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Othello

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(Er küßt sie.)

--O du balsamischer Athem, fast könntest du die Gerechtigkeit
bewegen ihr Schwerdt zu zerbrechen--Noch einen; noch einen--Sey so,
wenn du todt bist, und ich will dich erst ermorden, und dann lieben--
noch einen, der soll der lezte seyn--Holdseliges Geschöpf, wie
Schade, daß du sterben sollst! Ich muß weinen, aber es sind
grausame Thränen--Sie weinen auf die Hand, die dir den Tod bringt--
Sie erwacht.

Desdemona.
Wer ist hier? Othello?

Othello.
Ja, Desdemona.

Desdemona.
Wollt ihr zu Bette kommen, mein Gemahl?

Othello.
Habt ihr euer Nachtgebet gebetet, Desdemona?

Desdemona.
Ja, mein Herr.

Othello.
Wenn ihr euch noch irgend eines Verbrechens erinnert, worüber ihr
euch mit dem Himmel noch nicht ausgesöhnt habt, so säumt euch nicht,
um seine Gnade zu flehen.

Desdemona.
O Gott! was meynt ihr mit dieser Aufforderung?

Othello.
Gut, thu es, und machs kurz; ich will bey Seite gehen. Ich möchte
dich nicht unbereitet überraschen, nein, (der Himmel bewahre mich
davor!) ich möchte deine Seele nicht ermorden.

Desdemona.
Redet ihr von ermorden?

Othello.
Ja, das thu ich.

Desdemona.
So erbarme sich der Himmel über mich!

Othello.
Amen, von ganzem Herzen.

Desdemona.
Wenn ihr so sagt, so werdet ihr mich doch nicht umbringen wollen.

Othello.
Hum!

Desdemona.
Und doch fürcht' ich euch; ihr seyd gefährlich, wenn eure Augen so
rollen. Warum ich mir förchten soll, weiß ich nicht, da ich mir
keiner Schuld bewußt bin; und doch fühl' ichs, daß mir bang ist.

Othello.
Denk an deine Sünden.

Desdemona.
Ich kenne keine, als die zu grosse Liebe, die ich zu euch trage.

Othello.
Ja, und davor must du sterben.

Desdemona.
Das ist unnatürlich, Liebe mit dem Tode zu bestrafen. O Gott!
Warum beißt ihr so in eure Unter-Lippe? Irgend ein blutiges
Vorhaben erschüttert euern ganzen Bau; das sind fürchterliche
Vorbedeutungen; und doch hoff' ich, ich hoffe, sie zielen nicht auf
mich.

Othello.
Schweig, und sey still.

Desdemona.
Ich will; was habt ihr dann?

Othello.
Das Schnupftuch, das mir so lieb war, und das ich dir gab, gabst du
dem Cassio?

Desdemona.
Nein, bey meinem Leben und meiner Seele; schikt nach ihm, und fragt
ihn.

Othello.
Holde Seele, nimm dich in Acht, nimm dich vor Meineyd in Acht; du
bist auf deinem Tod-Bette.

Desdemona.
Ja, aber doch noch nicht izt zu sterben.

Othello.
Diesen Augenblik; entlade dich also durch ein aufrichtiges
Bekenntniß deiner Sünde; denn wenn du auch jeden Artikel mit einem
Eyde läugnen würdest, so würd' es unvermögend seyn, die tiefe
Ueberzeugung zu erschüttern, die mir diesen Seufzer erpreßt. Du
must sterben.

Desdemona.
O Himmel, erbarme dich meiner!

Othello.
Ich sag, Amen.

Desdemona.
Und erbarmt ihr euch auch!--Nie, in meinem Leben hab ich euch nie
beleidigt; niemals diesen Cassio geliebt, als mit dieser
allgemeinen Liebe, die der Himmel selbst billigt und fordert. Ich
gab ihm niemalen kein Andenken.

Othello.
Beym Himmel, ich sah mein Schnupftuch in seiner Hand. O
meineydiges Weibsbild! du versteinerst mein Herz! du machst, daß
ich das was ich zu thun vorhabe, einen Mord nennen muß, da ich es
für ein Opfer hielt. Ich sah das Schnupftuch.

Desdemona.
So hat er's also gefunden; ich gab' es ihm nie; schikt nach ihm,
laßt ihn die Wahrheit gestehen.

Othello.
Er hat gestanden.

Desdemona.
Was, mein Gemahl?

Othello.
Daß er--mit dir zu thun gehabt--

Desdemona.
Wie, auf eine unerlaubte Art?

Othello.
Ja.

Desdemona.
Das kan er nicht sagen.

Othello.
Nein, sein Mund ist verstopft. Der ehrliche Jago hat davor gesorgt.

Desdemona.
Wie, ist er todt?

Othello.
Wär' in jedem seiner Haare ein eignes Leben gewesen, meine grosse
Rache hätte Zorn genug für alle gehabt.

Desdemona.
O Gott, so ist er verrathen, und ich bin verlohren!

Othello.
Weg mit dir, Schandhure! Weinst du vor meinen Augen um ihn?

Desdemona.
Verbanne mich, lieber Mann, tödte mich nur nicht.

Othello.
Hinab, unzüchtiger Balg!

Desdemona.
Tödte mich morgen, laß mich nur diese Nacht noch leben.

Othello.
Nein, wenn du dich sträubst--

Desdemona.
Nur noch eine halbe Stunde.

Othello.
Schweige, du bekommst keinen Aufschub.

Desdemona.
Nur so lang ich ein Vater Unser beten kan.

Othello.
Es ist zu spät.

(Er erstekt sie.)



Siebende Scene.
(Aemilia, vor der Thüre.)


Aemilia.
Gnädiger Herr, Gnädiger Herr! He! Gnädiger Herr!

Othello.
Was für ein Getös ist das?--Noch nicht todt? noch nicht völlig
todt? So grausam ich bin, bin ich doch barmherzig; ich wollte dich
nicht gern lang leiden lassen--So, so.

Aemilia (vor der Thüre.)
Wie? he! Gnädiger Herr! Gnädiger Herr!

Othello.
Wer ist da?

Aemilia.
O mein lieber Gnädiger Herr, ich möchte nur ein Wort mit euch reden.

Othello.
Ja, es ist Emilia--In einem Augenblik--sie ist todt--Vermuthlich
wird sie mir die Nachricht von Cassios Tode bringen--Der Lerm war
groß--Ha, du rührst dich nicht mehr? Still wie ein Grab. Soll ich
sie hereinlassen? Wär' es gut? Mich däucht, sie rührt sich wieder-
-Nein--Was ist das Beste? Wenn sie herein kömmt, so wird sie mit
meinem Weibe reden wollen; meinem Weib? Meinem Weib? Was für
einem Weib? Ich habe kein Weib--O Unerträglich! o bange Stunde!
Mich däucht, es sollte izt eine dichte Verfinsterung der Sonne und
des Monds seyn, und der geschrekte Erdball sollte vor Entsezen
beben--

Aemilia.
Ich bitte euch, nur ein paar Worte, ach; mein lieber Gnädiger Herr!
--

Othello.
Ich hatte dich vergessen; oh, komm herein, Aemilia. Sachte,
augenbliklich, ich muß nur erst den Vorhang ziehen.--Wer bist du?
Was willst du?

(Er riegelt die Thür auf.)

(Aemilia kommt herein.)

Aemilia.
Ach, Gnädiger Herr, es ist eine greuliche Mordthat begangen worden!

Othello.
Wie? izt?

Aemilia.
Eben izt, Gnädiger Herr.

Othello.
Da hat der Mond die Schuld; er ist der Erde näher gekommen als
seine Gewohnheit ist, und nun werden alle Leute toll.

Aemilia.
Cassio hat einen jungen Venetianer, Rodrigo genannt, umgebracht.

Othello.
Rodrigo umgebracht? und Cassio umgebracht?

Aemilia.
Nein, Cassio ist nicht todt.

Othello.
Cassio ist nicht todt? So ist die Rache nur halb befriedigt.

Desdemona.
O unbillig, unbillig ermordet!--

Aemilia.
Gott helf uns! was für ein Geschrey ist das?

Othello.
Das? Was?

Aemilia.
O Himmel, es war meiner Gnädigen Frauen Stimme. Zu Hülfe, zu Hülfe!
He! zu Hülfe! O Gnädige Frau, redet weiter; englische Desdemona,
o meine theureste Gebieterin, redet!

Desdemona.
Ich sterbe unschuldig.

Aemilia.
O, wer hat diese entsezliche That gethan?

Desdemona.
Niemand, ich selbst, lebe wohl; bringe meinem gütigen Gemahl meinen
lezten Gruß; o, lebe wohl.

(Sie stirbt.)

Othello.
Wie, wie sollte sie ermordet worden seyn?

Aemilia.
O Gott! wer weiß das?

Othello.
Ihr hörtet's, sie sagte selbst, ich sey's nicht gewesen.

Aemilia.
Sie sagte so, ich kan nichts anders sagen.

Othello.
Sie ist als eine Lügnerin zur Hölle gefahren; ich war's, der sie
ermordete.

Aemilia.
Oh, desto mehr Engel ist sie nun, und du ein desto schwärzerer
Teufel.

Othello.
Sie ergab sich der Leichtfertigkeit, sie war eine Hure.

Aemilia.
Du lästerst sie, du bist ein Teufel.

Othello.
Sie war falsch wie Wasser.

Aemilia.
Und du bist rasch wie Feuer, wenn du das sagst. Oh, sie war ein
Engel von Unschuld.

Othello.
Sie ließ sich von Cassio deken; frag deinen Mann, wenn du's nicht
glauben willst. Welcher Abgrund in der flammenden Hölle wäre tief
genug für mich, wenn ich ohne die stärksten Gründe so weit gegangen
wäre? Dein Mann weiß alles.

Aemilia.
Mein Mann?

Othello.
Dein Mann.

Aemilia.
Das sie ihrem Ehbett untreu war?

Othello.
Ja, mit Cassio. Wäre sie treu gewesen, glaube mir, wenn mir der
Himmel noch eine solche Welt, wie diese, aus einem einzigen ganzen
Chrysolith hätte machen wollen, ich hätte sie nicht darum gegeben.

Aemilia.
Mein Mann!

Othello.
Ja, er war's, der mir die erste Nachricht davon gab. Er ist ein
ehrlicher Mann, und ein Feind schändlicher Thaten.

Aemilia.
Mein Mann!

Othello.
Wozu soll diese doppelte Ausruffung, Weib? Ich sage, dein Mann.

Aemilia.
O meine Gebieterin! Arglistige Bosheit hat die eifersüchtige Liebe
betrogen, und du bist das Opfer. Mein Mann soll gesagt haben, sie
sey ungetreu!

Othello.
Er, Weibsbild; ich sage, dein Mann; verstehst du das Wort? Mein
Freund, dein Mann, der ehrliche, rechtschaffne Jago.

Aemilia.
Wenn er das sagt, so verderbe seine verruchte Seele in langsam
marternden Qualen! Er lügt's in sein Herz hinein! Nur zu sehr
liebte sie den hassenswürdigen Teufel, mit dem sie sich beladen
hatte.

Othello.
Ha!--

Aemilia.
Thu dein ärgstes; diese greuliche That, die du gethan hast, ist den
Himmel nicht mehr werth, wie du ihrer werth warst.

Othello.
Schweigen wäre das rathsamste für dich.

Aemilia.
Du kanst nicht halb so geneigt seyn, mir Leid anzuthun, als ich es
wünsche: o Erzbetrüger! o dummer Kerl! dumm wie Mist! du hast
eine That gethan--ich frage nichts nach deinem Degen, ich will
bekannt machen wer du bist, und wenn ich zwanzig Leben zu
verliehren hätte--Hülfe! Hülfe! He! Hülfe! Der Mohr hat meine
Frau umgebracht. Hülfe, Hülfe!



Achte Scene.
(Montano, Gratiano, Jago und andre treten auf.)


Montano.
Was giebt es hier? Wie, was bedeutet das, General?

Aemilia.
O, seyd ihr auch da, Jago? Ihr habt es weit gebracht, daß die
Leute ihre Mordthaten auf euern Hals schieben.

Gratiano.
Was soll dieses bedeuten?

Aemilia.
Wiedersprich diesem Bösewicht, wenn du ein Mann bist; er giebt aus,
du habest ihm gesagt, seine Frau sey untreu gewesen: Ich bin gewiß,
du hast es nicht gesagt; du bist kein solcher Bube! Rede, mein
Herz ist so voll, daß es zerspringen wird.

Jago.
Ich sagte ihm was ich dachte; und nicht mehr, als er selbst
glaubwürdig und wahr befand.

Aemilia.
Aber sagtet ihr ihm jemals, sie sey untreu?

Jago.
Ja, das that ich.

Aemilia.
So sagtet ihr eine Lüge. eine hassenswürdige, verdammte Lüge; auf
meine Seel', eine Lüge; eine verfluchte Lüge. Sie untreu mit
Cassio? Sagtet ihr, mit Cassio?

Jago.
Mit Cassio, Frau; geht, geht, und laßt euch eure Zunge legen.

Aemilia.
Das will ich nicht; ich will, ich muß reden; es ist meine Pflicht,
daß ich rede. Meine Frau ligt hier ermordet in ihrem Bette.

Alle.
Das wolle der Himmel nicht!

Aemilia.
Und eure Ohrenbläsereyen sind der Antrieb zu diesem Mord gewesen.

Othello.
Nein, seht nicht so erschroken aus, meine Herren; es ist wahr, es
ist würklich so.

Gratiano.
Das ist eine verwünschte Wahrheit.

Montano.
O ungeheure That!

Aemilia.
Büberey! Schändliche versuchte Büberey! Ich seh--ich rieche sie--
Verdammte Büberey!--Ich dachte gleich--O, ich möchte vor Schmerz
Hand an mich selbst legen--o Büberey! Büberey!

Jago.
Wie, seyd ihr toll? Ich befehls euch, pakt euch heim.

Aemilia.
Meine liebe Herren, erlaubt mir daß ich reden darf, ich bin ihm
sonst Gehorsam schuldig, aber nicht izt: Vielleicht, Jago, werd'
ich nie wieder heim gehen.

Othello.
O! O! O!

(Er sinkt auf das Bette.)

Aemilia.
Ja, leg dich nur hin, und heule: Du hast die liebenswürdigste
Unschuldige umgebracht, die jemals geathmet hat.

Othello (auffahrend.)
O, sie war lasterhaft!--Ich erkenn' euch erst izt, Oheim; hier ligt
eure Nichte, deren Athem, ich bekenn' es, diese Hände nur eben
gestopft haben; ich weiß es, diese That sieht gräßlich aus.

Gratiano.
Arme Desdemona! Ich bin froh, daß dein Vater todt ist: Deine
Heurath kürzte ihm das Leben ab. Lebte er noch, dieser Anblik
würde ihn zur Verzweiflung treiben; ja, er würde seinen guten Engel
von seiner Seite wegfluchen, und in Verzweiflung sterben.

Othello.
Es ist erbarmenswürdig; aber Jago weiß es, daß sie die schaamvolle
That mit Cassio wol tausendmal begangen hat. Cassio hat es
eingestanden; und zu Vergeltung seiner Liebes-Proben gab sie ihm
das, womit ich ihr das erste Geschenk gemacht hatte; ich sah es in
seiner Hand; es war ein Schnupftuch, ein altes Andenken, das mein
Vater meiner Mutter gegeben hatte.

Aemilia.
O Himmel! O himmlische Mächte!

Jago.
Schweig, sag ich dir!

Aemilia.
Es muß heraus, es muß heraus--Ich, schweigen? Laßt Engel, Menschen
und Teufel, laßt sie alle, alle, alle Schaam über mich schreyen,
wenn ich nicht rede.

Jago.
Sey klug und geh heim.

(Jago will sein Weib ermorden, und wird zurük gehalten.)

Gratiano.
Fy, euern Degen gegen ein Weibsbild!

Aemilia.
O du dummer Mohr! Dieses Schnupftuch, wovon du redst, fand ich von
ungefehr, und gab es meinem Manne, der mich gar oft aufs
inständigste, angelegenste, (mehr, in der That, als eine solche
Kleinigkeit werth war,) bat, daß ich es stehlen möchte.

Jago.
Verfluchte Hure!

Aemilia.
Sie soll es dem Cassio gegeben haben? Weh mir! ich fand es, und
gab es meinem Manne!

Jago.
Rabenaaß! du lügst.

Aemilia.
Beym Himmel! ich lüge nicht; ich lüge nicht, meine Herren; o du
meuchelmördrischer Dummkopf! Was sollte ein solcher Narr mit einer
so vortreflichen Frau machen?

(Jago bricht los, verwundet seine Frau, und entspringt.)

Othello.
Sind keine Donnerkeile mehr im Himmel? Wozu nüzt dann der Donner?
Unerhörter Lotterbube!

Gratiano.
Sie fällt; er hat sein Weib umgebracht--

Aemilia.
Ja, ja; oh, legt mich an meiner Frauen Seite.

Gratiano.
Seine Frau ist ermordet, und er ist entlauffen.

Montano.
Das ist ein entsezlicher Bösewicht; nehmt diesen Degen in
Verwahrung, damit ihn der Mohr nicht erhasche; kommt, besezt die
auswendigen Thüren, laßt ihn nicht durch; tödtet ihn eher; ich
selbst will diesem Bösewicht nach; es ist ein verdammter Geselle!

(Montano und Gratiano gehen ab.)



Neunte Scene.


Othello.
Ich bin auch nicht mehr tapfer; ein jeder kleiner Klopffechter
nimmt mir meinen Degen weg. Aber warum sollte die Ehre die Tugend
überleben? Laßt immer alles dahin fahren!

Aemilia.
Was bedeutete dein Gesang, meine Gebieterin? Höre, kanst du mich
hören? Ich will den Schwanen machen, und singend sterben; (Weide,
Weide, Weide--)--Mohr, sie war keusch; sie liebte dich, grausamer
Mohr; so sehe mein Geist die Seligkeit, wie ich die Wahrheit rede,
und diese Wahrheit--sey mein leztes Wort--

(Sie stirbt.)

Othello.
Ich habe noch einen andern Degen in diesem Zimmer, eine Spanische
Klinge, mit Wasser aus dem Ebro gestählt; o, hier ist sie: Oheim,
ich muß hinaus.

Gratiano (vor der Thüre.)
Wenn du es versuchst, wird es dir theuer zu stehen kommen; du hast
kein Gewehr, und sollst dich unterwerfen, du magst wollen oder
nicht.

Othello.
So schau zu mir herein und rede mit mir, oder ich will ohne Gewehr
über dich.

(Gratiano kommt herein.)

Gratiano.
Was wollt ihr?

Othello.
Seht! ich hab ein Gewehr; ein schöneres hieng niemals an eines
Soldaten Hüfte. Ich habe den Tag gesehen, da ich mit diesem
kleinen Arm, und diesem guten Degen mir durch mehr Hinternisse
einen Weg machte, als zwanzig solche Wächter wie ihr seyd. Aber, o
eitle Pralerey! Wer kan über sein Schiksal Meister werden? Es ist
nun ein anders. Erschreket nicht, ob ihr mich gleich bewaffnet
sehet; hier ist das Ende meiner Fahrt, hier ist mein Ziel, die
äusserste Marke, die mein leztes Segel noch erreichen kan--tretet
ihr erschroken zurük? Es ist eine vergebliche Furcht: Züket nur
ein Schilfrohr gegen Othello's Brust, so wird er sich zurükziehen.
Wo sollte Othello hin gehen? Nun--

(Er sieht auf Desdemona.)

--Wie siehst du nun aus? Unglükliches Geschöpf! wie bleich! Wenn
wir vor Gericht zusammen kommen, wird diese Mine, die du hast,
meine Seele vom Himmel herabschleudern, und Teufel werden sie
auffangen--Kalt, kalt, mein Mädchen; kalt, wie deine Keuschheit--O
verfluchter Sclave! Peitscht mich, ihr bösen Geister, peitscht
mich vom Genuß dieses himmlischen Anschauens weg; zerstäubt mich in
die Winde, röstet mich in Schwefel, wascht mich in bodenlosen
Schlünden von flüssigem Feuer--O Desdemona! Desdemona! todt!
todt! oh, oh!



Zehnte Scene.
(Lodovico, Cassio, der hereingeführt wird, Montano, Jago gebunden,
und einige Officiers, zu den Vorigen.)


Lodovico.
Wo ist dieser rasche und höchst unglükliche Mann?

Othello.
Das ist der, der einst Othello war, hier bin ich.

Lodovico.
Wo habt ihr diese Viper? Bringt den Buben hervor!

Othello.
Ich seh ihm auf die Füsse; aber das ist eine Fabel. Wenn du ein
Teufel bist, so kan ich dich nicht tödten.

(Othello stößt nach Jago, und verwundet ihn.)

Lodovico.
Windet ihm seinen Degen aus den Händen.

Jago.
Ich blute, Herr, aber ich lebe noch.

Othello.
Auch ist es mir nicht leid; ich will daß du lebest; du verdienst
nicht, so glüklich zu seyn und zu sterben.

Lodovico.
O du, Othello, einst ein so vortrefflicher Mann--nun in die
Fallstrike eines verruchten Sclaven gefallen--was soll man zu dir
sagen?

Othello.
Wie, was man will; daß ich ein ehrlicher Mörder sey, wenn ihr wollt:
Denn was ich that, that ich nicht aus Haß, sondern meine Ehre zu
rächen.

Lodovico.
Dieser Unselige hat einen Theil seines Bubenstüks eingestanden:
Beschlosset ihr und er mit einander, den Cassio zu ermorden?

Othello.
Ja.

Cassio.
Mein theurer General, ich gab euch niemals Ursache dazu.

Othello.
Ich glaub es, und bitte euch um Vergebung: Wollt ihr, ich bitte
euch, diesen Halb-Teufel fragen, warum er meinen Leib und meine
Seele so verstrikt habe?

Jago.
Fragt mich nichts; was ihr wißt, das wißt ihr; von diesem Augenblik
an soll kein Wort mehr aus meinem Munde gehen.

Lodovico.
Wie? Auch nicht zum Beten?

Gratiano.
Foltern sollen dir den Mund schon aufthun.

Othello.
Gut, du thust am besten.

Lodovico.
Mein Herr, mich däucht, ihr seht noch nicht klar in der Sache;
diese zween Briefe, die man in des erschlagenen Rodrigo Tasche
gefunden, werden euch aus dem Wunder helfen. Einer davon enthält
die Ermordung des Cassio, welche Rodrigo auf sich nehmen sollte--

Othello.
O Bösewicht!

Cassio.
Mehr als heidnisch!

Lodovico.
Und hier ist der andre, die Antwort, die, dem Ansehen nach, Rodrigo
ihm zugeschikt haben wollte, wenn Jago nicht indessen selbst
gekommen und ihn befriediget hätte.

Othello.
O du verpesteter Bube!--Wie kam't ihr zu meines Weibs Schnupftuch,
Cassio?

Cassio.
Ich fand es in meiner Kammer, und er gestuhnd uns eben izt, daß er
es in einer besondern Absicht daselbst hingeworfen habe, welche er
auch nach Herzens-Lust erreicht habe.

Othello.
O Narr! Narr! Narr! der ich war!

Cassio.
Hier ist auch noch in Rodrigo's Briefe, wie er ihm vorwirft, daß er
ihn vermocht habe, mich auf der Wache zu beschimpfen; welches die
Gelegenheit dazu gab, daß ich cassiert wurde: Und eben erst, da er
nach einer langen Ohnmacht, worinn er für todt gehalten wurde,
wieder zu sich selbst kam, sagte er, Jago selbst habe ihm den Rest
gegeben.

Lodovico (zu Othello.)
Ihr müßt nun diesen Ort verlassen, und mit uns gehen: Eure Gewalt
ist euch abgenommen, und Cassio regiert nun in Cypern. Was diesen
Sclaven betrift, wenn irgend eine sinnreiche Marter ausgedacht
werden kan, die ihn die grausamste Pein leiden mache, ohne ihn zu
bald aufzureiben, so wartet sie auf ihn. Ihr, Othello, sollt in
enger Verwahrung bleiben, bis die Beschaffenheit eures Vergehens
der Regierung von Venedig bekannt gemacht seyn wird. Kommt, führet
ihn hinweg.

Othello.
Sachte; ein paar Worte, eh ihr geht. Ich habe dem Staat einige
Dienste geleistet, und sie wissen's: Nichts mehr davon. Ich bitte
euch, wenn ihr in euern Briefen diese unglükliche Geschicht'
erzählet, so redet von mir wie ich bin; verkleinert meine Fehler
nicht, aber macht mich auch nicht schlimmer als ich war. Redet
also von einem, der nicht weislich liebte, aber zu sehr; von einem
der nicht leicht eiferte; aber nachdem er einmal von dieser
Leidenschaft ergriffen war, keine Grenzen kannte; von einem, dessen
Hand gleich dem verworfnen Juden (Herodes) eine Perle wegwarf,
deren unschäzbaren Werth sein ganzer Stamm nicht bezahlen konnte;
von einem dessen ungewohnte Augen, ihr gleich Arabiens Balsam-
Staude Thränen, Jammer-lindernde Thränen quellen sahet. Dieses
schreibet, und sezt hinzu, daß ich einst in Aleppo, wo ein
boßhafter, schelmischer Türke einen Venetianer schlug und auf den
Staat schimpfte, den beschnittnen Hund bey der Gurgel gefaßt, und
ihn so gekizelt habe.

(Er ersticht sich.)

Lodovico.
O blutige Nacht!

Gratiano.
Hier verliehren Worte alle ihre Kraft!

Othello (zu Desdemona.)
Ich küßte dich, eh ich dich tödtete; nun ist nichts übrig, als da
ich mich selbst getödtet habe, mit einem Kuß zu sterben.

(Er sinkt auf Desdemonens Leiche und stirbt.)

Cassio.
Das besorgte ich, aber ich glaubte nicht, daß er ein Gewehr habe;
er hatte ein grosses Herz.

Lodovico (zu Jago.)
O Spartanischer Hund, verderblicher als Pest, Hunger, oder die
tobende See! Schau auf die jammervolle Last dieses Bettes hin; das
ist dein Werk; der gräßliche Anblik vergiftet das Gesicht--Laßt ihn
verhüllen, Gratiano. Behaltet das Haus, und bemächtigt euch des
Vermögens des Mohren, denn ihr seyd sein Erbe.

(Zu Cassio.)

Euch, Herr Statthalter, verbleibt die Abstraffung dieses höllischen
Bubens, die Zeit, der Ort, die Marter, o! laßt sie so greulich als
seine Bosheit seyn. Ich selbst eile zu Schiffe, um mit schwerem
Herzen dem Staat diesen jammervollen Zufall vorzutragen.


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