A B C D E F G H I J K L M N O P R S T U V W X Z

Das Leben und der Tod des Koenigs Lear

W >> William Shakespeare >> Das Leben und der Tod des Koenigs Lear

Pages:
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8



Edmund.
Die Klugheit erforderte nach deinem Namen zu fragen; jedoch, da
dein Ansehen so schön und ritterlich ist, und in deiner Sprache ein
Ton von Erziehung athmet, so verachte ich die Bedenklichkeiten,
wodurch ich nach den Gesezen der Ritterschaft deine Ausforderung
ablehnen könnte. Ich schleudre also alle diese Verräthereyen auf
dein Haupt zurük, und überwälze mit denen hölle-verhaßten Lügen
dein Herz, durch welches ihnen dieses mein Schwerdt einen Weg
machen soll, wo du auf ewig ruhen sollst.* Trompeten, redet!

{ed.-* Dieses Nonsensicalische Gewäsche hat man beynahe so
verworren, als es im Original ist, zu einer Probe stehen lassen
wollen, von einer dem Shakespeare sehr gewöhnlichen Untugend,
seine Gedanken nur halb auszudrüken, übel-passende Metaphern
durcheinander zu werffen, und sich von allen Regeln der
Grammatik zu dispensieren.}

(Die Trompeten erschallen. Sie fechten.)

Gonerill.
O rettet ihn, rettet ihn; diß ist ein angestelltes Spiel, Gloster:
Nach den Gesezen des Zweykampfs warst du nicht verbunden einem
unbekannten Gegner zu antworten; du bist nicht überwunden, sondern
betrogen.

Albanien.
Schließt euern Mund, Dame, oder ich will ihn mit diesem Papier
stopfen--Du ärgstes unter allen Dingen, ließ deine eigne Schande--
Es nüzt nichts, es zu zerreissen, Lady; ich merke ihr kennt es.

Gonerill.
Sag, ob ich es kenne; die Geseze sind mein, nicht dein; wer kan
mich dafür zu Rede stellen?

Albanien.
Ungeheuer, kennst du dieses Papier?

Gonerill.
Fragt mich nicht, was ich kenne--

(Gonerill geht ab.)

Albanien (zu einem Hofbedienten.)
Geht ihr nach sie ist in Verzweiflung, habt Acht auf sie.



Achter Auftritt.


Edmund.
Alles, wessen ihr mich bezüchtiget habt, das hab ich gethan, und
noch weit mehr, das die Zeit ans Licht bringen wird. Es ist nun
vorbey, und ich auch. Aber wer bist du, dem das Glük diesen
Vortheil über mich gegeben hat? Wenn du edel bist, so vergeb ich
dir.

Edgar.
Diese Gesinnung verdient erwiedert zu werden. Ich bin von Geburt
nicht weniger als du bist, Edmund, und wenn ich mehr bin, so ist
das Unrecht desto grösser, das du mir gethan hast. Mein Name ist
Edgar und deines Vaters Sohn. Die Götter sind gerecht, und machen
aus unsern wollüstigen Verbrechen Werkzeuge uns damit zu peitschen.
Der finstre und unzüchtige Plaz, wo er dich zeugte, hat ihm seine
Augen gekostet.

Edmund.
Du hast recht gesprochen; es ist wahr, das Rad ist ganz umgelauffen,
und ich bin hier.

Albanien (zu Edgar.)
Mich däuchte, dein Ansehen weissage einen königlichen Adel. Laß
dich umarmen--Kummer möge mein Herz zersplittern, wenn ich jemals
dich oder deinen Vater gehasset habe.

Edgar.
Würdiger Prinz, ich weiß es.

Albanien.
Wo habt ihr euch dann verborgen gehalten, und woher erfuhret ihr
den elenden Zustand euers Vaters?

Edgar.
Indem ich ihn nährte, Mylord. Höret einer kurzen Erzählung zu, und
wenn sie erzählt ist, o daß dann mein Herz bersten möchte!--Der
blutige Ausruf, der so nah auf meine Flucht folgte, lehrte mich
(wie süß ist das Leben, daß wir lieber stündlich die Pein des Todes
ertragen, als einmal sterben wollen!) lehrte mich in die Lumpen
eines wahnwizigen Bettlers mich zu verkleiden, die Ähnlichkeit
eines verschmähten Hundes anzunehmen; und in dieser Gestalt
begegnete ich meinem Vater mit seinen blutenden Augen-Ringen, die
nur erst ihre kostbaren Brillianten verlohren hatten; ich wurde
sein Führer, leitete ihn, bettelte für ihn, rettete ihn vor der
Verzweiflung, und entdekte ihm niemalen (o daß ich es gethan hätte!)
wer ich sey, bis ungefehr vor einer halben Stunde da ich mich
bewafnet hatte, und zwar in Hoffnung dieses glüklichen Ausgangs,
doch nicht ohne Zweifel, um seinen Segen bat, und ihm meine
Pilgramschaft von Anfang bis zu End erzählte. Aber ach! sein
verwundetes Herz, zu schwach den Kampf entgegengesezter
Leidenschaften auszuhalten, brach lächelnd zwischen Freude und
Schmerz.

Edmund.
Diese eure Rede hat mich gerührt, und wird vielleicht eine gute
Würkung haben; aber fahret fort, ihr sehet aus, als ob ihr noch
mehr zu sagen hättet.

Albanien.
Wenn es noch traurigere Sachen sind, so haltet ein; denn das was
ihr erzählt habt, ist schon bereit mein Herz aufzulösen.

Edgar.
Für menschliche Gemüther möchte dieses zum äussersten Grad des
Elends genug seyn; aber diejenigen, die ein Vergnügen an grausamen
Schauspielen haben, möchten gern immer mehr dazu thun, und nur ein
Jammer der sich nicht grösser denken läßt, kan ihr Mitleiden rege
machen. Während daß ich vor Schmerz laut winselte, kam ein Mann,
der mich in meinem schlimmern Zustand gesehen und meine
verabscheute Gesellschaft geflohen hatte; izt aber, da er fand wer
es war, der so viel erlidten hatte, heftete er seine starken Arme
um meinen Hals, und schrie, so laut als ob er den Himmel zerspalten
wollte; warf sich auf meinen Vater, erzählete die Geschichte von
Lear und ihm, die kläglichste, die je ein Ohr gehört hat; und
machte durch diese Vorstellung seinen Schmerz von neuem so heftig,
daß die Stränge des Lebens zu reissen anfiengen--Indeß erklang die
Trompete zum zweiten mal, und ich verließ ihn ohne Gefühl seiner
selbst.

Albanien.
Wer war dann dieser?

Edgar.
Mylord, es war Kent, der verbannete Kent, der in unkenntlicher
Verkleidung seinem König folgte, und ihm Dienste that, die eines
Sclaven unwürdig gewesen wären.



Neunter Auftritt.
(Ein Edelmann zu den Vorigen.)


Edelmann.
Hülfe! Hülfe!

Edgar.
Was für Hülfe?

Albanien.
Rede.

Edgar.
Was will dieses blutige Messer?

Edelmann.
Es ist heiß, es raucht; es kommt eben aus dem Herzen--O! sie ist
todt!

Albanien.
Wer ist todt? Rede, Mann.

Edelmann.
Eure Gemahlin, Mylord, eure Gemahlin, und ihre Schwester ist von
ihr vergiftet worden; sie bekennt es.

Edmund.
Ich war mit beyden versprochen; bald werden wir alle drey zusammen
kommen.

Edgar.
Hier kommt Kent.

(Kent tritt auf.)

Albanien.
Bringt die Leichname herbey, todt oder lebend.

(Gonerills und Regans Leichen werden auf die Bühne gebracht.)

Dieses Gericht des Himmels macht uns zittern, ohne unser Mitleid
zu erregen--

(indem er Kent ansichtig wird)

O! er ists! Vergebet, Mylord. Die Umstände worinn wir sind,
erlauben nicht an die Beobachtung der Höflichkeit zu denken.

Kent.
Ich bin gekommen, meinem König und Herrn das lezte Lebwohl zu sagen.
Ist er nicht hier?

Albanien.
Wir haben das Wichtigste vergessen. Sprich, Edmund, wo ist der
König? Wo ist Cordelia? Siehst du dieses Schauspiel, Kent?

Kent.
Himmel! was ist das?

Edmund.
So wurde Edmund geliebt; Die eine vergiftete die andre um
meinetwillen, und ermordete sich sodann selbst.

Albanien.
So ist es; verhüllet ihre Gesichter.

Edmund.
Ich schnappe nach Leben, um troz meiner eignen Natur, noch etwas
Gutes zu thun. Sendet eilends in das Schloß, ich habe einen Befehl
gegen das Leben Lears und Cordelias ausgestellt; schiket, eh es zu
spät ist.

Albanien.
Rennet, rennet, O! rennet--


Edgar.
Zu wem, Mylord? Wer hat die Aufsicht im Schlosse? Schike ihm ein
Merkmal, woraus er deinen geänderten Willen erkennen kan.

Edmund.
Du hast wohl hieran gedacht; nimm meinen Degen, gieb ihn dem
Hauptmann--


Edgar.
Eile, so lieb dir dein Leben ist.

(Der Bote geht ab.)

Edmund.
Er hatte von eurer Gemahlin und mir Befehl, Cordelia im Gefängniß
zu erhängen, und die Schuld ihrer eignen Verzweiflung beyzumessen.

Albanien.
Die Götter beschüzen sie!--Traget ihn indessen hinweg.

(Edmund wird fortgetragen.)



Zehnter Auftritt.
(Lear tritt auf, Cordelia todt in seinen Armen tragend.)


Lear.
Heult, heult, heult, heult--O! ihr seyd Menschen von Stein; hätt'
ich eure Zungen und Augen, ich wollte sie so brauchen, daß des
Himmels Gewölbe krachen sollte: Sie ist auf ewig dahin. Ich
verstehe mich darauf, ob einer todt ist oder ob einer lebt; Sie ist
todt wie Erde. Leiht mir einen Spiegel; wenn ihr Athem das Glas
trübe macht, dann will ich sagen, sie lebt.

Kent.
Ist das der gehoffte Ausgang?

Lear.
Diese Feder regt sich, sie lebt; wenn es so ist, so ist es ein
Wechsel, der allen Kummer bezahlt, den ich jemals gefühlt habe.

Kent (kniend.)
O mein guter Meister.

Lear.
Ich bitte dich, hinweg.

Edgar.
Es ist der edle Kent, euer Freund.

Lear.
Das Verderben über euch alle, ihr Verräther! Ich hätte sie noch
retten können; izt ist sie auf immer dahin. Cordelia, Cordelia,
bleibe noch ein wenig. Ha!--Was sagtest du?--Ihre Stimme war immer
sanft, anmuthig und gelassen; ein vortrefliches Ding an einem
Weibsbilde! Ich tödtete den Sclaven der dich erdrosselte.

Der Edelmann.
Es ist wahr, Mylords, er that es.

Lear.
That ichs nicht, Bursche? Ich weiß die Zeit, da ich sie mit meinem
guten krummen Weidmesser wollte springen gemacht haben: Izt bin ich
alt, und alle diese Widerwärtigkeiten sezen mir zu--Wer seyd ihr?
Meine Augen sind keine von den besten; ich kan es euch nicht
verheelen--Seyd ihr nicht Kent?

Kent.
Ich bin es, euer Diener Kent; wo ist euer Diener Cajus?

Lear.
Es war ein guter Bursche, das kan ich euch sagen; er konnte
zuschlagen, und das ohne sich lange zu besinnen--Nun ist er todt
und verfault.

Kent.
Nein, mein guter Lord, ich bin dieser Mann.

Lear.
Das will ich gleich sehen.

Kent.
Der vom Anfang eurer Unglüksfälle euren traurigen Fußstapfen
gefolget ist.

Lear.
Ihr seyd willkommen.

Kent.
Aber gewiß sonst kein andrer--Alles ist hier freudenlos, finster
und todt. Eure ältesten Töchter haben sich selbst abgethan, und
sind in Verzweiflung gestorben.

Lear.
Ja, so denke ich.

Albanien.
Er weiß nicht, was er sagt; und es ist izt vergeblich, daß wir uns
ihm vorstellen.

Edgar.
Ganz vergeblich. (Ein Bote zu den Vorigen.)

Der Bote.
Edmund ist todt.

Albanien.
Das ist nur eine Kleinigkeit. Ihr Lords und edle Freunde höret
unsre Entschliessung: Was uns übrig gelassen ist, den grossen
Jammer dieses Tages zu lindern, das soll angewendet werden. Was
uns betrift, so treten wir, so lang diese alte Majestät leben wird,
ihm unsre oberste Gewalt, und euch

(zu Edgar)

unsre Rechte ab, mit allen den Vorzügen, die eure Tugend mehr als
verdient hat. Alle Freunde sollen die Belohnung ihrer Tugend, und
alle Feinde den bittern Kelch ihrer Übelthaten schmeken--O seht,
seht--

Lear.
Und meine arme Seele ist gehangen Nein, nein, nichts mehr von Leben.
Wie, soll ein Hund, ein Roß, eine Raze leben, und du sollst nur
nicht Athem holen? Du wirst nimmer wieder kommen, nimmer, nimmer,
nimmer, nimmermehr--Ich bitte euch, macht diesen Knopf auf. Ich
danke euch, Sir.

(Er deutet auf Cordelias Leiche.)

Seht ihr das? Sehet hieher, seht auf ihre Lippen, seht hieher,
seht hieher--

(Er stirbt.)

Edgar.
Er wird ohnmächtig.

Kent.
Brich, Herz, ich bitte dich, brich.

Edgar.
Sehet auf, Mylord.

(zu Lear.)

Kent.
Plage seinen Geist nicht: O! laß ihn seinen Weg gehen; er würde
den hassen, der ihn länger auf die Folter dieser unbarmherzigen
Welt ausspannen wollte.

Edgar.
In der That, er ist todt.

Kent.
Das Wunder ist, daß er so lange ausgedaurt hat; er usurpirte nur
sein Leben.

Albanien.
Traget sie von hinnen; unser iziges Geschäfte ist allgemeines Weh.
Freunde meiner Seele, regieret ihr beyde das Reich, und erhaltet
den einstürzenden Staat.

Kent.
Mylord, ich bin am Ende meiner Tagreise: Mein Meister ruft mir, ich
darf nicht sagen nein.

(Er stirbt.)

Albanien.
Vom Gewicht dieser jammervollen Zeit zu Boden gedrükt, reden wir
was wir fühlen, nicht was wir sollten. Der Älteste hat am meisten
gelidten: Wir, die wir jung sind, werden nicht lange genug leben,
um wieder soviel zu sehen.


Das Leben und der Tod des Königs Lear, von William Shakespeare
(Übersetzt von Christoph Martin Wieland).






Pages:
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8
Copyright (c) 2007. famouswriterz.com. All rights reserved.

Ay Mijo! Why Do You Want To Be An Engineer?
New Book, Endorsed By Society of Hispanic Professional Engineers, Profiles Successful Latino Engineers to Inspire Young Math, Science Students

Oklahoma City to be Site of NAHJ Region 5 Conference
A little more than a year after forming, the Oklahoma City Chapter of the National Association of Hispanic Journalists will be the host for the 2007 Region 5 Conference, March 30 - 31.

Support Teen Literature Day planned for April 19
The Young Adult Library Services Association (YALSA), the fastest growing division of the American Library Association (ALA), is celebrating its first ever Support Teen Literature Day on April 19, as part of ALA's National Library Week celebration.