Othello
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Othello.
Ich sehe, Jago, daß dein gutes Gemüth und deine Liebe zu Cassio
seine Schuld zu verkleinern sucht. Cassio, ich liebe dich, aber du
bist mein Officier nicht mehr--(Desdemona, mit Gefolge, zu den
Vorigen.) Seht, ist nicht meine liebste Desdemona aufgestanden--ich
will dich zu einem Exempel machen.
Desdemona.
Was ist hier zu thun?
Othello.
Es ist alles in seiner Ordnung. Komm zu Bette, meine Liebe--Mein
Herr, ich will selbst der Arzt für eure Wunden seyn--Führt ihn nach
Hause. Jago, laß dir die Beruhigung der Stadt angelegen seyn--Komm,
Desdemona; es ist einer von den Zufällen des Soldaten-Lebens, oft
vom süssesten Schlummer durch kriegrisches Getümmel aufgewekt zu
werden.
(Sie gehen ab.)
Dreyzehnte Scene.
(Jago und Cassio bleiben.)
Jago.
Wie, seyd ihr verwundet, Lieutenant?
Cassio.
So, daß mir alle Wundärzte der Welt nicht helfen können.
Jago.
Das verhüte der Himmel!
Cassio.
O Guter Name! Guter Name! Ich habe meinen guten Namen verlohren;
ich habe mein unsterbliches Theil verlohren, was mir übrig
geblieben, ist ein blosses Thier. Meinen guten Namen, Jago, meinen
guten Namen!--
Jago.
So wahr ich ein Bidermann bin, ich dachte, ihr hättet irgend eine
tieffe Wunde in den Leib bekommen; das hätte mehr zu bedeuten als
ein guter Name--Diese Schimäre, die so oft ohne Verdienste gewonnen,
und ohne Verschuldung verlohren wird. Ihr habt nichts verlohren,
als in so fern ihr euch einbildet, daß ihr was verlohren habt. Wie,
Mann--man kan Mittel finden, den General wieder zu gewinnen. Ihr
seyd nur noch mündlich cassiert, eine Straffe, worinn mehr Politik
als böser Willen ist; gerade so, als wenn einer seinen unschuldigen
Hund schlüge, um einen übermüthigen Löwen zu erschreken. Gebt ihm
gute Worte, so ist er wieder euer.
Cassio.
Ich wollte lieber selbst um meine Verwerfung bitten, als einen so
rechtschaffnen General mit einem so schlechten, so versoffenen, so
unbedachtsamen Officier betrügen. Besoffen? und plappern wie ein
Papagay? und Händel anfangen? großpralen? fluchen? und dummes
Zeug mit seinem eignen Schatten reden? O du unbändiger Geist des
Weins, wenn du noch keinen Namen hast, woran man dich kennen kan,
so laß dich Teufel heissen.
Jago.
Wer war der Kerl, den ihr mit dem Degen verfolgtet? was hatte er
euch gethan?
Cassio.
Das weiß ich nicht.
Jago.
Ists möglich?
Cassio.
Ich erinnere mich eines verworrenen Klumpens von Sachen, aber
nichts deutlich: Eines Handels, aber nicht warum. O daß ein Mann
einen Feind zu seinem Mund einlassen soll, damit er ihm seine
Vernunft wegstehlen könne! daß wir fähig sind, mit lauter Freude,
Lust, Scherz und Wohlleben uns in Bestien zu verwandeln!
Jago.
Nun, gebt euch zufrieden, ihr seyd wieder ganz wohl: Wie habt ihr
euch sobald wieder erholt?
Cassio.
Der Teufel der Trunkenheit hat dem Teufel des Zorns Plaz gemacht;
eine Unvollkommenheit zeigt mir eine andre--o wie herzlich veracht'
ich mich selber!
Jago.
Kommt, ihr seyd ein allzustrenger Moralist. In Betrachtung der
Zeit, des Orts und der gegenwärtigen Umstände dieses Lands möcht'
ich selbst von Herzen wünschen, es wäre nicht begegnet; aber da es
nun einmal so ist wie es ist, so ergebt euch darein, und denkt
darauf, wie ihr's wieder gut machen wollt.
Cassio.
Gesezt, ich geh, und bitt' ihn wieder um meine Stelle, so wird er
mir sagen, ich sey ein Trunkenbold--Hätte ich so viele Mäuler als
die Hydra, eine solche Antwort würde sie mir alle stopfen. Izt ein
vernünftiger Mensch seyn, bald darauf ein Narr, und dann plözlich
gar ein Vieh--Ein jedes Glas das man zuviel trinkt ist verflucht,
und das Ingrediens davon ist ein Teufel.
Jago.
Kommt, kommt, guter Wein ist ein guter (Spiritus familiaris,) wenn
man mit ihm umzugehen weiß: Keine Declamationen mehr dagegen!--Mein
lieber Lieutenant, ich hoffe doch, ihr glaubt, daß ich euer Freund
bin.
Cassio.
Ihr habt mir Proben davon gegeben, mein Herr--Ich, betrunken!--
Jago.
Das ist etwas, das euch und einem jeden andern ehrlichen Mann in
der Welt einmal begegnen kan--Ich will euch sagen, was ihr thun
solltet. Unsers Generals Frau ist izt der General. Ich kan mich
dieses Ausdruks bedienen, weil er sich ganz und gar der Beschauung,
Betrachtung und Beherzigung ihrer Vollkommenheiten und Schönheiten
gewiedmet und überlassen zu haben scheint. Macht ihr ein
freymüthiges Geständniß euers Fehlers, und laßt nicht ab, bis sie
euch verspricht euch wieder zu euerm Plaz zu helfen. Sie ist von
einer so großmüthigen, so gütigen, so menschenfreundlichen Gemüths-
Art, daß sie es für einen Mangel an Güte hielte, nicht noch mehr zu
thun als man von ihr begehrt. Bittet sie, dieses zerbrochne Band
zwischen euch und ihrem Manne wieder zusammen zu löthen--und ich
will alles was ich habe gegen eine Steknadel sezen, eure
Freundschaft wird stärker werden als sie je gewesen ist.
Cassio.
Euer Rath ist gut.
Jago.
Er ist wenigstens gut gemeynt, und kommt aus einem aufrichtigen und
freundschaftlichen Herzen.
Cassio.
Davon bin ich überzeuget; ich will es nicht länger als bis morgen
früh anstehen lassen, die tugendhafte Desdemona um ihr Vorwort zu
bitten; ich bin gänzlich verlohren, wenn ich auf eine so
schimpfliche Art von hier gejagt werde.
Jago.
Ihr habt recht; gute Nacht, Lieutenant; ich muß zur Wache sehen.
Cassio.
Gute Nacht, redlicher Jago--
(Er geht ab.)
Vierzehnte Scene.
Jago (allein.)
Und wo ist nun der, welcher sagen kan, ich spiele die Rolle eines
Spizbuben? Da der Rath, den ich ihm gebe, gut, ehrlich, von dem
wahrscheinlichsten Erfolg, ja in der That der gerade Weg ist, den
Mohren wieder zu gewinnen. Denn es ist etwas sehr leichtes die
gutherzige Desdemona zu bewegen, daß sie irgend eine erlaubte Bitte
begünstige; sie ist von einer so überfliessend-wohlthätigen Natur
wie die alles umfassenden Elemente. Und dann ist für sie wiederum
nichts leichters als den Mohren zu gewinnen, wär' es auch seinem
Taufbund zu entsagen, so gänzlich ist seine Seele in ihrer Liebe
verstrikt; sie kan mit ihm anfangen was sie will, machen, wieder
vernichten, wie es ihrem Eigensinn nur belieben mag, den Gott mit
seiner Schwäche zu spielen. Bin ich denn also ein Spizbube, dem
Cassio einen Weg zu rathen, der ihn so gerade zu seinem Besten
führt? Beym Abgott der Hölle! wenn Teufel ihre schwärzeste Sünden
ausüben wollen, so täuschen sie uns zuvor in himmlischen Gestalten--
So mach' ichs würklich auch. Denn indeß daß dieser ehrliche Thor
sich Desdemonen zu Füssen wirft, um sein Glük wieder herzustellen,
und sie alle ihre Macht über den Mohren zu Cassio's Vortheil
anwendet; ich will ihm den giftigen Argwohn in die Ohren blasen,
daß sie ihn nur zu Büssung ihrer Lust so gerne bey sich zu behalten
wünsche; und je eyfriger sie sich bemühen wird, ihm Gutes zu thun,
je mehr wird sie ihren Credit in den Augen des Mohren verliehren.
So will ich ihre Tugend in Pech verwandeln, und aus ihrer Güte
selbst ein Nez machen, worinn sie alle gefangen werden sollen. Wo
kommt ihr her, Rodrigo?
Fünfzehnte Scene.
(Rodrigo zu Jago.)
Rodrigo.
Ich lauffe hier mit der Jagd, nicht wie ein Hund der jagt, sondern
nur, wie einer der schreyen hilft. Mein Geld ist beynah
aufgebraucht; heute Nachts bin ich ganz unvergleichlich abgeprügelt
worden; und ich denke, das Ende vom Liede wird seyn, daß ich so
viel Erfahrung für meine Mühe habe; und so werd' ich mit einem
leeren Beutel und einem Bißchen mehr Wiz wieder nach Venedig zurük
kehren--
Jago.
Was für elende Leute sind doch die, so keine Geduld haben können!
Wenn heilt jemals eine Wunde anderst als nach und nach--Du weißst
doch, daß wir nicht zaubern können, sondern daß alles was wir thun,
natürlich zugehen muß; und die Natur will ihre Zeit haben. Wo
fehlt es dann, laßt sehen? Cassio hat dich geprügelt, und du hast
für ein paar arme Schläge diesen Cassio cassiert--Was reiff werden
soll, muß erst blühen. Gedulde dich noch ein wenig: Es ist
würklich schon Tag. Vergnügen und Arbeit machen, daß uns die
Stunden kurz scheinen. Entfern' dich; geh, wohin du angewiesen
bist; geh, sag ich--du sollst bald mehr von mir hören--Nun, so geh
doch--
(Rodrigo geht.)
Nun sind zwey Dinge zu thun; mein Weib muß für den Cassio zur
Desdemonen gehen, und das will ich bald veranstaltet haben; ich muß
indeß den Mohren auf die Seite nehmen, und ihn nicht eher wieder
erscheinen lassen, als gerade wenn er den Cassio bey seiner Frauen
überraschen kan--ja, so muß es gehen--und das Eisen soll
geschmiedet werden, weil es noch warm ist.
(Er geht ab.)
Dritter Aufzug.
Erste Scene.
(Vor Othello's Pallast.)
(Cassio, mit Musicanten, tritt auf.)
Cassio.
Meine Herren, hier spielt eins, (ich will eure Mühe vergelten,)
etwas das nicht zu lange währt, und dann wünscht dem General einen
guten Morgen.
(Die Musik fängt an; Hans Wurst kommt aus dem Hause heraus.)
Hans Wurst.
Wie, ihr Herren, sind eure Instrumente in Neapel gewesen, daß sie
so durch die Nase reden?--Hier ist Geld für euch; eure Musik
gefällt dem General so wol, daß er wünscht, ihr möchtet ihm den
Gefallen thun, und nicht gar zu laut damit seyn.
Musicant.
Gut, Herr, wir wollen's leiser machen.
Hans Wurst.
Wenn ihr eine Musik habt, die man nicht hört, so macht immer fort:
Aber was man heißt, Musik zu hören, davon ist der General kein
sonderlicher Liebhaber.
Musicant.
Eine Musik, die man nicht hört?--Wir können eine solche, Herr.
Hans Wurst.
So stekt eure Pfeiffen wieder in euern Sak, und zieht ab. Geht,
zerfließt in Luft, fort.
(Die Musicanten gehen ab.)
Cassio.
Hörst du, guter Freund?
Hans Wurst.
Mit beyden Ohren.
Cassio.
Hier ist ein kleines Goldstük für dich; wenn die Kammer-Frau der
Generalin auf ist, so sag' ihr, es sey ein gewisser Cassio da, der
sich die Erlaubniß ausbitte, ein paar Worte mit ihr zu reden.
Willt du?
Hans Wurst.
Sie ist auf, Herr; wenn sie mir in den Wurf kommt, so will ich
nicht ermangeln, es ihr zu notificieren.
(Er geht.)
Cassio.
Thu das, guter Freund--Da kommt Jago eben recht.
Jago. (zu ihm.)
Ihr seyd also nicht zu Bette gegangen?
Cassio.
Nein, gewiß nicht; der Tag brach ja schon an, eh wir schieden. Ich
bin so frey gewesen, und habe eure Frau hieher bitten lassen; ich
will sie ersuchen, sie möchte mir Zutritt bey Desdemona verschaffen.
Jago.
Ich will sie augenbliklich hieher schiken, und indeß ein Mittel
ausfindig machen, um den Mohren auf die Seite zu bringen, damit ihr
ungehindert mit Desdemonen sprechen könnt.
(Er geht ab.)
Cassio.
Ich dank euch gehorsamst davor--In meinem Leben hab' ich keinen
gutherzigern und ehrlichern Florentiner gesehen! (Aemilia zu
Cassio.)
Aemilia.
Guten Morgen, Herr Lieutenant. Es ist mir leid, daß ihr Verdruß
gehabt habt; aber ich hoffe, es wird alles wieder gut werden. Der
General und seine Gemahlin reden mit einander davon, und sie nimmt
eure Parthey sehr lebhaft. Der Mohr hält ihr entgegen, derjenige,
den ihr verwundet hättet, sey ein Mann von grossem Namen in Cypern,
und von einer ansehnlichen Familie; er könne aus politischen
Ursachen nicht anders, als euch von sich entfernen. Jedoch
versichert er zu gleicher Zeit, er liebe euch, und habe keine andre
Fürbitter nöthig, um euch wieder bey ihm in Gunst zu sezen, als
seine eigne Zuneigung.
Cassio.
Ich bitte euch dem ungeachtet, wenn ihr anders glaubt daß es
schiklich sey, und wenn es sich thun läßt, mir Gelegenheit zu
verschaffen, daß ich ein paar Worte mit Desdemonen allein sprechen
könnte.
Aemilia.
Ich bitte euch, kommt herein; ich will euch an einen Ort führen, wo
ihr Gelegenheit haben sollt, ihr alles zu sagen was ihr auf dem
Herzen habt.
Cassio.
Ich bin euch sehr dafür verbunden.
(Sie gehen ab.)
Zweyte Scene.
(Othello, Jago, und etliche Cyprische Edelleute.)
Othello.
Diese Briefe, Jago, gieb dem Schiffs-Patron, und bitte ihn, dem
Senat meine Schuldigkeit zu bezeugen. Ich will indessen einen Gang
in die Vestungs-Werker thun, mache, daß du dort wieder zu mir
kommst.
Jago.
Ich werde nicht ermangeln, gnädiger Herr.
Othello.
Wollen wir gehen, meine Herren, und die Vestung besehen?
Edelleute.
Wir werden die Ehre haben, Eu. Gnaden zu begleiten.
(Sie gehen ab.)
Dritte Scene.
(Verwandelt sich in das Zimmer im Pallast.)
(Desdemona, Cassio, und Aemilia.)
Desdemona.
Sey versichert, mein guter Cassio, ich will alle meine Vermögenheit
zu deinem Besten anwenden.
Aemilia.
Thut es, liebste Madam; ich weiß, es bekümmert meinen Mann, als ob
es seine eigne Sache wäre.
Desdemona.
Ich glaub' es, er ist ein guter Mensch; zweifelt nicht, Cassio, ich
will meinen Herrn und euch wieder zu so guten Freunden machen, als
ihr gewesen seyd.
Cassio.
Meine großmüthigste Gebieterin, was auch aus Cassio werden mag, so
wird er nie was anders als euer getreuer Diener seyn.
Desdemona.
Ich weiß es; ich danke euch; ihr liebet meinen Gemahl; ihr kennt
ihn schon lange; und seyd vollkommen versichert, er wird in dieser
Entfernung von euch nicht weiter gehen, als er durch politische
Ursachen sich genöthigt sehen wird.
Cassio.
Sehr wohl, Gnädige Frau; aber diese politische Freundschaft kan so
lange währen, und indeß mit einer so leichten und wäßrichten
Nahrung unterhalten werden, daß, indem ich abwesend bin, und ein
andrer meine Stelle inne hat, mein General meiner Ergebenheit und
meiner Dienste endlich gänzlich vergessen wird.
Desdemona.
Macht euch keine solche Gedanken; hier in Aemiliens Gegenwart
verbürg' ich mich selbst für deine Stelle. Versichre dich, wenn
ich meine Freundschaft verspreche, so darf man sich darauf
verlassen, daß ich ihre Pflichten bis auf den äussersten Punkt
erfüllen werde. Mein Gemahl soll keine Ruhe haben, bis er sich
ergeben wird; er soll Tag und Nacht nichts anders hören, ich will
ihn bis in sein Bette damit verfolgen, und er soll nichts sagen
noch thun können, wovon ich nicht den Anlas nehme, ihn an Cassio's
Gesuch zu erinnern; sey also ruhig, Cassio; deine Sachwalterin soll
eher das Leben lassen, ehe sie deine Sache aufgeben soll.
Vierte Scene.
(Othello und Jago treten von der Seite, in einiger Entfernung auf.)
Aemilia.
Gnädige Frau, dort kommt euer Gemahl.
Cassio.
So will ich meinen Abschied nehmen, Gnädige Frau.
Desdemona.
Warum dann? Bleibt da, und hört mich reden.
Cassio.
Izt nicht, Gnädige Frau; ich bin so übel aufgeräumt, daß ich meiner
Sache keinen guten Schwung geben würde.
(Cassio geht ab.)
Desdemona.
Gut, nach euerm Belieben.
Jago (leise.)
Ha! Das gefällt mir nicht zum Besten--
Othello (zu Jago.)
Was sagst du?
Jago.
Nichts, Gnädiger Herr; oder wenn--ich weiß selbst nicht was.
Othello.
Gieng nicht diesen Augenblick Cassio von meiner Frauen weg?
Jago.
Cassio, Gnädiger Herr?--Nein, versichert, ich kan mir nicht
vorstellen, daß er sich, sobald er euch kommen sieht, so eilfertig
davon schleichen würde, als ob er kein gutes Gewissen hätte.
Othello.
Ich glaube nicht anders als er war's.
Desdemona.
Wie steht's, mein Gemahl? Ich sprach eben izt mit einem
Supplicanten, einem Mann, den eure Ungnade sehr unglüklich macht.
Othello.
Und wer ist dieser Mann?
Desdemona.
Wer sollt es seyn als euer Lieutenant, Cassio? Liebster Gemahl,
wenn ich nur das mindeste Vermögen über euer Herz habe, so söhnt
euch auf der Stelle wieder mit ihm aus. Wenn er nicht ein Mann ist,
der euch aufrichtig liebt, und der aus blosser Uebereilung und
nicht mit Vorsaz gefehlt hat, so versteh ich nichts davon was ein
ehrliches Gesicht ist.
Othello.
War er's, der nur eben weggieng?
Desdemona.
Und so niedergeschlagen, daß er meinem mitleidigen Herzen einen
Theil seines Kummers zurükgelassen hat. Ich bitte euch, mein Schaz,
laßt ihn zurükruffen.
Othello.
Noch nicht, liebste Desdemona, ein andermal.
Desdemona.
Aber doch bald?
Othello.
Bald genug, mein Herz, für dich.
Desdemona.
Heute, Abends, zum Nacht-Essen?
Othello.
Das nicht.
Desdemona.
Also doch morgen auf den Mittag?
Othello.
Ich esse morgen mit einigen Officiers in der Citadelle zu Mittag.
Desdemona.
Nun, also doch Morgen Nachts, oder Dienstag Morgens oder Nachts,
oder Mittwoch Morgens, ich bitte dich, bestimme die Zeit; aber laß
es nicht länger als drey Tage seyn; bey meiner Treue, er ist
bußfertig; und doch ist sein Verbrechen, nach der gemeinen Art
davon zu urtheilen und bey Seite gesezt, daß in Kriegszeiten von
einem Officier das beste Exempel gefordert wird, eine kleine
Uebereilung, die kaum einen Privat-Verweis verdient--Wenn soll er
kommen? Sag mir's, Othello! Mich nimmt in der Seele Wunder, was
ihr mich bitten könntet, das ich euch abschlagen würde, oder wobey
ich so verdrieslich dastühnde! Wie? Michael Cassio!--Der eurer
Liebe zu mir so gute Dienste leistete; der so oft, wenn ich nicht
sehr vortheilhaft von euch sprach, eure Parthey nahm--und ich soll
soviel Mühe haben, ihn wieder bey euch in Gunst zu sezen? Glaubt
mir auf mein Wort, ich wollte wohl mehr--
Othello.
Ich bitte dich, laß es genug seyn; er kan kommen, wenn er will; ich
will dir nichts abschlagen.
Desdemona.
Wie, das ist keine Gefälligkeit, die ich für mich bitte; es ist als
ob ich euch bitte eure Kleider zu tragen oder von einer gesunden
Speise zu essen, oder euch warm zu halten; kurz, als ob ich bey
euch darum anhielte, daß ihr euch selbst etwas zu gut thun möchtet.
Nein, wenn ich eine Bitte habe, wodurch ich eure Liebe in der That
auf die Probe zu stellen gedenke, so soll es etwas schweres und
grosses seyn, etwas das Herz erfordert, um bewilliget zu werden.
Othello.
Ich werde dir nichts abschlagen, und alles was ich mir dagegen von
dir ausbitte, ist, daß du mich izt ein wenig allein lassen wollest.
Desdemona.
Sollt' ich euch's abschlagen? Nein; lebt wohl, mein Gemahl.
Othello.
Lebe wohl, meine Desdemona, ich will gleich folgen.
Desdemona.
Aemilia, komm; seyd wie es euch eure Laune eingiebt, ihr mögt seyn
wie ihr wollt, so bin ich gehorsam.
(Sie gehen ab.)
Fünfte Scene.
(Othello und Jago bleiben.)
Othello.
Anmuthsvolle Spizbübin!--Verderben erhasche meine Seele, wenn ich
dich nicht liebe--und wenn ich dich nicht mehr liebe, so ist die
Welt wieder zum Chaos worden.
Jago.
Mein Gebietender Herr--
Othello.
Was willt du sagen, Jago?
Jago.
Wie ihr euch um eure Gemahlin bewarbet, wußte Michael Cassio etwas
von eurer Liebe?
Othello.
Allerdings, vom Anfang bis zum Ende: Warum fragst du?
Jago.
Bloß zu meiner eignen Befriedigung; es hat gar nichts böses zu
bedeuten.
Othello.
Warum zu deiner eignen Befriedigung?
Jago.
Ich glaubte nicht, daß er etwas davon gewußt habe.
Othello.
Oh, ja, das hat er, und er war oft die Mittels-Person zwischen uns
beyden.
Jago.
In der That!
Othello.
In der That? Ja, in der That! Siehst du was hierinn? Ist er
nicht ein rechtschaffner Mann?
Jago.
Rechtschaffen, Gnädiger Herr?
Othello.
Rechtschaffen? Ja, rechtschaffen!
Jago.
Gnädiger Herr, so viel ich weiß.
Othello.
Was denkst du?
Jago.
Denken, Gnädiger Herr!
Othello.
Denken, Gnädiger Herr!--Wie, beym Himmel! Was meynst du damit, daß
du mir immer nachhallest, gleich als ob irgend ein Ungeheuer, zu
gräßlich um gezeigt zu werden, in deinen Gedanken verborgen läge?
Du meynst etwas damit; vor einer kleinen Weile hört' ich dich sagen,
(das gefalle dir nicht)--wie Cassio von meinem Weibe weggieng.
Was gefiel dir nicht?--Und wie ich dir sagte, er sey während dem
ganzen Lauf meiner Bewerbung um Desdemona mein Vertrauter gewesen,
riefst du, (in der That?) und zogst deine Augbraunen auf eine Art
zusammen, als ob du in selbem Augenblik irgend einem scheußlichen
Gedanken in deinem Gehirn den Ausgang versperren wolltest: Wenn du
mein Freund bist, so sage mir was du denkst.
Jago.
Gnädiger Herr, ihr wißt, daß ich euer Freund bin.
Othello.
Ich denke, du bist's: Und weil ich weiß, daß du ein gutherziger,
ehrlicher Mann bist, und deine Worte wiegst, eh du ihnen Athem
giebst, so schreken mich diese Pausen an dir; denn wenn es an einem
falschen unredlichen Spizbuben ein Kunstgriff oder auch oft bloß
ein angewöhntes Wesen ist, das nichts zu bedeuten hat; so ist es
hingegen an einem rechtschaffnen Mann ein Zeichen, daß er sich Mühe
giebt etwas in seinem Herzen zurück zu halten, dessen Entdekung
schlimme Folgen habe könnte.
Jago.
Was Michael Cassio betrift, so darf ich schwören, daß ich ihn für
einen ehrlichen Mann halte.
Othello.
Dafür halt' ich ihn auch.
Jago.
Die Leute sollten seyn, was sie scheinen; oder die es nicht sind,
von denen wäre zu wünschen, daß sie auch so aussähen, wie Schelmen.
Othello.
Es ist wahr, die Leute sollten seyn, was sie scheinen.
Jago.
Nun, ich denke also, Cassio ist ein ehrlicher Mann.
Othello.
Nein, du willt mehr damit sagen; ich bitte dich, rede mit mir, wie
mit deiner eignen Seele, und gieb deinem ärgsten Gedanken auch den
ärgsten Ausdruk.
Jago.
Mein liebster General, verschonet mich. Ob ich euch gleich einen
vollkommnen Gehorsam schuldig bin, so bin ich doch dazu nicht
verbunden, worinn alle Sclaven frey sind--euch meine Gedanken zu
sagen--Wie? gesezt, sie seyen einmal falsch, schändlich; wo ist
der Pallast, in den sich nicht zuweilen garstige Dinge eindrängen?
Wer hat ein so reines Herz, das nicht manchmal unziemliche
Vorstellungen sich unter seine guten Gedanken einmischen sollten?
Othello.
Du bist ein Verräther an deinem Freund, Jago, wenn du glaubst, er
werde betrogen, und ihm doch nicht entdekest was du denkst.
Jago.
Ich denke, daß ich mich vielleicht in meiner Muthmassung betrüge;
(wie ich dann bekennen muß, daß es ein unglüklicher Fehler meines
Temperaments ist, zum Mißtrauen geneigt zu seyn, und mir eine Sache
manchmal schlimmer einzubilden als sie ist,) ich bitte euch also,
Gnädiger Herr, euch selbst aus den ungefehren und unsichern
Bemerkungen eines Menschen, den sein Argwohn so leicht betrügen kan,
keine Ursachen zur Unruhe zu ziehen: Es wäre nicht gut für euch,
und nicht ehrlich und vernünftig an mir, wenn ich euch meine
Gedanken wollte wissen lassen.
Othello.
Was meynst du damit?
Jago.
Der gute Name, mein liebster gnädiger Herr, ist bey Manns- und
Weibsleuten ein Kleinod das ihnen so theuer seyn soll als ihre
Seele. Wer mir mein Geld stiehlt, stiehlt Quark; es ist etwas und
ist nichts; es war mein, nun ists sein, und ist schon ein Sclave
von Tausenden gewesen; aber wer mir meinen guten Namen nimmt,
beraubt mich eines Schazes, der ihn nicht reicher und mich in der
That arm macht.
Othello.
Ich will wissen, was du denkst--
Jago.
Ihr könntet das nicht, wenn ihr gleich mein Herz in eurer Hand
hättet; und sollt es nicht, so lang es in meiner Verwahrung ist.
Othello.
Ha!
Jago.
Oh, Gnädiger Herr, nehmt euch vor der Eifersucht in Acht; sie ist
ein grün-äugiges Ungeheuer, das sich toller Weise von demjenigen
nährt was es am meisten verabscheut. Mancher betrogne Ehemann ist
seines Schiksals gewiß, ohne desto unglüklicher zu seyn, weil ihm
seine Ungetreue gleichgültig ist--Aber, o was für unselige Minuten
zählt derjenige über, der vor Liebe schmachtet und doch zweifelt;
der argwöhnet, und nur desto heftiger liebt!
Othello.
Ein elender Zustand, beym Himmel!
Jago.
Arm und zufrieden, ist reich und reich genug; aber ein
unermeßlicher Reichthum ist so arm als der Winter für denjenigen,
der immer besorgt, es werde ihm ausgehen. Gütiger Himmel! bewahre
alle menschlichen Herzen vor Eifersucht!
Othello.
Wie? Was meynst du damit? Denkst du, ich wollte jemals mein Leben
in Eifersucht zubringen? Die Monds-Veränderungen unverwandt mit
argwöhnischen Augen begleiten? Nein, einmal zweifeln heißt bey mir
entschlossen seyn. Tausche mich gegen eine Ziege aus, wenn ich
jemals fähig bin meine Seele so mißgeschaffnen Gespenstern einer
kranken Phantasie Preiß zu geben, als du dir einbildest. Das kan
mich nicht eifersüchtig machen, wenn jemand sagt, mein Weib ist
schön, ißt mit gutem Appetit, liebt Gesellschaft, ist munter,
gesprächig, singt, spielt und tanzt gut; an einer tugendhaften
Person werden diese Dinge selbst zu Tugenden. Eben so wenig werd'
ich jemals von meinen eignen Unvollkommenheiten Anlas zum kleinsten
Zweifel oder Verdacht einer Untreue von ihrer Seite nehmen; denn
sie hatte Augen und wählte mich. Nein, Jago; ich will sehen eh ich
zweifle; wenn ich zweifle, so will ich Beweise; und sobald ich
diese habe, weg auf einmal mit Liebe und Eifersucht!
Jago.
Das hör' ich sehr gerne; dann nun darf ich mir also kein Bedenken
mehr machen, euch die Freundschaft und Ergebenheit sehen zu lassen,
die ich zu euch trage. Nehmt also was ich sagen werde so auf, wie
es gemeynt ist. Ich rede noch nicht von Beweisen; gebt auf eure
Gemahlin Acht, habt ein aufmerksames Auge auf sie und Cassio, das
ist alles was ich sagen kan: Nicht eifersüchtig, aber auch nicht
sicher; ich möchte nicht gerne, daß ein so edles Gemüthe wie das
eurige, aus einem Uebermaaß von angebohrner Gutherzigkeit betrogen
würde; seht euch also vor. Ich kenne die Venetianische Landes-Art;
in Venedig bekümmern sie sich wenig, ob der Himmel ein Zeuge ihrer
Streiche ist, wenn nur ihre Männer nichts davon gewahr werden; ihre
gröste Gewissenhaftigkeit geht insgemein nicht weiter, als daß sie
niemand zusehen lassen, wenn sie sündigen.
Othello.
Sagst du das?
Jago.
Sie betrog ihren Vater, wie sie sich euch ergab; und zu eben der
Zeit, da sie euch am heftigsten liebte, stellte sie sich, als ob
sie sich vor euch fürchte.
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