord.

Albanien.
Allerdings, du nichtswürdiger Bube.

Regan.
So laßt die Trummel schlagen, und beweisen, daß mein Recht das
deinige ist.

Albanien.
Haltet noch und höret: Edmund, ich bemächtige mich deiner Person
wegen Hochverraths, und zugleich mit dir, dieser vergoldeten
Schlange. Was euern Anspruch betrift, schöne Schwester, so parire
ich ihn zu Gunsten meiner Gemahlin, die mit diesem Herrn bereits in
Tractaten begriffen ist. Als ihr Ehmann widerspreche ich euerm
Ausruf; wenn ihr heurathen wollt, so bewerbet euch um mich, meine
Gemahlin ist schon bestellt.

Gonerill.
Ein Zwischenspiel--

Albanien.
Du bist bewafnet, Gloster; laß die Trompete blasen; wenn niemand
erscheint, deine schändliche, offenbare und manchfaltige
Verrätherey an deiner Person zu erweisen, so ist hier mein
Handschuh; auf dein Herz will ich beweisen, und eher keinen Bissen
Brodt zu mir nehmen, daß du nichts weniger bist, als wovor ich dich
hier ausgeruffen habe.

Regan.
O! wie übel wird mir--

Gonerill (für sich.)
Wenn es nicht so wäre, so wollt' ich keinem Gift mehr trauen.

Edmund.
Hier ist mein Gegenpfand; wer der auch in der Welt ist, der mich
einen Verräther nennt, der lügt es wie ein Nichtswürdiger: Laßt die
Trompete schallen. Erscheine, wer es wagen will; an ihm, an euch,
an einem jeden, will ich meine Ehre und Treue standhaft behaupten.

Albanien.
Einen Herold, he! (Ein Herold kömmt.)

Albanien (zu Edmund.)
Du hast nichts worauf du dich verlassen kanst, als deine eigne
Tapferkeit; denn deine Soldaten, die alle in meinem Namen
aufgeboten worden, haben auch in meinem Namen ihre Entlassung
erhalten.

Regan.
Es wird mir immer schlimmer--

Albanien.
Sie ist nicht wohl, führet sie in ihr Zelt.

(Regan geht ab.)



Siebender Auftritt.


Albanien (zum Herold.)
Hieher, Herold, laß die Trompete schallen, und ließ dieses ab.

(Ein Trompeten-Stoß. Der Herold ließt.)

Herold.
Wenn irgend ein Mann von Ritterlichem Stand und Würde unter diesem
Heer gegen Edmund anmaßlichen Grafen von Gloster behaupten will,
daß er ein vielfacher Verräther ist, der erscheine bey dem dritten
Trompeten-Stoß; er steht fertig, sich zu vertheidigen. (1.
Trompeter.)

Herold.
Abermal! (2. Trompeter.)

Herold.
Zum drittenmal. (3. Trompeter.)


(Eine Trompete antwortet von innen.)
Edgar, tritt bewafnet auf.)

Albanien.
Frag ihn sein Vorhaben, warum er auf diesen Ruf der Trompete
erscheint?

Herold.
Wer bist du? Was ist dein Name und dein Stand? Und warum
antwortest du auf diese Ausforderung?

Edgar.
Wisse, meinen Namen habe ich durch den giftigen Zahn der
Verrätherey verlohren; dennoch bin ich so edel als der Gegner, mit
dem ich es aufnehmen will.

Albanien.
Wer ist dieser Gegner?

Edgar.
Wer ist der, der für Edmund Grafen von Gloster das Wort führt?

Edmund.
Er selbst; was hast du ihm zu sagen?

Edgar.
Zieh deinen Degen, damit wenn meine Rede ein edles Herz beleidigt,
dein Arm dir Recht verschaffen könne. Hier ist der meine. Ich
thue, was mein ritterlicher Stand, mein Eyd und mein Beruf von mir
fordern. Deiner Stärke, Ehren-Stelle, Jugend und Würde ungeachtet,
troz deinem siegreichen Schwerdt und deinem nagelneuen Glük,
behaupte ich daß du ein Verräther bist, treuloß gegen die Götter,
deinen Vater und deinen Bruder, verschworen wider diesen hohen
ruhmwürdigen Fürsten, und von dem äussersten Wirbel deines Hauptes
bis zu dem Staub an deiner Fußsole, durchaus ein Kröten-flekichter
Verräther. Sagst du, nein, so ist dieses Schwerdt und dieser Arm
gezükt, und meine besten Lebensgeister gesammelt, es auf dein Herz,
zu dem ich rede, zu beweisen, daß du lügst.

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